Oberhessische Zeitung. Marburg a.d.Lahn. Jubiläumsausgabe 1927.
mit der Aufschrift des glücklichen Besitzers versehenen Mülleimer P^tz gefunden hat.
Dieser große Müllabladeplatz neben dem Gymnasium und der Knabenbürgerschule, die da stand, wo sich jetzt der neue Anbau des Gymnasiums befindet, bildete eine Hauptunterhaltung für die Jugend, die zu jeder gegebenen Zeit eifrig bemüht war, mit Steinen den Resten der dort abgelagerten Töpfe den Garaus zu machen ober die alten Gießkannen und Blecheimer zu bombardieren. Von der Kafernenstratze aus, gings mit dem Straßenbau nach allen Richtungen weiter, besonders als der fog. alte „Fronhof", wo vor dem Eingang zum „Pförtchen" (das heutige Iägergätz- chen) ein alter Brunnen stand, dessen Wasser ganz eigenartig mundete, abgerissen wurde. Der Volksmund bezeichnete das Wasser als „Salpeterwasser". Der Brunnen ist später, als die alten Wohn- und Oekonomiegebäude entfernt und an Stelle des schmalen Durchgangs der schöne breite Zugang vom Grün aus geschaffen wurde, verschwunden. Von dem „Salpeterwasser" hat man auch nichts wieder gesehen und gehört. Nach der anderen Seite dehnten sich, wie schon gesagt, die neuen Längs- und Querstraßen immer weiter aus. Das Auffüllmaterial wurde mittelst Feldbahn vom Habichtstal aus herangeschafft. Die Gärten und Wiesen und die kleinen Zwischenheckengäßchen, von denen eins als das „Ewige Gäßchen" bezeichnet wurde, weil es eigentlich endlos war, verschwanden und die Frösche und sonstiges Getier, die an stillen Sommerabenden in den Wassergräben des „Kittenfelde" und der „Scherzenwiese" ihre Liebeslieder fangen, mußten immer weiter aus dem Weichbilde der Stadt hinaus. Sie verstärkten das Orchester im großen und kleinen Sck ^enpfuhlteich, die nun auch seit Jahren verschwunden sind und schonen Gärten Platz gemacht haben. Auf der anderen Seite der Stadt, im Biegen-, Deutsch- haus- und Affollerviertel, auf die noch später zurückgekommen wird, war es ja auch nicht anders. In die Zeit des Beginns der Entstehung des MarbUrger Südviertels fällt auch die Erbauung der Landesheilanstalt, die den Eindruck einer schmucken Ansiedlung macht und von den Fremden, die mit der Eisenbahn durch das Lahntal fahren, auch meist für eine solche gehalten wird.
Die Landesheilanstalt wurde in den Jahren 1872—1876 erbaut und diente in dieser Zeit auch als Ausflugsort für die Marburger, denn dort befand sich in diesen Jahren eine Wirtschaft, wo es oft lustig herging. Nach Inbetriebnahme der Anstaltsgebäude hörte, wie es ja auch nicht anders fein konnte, dieser Verkehr dort für die Allgemeinheit auf. An die Erbauung der Landesheilanstalt und die zunehmende Erschließung Äes Südviertels schlos- - sen sich die Erbauung der sog. „Schützenpfuhl- brücke" und die Errichtung des Südbahn- und Kreisbahnhofs. Ein schmaler Holzsteg, der bei jedem kleinsten Hochwasser sozusagen in der Luft hing und roenns schlimmer wurde, ganz oder teilweise eine Reise nach Süden antrat, war ja zeitweise, da wo jetzt die Brücke steht, vorhanden. Manchmal wurde auch mit Schrittsteinen, wie es lange am Krummbogen in der Nähe des sog. Stroinskystegs üblich war, vorlieb genommen. Auch in der Schwanallee, der Ockershäuser Allee und den Hängen des Dam- mels- und Schloßbergs si nd in den Jahren, nachdem das Kalbstor erschlossen wurde, viele Neubauten entstanden. Manche dieser Straßen di.„en jedoch, wie die alten Häuser und die schon vor Jahren abgerissenen beweisen, schon Hunderte von Jahren dem Anbau. Und die Stadt hätte sich an diesen Bergen entlang vielleicht — so urteilten manche Städtebauer — wie unten im Tale bis nach Ockershaufen hin erweitert, wenn der Friedhof, der einer der schönsten Deutschlands geworden ist, nicht dazwischen gekommen wäre. Nach den anderen Seiten hin ist in den letzten 50 Jahren auch manches Neue entstanden. Am Weidenhäuser Tor war früher Schluß mit menschlichen Wohnungen. Seit einer Reihe von Jahren ist die Kappeler Straße und der Kost- weg bebaut und neuerdings reiht sich auch am alten Kirchhainer Weg schon ein Haus ans andere.
