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Dienstag, -en iS. Oktober 1926

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London, 18. Okt. Das Reutersche Büro meldet: Wie wir von einer kompe­tenten Persönlichkeit der City erfahren, wird am kommenden Mittwoch im Zu­sammenhang mit der Pariser Sitzung der -inrernationalep Handelskammer eine Er­klärung von größter Be­deutung, durch hervorragende Bank- und Geschäftsmänner aller führenden Nationen Europas und der Bereinigten Staaten veröffentlicht werden. Die betreffende Persönlichkeit fügte hinzu, daß die Lage Europas äußerst schwierig sei und dah die Mittel, diese Schwierigkeiten zu überwinden, ohne jede Verzögerung, ge­funden werden mühten. Die bisher ver­folgte Politik erhöhte die Schwierigkeiten, statt sie zu mindern. Eine völlige Kursänderung dieser Politik sei also notwendig, um den Kredit wieder herzustellen und um die grohe Entwicklung des Handels- sowie die Zusammenhänge zu schaffen, die die Lage dringend er­fordert. Nach einer ergänzenden Meldung wird der Bericht, den Sir Balfour am Mittwoch der Pariser Sitzung der inter­nationalen Handelskammer vorlegen wird, und der dann der internationalen Wirtschaftskonfcrenz des Völkerbundes unterbreitet werden soll, für den inter­nationalen Handelsverkehr wichtige Fragen behandeln, wie die Behandlung, van Ausländern, Hindernisse für den W a r e n t r a n s p o r t und finanzielle Schwierigkeiten, Preis- und Kreditprobleme, Verbote betreffend Ein- und Ausfuhr, freien Verkehr von Rohmaterialien und Ausfuhrabgabea, Zollformalitäten und internatio­nale industrielle Vereinba­rungen.

Daily News" schreibt, das Kani- f e st führender Bankiers und Industrieller Amerikas und Europas sei gestern als eines der wichtigsten Dokumente seit dem

Versailler Vertrag bezeichnet worden. Weiter erklärt das Blatt, es verlaute, daß das Manifest gleich­zeitig in London und in den Hauptstädten des Kontinents am Mittwoch morgen ver­öffentlicht werden wird. .Es verlang? die Annahme eines endgültigen Manes zur Heilung der wirtschaft- lichen liebel Europas. Es fei im- Laufe der letzten sechs Monate abgefaht worden und stelle die wohlerwogene An­sicht der besten und klügsten Köpfe der Finanzwelt dar. Man erwartet einen tiefgehenden Einfluß auf die künftige Gestaltung der finanziellen und politischen Lage der Welt. Eine hohe Finanzautorität habe gestern einem Vertreter derDaily News" er­klärt, es müsse

ein sofortiger Ausweg aus der sehr schwierige« Lage Europas gefunden werden. Die bisher von den Nationen befolgte Politik habe die Schwierigkeiten nicht vermindert, sondern vermehrt. Ein vollständiger Wechsel der Politik sei notwendig, um den Kredit wieder herzustellen und den Handel und die Einnahmen zu ver­größeren. Die ganze Bedeutung des Manifestes werde begriffen werden, wenn die Namen und der Stand der Unterzeich­ner bekannt fein werden.

