Sonnabend,
Mn N. 3uli 1927
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Marburger rageSmyelgtt
SMche
Lan-eSzeitung
Nr. 170 62. Mrg. Marburg a. Lahn
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Sll Bericht Wer »le Sttrterung »et Sitleltimgen
Kommt »er beIM-»enttche Rültmirtllrell vor »en SÄkerbnild?
fk. Paris ,23. Juli. Wie verlautet, ist nunmehr der B e r i ch t der beiden «Liierten Militärsachverstäudigen über die Inspektion der zerstörten Oftbe- ststigungen am Quai d'Orsay eilt« getroffen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird fich die Botschafterkonferenz am kommenden Mittwoch mit dem Bericht befasse« und lediglich die Feststellung treffen, »atz das Abkommen vom Februar «ls durchgeführt betrachtet »erben kann.
Rach einer heute früh 7 Uhr eingetroffe. nen Meldung des Korrespondenten des »Daily Telegraph" wird obige Mel, bang bestätigt und betont, dah der Bericht der Botschafterkonferenz ohne jeden Kommentar vorgelegt wird.
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In politischen Kreisen hat ein Artikel »es diplomatischen Korrespondenten d«S Londoner „Daily Telegraph", der zu dem deutsch-belgischen Streitfall in der Angelegenheit der Brocqu-eville-Berdächrigun- gen Stellung nimmt, einige Beachtung ge- r Mnden. Der Artikel gibt zwar zu, daß in „britischen Kreise'- die scheinbar übertrie- ■ toten Ausgaben für das deutsche Heer, Me i Ländern _ mit allgemeiner Wchrpfkchr un- vernündlich erscheinen mögen, angesichts der Luswendüngen für das englische Freiwik» Ltzenheer voklkommen begriffen würden", deutet dann aber an, daß „der andere »Teil der Anschuldigungen, nämlich betr, der illegalen Einstellung neuer Mannschaften in Reichswehr und Reichsmarine von r «net der beiden Seiten gemäß Artikel 230 t®r den BöAerbundSrat gebracht werden loürd«."
Wie wir hierzu von zuständiger deutscher Wer Stelle erfahren, besteht jedenfalls auf torischer Seite nicht die geringste Absicht, sie Angelegenheit vor den Völkerbund zu ton gen. In deutschen Regierungskreisen nchk man den Fall mit der vorgestern Überreichten zweilen deutschen Note, in der toanntlich die Klarstellungen der ersten -wte^vollkommen aufrecht erhalten und die "kin-nchen Anzweiflungen mit der gebüh- reiften Deutlichkeit zuruckgewlesen werden, ; abgeschlossen an. Man ist, wie ja auch to- Echo aus dem Ausland, nicht zuletzt F*® England, beweist, davon überzeugt, totz durch die beiden letzten deutschen No- ' „ auch jenseits der deutschen Grenzen
. -knuaend Klarheit geschaffen worden ist, L “® /ie Berechrrgung des deutschen Stand- : frf’te» zu beweisen. Eine Unterstreichung vieles Standpunktes durch eine Enrschei- \ des Völkerbunds rares oder, wie offen» 5s.der diplomatische Mitarbeiter des ' «vsuy Telegraph" meint, durch eine foge- r Völkerbundsinvestigation hält man
Berlin für absolut überflüssig.
