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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.

Anzeiger für (das früher kurhestische) Oberhessen

XL 247

DieOberhesfiiche Zeitung" erscheint lechsmal wöchentlich.Dezugsvreis 15.-20 Okt. 750 0U0 000 M«rk einschließlich Zustellungsgebühr. Für ausfallende Nummern ins. Streitsoo.element.Ereignist« kein Ersatz.Vlg.vonDr. T. Htyeroth. Drzick der llniv^Buchdrnckerei r>o» 2oi>. Lug. Hoch, Markt 2125. Fernsprecher 55, Post» toetflonlo: Nr. 5015 Lmt Frankfurt a. Main.

Marburg

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58. W«.

1928

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Bayern und Sachsen.

Zu was für grotesken Verhältnissen wir durch die Auseinanderentwicklung der einzelnen Bestand­teile des Deutschen Reiches gelangt sind, zeigt die Tatsache, daß Bayern die diplomatischen Beziehun­gen mit Sachsen abgebrochen hat, und natürlich wird Sachsen dasselbe tun.

In der Beurteilung der Dinge mutz eins an den Vordergrund gestellt werden. Man mag über den bayerischen Partikularismus und über die Dick- kixfigkeit der bayerischen Politiker denken wie man will, jedenfalls sind sie imstande, dafür zu sorgen, daß in ihrem Lande Ruhe und Ordnung herrscht. Wenn man es den Sozialdemokraten schließlich nach- fiihlen kann, daß sie über das scharfe Zufassen der bayerischen Regierung, namentlich unter dem Aus- «ahmezustand gegen alle sogenannten Proletarischen und Arbeiterorganisationen arg verstimmt sind, so werden auch sie nicht verkennen, daß in Bayern jedermann ungestört seinen Berufsgeschäften nach- gehen kann, ohne täglich für sein Leben fürchten zu müssen. In Sachsen ist das gerade Gegenteil der Fall. Wir haben an dieser Stelle die fürchterlichen Zu stände dort oft genug geschildert und brauchen in diesem Augenblick nicht darauf zurückzukommen. Diejenigen Sozialdemokraten aber und vor allen Dingen die Gewerkschaftler, die so gewaltig ihre Stimmen gegen die bayerische Diktatur erheben, sollten der Tatsache eingedenk sein, daß es Sozial­demokraten und Kommunisten sind, die in Sachsen die unglaubliche Schreckensherrschaft gegen nlle bür­gerlichen Elemente teils geduldet, teils selbst aus­geübt haben, für sie liegt also der allergeringste Grund vor, über bayeriche Tyrannei zu zetern. Dazu waren sie allenfalls berechtigt, wenn sie in Sachsen und Thüringen nicht mit den Kommunisten eine gemeinsame Regierung gegen alle ordentlichen Elemente gebildet, sondern ihren kommunistischen Genossen die vielen empfangenen Fußtritte einmal heimgezahlt und gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien der Mitte für Ordnung im Lande gesorgt hätten. Und die Gewerkschaftler sollten sich um die Dinge kümmern, die sie angehen, nicht aber um po­litische Fragen, die in das Bereich der Reichsregie­rung und des Reichstags, also der politischen Kör- verschaften gehören.

Inzwischen hat sich das polnische Bild wieder geändert: Icr.fto mit Bayern Einigung in Sachsen? Man traut seinen Augen nicht. Jedenfalls ist die Lage nun- wehi noch verworrener und unklarer geivorden, als si noch gestern war. Eines scheint aber leider traurige Gewißheit, daß die Stimmung in Bayern, wie sie der Tag" schildert, die Vorherrschaft gewann und zum Konflikt mit dem Reich treibt, das. wie man eben in Bayern glaubt, rettungslos der sozialistischen Führung unterworfen sei.

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Zu der Stimmung in Bayern wird demTag" gemeldet:

M ü n ch e n, 19. Okt. Das inzwischen dementiert? Gerücht von der Zwangspensionierung v. Losiows zeigt, wie nervös die politische Stimmung in Bayern ist. Man ist hier überzeugt, daß die Reichs­regierung nach wie vor unter dem Ein­fluß ihres sozialistischen Einschlages steht und die bayerischen Interessen als Ausgleich gegen das Vorgehen der Reichswehr in Sachsen herangezogen »erden. In bayerischen politischen Kreisen wird diese Angelegenheit sehr schwarz beurteilt Denn in allen nationalen Kreisen hat man e» satt, immer wieder Bayer« ««d Sowjet-Sachse«, einen Rationalismus, auch wenn er sich noch so radikal und turbulent gebärde, mit de« internationale« Moskau- Hörige« auf eine Stufe gestellt zu sehe«.

Der bayerischen Regierung dürfte ihr Weg sozusagen twangsläufig vorgcschrieben fein. Sie wird in b efrr Sache nicht nachgeben, sondern auch vom änßersten Wider­stand nicht zurückschrecken. General V Losiow geniest bas unbedingteste Vertrauen aller nationalen Kreiie und Verbände und vor allem auch der bayerischen Reichs- «oehr. In diese könnte rin furchtbare; Moment inneren Zerfalls durch die Maßregelung des beliebten Generals ge­tragen werden. Und warum letzten Endes? AuS Rück­sicht auf eine Partei, die von internationalen Elementen nnd Ideen verseucht, dem Lande einen Ministerpräsidenten stellt, der offenkundig Landesverrat be­gangen hat? Dir Zeit ist anders als 1918. Damals warendieLänderunddasBürgertum schwach, bas vom roten Terror regierte Reich aber stark. Heute glaubt man in Bayern wenigstens, daß ter Fall umtzekehrt ist. Sollen die rechtsradikalen Elemente gereizt und gestärkt werden, dir eine Lehre aus brr Ge- burtsstunde des neuen Reiches zu ziehen und nun ihrer-

jells das Recht der Revolution aus Revolution her- hält.

leiten zu wollen? So sehen sich hier die Dinge an, und sie sind nicht zu schwarz gemalt. Man ist der Meinung, baß Berlin gut beraten wäre, v>en» es das heiße Eisen nicht anfäßt.

ein Dementi.

Berlin, 19. Okt. Hier wird die Meldung, die Reichsregierung habe beschlossen, den General von Lossow abzuberufen, dementiert. Die Reichsregierung ist in einer solchen Frage übcrhaupt nickt zuständig. Vielmehr sind die militärischen Personalien aiisschließlich Sach« des Reichspräsidenten, der wicderuM mich auf Vorschlag des Rrickswehrministers und des Chefs her Heeresleitung sich beraten läßt.

Trotz des Dementis will derBärs. Kourier" wissen und zwar auf Grund zuverlässiger Informationen, daß mit der Abberufung des Generals von Losiow in aller- kürze ster Frist z« rechnen ist. DieMün­chener Zeitung" schreibt, die Abberufung Lossows könne von Bayern nur mit der Forderung des Rücktritt Geßlers beantwortet werden.

Auch hier hat das demokratisch-liberale Blatt den richtigen Wind, wie die folgende Meldung zeigt. Man fragt sich nur, was die Dementis eigentlich sollen, die von amtlichen Stellen losgclassen trerden, um bald durch die Tatsachen widerlegt zu werden.

B e r I i n, 20. Okt. Wie die Blätter mitteilen, hat die bayeriche «Regierung wegen des Falles von Lossow von der Reichsregierung den Rücktritt des Reichsw ehr minifter s Eeßker ge­fordert und ferner die Reichsregierung wisieu lasien, daß sie in Zukunft jeden amtlichen Verkehr mit dem Reichswehrminister ablehne. Ueber die Borgeschichte des Konfliktes teilen die Blätter mit: Rach der Verhängung des militärischen Ausnahme­zustandes richtete derVölkische Beobachter" scharfe Angriffe gegen den Chef der Heeresleitung General o. Seeckt. Als Kahr das Ersuchen des Reichswehr­ministers, das Blatt zu verbieten, aölehnte, erfolgte das Verbot des Blattes durch den Reichswehr- ministcr selbst. Trotzdem erschien das Blatt weiter. Nunmehr erteilte General v. Seeckt dem General v. Losiow den Befehl, das Verbot auszusprechen und nötigenfalls mit Gewalt durchzufuhren. Lossow lehnte in einem offenen Telegramm an Seeckt die Ausführung des Befehls ab, der ihn in Konflikt mit der bayerischen Regierung bringe. General von Seeckt eröffnete nunmehr General v. Lossow, daß er sein Vertrauen nicht mehr hab« und daraus die Konsequenzen ziehen müsse. Das tat Lossow nicht. Für die Reichsregierung war die Situation voll­kommen klar. Lossow war als ein Meuterer an'«- sehen, der nicht auf seinem Posten bleiben konnte, da das Ende jeder militärischen Disziplin bedeuten würde. Mit Rücksicht auf die außenpolitische Lage bemühte sich die Reichsregierung, einen Ausgleich herbeizufiihren und machte den Versuch, durch den bayerischen General Kreß von Kresfenstein Losiow zur Einreichung seines Abschieds zu veranlassen. Die Mission Kresiensteins scheiterte jedoch ebenfalls. Die Erledigung des Falles soll heute in der Weise erfolgen, daß der ungehorsame General offiziell ent­lassen wird.

Zu der Mitteilung der bayerischen Regierung an die Reichsregierung, daß sie einen weiteren amt­lichen Verkehr mit dem Reichswehrminister ablehnt, bemerken die Blätter: Die bayerische Regierung ist aufs genaueste orientiert über den Stand der außen­politischen Dinge, der heute so ernst ist wie in keinem Zeitpunkt seit der Unterzeichnung des Versailler Friedens. Wenn sie trotzdem zum offenen Bruch treibt, so ist sie mit der vollen Verantwortung für das Kommende belastet. Für das Reich gibt es nur einen Weg: Durchsetzung seiner Autorität, wie in Sachsen, so in Bayern!

Wie Berliner Blätter mitten ft n. hat gestern vormitttag beim Reichspräsidenten eine Besprechung über die sächsische Frage stattgefunden, an der der Reichskanzler, der Reicks- wehrminister Und der Rcichsminister des Innern teilge- nommen hätten. Wie dem Blatt zufolge verlautet^ soll beabsichtigt fein, in den nächsten Tagen einig; Ba­taillone Reichswehr nach Westsachfen zu legen zur Be­ruhigung der Bevölkernngsteil-, di; sich durch bi; vor­gekommenen Terrorakt- bedroht fühlen. Man hosit, daß schon die Anwesenheit der Truppen genügen werde, um di; Ordnung wieder herzustellen.

Das Schwanken in den politischen Verhandlungen, besonders auch in den militärischen und Sicherheits^ fragen, wird von den Blättern auf die Spannung in der SoziaLemolratie zurückgeführt, von der der eine Teil unter dem Einfluß des Reichspräsidenten eine ruhige Klärung des Verhältnisses zu Bayern und eine scharfe Hand In Sachsen wünsche. Die Absplitterung 8es linken Flügels der "Sozialdemokratie scheine dadurch

Aus Berlin wird uns weiter geschrieben:

Mne Reihe Meldungen 'über die Lage in Sachsen ftnb eingetroffen, die unrichtig sind oder offenbar auf Kom­binationen zurückzuführen sind. Von Truppenverschie- bungen in Sachsen ist bisher in Berlin an zuständiger Stelle nichts bekannt. Im übrigen bleibt es nach wie vor Sache des Militärbefehlsbabers in Sachsen, im Einvernehmen mit dem Zivilkominissar Sorge dafür zu tragen, daß Ordnung, Ruhe und Sicherheit aufrecht erhalten bleibt und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Unabhängig davon werden etwaige sich er­hebende politische Streitstagen von den Reichsstellen ent­schieden. i ' I

Berlin, 19. Okt. DieB. Z. am Mittag" bringt unter der UeberschriftAbberufung v Müllers" die Mel­dung, es sei möglich, daß Generalleutnant Müller wegen seinesFormfehlers" zurücktrete. Diese Behauptung ist, wie uns von zuständiger Stelle mitoeteilt wird, voll­ständig aus der Lust gegriffen. Derartige Meidungen die geeignet sind, in weiten Kreisen Beunruhigung hervor- zurustn, müssen außerordentlich bedauert werden und letzten Endes dahin führen, daß der Presse sehr uner­wünschte, aber unter diesen Umständen in der jetzigen ernsten Zeit nicht vermeidbare Beschränkungen auserlegt werden.

Immerhin dürfte von Interesse 'ein, daß nach dem Börs. Cour." z. B- der ultimative Bries v- Müllers an Dr. Zeigner scheinbar in eim.rn Berliner politischen Kreisen verschnupft hat. Das Blatt schreibt:Es liegt Grund zur Annahme vor, daß der Wortlaut des Briefes nicht in Berlin zur Begutachtung vorgelegen hat. Aller­dings hat sich General Müller vorher Weisungen aus Berlin eingebolt, es bleibt nur festzustellen, ob er für die Ausführung die geeignete taktvolle Form gefunden hat und durch sein Borgehen die Konfliktstimmung nicht un­nötig verschärfte. Auf den Briefwechsel zwischen Zeigner und Müller sind nun neue Instruktionen notwendig, und es ist zu erwarten, daß der Konfliki mit Sachsen in loyaler Weise beigelegt wird. Allerdings erschwert die Haltung des sächsischen Ministerpräsidenten der Reichsregierung die Situation außerordentlich." (Ach nein?! D. Red.) Aber sie erschwert sie doch nur: Venn wie die folgende Meldung zeigt, ist die Einigung schon im Gange. Das liberale Blatt hat wieder einmal die politische Stimmung richtig getroffen, während z. B. beiTag" noch gestern mitteilte, Verhandlungen seien unmöglich.

Verständigung in Sachsen.

Berlin, 20. Okt. Nach einer Meldung derVoss. Ztg." hat zwischen dem sächsischen Ministerpräsidenten Zeigner und dem Generalleutnant v. Müller eine Aus­sprache stattgefunden, bei der sich be%; bereit erklär­ten, sich über bestehende Meinungsverschiedenheiten zu Verständigen und durch persönlich; Verbindung eine Lölling etwa entstehender Schwierigkeiten herbeizufiihren.

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Unwahrheiten und Uebertreibungeu.

In Berliner amtlich;» Kreisen wird, wie die Blätter melden, zu der gestrigen Rede des sächsische» Minister- Präsidenten Dr. Zeigner erklärt, daß der sächsische Mim- sterpräsideni eine Reihe Unwahrheiten, Enrstcllungen und Uebertreibnng?« ausgesprochen habe. Er habe im wesent­lichen nur fein altes Material gegen die Reichswehr roc- gebracht, das durch die Wiederholung nicht beweiskräf­tiger werde. Die Methoden des Herrn Dr. Zeigner seien außerordentlich bedenllich für das Reich und seine äußer; Politik. . 1

Aus dem sächsischen Landtag.

Dresden, 19. Okt. Der heutige dritte Tag der großen politischen Aussprache im Landtag brachte gleich zu Beginn einen Zw'schenfall. Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte der kommunistische Abgeordnete Schneller zur Geschäftsordnung, in der heutigen Morgenpresse sei festgestellt worden, daß das Ultimatum öeS Generals Mueller an die sächsische Regie­rung im Einverständnis mit dem Reichspräsidenten, dem Reichskanzler und dem Reichswehrminister ergangen sei. Ferner wird weiter festgestellt, daß der Zivilkommsisar Meyer, der von dieser Tatsache gewußt habe, eS pflicht­widrig unterlassen habe, die Regierung davon zu unter­richten. Ferner stehe fest, daß der Zivilkommissar Weyer Mehreren rechtsstehenden Sozialdemokraten, u. a. dem Abgeordneten Bethge, davon Mitteilung gemacht hab;. Meyer und Bethge hätten es also zugelassen. daß die säch­sische Regierung in ihrer Erklärung g.*gen General Mueller den Borwurf eines Verstoßes gegen die B r- sassung erhoben habe. Dieser Vorwurf richte sich gegen alle diejenigen, die diese Tatsache verschwiegen haben. Rechtsstehende Sozialdemokraten hätten anscheinend einen Vorstoß gegen die Regierung unternommen. Schneller schloß: Wir haben eine Anfrage formuliert, wie sich die Regierung zu diesen Dingen stellt. Wir beantragen, daß diese Anfrage noch auf dir heutige Tagesordnung gesetzt wird. LSetter beantragen wir, die Sitzung auf eine Stunde zu unterbrechen, um den Fraktionen Gelegenheit zu geben, hierzu Stellung zu nehmen.

Dresden, 20. Okt. Nach Wiederaufnahme »er Landtagssitznng wurde einstimmig beschlosien, die tont» munistischä Anfrage heute noch zu behandeln, sobald der fNinisterpräsident Dr. Zeigner anwesend sein würde. Im Laufe der Sitzung erschien der Ministerpräsident und gab zur Anfrage des Abg Schneller eine längere Er­klärung ab, in der die gestrigen Vorgänge als eine Komödie der Irrungen und Wirrungen bezeichnete. Ihm fei weder bei der Verlesung des Briefes des Wehrkreis-, kommandeurs noch bei der Abgabe der Regierungseo- klärung am Mfttwoch bewußt guvesen, daß die Reichs- regieruno hinter dem Schreibe» des Generals Müller stehe.

Er sei auch jetzt n? nicht in der Lage, anzugeben, wie weit die Kenntnis des Reichspräsidenten unb der Reichs­regierung vom Inhalt jenes Schreibens tatsächlich gehe. Es bleibe noch festzustellen, daß die Behauptung Ml Abgeordneten Schneller unzutreffend sei.

Wg. Wirth (Soz.) gab eine Erklärung ab, in 6a er sagte, die Beschuldigungen und Verdächtigungen gegen einzelne Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, ins­besondere gegen den Abg. Bethge, seien völlig unbegründet,

Abg. Seyferth (Dem.) meinte, der Ministerpräsi­dent sei mit einer gewissen Leichtfertigkeit über dies« wich tigen Dinge hinweggegangen.

Nach einem Schlußwort des Abgeordneten Schneller wurde der Gegenstand verlassen und in die Erledigung der Tagesordnung fortgesahren. ,

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. London, 19. Okt. Der Pariser Berichterstatter derTimes" schreibt zu der Verwerfung der deut« scheu Vorschläge durch Poincar«^, dies scheine wirk* liche Verhandlungen mit Deutschland für lange Zeit unmöglich zu machen. Niemals sei so klar gesagt worden, daß Frank­reich Deutschland nicht anhören wird, bis nicht nur das Ruhrgebiet zum normalen Betrieb zurückgekehrt ist, sondern bis die Sachkieferungen an die Alliierten wieder ausgenommen sind und ein Matz annehmen, das dem vordem 11. Januar gleichkommt. Da Sachlieferungen im großen Maße nicht stattfinden könnten, wenn Berlin nicht bereit sei, sie zu finan­zieren, und da Berlin erkläre, daß es jetzt unmöglich geworden sei, zur gleichen Zeit die Sachlieferungen zu finanzieren und finanzielle Reformen durchzu­führen, so scheine die Aussicht die zu sein, daß Deutschland immer weiter der Ver­wirrung anheimfällt, während Frankreich und Belgien bleiben. Es scheine, daß der vorgestrige Schritt die Angelegenheiten nicht nur nicht vor­wärts gebracht, sondern die Lage endgültig schwieriger gestaltet habe.

Paris, 19. Okt. Die amtliche deutsch« Er- Härung über die gescheiterte Mission Hoesch betPotn- cate hat durch den französischen Mintsterprästdemen eine Entgegnung gefunden. In der die deutsche Set« öfsentltchuug als tendenziös und ungenau htngesiellt wird. Poincate betont, er habe Her-.» von Hoesch er­klärt, daß die Einstellung aes passiven WiderstandeS noch nicht eine vollenoete Tatsache fei, daß die Eisen- bahnbamlen noch nicht einmal den'Anfang mit thra Rückkehr zum Dienst gemacht hätten, und daß di« Weigerung, die Bezahlung für die Lieferungen fort- zufetzen, eine unzulässige Vorwegnahme von Entschei­dungen fei, die allein der Reparationsrommifston zu- stehen. Es fei also notwendig, daß Deutschland zu­nächst die Lieferungen und Zahlungen wieder auf­nehme. Wenn die Lag» vom 11. Januar wieder her- gestellt werden solle, habe Deutschland naMrlich die Berechtigung feiner Gründe vor der ReparationSwm- miifion gellend zu machen.

Paris, 19. Okt. DasJournal des Dsbats" schreibt, die Taktik des deutschen Reichskanzlers habe zum Ziele, auf Kosten des Siegers das Land des Be- iiegtetr wiederaufzubauen. Wenn Poincarcf ant­worte, er erwarte die Wiederherstellung der Situa­tion vor dem 11. Januar und außerdem, daß das Berliner Kabinett feine Gründe vor der Repara­tionskommission geltend mache, so ergreife der Reichskanzler die Bismarcksche Trompete und kün­dige der Welt die Unerbittlichkeit Frankreichs an. Charakteristischerweise spreche er aber nur von Frankreich, obschon sich der belgische Minister in gleicher Weise wie Poincarcf ausgesprochen habe. Stresemann scheine keine Lehre aus der Niederlage im Ruhrgebiet gezogen zu haben. Er bluffe. Seine Versuche würden ihm nicht besser geling«! wie seinem Vorgänger Cuno.

DieLiberte" schreibt, die Taktik sei klar. Sie bestehe darin, Frankreich die Verantwortung für die Ernährung der Bevölkerung im Ruhrgebiet, für die Lohnzahlungen an die Arbeiter und für die Kredite an die Industriellen zu überlasten. Das fei der Brand von Moskau". Aber entweder über- nehme Deutschland einen so gefährlichen Entschluß, weil tatsächlich seine finanziellen Hilfsmittel er­schöpft seien oder es handle aus Verstellung. Aber es bestehe doch ein Unterschied zwischen dem Rußland von 1812 und dem Ruhrgebiet von 1923, zwischen den vergoldeten Kuppeln von Moskau und . den Hochöfen von Esten. Man könne also die neue Erpressung Stresemann- in Ruhe hinnehmen. s

Paris, 19. Okt. In dem Ausschuß für aus« wärtige Angelegenheiten des radikalen Kongreße» ist gestern nachmittag die Ruhrfrage besprochen wor­den. Franklin Bouillon erklärte, er sei Anhänger der Ruhrbeietzung. Schon seit drei Jahren hatte man dor. sein wüsten.

Brüssel, 20. Ott. DieAgence Belgc" mel- . bet: Die belgische Regierung wird der Reparatiosr-

in bedenkliche Röhe gerückt, da der eine TeL zu Sachsen