Montag.
len 25. Oktober 1926
«jMctWUW« Sdtimg* et- fchctnl sechsmal wöchentlich. Ne- HvgSprriS monatlich 2 DM. «ms- schließl. ZustellungSgebützr, durch di«Post2L5 SM.Für etwa infolge Streiks, Maschinendefekt« oder elementarer Lrcigniffe ausfallend« Kummern wich kein Ersatz geleistet. «erlag b. Dr. $. Dchervkb, Druck der Unib.-Buchdruckerei b. Job- Ang. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54. u. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M- Nr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und
1 Uhr.
iDbcthcfhW
MmbMgtt ja V| * HM ww* wmwt JT ■ 17 ■ ■ H H ■ ■ ■ ■ tonteWnw
Ak. 251 61. M» Vlgrbmo n. iwis»
Ser AneetgachretS tetrSgt fit bat 10 gtftratt» ZEArumMmMm 0,0g O9U ttctitt OoMfcigfli 0.06 SSL, amtliche ** «*► dxirtig« Anzeigen 0.10 SM. Set schwierigem Satz sowie bet Platzdorschrift Wf, Aufschlag. - Sasmelanzelgen 100 *f. Anh schlag. Reklame» der Milldn. 0,40 SM. Jeder Rabatt gilt als Larrabati. Ziel 5 Tag«. Lelege werden berechnet, ebenso Auskunft durch die SeschLftsstell« und Zusendung der Angebote. Ev> füllungsort Marburg.
1 Soldmark = ^Dollar.
Anzeigerjurldasstüher kurhessMe)Gberhesser^-> Amtlich es Verkünüiguntzsblatt für dkrttsülarsimg
Sie KannlbrnivrMe ter ReMregtenmi .
Am Montag erfolgt der erste Spatenstich am Mittellandkanal. Das Reichskabinett hat auf Antrag des Reichsverkehrsministers beschlossen, das Ende der Einigungsverhandlungen zwischen Preußen und seinen Provinzen nicht abzuwarten, sondern auf eigenes Risiko den Beginn der Bauarbeiter: anzuordnen. Wit diesem Beschluß wird das erste Kanalbauprojekt, wie es im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Reichsregierung vorgesehen ist, der Ausführung entgegengehen. Bekanntlich sieht dieses Arbeitsbeschaffungsprogramm eine ganze Reihe weiterer Kanalbauten zum Ausbau des deutschen Wasserstraßennetzes vor. Cs ist bekannt, daß die preußische Regierung den Kanalbauprojekten der Reichsregierung nicht allzu sympathisch gegenübersteht. Bor allem wendet sich diese gegen jene Kanüle, die in erster Linie dem Koh- lentranSport dienen werden, obwohl gerade diese Kanalprojekte im Vordergrund des Kanalbauprogramms der Reichsregierung stehen. Die preußische Regierung stützt ihre Gegnerschaft gegen die Kohlenkanäle darauf, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit mit einer völligen Umgestaltung der gesamten Kohlenwirtschaft zu rechnen sei. Das Problem der Verflüssigung der Kohle gehe immer weiter seiner Losung entgegen, so daß nach preußischer Auffassung in nicht zu ferner Zest die Verlegung von Rohrleitungen notwendiger werde als der Dau von Kanälen zum Transport der Kohle würde. Die preußische Regierung wünscht statt des jetzigen Ausbaues des deutschen Wasscrsttahennetzes die Bereitstellung größerer Mittel für die Durchführung eines großzügigen Meliorationsprogramms einmal zur Verbesserung der Wasserwirtschaft und zur Hebung der Produktivität des Kulturbodens, zum andern zur Gewinnung neuen Ackerlandes und zum Schutze gegen Heber» schwemmungen. Hierfür sind bekanntlich 300 Millionen erforderlich. Entsprechende Anträge zur Gewährung von Reichsmitteln sind auch bereits gestellt worden.
