Rhein en bis Mannheim, un im Bergische, als Dalsebalgmacher un Kesselslicker. Un Witze kann er auch mache, hab alles lache mutz. Die Srenzwächier sei auch Mensche, wann se auch mit tote dicke Schnurbärte noch so böse Gesichte mache. Beim Wüstebannier. der gern Gesellschaft bat, bleibe se immer hänge. Un wann nun der Sanier weiß, daß dr Schösse Hann- peter, oder Habels Hannjost, oder Simmes Sanniakob fin nach Glarebach schmuggeln ge- gange, dann weih er auch, um welche Zeit se mit ihrem Krimskram durch den Oestebach z'rückkomme. Js so weit, da verzählt der- Wüstebannier dem Grenzwächter so grausige Mordgeschichte von Landstreicher, Zigeuner un Lumvevack, daß ein'm die Haare r' Berge steh, un dr Grnzwächter d's Fortgeb vrgiht. In der Zeit bringe die Schmuggler ihre Backsbirn ans Trockene. Traute dr Hannier aber noch nit, dann ging be auch noch ein Stück mit d'n Ernzwächtern, un hustet, un schwätzt so laut, dah alle base un Reb fortspringe un die Schmuggler dann rm Dickicht »urückbleibe „bis die Luft rein is". Der Hannier kommt dann zurück un lacht sich krumm, un die Geretteten gebe dem Wüstebannier gern ein „Prim" für den gute Dienst, den be den Schmuggler geleistet bat.
Un durch den Wüstebannier wisie die Dauern auch, wo die Grenzwächter der Schub drückt, dr Saunier bat se ausgesorscht, weih ihr Herkommes un ibre Verhältnisse. Ihr Gehalt is schwach, un dr eine bat 'n Himfche Kinner un dr andere ’ne kranke Frau. Un mit ’n paar Hühnereier, so ’nem Speck, Wurst, Butter oder Fett, läßt sich schon mal ein Auge zuschmieren, wenn dr Schmuggler unversehens verwischt worden is.
Seht Kinner d's is dr ganze Witz vom Konnerband. Da brauch kei Deibel Angst vor r'babe, die Darmstärrer sei dieselbe Mensche wie mir auch, 's is nur ’ne ganz verdammt unleidige Geschichte, weil bei dr Elarebacher ander Geld, andere Ellen un Gewichte sind wie bei dr Marburger. Leichte Kreuzer un schwere Kreuzer un Eulde zählt mr in Glarebach, Heller un Silbergrosche, leichte un schwere Taler, oder auch preußische Taler in Marburg. Die Saurechnerei, mit all dem verdammte Lumvekreuzerdreck, mitsamt dem Konnerband, Erenzwächter un Schmuggler müht eigentlich dr Deibel hole. Dr Enkde gilt fiebzeh Erosche, un dr Taler dreihig Silbergrosche un wie viel Kreuzer das sei, das soll dr Kukkuk im Auge- blick wisie. Die JLdde wisie das, un wenn se so'n dummes Oos vor sich sehe, da fordern sie bald nach Kreuzer, bald nach Erosche, un die Annemarie packt sich an Kopp un stöhnt: „Ach ientine, wär doch dr Andreas drbei, sprecht mr doch wie viel Gulde das sei, ich kann so schnell in meint Kopp nit g'rechne."
So hat dr Hollerpeter uns das Konnerband erklärt und vom Tage an habe ich mich nicht mehr gefürcht. Auch nicht vor dem letzten Erenzwächter, den ich an dem warmen Sommerabend vor unserem Backhaus bei meinem Vater stehen sah. Nur langsam und leise schlich ich von hintenher bis zu meinem Vater, Und betrachtete mir die Schildkappe, den Schnurrbart, den grünen Rock mit den Sol- datenknöpfen, und den kurzen dicken Säbel, der unterm Rock herausguckte. Auch hörte ich, dah er grabe wie der Wüstebannier aus der Welt erzählt, von Friedberg und Darmstadt. Und weil mein Vater schon mal ganz weit, bis in Nauheim und Friedberg gewesen war, mit dem Onkel Hann, der die grohen Frachtwagen auf der Frankfurter Stratze von Kasiel bis Frankfurt fuhr, weil damals noch keine Main-Weser- Dabn ging, da konnte er mit dem Erenzwächter sprechen. Und sie sprachen auch vom Konnerband, und mein Vater „hatte nie geschmuggelt". Das freute den Erenzwächter. Die Mutter aber hatte den Kaffe vom Mattheis gleich versteckt, als die Tante Anne- kath leise zur Stube reinrief: „Da vorn steht dr Erenzwächter." Ach, wie gut, dah Vater so freundlich mit tont gesprochen hatte, denn er batte die gute Hose noch an von Elarebach her, ytb in der Stube stand die Zuckerdüte, die Essigflasche und Salzsäckche noch auf dem Tisch.