Am meisten hat sich auch die Gegend zwischen Weidenhausen und dem Bahnhof verändert. „Aus dem Biegen", wo viele Jahre lang die Bleicher in ihren kl.inen Häuschen wohnten, die Tuchmacher ihre Tuche aufspannten und die Seiler den Marburgern Stricke drehten, ist ein großer schöner Stadtteil, das Deutschhaus- oder Klinika- und Biegenoiertel entstanden. Von dem ehemaligen Deutsch- ordenshof hinter der Elisabethkirche steht nut noch das sog. Bachhaus. Die nach Cölbe, Wehrda und Marbach führenden Landstraßen zeigten damals die ersten Anfänge der Bebauung, während weit oben am Schlag, der heutigen Roserstratze, und jenseits der Eisenbahn nach dem „Kalten Born" zu, da wo, wie ein altes Marburger Sprichwort lautet, die Hasen und Füchse sich „Gute Nacht" wünsch- schen, kein Mensch daran dachte, daß hier jemals Ansiedlungen entstehen würden.
In der Altstadt schauen die Straßen und Gasten vielfach jetzt auch anders aus, wie vor 50 Jahren. Meist sind sie breiter geworden, denn wo Ne 'bauten entstanden, besonders in der Marktgasse, Wettergaffe, der Neustadt usw. wurde die Fluchtlinie, wie es heute noch gemacht wird, zurückgesetzt. Beim Umbau eines Laden» in d.r Wettergaffe stellte sich zwar ein
mal das Gegenteil heraus, denn da erschien eines Tages die Baudeputation und wollte der Besitzerin des Hauses Vorhalt machen, weil sie über den „Ritz" gebaut hätte. Die Frau kam auf die Strahe und stellte fest, datz sie an ihrem Hause mit dem besten Willen keinen Riß sehen könne. Alle Bemühungen halfen nichts, die Frau ließ sch nicht belehren und so mußte die Kommission ergebnislos von bannen ziehen. Wo noch keine Bürgersteige vorhan- ben waren, wurden solche geschaffen, und daß dieses geschehen konnte, erzielte man durch die Beseitigung der zahlreichen Treppchen und Kellermauern vor den Häusern. In der Bar- füßerftraße z. B. reihte sich eine ganze Strecke lang bis zum Bärenbrunnen eine Kellermauer an die andere. An der Ienseite, bei der Urff'schen, früher Arkularius'schen Eisenhandlung, war es auch so. Diese Mauern wurden in den Morgenstunden als Standorte für die Gespülseimer und Milchkannen der damals zahlreich in die Stadt kommenden Ockershäuser Milchmädchen und Frauen benutzt. Sonst dienten sie der Jugend als willkommene Tummelgelegenheit. Auch in bet' Wettergasse befanb sich vor bem ehemals Bersch'schen Hause eine große Treppe. Mit ber Beseitigung bet Mauern unb Treppchen vor ben Häusern verschwanden auch sonstige Einrichtungen. Vor den Metzgerläden hingen die geschlachteten Schweine, Kälber usw. Die Metzger hatten noch sämtlich ihre eigenen Schlachthäuser unb oft genug kam es vor, baß ein fog. „Brüller" ober „Brummelochs", der zur Schlachtbank geführt werden sollte, mitten in der Straße sich hinlegte unb trotz aller guten und bösen Worte, selbst auf Wunsch der Polizei, nicht mehr weiter wollte. Wenn bann der Bulle endlich im Schlachthaus angelangt war, gabs großes Tauziehen. Das Tier bekam nämlich Stricke an die Beine und an diesen mußte im geeigneten Augenblick gezogen werben. Eine Unterhaltung für die Straßenjugenb, die sich sonst ba- mit vergnügte, hinter einer „Aul" herzulaufen, die aus irgend einer der damals auch in ber Altstadt noch zahlreich vorhandenen kleinen Wirtschaften herauskam und den Heimweg