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SbertiMsche Zeitung
gttitoe, W 4. Skbrmir 1927
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Die neue Negierung vor -em Reichstag
Zn den Kommentaren der Berliner Blätter zu der gestrigen Reichstagsdebatte finden nicht nur die Regierungserklärung, sondern auch die Ausführungen des deutschnationalen Abgeordneten Grafen Westarp ein lautes Echo. Besonders die Oppositionspresse widmet der i Rede des deutschnationalen Führers größere ! Aufmerksamkeit als dem Regierungsprogramm. Sic spricht von einem Konflikt, der : in der Regierungskoalition entstanden sei, einige Blätter wissen sogar von Rücktrittsdrohungen des Reichsfinanzministers Dr. Köh- ■ ler zu melden. In einer Ministerbesprechung nach Schluß der gestrigen Reichstagssitzung soll ; es dann zu einem Kompromiß gekommen sein, 'das die Wgabe einer Erklärung durch den deutschnationalen Slbgei ebneten Lejeune-Iung vorsieht.
Was die Stellungnahme der einzelnen Bllit- l ter anbetrifft, so sagt die „Deutsche Zeitung", daß die Erklärung des Reichskanzlers Marx eine ganz offensichtlich bewußte und absichtsvolle Herausforderung der nationalen und monarchischen Kreise sei.
In der „K r e u z z e i t u n g" heißt es: Ein Regierungsprogramm als solches besitzt keine große Bedeutung. Erst die Taten einer Regierung zeigen, was aus einem Programm gemacht werden kann. Wir werden deshalb abwarten müssen, wie weit der Einfluß der vier deutschnationalen Mitglieder im Kabinett zur praktischen Auswirkung gelangen kann.
Die „Deutsche Tageszeitg." schreibt: Was die Regierungserklärung bietet, ist ein sorgsam und fleißig zusammengefügtes Mo- saikbild des praktischen Arbeitswillens zum Wohle der Gesamtheit. Es bedeutet für niemanden, selbst nicht die außerhalb der Koalition Stehenden, eine Vergewaltigung irgendwelcher Ueberzeugung, eine Preisgabe irgend- s welcher Grundsätze. Es ist ein Ausruf zu praktischer Arbeit und nichts weiter.
Aehnlich äußert sich die „Deutsche All g. Z t g.‘‘, die erklärt: Bei den neuen Regierungsparteien ist der ernste Wille vorhanden, die sachliche Arbeit allen anderen voranzustellen.
[ Die „2 ä g I. Rundschau" betont zu dem I außenpolitischen Teil der Regierungserklärung: Der bisherige Kurs der Außenpolitik findet die BMgung aller Mitglieder des Kabinetts und wird getragen von allen Fraktionen, die die Regierung unterstützen.
Die „Germania" fühlt sich durch die Aeutzerungen des Grafen Westarp zu der Be- m -fcung veranlaßt: Dem Zentrum erwächst aus dieser Situation die Pflicht der doppelten Wachsamkeit über die Einhaltung der Richtlinien, wie sie im Regierungsprogramm ' verkündet sind.
Das „B e r l. Tageblatt" beschäftigt sich l gleichfalls eingehend mit der Rede Westarps und sagt: So zerschlägt Graf Westarp, eine nach der anderen, die Porzellanfiguren, die Marx in r'iner Rede sorgfältig aufgebaut hat.
Die „Voss. Ztg" hebt hervor: Das Be- x Kenntnis der Deutschnationalen zu Strese- manns Außenpolitik! Nach der Regierungserklärung steht es fest, daß die deutschnationalen Minister sich bekehrt haben. Und da diese Minister als Beauftragte ihrer Fraktion, die um den Inhalt der Marx'schen Formel wußte, : in die Regierung hineingegangen sind, so steht vor aller Welt fest, daß die Partei als solche sich zu neuen Bekenntnissen bekehrt hat. Das sollte nun der arme Graf Westarp für den Agitationsgebrauch in seiner Reichstagsrede „populär bearbeiten".
Der „Vorwärts" bemerkt: Diesmal wird man den Ruhm, das meiste zur Erschütterung der neuen Regierung beigetragen zu haben, nicht dem Führer der stärksten Oppositionspartei, sondern dem Führer der stärksten Regierungspartei zuerkennen müssen.
