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Sonnabend, den 24. Zull 1926
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Die nationale Einheitsfront
Daß Kabinell btt RinistervrWenten
Lhmnterlaln und die deuMe Mm
Was Chamberlain früher über die deutsche Abrüstung sagte.
Im Zusammenhang mit Chamberlains Erklärung in der gestrigen Unterhaussitzung über den unbefriedigenden Stand der deutschen Abrüstung ist es nicht uninteressant, sich den ganzen Wortlaut der ebenfalls von Lbamberlain im Januar dieses Jahres abgegebenen Erklärung zu vergegenwärtigen. Chamberlain sagte damals bei dem gemeinsam mit Briand abgehaltenen Presseemusang auf die Frage, ob Deutschland alles Menschenmögliche tue, um seine Abrüstungsverpflichtungen zu erfüllen: „Ja, alles. Man muß nicht immer bloß daran denken, was noch geschehen soll, sondern auch in Betracht ziehen, was bereits getan worden ist. Die Ergebnisse, die in den letzten Monaten erzielt worden sind, übersteigen unsere Hoffnungen." Weiter Suherte er die Ueberzeugung, daß die noch rcstterrnden Entwaffnungsbestimmungen leicht erledigt werden können.
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Berlin, 23. Juli. Wie eine Korrespondenz berichtet, find die Gehälter der Interalliierten Kontrollkommisston ne« festgesetzt worden. Danach beträgt das monatliche Gehalt eines Generals rund 2780 J*., eines Obersten 2000 M, eines Oberstleutnants oder Majors 1680 M, eines Hauvtmanns 1380 M, eines Leutnants 1000 M, eines Unteroffiziers 460 M und eines Gefreiten oder gemeinen Soldaten 360 M.
Paris, 23. Juli. Wie Savas mitteilt, ind auf Grund der bisherigen Verhandlungen Poincares folgende Portfeuilles endgültig besetzt worden:
Vorfitz des Ministerrats, Finanzen und Wiederaufbau Poincare.
Justiz und Elsad-Lotbringen: Bartbo«. Auswärtige Angelegenheiten: Briand. Marine: George Leygues.
Inneres: Albert Sarraut.
Kolonien: Leon Perrier.
Handel: Bokanowsky.
Oesfentliche Arbeiten: Tardieu.
Penfionen: Louis Marin.
Wie autzerdem bekannt wird, bat Pazin- l e v e das Kriegsministerium und H e r r i o t das Unterrichtsministerium auf Wunsch Poincare übernommen. Der radikale Abgeordnete Qu'eutlle wird von Herrjot zur Uebernabme des Ackerbauministeriums aufgefordert werden, so daß im Augenblick nur noch das Arbertsministerjum zu besetzen bleibt. Poincare hat sich ins Elvsee begeben, um dem Präfidenten der Republik die Zusammensetzung des neuen Kabinetts mitzuteilen.
Paris, 23. Juli. Um 1.40 Uhr hat Poin- rare das Elvsee verlassen und erklärt, daß sein Kabinett gebildet sei. Die definitive Ministerliste stimmt mit der schon gegebenen überein. Es ist noch nachzutragen: Arbeitsminister: Fallier es (Radikale Linke). , -
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Heber den Stand der Verhandlungen am Ende des gestrigen Tages berichtet die Ag e n e e Havas:
Die mehr als zipeistündige Unterredung die Poincare gestern abend mit Brtand, Barthou und Senator Sarraut batte, bedeutet eine entscheidende Etappe ut der Entwicklung der Ministerkrise. Unter der Voraussetzung, daß kein unvorhergesehenes Ereignis eintritt, was -immer noch möglich ist, solange das Ministerium nicht endgültig gebildet sein wird, hat sich Pom- earö die Mitarbeit Sar»auts gesichert, der das M i n i st e r in m des I n - nern übernehmen will. Poincare glaubt durch diese Berufung die linksstehenden Elemente, die die Mehrheit in der Kammer und Senat bilden, befriedigen zu können und hierdurch die Besorgnisse zu beseitigen, die im Verlaufe des gestrigen Tages geltend gemacht hätten. Poincare will im übrigen der zahlenmäßigen Bedeutung der Lliiks- qruppen Rechnung tragen. Die Fortsetzung der Außenpolitik, die gestern von der großen Mehrheit der Parlamentarier verlangt wurde, will er durch die Beibehaltung der Locarnoverträge im Ministerium des Aeußern sicherstellen.
Die Zusammensetzung des Kabinetts Poincare.