Ich atmete auf. als der Erenzwächter „guten Abend" sagte und hinter unserem Hause vorbeischritt. Noch einige Zeit schaute ich ihm »ach, ohne zu ahnen, dah es sein letzter Gang übers Konnerband war, und mein Nachschauen der letzte Eruh für ton und die mit ihm versinkende alte Zeit. Das war vor 61 Jahren. Heute aber steht die verschwundene Zeit mir lebensfrisch noch vor der Seele. Und mitten darinnen steht der Hollerveter, ich sehe und höre ibn, wie er leibt und lebt. Nur wenige Tage waren vergangen, seit der letzte Grenzwächter batte „gute Nacht" gesagt, da rasielten die Ketten, mit denen der Drache Konnerband sollte von unserer Grenze und aus dem Oeste- bachwald hinweggeführt und auf ewig verbannt werden.
„Himmelbagelsternkanonenfenerzeug — die verdammte Preitze komme — kriegt dochs Gewitter!" schrie der Hollerveter, der b« dr Darmstärrer Scharfschütze gedient batte.
„Gott sei bei uns, die Preihe? Ei Peter, was wolle die da?" krisch die Zwirnlene und lieh den Strickstrumof vor Schrecken aus die Erde fallen. „Was die wolle. Rindvieh du, die Ecmallie. die wolle übers Konnerband, du kennst die Preise nit. die Himmelsakramenter. Halunke, den steckt unser Land in dr Nase Aber, Lene, bis hierher un nit weiter, übers Konnerband kommt fei Deubel rüber, un wanns dr Bismarck selber wär." So raste der Hollerveter durchs Dorf und »um Bürgermeister. Alles war auf den Beinen, die Männer fluchten, die Weiber weinten und die Kinder schrien mit darein.
Um 11 Uhr war der Eemeinderatsbeschluh gefatzt: „Uebers Konnerband kommt kein Preuße. Die wehrfähige Mannschaft ist zur Abwehr und zum Schutz des Dorfes aufzubieten. Jeder, der ein Jagdgewehr oder ein Sackvuffet bat, muh es mitbringen. Die andern stellen sich Mistgabel« und Hacken zurecht, weil 10
Oberhessische Zeitung. Marburg a.d.Lahn. Jubiläumsausgabe 1927.
mr nit weih, was all für Gesindel da drbei is, das raube un stehle will."
Der alte „Kreusches Senner" schritt mit der grohen Ortsschelle durchs Dorf und machte als Ortsdiener, mit seiner tiefen, gleichinähigen Baßstimme den Kriegsgemeinderatsbe-chiutz bekannt. Das gab ein Gesores im Dorf, als ob die Düvpeler Schanze heute noch erstürmt werden sollte. Und wahrhaftig, kaum war der Mobilmachungsbefehl zum Schutz des Konnerband bekannt, da kamen auch schon die alten Soldaten. Der Hannpeter, Peters Liwig, Graue Hansjakob,Zöllers Jost, Livse Hanncher, Bilse Philipp un Petermertes Hannes, alles Kerle wie Riese, mit ihren alten, verrosteten Jagdgewehren, vor der Bürgermeisterei zusammen. Man sah es ihren Gesichtern an, dah sie vor Begierde brannten, „als deutsche Brüder, hohe Wacht" das Konnerband zu retten. Und schon stimmte Livfe Hannier, der geschwind noch einen „Echwarzentraub" beim „Kathrinche“ „gemopselt" hatte, sein Lieblingslied an: „Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Brüder hohe Wacht."
