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400 Jahre Philipps-Universität
Fortsetzung des Festberichtr
Ser erste Sestakt
Auf die Begrüßung durch 6. Magn., Rektor Busch (bereits in der Connabend-Num- met veröffentlicht), folgte die Rede des Herrn
Kultusminister Dr. Becker:
Magnifizenz, meine Herren!
Die Staatsregierung dankt Ihnen, Magnifizenz für Ihre freundliche Begrüßung und be- grüßt Ihrerseits die Universität und ihre Gäste. Feim 300jährigen Jubiläum war es noch nicht möglich, einen Vertreter des Reiches bei der Feier zu begrüßen. Heute ist im Auftrage der Reichsregierung der Herr Vizekanzler und Reichsjustizminister Dr. H e r g t erschienen, der uns auch die Grüße des Herrn Reichspräsidenten übermitteln wird. Im Namen des preußischen Statsministeriums heiße ich Sie, Herr College Hergt, in unserem Kreise herzlich willkommen.
Ich begrüße weiter die Vertreter der Hochschulen und der Akademien des In- und Aus- krndes und alle sonstigen Gäste, die hierher gekommen sind, sich mit uns dieses Jubeltages zu ■reuen. Es ist unmöglich, alle die zu nennen, fite ich heute gern besonders begrüßen möchte. Sttr einen hervorragenden Gelehrten, der zugleich ein großes und mächtiges Volk bei uns sertritt, möchte ich besonderen Willkomm ent» | bieten: Dem Herrn Botschafter Schurman, lei sich hier als Gelehrter unter Gelehrten fühlen kann. Sein starkes geistiges Interesse an bei deutschen Kultur hat ihm die Sympathien aller deren eingetragen, die seine stille aber unermüdliche Arbeit der Verständigung zu würdigen und zu schätzen wissen.
Jubiläen sind für Institutionen wie Geburtslage im Leben der Individuen: Anlässe zur Selbstbesinnung. Das innere Recht zur fest- kchen Begehung eines 400jährigen Zeitablaufes kann eine geistige Institution wie eine Uni» bersität nur aus dem Bewußtsein, einer geistige« Kontinuität herleiten, die 1527 mit 1927 innerlich verbindet. Gewiß ist es schon rein äußerlich eine Freude zu konstatieren, daß eine zentrale Bildungsstätte so viel innere Lebenskraft besessen hat, daß sie sich durch Kämpfe tob Nöte hindurch 400 Jahre lang erhalten konnte. Und wenn wir von der Philipps-Uni- i otrfität nichts wüßten als diese vielfach be» Sengte Wirkung, könnten wir stolz mit Herder feen:
„Wir schwimmen in dem Strom der Zeit Auf Welle, Welle fort
Das SUler. der Allvergesfenheit
Ist unser letzter Ort;
r Genug, wenn Welle Welle trieb t Und ohne Namen Wirkung blieb.“
(Aus „Der Nachruhm".)
$un kennen wir aber Namen voll guten Nachklangs durch alle Jahrhunderte hindurch und in Een Disziplinen, wie sie uns die Geschichte der Philipps-Universität von Hermelink und Käh- .kt aufzählt. Aber es gibt neben dieser äußer- l'ch institutionellen Kontinuität nicht eine in. Erliche, geistige Verbindungslinie von 1527 bis Gegenwart?
Nur der Forscher wird hier eine abschließende Antwort geben können, aber auch für den Fer» Erstehenden zeigen sich die Umriffe einer geizigen Kontinuität, wenn man die Verknüpfung Philipps-Universität mit den Geschicken des Mischen Landes betrachtet oder den Wandel geistigen Struktur der Marburger Hoch- j^ule im Rahmen des Wandels des deutschen ^liversitätsideals ins Auge faßt.
Liegt nicht eine schicksalhafte geistige Äonti« L^rität schon in der Tatsache, daß die Gründung *527 tn das Zeitalter der beginnenden hon» feftionenen Spaltung unseres Volkes fällt und ^6 gerade in diesem Jubeljahre 1927 ganz ^utfchiand und insbesondere die Provinz .Men-Nassau von dem Problem des Reichs- Mlgesetzes Lief bewegt wirb, das in feiner
Fragstellung sich unmittelbar ableitet von jener gewaltigen Revolution der Geister, zu deren Auswirkung Philipp der Großmütige diese Hochschule schuf?
