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Marburger TageSamtger
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Freitag, -en 15. Oktober 1926
DK «vberhefstsche Settimg" et- fcbeint sechsmal wLchentltch. Be- pigSprei« monatlich 2 GM. auS- schlleßl. Zustellungsgebühr, dnrch di«Post2LS GM.Für etwa infolge Streik«. Maschinendefekte oder elementarer Ereignisse ausfallende Kümmern wird kein Ersatz ge» leistet. Verlag v. Dr. §. Kitzervth. Druck der Unib.-Buchdruckeret b. Job. Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54. u. stkr. 65. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 6015. — Sprechzeit . her Redaktion von 10—11 und >/,!—! Uhr.
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Lord Oxford zurMgetreten Ab Eiche» »er Liberalen Partei geMrdei
keuinani Soutitr in Sreibett!
Paris, 14. Okt. Die „Action ftancaife“ bringt die überraschende Mitteilung daß der französische Leutnant Roucier, der wegen Mordtat in Germersheim in Untersuchungshaft genommeg worden war, vorläufig in Freiheit gesetzt worden ist. Das Blatt fragt, warum die Regierung dies nicht amtlich bekannt gebe. Poincars- und sein Außenminister wollten auf diese Weise senseits des Rheins nur den Glauben erwecken, daß der Leutnant Roucier noch immer im Gefängnis gehalten würde.
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Srmakraiiche Weisel an »er AoirWMk
München. 14. Okt. 3n einer Versammlung der Demokratischen Partei sprach Gras Bernstorfs über deutsche Aussenpolitik. Er bezweifelte die Möglichkeit der Durchführung der Tboiru-Politik und sand die Sorgen wegen ihrer sinanziellen Folgen vollständig berechtigt. Die völlige Räumung der besetzten Gebiete sei die Vorbedingung für eine erspriessliche Arbeit Deutschlands im Völkerbund-
Die Plazierung der Eisenbahubonds.
Der „Vörsenkurier" meldet aus Washington: »Associated Press meldet, dass der hiesige sran- Lösische und belgische Botschafter im Auftrag ihrer Regierungen mit Staatssekretär Kellogg bezüglich der Plazierung der deutschen Eisen- bahnbonds konferieren.
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SemWon »er nnentiidien MinM
Budapest, 14. Okt. Unter Borsitz des Ministerpräsidenten Grafen B e t h l e n hielt die Regierung heute nachmittag einen ausserordentlichen Ministerrat ab, in dem der Beschluss gejzisst wurde, dass die Regierung, nachdem der juristische Teil der Frankenfälschung von der königlichen Kurie rechtskräftig erledigt wurde, es als ihre verfassungsmässige Pflicht erachte, die Vertrauensfrage im Hinblick auf die politische Verantwortung aufzuwerfen und zu diesem Zwecke dem Reichsverweser die Demission der Eesamtregierung ein« zureichen. Der Ministerpräsident wird noch im Laufe des heutigen Tages von dem Reichsverweser empfangen werden.
Rach einer späteren Meldung nahm der Rcichsverweser die Unterbreitung des Ministerpräsidenten zur Kenntnis, liess aber eine endgültige Entscheidung über diese Demission in der Schwebe und beauftragte dre bisherige Regierung mit der vorläufigen Weitersührung der Geschäfte. Der Reichsverweser bat im Zusammenhang mit der Regierungskrise für morgen den Präsidenten der Nationalversammlung Scitovszkv sowie die ge- schästssührenden Vorsitzenden der beiden die bisherige Regierung unterstützenden Parteien Almaffy und Ernst zur Audienz berufen.
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Aammier für General Semngen
Berlin, 14. Okt. Zu der Guadenkirche fand heute die Trauerfeier für Generaloberst von Heer in gen statt. Der Feier wohnten neben Der Witwe, den beiden Söhnen und den nächsten Angehörigen zahlreiche Generäle des alten Heeres bei. Der Reichspräsident war in Be- Begleitung seines Adjutanten, Major von Hindenburg, in Marschallsuuiform erschienen. Die Regierung war durch Reichs- wchrminifter Gehler vertreten. Nach der Feier erfolgte die Ueberführung des Sarges auf einer sechsspännigen Lafette unter Vorantritt des Stadtkommandanten von Berlin mit seinem Stabe, des Mufik- korps der Reichswehr, der Kranzträger und der Träger der Ordenskisseu nach dem Znoalidenfriedhof. Am Grabe gab eine Ehrenwache der Reichswebr eine Ehren- salve ab.
