Einzelbild herunterladen
 

StenStng, toi 15. Februar 1927

Vi» »vbrrhtsflsch« Zeitung" tt- sechsmal wöchentlich. Ve- zugSpretS monatlich 2 GM. auS- schließl. Zustellungsgebühr, durch dt«Post2LS GM.Für etwa infolge Streik«. Maschlnendefekte oder elementarer Lrelgnlff« ausfallend« Kummern wird kein Ersatz ge­leistet. Verlag b. Dr. §. Hiheroth, Druck der Unib.-Buchdruckerei d. Ioh. Aug. Koch. Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54. u. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und ‘1,1—1 Uhr.

ÄberlMsche

OMuott M MW*

awtoeM / ■ U7 ■ ■ W> ■ ■ ■ ■ rwAszelam

St. 28 62.8aWe. «atbiitg o. ratz»

Der Anzeigenpreis beträgt ft» den 10 gespalt. Zeilenmilltmet«, 0.08 «M, klein« Varanzrige» 0.06 ®<SL, amtlich« und aus­wärtige Anzeige« 0.10 GM. W schwierigem Satz sowie bet Platz^ Vorschrift 50«/, Aufschlag. — Sammelanzeigen 100«/, Aust schlag. Reklamen der Milli». 0,40 SM. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Ziel 5 Tag«. Beleg« werden berechnet, ebenso Auskunft durch di« Geschäftsstell« und Zusendung der Angebote. Er­füllungsort Marburg.

1 Goldmark --- Vt,,Dollar.

DizeigerM(dasKherkuchMchL)GberhMn/->NlMichesVerkünüigungsblMsurd-kreisÜlarbmg

Abbruch -er Bechan-lunven in Hankau

ME Wims beim Setttibimb — englische Stiwocn in Stbnngboi

Unter klingendem Spiel, jubelnd begrüßt von den in Schanghai wohnenden engli­schen Kaufleuten sind die englischen Tru- pen, die London vor kurzem nach dem chinesischen Kriegsschauplatz entsandte, in Schanghai eingezogen.

Ebenso demonstrativ, wie diese ganze Truppenaktivn gedacht war, ebenso demon­strativ verlief die erste Phase, durch die sie in Erscheinung trat. Man bedenke in demselben Augenblick fast, wo der englische Außenminister Chamberlain erklärt, daß die Einigungsverhandlungen zwischen Lon­don und der chinesischen Regierung ab­geschlossen seien, in demselben Augenblick durchziehen die Maschinengewehrzüge der Tomies die Straßen von Schanghai, mahnt die schmetternde Militärmusik englischer Regimenter die chinesische Bevölkerung, daß Groß-Britannien auf dem Plan er­scheint.

And seltsam: fast zur selben Stunde des pompösen Einzugs der britischen Truppen­macht in Schanghai erfährt die Welt­öffentlichkeit, daß es mit dieser, mit so apodiktischer Bestimmtheit verkündeten Einigung zwischen dem englischen Dele­gierten O'Mallehs und Tschen eine sehr sonderbare Dewandnis hat. Erstens lassen die letzten Mitteilungen O'Mallehs erken­nen, daß das Protokoll 8er Einigung über die Koirzesfion Hankau noch nicht unter­zeichnet ist. Zweitens erfährt man, aus japanischer Quelle, daß die Regierung in Peking die englische Regierung benach­richtigt habe, irgendwelche Abmachungen über Hankau bedürften auch einer Rati- stzierung durch die Pekinger Regierung.

Auch andere Erscheinungen deuten dar­auf hin, daß der Optimismus des Herrn Chamberlain verfrüht sein dürfte. Wenn auch die nationalistischen Gruppen inner­halb des chinesischen Volkes in der letzten Zeit den Verhandlungen mit England ge­genüber größeres Entgegenkommen zeigen als früher, so fordern sie dennoch auch heute noch kategorisch die Zurückziehung der sämtlichen bisher mobilisierten eng­lischen Truppen auf einem Punkt westlich von Singapore.

