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Bereits vor Beginn der Sitzung ist das Präsidium unter N i n t s ch i t s ch vollzählig an seinem Platze. 10 Uhr 30 Minuten ertönt das erste Klingelzeichen. Die großen Delegationen sind vollzählig anwesend. Unter den zahlreichen Angehörigen der Delegierten befindet sich Frau Reichs Minister Dr. Stresemann und ihr ältester Sohn. Um 10 Uhr 35 Minuten wird die Sitzung eröffnet und zwar mit der Formalität, den Berichterstatter der Mandatsprüfungskommission die Feststellung der Ordnungsmätzigkeit der Vollmachten der deutschen Delegation vornehmen zu lassen. Darauf fordert Präsident N in tschitsch die deutsche Delegation auf, ihre Plätze einzunehmen. Unter minutenlangem Applaus betreten Stresemann, Schubert und Gauß den Saal, um ihren Platz einzunehmen.
N i n t s ch i t s ch bezeichnet diesen Vorgang in seiner Begrüßungsansprache als in dop- S eitern Sinne bedeutungsvoll und ge- hichtlich, da er erstens die Universalität des Völkerbundes um einen großen Schritt weiterbringt und zweitens die Aufnahme einer weiteren europäischen Großmacht in den Völkerbund eine sichere Gewähr für den Frieden und die Wohlfahrt der Welt bedeutet.
In kurzen Worten begrüßt er herzlichst die Vertreter des Deutschen Reiches als Mitglieder der Versammlung. Nach der Aufforderung durch den Präsidenten besteigt hierauf
Sr. tSlrtitmatm
unter neuem, langen Beifall, zu dem Chamberl ain und Br iand das Zeichen geben, die Tribüne, um in deutscher Sprache folgende Rede zu halten:
Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Der Herr Vorsitzende dieser hohen Versammlung hat ebenso wie der Herr Vorsitzende des Völkerbundsrates die Güte gehabt, mit Worten der Freude und Genugtuung den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu begrüßen. Beiden Herren den Dank Deutschlands zum Ausdruck zu bringen und diesen Dank auszudehnen auf die hohe Versammlung, ist meine erste Pflicht, wenn ich von dieser Stelle aus vor Ihnen das Wort nehme. Ich verbinde da- niit zugleich den Dank an die Regierung der Schweizer Eidgenossenschaft, die in traditioneller Weise die großzügige Gastfreundschaft ihres schönen Landes nun auch Deutschland als Mitglied des Völkerbundes erweist.
Seit der Begründung des Völkerbundes ist ein Zeitraum von mehr als sechs Jahren verstrichen.Es hat somit einer längeren Entwicklung bedurft, bis die politische Gesamtlage so gestaltet war, daß die deutsche Mitgliedschaft im Völkerbund möglich wurde. Auch in diesem Jahre sind große Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, ehe dem Entschluß Deutschlands der einmütige Entschluß des Völkerbundes folgte. Fern liegt es mir, über diese Dinge der Vergangenheit zu sprechen.
Die Aufgabe der lebenden Generation, ist cs, den Blick auf die Gegenwart nnd auf die Zukunft zu richten. *
Nur eines lassen Sie mich sagen, wenn ein Geschehnis, wie der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, erst in einer so langen Entwicklung herangereift ist, so trägt vielleicht dieses Geschehnis gerade deshalb eine besondere Gewähr in sich für seine innere Befestigung und seine fruchr- bare Auswirkung. Deutschland tritt mit dem heutigen Tage in die Mitte von Staaten, mit denen es zum Teil seit langen Jahrzehnten in ungetrübter Freundschaft verbunden ist und die zum anderen Teil im letzten Weltkrieg gegen Deutschland verbunden waren. Es ist von geschichtlicher Bedeutung, daß Deutschland und diese letzteren Staaten sich jetzt im Völkerbund zu dauernder friedlicher Zusammenarbeit zusammenfinden. Diese Tatsache zeigt deutlicher als Worte und Programme es können, daß der Völkerbund berufen sein kann, dem politischen Entwicklungsgang der Menschheit eine neue Richtung zu geben. Gerade in der gegenwärtigen Epoche würde die Kultur der Menschheit auf das Schwerste bedroht sein.
wenn es nicht gelingt, den einzelnen Bürgern die Gewähr zu verschaffen,. m ungestörtem friedlichen Wettbewerb die ihnen vom Schicksal zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Die grundstürzenden Ereignisse eines furchtbaren Krieges haben die Menschheit zur Besinnung über die den Völkern zugemuteten Aufgaben gebrachl. Wir sahen in vielen Staaten den Niederbruch wertvollster, für den Staat unentbehrlicher geistiger und wirtschaftlicher Schichten. Wir erlebten die Bildung von neuen und das Hinsinken der alten Formen der Wirtschaft. Wir sahen, wie die Wirtschaft die a test Grenzen der Länder sprengte und eine starke' internationale Zusammenarbeit erstrebte. Die alte Weltwirtschaft hat für ihre Zusammenarbeit keine Satzungen und Programme, aber sie beruht auf dem ungeschriebenen Gesetz des inten- s iven Güteraustausches zwischen den Erdteilen.