die deutsche Regierung machen wenn von der anderen Seite, also : ein Jnve stig a tionsb e sch laß des
oaerhundsrates beantragt werden sollte, ssch die deutsche Regierung im Rat bte» -Seichlutzfassung widersetzen oder, um ein» s>n Exempel gegenüber den grundlo- Derdäch rigungsversuchen interessierter ^»wndslreise zu statuieren, sich mit der ^.“WÜ^rung einer Investigation einver- erklären würde, läßt man in beut» RegierunaÄkreifen vorläufig dahrnge- Man glaubt aber, daß Belgien es ^ durchaus überlegen wird, die auf so ^“urbigen Unterlagen wie Spitze De ruhte tz^r-trstellreS ZeitunaSgerede auf gebaut en ian m i9Uny<'rt Grafen Brocguevilke Gegenstand eines InveftigalionSantra- ^.to.m VölkerbundSralt zu machen. Der i^»,ng einer solchen Untersuchung würde — u.nd das wird man sich auch *<s rüffel sagen — für das belgische fo-jf-Se außerordentlich blamabel fein, tz^ikldst, wenn die belgische Regierung .Ä, sollte, ihren Kriegsminister von ^"to?unds wegen Lügen strafen zu lassen, immer noch dahingestellt bleiben, Völkerbundsrai einem belgischen ^s!-'-Sationsantrag überhaupt statigeben
**• Voraussetzung der Behandlung
eine- ^nvestigafionSantrageS vor dem Rat ist ja tn jedem Falle, daß dieser Antrag dem Rat genügen» motiviert erscheint. Und daS ist im belgischen Falle wohl sehr zu bezweifeln.
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SM« tontet»
Am 22. Juli feierte Frankreichs Ministerpräsident Poincare im Kreise der Mitglieder seines Kabinetts der „nationalen Einheit" das Fest deS einjährigen Bestehens feiner Regierung. Herr Poincare hat sich bemüht, auS diesem „Fest" keine allzu große politische Sensation zu machen. Bezeichnenderweise wurden an der Frühstückstafel größere politische Arden vermieden. Offenbar auS
Rücksicht für dieses Kabinett der nationalen Einheit, dessen „Einheit" mehr in dem Schlagwort .als in seinem wahren innersten Zusammenhang zu suchen ist. Herr Poincare ist aber nicht nur der Jubilar der Regierung, die heute seinen Namen trägt, er ist auch heute Parlamentsjubilar, da genau 40 Jahre verstrichen sind, seidem der Allgewaltige Frankrreichs in das politische Leben seines Landes eintrat
Eine Statistik seines Lebensganges: mit 26 Jahren wurde er Generalratsmitglied, mit 27 Jahren Abgeordneter, mit 33 Jahren Minister, mit 51 Ministerpräsident, mit 52 Präsident der Republik, über 14 Jahre leitete er als Ministerpräsident oder als Präsident der Republik das Schicksal Frankreichs.
Dle Gebührenerhehlmg -er Reichspost tiMmfte Matte Im StMtungftat
Berlin, 22. Juli. (SU.) In der Sitzung des Verwaltungsrats der deutschen Reichspost hielt Reichspostminister Dr. Schätze! einleitend eine Ansprache, in der er unter anderem ausführte:
Die Oeffentlichkeit bestreite einerseits die Notwenvigtell der Geb üch tegi e r - Höhung und fördere andererseits durch Aufnahme von Anleihen und durch Ratio- nalisierung des Betriebes die Debühren- erhvhung zu vermeiden. Die Notwendigkeit der Srbührenerhöhung könne er nicht besser nachweisen, als durch das Ergebnis der Verhandlungen des Arbeitsausschusses, das einen ungedeckten Mehrbedarf von 427 Millionen Mark festgestellt habe. Hiervon sollten etwa 208 Millionen Mark durch Erhöhung der Gebühren beglichen werden. Der Ratschlag, Anleihen aufzunehmen, werde weitestgehend ausgeführt werden, indem 170 Millionen Mark für dauernde. Anlagen, Fernsprechanlagen und Hochbauten durch Anleihen gedeckt werden mühten. Anleihen könnten indes bei gesunder Geschäftsführung nur für Anlagen genommen werden, nicht aber für Mehrausgabenn laufender Natur, wie z. B. für Erhöhung der Beamtenbesoldung, der Wohnungsmiete und der Löhn«, für die allein ein Betrag von 216 Millionen Mark erforderlich sei. Die Rationalisierung sei bei der deutschen Reichspost kein unbekannter Begriff. Seit 1920 seien alle Mittel ergriffen worden, um die Einnahmen möglichst zu erhöhen und die Ausgaben zu senken. Die gesamte Geschäftsführung sei auf die kaufmännisch-wirtschaftliche Form umge» ftellt worben. Im Jahre 1926 seien trotz der Steigerung des Verkehrs 5000 Beamte
eingespart worden. Das finanzielle Ergebnis der Rativnalisierungsmahnahmen der letzten Jahre berechne sich auf etwa 120 Millionen Mark IahreSeinsparung. Alle Möglichkeiten seien erschöpft worden, bevor er mit den Vorschlägen der Ge- bühreuMhöhuna hervorgelieren fei. Der nvgedeckte Mehrbedarf wer deutschen ReuchSPost sei so groß, daß ohne Ge- bühreikerhöhung die Mittel fehlen würden, um die Besoldungserhöhung auch auf die Reichspost zu erstrecken, daß ferner lebenswichtige Arbeiten eingestellt und etwa 12000 Arbeiter entlassen werden mühten. Die geforderte Gebühren- erhöhung bringe lediglich einen Preis - a n g l e i ch an den allgemeinen Preisstand.
