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dm 6. Allgusl 1926

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Marburger

Tagesanzeiger

SGsche Lanbeszeltung

Genf, S. Aug. Brasilien teilte dem Völ­kerbunds-Sekretariat mit, daß es an den Be­ratungen des Völkerbundes über die Ab­rüstungsfrage sich nicht weiter be­teiligen werde. Das bedeutet den Ab­bruch sämtlicher Beziehungen Bra­siliens zu dem Völkerbund.

SbecheMche Zeitung

Die Unterredung Briand-Soesch.

Heber die letzte Unterredung, die der deutsche Botschafter in Paris, v. Hoesch, mit dem französischen Außenminister Briand hatte, wird offiziell nur mitgeteilt, daß die Unterhaltung sich über Fragen des be­setzten Gebietes drehte und dah ihr schriftliche Ausführungen zugrunde lagen, die noch ein­mal den Standpunkt der deutschen Regierung präzisierten, lieber Verlauf und E r- gebnis der Verhandlungen wird jedoch nichts gesagt.

Infolgedessen nimmt man in Berliner politischen Kreisen an, dah es auch diesmal noch nicht gelungen ist, eine Klärung in der Frage der Bef ahungs stärke denn dah dieser Gegenstand hauptsächlich besprochen wurde, liegt auf der Hand herbeizuführen. ES dürfte feststehen, dah sich die f r a n z ö s t f che Regierung nach wie vor dagegen sträubt, die nach der Räumung der ersten rheinischen Zone eingetretene Vermehrung der Besat­zungstruppeninder 2. und 3. Zone u m 1012 000 Mann wieder z u be­seitigen. Wie verlautet, kam es der deut­schen Regierung bet ihrem letzten Schritt in Paris hauptsächlich darauf an, von dem fran­zösischen Außenminister eine klare Stel­lungnahme zu dem umstrittenen viel ge­nannten Begriff derchiffres normaux", d. h. der Aormalziffern der Befatzungstruppen, zu erlangen. Bekanntlich war die Herabsetzung der Truppen auf die Aormalziffern' in der Rote der Botschasterkonferenz vom 25. Ao-

5lr. M 61. A r.'. Marburg a. Laba

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1 Goldmark V«,,Dollar.

vember 1925 zugesagt und eine Erklärung der deutschen Regierung, dah sie unterchiffres normal die Stärke der deutschen Frtedens- garnisvn verstehe, von der Botschasterkonferenz unwidersprochen hingenommen worden. Seitdem ist die deutsche Regierung bemüht, auch eine ausdrückliche An e r k e n » nung ihrer Auslegung von den alitierten Regierungen zu erlangen. Auch der letzte Besuch v. Hoeschs bei Briand verfolgte ttn wesentlichen dieses Ziel, leider anscheinend wiederum vergeblich. Herr Briand soll sich auch diesmal durch Ausflüchte und andere Winkelzüge einer klaren Stellungnahme ent­gegen haben. . , ,

Trotzdem ist man, tote totr erfahren, in maßgebenden Regierungskreisen entschlossen, die seit langem im Gange befindliche diplo­matische Aktion, von der der letzte Schritt des deutschen Botschafters in Paris nur eine Etappe war, unentwegt und mit größ­tem Nachdruck fortzusehen damit möglichst bis zum Beginn der Genfer Be­ratungen eine wirkliche Klärung der Be­satzungsfrage herbeigeführt ist.

Der Bey vo» Tunis in Marseille.

fk M a r s e i I e, 5. Aug. Der Bey von Tunis ist per Schiff hier eingeirosfen. Heute nach- ' mittag findet für ihn und den Sultan von Marokko in der Präfektur ein festlicher Empfang statt.

DleBermindemng der BMungslrMen

Wieder ergebnislose »erlmnblmren v. KIchs mit Briand

Ein Sandelsmvissrium mit Frankreich

Paris, 5. Aug. Zwischen dem deutschen Botschafter v. Soesch und Ministerial­direktor Posse einerseits und dem franzö­sischen Außenminister Briand und Handels- Minister Bokanowski andererseits find beute nachmittag im franzöfischen Außen- ministerium zwei Verträge gezeichnet worden. Der eine dieser Verträge ist ein auf die Dauer von 6 Monaten abgeschlossenes vor­läufiges Handelsabkommen, der andere eine Teilvereinbarung über den Warenaus­tausch zwischen Deutschland und dem Saar­gebiet. Durch den ersten Vertrag wird der Warenverkehr zwischen Deutschland und Frank­reich für eine bestimmte Anzahl die Ausfuhr beider Länder interessierende Waren geregelt. Außerdem enthält dieser Vertrag Klauseln über das Statut der Personen und Gesell­schaften. In dem Teilvertrag über die Saar sind eine Anzahl der in dem vor einem Jahre abgeschlosienen, aber nicht in Kraft ge­tretenen Saarabkommen geregelten Fragen des Warenverkehrs zwischen Deutsch­land und dem Saargebiet, die teilweise in einem besonderen Zusammenhang mit der für die entsprechenden Warengruppen im Han­delsabkommen getroffenen Regelung stehen, übernommen worden.

