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Zambsni unschuldig
Paris, 3. Nov. Nach verschiedenen Meldungen aus Genua und Rom soll die Polizei nunmehr einwandfrei festgestellt haben, daß der angebliche Attentäter von Bologna, Zam- boni, vollkommen unschuldig ist. Er entstammt einer faschistischen Familie und hat seSst einer faschistischen Jugendorganisation angehört. Er wird als etwas geistig beschränkt und begriffsstutzig geschildert. Man nimmt an, datz er neben dem wirklichen Täter gestanden hat und, durch den Schutz erschreckt, von einer Art Panik defallen, die Flucht ergriff. Infolge dieses Gebarens machte er sich verdächtig, so datz sich die Menge auf ihn stürzte. Der eigentliche Täter aber zog sich unauffällig zurück und gab an seine Frau ein Telegramm mit dem folgenden Wortlaut auf: „Ich bin heil und igesund!" Die Polizei glaubt, auf der rich- tigen Spur zu fein, und die Verhaftung des Attentäters ist nur eine Frage von Stunden.
Sektion der Leiche Zambonis.
;fk R o m, 4. 2tot>. Der „Messagero" berichtet über den Sektionsbefund an der Leiche des Verübers des Anschlages auf Mussolini. Pon den Aerzten wurden zahlreiche Sttchwun- 5tn und Würgemerkmale festgestellt. Dor der Leiche wurden Zeugen vernommen, die den jungen Mann bei seiner Tat beobachtet hatten. Lnr bekannte Einzelheiten wurden auf Grund Hres Verhörs festgestellt, vor allem die Tatsache, daß der junge Mann sich bei der Bor» beifahrt des Ministerpräsidenten durch die Truppenkette vordrängte und den Schutz aus Nächster Aähe abfeuerte.
zraazöstM Rrvlrsle
Paris, 3. Nov. (WTB.) Wie Havas •US Rom berichtet, hat der französische Bot- Hafter Besnard wegen der Zwischenfälle r m Tripolis und in Benghazi Protest erhoben. In Benghazi habe die Volksmenge «s französische Konsulat zwingen wollen, geben der französischen die italienische nlagge zu hissen. Der Unterstaatssekretär stir auswärtige Angelegenheiten, Grandi, habe in der französischen Botschaft seine Entschuldigung zum Ausdruck bring« i lassen und eine ftrenge Bestrafung der Schuldigen angekündigt. Gleichzeitig habe übrigens nach dem „Temps" der französische Botschafter bei seinem Besuch in der Consulta Protest wegen der Zwischenfälle in Venti- «iglia erhoben.
Schüfl« auf einen Faschistenzug.
fk. Rom, 4. Nov. In Bado bei Livorno klierte der Besitzer eines Tabakgeschästs aus ferner Wohnung auf einen Zug von Faschisten. Ei« Faschist wurde getötet und mehrere verletzt.
Die Vorfälle in Genna. •
ft Rom, 4. Nov. Der ,,Eorriere della =eta“, welcher mit Verspätung hier einge- ?offen ist, bringt eine Reihe Einzelheiten Jbet die Vorfälle in Genua, bei denen ein Faschist und ein Carabinieri beim Sturm aut «as Sozialistenblatt „Jl Lavaro" getötet Wurden. Di« Faschisten waren von der Riick- <ttte des Hauses durch die Gärten in die Druckerei des Blattes eingedrungen und hat- “n dort 12 grobe Setzmaschinen zerstört sowie
drei großen Druckmaschinen die Hauvtt ^le fortgetragen.
T«r Zwischenfall an der spanischen Grenze.
Pari-, 4. Aov. Wie Havas aus Mrpignan meldet, wollten die Separatisten 5 Katalonien aus Grund der ihnen von den ^genommenen, aus Frankreich stammenden ^rschwörern überbrachten Weisungen sich der ^dolutionären Bewegung anschliehen. Ihre Mr Aufgabe wäre gewesen, die Bahnhöfe, Telegraphen» und Telephonstationen zu be-
Man erwartet neue Verhaftungen.
Die amtritanitotn MM
!*. Washington, 4. Nov. Nach den bis« *»fsen Feststellungen haben die Demokraten »Sitze im Repräsentantenhaus gewonnen.
Sie Berbiechtk von Mette vor Gericht
Hildesheim, 3. Nov. Vor dem Hildesheimer Schwurgericht begann die Hauvtver- handlung gegen S ch l e s i n g e r und die Brüder Weber wegen des Eisenbahnattentats bei Leiferde.
