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Dienstag, 6tn L Rvvbr. 1926

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Rkltt Krise in Pelen

Pilsudski droht mit Auflösung des Sejm.

Zm Zusammenhang mit der Wiederer- Sffnung des Sejm wird unter den Parla­mentariern. die bereits in Warschau ver­sammelt sind, bereits von einer Regie­rungskrise gesprochen. Als erster Konflikt Wischen Sejm und Regierung wird die gestern an den Sejmmarschall gerichtete Forderung Pilsudski betrachtet, daß wäh­rend der Verlesung des Eröffnungs-Dek­rets sämtliche Sejmabgeordnete aufstehen sollen, gleichgültig ob der Stadtpräsident persönlich die Tagung eröffnet, oder die Botschaft von jemand anderes verlesen werde Diesem Verlangen widersetzen sich die meisten Parteien: am einmütigsten in ihrem Widerstand gegen diese Anordnung sind di? Eruppen der Linken und vor allem die Sostialsemokraten, die von einem neu­erlichen Versuch der Minderung des An­sehens der Volksvertreter sprechen. Dessen ungeachtet besteht Ministerpräsident Pil­sudski fest auf seiner Forderung und scheint, wie die Morgenblätter mitteilen, sogar entschlossen zu sein, sofern der heute mittag in dieser Angelegenheit zusammcn- tretende Aeltestenrat des Landtags sich seinen Wünschen widersrtzen sollte, die Konsequenzen zu ziehen, was nach be­stimmt umlaufenden Gerüchten nichts an­deres als die Landtagsauflösung bedeuten würde.

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MWkWtei-AuWliß der zeiurumsvkitlki -

68 ist eine bekannte Tatsache, bah unter den üblichen politischen Kundgebungen die­jenigen »er Zentrumspartei in der ganzen Veffentlichkeit mit besonderem Interesse ver- folgt werden. Das liegt daran, dah auch heute noch, die deutsche Zentrumspartei — im Reich und in den Ländern — ein Faktor tst ,der alle politischen Entscheidungen auf das Nachhaltigste beeinfluht.

Am Sonnabend und Sonntag hatte die Zentrumspartei ihren Aeichspartei- A u s s ch u h nach Erfurt einberufen. Der Tagung kam diesmal erhöhte Bedeutung zu, well man sich entschlossen hatte, in diesem Jahre keinen rFfiziellen Parteitag abzuhal- ten . Aus diesem Grunde hatte man den Rahmen der Tagung des Reichspartei-Aus- schusfes diesmal erheblich weiter als sonst üblich ist, gesteckt. Auher Reichskanzler Marx nahmen sämtliche dem Zentrum ange­hörige Minister des Reiches und der Länder an den Beratungen teil. Der Reichskanzler gab das bereits gestern von uns veröffent­lichte Referat über die gesamte politische Lage. Er betonte besonders stark den Charakter der Zentrumspartei als einer ausgesprochenen Verfassungspartei. In einer Ent- schliehung wurde die grundsätzliche Stellung der Zentrumspartei zum Staate dahin fest­gelegt ,dah die Zentrumspartei zum Staate dahin festgelegt, dah die Zentrumspartei sich zur Weimarer Berfa ssung bekenne und in der deutschen Republik die Staats­form erkennen, auf deren Grundlage allein .Einheit und Unversehrtheit des Deutschen Reiches und der Wiederaufstieg des deutschen Volkes erreicht werden" könne. 3n bemer­kenswerten Ausführungen nahm der Kanzler am Sonnabend zu den sogenannten politischen Kampfverbänden Stellung. Seiner grundsätzlichen Auffassung entsprechend, wandte er sich scharf gegen die Organisationen.

In der Wirtschaftspolitik wird das Zentrum nach den in Erfurt gefahren Ent- schliehungen eine Politik des wirtschaftlichen Mnb sozialen Ausgleichs verfolgen. Aach einem Bortrag des Reichslagsabgeordneten Esser wurde von der Berfammlung einmütig festgestellt. „daß der Reichspartei-Ausschuh der Zentrumspartei nach wie vor in der Er­haltung möglichst vieler selbständiger Existen­zen in der Wirtschaft eine der wichtigsten Auf­gaben der deutschen Innenpolitik sehe". Reichs­regierung und Parlamente werden ersucht, .den Mittelstand, den Einzelhandel, das Handwerk und Gewerbe tatkräftig zu fördern und zu stützen, insbesondere auch auf E r - keichterung der übermäßigen Eteuerbelastungen und vermehrte Echafsfung von Arbeitsgelegenheit hinzuarbei­ten und durch Stärkung des inneren Marktes die Lebensmöglichkeit des Mittelstandes zu bessern".