Das vierte Kabinett Poincare, bestehend aus 13 Mitgliedern, setzt sich zusammen aus vier Senatoren und neun Abgeordneten. Von den Senatsfraktionen ist die Republikanische Vereinigung durch Poincare, die Republikanische Linke durch Barthou und die Radikale Fraktion durch Albert Sarraut und Leon Perrier vertreten. Die übrigen Mitglieder verteilen sich auf folgende Kammerfrakt-ionen: Radikale 2 (Herriot und Queuille), Lozial- revublikaner 2 (Briand und Vainleve). Radikale Linke 1 (Fallieres), Linksrevublikaner 1 (George Levsues), Demokratisch-Republikan. Linke 1 (Bokanowskv)s Dernokratisch-Revu- blikanische Vereinigung 1 (Marin). Tardieu, der bei keiner Fraktion eingeschrieben ist steht den Linksrepublikanern nabe. Dem Kabinett gehören fecks frühere Ministerpräsidenten an, nämlich Poincare, Briand, Bartbou, Herriot, Painleve und George Leygues. Die Mitglieder haben, abgesehen von Fallieres, der in einem der letzten Kabinette Hnterstaatssekretar war, bereits sämtlich Ministerposten bekleidet.
Die Borstellüng des neuen Kabinetts.
Ministerpräsident Poincare hat gestern abend 7 Uhr dem Präfidenten der Republik das neue Kabinett vorgestellt und ihn die E r » neannngsdekrete unterzeichnen lasten. Herriot erklärte gegenüber Journalisten: Man braucht mich nicht r» beglückwünschen. Ich bin nicht ans Ueberzeu- gnng hier, sondern ans Pflichtgefühl.
Dte Mioltemetraten gegen ras neue KabineU
ft. Paris, 20. Juli. Die sozialdemokratische Kammerfraktion nahm eine Entschließung an, in der es heißt: .,Angesichts der Bildung I einer Regierung, die Männer mit den ent- I gegengesetzten politischen Wr'.^tei: und den I verschiedensten Finanzprogrammen verein.gl, I bekundet die sozialdemokrat che Fraktion ihre Entschlossenheit, le R-7' '" g 3« bekämpfen, deren ionsrrogramm ihr als en: Bekämpfung der gesamten Arbeite/kreise erscheint. I
Serriok an Lazol
Paris, 23. Juli. Herriot bat an den Vorsitzenden der Republikanischen Kammerfraktion, den Abgeordneten C a z a l, einen I Brief gerichtet, in dem er zur Begründung (eines Eintritts in das Kabinett Poincare I u. a. erklärt, nachdem er entsprechend seiner Heberzeugung die Rechte des Par la- I mente verteidigt habe, sei er mit seinem Kabinett der republikanischen Linken vor die Kammer getreten, um die Grundsätze und I Doktrinen der Radikalen Partei zu vertreten, aber trotz der ihm von der Radikalen Partei I gewährten Unterstützung sei er geschlagen worden. Jetzt, wo man sich bemüht habe, wie in der Zeit des Krieges die nationale Einheit herzustellen, und man auch ihn aufgefordert habe, bade er sich vor seinem Gewissen nicht für berechtigt gehalten, den Erfolg dieses Versuches zu behindern. Er übernehme allein die Verantwortung für diesen Entschluß und stelle der Partei die Beurteilung anheim. Er könne nur versichern, daß et, der ein ganzes Leben lang von ihm vertretenen Ueberzeugung treu bleiben werde und daß er sich nur davon, leiten lassen werde, der Republik, dem parlamentarischen Regime und seinem Lande zu dienen.
BWrung der FnmkenwWuilg
Berlin, 23. Juli. Nachdem bereits in den Vormittagsstunden der französische und der belgische Franc Ansätze zu einer festeren Haltung gezeigt hatten, trat gegen 1 Uhr nach Meldungen aus London dort eine erhebliche Besserung ein Für 1 Pfund Sterling wurden 208,50 französische und 205,50 belgische Francs bezahlt. Die entsprechenden Nachbörsenno-> tierungen vom gestrigen Tage waren 217,50 bezw. 212,50. Der gestern veröffentliche Wochenausweis der Bank von Frankreich weist allerdings eine Zunahme der Vorschüsse an den Staat in Höhe von 550 Millionen Franken auf.
Die AnM »er cnsliithcn Messe
Lloyd Georges Blatt, die „Daily Chro- n i c I e", schreibt, Poincare fei als Premierminister und Außenminister ein Staatsmann gewesen, mit dem dte Leiter der britischen Politik tn der Vergangenheit nur schwer hätte auskommen können . Aber die Umstände, die damals die Reibungen verursacht hätten, würden hoffentlich nicht wiederkehren. Man müsse Poincare im Interesse Frankreichs und ganz Europas Glück zu seiner schwierigen Aufgabe wünschen.