Tie „Rote Fahne" schließt ihren Artikel V mit den Worten: Gegen die Diktatur der Bourgeosie die Diktatur des Proletariats!
Präsident Löbe verlas zunächst das offizielle Schreiben, in dem Reichskanzler Dr. Marx dem Reichstagspräsidenten die Regierungsbildung mitteilt und die Mitglieder des neuen Kabinetts nennt. Bei der Vorlesung der Namen Getzler und Schiele kamen einige höhnische Zurufe von den Kommunisten.
Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt: Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung.
Hierauf gibt
Reichskanzler Dr. Marx
folgende Regierungserklärung ab:
Tie Reichsregierung, die am heutigen Tage vor die deutsche Volksvertretung tritt, ist der e inmütigen Auffassung, daß die Grundlage unserer Politik, die Anerkennung der Rechtsgültigkeit der in der Verfassung von Weimar gegründeten republikanischen Staatsform auch für die Arbeit der neuen Regierung volle Geltung behalten soll. Es ist der einhellige Wille der Reichsregierung, für
den Schutz, di: Achtung und die Ehre nuferer gellenden Verfassung
In der Gesamtheit ihrer Organe und ihrer Reichsfarben, wie sie in Artikel 3 der Reichsverfassuug festgelegt sind, mit Tatkraft einzutreten. Abänderung von Einzelheiten der bestehenden Verfassung müssen auf dem verfassungsmäßig vorge- schriebenen Wege vorgenommen toirbett. Treupf licht gegenüber der Reichsver- faffung gilt selbstverständlich unter Wahrung des verfassungsmäßig gewährleisteten Rechtes auf freie Meinungsäußerung vor allem für die Beamte n. Der tatkräftige Schutz der Weimarer Verfassung schließt keineswegs aus, der großen Pergangenheit Deutschlands mit Achtung zu gedenken. Deshalb soll nach der einmütigen Auffassung der Reichsregierung
auch der Vergangenheit und ihren Symbolen Achtung und Ehre gezollt
werde».
Unsere ganze heute bestehende Kultur ist auf christlicherGrundlage erwachsen. Aus diesem Mutterboden heraus muh sich der Geist des deutschen Volkstums immer wieder erneuern. Dieser Gedankengang in seinen Auswirkungen findet sich bei dem von der Reichsregierung in Aussicht genommenen Reichsschulgesetz. Dabei ist für eine grundsätzliche Gleichstellung der in Artikel 146 der Reichsverfassung vorgesehenen Schularten zu sorgen. Die Rechte und Interessen der Beamten schäft, auch ihr materielles Wohl nach Kräften zu fördern, betrachtet die Regierung als eine selbstverständliche vornehme Pflicht. Was
die Finanzlage
des Reiches angeht, so wird es auch in Zukunft das Bestreben der Reichsregierung Bleiben, die Interessen des erwerbs- tätigenVolkes in allen seinen Schichten mit der öffentlichen Wirtschaft in Einklang zu halten. Freilich bedarf es dazu äußerster Sorgfalt, um nicht gegenüber den vorhandenen Einnahmemöglichkeiten in Schwierigkeiten zu kommen. In dem Rahmen der allgemeinen Finanzlage wird auch das Problem des Finanzausgleichs einzuziehen sein. Es wird das Ziel der Reichsregierung fein müssen, eine Uebereinstim- mung mit den Ländern über die Gesamtheit des Finanzausgleichsproblems möglichst bald herbeizuführen. Tie Reichsregierung hat dabei volles Verständnis für die Wünsche der Länder und ihrer Gemeinden auf ein gesundes Eigenleben. Der
Wehrmacht
wird die Reichsregierung ihre besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge widmen. Sie wird mit größtem Nachdruck bemüht fein, das Vertrauen des deutschen Volkes zu seiner Wehrmacht in allen Schichten und in allen Parteien zu festigen.
Da» Heer «uh de« politische« Kampf unter «Neu Umständen entzogen werde».