Roch schwerwiegender auf die Gestaltung der Lage in China dürste sich der Plan eines neuen Boykotts in Honkong aus­wirken. Auch die Nachrichten, die über die nächsten Pläne Tschangtsolins kur­sieren, sorgen dafür, daß die ganze Si­tuation im Süden Chinas noch verwickel­ter wird. Man hört, daß Tschangtsolin. unbekümmert um die Opposition Wupeifus, große Truppenbewegungen nach dem Sü­den in die Wege leitet, offenbar mit dem Ziel, Hankau militärisch zu besetzen. Zwar hat Tschangtsolin durch wiederholte Kundgebungen erklären lassen, daß er sich niemals mit der radikalen Kommintang versöhnen werde. Aber seine politischen Ratgeber arbeiten energisch für ein Kom­promiß mit den Rationalisten des Südens, mit der sehr kennzeichnenden Begründung, daß die anti-britischen Tendenzen beider Parteigruppen gemeinsam seien. Zieht man all diese Tatsachen in Rechnung, so fällt es schwer, daran zu glauben, daß das Ende des englisch-chinesischen Konfliktes so nahe vor der Tür steht, wie Herr Chamberlain es gerne glaubhaft machen will.

Der englische Paradeeinmarsch findet zu­dem in Genf ein Echo, das die Befürch­tungen über das Zunehmen der Krise in China nur verstärkt. Herr Tschu, der chi­nesische Vertreter im Dölkerbundsrat, läßt der Presse eine Erklärung zugehen, in der er im Namen des gesamten chinesischen DolkeS gegen die Entsendung der 20 000 englischen Soldaten, Anterseebooten und Militärflugzeugen nach Schanghai auf das Energischste protestiert. Man beachte den Schluhpassus dieser chinesischen Protest- .erflärung: „Im Völkerbund vertrete ich Danz China, sowohl den Norden, als auch

den Süden. Im Augenblick, wo es sich um die auswärtige Politik handelt, sind alle Chinesen einig, wenn auch in der Innen­politik Meinungsverschiedenheiten be­stehen.-

Also Einigung gegen England int chi­nesischen Volke selbst und auch Einigung gegen England in der auswärtigen Poli­tik, die das chinesische Volk auf dem Boden des Völkerbundes betreibt. Diese Eini­gung ist Tatsache. Aber sie hat wenig mit der „Einigung" zu tun, die Herr Cham­berlain zur Beruhigung der Weltöffent­lichkeit als vollzogene Tatsache verkündet.

*

London, 14. gebt. Reutet meldet: Zwischen dem kantonesischen Außen­minister Tschen und dem britischen Un­terhändler O'M alle«) ist bisher ein Uebereiukommen nicht erzielt worden. Die Verhandlungen scheinen vollständig abgebrochen zu sein.

Den Konsuln in Tientsin ist die Er­nennung eines chinesischen Direk­

tors zur Einziehung der Zu­schlagszölle, mit deren Erhebung so­fort begonnen werden soll, mitgeteilt wor­den. Gegen diese Maßnahme hat nur der japanische Konsul Protest erhoben.

„Times" meldet aus Hankau, der britische Eesandtschaftsrat O'Malleu werde beute eine Erklärung über den Abbruch der Verbandlungen mit Tschen abgeben. Landung zweier englischer Regimenter in

Schanghai.

Schanghai, 13. Febr. (Meuter.) Zum ersten Male seit dem Boxeraufstand stnd europäische Truppen heute hier gelandet worden. Zwei eng­lische Regimenter zogen mit Musik und gähne» durch die Hauptstraßen von Schanghai. Der Marsch, der über eine Strecke von insgesamt fünf Meilen Länge zu den vorgesehenen Quartieren ging, hatte riesige Menschenmafsen angezogen. Die Truppen wurden von den Europäern mit jubelnden Kundgebungen empfangen.