nicht gleich fand. Wenns gar zu toll wurde, kam die Polizei und bann machte ein mehr ober weniger schwieriger Transport nach ber „Propstei" in ber Kugelgasse, benn in bet Rat- hausschirne gabs bamals noch kein möbliertes Zimmer für solche Gäste, ben Abschluß. Auch bie Bäckerläben waren bamals noch nicht so modern wie heute. In besonderen Kästen konnte man sich die Wasserwecke usw. aus« suchen. Wenn Zeit war. erschienen dort auch die großen unb kleinen Neujahrswecke unb ganz befonbereSünftler stellten auch noch aus Mehl gebackene Hasen unb sonstiges Getier mit schmachtenden Sirupsaugen aus. Um diese Zeit wurde auch besonders in ben Bäckerwirtschaften um bie Neujahrswecke, unb wenn biese alle waren, um bie Hasen gewürfelt. Hier und da ist diese Unterhaltung „Zwischen ben Jahren" immer noch üblich, aber lange nicht mehr in bem Matze wie früher.
Die Auslage ber Waren auf Brettern vor den Fenstern ber Häuser würbe auch von ben Schuhmachern geübt. Besonders war dies auf der Neustadt der Fall, bie man im Volksmunde die „Türkei" bezeichnete. Wer dort abends vorbei ging, konnte Meister, Gesellen und Lehrlinge um den Werkstattstisch eifrig schaffend sitzen sehen. In der Mitte des Arbeitstisches stand ein Holzgestell, an dem große, mit Wasser gefüllte Glaskugeln hingen. Diese dienten dazu, ben Lichtschein ber „Funzel", bei ber bamals gearbeitet werben mußte, zu erhöhen. Born Werkstattstisch aus ging ein Rohr zur Ableitung bes Dunstes auf bie meist etwas höher liegenbe Straße. Oft kamen dose Buben, bie es bamals auch schon gab, unb sorgten durch kräftiges Pusten in das Rohr, daß da brnnen — eine Lichtstörung eintrat. Die Folge war eine Flut kräftiger Schimpfworte unb eine meist ergebnislose Spannriemenjagb auf bie Uebeltäter. Daß einer ber ehrbaren Meister durch die stehengebliebene Uhr unb bie helle Mondscheinnacht getäuscht, einmal zu früherer Stunde wie sonst Gesellen und Lehrlinge zum Beginn der Arbeit veranlaßte unb bas Schuhbrett vor bem Fenster ausstellte, biefes aber roieber abräumen mußte, weil bie Glocke „erscht E" schlug, ist ja ein allbekanntes Marburger Geschichtchen. Unb baß bie sog. Schaukästen, bie oft im Hausgang angebracht waren, auch manchmal mißdeutet wurden, konnte einmal in ber Wettergasse festgestellt werden. Es handelte sich um einen großen, mit gebackenen Blumen ausstaffierten Kasten am Matthäi'schen Hause, den eine Frau für bie Haustüre ansah unb absolut hineingehen wollte. Don ber Neustabt aus stieß man balb auf bie „Marburger Dibber- chen", bie auf ber Plantage auf langen Brettern standen. Hier unb auf ber Ketzerbach, ebenso wie in ber Vorstadt Weidenhausen — heute ist dies ja auch noch in vermindertem Maßstab ber Fall — würbe bas weltbekannte Marburger Geschirr gemacht. Auf ber Ketzerbach standen ebenfalls in langen Reihen bie Bretter mit bem zum Trocknen bestimmten Geschirr unb vor ben Töpfereien waren oft Fuhrwerke zu sehen, bie bie fertige Ware, bie bis ins Ausland ging, abfuhren. Den benötig« ten Ton zu bem Geschirr lieferten wie heute noch bie Gruben bei Ebsdorf.
Ein weiteres Hauptgewerbe war um diese Zeit in Marburg noch die Lohgerberei, die damals, wie heute ebenfalls in vermindertem
Maßstäbe, in Weidenhausen unb am Grün ausgeübt würbe unb eine Menge Leute beschäftigte.