Und bann tarnen die iungen Burschen mit Sacken unb Mistgabeln als Lanbwehr angerückt. Auch sie hatten sich beim „Kathrinche" btn nötigen Mut angetrunken unb fielen zu bem „meerumschlungenen" mit ihrem wehmütigen Scheidelieb hinein: „Die Reise nach Jütlanb, bie fällt mir ja so schwer, Ei bu einzig schönes Mäbchen, wir sehn uns nicht mehr. Sehn wir uns nicht wieder, so wünsch ich dir viel Glück. Ei bu einzig schönes Mäbchen, benk oftmals zurück." Die Zwirnlene fuhr mit ber Schürze über die Augen, und Balzers Minchen meinte, weil es sich für das „einzig schöne Mädchen" von Kaspars Franz hielt, ber das Scheibelieb angestimmt, weil er zu den Soldaten muhte.
Run kam auch endlich mit hochrotem Gesicht, in dem es zwickte und zuckte, als ob gleich ein Gewitter sich entladen wollte, der Hollerveter mit feiner alten Feuerschlohflinte auf den Appellplatz. Im Bewuhtsein der Wichtigkeit der Sache und ber Aufgabe, bie ihm, als altem Scharfschützen, ber Bürgermeister zugewiesen batte, bas Kommanbo zu führen, hatte er seinen funkelnagelneuen Kittel angezogen unb bazu „für drei Kreuzer Kurnsche" beim Kathrinche getrunken.
„Donnerlitzche, dr Soldat steckt mt in dr Kovv wie dr Bachgritt ds Rheimatismus, Jungens, letzt gehts los, alles mobil wie sel- bigmal, als es gegen d Hacker un Struwi ins Badische ging. Eewirrer ja, das is e Fresse. Mr wolle doch den Halunke mol zeige, was Konnerband is, wer druf tritt, den Holtz Eewirrer."
Und dann entwarf der Hollerveter den Schlachtplan: „Die alte Knüppelgarb, Hannpeter, Liwig, Hansjakob, Philipp, Jost un Hannes, ihr sechs mit euer Donnerbüchse, ihr tretet an als Feldwacht. Dr wichtigste Punkt is ds Konnerband auf dr Fronhäuser Strah, bei dr Maggesmüble. Kerle, do gilts. Un ihr junge Bursch, ihr geht an dr Dorfausgang nach dr Hoor un nach dr Subach. Un kommt so'n Lumpes vo Preib, da schladt'm die Hacke auf dr Kovv, dah'r dr Simmel für ne Bahgeig versieht. Un jetzt Knüpvelgard: Stillgestan- den, Eewirrer, wer uns vorz Rohr kommt! Marsch:
Schleswig-Holstein, stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland."
Dröhnend marschierte die Knüpvelgard mit geschulterten Jagdgewehren ab. Das waren Mannskerle, die vor dem Erohherzog Parademarsch gemacht batten. „Die fürchten sich vor dem Deibel nit", meinte Lie Zwirnlene zu ihrer weinenden Nachbarin, „aber, ach, ibr arme Preihe, wie wirds euch gehe. Ds halbe Dorf geht mit, un was sei das für Mannskerle, dr Hannpeter, dr Liwig, dr Philipp, dr Sannes, br Jost un ebenwohl bt Hollerveter, ach, ihr liebe Leut, wo bie hinschlage, ba wächst kei ©ras mehr. Arme Preihe, bleibt vom Äonnerbanb.“ Traurig schauten bie Weiber den Selben nach, bie mit Aufopferung ihres Lebens bas Äonnerbanb verteidigen wollten. Und sie sahen schon im Geiste die blutigen Leichen ber Preußen bei ber Maggesmüble auf bem Äonnerbanb liegen.