Im Gegensatz zu anderen Blättern äußert die „F i n a n c t aT t m e s" starke Zweifel über die Aussichten des Kabinetts Poincare und sagt: Die Rückkehr Poincares zur Macht erscheint wie ein Sieg der Hoffnung über die Erfahrung. Poincare hat einen beträchtlichen Anteil an den Methoden gehabt, die zu dem gegenroärttgen finanziellen Zusammenbruch geführt haben . -Seine falsche Beurteilung der , feiner zeitigen Lage hat ihn in den Augen des Auslandes aus der Reihe der großen Staatsmänner gestrichen. Seme Vergangenheit erweckt außerhalb Frankreichs mehr Besorgnis als Verttauen, gleichviel, mit welcher Begeisterung er in Frankreich selbst begrüßt wird. Ob sein Eigensinn, der einer seiner vorherrschenden Charaktereigenschaften ist, jetzt einem nützlichen Zweck dienen wild, bleibt abzuwarten. Aber auch dann darf man nicht vergessen, daß der Erfolg oder Mißerfolg der Kabinettspolitik von den unverantwortlichen Politikern abhängt, die in den letzten Jahren eine Regie- . rung nach der anderen gestürzt haben.
ÄbertMsche Zeitung
Ar Seite im englischen Bergbau
ft London, 24. Juli. Dem politischen Korrespondenten der „Daily Mail' zufolge haben die Bergwerksbesitzer in Nothing- hamshire und Derbyshire neue Arbettsbedm- igungen vorbereitet, unter denen sie nächste Woche ihre Gruben wieder eröffnen wollen. In den neuen Bedingungen werden die Lohne für einen 7-Stuuden-, U/^-Stunden- und o-etun- dentag nebeneinandergestellt. Die Löhne von dem 7-stündigen Arbeitstag sind nur wenig niedriger als dte vor dem Streik gezahlten Löhne. Da in Nothinghamshire und Derbyshire 20 Millionen Tonnen Kohlen jährlich gefördert wurden, hofft man, daß viele pausende von Arbeitern die Arbeit wieder aufnehmen und daß diese Bezirke den Hauptanteil an der Versorgung des Inlandes haben wird.
„Daily Telegraph" zufolge sind letzt in Warwickshire insgesamt 8000 Mann zur Arbeit zurückgekehrt. Die Mhrer de- Bergarbeiterverbandes sind gestern von den Pariser Verhandlungen zurückgekehrt, haben es aber abgelehnt, irgend welche Mitteilungen an die Presse zu geben.
Es ist sehr st.ll in Deutschland, so still, daß man meinen könnte, es fei alles gut in Deutschland. Dabei ist keine der ernsten Fragen, die Führer und Volk seit Monaten beschäftigt und gegeneinander gewirbelt haben, zu einer klaren Lösung gebracht worden, auch nicht eme. Rur die Parlamente schweigen, und die Minister schweigen, und das Volk empfindet dieses große Schweigen als eine solche Wohltat, daß es meint, es sei alles gut.
Dabei gibt es viel Rems vor Paris unbjn Varis. Sehr ernste Dinge geschehen dort -rag für Tag. ja, sie spitzen sich zu so gewichtigen Entscheidungen, daß man wünschen mochte, das deutsche Volk sei ein wenig wacher und nicht so — man kann fast sagen: zufrieden, nur mnil es den Franzosen 'einbar genau so geht, wie es uns ergangen ist.
Freilich, diese Zufriedenheit ist durch gewisse Ueberiegungen gedämpft. Das deutsche Vo.k weiß zu gut, daß ihm aus der französischen Inflation nicht der geringste Vorteil erwachsen kann. Das französische Valuta-Dumping hat mit in erster Linie unseren wirtschaftlichen Konkurrenzkampf so erschwert, und während wir selbst in der Ernte- und Bausaison cm Riesenheer von Arbeitslosen zu ernähren haben, beschäftigt Frankreich heute Über 3 Millionen ausländische Arbeiter in seiner övdu- ftrie
Vorteile könnte das deutsche Volk allenfalls haben, wenn es recht bald gelänge, den Franken zu stabilsieren und in Frankreich derselbe Rückschlag in der Exportwirtschaft ernt egte, dem wir im Jahre 1925 unterworfen waren; wenn also die französische Wirtschaft unter annähernd gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde wie die deutsche.