London, 14. Okt. Lord Mort ist von dem Vorsitz der Liberalen Partei zurück- getreten.
London, 14. Okt. (WTB.) Der Rücktritt Lord Oxfords von der Führerschaft der Liberalen Partei erfolgte in Gestalt eines Briefes an den Präsidenten des Aa- tivnalliberalen Verbandes, I. 21. Spencer.
Lord Oxford führt darin u. a. aus: Der Llusbruch des organisierten Generalstreiks sei das ernstest e innere Ereignis in seinem Leben gewesen. . Wenn der Generalstreik Erfolg gehabt hätte, so würde die parlamentarische Regierung zu Ende gewesen sein. Es habe die Liberale Partei mit Recht in verhängnisvoller Weise in Mißkredit gebracht, daß sie sich in einer solchen Lage willfährig gezeigt habe. Mit ebensoviel Schmerz wie Ueber- raschung habe er gefunden, daß feine öffentlichen Erklärungen angefochten worden seien von einer Seite, die er unmöglich außer 2lcht lassen konnte. Er sei überzeugt, daß die Einheit der Partei nicht wirksam aufrecht erhalten werden könne unter einem System von rivalisierenden Autoritäten mit getrennten Organisationen und getrennten Fonds. Er könne und wolle keinen direkten oder indirekten Anteil an den parti- kularistischen Auseinandersetzungen nehmen.
Er stehe jetzt in seinem 75. Lebensjahre, er habe fast ein halbes Jahrhundert im öffentlichen Leben gestanden und er sei
ArgeUnn« mit »er Sun»epeMe
Wie wir bereits gestern meldeten .haben die beiden Söhne des sozialdemokratischen Abg. Osterroth den Kommunisten Schulz, der ihre Mutter während der letzten Landtagssitzung auf gemeine Art beleidigt hatte, mit der Hundepeitsche verprügelt. Dazu wird jetzt noch bekannt:
Frau Osterroth ist Mutter zahlreicher Kinder: zwei ihrer Söhne, der 21jährige Maurer Emil Osterroth aus der Amsterdamer Straße, und der 24jährige Akademiker Jakob Osterroth aus Weerder an der Havel, taten sich zusammen, um die Ehre ihrer Mutter zu rächen.
Wenn sie dazu den Weg wählten, daß sie zur Selbsthilfe griffen und dem angeblichen Volksvertreter einen gehörigen Denkzettel für seine weitere parlamentarische Laufbahn verabfolgten, so wird sich die Genugtuung über diese Abstrafung eines ehrlosen Frauenbeleidigers auf weisteste bürgerliche und sozialdemokratische Kreise völlig gleichmäßig verteilen. Der Vater der beiden jungen Leute, die nach der Tat der Abteilung la des Polizeipräsidiums zugeführt wurden, hatte es, wie wir hören, seinen Söhnen zur Pflicht gemacht, gegen den Verleumder ihrer Mutter keinesfalls innerhalb der Räume des Landtages vorzugehen, da er seinerseits die Würde dieses Hauses unter keinen Umständen verletzt sehen wollte.
Allen Abmahnungen von dritter Seite zum Trotz beharrten hie jungen Leute auf ihrem Vorsatz, selbst auf die Gefahr bin, darüber ins Gefängnis zu kommen. Erst gegen 9.45 Ahr abends konnten sie den Abgeordneten Schulz auf der Straße fassen und ihn die Hundepeitsche kosten lassen, die sie mitgebracht hatten. Sie sollen ihn wie einen Hund verprügelt haben, daß er winselte. Ihr Vater betonte .daß es nach seiner Meinung kein anderes Erziehungsmittel für solche Burschen gäbe, die die Würde der deutschen Mutter und Frau frevelhaft beleidigen, und daß er hoffe, der Kommunist werde für fein Leben gezeichnet fein.