Zu der Auhenpolitik wurde gleichfalls ht zwei Entschließungen Stellung genommen.

MsfchMßMMN in Mmren

EjMrusung des großen saWWchen Rates

fk. Bologna, 2. Nov. Die Präfektur teilt weitere Einzelheiten über den Verüber des Anschlags aus Mussolini mit:

Der Täter Anteo Zamboni ist un- .

gefähr 18 Jahre all.

Sein Vater ist Buchdrucker und wohnt in Bo­logna. Anteo, der seit längerer Zeit einer faschistischen Iugendorganisa- tionangehört, war in der letzten Zeit die­ser Organisation fern geblieben. Sein Vater war früher Anarchist gewesen. Seit vielen Jahren aber entwickelte er anscheinend keine umstürzlerische Tätigkeit mehr. Die eingelei- tete Untersuchung soll eventuell weitere Zu­sammenhänge aufdecken.

Anläßlich einer faschistischen Kundgebung für Mussolini sagte der Generalsekretär der faschistischen Partei in einer Ansprache u a.: Die Faschisten wollen die Todes­strafe nicht nur für den, der das letzte At­tentat verübt hat, sondern auch für die, d i e ihn dazu verleitet haben. Er werde im großen faschistischen Rat fordern, daß die To­desstrafe auch sofort auf Zanibani. La­tz e l l o und L u z e t t i Anwendung findet. Die faschistischen Führer verbieten in einem Aus­ruf jede Gewalttätigket und drohen für den Fall von Ausschreitungen mit Ausschluß aus der Partei und gerichtlicher Verfolgung. Das französische Konsulat wurde streng bewacht.

In Bologna ist es aber bereits zu schwe­ren Ausschreitungen gegen die Redaktion und Druckerei des „Monte voee Repu- blieana" gekommen. Die Parteilo­kale der Maximalsten und der Unitarier sowie der Republikaner wurden verwü­stet. In Mailand wurde die Druk- kerei des „Avanti" und der „Unito“ zerstört.

Auch aus Ventimiglia wird berichtet, daß die Faschisten anläßlich des jüngsten Attentats ge­gen Mussolini dort eine Kundgebung veran­staltet hätten. Ein französischer Eisenbahner habe in dem Augenblick, als die faschistische Hymne gespielt wurde, nicht sofort seine Kopf­bedeckung abgenommen, worauf die Mani­festanten gegen den Eisenbahner und seinen Kollegen vorgingen.

Die Faschisten hätten dann vor dem fran­zösischen Konsulat eine Kundgebung ver­anstaltet.

Einige Faschisten seien gewaltsam in das Kon­sulat eingedrungen und einer von ihnen habe vom Balkon eine gegen Frankreich gerichtete Ansprache gehalten.

fk. Rom, 2. Roo. Für den 5. November wird der große Rat der saschistischen Partei einberufen. In Rom ist die Legion der Miliz mobllistert worden.

von denen eine verlangt, dah die fremde Be­satzung im Rheinland möglichst bald v o li­st ä n d i g zu verschwinden habe. In einer anderen Resolution wird gefordert, »dah die Regierung sich mit aller Tatkraft dafür ein­setzt, dah das in Thoirh begonnene Werk der Berständigung mit Frankreich als Aus­gangspunkt und Voraussetzung einer Befrie­dung Huropas zu einem befriedigenden Ende geführt" werde.

Die Koalitionsfrage wurde in den Debatten ebenfalls recht lebhaft erörtert. Zu einer abschließenden Stellungnahme ist aber der Reichspartei-Ausschuß der Zentrumspar­tei in dieser Frage nicht gelangt.