Die Debatte gestaltete sich teilweise sehr lebhaft. Nach einer zweistündigen Mittagspause wurde die Debatte um 4 Ahr nachmittags fortgesetzt. Es. ist fraglich, ob sie noch heute zu Ende ge=; führt werden wird.
Wie wir erfahren, wurde dem Anträge auf Festsetzung des Fernbriefsatzes auf 0,15 Mk. stattgegehen. Der Sa" für den Ortsbrief wurde entgegen dem Anttag des Arbeitsausschusses von 0,10 Mk. auf 0,08 Mk. ermäßigt. Der Postkartentarif soll 0,08, der Ortstarif für Postkarten 0,05 Mk. betragen. Für Drucksachenkarten. denen auch Antwortkarten angehängt werden können, wurde ein billigerer Sah von 0,03 Mk. festgelegt. Die Verhandlungen sind heute noch nicht zum Abschluß gekommen,- sie werden morgen fortgesetzt. Es wird sich dann entscheiden, ob die jetzt aufgestellten Tarife auch in der zweiten Lesung angenommen werden.
Sita nm» »tn Unruhen
Die Arbeiterzeitung hetzt weiter.
W i e n, 22. Juli. Die „Arbeiterzeitung" erhebt gegen den Polizeipräsidc-nten den Vorwurf. daß während der Unruhen von der Polizei Dum-Dum-Munition verwen- -det worden sei. Schietzsachverständige hätten das nach Untersuchung der Wunden festgestellt. Die „Arbeiterzeitung" sei im Besitze eines größeren Postens dieser Munition, Es handle sich um Scheibenmunition mit Bleismtze und Jagdmunition mit abgeplatteter Spitje. Das Blatt verlangt von dem Polizeipräsidenten Aufklärung und Bestrafung der schuldigen Beamten.
Die Polizeidirektion nimmt in einer heute mittag veröffentlichten Erklärungen zu den Behauptungen der „Arbeiterzeitung", wonach die Sicherheitswache Diun-Dum-Geschosie verwandt haben soll,
Stellung. Die von der SicherheitswachF" verwendete Munition ist ausschließlich den Beständen des Hseresministeriums entnommen. Außerdem sind während der Demonstration Waffenhandlungen von den Demonstranten geplündert worden, so daß auch hier Munition fortgeschleppt wurde. Trotzdem hat der Polizeipräsident eine besondere Kommission eingesetzt, die die von der „Arbefterzeitung" aufgestellten Behauptungen einer Prüfung unterziehen soll.
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Weitere LeiAnfunde in Btki>giMli»el
fk. Berlin, 23. Juli. In Berggießhübel hat man heute wiederum zw e i Leichen unter den Schuttmasfen entdeckt. E« werden immer noch 1Ü Pers»«" vermißt. _
An B!i» in Amerikas znknnft
Don Dr. Paul Rohrbach..