Nachdem sich in der vergangenen Woche der Verkehrsausschuß des Reichstages jedoch für den Ausbau des Wasserstraßennetzes ausgesprochen xunb bestimmte Projekte dringend zur Ausführung empfohlen hat, dürfte der preußische Widerstand kaum noch die Durchführung dieser Projekte aufhalten können. Im Vordergrund stehen, wie schon erwähnt, die nordwe st deutschen Kanalbauprojekte, vor allem das des Aachen- Rhein-Kanals und das des Dortmund- Eins-Kanals. Die süddeutschen Kanalprojekte sind dagegen mehr in den Hintergrund gerückt worden. Am Freitag ist eine Abordnung der Saarwirtschaft unter Führung des saarländischen Großindustriellen Dr. Hermann Röchling vom Reichsverkehrsminister empfangen worden, um diesem das Projekt eines Saar- Pfalz-Kanals zg unterbreiten. Damit fft diese Kanalfrage, die seit einigen Wochen die Saar- und Pfalzwirtschaft außerordentlich beschäftigt, zum ersten Male an das Deichsverkehrsministerium herangetragen worden. Welche Stellung das Mniisterium zu diesem Kanalbauprv- jekt einnehmen wird, ist noch nicht bekannt. Zunächst ist natürlich erforderlich, daß das Projekt von den zuständgien Ressorts nach seiner technischen, wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Seite hin genau geprüft wird, um die Durchführbarkeit desselben festzustellen. Immerhin glauben wir nicht, daß dieser Kanal schon in nächster Zeit irgendwie ernstlich in Erwägung gezogen werden wird, um so weniger, als seine Durchführung die Zustimmung der Saarregierung erforderlich macht. Rach unseren Informationen handelt es sich um ein Projekt, das erst zur Ausführung kommen soll, wenn die Rückführung des Saargebietes nach Deutschland auf Grund der -ur Zeit zwischen Deutschland und Frankreich geführten Verhandlungen ihre Er-1
zmisttzimg der Mlw-WM Eine zuiammenkllnft Sireiemann-Musielini?
Berlin, 23. Okt. Wie bereits gemeldet, hat der deutsche Botschafter in Pari», Baron von H o e s ch, alsbald nach seiner Rückkehr eine Besprechung mit dem politischen Direktor am Ouai d'Orsay, Berthe l o t, und mit dem franzöfischen Außenminister B r i a n d gehabt. Entgegen anders lautenden Meldungen wird von zuständiger Stelle mitgeteilt, daß die B e r Handlungen der Botschafterkonferenz über die deutsche Entwaffnung bei dieser Besprechung keine Rolle gespielt haben. Es ist bemerkenswert, daß auch von französischer Seite jetzt die Unrichtigkeit der Havas- darstellung über diese Berhandlungen der Botschafterkonferenz zugegeben wird. Cs wird sogar ausdrücklich bestätigt, daß die Botschafterkonferenz in ihrer letzten Sitzung überhaupt keine Beschlüsse gefaßt habe. Es bleibt also zunächst abzu- warten, welche offizielle Darstellung di« Botschafterkonferenz in dieser Angelegenheit, die in der deutschen Oeffentlrchke'tt so viel Staub aufgewirbelt hat, geben wird.
Die erwähnte Besprechung unseres Botschafters in Paris bezog sich, wie von unterrichteter Seite betont wird, lediglich auf die Durchführung der in Thoiry zwischen Stresemann und Bri. and besprochenen Gedanken Es verlautet, daß die Besprechungen durchaus so verlaufen sind, wie es die deutsche Regierung gehofft hatte. $on keiner Seite sind irgendwelche Abänderungsvorschläge zum Thoiry-Programm gemacht worden, da man beiderseits erst die Prüfung der
Materie durch die Sachverständigen all- warten will. Die Perhandungen der Sachverständigen gehen zwar langsam vor sich, nehmen aber, wie von maßgebender Seihe betont wird, einen durchaus befriedigenden Verlauf. Ueber die Grundprinzipien einer deutsch-französischen Verständigung besteht, wie von zuständiger Geltet weiter mitgeteilt wird, volle Uebereinstimmung zwischen dem deutschen und dem französischen Standpunkt. Das habe sich besonders in den besprochenen Verhandlungen des deutschen Botschafters ergeben. In dieser Besprechung sei auch auf beiden Seiten der feste Wille zur W e i.t.e r a r b e i t in der bisherigen Richtung zum Ausdruck gekommen.
