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Miilaa, »en 18. Slllt 1927

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Der sinnlose Aufruhr in Wien

An einem Soge mehr Sete als während der Revelulion von 1918 in ganz Seilerreich

In Berliner maßgebenden politischen Kreisen sieht man der weiteren Entwicklung der Un­ruhen in Wien mit Sorge entgegen, zumal man sich leider nicht verhehlen kann, daß die Machtmittel der verfassungsmäßig öster­reichischen Regierung den in Wien in Er­scheinung getretenen Kräften des Aufruhrs gegenüber sehr unzureichend sind. Cs handelt sich ja nicht etwa nur um den plündernden Diener Mob, mit dem die der österreichischen Regierung zur Verfügung stehenden Polizei- fcäfte fertig werden dürften, sondern vor allen Dingen um die durchaus ungewisse Hal­tung des österreichischen republikanischen Schutzbundes, jener großen militärisch organi­sierten und auch mit Waffen versehenen Kampforganisation der österreichischen Sozial­demokratie . So sicher es ist, daß die Führ«: der österreichischen Sozialdemokraten die Revolution nicht beabsichtigt oder in Szene gesetzt haben, so wenig läßt es sich leugnen daß große Teile des republikanischen Schutz­bundes mit den Plünderern sympathisiert und die Polizei am Einschreiten verhindert haben. Die Gefahr liegt zweifellos darin, daß nach dieser Einleitung und nachdem in Wien be­reits Dlut geflossen ist. die radikalen Tenden­zen im Schutzbund die völlige Oberhand ge­winnen und den Schutzbund aus seiner passiven Haltung zu einem aktiven Vorgehen gehen die verfassungsmäßige Regierung fort­reißen werden, womit die Revolte zur Revolu­tion werden würde.

Für die Regierung Seipel ist die Lage in­sofern äußerst prekär, als sie wohl berechtigten Grund hat, an der Zuverlässigkeit der öster­reichischen Wehrmacht zu zweifeln. Es dürfte nicht unbekannt sein, daß mehr als die Hälfte des österreichischen Vundesheeres sozialdemo­kratisch oraanisiert und mit dem Schutzbund auf's engste verbunden ist. Die Befürchtung liegt sehr nahe, daß diese Truppen den Be­fehlen der verfassungsmäßigen österreichischen Regierung nicht gehorchen werden, wenn sie gegen den Schutzbund geschickt werden sollten. Das gilt besonders für die Wiener Garnison und es ist außerordentlich bezeichnend, wenn eine der letzten aus Wien eingetroffenen Meldungen berichtet, daß die Regierung an derschiek^ne Provinzgarnisonen die Weisung gegeben habe, Militär nach Wien in Marsch Au setzen, angeblich weil die in Wien stehen­den Truppen nicht ausreichten, die Lage zu meistern. 3n Wirklichkeit liegen die Dinge st>. daß die Wiener Regierung sich scheut, die durchweg sozialdemokratisch organiserte Wiener Garnison einzusetzen. Die Regierung Seipel wird sich daher bei den kommenden Ausein­andersetzungen hauptsächlich wohl nur auf die in den Alpenländern stehenden größtenteils christlich-sozial organisierten Truppenteile stützen können. Die Frage bleibt, was der sozialistische Teil des österreichischen Heeres tun wird, wenn z. B. jene der Regierung er­gebenen christlich-sozialen Truppentelle gegen die Aufrührer vorgehen. Macht die sozial­demokratische Hälfte der österreichischen Bun­destruppen mit den Auftührern gemeinsame bache, dann ist der Bürgerkrieg da.

Der Sonnabend

Die Lage in Oesterreich.