Die Verhandlungen begannen mit der Feststellung der Personalien der Angeklagten, aus welchen sich ergibt, daß Otto Schlesinger Realschulbildung genossen hat und dann au mehreren Musikschulen sich dem Musikstudium widmete. Schließlich wurde er Kapellmeister am Landestheater in Altenburg, wo er sich durch sein Können Zufriedenheit erwarb. 1923 wollte er in Estland eine Musikhauslehrer- stellung annehmen, doch zerschlug sich dieser ■ Plan, worauf er in Riga als Pianist im „Tro- cadero" spielte und sich dabei so viel verdiente, daß er anständig leben konnte. Von dieser Stelle aus Bing er als Kapellmeister nach dem ßanbestbeater Neubaldensleben. Er verließ aber diese Stelle 1925 wieder und gab eine Zeitlang Hausunterricht in Klavier und Violine. Schließlich plante er eine Reise nach der Schweiz und Svanien, wo er malen wollte. 3n der Schweiz wurde er wegen Ablaufs seines Pasies ausgewiesen und von da an beginnt die schiefe Ebene.
Willi Weber ist der Sohn eines Gastwirts in Schötimar. Er besuchte die Realschule bis zur Quarta und wurde bann Lehrling bei einem Elektrotechniker. Später wechselte er öfter feine Stellung, vertrank aber meistens seinen Verdienst. Nach dem Tode feines Vaters half er der Mutter in der Gastwirtschaft Darauf stellte ibn eine Baufirma ein, bis er durch Arbeitslosigkeit in schlechter Gesellschaft die Technik des Einbrechens lernte.
Der Musiker Walter Weber war ursprünglich in einer Wäschefabrik in Herford, bat sich aber ebenfalls für Musik sehr interessiert. So hat er später in Salzuflen als Pianist sich feinen Lebensunterhalt verdient. Auch er war in die Schweiz gereift, von wo er vollständig mittellos wieder in die Heimat zurückkehrte und von feinem Onkel, der das väterliche Gasthaus übernommen hatte, aus dem Haufe gewiesen wurde. Sodann begann auch für ihn ein Vagabundenleben mit gelegentlicher Arbeit. In einem Obdachlosenasyl lernte er Schlesinger kennen.
Nach einer kurzen Pause begann die Vernehmung der Angeklagten über die Vorbereitungen des Verbrechens. Schlesinger schildert die Sache so ,daß er auf seiner Wanderung, auf der er mit Windmann und Walter Weber zusammengetroffen sei, seine Kameraden von einem Verbrechen habe sprechen hören.
Die Anregung zu einem Verbrechen sei aber nicht von Schlesinger ausgegangen. Auf ihrer Wanderung sei wiederholt vom Stehlen und von Ueberfällen auf Autos die Rede gewesen.
Dabei habe Schlesinger ironisch erklärt, dann könne man ja einen Eisenbahn»«« ebensogut überfallen wie ein Auto.
Der Präsident des Gerichtshofes hält dem Angeklagten vor, daß Walter Weber diese seine Aeutzerungen sehr ernst genommen habe. Auf der weiteren Wanderung habe Walter Weber bei einem Gespräch über die Beraubung eines Eifenbabnzuges die technische Erklärung für die Zugentgleisung gegeben. Bis Paderborn sei aber von der Sache nicht viel gesprochen worden. Walter Weber habe vorgefchlagen, mit einem derartigen Anschlag so lange zu warten, bis sein Bruder ■aus der Strafanstalt entlasten wäre.
Schlesinger habe an einem Morgen, als sie auf dem Jahrmarkt in Paderborn Musik machten, den Plan entwickelt, einen Eisenbahn,ug zur Entgleisung ,n bringen und bann den Postwagen zu berauben.
An die Beraubung der Reifenden habe er gar nicht gedacht. Die Entgleisung sollte durch Lockern^ einer Schiene berbeigefübrt werden Ende 3uli stieß der inzwischen freigelafienc Willi Weber zu den beiden Wandernden. Mit ibm wurde der Plan weiter besprochen. Sie unterhielten sich darüber, wie sie das geraubte Geld verwenden wollten. Willi Weber z. B. wollte davon weiter studieren. Bei der Ankunft in Hannover wurde neuerdings der Plan erörtert, wobei einer auf den Gedanken gekommen fei.
an Hand eines Kursbuches festznstellen, welche Zeit für ein Attentat am geeignetsten wäre.