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Da. .-Mis der MM in Sachsin

Das Ergebnis der sächsischen Landtags­wahlen am Sonntag hat die erwartete Klä­rung der innenpolitischen Lage in Sachsen nicht gebracht. Zwischen den beiden Haupt­gruppen der sächsischen Landtagsparteien, die aus den sozialistisch-kommunistischen auf der einen Seite gebildet werden, ist eine we­sentliche Verschiebung des Stärkeverhült- nisses nicht eingetreten. Mann kann nur von einer geringfügigen Zunahme der bürger­lichen Gruppen' gegenüber der sozialistisch- kommunistischen Gruppe sprechen. Da aber der Kampf gar nicht so sehr um die Parole sozialistisch oder bürgerlich ging, sondern um den Meinungskampf vor allem innerhalb der sozialistisch-kommunistischen Gruppe, so be­deuten die sächsischen Landtagswahlen in erster Linie eine Stärkung der radikalen Linksparteien, der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei, während der abgesplitterte rechte Flügel der Sozialdemo­kraten eine starke Niederlage erlitten hat. In­nerhalb der bürgerlichen Parteien ist ein Rück­gang aller rein politischen Parteien zu­gunsten j>er wirtschaftlichen Son» vergruppen zu verzeichnen. An dieser Stärkung der rein wirtschaftlichen Gruppen, Wirtschastspartei und Aufwertungspartei, ha­ben sowohl die Deutschnationalen tote die Volkspartei und die Demokratische Partei bei­tragen müssen . Die Deutschnationalen haben auherdem einige Mandate an dte Völkischen verloren, während die Hausbesitzergruppe völlig leer ausgegangen ist.

Wie gesagt, bringt das Ergebnis der sächsischen Landtagswahlen keine Klärung der innenpolitischen Lage Sachsens. Die Schaf­fung der Großen Koalition scheint an­gesichts der Stärkung des radikalen Flügels der "Sozialdemokraten ziemlich ausfichts-

l b s. Die aussichtsreichste Lösung wäre eine Koalition sämtlicher bürgerlicher Parteien von den Demokraten bis zu den Deutschnationa­len. Es handelte sich dann zwar um eine Minderheitsregierung, die parlamentarisch nur regieren könnte mit wechselnder Unterstützung seitens der Altsozialisten bezw. der National­sozialisten . Da das Ergebnis ,vor alem die Mandatsverteilung jedoch noch nicht endgültig feststeht, so können sich noch leichte Verschie­bungen ergeben.

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Mer getonte

London, 11. Novbr. (WTB.) Die „Daily News" schreibt, es werde allge­meines Bedauern in London herrschen, daß Dufor Feronce, der Botschaftsrat der deutschen Botschaft in London, welcher zum Unterstaatssekretär in Genf ernannt wurde, London verläßt. Das Blatt bemerkt, Dufour habe sich ruhig und beharrlich der Aufgabe gewidmet, die englisch-deutschen Beziehun­gen zu bessern. Er sei für eine solche Arbeit ausgezeichnet geeignet. Wenige Deutsche besäßen eine intimere Kenntnis des eng­lischen Lebens. In allen seinen Teilen habe er das Verständnis, das den Mann vor Irrtümern in psychologischer Beurteilung bewahrt, denen einige der klügsten Männer seiner Rasse unterliegen würden. Es sei gut, sowohl für Deutschland als auch Eng­land, daß ein Mann von so viel Klugheit, Verständnis und Geduld unter den Ver­tretern Deutschlands beim Völkerbund sei.

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Die tuäiiithtn ©emeinieitüen

fk. London, 2. Nov. Nach den um 12 Uhr nachts vorliegenden Ergebnissen der englischen Ecmeinderaiswablen ist der Stand der Par­teien folgender: Arbeitervartei 147 Ge­winne, 8 Verluste: Konservative 18 Ge­winne, 87 Verluste; Liberale 7 Gewinne, 56 Verluste; Unabhängige 19 Gewinne, 3-1 Verluste.

In Birmingham gewinnt die Arbeiter­varlei 8 Sitze, in Nottingham 5 Sitze und in Bootle 2 Sitze.

Sn dem neugeschaffenen Wahlkreis Ttoickeuham dagegen wurden 19 Kon­servative und 5 Unabhängige gewählt, wäh­rend 14 Arbeiterkandidaten unterlagen. Das Arbeiterblatt „Daily H e r a l d" schreib»: Die vernichtende Niederlage, die die Konser­vativen . erlitten haben, sollte dem Premier­minister und seinen Kollegen zu denken geben.