Aus tem Molt

ff. Berlin, 19. Oft. In der angefündigten internationalen Kundgebung der Wirtschafts- führer von 16 Staaten beißt es u. a.;Wir wünschen als Geschäftsleute, die Aufmerfsam- feit auf gewisse beunruhigende Zustände zu lcnfen, die unserem Urteil nach der Rückkehr zum allgemeinen Wohlstand im Wege stehen. Man kann nicht ohne Bedenken mit ansehen, in welchem Ausmaße Tarifbarrieren, Svezial- lizenzen und Verbote seit dem Kriege sich in den internationalen Handel eingeschoben und seinen natürlichen Ablauf behinderten. Nie­mals hatte es der Handel notwendiger als beute, von solchen Einengungen frei zu sein, um den Handeltreibenden zu er­möglichen, sich den neuen und schwierigen Be­dingungen anzupassen. Der Zusammenbruch von großen politischen Gebietseinheiten in Europa war ein schwerer Schlag für den inter­nationalen Sandel. Innerhalb weiter Gebiete, deren Einwohner bis dabin ihre Produkte im freien Handel ausgetauscht hatten, wurden neue Grenzen errichtet, die durch Zoll­gesetze eifersüchtig gesperrt werden. Alte Märkte verschwanden. Rassengegensätze konnten Gemeinschaften ausLinanderreißen, deren In­teressen untrennbar miteinander verwoben waren. Um diese neuen Grenzen in Europa zu verteidigen, wurden Lizenzen, Tarife und Verbote eingeführt, deren Resultate sich für alle Beteiligten bereits als höchst nachteilig er­wiesen. Sinter den Zollmauern wurden neue Lokalindustrien begründet, die infolge der Kon­kurrenz nur dadurch am Leben erhalten werden konnten, daß die Zollmauern noch höher wuchsen. Eisenbahntarife, die nach politischen Ueberlegungen festgesetzt sind, machen Transit­verkehr und Frachttransporte schwierig und teuer. ' J

Eine künstliche Teuerung ist hervorgerufen worden. Die Produktion als Ganzes ge­nommen ist zurückgegangen.

Die Kredite haben sich verringert und der Geld­umlauf hat abgenommen. Zu viele Staaten haben die gemeinsamen Interessen der Welt außer acht gelassen, indem sie ihre kommer­ziellen Beziehungen auf die ökonomisch unsin­nige Basis stellten, allen Sandel als eine Form von Kri^g zu betrachten. Daher kann keine Erholung in Europa eintreten, bis die Politiker in allen Ländern sich darüber klar sind, daß Sandel fein Krieg ist, sondern ein Austauschprozeß, und daß in Zeiten des Friedens unsere Nachbarn, unsere Kunden sind, und daß ihr Wohlstand eine Vorbedingung für unser eigenes Wohlergehen ist.

Glücklicherweise sind Anzeichen vorhanden, daß endlich die öffentliche Meinung in allen Ländern zur Erkenntnis der drohenden Ge­fahren gekommen ist. Der Völkerbund und die internationale Handelskammer sind am Werke, alle Formalitäten, Verbote und Einschränkun­gen auf ein Minimum zu reduzieren. Einfluß­reiche Persönlichkeiten in einigen Ländern setzen sich für völlige Aufhebung der Zolltarife ein. Von anderen Seiten ist der Abschluß von langfristigen Handelsver­trägen auf der Grundlage der Meistbegünsti­gung vorgeschlagen worden. Einige Staaten haben in kürzlich abgeschlossenen Verträgen die Notwendigkeit erkannt, den Sandel von allen niederdrückenden Beengungen zu befreien. Und Erfahrung lehrt allmählich auch andere, daß das Niederreißen der ökonomischen Hindernisse zwischen den einzelnen Nationen sich als sicherstes Heilmittel gegen das Stagnieiyn des Handels erweist, das überall zu zerstören ist.

Wir find der festen Ueberzengnng, daß die Wiedereinführung der Handelsfreiheit die beste Möglichkeit in fich birgt, Sandel und

Kredit in der 8Bdt wiederherzustellen."

Bon Oesterreich haben 4t. a. unterzeichnet Arthur Krupp, Louis Rothschild, Rich.Meisch, von Belgien Desvret und Sautain, von der' Tschechoslowakei Pospisil, von Dänemark Rosen- krantz.

Die französischen Unterzeichner haben eine Erklärung abgegeben, worin es beißt:Sn der Befürchtung daß einige Stel­len des Manifestes gewisse Meinungsverschie­denheiten herbeiführen können, präzisieren die Unterzeichneten die Punkte, mit denen sie ein­verstanden sind. Sie sind der Auffassung, daß die Ansicherheit und wirtschaftliche Unordnung ; in den Folgen des Krieges und insbesondere