Schweres Erdbeben in Sugoslavien

EifrnbMimMck bei bull

Belgrad, 14. gebt. (WB.): Heute früh gegen 5 Uhr wurde hier ein ft a r k er E r d sto ß verspürt, dessen Herd in der Herzegowina zu suche« ist. Rach einlau­fenden Meldungen soll das Erdbeben be­trächtlichen Schaden und Opfer an Menschenleben verursacht haben.

lleber das Erdbeben wird aus Agram berichtet, daß in Mostar zahlreiche Häuser einstürzten, in Metkovic (Dalmatien) wurden da» Stationsge­bäude und das Postamt vernichtet. In der Gegend des Amselfeldes bildete sich ein großer Spalt, in dem Häuser verschwanden. Eine große An­zahl Menschen ist «ms Leben ge­kommen. Zn Serajewo wurde« durch einen Bergsturz 18 Häuser ver­schüttet und 12 Personen ge­tötet. Zn das Erdbebengebiet wurde Militär entsandt. Die seismographischen Apparate von Agram, Serajewo und Mostar verzeichneten in 27 Minuten 19 Erdstöße.

Schweres Eisenbahnunglück bei Hüll.

London, 14. gebt. Zn bet Nähe von Hüll stnd wahrscheinlich infolge Nebels zwei Perso«e«zLge zusammengestoßen. 12 Personen wurden getötet und zahlreiche verwundet. Nähere Nachrichten fehlen «och. — Zn London fuhr ein Personenzug auf einen Prellbock auf. Dabei wurden Reben Reisende leicht verletzt.

Zu dem Unglück wird ergänzend be­richtet, daß die ersten drei Magen des einen Personenzuges besonders stark be­schädigt worden sind. Auch die in der Nähe liegenden Häuser wurden durch den Anprall schwer erschüttert. Neben den be­reits gemeldeten 12 Toten sind 15 Per­sonen leicht und 15 Personen schwer ver­letzt worden.

ff. London, 15. Febr. Die Zahl der bei dem Eisenbahnunglück von Hüll Getöteten beträgt nach den endgültigen Feststellungen acht. 17 Personen wurden schwer und zahl­reiche andere leichter verletzt.

Wie Smnkrrich sich brückt!

Frankreichs Stellung zu der Abrüstungsnote Amerikas.

ff. Paris, 15. Febr. Die französische Ant­wortnote auf das amerikanische Memorandum betreffend die Seeabrüstung wird beute dem Miuisterrat zur Beschlugfassung vorgelegt werden. Rach Suvas wird die Antwort dahin gehen, den Vorschlag dem Völkerbund zu überweisen, da Frankreich als Bölker- bundsmitglied sich nicht das Recht an- maße, durch Annahme de, Vorschlages den Völkerbund zu umgehen. (!!)

--♦---

D. S. 8. R. nnb AichriuwM

Schneidemühl, 14. Febr. Auf dem Parteitag der Deutschnationalen Volks- Partei, Landesverband Grenzmark Posen- Westpreußen, hielt, Graf Westarp eine Rede, in welcher er zur Außenpolitik aus- -

führte: Die Verträge von Locarno, Genf und Thoiry seien gegen den Willen der Deuischnationalen abgeschlossen worden, die von ihrer Kritik nichts preis- ?eben würden. Durch den Eintritt Deutsch- ands in den Völkerbund seien aber voll­endete Tatsachen geschaffen worden, und die Deutschnationalen müssen auf die Durchführung dieser Politik von Locarno und Gens Einfluß gewinnen. Die Deutsch- nationalen seien für die Politik der Ver­ständigung, sie müsse aber gegen­seitig sein. Vor Abschluß der Verträge von Locarno und Genf hätte man Vor­leistungen von der Gegenseite verlangen müssen, jetzt müsse auf Rückwirkungen gedrungen werden. Vor allem sei der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge aufzunehmen. Die nächste praktische Auf­gabe sei die Durchführung der Forderung der Räumung des Rheinlande S. Bezüglich des Ostens sagte Graf Westarp, der K o r r i d oer und die T e i l u n g Ober­schlesiens leien unmöglich. Die Aufgabe, die Reichswehr zu schützen, habe die Deutschnationalen mit veranlaßt, in di- Regierung ein.zutveten.

Dal Rittelmrergebitt «IS gebentowm nnb rolltW Sräflcitlb

Von A. Körber» Hannover.