Die Marburger Universität sollte nach dem Willen ihres Stifters nicht engem Konfeffio- nalismus dienen, alle evangelischen Bekenntnisse sollten hier eine Heimstätte finden. Immer bestand in Marburg, sofern nicht reaktionäre Regierungen eingriffen, der Geist der Toleranz, auch dem Katholizismus gegenüber. Mit der Erweiterung unseres Horizontes ging dieser Geist der Toleranz vom Studium und Vergleich der Konfessionen zum Studium und Vergleich der großen Weltreligionen über, sodaß das Marburg des Iubiläumsjahres geradezu ein vorbildliches Zentrum dieses wichtigen Forschungsgebietes genannt werden kann. Liegt nicht weiter ein schicksalhafter Sieg in der Tatsache, daß hier von Marburg Jakob Grimm, ein Sohn der hessischen Erde, ausgegangen ist und aus dem Erlebnis seiner Heimat heraus das deutsche Volkstum und die deutsche Seele wieder entdeckt hat?
Hessisch ist Marburg auch geblieben nach feiner Angliederung an Preußen, mit der die eigentliche Blütezeit Marburgs anhebt. Stets hat die Philipps-Universität engste Fühlung mit den Selbstverwaltungsinstanzen des Hef- fenlandes gehalten. Der vollendetste Ausdruck dieses Einvernehmens ist das großartige Iubi- läumsgeschenk, zu dem sich alle Instanzen der Provinz zusammengefunden haben. Die Gründung Philipps des Großmütigen, feine Universität, wird von den heutigen Autoritäten im preußischen Heffenland nach wie vor als ihre Universität angesehen.
So wurzelt die erste geistige Kontinuitätslinie, die ich sehe, in den sich durch die Jahrhunderte gleichbleibenden ethnischen Grundlagen eines Volksstammes oder einer Nation, insofern der geographische Rahmen ihres Wirkungsbereiches unverändert bleibt. Neben dies stabile Element tritt als zweiter Faktor das labile der nationalen Geistesentwicklung. Und diese Entwicklung macht nicht halt vor dem Universitäts- und Wissenschafisideal. Es hat keine Zeit gegeben, in der man das geltende Wissenschafts- oder Vildungsideal nicht für das letzte Wort des Geistes gehalten hätte. Im Mittelalter war man bereit, die Kritiker und Neuerer der Inquisition zu überliefern, die heutige Zeit hat dafür urbarere Methoden. Dieser konservative Geist der Wissenschaft ist in ihrem Wesen tief begründet, berechtigt, naturnotwendig; denn Wissenschaft ist für die, auf die es ankam, immer ein Gottesdienst gewesen und es gibt keinen Gottesdienst ohne Verabsolutierung des Weges zum gesuchten Göttlichen. Dieser Konservatismus ist nicht nur naturnotwendig, sondern auch gut; denn das Neue einer aufsteigenden Zeit soll nicht künstlich groß gezogen und unbewährt übernommen werden; es soll sich durchsetzen im Kampf ober es soll mit der Selbstverständlichkeit einer veränderten Temperatur oder wie das Reifer- und Aelterwerden über den Menschen kommen. Aber der Wandel kommt; wir steigen nicht zweimal in den gleichen Fluß des gleichen Geistes. Die wahre Kontinuität liegt im Wandel des Lebendi- gen. Das Wiffenschaftsideal des Mittelalters war ein anderes als das des Humanismus, als das der Aufklärung, des Positivismus yder der modernen Naturwissenschaft. Mit unserer Zeit hört dieser Wandel nicht auf. Wir sind differenzierter, vielgestaltiger, bunter geworden, Natur- und Geisteswiffenschaften sind in ihrek Fragestellung nur mit einer gewissen Gewaltsamkeit noch unter einen Wissenschaftsbegriff zu bringen. Und dazu kommen nun die aus unserem im weitesten Sinne staatsbürgerlich, pädagogisch, künstlerisch, technisch, körperlich bestimmten Zeitalter sich ergebenden Ausgaben einer neu entstehenden Humanität. Einfachere
Zeiten mochten mit einem klaren Wiffenschafts- ideal als Bildungsideal ausgekommen fein. Wissenschaftsideal und Bildungsideal können heute nicht mehr identisch fein und unsere Universitäten müssen, wenn sie weiterhin die gesamte Geistigkeit der Nation führend bestimmen wollen, nicht nur Lehr- und Forschungsstätten für akademische Fachmänner, sondern wahre Bildungsstätten des geistigen Menschen schlechthin sein, bleiben oder werden. Hier, liegt die akademische Schicksalsfrage der Gegenwart, Die kann durch keine Hochschulreform gelöst werden. Statutenfragen sind doch immer nur Fragen der äußeren Organisation, der Anpassung an veränderte Auffassungen vom Wesen des Institutionellen. Notwendig sind auch sie, aber sie verschwinden hinter dem gewaltigen säkularen Prozeß des Wandels des Zeitgeistes selber, dem auch der skeptischste Wissenschaftler schließlich nur mit staunender Ehrfurcht begegnen kann. Ihn zu erfassen mit den Mitteln der Wissenschaft ist eine ebenso intuitiv künstlerische Aufgabe wie die des Dichters, Malers oder Bildhauers. Wer es ist noch nie einer ein großer Künstler ober ein großer Gelehrter geworden, der sein Handwerk nicht bis in alle Einzelheiten methodisch und praktisch beherrscht hätte. Dos moi pon sto kai kinaso tan gan ist nicht nur Grundgesetz der mechanischen Welt. Es behandelt auch die Geistige.
Diesen lebendigen Strom des Werdens hat Marburg nicht an sich vorbeirauschen lassen. Es darf sich heute der Verbundenheit mit der großen geistigen Entwicklung unseres Volkes stolz bewußt sein. Ich will keine Namen nennen, ober ist nicht die gewaltige Welle der Pädagogik, die unsere Zeit durchbraust, von hier aus nicht ganz große philosophische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse in alle Welt gegangen? Ist es ein Zufall, daß eine erstaunlich große Zahl von führenden Medizinern der Gegenwart einmal Lehrstühle an der Philipps- universität inne gehabt haben? Zeugt es nicht von aufgeschlossenem Blick, daß Marburg als Sondernote in Bezug auf das Auslandsstudium sich gerade die Pflege des Auslandsdeutschtums erbat und zwar zu einer Zeit, als das Aulands» deutfchtum noch nicht so allgemein in seiner Bedeutung für das Mutterland erkannt war, wie heutzutage? Und ist Marburg — insbesondere seine Studentenschaft — nicht führend geroefen in der akademischen Pflege der Leibesübungen, die unser künftiges Universitäts- und Bildungsideal vielleicht stärker beeinflussen werden, als wir heute ahnen? Und sind endlich die Iubi- läumsgaben, die sich die Philippsuniversität erbeten hat. nicht auch charakteristisch für den Willen, den Bedürfnissen einer neueren Zeit gerecht zu werden, ich denke im Zusammenhänge mit der selbstgeschaffenen Sozialhilfe der Studentenschaft an die von Geheimrat Dulsberg und den evangelischen Landeskirchen gestifteten Studentenheime, ich denke an das wundervolle gemeinsame Iubiläumsgeschenk eines Hauses, das Kunst und Wissenschaft gemeinsam dienen soll. Kann man den Willen zu echter humaner Gesamtbildung deutlicher dokumentieren?
Manches wird hier noch der Zukunft Vorbehalten bleiben müssen, aber ich höre mit Freuden, daß man in Marburg ein feines Verständnis hat für neue Formen wissenschaftlicher Organisation und pädagogischer Auswirkung, daß man den Aktionsradius der Universität aus» dehnen will auf die ganze Provinz und daß man in Zusammenarbeit mit der ehrwürdigen Gesellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissenschaften, die schon Goethe, Humboldt und Gauß zu den Ihrigen zählte, nach neuen Gemeinschaftsformen akademischer Forschung sucht. Solch wagemutiges neues Leben wird der Staat nicht nur begrüßen, er wird diese Bestrebungen nicht ohne seine Hilfe lassen können.