k ben Währungskrisen ihren Ursprung bat. Sie glauben, daß vor allem die Länder, deren Währung noch nicht stabilisiert ist, raschestens einer gesunden Währung zu- streben müßten. Sie werden da umso eher kön- den, als die wirtschaftlichen Beziehungen zwi­schen den Völkern auf normalen Grundlagen wiederhergestellt werden. Sie sind der Auf­fassung, daß die übermäßige Höhe oder Starr­heit gewisser Zollschranken und die Behinde­rung des internationalen Verkehrs durch miß­bräuchliche Transvortvorschriften verurteilt werden müßten. Sie sprechen sich demgemäß für alle Maßnahmen zur Beseitigung derartiger künstlicher Schranken gegen die uneingeschränkte Wiederaufnahme der internationalen Wirt­schaftsbeziehungen der Vorkriegszeit aus. Es ist für einen modernen Staat unmöglich zu leben und »n gedeihen, ohne mit den andern Staaten Handelsbeziehungen zu unterhalten. Infolge der engen gegenseitigen Abhängigkeit der Völker kann das wirtschaftliche Gleich­gewicht der Welt nur durch einen gegenseitigen Austausch von Kreditgewährung und Waren­lieferung bergestellt werden."

Aus Deutschland unterzeichneten Geh. Kommerzienrat Dr. Bosch, Geheimrat Felix Deutsch, Dr. Karl Melchior, Franz v. Mendels­sohn, Dr. Schacht, Karl Friedrich v. Siemens. Franz Urbig, Generaldirektor Bögler, F. H. Witthoesst.

Die Unterzeichneten I t a l i e n s hätten be­grüßt, wenn auch an all den zahlreichen For­men des unmittelbaren oder mittelbaren Zoll­schutzes, der Benachteiligungen oder Bevor­zugungen, der künstllchen Prämien und der Auswanderungsbeschränkungen Kritik geübt worden wäre. Mit diesen Vorbehalten schlie­ßen sie sich dem Manifest an. Bon Großbritan­nien haben u. a. unterzeichnet Balfour, Brad- bury, Goodenough, Mc Kenna, Montagu Nor­man, Lionel de Rothschild, Josiah Stamp. Außerdem haben unterzeichnet hervorragende Persönlichkeiten aus Holland, Ungarn, Schwe­den, Schweiz, Norwegen, Polen, Rumänien so­wie aus den Vereinigten Staaten, darunter I. P. Morgan und Perkins.

Ein tnglistbll Soritfilog

London, 18. Oktt. In einem Auf­satz derFinanzial Times" führt der frü« heve Finanzsekretär des Schatzamtes, Wil­liam Graham, aus, die wirtschaftliche Er­holung Europas würde wesentlich beschleu­nigt werden durch Bildung eines inter- nationalen Finanztrustes unter Führung der Bank von England und der Bundesreservebank in Newhork, welchen die verschiedenen Staats- und offiziellen Ban­ken Europas als Mitglieder angehören wür­den. Gegenwärtig bestehe zwischen Groß­britannien und Amerika in der Frage der Kreditbeschaffung für Europa ein beträcht­licher Wettbewerb, welcher die Gefahr her­aufbeschwöre, daß im Anschluß an finan­zielle Vereinbarungen Abkommen geschlossen würden, die den Handel hemmten. Im Jn-

. teresse Amerikas und Englands liege es, daß Kredite auf Grund von Vereinbarun­gen und nicht von Konkurrenz gewährt würden, und daß zugleich mit der Kredit­gewährung soweit wie irgend möglich eine endgültige Garantie für das Höchstmaß von . Freiheit im Handelsverkehr gegeben werde.

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Moskau. 18. Okt. (WB.) Die U«= tersuchuug der vo« Trotzki und S i - n o w j e w geführten Opposition wurde von der Zenrralexekutive der Kommunisti­schen Partei angenommen, nachdem die Opposition auf alle Bedingun­gen und Einwände sowie auf das Verlangen, ihre Wünsche vor dem Plenum der Partei vorzutragea, restlos ver- Z i ch t e t hat. Das Gerücht, die Partei­leitung habe sich auf Grund von Verhand­lungen zu gewissen für die Zukunft berech­nete« Konzessioaev verstände«, beruht auf Vermutungen.........v -