Wien, 17. Juli. Die drei Berliner Flugzeuge mit deutschen und ausländischen Journalisten landeten gestern abend kurz nach acht Uhr in Preßburg, worauf die fflugteilnehmer nach Wien weiterfuhren. Die Stadt ist wie ausgestorben. Zn Her­nals wurden gestern nachmittag fünf Wachbeamte von der Menge bedroht. Sie toben darauf zumeist Hochschiisse at>; im­merhin wurden drei Personen verletzt. Weiterhin sammelten sich in der Rosen- Neinstratze eine Menschenmenge an. Die Wache gab scharfe Schüsse ab, die aber nie­mand verletzten. Darauf setzte die Menge to einem Sturm auf die Wachleute an. Diese gab abermals Feuer. Zwischen 3

314 Uhr widerhallte die Straße von Schüßen. Zwei Personen wurden getötet etwa 10 schwer verletzt. Ein Wacht- deamter wurde von der Menge, die haupt­sächlich aus kommunistischen Jugendlichen bestand, erstochen, Zm ganzen beläuft sich bie Zahl der Toten bisher auf ”5. die Zahl der Verwundeten auf über "00, sodaß man insgesamt mit etwa 1000

Opfern der Unruhen rechnen mutz. Bürger­meister Seitz gab gestern abend bekannt, datz beschlosien worden ist, eine Eemeinde- polizei zu bilden, die sich aus Angehörigen des Republikanischen Schutzbundes zusam­mensetzt. Es wird befürchtet, datz die Wiener Kommunistische Partei weitere Quertreibereien plant. Mit einem Flug­zeug ist auch der Vorsitzende der Kommu­nistischen Partei Deutschlands nach Wien gekommen.

Prag. 16. Juli. Durch Flugzeuge hier­her gebrachte Meldungen der amtlichen Nachrichtenstelle in Wien wissen zu sagen:

Bundeskanzler Dr. Seipel erhielt heute früh um 0.30 UA eine schriftliche Mitteilung von Bürgermeister S e i tz, in der ihn dieser von dem Beschluß der Sozia­listischen Partei in Kenntnis setzte, einen unbefristeten Verkehrsstreik und einen 2 4 stündigen General st reick der Wiener Arbeiterschaft aufzufordern, den Samstag über alle Demonstrationen zu unterlassen und zu Hause zu bleiben. Der Bürgermeister fügte jedoch hintzu, daß er eine Bürgschaft dafür, daß tatsächlich keine Demonstrationen stattfinden, nicht übernehmen könne. Er ersuchte, um nicht neue Zusammenstöße herbeizuführen, die militärische Besetzung des Parlaments wieder durch eine polizeiliche zu ersetzen. Diesem Ersuchen entsprechend wurde heute früh der Außendienst vor dem Parla­mentsgebäude wieder von der Pol i- z e i übernommen, während das Militär in Reserve gehalten wird. Auf Antrag der Polizeidirektion hat Bürgermeister Seitz für heute — Samstag — und morgen ein Verbot des Alkoholausschanks im Ee- meindebereich der Stadt Wien verfügt.

In einem Aufruf der Parteileitung der österreichischen Sozialdemokratie und der • Cewerkschaftskommission heißt es u. a.: „Die Freisprechung der Mörder von Schat­tendorf hat^ furchtbare Ereignisie hervor­gerufen. Alle Schuldigen an dem durch nichts zu rechtfertigenden Blutvergießen, von der Regierung bis zum letzten Polizei­organ, die sich vergangen haben, miisien zur Verantwortung gezogen werden. Wir werden den Kampf gegen die Provokation mit allen rechtmäßigen und der Arbeiter­schaft würdigen Mitteln führen."

Str Sonntag

sSonderfunkapparat des W. T. B.-Korre- spondenten.)

fk. Wien, 18. Zuli. Der gestrige Sonntag ist in Wien ruhig verlau­fen. Die Regierung beharrt auf den Standpunkt, daß die politische Austragung vor den Nationalrat gehört, daß an dessen Einberufung nicht eher zu den­ken sei, als die vollkommene Freiheit der Tagung sichergestellt. Darunter versteht die Regierung das Aufhören des Verkehrs st re iks. Zn der Versamm­lung der Vertrauensmänner ist von füh­render sozialistischer Seite geäußert wor­den, daß der Verkehrsstreik nicht eher ein­gestellt werde, als bis gnügend poli­tische Maßnahmen (?) von der Re­gierung getroffen seien, die nach Ansicht der Sozialisten die Wiederholung solcher Katastrophen verhindern.