„Gewirrer, was ne Sitz", brummte ber Felb- wachkommanbant, als sie im strammen Militärschritt bei ber Maggesmüble angekommen waren, unb wischte sich ben Schweih von bet Stirne, „Eewirrer jo, mr is doch das Strammmarschieren nit mehr gewohnt, durch das Ee- bambelt beim Kuhgespann", entgegnete der Hannpeter, und alle sechs Helden nahmen Gewehr ab, ohne Kommando, wischten den Schweih von der Stirn und setzten sich an den Strahenrain. Das war mittags 1 Uhr in bet Juntoitze, bei 30 Grad im Schatten. Der Hollerveter aber, seiner grohen Aufgabe bewußt, schritt mit seinem Feuerschloh auf ber Straße auf unb ab. Jetzt hatte er ben Punkt gefunben, vom Grenzstein auf Maggesmühls- bof — nach bm Grenzstein auf bet Oestebachs- seite, „fixierte" er mit dem rechten Auge übers Feuerschloh unb machte bann einen bicken Strich mit dem breiten Schub durch ben Stta- henstaub, quer übet bie Fronhäuser-Elare- bacher Stroh. — „Siet is ds Konnerband. Kerle, hier guckte, weiter darf keiner rüber, sonst fliegt'm br Schöbel in Scherben wie 'nem leeren Musbivve!" rief er ben Selben zu. Unb bann horchte er auf, ob nicht irgendwo Sol» batengerafiel ertönte. Alles mausestill. Seine Pflicht aber lieh ibn nicht ruhen, er wanderte vor unb hinter dem Konnerband an; unb ab unb grübelte über bas Strategisch-Wichtigste an dieser Stelle.
Und während bie Selben sich bet Mücken wehrten, ein Pfeifchen rauchten unb Soldatenwitze machten, grübelte ber einstige Scharfschütze barr^r nach, was Prinz Alexanber wohl in diesem Falle kommandiert hätte Halt, jetzt kriegt er den Witz raus. Den Finger an bet Nase, stand er vor dem Kunnerbandsstrich auf der Strohe unb „resümierte": „Kommt Infanterie, dann stelle mir stehen Kerle uns hier
am Strich in einer Reibe auf un sage: Halt, sonst friegt’r ds Gewirtet, hier is ds Konner- banb. Die Infanterie siebt ben Strich un keiner gebt vor. Komm aber Kavallerie, im Trabb ober Galopp, bie sehe kein Strich un reite über uns weg, bie Bursch kenn ich vom Manöver ber. Da muh was anbers hier gemacht werde, ne Barrikade für bas Deibelsvieh."
Unb btunten auf bem Maggeshof stanb der große Erntewagen, ber langt quer über bie Strahe. „Das stimmt", riefen alle sechs Helden, und im Frohgefühl des besseren Schutzes kraxelten sie den steilen Abhang hinunter und schoben mit Aufbietung aller Kraft ben schweren Wagen ben Abhang herauf, „wie selbig- mal bie Tränksolbaten ihren Pulverkasten aus dem Sumpf bei Griesheim geschoben unb bie Scharfschützen ben „Fettstiebeln“ noch helfen mußten", wie ber Hollerveter den schweißtriefenden Kameraden zum Tröste erzählte.
Helfen konnte ihnen niemand von ben Müllersleuten, ber alte Müller hatte Atemnot, bet Hannes war vorige Woche nach Amerika aus- geriffen unb Ludwig war bei der „Attollerie" in Darmstadts die jetzt dort bas Konnerbanb oerteibigen muhte. Der Wagen selbst hotte baburch wohl seit voriges Jahr Erntezeit kein Wagenschmier gesehen. „Eewirrer, wie ne Fahrt, ber is eingeroft“, brummte ber Hannpeter. Doch mit letzter Kraft unb vielem Schweih brachten sie ibn hoch, unb es mürbe am Konnerbanbstrich bie Barrikabe vorschriftsmäßig aufgebaut. Rechts unb links am Straßenrand, vor und hinter dem Wagen, wurden noch Reiser und alte Bauklotze zur größeren Sicherheit aufgeschichtet.