Der llitottieuntoott

Seit Jahresfrist zum dritten Mal haben Menschenhände das Leben Mussolinis an­zutasten versucht. Im Sommer war es be­kanntlich eine vom religiösen Wahnsinn erfaßte Engländerin, Miß Gibson, die den Revolver gegen den Duce erhob, einige Monate später schleuderte ein Italiener eine Bombe gegen den Wagen des Fa­schistenführers. And jetzt ein Ißjähriger Faschist versucht, den Duce auf offener Straße inmitten einer ihm zujubelnden Menge zu erschießen. Die Schüsse und die Bombe haben ihr Ziel stets verfehlt, Mus­solini blieb unverletzt.

Man muh das italienische Volk kennen, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wir­kungen solche Vorfälle auslösen mußten. „Il duce non pou morir!" Der Duce kann nicht sterben. Das ist kein faschistisches Schlagwort, das ist eine Gewißheit, eine felsenfeste Tleberzeugung, ein Dogma, an dem es nichts zu rütteln gibt. Ist es Aberglaube, ist es eine Hinneigung zum Mystischen, was diesen Glauben schaffte? Das ist schwer zu sagen. Die Seele des italienischen Volkes ist uns fremd. Wir kennen nur ihre Leidenschaft, ihr südliches Temperament, ihre Degeisterungsfähigkest und schließlich auch ihre Fähigkeit, Opfer auf sich zu nehmen, zu leiden.

Wenn man diese Verehrung, diese über­schwengliche Begeisterung des Volkes für den jetzigen Lenker der italienischen Staatsgeschicke kritisch bewerten will, so hat man zunächst festzustellen, daß dieser Mussolini - Kult nicht allein einem Führerkult entspringt, sondern daß sie mehr schon Produkte eines Willens des Duce selbst find. Mussolini will diese Begeiste­rung, heischt diese Verehrung, will selbst Ideal sein. Seme Reden, seine Gesten, seine Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, seine ganze Persönlichkeit verschmelzen insgesamt zu seinem Willen, dem italienischen Volke das zu sein, was ihm früher die Helden seiner Antike waren.

Man könnte geneigt sein, zuweilen anzu­nehmen, dah die schauspielerische Bega- bung des Duce das überwiegende Moment seiner Ratur wäre. Eine solche Annahme ist falsch. Mussolini ist eine Persönlichkeit. Denn die Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, diese souveräne Verachtung vor dem Tode sind keine Erscheinungen lediglich geboren aus einem Schauspielertum. lieber sein Mannestum, seine Führerschaft hat er Pro­ben abgelegt.

Mussolini will Großes. Will sein Volk einer Zukunft entgegenführen, die sich be­herrschend auf die Geschicke Europas, ja der ganzen Welt auswirken soll. Das Ziel ist gewaltig. Aber jedes Ziel hat sich auf Voraussetzungen aufzubauen. And an die­sen Voraussetzungen fehlt es.

Der Ausgang des Weltkrieges hat Ita- lien zwar einen ungeahnten und nicht er­hofften Sieg bescheert. Der Friedensschluh gab ihm eine Ausdehnung seines Macht­bereiches, die beachtenswert ist. lind schließlich, was vielleicht das Wichttgste ist, eine polittsche innere Einheit, die wohl nach außen hin sich kraftvoll gestalten könnte, wenn es den Lenkern des faschistischen Ita­liens gelingt, ihren Faschismus über alle drohenden Klippen hinweg zu einer un­verrückbaren gültigen Staatsform zu ver­ewigen.

Eine solche Verewigung des Faschismus wäre wohl denkbar, wenn er nicht so über­spannt wäre, so rücksichtslos, so unver­gleichlich machtpolitisch und chauvinistisch. Rach einem alten Gesetz erzeugt Druck immer Gegendruck. Dah im italienischen Volke starke Kräfte sich regen, die diesen Faschismus Hinwegfegen wollen, ist be­kannt. Bis zu welchem Fanatismus sich diese revolutionäre Erscheinung auswirkt, ließen die Schüsse erkennen, die gegen Mussolini gerichtet waren. Drei Attentate in einem Jahr, das ist ein bedenkliches Zeichen.

Richt allein bedenklich für das Leben des Duce, bedenklicher für den Faschismus selbst. Denn die Schüsse sollten nicht den Menschen Mussolini treffen, sie sollten die