Die Verordnung des Herrn Reichspräsidenten vom 31. 12. 1926 über ungesetzliche Einstellungen wird strengstens durchgeführt werden. Es werden ferner dec Leffentlichkeit in nächster Zeit ergänzende Anordnungen bekanntgegeben werden, nach denen bei einem Rekrutierungsverfahren die Berücksichtiguug aller verfassungstreuen BolkSkreise, sowie
unter Mitwirkung der Verwaltungsbehörden der Länder der ausnahmslose AuS- schluh aller versassungsfeind- lichen Elemente bei der Einstellung von Freiwilligen gewährleistet sind. Daß ich bei der Verkündung und Verwirklichung dieses Programms in vollster Ueberein- stimmung mit dem Herrn Reichswehrminister und dem Herrn Chef der Heeres- und Marineleitung zusammenarbeite, stelle ich mit allem Nachdruck fest. Ich richte andererseits an alle Parteien und an die gesamte deutsche Oeffentlichkeit die Aufforderung, auch ihrerseits unserer Wehrmacht das Vertrauen entgegenzubringen, das sie sich durch ihre selbstlose Aufbauarbeit unter den schwersten Bedingungen verdient hat und weiter verdienen soll.
Auf keinem Gebiet ist die Stetigkeit in den Zielen der Reichsregierung in höherem Grade die Voraussetzung fruchtbringender Arbeit als auf dem Gebiete der
Außenpolitik.
Diese Stetigkeit ist Grundlage des internationalen Vertrauens. So versteht es sich von selbst, daß die Reichsregierung die bisherige Außenpolitik im Sinne der gegenwärtigen Verständigung weiteroerfolgen wird. Die Außenpolitik, die die Reichsregie- nmg feit Kriegsende ohne Unterlaß unbeirrt verfolgt und die schließlich zu dem Londoner Tawesabkommen, zum Vertragswerk von Locarno und Zum Eintritt in den Völkerbund geführt hat, ist gekennzeichnet durch den Bei* zichr auf den Gedanken der Sie» v a n ch e. Ihre Bedeutung ist vielmehr die Herbeiführung einer gegenseitigen Verstau digung. Wie auch immer die Haltungeinzelner Parteien in der Vergangenheit gewesen sein mag, für die Zukunst kann die durch jene Akte eingeleitete Entwicklung und die dadurch geschaffene Grundlage allein maßgebend fein. Reichskanzler und Außenminister würden nicht dem an sie ergangenen Ruf zur Uebernahme ihrer Stornier entsprochen haben, wenn sie nicht durch die geführten Verhandlungen über die Regierungsbildung die feste Gewähr dafür besäßen, daß die bisherige Außenpolitik im Sinne der gegenseitigen Verständigung oon allen Mitgliedern des Kabinett» einmütig gebilligt wird und daß hinter dieser einmütigen Billigung diejenigen Fraktionen stehen, die die Regierung unterstützen. Roch bedarf es ernster Arbeit. um für unser Volk die Stellung der moralischen und politischen Gleichberechtigung wieder zu gewinnen, die ihm unter den andere» Völker» zukommt.
An erster Stelle steht dabei die Aufgabe, di« freie Ausübung der Souoe. ränität in den deutschen Staatsgebiete» wieder herzustellen. Di« Reichsregierung mutz erwarten, daß sich auch bei der Lösung dieser Aufgabe di« Politik d«r gegenteiligen Verständigung bewÄhre» wird.
Der Reichskanzler betonte sodann, daß die Locarno- und Völkerbundspolitik des Reiches keine Herabminderung unsere» Interesses an der Pflege unserer sonstigen internationalen Beziehungen zu den großen außerhalb des Völkerbundes stehenden Staaten bedeutet, insbesondere zu den Staaten, denen wir durch wirtschaftliche und politische Verträge verbunden sind. Auf das Gebiet der
Wirtschaft und SozialpotMk übergehend, erklärte der Reichskanzler, alle Maßnahmen der Regierung müssen von dem Streben zeugen, nach aller Möglichkeit die ungeheure Zahl der Arbeitslosen zu verringern und die Lage dieser Unglücklichen zu verbessern. Die neue Regierung wird e» als ihre
besondere Pflicht onfehe», die berechtig- ttn Interessen der bersten Arbestermafsen zu wahren.