Die Kohlenfeuerung war noch nicht so allgemein wie heute. Holzschneibemaschinen, bie vor bas Haus fuhren, existierten auch noch nicht. Deshalb gab es auch eine Anzahl Leute, bie bas Holzsägen berufsmäßig ausübten unb sich ba einfanben, wo eine ober mehrere Klaftern Scheitholz abgeladen wurden. Die Arbeit wurde auf der belebten Straße ausgeführt, unb wenn bas Holz längere Zeit, wie es heute in ben Dörfern noch üblich ist, liegen blieb, brauchte man nicht um ein Strafmandat besorgt zu fein. Diel erzählt unb in Müllers Erinnerungen wirb ja auch geschildert, wie ein ehrbarer Holzsäger einmal einem Mißverständ' nis zum Opfer fiel. Der Professor Schmitt von ber Augenklinik gab einem Diener, der in Marburg fremd war unb wenig Bescheid wußte, den Auftrag, zum Holzhauer auf ber Neustabt zu gehen (gemeint war ber Instrumentenmacher Holzhauer, br bamals seinen Betrieb weiter oben hatte) unb biefen zu bitten, doch mit ben bestellten Instrumenten zu kommen. Der Wärter führte ben Auftrag pünktlich aus. Auf ber Neustadt stand nämlich der Holzsäger K„ der nicht wenig über die neue Kundschaft erfreut war und auch bald darauf mit Sägebock, Säge und Axt sich bei dem Herrn Professor einfanb, wo sich ber Irrtum herausstellte.
In bas bamalige Straßenbild gehörten auch die zahlreichen öffentlichen Brunnen, an denen das Masst. in Eimern ober sog. Zubern geholt werden mußte, bis die „Bornstange" oder die Waschbütte, wenn große Wäsche bevorstand, gefüllt war. Das Wasser spendeten ausschließlich die Morbacher Quellen; bie Wehrbaer kamen erst später hinzu, unb wenn im trocknen Sommer bie Rohren nur schwach ausliefen, behnten sich bie Plauderstunben an diesen Brunnen, an denen schmucke Jäger Ritterdienste beim Heben der Zuber leisteten, recht lange aus. Bei Glatteis in Marburgs Gassen gabs beim Wasserholen oft Zwischenfälle, denn es gehörte sowieso tine gewisse Geschicklichkeit dazu, mit dem gefüllten Wasserzuber auf Kopf bas Gleichgewicht zu behalten.
In Marburg beftanb um bie Zeit auch noch keine Kanalisation, biese würbe erst vor etwa 30 Jahren eingeführt. Zwischen den Häusern befanben sich bie „Winkel", bie besonders nach einem Platzregen oder wenn sie geräumt wurden, einen sehr wenig angenehmen Duft aus- ftrömten. An manchen Gebäuden befanden sich die sog. .Hosen", das waren Häuschen, die man heutzutage mit einer großen 0 bemalen würde. Manchmal wurden diese .Hosen", wie es ja bei anderen Hosen auch nicht anders ist, altersschwach. So stattete an einem Sonnabend in später Stunde ein junger Mann, der zu tief in den „Weichkübel" geschaut hatte, beim Nachhausekommen in einem Hause (ob es auf der Neustadt ober weiter unten war, soll dahingestellt bleiben) einem solchen Häuschen einen Best-ch ab. Lassen wir ihn selbst erzählen, was ihm passierte: ■
„Aech bat mach roärrer bie Waand lege un ba goab " 'ß Maische noach un fäil im. Un boa gings aroroer hoste nit gesteh. Als e Terrasse noa-i) ber onner gings nunner, bale ftann äch uff bem Kopp, bale uff ben Fäitz; äch boacht, kimmste da jetz in den Himmel ober in bie Höll. Un boas fchinste rooar noch, ber Deckel flog oach im Ding rimm un äch mußt mäch rooarn, boaß ber mir nit an ben Kopp schlug. Na korz un gout, es bad noch emol en 1 gehörige Hobbs unb alles rooar still. Un roäi hun äch so gout geschloase. Am annern Morden goabs als e Gelach im m"rimm, bis ener faat: iß ba ener boa drin? Aech faat joa, moacht moal uff un loaßt mach naus. Un boa hum äch raus. Die Leit ginge grob in bie Kärch, es bat fchun laire. Die Rippe hun äch aroroer väier Woche lang gefpeert. Doos Häische loag ber ganze Sonntag noch oam Biljemsste."