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Immer mehr verdichten sich die Symp­tome, daß die Bestrebungen, die Welt durch ein wirtschaftliches Locarno der all­mählichen Befriedung und Gesundung zu- zusühren, ernstlich in Fluh zu kommen scheinen. Mit dem Brüsseler E i s e n k a r - teil war der erste sichtbare Schritt getan. Ihm folgte auf dem Fuße die private Un­terhaltung prominenter deut­scher und en g l isch er W irtscha fts- führer in Romseh. Schon hier fallen freilich einige Steine auf den dornenvollen Weg, der sein Ziel in dem Lande der mo­dernen Verheißung finden soll, nämlich auf den Boden des internationalen Aus­gleichs der wirffchaftlichen Kräfte. Der Manchester Guardian" meint, daß der Versuch, im Hause des Obersten Ashley die Grundlagen zu einem wirffchaftlichen Lo­carno zu legen, eine Komplikation zur Folge gehabt habe, die ein wenig an die Komplikationen erinnere, die den Fort­schritt im politischen Locarno im vorigen Jahre trübten. Die französische und die belgische offizielle Meinung sei durch durch Chamberlainsche Information, dah kein Uebereinkommen irgendwelcher Art in Romseh getroffen worden sei, und daß die Erörterungen einen privaten Austausch von Informationen und Meinungen zwischen nidustriellen Sachverständigen dargestellt haten, wenig befriedigt. Der Pfad der Pazifisten, ob Diplomaten oder Industri­elle, ist, bemerkt das genannte Blatt, oft unfriedlich. Aber, so darf man diesen Aeuherungen wohl hinzufügen, das Ent­scheidende ist schließlich doch, daß trotz aller sich auf so schwierigem Gelände ent­gegenstellenden Hindernisse das Ziel dau­ernd weiter verfolgt, das einmal anhängig gemachte Verfahren der internationalen Einsicht nicht eher eingestellt wird, bis es sich durch das nur irgendwie erreichbare und mögliche Maß eine sharmonischen Aus­gleichs von selbst erledigt.

Daß die Dinge auch sonst von dem Zu­stande unproduktiver Starrheit in den la­bilen übergehen, ergibt sich aus dem neuen Umstande, dah in diesen Fragen ein in­ternationaler Banktrust mit der FirmaA. B. C. Trust" gegründet wurde.

Die Gründung dieses Banktrusts hat in Aewhork, London und Berlin zu allerlei Gerüchten über die p o l i.t i s ch e B e d e u - tung des Zusammenschlusses dieser Ban­ken Anlaß gegeben. Es wird behauptet, daß cs sich um den großen Währungstrust zugunsten des amerikanischen Planes einer Gesamtablösung des Repara­tions-Schulden« und Währungs­problems handele und daß dieser Trust auch die Finanzierung des Thoiry-Geschäf- tes mit den deuffchen Eisenbahnobligatio­nen übernehmen solle. Demgegenüber wird von der GeschäftSleitung der Dresdener Bank mitgeteilt, dah diese Gerüchte ab­wegig sind. Die in diesem Zusammenhang erwähnte Mobilisierung der ReichS- bahnobligationen seitens des neuen inter­nationalen Finanzinstituts kommt unter keinen Umstünden in Betracht, da sie völlig außerhalb des Rahmens der ge­planten Geschüftstätigkeit falle. Der A.B. E. Trust wird sich lediglich mit der Gewährung langfristiger Kredite befassen, die die einzelnen Gründerfirmen gegenwärffg zu geben nicht in der Lage seien. Die endgültige F e st st e l l u n g des Kapit als würde sich nach dem Umfang der sich entwickelnden Geschäfte richten.

In diesem Zusammenhang ist von be­sonderem Interessen die zunächst etwas delphisch anmutende Meldung des Büro Reuter, die am Sonntag bekannt wurde, und in der eine Erklärung »von größter Bedeutung" hervorragenderBank- und Geschäftsleute aller führenden Rationen Europas und der Vereinigten Staaten angekündigt wird.

Man darf mft einiger Spannung dieser von Reuter angekündigten Erklärung ent­gegensehen. Inzwischen beginnt auch der westeuropäische Eisenpakt weitere Kreise zu ziehen. Der Anschluß zunächst der