Die Geschichte der Menschheit ist ohne eine Betrachtung ihres Lebensraumes nicht hinrei­chend zu erklären. Wenn man die etwa gleich großen Gebiete Europas und der Vereinigten Staaten von Nordamerika miteinander ver­gleicht, so wird auf den ersten Kartenblick deutlich, daß Europas Gliederung in verti- kaler wie horizontaler Hinsicht ihm das Schicksal einer staatlichen Vielgestaltigkeit be­schert hat, der es reichsten Segen, unerhörte kulturelle Leistungen, aber auch schwere Zu­sammenbrüche und tiefes Volksleid verdankt, daß dagegen der blockartige Charakter des amerikanischen Festlandes, feine unendlichen Weiten und Einheitlichkeiten die Zusammen- fiigung einer aus allen europäischen Staaten gekommenen Einwandererbevölkerung zu einer Nation zur Folge haben, für die sich das Staats- und Wirtfchatfsgebiet in einer heute nirgends auf der Welt zum zweiten Male vorkommenden Vollendung decken.

Die europäische Geschichte hat sich über zwei Jahrtausende um das Mittelmeer konzentriert. Dort sind Kulturen entstanden, deren Aus­strahlungen noch heute die stärksten Grund­lagen unserer Bildung ergeben. Wie auf hei. nem anderen Lebensraum haben hier die Völ- ker gewechselt, sind in blutigen Kämpfen emporgestiegen und in heroischen Abstürzen verschwunden. Hier hat sich die Wirtschafts­geschichte der abendländischen Menschheit ent­wickelt bis zu ihrem Uebergang in das kapita­listische Zeitalter der Gegenwart. . Hier wurde die umfassendste Religion der Welt geboren; hier hat eine ihrer markantesten konfessio­nellen Ausprägungen noch heute ihren Mittel- punkt.

Die antiken Staatsgebilde Aegyptens, Vor- derasiens, Griechenlands und Roms waren mehr oder minder am Mittelmeer interessiert, dessen Küsten die ersten Seefahrer-Nationen erzeugten Das römische Weltreich ist der ein­zige Staat geblieben, der alle Randgebiete des Mittelmeeres unter seiner Herrschaft zusam­menzufassen vermochte. Dann stürzte dieses „Imperium" unter germanischem Ansturm zu­sammen. Das frühe Mittelalter sah die Reiche der Sarazenen, der Normannen, die Macht­kämpfe zwischen deutschem Kaisertum und pi^stlichem Großmachtstreben, die phantasti­schen Unternehmungen der Kreuzzüge, den Siegeslauf, der den Islam bis an die Grenzen der Pyrenäen führte. Im späteren Mittel- alter überrannten die aus dem Inneren Asiens herandrängenden Türken Kleinasien, den Bal- kan und beherrschten das östliche Mittelmeer­becken, während das westliche unter dem Ein­fluß der glänzenden norditalienischen Stadt- republiken stand. Erst die ebenfalls in Ita- lien geistig beheimatete Renaissance, das Zeit- alter der Entdeckungen, der Auffindung der Seewege nach Ostindien und zu den beiden amerikanischen Kontinenten verschiebt den Schwerpunkt der abendländischen Geschichte nach den westlichen Küstenstaaten Europas. Am Mittelmeer herrscht bann längere Zeit Ruhe. Erst um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert dringt mi. den napoleonischen Feldzügen neues Kriegsgeschrsi an seine Ge­stade; es entspinnt sich bei Abukir zwischen Nelson und Napoleon eine Seeschlacht mit welthistorischem Hintergründe.

Dieser Faden reißt nicht mehr ab. Die mft den Bestimmungen des Wiener Kongresses im wesentlichen zunächst abgerundete staatliche Aufteilung Europas lenkt zuerst den Blick Frankreichs auf das Südufer des Mittel- meeres. Am 5. Juni 1830 gelingt ihm die Be- setzung von Algier. Sie wird der Ausgangs- punkt der Gründung des zweiten französischen Kolonialreiches mit dem Schwerpunkt in Afrika. Es umfaßt heute Tunis, Marokko, den größten Teil Nord- und Westaftikas und ftöht bis ins Zentrum des schwarzen Erdteils vor. Die ehemaligen deutschen Kolonien Togo und Kamerun sind als Mandate des Völker­bundes feine letzten großen Ergänzungen ge­worden. Damit spannt sich die erste neuzeit­liche politische Kraftlinie von Norden nach Süden durch das Miftelmeerbecken. Sie hat