Dor dem Kriege hätte wohl niemand baran gedacht. Laß eine Zeit kommen könnte, in der das Wort „Amerika" einen Inbegriff von Furcht und Hoffnung, eine Art Schicksalsgewalt nicht nur für Länder wie Panama oder Guatemala, sondern auch für europäische Großstaaten bedeuten würde. And doch ist heute schon zu sehen, wo in diesem riesenhaften, durch den Krieg dreifach mächtiger gewordenen Gebilde die Züge eines von ferne drohenden Niederganges sich auszuprägen beginnen.
Das amerikanische Volk stammt ganz und gar von Einwanderern ab. Bis zum Kriege war die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, wenn man von dem Verbot gegen die gelbe Rasse und von der ftrengen Gesundheitspolizei gegen alle Landenden absieht, so gut wie un< beschränkt. Nach der Nationalität stammten von den Einwanderern während des Zeitraumes von 1821 bis zum Wellkriege nach Millonen gerechnet
aus Großbritannien rund 8
„ Deutschland „ $.5
„ Oesterreich-Angarn „ 3,5
„ Italien „ 3,4
„ Rußland „ 2,8
„ Skandinavien „ 2
„ Kanada „ 1,3
„ allen übrigen Ländern zus. „ 3.
Im Jahre 1916 erschien nun in Newhork Än Buch von einem bis dahin wenig trev kannten Verfasser, namens Madison Grant, unter dem Titel „The pasfing of the great race" (Der Untergang der großen Rasse). Es war eine Mahnung, die Einwanderung zu beschränken. In dem Vorwott des Werks, das einen ungeheuren Einfluß ausgeüvt hat, obwohl'es, wissenschaftlich betrachtet, viele Fehler und Angenauigkeiten enthält, schrieb der Professor der Zoologie an der Columbia-Ani- versität von Newhork, Henry Fairfield Osborn u. a.:
„Wenn man mich fragt: welches ist die größte Gefahr, die heute die amerikanische Republik bedroht, so werde ich sicherlich antworten: Das allmähliche Aussterben jener Erbeigenschaften in unserem Volke, durch welche die Grundsätze unseres religiösen, politischen und gesellschaftlichen Aufbaues gebildet wurden, und ihr heimtückischer Ersatz durch Eigenschaften minder edler Art."
And Grant selber, der schon sieben Jahre vor dem Kriege an der Leitung eines Bundes gegen d i e Einwanderung beteiligt war, sagt,, er habe sein Buch Darum geschrieben, weil f^t nach Beendigung des Krieges bevorstehende „Völkerwanderung" Amerika mit schweren Gefahren bedrohen werde, falls nicht die Einwanderung scharf beschnitten würde. WäS er fürchtet und was er verlangt, faßt er in die Worte zusammen: „Anser Geschlecht muß das stolze Wort unserer Väter energisch zurückweisen, daß sie keinen Unter- schied Der „Rasse, des Glaubens oder der Farbe" kennen. Sonst muß der einheimische Amerikaner im Buche der Geschichte eine neue Seite aufschlagen und schreiben: Amerikas Ende."
Die Arsache dieser Furcht war das gewaltige Anschwellen der Einwanderung aus Ost- und Süöeuropa in Den beiden letzten Jahrzehnten vor dem Kriege. Im Jahre 1912 wanderten aus Deutschland nur noch 28 000 Menschen nach Amerika ein, aus Oesterreich-Angarn aber beinahe 180 000. wovon der bei weitem überwiegende Teil Slawen waren; aus Rußland 160 000, die meisten davon Juden; aus Italien 157 000. Dabei gab es Jahre, in denen die italienische Einwanderung und ebenso die aus Oesterreich-Angarn und Rußland, auf weit über 200 000 stieg. ,
Dieser „minderwerttge" Zufluß war es, der als eine Gefahr für das „echte" Amerikanertum empfunden wurde und den man daher mit allen Mitteln zu bekämpfen