3n parlamentarischen Kreisen hat es natürlich viel Heiterkeit erregt, daß der 2lbge- ordnete Schulz unter der Wirkung der Peitschenhiebe, die ihn trafen, nichts Besseres zu tun wußte, als nach der Polizei zu schreien, für die sonst unsere Kommunisten lediglich Schmähungen und Beschimpfungen übrig haben.
längere Zeit Pr.micrminister gewesen. Er' habe ernsteren Verantwortlichkeiten gegenübertreten müssen als irgend einer seiner Vorgänger während der letzten hundert Jahre. Während all dieser Zeit habe er ftine Kraft vorbehaltlos in den Dienst der Partei und des Staates gestellt. Von den Grundsätzen des Liberalismus, wie er sie stets verstanden habe und sie weiterhin verstehe, sei er niemals nach rechts oder links abgewichen und er werde es niemals tun. Obgleich seine Gesundheit jetzt wieder hergestellt sei, fühle er, daß die Besorgnisse und Verantwortlichkeiten der Führerschaft nicht von jemand getragen werden sollten, der nicht einigermaßen sicher sein könne, daß er die Belastung aushalten könne. Er beabsichtige nicht, sich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen und hoffe, daß er weiterhin Dienste für den Staat und den Liberalismus werde leisten können. Aber er sei zu dem Schlüsse gekommen, daß es seine Pflicht sei, die Führerschaft niederzulegen und Lieser Beschluß, der nach vielen Erwägungen und mit großem Bedauern erzielt sei, müsse als unwiderruflich angesehen werden.
Eine bevorstehende Rede Lord Oxfords.
London, 14. Oktober. (WTB.) Lord Oxford hält morgen abend im Rathaus von Greenrock in Schottland eine Rede. Man erwartet, daß die Hauptanhänger Lord Orfords zugegen sein werden, darunter Lord Grey, Simon, Runeiman, Maclean und Pringle. U. a. wird, wie verlautet, Lord Grey nach Lord Oxford sprechen.
Ein RW> für 9t. Lwi
München, 14. Okt. Wie die „Münchener Zeitung" erfährt, hat der Reichs- tagsfemeausschuß in seiner letzten nicht öffentlichen Sitzung am Mittwoch dem Abgeordneten Dr. Levi wegen seiner Veröffentlichungen im „Vorwärts". die einem bereits am 19. Mai 1926 gefaßten Beschluß des Ausschusses widersprachen, die Mißbilligung ausgesprochen und dabei der Erwartung Ausdruck gegeben, daß solche Veröffentlichungen in Zukunft unterbleibest. Die Mißbilligung ist bei Stimmenthaltung der Sozialdemtckraten und Kommunisten einstimmig ausgesprochen worden. Die Sozialdemokraten haben erklärt, sich durch diese Entschließung nicht gebunden zu fühlen.
Im Anschluß an die Verhandlungen des Femeausschusses in München schreiben die „Münchener N. N.", daß das ganze System der Politisierung der Justiz, wie es sich in den Untersuchungsausschüssen verkörpert, sich unheilvoll auswirken müsse. Politische Einrichtungen seien nicht geeignet zur Rechtsschützung. Es müsse befremden. daß man in den Erklärungen zum Abschluß der Münchener Verhandlungen nicht ein Wort des Bedauerns über die haltlosen Angriffe auf die bayerische Justiz finde. Die „Bayerische volksparteiliche Korrespondenz" hofft, daß der Reichstag in Zukunst zurückhaltender und vorsichtiger mit der Einsetzung solcher Untersuchungsausschüsse sein werde. Hier werde auf Kosten des Ansehens des Parlaments gearbeitet. Die acht Tage in München hätten wieder gezeigt, daß eine solche parteipolitische Körperschaft in keine: Weise einer rechtsuchenden Aufgabe gewachsen sei.
Professor Berthold Litzmann gestorben.
München, 14. Okt. Der Literarhistoriker Geheimrat Berthold Litzmann, zuletzt Professor in Bonn und feit einiger Zeit in München lebend ist, 69 Jahr alt, gestorben.
Sie Eh«
Die Söhne des sozialdemokratischen Sankt tagsabgeordneten Osterroth haben den De- leidiger ihrer Mutter verprügelt. Der also Verdroschene ist der kommunistische Landtagsabgeordnete Richard Schulz . Und die persönliche Verunglimpfung einer deutschen Frau und Mutter ereignete sich in einer Sitzung des Preußischen Landtages.
So springt die Tat der beiden jungen Leute aus dem Rahmen der bürgerlichen Alltäglichkeit in das politische Gebiet hinüber. Die beiden Osterroths ,die zu diesem seltsame» Mittel des Selbstschutzes griffen, werden sich vor Begehung der Tal gesagt haben, daß Gesetz und geltendes Recht in ihrem Fall nicht herangezogen werden können, um die Beleidigung, die in so niederträchtiger Weise ihrer Mutter zugesügt wurde, zu sühnen. Und da aus ihrem Gefühl der Kindesliebe ihnen die Ueberzeugtmg ward, daß eine Sühne gesunden werden mußte, so spielten sie halt selbst Gericht.
Wenn man auch feststellen muh. daß das Dorgchen der beiden jungen Leute das Gesetz verletzte, so wird man doch gleichzeitig sich eingestehen müssen, daß jhre Tat der gefunden Moral und dem Dolksempfinden in keiner Weife widerspricht. 3n dieser Beurteilung des Vorkommnisses gibt es keinen Unter- schied auf Grund von Parteieinstellung oder Klassenzugehörigkeit. Diese Derprügelung auf offener Straße ist menschlich verständlich. Womit die Oeffenilichkeit ihr Urteil bereits gesprochen hat.
Mer der Mann, der vor dem preußischen Landtag verdroschen wurde, ist ein Volksvertreter. Und gerade darum wird man an diesem Vorfall nicht nur mit einem Gefühl der Genugtuung vorübergehen können., man wird sich auch entschließen müssen, aus ihm eine Lehre zu ziehen. Auf Grund feiner parlamentarischen Immunität war und Ist es auch heute noch dem verprügelten Volksvertreter gegeben, geschützt von einem verfassungsmäßigen Recht, von der Tribüne des Landtages jeden Staatsbürger zu beleidigen, seine persönliche Ehre in den Dreck zu ziehen, dies alles im Verfolg einer Aufgabe, die sich kommu- nistische Parteipolitik nennt.
Diese kommunistische Parteipvlitik lieh es den fraglichen Volksvertreter als zwingende politische Rotwendigkeit erscheinen, im Plenum des Landtages nicht nur einen anders denkenden älteren sozialdemokratischen Abgeordneten zu ohrfeigen, sondern auch die Würde der Frau dieses Wgeordneten aufs frevelhafteste zu verunglimpfen. Alles natürlich in der Erkenntnis einer parteipolitischen Rotwendigkeit .
Das versammelte Haus des Landtages hört sich solche .Politik" an, reagiert vielleicht mit empörten Zwischenrufen, und allenfalls findet sich der Präsident bereit, den Frevler zu rügen oder ihn für ein oder mehrere Tage von d^n Sitzungen auszuschliehen.
Was hie .parlamentarische Erledigung" solcher Vorfälle restlos erschöpft.
Der Beleidigte im Haus, der Verunglimpfte drauhen hat das Nachsehen. In der Gewißheit, daß er dem durch seine Parlamentsmis- sion geschützten Beleidiger schwerlich etwas anhaben tarnt, wird er sich .zufrieden" geben müssen. Und feine beleidigte, in den Kot gezogene Ehre? Ja Gott, was heißt hier Ehre! Sie ist ein Begriff, mit dem man nicht viel anfangen kann, der allenfalls gut ist, um in den scMmtzigen Drei einer parlamentarischen Obstruktion hineingetreten zu werden.
Ms die Tat der beiden Osterroth im Landtag bekannt wurde, war auch nicht einer der sozialdemokratischen Abgeordneten aufzufinden. der nicht der gleichen Genugtuung übet diese handgreifliche Erledigung Ausdruck gab wie sie das ganze Haus mit Ausnahme der Kommunisten natürlich, in seltener Heberein- stimmung äußerte. Das läht erlernten, daß es über den Begriff der persönlichen Ehre bei allen anständigen Menschen, soweit sie über Charakter verfügen, keinen Meinungsunter- schied gibt
Man könnte geneigt fein, <mS dieser erfreulichen Erkenntnis auch andere Folgerungen zu ziehen: Gibt es einen Unterschied zwischen der persönlichen Ehre und der Ehre einer Dolksgesamtheit?
Die Sozialdemokraten des preußischen Landtages haben zu erlernten gegeben, daß ihnen der tiefe ethische Sinn der persönlichen Ehre kein unbekanntes Ding ist. Das läßt hoffen, daß sie dem idealen Moment, der in dem Begriff der Dolksehre liegt, nicht ganz ohne Verständnis gegenüberstehen können. DaS dürfte vielleicht dazu beitragen, ihre Stellungnahme zu den Parteien, die die Ehre eines Volkes über alle anderen M>twendigk«ten