Die ,T>berhessische Zeitung" er- scheint sechsmal wichentUch. Be­zugspreis monatlich 2 GM. aus- fchließl. ZustellungSgebühr, durch diePost?L5 GM.Für etwa infolge Streiks, Maschinendefekte oder elementarer Ereignisse ausfallende Nummern wird kein Ersah ge­leistet. Verlag b. Dr. §. HItzeroth, Druck der Unip.-Buchdruckerei b. Zoh. Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 55. . Postscheckkonto: Amt Frankfurt v «. M. Nr. 5015. Sprechzeit V der Redaktion von 1011 und

's,11 Uhr.

Wens WeneoitM

Erklärungen des Außenministers Zaleski.

Warschau, 5. Aus. Außenminister Za­leski empfing die Vertreter der ausländi­schen Presse und erklärte ihnen, daß Polen nach wie vor einen ständigen S i tz im Bölkerbundsrat anstrebe. Er hoffe, daß durch die Rekonstruktion des Rates die notwendigen Voraussetzungen dafür geschaffen würden, daß eine ergebnislose Septembertagung vermieden werde. Der Rat müsie so gestaltet werden, daß sämtliche Streitfragen unparteiisch geprüft werden könnten. Mit Bezug auf Deutsch­land führte der Minister aus, daß die Han­delsvertragsverhandlungen einen normalen Verlauf nähmen, wenn auch noch nicht alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt seien, er hoffe aber, daß die schwe­benden Verhandlungen zu einem befriedigen­den Abschluß führen würden. Dann kam der Minister auf das polnisch-litauische Verhältnis zu sprechen und erklärte, Litauen müsie sich Z« einer humanen Politik bekennen und einsehen, daß die Wiederauf­nahme der normalen Beziehungen mit Polen sowohl wirtschaftlich als auch außenpolitisch für das Land notwendig sei

WnmteS SMe vsr bn Kammer

Tie Schaffung der Amortisationskasse an­genommen.

Paris, 5. August. Nachdem der Fi­nanzausschuß der Kammer die beiden neuen Regierungsentwürfe betreffend die Amorti­sierungskasse und die Ermächtigung der Bank von Frankreich, Gold und Devisen zur Stabilisierung des Franks anzukaufen, mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen hatte, trat heute nachmittag um 3 Uhr die Kammer zur Beratung der Gesetzentwürfe zusammen. Auf der Ministerbank saßen Poincarö, Bri­and, Tardieu, Herriot und Sarraut. Gleich zu Beginn bat der Ministerpräsident, die Beratung möglichst zu beschleunigen. Das neue Verfahren der Geschäftsordnung kam diesmal zur Anwendung.

Der frühere Präsident der Reparations­kommission Dubois erklärte sich wie ver, schiedene andere Gruppen im Namen der demokratisch - republikanischen Vereinigung im Prinzip mit dem Entwurf einverstanden, bedauerte jedoch, daß an der Spitze des Finanz- und des technischen Komitees der Amortisationskasse Politiker ständen. Er befürchtete dayon ungünstige Rückwirkungen.

MlenS enlwiiflung zum MMieftaal

Von Dipl.-Sng. A. C. Hebens-Suna (Lago Maggiore).

Wer vor dem Krieg in Italien gewohnt hat und jetzt wieder dort weilt, wird den unge­heuren industriellen Aufschwung verspüren, den das Land dem Krieg verdankt. Wer glaubt, daß eine derartige Veränderung durch Politiker hervorzurufen ist, mag sich an die Reden Mussolinis halten, z. B. an die kürz» lich bei der Eröffnung des statistischen Wirt­schaftsinstituts gehaltenen. Sn Wirklichkeit hat Mussolini, was ohne jede Rebenabsicht auf andere Politiker gesagt sei, lediglich ein paar gesunde Augen im Kopf, er sieht die industriellen Möglichkeiten und hilft ihnen mit sanfter Staatsautorität etwas nach. @r schraubt das Ziel immer höher und reißt die Menschen mit. Und er nutzt vor allem den günstigen Augenblick aus, in dem sich der italienische Hrnschlagplah zwischen Westen und Orient befindet.

Von der Ratur war Stallen gewiß nicht zur Sndustrialisierung bestimmt. Ader feine Häfen zogen Handel und Verkehr an sich, die heute nur noch mit großen technischen Hilfsmitteln zu bewältigen sind. Wan denke nur an die neuen Häsenpläne für Genua, in denen der bisherige Hafen zum künftigen etwa das Gröhenverhältnis aufweist wie die Tasche zu einer Hose. Ebenso brachte der Automobil- und elektrische Verkehr, sowie die zweispurige Anlage großer Bahnlinien der gesamten Eisenindustrie lohnende Aufträge, die früher ins Ausland gingen, jetzt aber im Lande bleiben sollen.

Auf der Basis der nationalen Schwer­industrie wachsen die übrigen von selbst. Großartig hat sich der Schifsbau entwickelt, der heute die größten Heberseemotorschrsfe liefert. Die Stahlerzeugung betrug 1925 rund 16 Millionen To., das sind 20 000 Tonnen mehr als im letzten Kriegsjahr 1917, in dem die Anforderungen der Rüstung natürlich außergewöhnlich waren. Stallen marschiert seitdem an sechster Stelle der stahlerzeugenden Länder, hinter Amerika, Deutschland, Eng­land, Frankreich und Belgien. Das ist aber keine tote Ziffer, sondern Pro Kops der ita­lienischen Bevölkerung werden statt wie vor kurzem noch 25 Kilogramm heute dis 55 Kilogramm Stahl verbraucht. Vielleicht be­sitzt diese Zahl Leben genug, um zu zeigen, wie Stallen zum Sndustriestaat wurde. Dabei wird noch für rund 1 Milliarde Lire an Stahiwaren eingeführt. Deshalb sollen die eigenen Bodenschätze neu geprüft, neue Lager­stätten gesucht, die vorhandenen wirtschaft­licher abgebaut werden. Große Aufmerksam­keit wird dem elektrischen Verhüttungsver- sahren geschenkt, damit in Zukunft die Ein­fuhr von 10,5 Millionen To. (1925) Stein­kohle gesenkt werden kann.

Die Beschäftigung in der Eisenhüttenindu­strie war E gut die Gesellschaft Monte- catini plant die Einrichtung eines Hochofen­werks zur Verhüttung der Phritruckstande. Die Gesellschaft Breda Milano stellte sich teil­weise auf Maschinenbau (elektrische und hy- drauliche Großmaschinen) um und verteilte 8 v H. Dividende. Die Terni in Genua machte ebenfalls einen Umstellungsprozeh von Hüttenwerkserzeugnissen zugunsten hyoro- elektrischer Krafterzeugung und der Herstel­lung elektrochemischer Produkte durch, behielt daneben aber das frühere Arbeitsprogramm; auch sie verteilte 8 v. H. Dividende. Die Siva in Genua hatte eine Rekorderzeugung. errichtete große Zementfabriken und verteilte 5 v. H. Gewinn. Die Fiat in -4-unn steigerte die tägliche Wagenerzeugung und beschäftigt bereits 36 000 Mann; sie schüttete 15 v H. aus Während die Montecatim in Mailand gar 18 v. H. an chre glücklichen Aktionäre verteilen konnte.

Zu altem kommt die Erleichterung hinzu, die eine leise rutschende Valuta mit sich bringt. Es ist jedoch ganz klar, daß für die itali­enische Sndustrie die heftigsten Ruckschlage ein­treten werden, sowie das Land ?ur festen Währung zurückkehren wird. Ob sie sich auf diesen schwierigen Auenblick mit der notigen Solidarität vorbereitet, ist mehr als zweifel- haft; denn in dieser Hinsicht haben die Siegerländer nicht allzuviel von den Snfla- tionsjahren in Deutschland gelernt.

auf die Arbeiten der Kasse. Auch fehle eine deutliche Trennung der Kompetenzen.

Ministerpräsident Poincarö wies darauf hin, daß es zweifellos wünschenswert gi> wesen wäre, eine Amortisationskasse für die Tilgung der gesamten öffentlichen Schulden zu schaffen. Jedoch dränge die Finanzlage des Staates zuerst zur Tilgung derjenigen Schulden, die eine Gefahr bedeuteten. Die Amortisationskasse werde nur wirksam sein, wenn sie weitgehende finanzielle Autonomie erhalte. Aus dem Grunde stelle er den An­trag, ihr konstitutionellen Charakter zu ver­leihen. v . .

Der Sozialist Beduca geht auf das fozia- listische Gegenprojekt zur Verwertung des Tabakmonopols ein. Für dessen Ablehnung stellte Poincars die Vertrauensfrage. Das sozialistische Projekt wurde daraus mit 350 gegen 172 Stimmen abgelehnt.

Nach weiterer Debatte nahm die Kammer schließlich nach Ablehnung verschiedener Aenderungsanträge den Regierungsentwurf zur Schaffung einer Amortisationskasse zur Konsolidierung der Bons der nationalen Verteidigung mit 420 gegen 140 Stimmen ohne Aenderung an. Auch diese Abstimmung war mit einem Vertrauensvotum verbunden.

Um 9.30 Uhr wurde die Sitzung unter­brochen. In einer Nachsitzung soll die De­visenkonzession an die Bank von Frankreich erledigt werden. *

Hochwafferkatastrophe in China

Riesige Menschenomer.

Newport, 5. Aug. Wie dieAssociated Preß" aus Honkon (China) meldet, find durch das Bersten der Dämme am Aang- tsekiang in dem östlichen Teil der Provinz Hupeh 3000 Menschen «ms Leben gekommen. 2000 Quadratmeilen Landes stehen unter Wasier.

Laut einer weiteren Meldung der »Asio- tidtcb Preß" aus Sanlau war die Stadt bereits vom Wasier überschwemmt, als sie durch das Bersten der Dämme vorübergehend von den vernichtenden Fluten gerettet wurde. Durch das Bersten der Dämme andertn die Wasiermasien ihren Laus, überschwemmten die Kanäle der Stadt, wodurch das Wasier m die Stadt brach. Die Bewohner flüchteten in die von dem Wasier verschonten Teile. Man be­fürchtet, daß durch die Vernichtung der Ernte eine Hungersnot entstehen wird, die, wie man vorausfieht, schlimmer sein wird als die des Vorjahres. M

Tokio, 5. Aug. In der Provinz^orea sind infolge der letzten schweren Regensturme mehrere tausend Acker Land von den aus ihrem Bett tretenden Flüsien überschwemmt worden. Dabei sollen 7 5 Personen ums Leben gekommen sei».

Frankreich und SleAMluMge

Die Wiedergabe eines Interviews mit Briand i n dec WienerNeuen Freien Presse" veranlaßt die Pariser Abendpresse zur Prä­zisierung des französischen Standpunktes in der Anschlußfrage.

DerT e m p S" wendet sich dagegen, daß gewisse österreichische Kreise eine Aenderung Der Haltung Frankreichs in der Anschluß­frage aus den Aeußerungen Briands ent­nehmen zu können glauben. Er schreibt, die Bedenken Frankreichs beständen in ihrem ganzen bisherigen Umfang fort und das Neue Wiener Tageblatt", das dieses In-' terview kommentierte, täusche sich ganz und gar, wenn es annehmen wolle, daß Frank­reich infolge des Abkommens von Loearno feine Haltung in einer Frage von derart überragender Wichtigkeit geändert habe.

Abgesehen von den Frankreich unmittel­bar betreffenden Argumenten beständen noch Viele andere ausschlaggebende Bedenken ge­gen einen Anschluß Oesterreichs an Deutsch­land, so die Bedrohung, die sich für Italien aus einer neuen Entwicklung der deutschen Macht in Mitteleuropa er-, geben würde und die Gefahr, die diese Ent­wicklung für die Tschechoslowakei, für Jugoslawien und für R umänien, Frankreichs Verbündete, bedeuten würde, denn Deutschland könne von Wien aus auf jedeGefälligkeitderUngarnbei der Einleitung eines neuenVorstoßes nach dem Balkan rechnen. Der Anschluß würde gewiß der Ausgangspunkt eines Dranges nach Osten fein, der sofort den Begriff Mitteleuropa, eines der großen Kriegs­ziele des kaiserlichen Deutschlands, ver­wirklichen würde.

Was Frankreich betreffe, so könne eS sich zu keiner Politik hergeben, die dazu angetan fei, die durch den Sieg der Alliierten ge­schaffene neue Ordnung zu verhindern. Frankreich habe Oesterreich stets seine Für­sorge bewiesen; man müsse aber in ILien nicht übersehen, daß die günstige mnng Frankreichs nur einem unao han-i gigen Oesterreich gelte und daß die französische Opposition gegen den Anjchlug in vollem Umfange bestehen bleibe.

DasJour nal des D e b a t s" be­zeichnet die Worte Briands, der Augenblick sei nicht dazu angetan, die Frage Oesterreich auszurollen, als zweideutig und etwa- be­unruhigend, denn sehr viele Leute in Deutschland und Oesterreich würden nicht verfehlen, sie in dem Sinne ouszulegen, daß Frankreich eines Tages den Anfchluß Oesterreichs an Deutschland zulasten tonnte. Derartigen Gedanken selbst aus Unvorsich­tigkeit zu vertreten, sei außerordentlich ge­fährlich.