Willi Weber fei ohne Aufforderung an die' Fahrplgntafel gegangen und habe sich Zuge
notiert. Die Angeklagten hätten es dann besonders auf den Zug Warschau—Paris abgesehen. Schlesinger hatte damit gerechnet, daß der Zug vor der abgerissenen Schiene abbrem- sen würde. Dann würden vermutlich die Reisenden aussteigen, um sich nach der Ursache des plötzlichen Hallens zu erkundigen. Während dieser Zeit wollten die drei den Postwagen berauben. Sie wollen den Plan aber nicht logisch durchdacht haben. Jedenfalls sei ihnen aber kein anderer Ausweg geblieben, um wieder hoch zu t mmen, als eine Verdrehen zu begehen. Schlesinger habe sich wie ein Ertrinkender an das letzt- geklammert. An Hand einer Eisenbahnlandkarte, die auf dem Richtertisch leg. wurde dann der Ort bestimmt, wo das Attentat stattfinden sollte. Man konnte von dort sehr leicht nach dem Walde gelangen, wahrend eine Straße nach Balldorf lief. Sie hatten auch Skizzen entworfen, von denen eine beiden Akten liegt.
Zu bemerken ist, daß Schlesinger, der einen sympathischen Eindruck macht, seine Auslagen klar und deutlich macht und sehr geständig ist. Walter Weber hatte Schlesinger einen Terzerol-Revolver gegeben, mit dem dieser im Notfall einem Verunglückten den Rest geben sollte. Den Revolver hat Schlesinger m Lehrte weggeworfen. Nach dem Perteilungsplan
wollten sie etwa 20 000 Mark erbeuten
.unb.uuter sich teilen, Hint»>- Lehrte fanden die drei einen Bremsklotz und einen Hemmschuh.
Um 11.55 Uhr tritt eine kurze Pause von 10 Minuten ein.
Schlesinger geht dann auf die Tat selbst ein. Es wurde eine Tafel im Gerichtssaal ausgestellt, die eine genaue Skizze des Attentatsortes aufzeigt. Am 10. August kauften die Attentäter zwischen Leiferde und Meinersen Aluminiumtöpfe und Lebensmittel. Am Bahndamm, 1,5 Kilometer östlich der Oker fanden sie am 11. August Werkzeuge. Schlesinger fühlte sich aber zu schlapp, um etwas zu unternehmen. Dann wanderten die drei nach Braunschweig, wo sie einen Tag weilten. Sie nächtigten dort auf freiem Felde. Nachdem sie sich dort einen Hemmschuh besorgt hatten, wanderten sie wielee zum Tatort und waren am Ab nd des 14. August dort angelangt. In der Nacht vom 17. zum 18. August haben sie einen Versuch gemacht, um einen Zug zum Entgleisen zu bringen. Schlesinger gab nun eine erschöpfende Erklärung, wie das Verbrechen vor sich ging.
Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie nicht g keich an ein Eisenbahnattentat gedacht hätten, erwiderte Schlesinger, er habe sich schwere Vorwürfe darüber gemacht, sei aber unfähig gewesen, logisch zu denken. Man habe auf einen Geldtransport gehofft und geglaubt, mehrere hunderttausend Mark zu erbeuten. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob man nicht auch an die Reisenden gedacht habe, erwiderte Schlesinger, daß man geglaubt habe, auch eine Handtasche zu erreichen. Schlesinger gab dann folgende
Darstellung des Attentats:
Wir wandern mit dem Bremsklotz und dem Stollen in die Gegend von Meinersen, wo sich Willi Weber an der Eisenbahnstrecke schlafen legte, während ich den günstigsten Moment für die Tat suchte. Jedoch wir stellten fest, daß dem Luxuszug Warschau-Pari s gleich ein Schlafwagenzug folgte. Auf eine Vorhaltung des Vorsitzenden erklärte er, über die Geschwindigkeit des D-Zuges am Tatorte habe er sich keine Gedanken gemacht. Er habe eben überhaupt nur mitgemacht, um sich nicht den Vorwurf machen zu müssen, datz er sich jetzt scheue. Er fei geistig völlig abgestumpft gewesen. Auf die Frage, warum sie überhaupt nicht von dem Plane Abstand genommen hätten, weil sie so abgespannt waren, sagte Schlesinger: „Die ganze Tat steht heute wie ein Rätsel vor mir." Die Werkzeuge, z. B. den Wellenschraubenschlüssel, hätten sie am Bahndamm gefunden. Den Hemmschuh, den Bremsklotz und den Schraubenschlüssel hätten sie auf die Schienen gelegt, und zwar habe diese Pyramide Willi Weber errichtet.
