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Blutivee Aufruhr in Men

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In Wien herben große Massen von Ar­beitern, aufgehetzt durch kommunistische Agi- tetoren, den Wiener Justiz Palast in Brand «setzt, Barrikaden in den Straßen aufge- wt und einen groß angelegten Angriff gegen ie bestehenden Organisationen des Staates i die Wege geleitet. Bis jetzt soll es be- tats 40 Tote gegeben haben und zahlreiche verwundete, lieber den Ausgang der Kämpfe 8 im Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben Puden, noch nichts Näheres zu erfahren.

Die unmittelbaren Ursachen, die zu diesen lievallszenen führten, sollen angeblich in der ßmpörung der sozialdemokratisch und kom- Nristisch eingestellten Arbeiter über das Ur- il im Schatten do rfer Prozeß zu suchen sein.

3bn Tage vorher wurden nämlich von dem Siener Schwurgericht drei Mitglieder des wntkämpferbundes von der Ermordung

tat einigen Schutzbündlern freigesprochen. Das lrtersuchungsergebnis und das Zeugenver- ir sollen erwiesen haben, daß die drei Täter rr aus Notwehr gehandelt hätten.

Mann kann sich vorstellen, baß die links ein* Hellten Wiener Zeitungen während und «ch Abschluß der Gerichtssitzung es wohl Mnden haben, diese Angelegenheit im ttereffe parteipolitischer Propaganda weid- t auszunutzen. Es darf daher nicht Wunder timen, wenn angesichts dieser tendenziösen kichierstattung über den Gerichtsgang rohe Teile der Wiener Arbeiterbevölkerung k Urteilsverkündung als ein kaum glaub» thes Fehlurteil betrachten und nur zu bereit tb, ihrer Empörung einen recht drastischen irSdruck zu geben.

Immerhin wäre es Wohl niemals zu diesen balligen Ausschreitungen gekommen, wenn A die Kommunisten die willkommene Ge« mheit ergriffen hätten, die Demonstranten ihren späteren Ausschreitungen aufzuhetzen. • Wirklichkeit hat es sich zu Beginn auch e um eine Demonstration gehandelt.

tt läßt sich auch nicht leugnen, daß die vwallszenen niemals diese Ausdehnung ge- tben hätten, wenn die staatlichen Behörden B Beginn an mit etwas mehr Energie gegen k Tumultanten eingeschritten wären. Muß B doch hören, daß zwei Stunden nach ®fnung der . Feindseligkeiten" die Polizei ® allen Straßen zurückgezogen wurde, und erst dem Pöbel Platz für Brandstiftungen 1 Plünderungen geschaffen wurde. Diese Däche der Wiener Negierung läßt es auch 1 unwahrscheinlich erachten, daß sie aus fei traurigen Vorfällen, die allein not- tilgen Folgerungen zu ziehen beabsichtigt. ®er 15. Juli war eine offene Kampfansage r sozialistisch eingestellten Kreise Oester- Hs gen die bürgerlich« Negierung und ^Parteien, die hinter ihr stehen, also eine "dfansage gegen die Verfassung. Man darf tonnt sein, ob das Wiener Kabinett die ttgie aufbringen wird, hier in der richtigen "e zuzugreifen .

Irr Auftakt

ie«, 15. Juli. Wegen des greis Hs im Schattendorfer Prozeß wurde« & vormittag auf der Ringstraße, iube- ^re vor der Univerfität. dem Juftiz- und dem Parlament Kundgebungen

^italtet. bei denen die berittene Waffe Molt gegen die Demonstranten vor- • Auf beiden Seiten wurde eine k von Personen verletzt. Die Polizei • °ls sie sich zwischen Justizpalast und ^ment bedrängt sah, zunächst eine ^ungssalve ab. Diese wurde von der

T*8e mit Schüssen gegen da» Parlament piwortet, die jedoch niemanden trafen, kleine Anzahl Fensterscheiben wurden ^*ettert. Ein Teil der gegen die ^8 Bezirke abgedrängten Demon- pEeu zog vor das Gebäude der groß- »Wiener Neuesten Nachrichten"

I türmte die Expedition dieser Zeitung, t hort Vorgefundenen Bestände wurden P’^tet. Es wurde auch ein Schuß gegen Pbttns abgegeben, durch den ein Wach-

verletzt wurde.

— Irr Zuftlmluft In glommen

Hierauf versuchten die Demonstranten in das Parlament, in das Justiz- palais und in die Universität einzu, dringen, wurden aber von der Sicher- heitswache daran gehindert. Durch die von den Demonstranten abgegebenen Schüsse wurden sowohl Wachleute wie De­monstranten verletzt. Später gelang es einem Teil der Demonstranten, in das Justizpalais einzudringen, wobei sie die Akten auf die Straße warfen und ver­brannten. Das Gebäude steht in Flam­men.

Aus dem Untergeschoß an der Ecke des Justizpalastes schlagen Flammen hervor. Es find Aktenbündel angezündet worden. Lastautos mit dem Zeichen des Roten Kreuzes eilen durch die Straßen. Wie verlautet, haben Demonstranten die Schutzposten an dem Portal zu stürmen versucht. Bisher wurden etwa hundert Verletzte gezählt.

Skk Wrolutt In Bklmd gellem

Prag, 15. Juli. Die über die heu­tigen Ereignisse in Wien bis 19.50 Uhr hier eingegangenen Meldungen wider­sprechen sich vielfach. Sicher ist, daß das Justiz Palais brennt und daß das Feuer nicht gelöscht werden kann, da die Demostranten die Feuerwehr daran hin­dern. Eine Polizei abteilung, die der Feuerwehr ihre Tätigkeit ermöglichen sollte, wurde entwaffnet, die Be­amten wurden mißhandelt. Ein Wach­mann soll hierbei von einem Demon­stranten erschossen worden sein. Alle Mel­dungen stimmen darin überein, daß noch in Len späten Nachmittagsstunden in den Sttahen Schüsse fielen, doch hatte es um 18 Uhr den Anschein, daß die Polizei das Aebergewicht erlangt und die Demonsttanten aus dem Stadtinnern zu­rückdrängt. Völlig widersprechende Mel­dungen liegen auch über das Verhalten des Republikanischen Schutzbundes vor. Einem Bericht zufolge ist diese Organisa­tion bestrebt, um jeden Preis die Oronung wiederherzustellen. Ihre Mitglieder haben die in das Innere der Stadt führen­den Brücken abge sperrt, um den Zustrom weiterer Demonstranten zu ver­hindern, während nach anderen Mtttei- lungen die Mitglieder dieser Organisation im Rücken der Polizei manövrieren, Liese aber nicht unterstützen, ja in ihrer Tätigkeit hindern sollen. Die Nachrich­ten, daß die Gebäude der „Wiener Neue­sten Nachrichten", der „Reichspost" und der „Oesterreichischen Tageszeitung" demoliert wurden, werden bestätigt, nach einer anderen Version sollen sie in Brand gesetzt worden sein.

Der Brand des Iustizpalastes ist soweit fortgeschritten, daß mit der Zer­störung der Hälfte des Gebäudes zu rechnen ist.

Der riesige I u st i z P a l a st ist ein ein­ziges Flammenmeer, über das die Flammen 20 Meter hoch zusammen­schlagen. Eine gewaltige Rauchwolke be­deckt den Himmel. Die Morgenzeitungen werden nicht erscheinen können. Der Bahn­verkehr auf der Süd- und Westbahn ist noch immer unterbrochen.

Barrikadenbauten.

Wien, 15. Juli. Um 16 Uhr nachmit­tag» dauert die Schießerei in der Gegend des Parlaments noch immer an. Die Ar­beiter versuchen, auch dort feste Barrikaden zu errichten. Auch das Rathaus ist ver­barrikadiert. D'.e Feuerwehr arbeitet daran, den Brand des Iustizpalastes ein-

— Drohender Seneralstrelk

zudämmen, aber noch immer steigen Rauch und Flammen auf. Ein Teil dieses pracht­vollen Barockgebäudes, eines der schönsten Wiens, wird zweiffellos ein Raub der Flammen werden. Auch das Redaktions- gebäude der „Reichspost" ist in Brand ge­steckt worden. Vorher war die Menge in das Redaktionsgebäude eingedrungen und hatte 3 Rotationsmachinen und eine grö­ßere Anzahl Setzmaschinen zertrümmert.

Sie Polizei durfte »ich! eingtelfcn

In den frühen Nachmittagsstunden ist der Eindruck berechtigt, daß die Gefahr des Bürgerkrieges über Wien schwebt. Nach langem Zögern hat der Polizeipräsident in die Tumulte einge-, griffen. Von 2 Ahr wird beim Justiz- Palast und beim Parlament, sowie die verbarrikadierte Umgebung des Rathauses mit Gewehrsalven gesäubert. Das Schießen dauerte etwa eine dreiviertel Stunde und es dürften 20 Salven in die zusammengeballte Menschenmenge ge­feuert worden sein. In Len Höfen und Räumen des Parlaments liegen

Tote und Verwundete in großer Zahl. Die Räumung des Platzes vor dem Justizpalast allein soll etwa 20 Tote gekostet laben.

Die Erbitterung ist gegenseitig sehr groß. Cs scheint, daß während der Be­lagerung des Iustizpalastes eine größere Zahl von Polizisten, die dort Zu­flucht gefunden hatte, von den Demon­sttanten herausgeholt, mißhandell und vielfach verwundet worden sind.

Am dem Blutvergießen wenigstens ein vorläufiges Ende zu bereiten, wurde gegen 15 Ahr die Weisung erteilt, Laß die Schutzbund!eu te abziehen und sich auf ihren Sammelplätzen bereithalten sollten. Das ist geschehen.

Das Bild, das die Stadt" kurz nach Mittag bietet ist etwa folgendes: Der Straßen- und Stadtbahnver­kehr ist auf Befehl der Direktion ein­gestellt worden. Die Eisenbahnwerk­stätten sind in den Streit getreten. Die Züge wurden während des Vormittags noch abgefertigt und von dem reisenden Publikum, zum großen Teil Ausländern, gestürmt. Gegen Mittag konnte eine I regelmäßige Zugabfertigung nicht mehr I erfolgen, weil das Zugpersonal die Ar­beit niederlegte, um zu den Schutzbund­abteilungen zu stoßen. In den größeren Privatbettieben sind die Arbeiten eben­falls eingestellt. Auch das staatliche M ü n z a m t ist durch Streit stillgelegt worden. Die Geschäftsläden in der inne­ren Stadt und aus der Ringsttahe haben kurz nach Mittag zum größten Teil ge­schlossen. Telegraph und Telephon funk­tionieren. Auf einzelnen Telephonzen» traten wird jedoch passive Resi­stenz geübt.

Aus die Nachricht von dem blutigen Vorgehen in Wien sind ans der Provinz Züge mit Schutzbnnd- mannfchaften

abgelassen worden, ein Zeichen dafür. Laß die Situation im Begriff ist, sich weiter­zuzuspitzen. In den Beratungen der Par­lamentarier spielt das Wott ^Bürger­krieg" bereits eine große Rolle. Die Sozialdemokaten der scharfen Tonatt ge­brauchen es ganz offen, indem sie er­klären, „sich der Gewalt nicht länger beugen" zu wollen. Aber auch die gemäßigteren Elemente der Par­tei glauben, daß man ohne Proklamie­rung eines Generalstreiks nicht zu

'(Fortsetzung siehe Seite 2.)

Eurem einte«

Von Rabindranath Tagore.

Jenes große Problem, das heute Europa am meisten beschäftigt: Die Möglichkeit einer politischen Vereinigung, scheint mir gar nicht von so großer Be­deutung zu sein, als es die meisten an» nehmen. Ich glaube, daß Europa bereits vereinigt ist. Wenigstens in einem Grund­sätze, den ich für den wichtigsten erachte: Europa ist der einzige Kontinent, wo sich die Kultur verschiedener Völker m ein gemeinsames Ganzes vereinigt. Je­nem, der von einem anderen Weltteil her- kommt, ist diese große kulturelle Einheit geradezu unbegreiflich, ganz erstaunlich. Natürlich bilden die verschiedenen ma­teriellen Interessen und politischen Auf-- sassungen einzelner Länder einen Gegen- ssatz zu diesem gemeinsamen Geiste. Dar Aufhören der zwischen den Völkern be­stehenden Disserenzsn ist ebenso unwahr­scheinlich, wie auch das Ueberbrücken der zwischen den einzelnen Individuen be­stehenden Gegensätze. Und doch, wenn auch nicht in der Politik, begegnen sich di« Völler in einer gemeinsamen, intellettu- ellen Stärke, in der Einheit dar Seele und des Geistes.

Eine solche Einheit beschränkt sich nicht nur auf einen Kontinent, da alle großen und wahren Kulturen miteinander ver­wandt sind. Ich kann es nicht glauben, daß es zwischen der Kultur des Ostens und des Westens, derjenigen der Ver­gangenheit und der Gegenwart, irgend einen fundamentalen Unterschied gibt, deren Bedeutung in der Geschichte dar Mensch­heit von gleicher Wichtigkeit ist. Es gab in den alten Zeiten einen Umgang zwischen den Völkern, woraus wir folgern können, daß sich die Kultur des Ostens und die­jenige des Westens nicht abgesondert haben. Das klassische . Griechenland wurde zum Beispiel vom Orient inspiriert und von Aegypten, China und Indien stark be­einflußt. Dieser Umgang hinterließ tiefe Spuren im Altertum und verband unver­kennbar Kulturen, die man sonst qualitativ für sehr verschiedene gehalten hat. Könnte die Weisheit des Ostens ihren Weg zu dem europäischen Geiste finden, so würde sie diesen Geist noch größer und vollkommener machen, als er heute ist. Solange sich die Menschen nicht ändern, die vielen ver­schiedenen Herzen, verschiedenen Geister nicht in voller Harmonie miteinander stehen, kann man von den Vereinigte« Staaten von Europa überhaupt nicht sprechen. Nehmen wir nur England zum Beispiel; dort reden die Schotten, die Ir­länder und die Briten die Sprache eines einziger Staates. Und doch: wie groß ist der Unterschied zwischen den drei Böllern! Die starke Wunde des SBeItfrieige§ ist noch nicht geheilt. Noch spüren wir die Nach­wehen im Körper und besonders im Geäste. Diese müssen zunächst verschwinden, dann erst können wir uns ernstlich mit dem Gedanken der Vereinigtem Staaten von Europa befassen.

Wir haben auch in J nd ien eine ähw» liche Bewegung wie jene von Europa. Hier ist zu allererst die „non cooperation", Nichtzusammenwirkung, die die vollständige Befreiung Indiens erkämpfen will. Es liegt mir fern, an dieser Bewegung un°» mittelbar teilzunehmen, was natürlich nicht bedeutet, daß mir die Freiheit meines Landes, meines Heimes nicht am Herzen liegt. Ghandi, meinem großen LandeS- genossen gegenüber verspüre ich di« größte, aufrichtigste Verehrung. Doch sind unsere Wirkungskreise ganz verschieden. In 1904 und 1905 habe ich an den nationalen und sozialen Bestrebungen der Indier noch aktiv teilgenommen; heute Bin ich schon! all diesem sozusagen entwachsen. Doch war ich während der Kämpfe von Pandia der erste, der gegen die Uebergriffe der Engländer am meisten protestierte. Ich habe auch meine Entrüstung zum Ausdruck gebracht, indem ich den Adelsstand, der mir von den Engländern erteilt wurde, ablehnte und ihnen alle Auszeichnungen zurücksandte. Nicht als ob ich gegen Groß­britannien Stellung nehmen wollte, son­dern weil ich der Meinung war, daß das bei Pandia ausgeübte Gewaltshstem mit meinen humanistischen Ideen überhaupt unvereinbar war. —

Solchen Anschauungen gemäß erachte ich auch den heutigen „Völkerbund" als nicht auf der Höhe seines großen Be­rufes stehend. Die verschiedenen Parteien sind von ungleichem Range. Jahre werden, vergehen, dich die verhandelnden Nationen