*
B e rli n, 23. Okt. In den letzten Tagen sind verschiedentlich Nachrichten über eir^ bevorstehende Zusammenkunft zwischen Stresemann und Musiolini durch die Presse gegangen, die von Rom aus demen-, tiert werden. Tatsache ist, daß irgend-' welche Verhandlungen über eine persönliche Begegnung der beiden Staatsmänner geführt worden sind, wohl aber laufen schon seit einiger Zeit deutschitalienische Vorbesprechungen diplomatischer Art, die auf den Abschluß eines Schieds- und Freund- saftsvertrages zwischen beiden Ländern abzielen. Daß bei Fortführung dieser Verhandlungen auch Fragen politischer Art erörtert werden dürften, erscheint selbstverständlich. Ebenso wäre dann aber, daß zu einem späterer- Zeitpunkt auch eine Begegnung zwischen Stresemann und Musiolini stattfände, wie dies' ja nach d§r Zugehörigkeit Deutschlands zum Völkerbund eine nicht gar zu sensationelle Angelegenheit wäre.
ledigung gefunden hat. Auch die beson- . ders von Trier aus betriebene Kanalisierung der Saar und Mosel hat nach unseren Informationen zur Zeit keine Aussicht auf Durchführung. Immerhin ist natürlich damit zu rechnen, daß auch gerade diese Kanalpläne im Reichsverkehrsministerium sorgfältig geprüft werden, da ja grundsätzlich die Neigung besteht, Süddeutschland wie überhaupt die wichtigsten Wirtschaftszentren Deutschlands an die Hauptwasserstraße, in diesem Falle an den Rhein, heranzubringen.
—*-
®ne neue Flagge der Sowjetunion
Paris, 24. Okt. Wie die ,,Chicago Tribüne" aus Warscha» meldet, hat die sowiet- rusiische Gesandtschaft gestern angekündigt, dan die Flagge der Sowjetunion nicht mehr die rote Flagge mit Sichel und Hammer, sondern eine rot-grün« Flagg« mit goldener Umrandung und mit Sammer und Sichel im Mittelfelde sein wird. Tschitscherin, der diese Aenderung durchsetzte, hat dies damit erklärt, daß di« rot« Flagge das Symbol eines Partei- k a m v f e s fei und daher bei Strahenkämvfen verächtlich behandelt werde. Eine Grobmacht wie die Rußlands muffe aber eine Flagge haben, die Respekt einflöhe.
—*-
England und lie Botschaft«' Konferenz
London, 23. Okt. Wie der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" berichtet, besteht bei der Botschafter-Ko«- serenz keinerlei Neigung, die noch ausstehenden Verpflichtungen Deutsch- lands als eine Angelegenheit von wirklichem Ernst zu behandeln. Das große
Gewicht, das man in Frankreich diesem Punkt beigemesien habe, hab« in London überrascht. Es werde darauf hinge, wiesen, daß die Frage, ob und wann die Ueberwachung der deutschen Rüstungen der Militär Kontroll-Kommifion des Völkerbundes übertragen werden solle, nicht von der Botschafter-Konferenz, sondern von den alliierte« Regiernngen entschieden werden dürfte. Der britische Bertreter bei der Botschafter- Konferenz sei instruiert worden, alle« wei. fette Ansprüchen an Deutschland entgegenzntret e«.
-*—
Das kerndeutsche Saarbrücken
Paris, 24. Okt. Ein Sonderberichterstatter des „gjEelfior“ hat in Saarbrücken eine Enquete veranstaltet, deren Ergebnis er in folgenden Worten zusammen faßt: Ist es nicht bezeichnend, daß alle Versuche der französichen Durchdringungsarbeit in einer Stadt, in der die Franzosen sich seit acht Jahren niedergelassen haben, so von Grund auf gescheitert sind? Nur in der französischen Zei- tungsdettriebsstelle von Hachette sind fron- zösische Bücher und sranzösische Zeitungen zu haben. Wenn man in dieser Stadt von 126 000 Einwohnern, unter denen sich, wie erklätt wird, einige Tausend Franzosen befinden, spazieren geht, wird man nirgends Spuren Hrer Anwesenheit finden . Vielleicht bin ich, so erklärt der Korrespondent, allzu kategorisch, denn ich habe immerhin ein Kaffeehaus gefunden, das den Titel »Cafe de France" Mhrt, wo man aber reichlich hockcheutsch spricht, und ferner einige Zweigstellen elsässischer Danken. In Wirklichkeit mühte man bösen Willen an den Tag legen, wenn man nicht anerkennen wollte, dcch Saarbrücken eine kerndentsche Stadt ist.
Sie britische NrWkmstrm-
London. 23. Okt. (W.T.B.) Süd. afrika, der irische Freistaat, und bis ,« einem gewiflen Maße auch Kanada drängen auf der britischen Reichskonferenz auf größere Selbständigkeit der Dominion«. Australien. R e v s« e. land und Neufundland dagegen seien dafür, daß da« Reich geschlossen z« den größeren Frage« der auswär, tige« Beziehungen Stellung nimmt. I« der Frage fcee Locarnopaktes würden Australien «nd andere Dominions bereit sein, ihn zu uuterzeichnen. Weuu aber andere Dominions beschließen sollte», sich «icht daran zn beteilige«, woU le« auch fi« sich fernhalten.
♦
Hätte England von Anfang an nicht eine fb großzügige auf weite Sicht eingestellte Kolo» nialpolitik getrieben, der heutige Dominialbe. sitz des Grotz-Britannischen Imperiums roäte . in seinem Umfang .wenigstens nicht erhalten geblieben. Es war immer das ernsteste Be- strebnis des Engländers, dem kolonialen Landbesitz nicht den Charakter einer Kolonie zu geben, sondern durch Gewährung einer weitgehenden Selbständigkeit in der Verwaltung , das Eigenleben der Völker Grotz-Bri» tanniens zu erhalten.
Diese Politik hat sich bisher gut bewährt. Durch dir geldlich« Unterstützung, die dem ein. Seinen Dominion zuteil werde, ist es im Laufe der letzten Jahrzehnte gelungen, aus den einst kulturfremden Landgebieten beachtenswerte Staatengebilde zu formen. In den Dominions bildeten sich.mit der Zeit Handelszentren und 'Wirtschaftsgruppen, die an Ausdehnung tinb Kraft zunahmen und mit der Zeit sich so durch- organisierten, daß sie eine geroiffe Unabhängig, kett vom englischen Mutterland gewannen. Es kommt hinzu, daß «in großer Teil der englischen Dominions von einer allerdings sehr gemischten weißrassigen Bevölkerung verwaltet wird, die nicht englisch ist, also in Kultur und Sitte, Anschauung und Interesien wenig Zusammenhang mit dem englischen Mutterland hat. Die Buren Süd-Afrikas erwiesen sich als ein sehr lebenskräftiges Volk mit einem star. ken Heimatsgefühl, das in feinem Wesenskern wenig Aehnlichkeit mit der Mentalität des Engländers hat. Aehnlich verhält es sich mit Kanada, wenn auch das englische Element in der Bevölkerung dort stark überwiegt. Daß der Ire wenig Wesensverwandtes mit dem Engländer hat, ist bekannt.
So entwickelten sich im Laufe der Jahr- zehnte sehr starke Unterschiede zwischen den wirtschaftlichen und §anbelsintereffen der Dominions auf der einen Seite und den Groß. macht-Jnteresien Londons auf der anderen Seiht. Der Verlauf des Weltkrieges und auch fein für England günstiger Ausgang haben diese Ungleichheit nicht vermindert, sondern in einem erheblichen Matze vergrößert. Die Groß- Machtstellung Londons erfuhr durch den sieg» reichen Ausgang des Weltkrieges eine neue feste Stütze, den einzelnen Interesien. Der in ihrer Verwaltung nahezu selbständigen Dominions brachte der Sieg wenig Nutzen, obgleich die Verluste der Dominions an Blut und Kapital sehr nennenswert waren. Irn Laufe der letzten britischen Reichskonferenz vor drei Jahren versuchten sich die Selbständigkeit» tendenzen der verschiedenen Dominions bereits sehr nachdrücklich Gehör zu verschaffen. Der geschickten Berhandlungstadttk der englischen Regierung gelang es jedoch, der Konferenz eine« Abschluß zu gebe«, der die Großmächte» ziele Londons in keiner Seife verletzte.
Inzwischen hat sich jedoch auf der Welt manches geändert. Es kam Locarno «nd durch den Abschluß des Garanttepaktes eine neue Bin» düng Londons, ohne Billigung der Dominions, die bei dieser Konferenz in Locarno feldstver» stündlich nicht vertreten waren. Sicherlich wäre die britifche Reichskonserenz, die t« diesen Tagen in London stattfindet, tn diesem Jahre nicht zusammengerufen worden, wenn Locarno nicht gewesen wäre und somit die Notwendigkeit sich nicht gefunden Hüfte, die oachjrügliche Genehnüsu», her