Gerade dieser unausbleibliche Rückschlag aber ist es, der auch für Deutschland unabsehbare politische Folgen haben kcmm
Das Vorspiel haben wir erlebt: Unter dem Geheul von Zehntausenden, die sich vor dem französischen Parlament ang.efaminelt hatten, wurde Herriot, vor 2 Jahren noch der Liebling der Nation, gestürzt. Und zu gleicher Zett entsandten die nationalen Verbände der Frontkämpfer und Kriegsiiivaliden eine Abordnung zum Präsidenten der Republik, erklärten die Tagung der Verbände in Permanenz und forderten" die Bildung eines Ministeriums des nationalen Wiederaufbaus.
Als Doumergue kurz darauf PoincarS mit der Bildung des Ministeriums betraute, I war der erste Schritt zur nationalen a.- i k- I t a t u r getanl Und es ist nicht daran zu zweifeln, daß sich der Diktator Poincar« be.
I hauptet.
Als in Deutschland der Dollar nur mit Bil» Honen Mark gekauft werden konnte und d,e Not der Verzweiflung auf >edes Deutschen Ant» I geprägt war. harrt es in Deutschland nie- mass zu tätlichen Angriffen auf die Fremden. Wir waren durch die Kriegsjahre für Hunger und Entbehrung trainiert. Heute ist das Kapi- I tat des französischen Rentners erst auf etwa den zehnten Teil zusammengeschmolzen, die Löhne werden den Preisen nach Möglichkeit angepaßt, von Not, wie wir sie kannten, ist noch nicht die Rede. Und schon wurden m Paris, dem Eldorado des europäischen «zrem- I denverkehrs, der traditionellen Fremdenftadt, I wo die Höflichkeit gegen Gastfreunde zum I natürlichen Gebaren der Bevölkerung gehört, I Amerikaner und Engländer, also Angehörige I befreundeter Nationen, verprügelt, nur weil ihre Gesichter sorglos schienen.
Das ist der gewaltige Unterschied zwischen I den politischen Folgen der deutschen und der französischen Inflation: Wir Tcutscke waren I von einer Lammesgeduld, als wir durch die I Schuld der Gegner namenloses Elend litten. I Die Franzosen spüren kaum die ersten Folgen selbstverschuldeter Mißwirtschaft, und schon wendet sich ihre Wut nach außen. Dabei weiß, I ja ahnt der Franzose heute noch nicht, was ihm bevorsteht Es ist falsch, wenn in der deutschen Presse häufig gesagt wird, Caillaux habe I dem Volke die ganze Wakrheit ocwgt. ite französische Nation hat sieben verjubelte Sle- I gesjafjre hinter sich, es wurde aufgcpcitscht zu I neuen Ruhmestaten mit dem täglich neuen:
Der Deutsche zahlt alles!*, mit dem Versprechen riesenhafter Beute für die ungeheuren I Blutopfer des Krieges.
I Und täglich haben Poincar« und feine Mitschuldigen dem Volke gepredigt: «Benn teu* etwas' fehlt, so liegt es nur an Deutschland, I da« seine Schulden nicht bezahlt." Niemand weiß dort, daß wir unseren Verpflichtungen I pünktlich nachkommen, niemand, daß wir an I der französischen Inflation weder Schuld noch 1 Interesse haben.
Glaubt man, daß Poincare heute dem Docke I die Wahrheit sagen wird? Müßte er nicht I sagen, daß er selbst, der Mann der Ruhrbc- | setzung, der Hauptschuldige ist? Wird er, des» I sep ganzes Leben Hatz gegen Deutschland war,
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Amerika und die englischen Kriegsschulden
In Erwiderung der englischen Presse- angrisfe, daß Amerika jetzt die Ausgaben für den Krieg eintreibe, den es früher seinen eigenen Krieg genannt bat, schreibt die „W o r l d" ,daß Amerika den Krieg nicht mebr als eine heilige gemeinsame Sache betrachte, weil die europäisthen Alliierten bei Kriegsende gezeigt hätten ,dah Amerika einem r o - mantischen Unsinn gefrönt habe, als die Sieger den Waffenstillstand zur Teilung der Beute mißbrauchten. Als die Alliierten Deutschlands Kolonien nahmen und ihm ein unmögliches, törichtes System von Wiedergutmachung aufelegten, war es für Amerika mit dem Gedanken der heilig:» Allianz vorbei. Es ist Zeit für Europa, ein- zusehen, daß dieser Gefüblsumschwung zu dem Mißtrauen gegen Europa hauptsächlich aus der Tätigkeit des Völkerbundes erfolgte. Es sei Amerikas Ueberzeugung, daß die europäischen Alliierten es zum Besten halten.