„Das war ne Hatz — aber, Eewirrer, was'n Durst", brummte Bilse Philipp, der immer durstig war. Auch ber Hannpeter versagte keinen Zug, unb alle schnalzten mit ber Zunge: „Was,n Durst." Der Kommanbant hatte Verständnis für diese Frage, denn auch ihm klebte das Hemd auf dem Leibe und die Zunge am Gaumen. Er zog der Hitze wegen jetzt seinen funkelnagelneuen blauen Kittel aus und hing ton an die Wagenrunge. „Schockschwerenot. Kerle, ihr habt recht, un was brauche mir denn allein für all bie nit „Äompetanten“, fürs Äonnerbanb un Vaterlanb so z' schufte in der Morbshitz un auch noch so'n Durst zu leibe? Vorwärts, Philipp, lauf zum »Kathrinche un hol auf Regimentsunkoste ’nen Plötzer (großer Krug) reinen „Schwarzentraub" ober „Un- zicker", was grab auf Lager is unb sprichst, 's wär für bie Gemeinde. Lauf aber, von br Preiße hört mr noch nix, un eh die komme, Kiste wieder do." Des Hollerpeters Parole wurde im Laufschritt ausgeführt.
Im kühlen Gras am Straßenrain lag die Feldwacht, das Gläschen machte vielemol die Runde. Der erfrischende Trank wurde mit lustigen Erlebnissen aus dem einstigen Kasernen- unb Manöverleben gewürzt. Da mürbe getrunken, gescherzt unb gelacht, unb ber Hannpeter stimmte wiederholt sein „Schlesmig-Hol- stein, meerumschlungen" an, mürbe aber vom Hollerveter auf „das Verhalten auf Felbmacht" hingemiesen und mußte mitten in Holstein abbrechen.
Die Unterhaltung mürbe leiser. Die Sonne ging hinter Maggeshaus, unb ber Schatten hüllte die Feldwache ein. Einer nach bem andern wurde stille, unb hie und ba schnarchte einer unb träumte von öelbentaten unb Siegerkränzen. Der Mühlbach murmelte bie Schlummermeise bazu.
Der Hollerveter hatte mit wässerigen Augen nochmal nach ber Ferne geschaut, noch einmal, mit einem Auge, seinem schonen Kittel ben letzten zärtlichen Gruß gefanbt — unb bann schlief er ben festen, süßen „Schlaf bes guten Gewissens nach treuerfüllter Pflicht". So ruhte die gesamte Feldwache in traumlosem Tiefschlaf am Konnerbands-Strahenrain, während öer Mühlbach rastlos hinunterraschte, nicht fragend nach Konnerband unb Lanbesgrenze. Unb in der kurhesstschen Bach lockte bie Amsel ihr Liebchen aus dem Darmstärrer Treisbach herüber mit bem melobischen Abendlieb.
Kotzliwigs Franz hatte sich im Oestebach ein kleines Wüststück erworben unb rodete es an zum Kattoffelacksrchen. Von bem Kriegslärm hatte er in seiner Waldeinsamkeit nichts gehört. Nun hatte er Feierabend gemacht, die Rodhacke auf bet Schulter, schritt er am Äonnerbanb herunter nach der Maggesmühe. Von dem Straßenrain aus sah er plötzlich die merkwürdige Barrikade Und sah die Männer mit hochroten Gesichtern im Grase liegen, daneben die Gewehre.
Unb er sah ben neuen Kittel sich im leisen Abendlüftchen roie eine Fahne bewegen. Ist das eine Hexerei? Wer mag das fein? Leise stieg er nieder zur Straße. Er erkannte keinen der Schläfer, denn sie hatten so aufgedunsene Gesichter und zumeist auch ben Arm zum Schutz vor Sonne unb Mücken darüber gelegt. Er hustete. Nichts regte sich. Die schlafen fest. Aber der schone neue Kittel. Ach, wie lange hatte Kotzliwigs Franz schon nach einem neuen Kittel ausgeschaut, wie war der {einige so verwaschen unb schon geflickt. Immer gingen bie Röckchen und Höschen, Schuhe und Strümpfe der fünf Kinder vor. Der Franz war ein ehrlicher Mann, aber arm, sehr arm, wie die Leute zur Zeit des Konnerbands waren. Unb ba hing nun ber neue Kittel einsam unb verlassen, niemand wußte, wem er gehörte. Soll ich ober soll ich nicht? Er hustete nochmal, ob einer auf wacht? Alles schnarcht weiter.