Diesen wieder herzustellen, ist unsere Aufgabe.
Wollen wir eine ungestörte Weltwirtschaft entwickeln, dann wird das nicht geschehen durch Abtrennung der Gebiete voneinander, sondern durch Ueberbrückung dessen, was die Wirtschaft der Völker trennte. Wichtiger aber als alles materielle Geschehen ist
das seelische Lede» der Nationen.
Eine starke Gärung kam unter den Völkern der Erde . Die einen vertraten das Prinzip der nationalen Gefchlossenheir luib verwarfen die inkernationale Verständigung, weil sic das national Gewordene nicht durch den allgemeinen Begriff dec Menschheit ersetzen wollten. Ich bin der Meinung, daß keine Nation, die dem Völkerbund angehört, dadurch ihr nationales Eigenleben aufgibt. Ter göttliche Baumeister der Erde hat die Menschheit nicht geschaffen als ein gleichförmiges Ganzes, er gab den Völkern verschiedene Blutströme, er gab ihnen als Heiligtum ihrer Seele ihre Muttersprache. Er gab ihnen als Heimat Länder verschiedener Art. Aber es kann nicht der Sinn dieser göttlichen Weltordnung sein ,daß die Menschheit ihre nationalen Höchstleistungen gegeneinander kehrt und damit die allgemeine Kulturentwicklung immer wieder zurückwirft.
Der wird der Menschheit am meisten dienen, der wurzelnd im eigenen Volke dieses in seelischer und geistiger Hinsicht zur höchsten Bedeutung entwickelt und, damit über die Grenzen des eigenen Volkes hinwegwachsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag, wie es die Großen aller Nationen gegeben haben, deren Namen in der Menschheitsgeschichte nieder- gefchriebcn sind.
So verbunden Nationen und Menschheit auf geistigem Gebiet sein können, werden sie auch verbunden im politischen Streben, wenn der Wille da ist, in diesem Sinne der Gcsamtent- wicklung zu dienen.
Die politischen Auswirkungen dieses Gedankens liegen in einer inneren Verpflichtung der Staaten zu gemeinsamem friedlichen Zusammenwirken. Diese innere Verpstichtung zum friedlichen Zusammenwirken besteht auch für die großen moralischen Menschheitssragen. Kein anderes Gesetz darf für sie gelten, als das Gesetz der Gleichberechtigung. Das Zusammenarbeiten der Nationen im Völkerbund muß und wird dazu führen, auch bei diesen moralischen Fragen mit warmer Liebe die gleiche Antwort zu geben. Tenn das sichere Fundament für den Frieden ist eine Politik, die getragen wird von gegenseitigem Verstehen und gegenseitiger Achtung der Völker. Deutschland, hat sich schon vor seinem Eintritt in den Völkerbund bemüht, in einem friÄlichen Zusammenwirken zu arbeiten . Davon zeugte die deutsche Initiativ«, die zu dem Pakl von Locarno führte, chavon zeugen die jetzt nahezu mit allen Nachbarstaaten abgeschlossenen deutschen Schiedsverträge. Die deutsche Regierung ist entschlossen, diese Politik mit aller Entschiedenheit weiter zu verfolgen.. Sie kann mit Genugtuung feststellen, daß diese Gedanken — anfangs in Deutschland heftig umkämpft —■ sich allmählich mehr und mehr das deutsche Volksbewußtsein erobert heben, so daß die deutsche Regierung auch für die große M-e h rhci t-des deutschen Volkes spricht, wenn
sie erklärt, daß sie sich an den Aufgaben des Völkerbundes mit voller Hingebung beteiligen wird.