Der Cberftaateantoalt, der an Ort und Stelle den Aufbau angesehen hat,, demon
striert dem Gericht, wie Willi Weber das gemacht hat. Schlesinger fuhr fort:
Der Zug fuhr aber ohne weiteres durch: es sprühten nur ein paar Funken.
Darauf hat Willi Weber den Vorschlag gemacht, doch durch Lockerung von Schienen ben Zug zur Entgleisung zu bringen. Vorher verbargen sie etwa hundert Meter vom Tatort entfernt das Gepäck. Um 12 Uhr nachts fingen sie an, die Schrauben zu locker n. Die ganze Sache habe 15 bis 20 Minuten gedauert. Ich hatte dabei die Vorstellung, die vielleicht heute ganz sinnlos erscheint, datz der Zug einfach herausfiel und stecken bleiben würde. Wir dachten damals immer wieder: der Zug bleibt stecken, die Reisenden steigen aus und wir können den Postwagen berauben. Daran, datz Postbeamte im Postwagen wären, haben wir nicht gedacht. Als wir die Schienen lockerten, kam mir zum ersten Mal der Gedan ke, datz wir eine schlechte Tat vorhatten, einen Verlust von Menschenleben haben wir nicht gedacht. Trotzdem wollte ich den Plan aufgeben und erklärte Willi, wir müssen die Schienen wieder zusammenschrauben und gehen dann einfach weg. Willi Weber sagte:
Jetzt kommt noch ein anderer Zug hinterher .Jetzt mutz der entgleise».
Ich selbst habe aber an den Schienen nichts mehr gemacht, konnte jedoch auch nicht verhindern, datz die Schienen nicht wieder ..zusammengesetzt wurden, weil unmittelbar darauf der Zug ankam und entgleiste. /
Wir hörten ei« Klirren von Scheiben itub Schmerzensschreie.
Es war eigentlich im Verhältnis zu dem großen Unglück keingrotzerKärm. Datz dabei Wagen umgefallen waren, wußten wir gar nicht. Wir flüchteten sofort und hörten in der Ferne nur noch das Signalpfeifen der Lokomotive. Als der Vorsitzende daraus hinwies, daß sie also den Plan der Beraubung gar nicht ausgeführt hätten, erwiderte Schlesinger:
In dem Augenblick, in dem wir hörten, datz jemand schrie, dachten wir gar nicht mehr an diesen Plan.
Ich war kolossal erschöpft und wir sind gleich weggesprungen. Schlesinger gibt weiter an, er habe erst acht Tage nach der Katastrophe, als er in Berlin vernommen wurde, erfahren, welchen Umfang sie gehabt hat. Der Vorsitzende versucht dann zu erforschen, ob schon vor dem Attentat daran gedacht worden war, datz dabei Menschen getötet oder verwundet werden könnten. Der Angeklagte Schlesinger bestreitet das.
Als zweiter Angeklagter wird Willi Weber vernommen. Er bestätigt im wesentlichen die Darstellung Schlesingers. Zuerst habe er in Herford von dem Plan einer Zug. entgleifung gehört, hätte mit seinem Bruder aber nie darüber gesprochen.
Vorsitzender: Ist das wahr? Auf Grund der Akten hat man den Eindruck, als ob Sie Ihren Bruder schützen wollen.
Angeklagter Willi Weder: Das ist nicht der Fall. Wir befanden uns in größter Notlage und ich sagte zu Schlesinger: Wir müssen etwas unternehmen, damit es uns besser geht. Schlesinger erwiderte: Wir können einen Zug entgleisen lasten und dann den Postwagen berauben.
Ich machte dann den Vorschlag, einen Hemmschuh zu verwenden, während Schlesinger mehr sür eine Lockerung der Schienen war.
Ter Angeklagte erklärte bann nochmals ausdrücklich, daß sein Bruder Walter nicht» von der Tat gewußt hat.
Er bestreitet ferner die Angabe Schlesingers, daß dieser nach dem Mißlingen de» ersten Anschläge» das Attentat überhaupt nicht mehr wollte.
Schlesinger habe vielmehr fortgesetzt und unmittelbar nach der Tat gesagt: Wir wollen zurückgehen und sehen, ob auch etwas pas- fiert ist.
Als letzter Angeklagter wird bann Walter Weber vernommen. Er bestreitet, jemals