Noch einmal schaut er ringsum, kein Mensch nehts. Mit raschem Griff packt er ben Kittel, rollt ibn zusammen, steckt ihn unter bie Jacke unb geschwind wie ein Wiesel schleicht er hin- term Dornrain davon, über Äonnerbanb, quer- felb nach dem Walde zu. Nur ber alte Müller hat aus dem Bodenfenster einen Mann nach dem Walde laufen sehen, einen Kittel batte ber nicht gehabt.
Nun läutete das Glöcklern zu Abend. Die jungen Krieger von ben Dorfausgängen hatten sich auch einen „Schwarzentraub" geleistet unb
hatten bann von ©labenbad) aus gehört, baß keine Preußen kämen unb das Konnerband nicht in Gefahr sei. Jetzt tarnen sie von .Züt- lanb“ zurück, wollten die Feldwache vom Konnerband einziehen unb sangen: Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tob" die Straße hernieder.
„Donnerkränke!" — fuhr der Hollerveter empor — „Eewirrer, Kerle, se komme — Kavallerie — alles raus, die Gewehre her, Wagen- chwerenot —“ Da tönt tonen schallendes Gelächter entgegen — und „Prosit, Hurrab, dr Krieg is aus, ds Konnerband gerett!“ riefen die iungen Dorfhüter ber schlafdösigen, verdutzten Feldwache entgegen unb schwenkten bie Flaschen. „Kei Preiße komme?" fragte Bilse Philipp unb stolperte unb schlug längelangs auf bie Straße. „Einer is gefallen", lachten alle.
Der Hollerveter ab"t stierte nach bem Wagen. Plötzlich schrie er wie besessen: „Stern- hagelkanonenfeuerzeug — wo is mei Kittel? Wer hat mei Kittel? Eewirrerkeil — mei Kittel. Schockschwerenot, mei funkelnagelneuer Kittel. — Kreuzbataillon, neununneunzig Un- heiler, mei Kittel. Dr Deibel hol die Preiße mitsamt bem Äonnerbanb, mei Kittel. Him- melmorbsgemirrer, mei Kittel, zwei Eulde bat he gekost, so viel finb bie ganze Preiße mitsamt bem Äonnerbanb nit wert!" Der Hollerveter raste umher wie toll, guckte hinter Dornen unb Hecke — alles vergeblich, verschwunden war ber neue Kittel. „Krieg doch bie Wagenschwerenot, zweimal hab ich ibn am Leib gehabt — Eewirrer, was soll da mei Annemarie sage — 's gibt ’n Unglück, wann br Kittel fort is." So wetterte unb fluchte ber Feldwachkommanbant in Hemdärmeln beim Abrüsten der Barrikade. Unb als ber Hannveter so mordsmäßig lachte unb sagte: „Kerl, du hast bs Fluche bei keim Pfuscher gelernt, ja, ja, bie Scharfschütze konnte fluche wie die Türke", ba packte der Peter ihn bei der Gurgel und brüllte: „Du Oos host'n versteckt, bu lachst, raus mit, sonst verreckste hier auf’m Äonnerbanb!“ Unb nur bem Dazwischentreten der Kameraden war es zu danken, daß nicht eine regelrechte Schlacht am Äonnerbanb bei ber Maggesmüble geschlagen wurde.
Zur Besänftigung der aufgeregten Gemüter wurden bann Plötzer unb Flaschen ausgeleert, unb mit bem Eesang: „Soldatisches Leben ein harter Beschluß, weil ich es mein Sieben muß meibcn“ zogen die alten unb jungen Krieger ins Dorf zurück. Nur ber Hollerveter schritt sang- unb klanglos in Hembörmeln in der Mitts. Ab unb zu murmelte er mitten ins Lied hinein: „Mordsgewirrer, mei Kittel." Als sie an seinem Saus vorübersangen, brückte er sich gebückt an bie andere Seite ber Sänger, daß die Annemarie bie Hemdärmel nicht sehen sollte. „Eewirrer, mei Annemarie, ’s git e Unglück, wann br Kittel fort is“, stöhnte er unb huschte mit ben Sängern beim Kathrinche in bie von „Schwarzentraub“, „Unzicker“ unb „Heidwolff" verpestete Wirtsstube hinein. Um Mitternacht knallte es noch für „Schleswig- Holstein, stammverwanbt“, bas „Äonnerbanb unb Vaterlanb“ unb „Auf Matrosen, bie Anker gelichtet", daß bie Fensterscheiben Hinten.