Saß äußert Bild ter Stadl

Don dem nach Wien entsandten Sonder­berichterstatter des WTB. wird mitgeteilt: Das äußere Bild der Stadt Wien ist wie­der normal. Gasthäuser und Caf6s haben geöffnet. Schon in den frühen Doriint- tagsstunden zogen große Scharen durch die Stadt, um sich die Zerstörungen anzusehen. Am meisten ist der Zustizpalast umlagert, der innen wie außen ein grausiges Bild der Verwüstung bietet. Es stehen nur noch die Grundmauern, die Fenfterhöhlen sind

ausgebrannt. Zn den blauen Sonnenhim­mel ragt das Eisengerüst der rechten Kup­pel wie ein Skelett empor. Innen kahle Mauern, von denen der Kalk gefallen ist. Nirgends mehr ein Möbelstück im Haus, Geröll, Schutt und zerrissene Akten liegey umher.

Die Stimmung fft gedrückt. Für den Wiener find diese Ereignisie noch jetzt un­faßbar, was durchaus verständlich ist, wenn man bemerkt, daß die Totenzahl dieser beiden Tage dreimal so hoch ist. wie die Zahl der Opfer, die die Revolution vor acht Zähren in ganz Oe st erreich gefordert hat. Bis­her find 252 Personen verhaftet worden. Die Regierung hat heute eine Kundge­bung anschlagen lassen, in der sie das Ver­halten und Vorgehen der Polizei vertei­digt. Sie fordert die Bevölkerung auf, weiter die Ruhe aufrecht zu erhalten.

B u d a p e st, 16. Zuli. Aach Presse­meldungen sollen in Wien verschiedentlich ungarische Staatsangehörige aufgefordert worden sein, das österreichische Gebiet zu verlasien. Ferner soll in Wien eine unga­rische Pfadfindergruppe von der Menge beschimpft worden sein. Weitere Berichte besagen, daß in Oedenburg österreichische Eisenbahner eingetroffen seien, die nach ihren Erzählungen sich vor den Bedrohun­gen durch die Arbeiter geflüchtet hätten.

Str „etntralflttir bttnbtl

sk. W ien, 18. Jubi. In der Verfamm- bung der Vertrauensmänner wurde eine EnttchIießung angenommen, in der die Mitwirkung von Vertrauensmännern der sozialistischen Arbeiterschaft im Strafver­fahren gegen die Schutzleute gefordert wird.

Da die Arbeit in den Betrieben am Montag wieder aufgenommen wird, solll am Montag früh zur Beförderung der Arbeiter und AngesteAten ein Zugbetrieb e i n- gerichret werden. Zu den int Aus­band verbreiteten Nachrichten über dro­hende Interventionen von Nachbarstaaten im Zusammenhang mit dem Verkehrsstreik wird von amtlicher Stelle mitgeteilt, daß Meldungen von Interventionen oder von einer Androhung nicht den Tatsachen ent­spricht. Zu anderen Nachrichten, über die Haltung des Bundesheeres, wonach das Bundesheer den Gehorsam verweigert habe, wird von derselben Stelle mitgeteilt, daß das Militär allen Anforderungen ent­sprochen habe und andere Mitteibungen sabsch sind.

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st. Prag, 18. Zuli. Das tschechoslowa- rische Preßbiiro erfährt übet Preß­burg aus Wie«:

Um 1 Uhr nachts ist es gestern in ver­schiedenen Stadtteilen hier und da zu Zu­sammenstößen mit der bewaffneten Staats­macht gekommen, wobei auch von der Schußwaffe Gebrauch gemacht worden sei. Nach amtlich nicht bestätigten Nachrichten sollen 4 Tote und mehrere verletzte zu verzeichnen fein.

st. Wien, 18. Zuli. Die Beerdigung der Opfer findet am Mittwoch, nachmit­tags 2 Uhr, auf dem Zentralsriedhof statt. Zn-dem Wiener Bestreben wird während der Beisetzung Stunde lang Arbeits­ruhe herrschen. Nach einer amtlichen Meldung sind 70 Tote und nach einer Privatmeldung 150 Tote gezählt worden.

Der Schattendorfer Pfarrer von Schutz- bundleuten verschleppt.

st. B u d a p e st, 18. Zuli. Die Schutz­bundleute haben gestern den Schattendor- (Fortsesuna siehe Seite 2J

Deutsche ShmmckttvoM im Weltkrieg

Eine große Anzahl der Persönlichkei­ten, die vor und während des Welt« krieges in einflußreicher, militärischer und politischer Stellung waren, hat uns ihre Memoiren geschenkt. Diese ErinnerrungS- bücher der Militärs und Politiker sind von ihren Verfassern meist bewußt in der Ab­sicht geschrieben worden, ihr Sun und Lassen vor den Augen der Mit- und Nachwelt zu rechtfertigen. Wie nach je­dem verlorenen Kriege, so setzte auch in Deutschland alsbald eine sehr lebhafte und leidenschaftliche Diskussion über die „Schuldftage" ein. Während die einen das Militär mit der Verantwortung für den Zusammenbruch im Jahre 1918 be­lasteten, erklärten die anderen, daß die Politiker versagt hätten.

Für die Feststellung der historischen Wahrheit sind diese Memoirenwerke von unschätzbarem Wert. Der Leser wird sich dabei allerdings vor Augen halten müssen, daß jede Rechtfertigung einseitig ist. Das trifft besonders für diese Mmoirenliteratnr zu. Man braucht darin nicht einmal einen Nachteil zu sehen. Weil die Verfasser uns die Dinge so schildern, wie sie sie ge-c sehen haben, erhalten ihre Darstellungen etwas Ursprüngliches und Persönliches, und gerade hierin liegt der Wert solcher Schilderungen für den künftigen Historiker, dessen Aufgabe es ist, aus der Fülle der widerstreitenden Meinungen ein Bild m formen, das der Wirklichkeit möglichst nahe kommt. j

Von diesen allgemeinen Gesichtspunkten' aus müssen auch die verschiedenen Werke beurteilt werden, die uns Großadmiral von Sirpitz, der Baumeister der deut­schen Flotte nach dem Kriege geschenkt hat. Nachdem er in seinen beiden ersten Memoirenwerken, den „Polittschen Doku­menten" und dem „Wiederaufbau der deutschen Weltmacht" seine Flvttenpolitik ausführlich dargelegt und sich insbesondere gegen den Vorwurf, zur Wehr gesetzt hat, daß die deutschen Flottenrüstungen uns die Feindschaft Englands zugezogen und da­durch die weltpolittsche Konstellation her­beigeführt hätten, die im Jahre 1914 zur Katastrophe führte, behandell sein letztes Werk ausschließlich die Zeit des Welt-j krieges. (Deutsche Ohnmachtspolitik im Weltkrieg. Hanseatische Verlagsanstast, Hamburg 36). Das neueste Buch des Großadmirals ist als Quelle für eine ob­jektive Beurteilung der deutschen Kriegs-' führung unentbehrlich. Inhaltlich ist es "eine große Sensation, denn es enthält eins Fülle bisher völlig unbekannter höchst be­deutungsvoller polittscher und militärischer Dokumente. Dieser neueste Sirpitz ist eiw Gegenstück zu dem Ludendorffschen Werke „Kriegführung und Polittk". Wie dieser beleuchtet er vom Standpunkt des Mili-* tärs die Fragen der polittschen Führung während des Krieges, und ebenso wie Ludendorff kommt er zu einem Ergebnis, das in der restlosen Verurteilung des po­littschen Systems der damaligen Zett gip­felt. Bekannt ist das Wort des Groß­admirals, das er in den ersten Monaten des Krieges im Großen Hauptquartier, in sein Sagebuch notiert hat und das in eines seiner ersten Memvirenwerke über­gegangen ist; nach dem Kriege gehe er; unter die „Svzen" und suche sich Laternen-s pfähle aus. In dem vorliegenden Buche hat er den zweiten Teil dieser Drohung wahrgemacht. Keiner der während des Weltkrieges an verantwortlicher Stelle stehenden Männer findet Gnade vor sei­nen Augen. Weder Bethmann noch Mollke, weder Falkenhahn noch Helfferich. Aeberall, wohin Sirpitz blickt, ist Un­fähigkeit, Schlapphett, Verantwortungs­losigkeit. Dechmann, mtt dem der Groß­admiral besonders hart ins Gericht geht, wird von ihm nicht nur für den Ausbruch des Ktteges, sondern auch für deffen un* glückseligen Ausgang verantwortlich ge-t macht. Aber nicht nur die politischen StÄni