Von diesen Aufgaben hat der Völkerbund in sechsjähriger Tätigkeit bereits einen wesentlichen Teil in Angriff genommen und in ernster Arbeit gefördert. Die deutsche Delegation verfügt nicht über die Erfahrungen, die den übrigen hier versammelten Mitgliedern zur Seite stehen. Gleichwohl glaubt fte, die Ansicht zum Ausdruck bringen zu können, daß bei den weiteren Arbeiten zunächst jene Gebiete besondere Beachtung verdienen, bei denen die einzelnen Völker durch Einordnung in Gemeinschaftseinrichtungen die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern vermögen. Neben mancher anderen Tätigkeit des Völkerbundes kommt hier vor allem das Streben nach einer internationalen Rechtsord- nungin Betracht, das in der Grürst>ung eines Weltgerichtshofes sichtbaren Ausdruck gewonnen hat.
Von besonderer Bedeutung für die Festigung einer friedlichen Ordnung zwischen den Volkern sind ferner die Bestrebungen, die sich auf die Abrüstung beziehen.
Die Zöllige Abrüstung Deutschlands ist durch den Vertrag von Versailles als Beginn der allgemeinen Abrüstung festgesetzt worden. Möge. es gelingen, einer allgemeinen Ab- r ü st u n g in praktischer Arbeit näher zu kommen und damit den Beweis zu erbringen, daß eine starke positive Kraft den großen Idealen des Völkerbundes schon jetzt inncwohnt.
Deutschlands Beziehungen rum Völkerbund werde» freilich nicht ausschließlich durch die jetzt gegebene Möglichkeit der Mitarbeit an den großen allgemeinen Zielen bestimmt. Der Völkerbund ist vielmehr in mancher Beziehung Erbe und
Vollstrecker der Verträge von 1919.
Daraus haben sich, wie ich offiziell ausspreche, in der Vergangenheit vielfach . Gegensätze zwischen dem Völkerbund und Deutschland ergeben. Ich boffe. daß sich die Behandlung der hierbei in Betracht kommenden Fragen infolge unserer geistigen Mitarbeit im Völkerbund leichter gestalten wird. Auch hier wird 0 c - genseitiges Vertrauen eine ßt0^Xe politische Schöpferkraft besitzen als andere Methoden. Dem Völkerbundsgedanken widerstrebt es, die im Bund mitarbeitenden Nationen zu trennen in solche, mit denen Sympathien oder Antipathien die einzelnen miteinander verbinden. Ich lehne in diesem Zusammenhang auch ganz entschieden die Auffassung ab, als wenn die Stellung, die Deutschland bisher tn Angelegenheiten des Völkerbundes eingenommen hat, von solchen Sympathien oder ilnn= patbien eingegeben worden sei. Deutschland wünscht mit allen Nationen, die im Völkerbünde und rm Völkerbundsrat vertreten sind, auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens zusammenzuarbeiten.
Noch hat der Völkerbund das Ziel nicht erreicht, alle Weltmächte in sich ru umfassen.
Wenn der Eintritt Deutschlands auch einen wichtigen Schritt zur Universalität des Bundes bedeute, so müssen wir doch andererseits lebhaft unserem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß Brasilien die Absicht kundgetan bat, sich aus dem Völkerbund zurückzuziehen., Dies bedauern wir um so lebhafter, als Deutschland auf dem Standpunkt steht, daß zum Begriff der Universalität des Völkerbundes auch der Gedanke gehört, nicht einem Erdteil die maßgebende Bedeutung gegenüber anderen Erdteilen einzuräumen. Wir fühlen uns ferner eins mit den im Bunde vereinten Nationen in der bestimmten Hoffnung, daß die wertvolle Mitarbeit Spaniens dem Völkerbund erhalten bleiben möge. Wir sind überzeugt, daß der von allen Mächten an Spanien gerichtete Appell dieses große Land und das spanische Volk überzeugen wird, vtie sehr es den von ihm vertretenen Gedanken abträglich sein würde, wenn es hier in Genf aus längere Zeit fehlen würde.
Erft durch die Universalität wird der Bund vor jeder Gefahr geschützt, seine politische Kraft zu anderen Teilen einzusetzen. Nur auf der Grundlage einer Gemeinschaft, die alle Staaten ohne Unterschied in voller Gleichberechtigung umspannt, können Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Menschenschicksals sein.
.. . . (Fortsetzung siehe Seite 2.1 .. .
MlMand im Böllttbimd
Mit dem Eintritt Deutschlands in den Vöt kerbund beginnt keine neue Weltepoche. Er bedeutet zunächst nur das Aufgeben eines Teiles der eigenen Selbständigkeit zugunsten eines Organismus, der eine Vielheit von Staaten umfaßt, und dessen Einrichtungen auch uns in Zukunft zugute kommen sollen.
Dieser Schritt, den wir freiwillig getan haben, über dessen Zweckmäßigkeit die oft erörterten Zweifel fortbestehen, der aber schließlich die Konsequenz einer politischen Weltan. schaumig und auch macktpolitischen Zielstrebens war, weist unserer Politik lediglich ein neues Feld an, auf dem jetzt in erster Linie der Kampf um unser Leben weitergekämpft werden muß, neben dem aber andere Felder politischen Kampfes fortbestehen und nicht vernachlässigt werden dürfen.
Denn der Völkerbund ist nicht so vollkommen. daß er eine Rivalität seiner Mitglieder ausschlösse.
Und seine Macht ist nicht so umfassend, daß außerhalb seines Bereichs nichts wäre, dem Bedeutung zukäme.
Deutschland als Dölkerbundsmitglied hat vielmehr eine dopvelte Aufgabe: Es hat innerhalb des' Bundes, in dem es Freunde und Feinde finden wird, um die Unterstützung feiten Ziele zu ringen; und es hat die Möglichkeit, diesen Kampf mit Erfolg zu bestehen, um so eher, als es auch außerhalb des Bundes eine Stärkung feiner Machtstellung unablüßlich erstrebt.
Der Völkerbund ist bisher nur ein Versprechen, und keine Erfüllung. Er ist viel mehr ein Instrument der Macht als des Rechts. Er ist ein politisches Geschäftslokal, wo nüchtern gearbeitet werden muß.
Wer heute noch auf das hysterische Gesaobel der Berliner Pressetanten schwört, das so verlogen ist wie die Frömmelei eines Tartuffe, wird von unserer Völkerbundspolitik nichts als Enttäuschungen erleben.
Wer sich dagegen bewußt ist, daß mit dem Eintritt Teutschiands weder der Völkerbund noch die Welt ein anderes Gesicht bekommen hat, daß lediglich neue Aufgaben und neue Möglichkeiten' vor uns liegen, der dient uns am besten und dem Völkerbund.
Es war eine ehrliche Freude, im „Vorwärts". dem Hauptorgan der Sozialdemokratie, das bisher die Gefühlsduselei für den Völkerbund mit derselben sentimentalen Inbrunst betrieb wie das große „Tageblatt" und seine kli- schierlen Trabanten, nach dem Eintritt Deutschlands keine verlogenen Iubelgedichte zu lesen, sondern eine nüchterne Darlegung des Geschäftsganges, der die Arbeiten des Völkerbundes regelt.
Wer ein Wölkenkuckucksheim aus dem Völkerbund macht, taugt nicht für diese Arbeit. Das wollen wir uns tausendmal in nüchternen Worten sagen, und wir dürfen nur solche Männer zu dem Schachspiel in Genf schicken, die den gerissenen Mitspielern gewachsen sind.
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Was sprach von jeher für den Eintritt Deutschlands? Nicht etwa — das kann nicht oft genug gesagt werden — die Hoffnung, Deutschland werde dadurch wieder ein mitbe- stimmender Faktor der internationalen Poli- tik. Ein Volk von .70 Millionen im Herzen Europas ist das stets, mit und ohne Völker- bund; der Grad des Einflusses hängt lediglich ab von der Fähigkeit, dieser naturgegebenen Macht Geltung zu verschaffen.
Aber in Genf wird perfönlich und mündlich verhandelt. Man kann Einfluß auf den Lauf der Geschäfte gewinnen. Man steht nicht immer, wenn man wachsam ist, vollendeten Tatsachen gegenüber. An die Stelle der Proteste und Noten tritt die Macht der Persönlichkeit. Ist sie gegenwärtig, so vermag sie zu entscheiden. Der Abwesende hat Unrecht.
Welche besonderen Aufgaben harren dieser Persönlichkeit? — Zunächst einmal die Verwirklichung der „Rückwirkungen". Man hat uns Versprechungen gemacht vor nunmehr bald Jahresfrist, von denen bis heute nicht eine einzige einqelöst worden ist. Die Besetzung des Rbeinlandes hat zu verschwinden, die im Saargebiet zu Unrecht stationierte Militärmacht ist durch eine Polizeitruppe zu ersetzen.
Wir haben uns für unsere nationalen Minderheiten einzusetzen. Keine der zahllosen Klagen aus Südtirol, aus der Tschechoslowakei, aus Memel, aus Polen hcft in Genf Beachtung gefunden. Die Minderheiten haben einen Anspruch auf gleiche Achtung und gleiches Recht wie feder andere Bürger.
Wir müssen auf die Abrüstung der anderen . bringen.. Was der vorbereitende Ausschuß hier