Der Strich auf ber Straße bei ber Magges- müble war verwischt. Der Mond stand friedlich am Himmel und schaute lächelnd nieder auf das weithin stille Land. Und blinkte auch mit einem Strahle durch das trübe Fenster in bie rauchgeschwärzte Wirtsstube, wv ein wüster Knäuel von Menschen sich bin unb her bewegte und aus heiseren Kehlen Heldenlieder brüllte. Bilse Philipp lag unterm Tisch, steif roip ein Besenstiel, unb Hannpeter schnarchte in ber Ecke.
Der schaurige Gesang hatte nach Mitternacht seinen Höhepunkt erreicht unb flaute ab mit ber milberen Weise: „Jetzunb geht bas Frühjahr an, alles fängt zu grünen an." Der Hollerpeter sang bet ben wehmütigen Weisen wieder mit, aber jedesmal wenn er seine Hemd' ärmel erblickte, sagte er mitten ins Lied hinein: „Eewirrer. Annemarie, mei Kittel, mein funkelnagelneuer Kittel, für zwei Eulde — Schockschwerenot, mei Kittel, kriegt all die Mordskränke, jetzt geb ich beim.“ Prost Peter! riefen wieder andere mit frischgefüllten Gläsern. Der Peter wollte sich loszerren unb sagte: „Kein Troppe mehr, wenn ich stolpern un brech noch ’n Knoche, da heißts nachher: ber alte Narr, ber hatte sich roege dem Äonnerbanb noch einen gegriffen, bas ist sein Tob gewest. Unb auch ber Kittel noch beim Deibel — ne, Gewirrer, bas gibts nit mehr.“
Es schlug 1 Uhr. Da — Donnerlitzche, was is bas? Ein Rasseln unb Donnern und Krachen auf dem Hofe, als wenn eine Batterie Artillerie aufgefabren wäre. — „Simmel, die Preiße!“ schrie ber Hollerveter. Im Nu war bei Gesang verstummt, alle drückten sich in die hinterste Stubenecke, mit Ausnahme derer, die schon längst nicht mehr marschfähig waren. — „Bum bum — frrr — bum“, ging es draußen. „Euck boch mal einer am Fenster!" schrie bet Hollerveter, den sie binterm Ofen festgeklemmt hatten. Keiner guckte. „Bum”, stieß es an bie Hauswand. „Gewirrer, bas is br Deibel selber, mer sein all verlöre!" schrie ber Liwig.
„’s ©ewehr ber!“ schrie bet Hollerveter. „Ich geh raus un wenn br Deibel auf Stelze gebt. „Kerl, machst bich unglücklich!“ rief der Hannveter, „benk an bei Annemarie, hier sei noch junge Mannsleut, fort ihr Laffe, guckt doch mal!“ „Bum — bum“ — und bann rasselte ein Wagen unb krachte ein Brett, klirrten Kef ten, fauchte ein Vieh. „Ei Himmel, ihr Äerte, helft boch, hott ihr denn nit — bie Äub, bl Ochs!“ — schrie plötzlich bie junge Frau von oben. Da fuhr auch ’s Kathrinche emvor und schrie: „Verdammte Saubande, ^bas bat tot mit bem Eezänke fertig gebracht."
„Kuh — Ochs —" Alles polterte htnau« »nb unter furchtbarem Krachen flog bas Hoftor auf. Sie sahen noch bie hochgehobenen Schwänze be* Ochsen unb ber Kuh im Mondenschein auf der Straße verschwinden. Draußen kracht«, die Hecken und Zäune, eine wilde Jagd. Endlich kam bie junge Frau mit der Laterne ub tief: