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MMStag W 10. Juni 1926

fite ^Oberhessische Zeitung" et- scheint sechsmal wöchentlich. Be- zugSpreiS monatlich 2 GM. aus- schließl. Zustellungsgebühr, durch dt<Post2.25 GM.Für etwa infolge Streiks, Maschinendefekte »der elementarer Ereignisse ausfallende Nummern wird kein Ersah ge­leistet. Verlag t>. Dr. §. Hitzeroth, Druck der Unid.-Buchdruckerei v. Zoh. Aug- Koch, Markt 21/23. gernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt e. M- Nr. 5015. Sprechzeit per -Nedaktio» bon 1011 und »/,!-! Uhr.

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MW die WWerliAa!

Die Listen der Stimmberechtigten sjir den Volksentscheid über die Weg­rehme des F ü r st e n v e r m ö g e n s am 20. zrni liegen in der lausenden Woche zur Ein­sicht auf. Da der verkassungsändernde Gesetz­entwurf des Volksentscheids zu seiner Annahme der Zustimmung der Hälfte der Stimmberechtigten bedarf, ist deren genaue Zahl von ausschlaggebender Be­deutung. Für je zwei Stimmberechtigte, die irrtümlich nicht eingetragen find, braucht »er Volksentscheid eine Stimme weniger zu seinem Erfolg. Es ist also auch sür denjenigen, der fich der Abstimmung enthalten will, von der größten Wichtigkeit, fest- Nlstellen, ob sein Name in der Liste sehlt; fehlt et, so muh er sofort die Eintragung verlangen. Stimmberechtigt ist, wer am 20. Juni 20 Jahre «lt ist.

Berlin, 9. Juni. Ueber die Beratungen der Zentrumsfraktion, die gestern statt- fcnben, wurde folgender Bericht verbreitet:

Die Zentrumstraktion befaßte sich in ihrer Sitzung, die nach der Sitzung des Plenums strttfand, mit der Frage des Volksent­scheids und der der Fürstenabfindung. Da­tei gab die Fraktion der Hoffnung Ausdruck, tatz der E e f c tz c n t w u r f, den die Regierung Marr zur Fürstenabfindung vorlcgen wird, und der sich im wesentlichen auf die früheren Be- Sbluffe des Rechtsausschusses des Reichstages ützt, möglichst bald dem Rechtsausschuh überwiesen werde, damit feine Erledigung im Vlenum schon vor dem 20. Juni stattfinden kann. Im übrigm hält es das Zentrum für aotwendig, schon int jetzigen Augenblick keinen Zweifel an seiner Haltung dem Volksentscheid und der Fürstenabfindung gegenüber zu lassen. Die Zentrumsfraklion spricht es mit allem Nachdruck aus, dah auch im Falle einer Ableh­nung des Volksentscheids diese Angelegenheit noch nicht beendet sein darf und wird.

Notwendig ist es schon heute, darauf hinzu­weisen, dah bas Zentrum unter allen-Umstän- btn eine endgültige Lösung der Frage und da- Vit eine Beruhigung unseres Volkes anstreben vird.

Sie Regierungsvorlage

Berlin, 9. Juni. Der 2l c l t e'st e n r a t des Reichstages hat heute kurz vor Beginn des Plenums beschlossen, die Regie­rungsvorlage zur Fürstenabfindung als ersten Punkt der morgigen Tagesord­nung des Reichstages anzusetzen. Der inter­fraktionelle Ausschuh der Regierungs­parteien trat gleichzeitig zu kurzer Be­sprechung zusammen, um eine gemeinsame Erklärung der Regierungsparteien für die erste Beratung der Regierungsvorlage festzulegen. Morgen wird außer der Fürsten­vorlage auch übet den Berliner Bertrag ge­sprochen werden. Am Sonnabend steht das Luftfahrtabkommen mit Frankreich auf der Tagesordnung, daneben kleinere Borlagen. Die ganze nächste Woche soll wegen der Vor­bereitungen zum Volksentscheid von Plenar­sitzungen frei bleiben. Der deutsch-schwedische Handelsvertrag, der heute auf der Tages­ordnung fleht, soll erst nach der Pause be­handelt werden. Der Aeltestenrat verstän­digte sich dahin, daß, wenn der V o l k s e n t - scheid nicht zum Ziele führt, die Re­gierungsvorlage über die Fürstenab­findung auf jeden Fall noch vor der Sommerpause erledigt wird.

zum WdeuburglM

London, 9. Juni. TieDaily Kews" führt in einemHindenburg in Gefahr" überschriebenen Leitartikel aus, Hindenburgs Ueberzeugung in der Krage der Fürstenenteignung sei zo tief ein­gewurzelt, daß er mit seinem Rücktritt drohe, wenn der Volksentscheid ein Man­dat zur Enteignung erteile. Tas radikale Blatt fährt fort, der.Verlust des Präsi­denten Hindenburg für Deutschland würde tin europäischer Verlust sein, denn der Reichspräsident habe seine äußerst schwierige Aufgabe mit bewundernswerter Würde und Zurückhaltung ausgeführt. Er derkörpere in seiner Person die Einheit Einer Nation, die durch die Äst a ch e n s ch a f- ten rivalisierender Revolutio­näre gespalten sei. Unter Hindenburg fei Deutschland langsam wieder auf die

Stt MMwMitt in Kmnmr

Sw Lehrkörper fordert tinftimmie die Maßregelung LeWgs

Hannover, 9. Juni. (WB.) Die Voll­versammlung des Lehrkörvets an der Technischen Hochschule Hannover hat ein­stimmig beschlossen, an den preußischen Mi­nister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ein Schreiben zu richten, in dem es u. a. heißt:

Der Widerstand der Studentenschaft gegen die Lehrtätigkeit des Privatdozenten Professor Dr. Lessing ist ein so tiefgehender, daß er durch Zwangsmaßnahmen nicht üerwun- d e n werden kann. Wir bedauern sehr, daß die Studenten in der Wahl der Methoden, ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen, teilweise feblgefltiffen haben, obwohl von verschiedenen Lehrern in ernster und wohlmeinender Wetze auf sie eingewirkt wurde

Durch unsere Vertrautheit mit der Wesensart der Studenten wjssen wir, daß die erforderlichen und noch zu erwartenden Maßregelungen nicht Frieden und Ordnung bringen werden, sondern daß eine Abwanderung der Studen­ten die unvermeidliche Folge sein würde.

Die Auswirkungen werden auch die For- schungstätigkeik emvfmdlich beeinträchtigen, u. a. dadurch, daß tiefgehende Entrüstung be­reits auf weite Kreise übergegriffcn hat, welch» die wissenschaftlichen Forschungen an den Hoch­schule bisher auf das Wirksamste gefördert haben.

Wir können uns nicht davon überzeugen, daß die Lehrtätigkeit des Herrn Lessing eine Wertschätzung ver­dient, die diese großen Ovfer rechtfertigt. Wir find uns einig, daß Herr Lessing nach seinem unarntem«» schen Verhalten und seiner unge­heuren Verhöhnung 61er eigenen Hochschule nicht mehr würdig ist, Mitglied des Lehrkörpers zu feilt.

Beine gekommen und kehre mühsam zu seiner früheren Stellung als einer der Hauptkunden Englands zurück. Es müsse ihm also viel verziehen werden, vielleicht sogar, daß er sich stolz rühme, daß erfein Leben im Dienste des Königs von Preußen verbrachte".

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Mwbimö und RaMsorm

G e n f, 9. Juni. Die E n t s ch e i d u n g über die Stellungnahme Brasiliens in der Ratsfrage dürfte in den Verhandlungen 'gefallen sein, die Mello Franco gestern abend bis svät in die Nachtstunden hinein mit Briand und Chamberlain führte. Brafilien wird, wie nun bestimmt verlautet, $u der September- tagung des Völkerbundes keinen Ver­treter entsenden und sich bis dahin in der Frage der Raiserweiterung volle Zurück­haltung auserlegen. Die Entscheidung über die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund wird also im September ohne die Teilnahme Brasiliens fallen, jedoch wird Brasilien einen nicht st findigen wieder wähl­baren Ratssitz zuerteilt erhalten. Durch diese Lösung ist der in den letzten Tagen allgemein erörterte Austritt Brasi­liens aus dem Völkerbund vermieden und ein Teil der Hindernisse, die dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bisher ent­gegenstanden, ist beseitigt. Wie ferner mitge­teilt wird, war dieser Plan bereits in letzter Zeit Gegenstand eingehender Verhandlungen zwischen dem Generalsekretär des Völkerbundes und dem Vertreter Brasiliens. Durch die Be­mühungen Chamberlains hat dieser Plan nun­mehr Annahme gefunden. - i...

Wir richten an den Herrn Minister die dring­liche Bitte, sofort einen geeigneten Weg zu be­schreiten, um Herrn Lessing schleunigst zur Aufgabe seiner venia legendi 8u veranlassen. Wir wüßten sonst nicht, wie eine Schließung der Hochschule vermieden wer­den könnte, find uns aber bewußt, daß die Ver­antwortung für die einfchncidenden Maß­nahmen uns nicht treffen kann."

Das Hannoversche Stadtparlament zu den Studentenkundgebungen.

ff. Hannover, 10. Juni. In der Sit* zung des Bürgervorsteher-Kollegiums stand ein Antrag des OrdnungSblockes und der Völkischen Freiheitsbewegung zur Debatte, der den Magistrat ersucht, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um beit durch Abwanderung von mehr als 1000 Stu­denten der Stadt drohenden roir_tfd>aft = I i dj e n und kulturellen Schaden a b z n w e n d e n. Bei der Aussprache kam es zu großen L ä r m s z e n e n. Der Sprecher der Sozialdemokraten, der die Ausführungen Prof. Lessings im Prager Tageblatt" über Hindenburg als zutreffend bezeichnete, wurde zur Ordnung gerufen. Ein kommunistischer Rcd - ner erklärte, die Arbeiterschaft stehe ge­schlossen hinter Prof. Lessing. Ter Ober­bürgermeister bezeichnete es als sicher, daß der Magistrat Beschltisic gegen Prof. Lessing fassen werde. Der Antrag wurde schließlich mit 35 gegen 29 Stimmen an- ge n o m m e n. . ..........

Vorläufiger Abbruch de» Studenteuftreiks.

Hannover, 9. Juni. Dem Vorstand der° Studentenschaft der Technischen Hoch­schule Hannover wird mitgeteilt, daß die Studentenschaft der Technischen Hochschule, den Hochschnlbetrieb in vollem Umfange wieder aufnimmt. Wie wir weiter erfahren, stellt der Abbruch des Streiks nicht etwa ein Nachgeben der Studentenschaft dar, die vielmehr den einmal begonnenen Kampf mit allen hierzu zu Gebote stehenden Mit­teln fortsühren will. Heute nachmittag fand eine Sitzung des Straffenais J)er Technischen Hochschule statt, in der 20 Stu­denten vernommen wurden. Gerüchte über damit verbundene Relegationen sind unbe­stätigt.

Vor einer Erklärung Mello Francos.

Genf, 9. Juni. Der Völkerbund be­handelte heute vormittag in kurzer geheimer Aussvrache die Frage der O st r e f o r m und die eventuelle Einberufung einer zweiten Stu- d i e n ko m.. i s s i o n. Die Vertreter Bra- filiens und Spaniens ergriffen dabei nicht das * Wort. Dagegen gilt es als wahrscheinlich, daß Mello Franco in der öffentlichen Sitzung am Donnerstag vormittag eine Erklärung ab­geben wird. Das italienische Ratsmitglied soll in gleichem Zusammenhang die bereits in der Studienkommisston abgegebene Erklärung er­neuern. daß Italien mit der Erhöhung der Ge­samtzahl der Ratsmitglieder auf 14 unter der Voraussetzung einverstanden ist, daß über diese Zahl nicht hinausgegangen wird.

Beratungen im Militärausschuß der Ab­rüstungskommission.

Gens, 9. Juni. Dem Militärausschuß der Abrüstungskommsi'sion lag für die heutigen Be­ratungen der Bericht seines Redaktionskomitees vor, in dem die verschiedenen innerhalb des Ausschusses zutage getretenen Auffassung über den Einfluß der Seestreitkräste auf die Be­griffsbestimmung der Landrüstungen formuliert sind. Tie französischen Sachverständigen ga­ben dazu eine Erklärung ab, in der sie grund- sätzlicha uf der gemeinsamen Erörte­rung der Begriffe der Friede nsrü st un- gen zu Wasser und zu Lande behar­ren. Sic werden darin bauvtsächlich von Italien und Japan unterstützt, die die Bedeutung der Flottenkräfte feder Art für die Mobilmachung des Landes betonen. Bei der für Donnerstag zu erwartenden Abstimmung wird wahrscheinlich die englische Auffas­sung, die eine scharfe Trennung bei der Be- griffsabstimniung von Friedensrüstungen zu Wasser und zu Lande will/ inderM inder- heil bleiben. - , .

Bauerntum und Regierung in Nutzllind

Bon Albi n Michel- Berlin.

Ter Gegensatz, der zwischen Baiierntuntz und Regierung in Rußland schon seit Iah« reit besteht, wird immer größer und nimmt neuerdings eine Form an",die für die Sow- jetregierung sehr gefährlich werden kann, liebten die Bauern in der ersten Zeit der Bolichewistenherrschaft vielfach nur passive Resistenz, so greifen sie jetzt recht oft zu Gewalttätigkeiten gegenüber den Sowjei- bürofraten und allen denen, die auf den Dörfern zu dieser Bürokratie gezählt wer« den. Daher blicken die Sowjetgewaltigen in Moskau und in den übrigen größeren Städten Rußlands auch mit immer größerer Besorgnis auf das flache Land. Von dort her kann leicht einmal ein Anstoß kommen, der ^)ie ganze Herrschaft der Bolschewisten über den Haufen wirft. Wegen dieser Ver­schärfung der (Whensätze zwischen Stadt und Land ist es nicht ohne Interesse, einmal die russische Bauernschaft, wie sie sich nach dem Niederbruch des Zarentums ent­wickelt hat, etwas genauer zu betrachten.

Ta kann es zunächst keinem Zweifel un­terliegen, daß das Bauerntum in seiner großen Mehrheit mit der Beseitigung de» Zarentums einverstanden war; denn Besei­tigung des Zarentums nach einer Revo­lution mußte auch zur Beseitigung de» Großgrundbesitzes und damit zur Land­aufteilung 'führen. Ta tu Rußland jede Regierung von den Bauern unterstützt wor­den wäre, die dem Muschik Land zuziu» sprechen bereit war, erhielt auch die bol­schewistische Regierung die Unterstützung der russischen Bauern: und da die Gefahr vor­lag, daß die Wiederherstellung einer zari- ' -"stMgm -Regierung ober überhaupt einer- großgrundbesttzfreuudlichen Regierung die Landverteilung rückgängig machen^ könnte, meldeten sich auch Bauern in großer Zahl zum freiwilligen Eintritt in die Armeen, die den Generälen Denikin, Kolschak usw. cittgegengeführt wurden. Stber schon kurz darauf begann das russische Bauerntum zur Bolschewistenregierung eine Kampfstellung einznuehmeu. Nicht mit Unrecht sahen die Mnschiks in dem Kriegskommunismus, den die Bolschewisten zunächst eiuführten, eine Ausraubung des Dorfes zugunsten der Stadt. Es begann die Zeit der Zwangsent- eignuugen und derVorfarmen", die sich in den Dienst der Bolschewisten stellten und deren Anordnungen recht oft für bin Bauer in höchstem Maße drückend waren. Wurde einerseits das Getreide enteignet ober nur ganz gering bezahlt, so verteuer­ten sich anbererseits die Jndustriewaren, wie überhaupt alle Artikel ,bic bet Bauer kaufen mußte, zu unerschwinglichen Prei­sen . Auslänbische Jndustriewaren kamen nicht ins Land, und die in den staatlichen russischen Unternehmungen hergestellten Waren zeigten oft bei höchsten Preisen nur eine sehr geringe Verwendbarkeit. Weiter kam hinzu, daß die russischen Dörfer viel­fach von Leuten überfüllt wurden, die au» den Städten kamen und, längst der Land­arbeit entwöhnt, au der Laudverteilung teilnehmen wollten.

Bald entstand in den Dörfern überall ein reger Schleichhandel mit den verschiedensten Jndustriewaren, ebenso mit Getreide, und schließlich kam der Kleinhandel zum weit­aus größten Teil wieder in die Hände von priaten Händlern. Bildete sich so von Neuem eine über dem Durchschnitt stehende wohlhabendere Klasse von KleinPufleuten, so gingen aber auch in wenigen Zähren tm russischen Bauerntum große Wandlungen und Differenzierungen vor sich. Man hatte den Bauern wohl Land gegeben, aber viele von ihnen besaßen keine Ackergeräte und kein Vieh, und so konnten sie das überwis- fene Land nur zu einem kleinen Teil oder qar nicht bestellen; daher auch der sehr be­deutende Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion nach der Revolurion und nach dem Kriege. Diesem Mangel an Ackergerä­ten, Bieh, Saatgetreide usw. wußten nun Bauern, die darüber verfügten, lehr gut auszunutzen. Es entstand "bet Kulak, der große, der reiche Bauer. Er gibt den kleineren und teilweise auch den mittleren Bauern die Saat, schießt ihnen Gelder vor, leiht ihnen Ackergeräte und Gespann. Da­für müssen die armen Bauern einen ge­wissen Prozentsatz der -Ernte ab liefern, sie müssen beim Kulak eine gewisse Zeit um­sonst arbeiten oder einen Teil ihres Lan­des zum Anbau für den Kulak hergeben. Waren es nach der Revolution dieTon­armen", die im russischen Bauerndorf den Ton angaben ,so sind es heute oie Ku-