So weisen diese Betrachtungen am heutigen Festtage nicht nur in die Vergangenheit, son
dern auch in die Zukunft. Die zukünftige wissenschaftliche Arbeit Marburgs ist, wie Universität und Staat gleichermaßen dankbar anerkennen, lebhaft gefördert werden durch den weiten Kreis der Freunde der alma mater Philippina. Selten wohl ist ein Jubiläum mit fo großer Voraussicht und in so vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen den verantwortlichen Stellen des Staates und der Selbstverwaltung vor- bereitet worden, wie die 400-Iahrfeier der Philipps-Universität. Lassen Sie mich im Glanze dieser festlichen Stunde der schönen Pflicht des Dankes Genüge leisten. Was die Provinz Hessen-Nassau und das Land Waldeck, die Stadt Marburg, der Unioersitätsbund und fein Arbeitsausschuß in opferwilliger Bereit- schäft für die Universität Marburg getan haben, wird immer in der Geschichte dieser Universität fortleben als ein ruhmreiches Zeichen dafür, daß auch in schwerster Zeit Wissenschaft und Kunst ein unverlierbarer Besitz des deutschen Volkes geblieben sind. Freudigen Herzens dankt die Staatsregierung allen Beteiligten, den führenden Männern und nicht minder der großen Zahl derer, die sich in der Liebe zur Heimat um die Universität geschart haben. Wir dürfen die hochherzige Stiftung der Kinder- Klinik als Zeichen der Treue zur deutschen Heimat mit stolzem Bewußtsein würdigen und, wenn sich hiermit der Staat mit dem Stifter zu gemeinsamer Tat vereinigen dürfte, so möchte ich wünschen, daß auch dieses Beispiel zum Segen der Wissenschaft fortwirke. Die Staatsregierung, welche überall helfend eingegriffen hat, ist in der glücklichen Lage, neben der Mitwirkung an dem Bau der Kinderklinik zugleich eine neue Ohrenklinik darzubringen. Sie tut es gleichzeitig in dankbarer Anerkennung der Hervoragenden wissenschaftlichen Leistungen, die gerade von Medizinern in den letzten Menschenaltern hier in Marburg vollbracht worden sind. Mit der Begründung einer Iubi- läumsprofeffur für Prähistorie hat sie zugleich den eigensten Wünschen des Hessenlandes ent- sprachen. ' ' 6
Vergessen mir in dem begreiflid/en Festesjubel dieser Tage nicht, daß alle diese Schenkungen nicht aus dem Ueberfluß gekommen, sondern daß sie Opfer waren, zu denen sich Re- gierung und Volk im Geiste produktiver Wiederaufbauarbeit zusammengefunden. Wir wollen leben, wir glauben an unsere Zukunft, wir sind zu Opfern bereit. Wir haben diese Opfer gebracht, weil es sich um unsere geistige Stellung in der Welt, weil es sich um eine wichtige Bildungsstätte unserer Jugend handelt. Und all das war möglich trotz der Jnteressen-Gegen- fätze, trotz der parteipolitischen und konfessionellen Zerrissenheit unseres Volkes, weil wir, in den wesentlichen Fragen unserer nationalen wie unserer geistigen Existenz doch einiger und geschlossener sind, als wir es im kleinlichen Tageskampf Wort haben wollen. Lassen Sie uns diese Erkenntnis als köstliche Gewißheit und als bleibenden Gewinn aus diesen Marburger Festtagen mit heimnehmen und wirken wir jeder an seiner Stelle im Geiste schöpferischer Wissenschaft und echter Menschlichkeit. „Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, Umfaß' Euch mit der Liebe holden Schranken Und n»s in schwankender Erscheinung schwebt, Befestiget mit dauernden Gedanken!" .....
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Als Vertreter der Reichsregierung sprach Reichssustizminister Dr. Hergt. , » Eurer Magnifizenz! ' ;
Sehr verehrte Damen und Herren!
Bevor ich den Reigen der glückwünschew» den Festgäste eröffne, habe ich die Ehre, mich eines Auftrags des Herrn ReichS» präfidenten zu entledigen.- Wenn heute die Universität Marburg ihr erinnerungsrei» ches und hoffnungsfrohes JubMmn feiert,