Das. im Sommer vorigen Jahres ausgestellte
Arbeijsbeschäf„fungsprogramm ' wird zielbewußt zu Ende geführt werden. Die Regierung^ wird - auch weiterhin- demücht - fein, ■ i j: k!„5 J ; . ) ."T *
durch öffentliche Aufträge, namentlich der Reichspost und Reichsbahn Arbeitsmöglichkeiten zu vermehren, den inneren Markt zu stärken und zur Gesundung unserer Wirtschaft das ihrige beizutragen. Die Leistungsfähigkeit der Arbeitsvermittelung soll ge- stärkt werden. Umschulungs - und Fort- bilbungsroefen insbesondere zu Gunsten der jugendlichen Erwerbslosen und Angestellten ausgenutzt werden. Die Regierung legt entschiedenen Wert daraus, daß der dem Reichstag vorliegende Entwurf, eines. Gesetzes über Arbeitslosenversicherung mög- liehst vor dem 1. April verabschiedet wird und auf dem Gebiet der Arbeitslosenversicherung soll auch für das ganze Arbeitsrecht der große Gedanke der Gleichberechtigung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer immer mehr zur praktischen Auswirkung ge» bracht werden.
Der nächste Schritt wird die
Schaffung einer umfassenden Arbeitsschutzgesetzgebung
unter besonderer Berücksichtigung der Bergarbeiter sein. Darin soll ausgehend von den deutschen Verhältnissen die Arbeitszeit einschließlich der Sonntagsruhe im Einklang mit den internationalen Vereinbarungen geregelt werden. Auf Grund einer solchen Gesetzgebung ist die deutsche Regierung zur Ratifikation des Washingtoner Abkommens bei entsprechendem Vorgehen 'büt westeuropäischen Industrieländer bereit.
Noch vor dem Inkrafttreten der neuen Arbeitszeitregelung sollen weitere Erleichterungen durch Kürzung der Arbeitszeit für die Arbeiter besonders gesundheitsschädlicher Industrien geschaffen und auch im übrigen Mißstände auf dem Gebiete der Arbeitszeit beseitigt werden. In der Sozialversicherung erstrebt die Reichsregierung möglichste Einfachheit, Uebersichtlichkeit und Wirtschaftlichkeit und tritt, wo sich noch Lucken zeigen, für den geeigneten Ausbau ein. Den Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen gilt die besondere Sorge. Auf dem Gebiete der
Wohlfahrtspflege
wird sie den bisherigen Weg zielbewußt wei- ter gehen. Die Reichsregierung wird auch fürder regen Anteil nehmen an den Arbeiten des Internationalen Arbeitsamts. Die Bekämpfung der Wohnungsnot durch Förderung des Wohnungsbaues wird nachdrücklich betrieben werden, sodaß der schlimmste Notstand in einigen Jahren behoben sein wird. Die zunehmende Verflechtung Deutschlands in die Weltwirtschaft, sein steigender Anteil am Weltmarkt berechtigt ebenso wie deutliche Anzeichen der Erholung seines Binnenmarktes zu der
Hoffnung wirtschaftlichen Wiederaufstiegs.
Die Regierung wird durch Ausbau des Han» delSvertragswerks und durch Exportförderung den Absatz unserer Wirtschaft auf Weltmarkt zu erweitern, tatkräftig bemüht sein. Es wird darauf Bedacht genommen werden müssen, daß die schwebenden Schulden der Landwirtschaft in lang» Triftigen Realkredit, zu tragbaren Bedingungen überführt werden, und daß ein Linken des allgemeinen Zinsfußes auch den landwirtschaftlichen Schulden zugute kommt. Aur durch
Sicher»», de, Ertrages der landwirt- schastliche» Arbeit
wird «s gelingen, eine gesündere Bevölkerungsverteilung anzubahnen. DaS Abströmen der landwirtschaftlichen Bevölkerung in die Städte aufzuhalten und deren Arbestsmarkt zu entlasten. Zur Förderung deS Handwerks soll u. a. der Entwurf einer Aovell« zur Gewerbeordnung dienen, di« wichtig« handwerkerliche Fragen neu regeln wird Die monopolitische Ausbeutung des deutschen Marktes muh verhindert werden. Die Reichsregierung wird sich mich Kräften für die Hebung der Kaufkraft und der Lebenshaltung ein»
-feien, Auf Hem Gebiete der , Rechtspflege
harren große Aufgaben der Erledigung. De- Entwurf eines allgemeinen deutschen Strafgesetzbücher, der aUMb die Rechts-f