Hier unb ba übten Schirmflicker, bie fast alle ihre Spitznamen hatten, Korbflechter, Kesselflicker unb Scherenschleifer ab unb zu in ben r -aßen ihren Beruf aus unb in gewissen Pausen erschien ber Ausrufer Nill unb gab bekannt, baß in Bückings Garten, in Pfeiffers Garten, im Schützenpfuhl ober sonst wo Konzert, ober baß frische Schellfische an« gekommen unb ein Regenschirm steh n geblieben sei. Odstverkaufsstänbe, wo es jedoch nur Kirschen, Aepfel, Birnen und Pflaumen verkäuflich roar n, gab es auch schon, abro fast nur auf bem Marktplatz. Die Marburger Krammärkte hatten in früheren Jahren eine größere Sebeutung wie heute Sie HIbeten ben Sammelpunkt geschäftlichen Treibens unb bes Vergnügens für bie junge Landbevölkerung, bie in verschrobenen Lokalitäten, z. B. bei ilrsts in ber SBarfüßerftraße, bei Brinkmanns unb in Pfeiffers Garten usw. bem Tanze huldigte. Eine Menge Drehorgelspieler unb Musikkapellen durchzogen bie Stabt unb auf bem Marktplatz, unten am Rathaus, rour» den bie grässi Heu .Moritaten" auf großen fieinroanbgemälben unter Drehorgelmusik unb einem gemischten Chor bes Mannes unb seiner Gattin mit einem spanischen Rohrstock, bet viel länger roar wie ber so gefürchtete in ber Schule, ber staunenden Menge gezeigt. Heute geht man ins Kino. Gegen abend zogen die Marktgäste zu Wagen und zu Fuß in vergnüg« ter Stimmung zu den Toren wieder hinaus.
Gar oft gabs bei solchen Märkten, genau wie bei den Musterungen im Frühjahr, ganz gehörige „Knüll". Auch sonst bot das Straßen- bild in mancher Beziehung mehr Unterhaltung wie heute. Außer ben. Bärenführern, bie ja heute noch ab unb zu auftauchen, gaben regel- mäßig Dudelsackpfeifer, Schnelläufer ufro. öffentliche Vorstellungen. Die Volksfeste und die alljährlich stattfindenden Iugendseste mürben, abgesehen von den regelmäßig alle paar Jahre stattfindenden „Bachfesten" ber Ketzer- bächer und ben „Grabensesten" der Weiden« Häuser, auf dem Kämpfrasen abgeßalter. Dort gaben auch fast das ganze Jahr über an den Sonntagen Schießbuden, Karussels, Seiltänzer, Wanderzirkusse usw. Gastrollen. Daß die Stu- benten, deren Zahl damals 1000 noch lange nicht erreicht hatte, eine bedeutende Rolle spielten und auf den Straßen oft viel Ulk zum Besten gaben, soll auch nicht vergessen werben. Willkommene Leute, die dabei mitmachten, hatten sie in den „Marburger Originalen“, non denen damals der bekannteste ein zwergartiger krumbeiniger Mann mit einem ziemlich stark ausgefallenen Kopf und einer tiefen Baßstimme roar, man nannte ihn ben „scheb- ben Klunk". Wenn der lachte — und bas roar feine Spezialität — blieb kein Auge trocken. Die Vereine hielten ihre Sommerfeste meist im Dammeisberg ab. Unter den alten Eichen dort wurde fast jeden Sonntag auf den verschiedenen Tanzplätzen getanzt. Hauptsächliche Ausflugsorte waren damals Spiegelslust, bie Hansenhäuser. Drepersquelle unb bie umliegenben Dörfer. Größere Wirtschaftsgärten im Weich- bilde der Stadt hatte es früher eigentlich mehr wie jetzt. Genannt sei der „Kalte Frosch“, Pfeiffers ©arten, Brinkmanns ©arten, der bunte Kitzel, Bückings ©arten, Lederers ©arten, das Schützenhous am Kümpfräsen, ber ’+ütronpfufjl, bie Lahnlust u.a. Der Museums» garten am Barsüßertor, ben man später Kasino» garten nannte, diente meist nur, wie aus der Bezeichnung ersichtlich, als Vergnügungsort geschlossener Gesellschaften. Der Schwimmsport wurde im Sommer eifrig gepflegt, wenn auch bas Baden in ber Lahn on ganz bestimmten Stellen (nur männlichen Personen) gestattet war unb Uebertretr igen, auch wenn man mit zwei Badehosen behleibet war, streng geahndet wurden. Wer z.B. im sog. „Mannsbad", das ist die Stelle am Kämpfrasen, wo sich jetzt das öffentliche Frauenbad befindet, beim Baden er« wischt wurde, mußte wegen Gefährdung des Anstands (es führte in ber Nähe ein schmaler Wiesenweg nach bem Schützenpfuhl vorbei) 15 Groschen an bie Polizei ober an die Stadtkasse bezahlen. Für diese Summe konnte man schon allerhand kaufen, das gab für einen kleinen Mann oft die Steuer fürs ganze Jahr. Auf der Lahn wurde im Sommer mehr gerudert wie heute. Unter der Weidenhäuser Brücke, da, wo jetzt ein Steg nach dem Dammweg gemacht ist, lag am Bühnerschen Hause eine ganze Flottille. Und im Winter, die oft lang und streng waren, wurde eifrig Schlittschuhe gelaufen. Erst auf den verschiedenen Teichen, bem Schützenpfuhlteich, dem Biegenteich, der Scherzenwiese, dem Kittenfeld, und roenns Eis stark genug roar, auf der Lahn mit dem Ein» gang in der Lingelgasse und auf dem Woog am Wehrdoerweg. Im Winter 1879/80 (unb auch ein paar Jahre später einmal) konnte man von ber Kappeler Mühle an bis nach Wehrda fast ohne Unterbrechung die Eisbahn benutzen. Auch Eiskonzerte waren nichts seltenes. Man verstand es ganz gut, das Leben in Marburg angenehm zu machen.
Es mes in der Betrachtung, wie es sich früher in Marburg lebte, noch gar Manches nicht erwähnt fein. Diejenigen, bie es wissen, wer- den es sich selbst ergänzen. Heute ist gar Vieles anders geworden — Marburg ist aus seiner Enge herausgetreten, es hat dreimal so viel Einwohner unb breimal so viel Studenten. Und — damit bie sonst unermüdliche Stimme a„s dem Leserkreis sich nicht meldet — soll auch nicht unerwähnt bleiben, baß es statt einem jetzt mehrere Steuerzettel gibt Das bringt dtz Zeit mit sich. Aber eins soll auch erwähnt sein: An ber Verschönerung bes Stadtbildes innerhalb unb außerhalb, an ber Erschließung ber österlichen Anlagen und Aussichtsvunkte ufro. erkennt man das verdienstvolle Wirken des Verschönerungsvereins, der feit Jahren meist aus freiwilligen Gaben fo viel geschaffen hat. Und daß sich Marburg so gehoben hat. daß es in weiten Kreisen schon seit Jahren bekannt und-geschätzt wird, ist ber schon viele Jahre vor dem Kriege entfalteten eifrigen Tätigkeit bes früheren Vereins zur Hebung bes Frembenverkehrs zu banken. Ohne öffentliche Mittel von größerem Belang in Anspruch zu nehmen, hat er dank der Tatkraft und Opferfreudigkeit der <m der Spitze stehenden Männer, seiner Mitglieder und Gönner, die für Schriftenverfand und Schildern'ron von Marburg in auswärtigen Blättern S betragen und auch durch feine Auskunftei ’rfolt,' erzielt, die dem ganzen Gemeinwefe t "on X. roten gewesen sind und nicht vergej en werden fallen. ®-
Verlag von Dr. C. Hitzeroth.
Verantwortlich für die Schriftleitung und den politischen Teil: Dr. Ernst Scheller; für den lokalen und provinziellen Teil: Wilhelm Wihner; sämtlich in Marburg.
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