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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.

Anzeiger für (das früher kurheUche) Oberhessen

ft. 221

Tier'bertieiiiiAe Zeitung" erichlinr i«d>smal wömentli®. Lezugsvieir 2. Hälft Sept. 5tUOCOO M. freibleibend und ZusteUvngsgebühr. Für ausiovendeNumniern ini. Streiteoo.eiement.Stetgniiie lein Lrjatz. Ltg. von Dr. L. Hinerotd. Truck der UÜis.-Bucddkullekei von JyS.» Lug. Koch, 'Mark» 21.28. Setniptedtet 55, Bott- lcbeckkvnto: Rr. 5015 Lmt Frankfurt c. Main.

Marburg Sornifibenä, den 29. September e<et>i#e MnMHMKZHätfaMKBBSMWHBMI

Der Anzeigenpreis beträgt für den Sgefp. Zeilenmillimeter Grundzahl: 40. Amtliche u. «urwSrt. Lnreigen 50. Bei schwierigem San 50 »f. Aufschlag. Sammelanzeigen 10t Aufschlag, bieklamen Grundzahl 150. Jeder Rabatt gilt al, Barrabatt. Belege werden bereckuet, ebenso Auskunft durch die Lelchäftsitelle und Zusendung ver Angebote. Zahlung innerhalb 5 Tagen «ach Rechnungsdatum, sonst nach der Schlüffehahl des Zahluna,- tages. Sei Schecks auf usw. Plätze müssen wir die Eingangs- u. Berzugsivesen in An­rechnung bringen. Schlüsselzahl de» B. d. Ztg,.<3. »em 29./».6./10. 50000.

58. Wi.

1828

Frankreich bleibt unerbittlich.

Sieunerlätzlichen Bedingungen".

Paris, 28. Sept. Die Havas-Agentur ver- Mfentlicht eine Erklärung halbamtlichen Charak­ters, in der bekannt gegeben wird, der französische Botschafter in Berlin habe mitgeteilt, die deutsche Regierung habe ihm die Einstellung des passiven Widerstandes notifiziert/ im Rcichsgesehblatt seien einige Verordnungen erschienen, die einige der Dis- pasitionen abandern, die aus Anlatz der Ruhr- defetzung getroffen worden feien. Man müsse jedoch temerken, datz nur fünf dieser Verordnungen (die tz« Havasnote ungesetzlich nennt) zurückgenommen Wurden, während die Reichsregierung eine grohe . f erlaffen habe. Man könne also e rw ar- -tei: "Ti, datz der Reichskanzler baldigst eine Te- .'sfnahme treffen werde, die alle früheren Verordnungen endgültig aufhsbe. Bis dahin finne selbstverständlich kein Abkommen Eischen den französischen Vertretern und den deut­ln Behörden getroffen werden. Wenn diese Be­dingungen einmal erfüllt seien, miitzten die be­achten Gebiete das normale Regime, das vor der Besetzung bestanden habe, durch die vollkommene rtb dauerhafte Wiederaus» ah m e der Ur b e i t und der Sachlieferungen, nament­lich in Kohle, nach den Bestimmungen der Repara- "ti»neroinmiifion wieder hergestellt werden. Das Jeren die une r tz l i che n Bedingungen, die Poincarö jmmet wieder für die Wiederauf- «ihme der Verhandlungen mit Deutschland gestellt Hobe. Man erwarte also die Handlungen der deut­schen Regierung, die ihren g u t e n W i l l e n zu be­weisen habe (wie oft ist wohl schon von diesem Stuten Witten" gesprochen worden! D. Red.), was Ms jetzt noch nicht geschehen sei, und ob sie ihre Reparationspflichten gegenüber den Alli­ierten verstehe und bereit sei, sie in der Zukunft zu erfüllen.

Französische Drohungen.

Paris, 28. Sept. Gustave Herv6 schreibt in feinerVictvire": Jedes Volk hätte nach dem Ein- fn!(, den wir erduldet haben, als Vocsichtsmatz- »ohme für seine Sicherheit in der Zukunft die Zer- ftückelung Deutschlands verlangt, genau wie die 8; Herfen, als sie 1815 Napoleon besiegten und die franMsiche Bevölkerung genommen haben, die heute Belgien bildet. Wir haben das in Versailles »icht getan. Die Alliierten haben uns diese Sicher­heit verweigert, ot^war wir nur die Besetzung der militärischen Rheinlinie und in der Folge die A b- itennung des linksrheinischen Rhein­landes verlangten, um daraus ein großes auto- tomes Luxemburg zu machen. Diese Sicherheit haben uns unsere Alliierten verweigert und uns dafür einen Garantiepatt im Falle eines neuen deutschen Angriffs versprochen. Die deutsche Re­gierung wech^>aA«lln!ere Alliierten diesen militäri- sil>en Garantiepakt nicht unterzeichnet haben und dah wir das Recht haben, auf ewig die Brücken- kövfe zu besetzen, was die Lostrennung des linken Kbeinufer» bedeutet. Deutschland kann noch das reihte Rheinufer retten, indem es feine Verpflich­tungen finanzieller Art erfüllt. Mr haben ver- spr.-chen das Ruhrgebiet nach Maßgabe der Zah- kn.ngcn zn räumen, und wir »erden unser Ver­brechen halten. Aber wenn Deutschland dabei liebst, uns die Zahlungen zu verweigern oder wenn es die bayerische oder preußische Militärmacht, die Monarchie, wiederaufrichten läßt, dann, hätte es Grund, die Konstituierung eines unabhängigen gro­ßen Rheivlandcs zu befürchten. (Wenn wir alles tun, was Frankreich will, schließlich ohne Mider- fpruch elend am Hungert ode zugrunde gehen, dann haben wir von Frankreichnichts mehr zu be- Brchten".)

Parts, 28. oept. Rach demPetit Parifien" sehen Brüsseler offizielle Kreise die Proklamation les Reichspräsidenten als eine wichtige Etappe an, halten jedoch jede Erleichterung der Besetzungs- Methoden von der Ausführung der Verpflichtungen Deutschlands abhängig.

P a r i s, 28. Sept. LautJournal des Debats' «klärt man in belgischen offiziellen Kreisen, datz Deutschland sich von Grund aus irre, wenn es ^gendwelche Konzessionen oder Verhandlungen er­warte, bevor Belgien und Frankreich von dem tat- schlichen Aufhören des passiven Widerstandes und hem guten Willen Deutschlands überzeugt seien. (®ös Reich muffe sich ohne Vorbehalt und bedin­gungslos in die Lage fügen. In diesem Falle würde Me belgische und französische Regierung die Frage

der politischen Gefangenen von dem Gesichtspunkt aus prüfen, die Bestraften in besondere Kategorien einzuteilen. Diejenigen, die nur den Berliner Be­fehlen Folge geleistet haben, werden vielleicht eine Begnadigung erhoffen können. Die Besetzung selbst könne nur einen gemäßigten Charakter annehmen, wenn das Reich seine Absicht, die ein gegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, bewiesen habe.

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DieInternationale"verlangt" undprotestiert".

Paris, 28. Sept. Die kommunistische Partei Frankreichs veröffentlicht anläßlich der Ereigniffe in Deutschland einen Aufruf an das französische Prole­tariat, in dem gegen die Zerstückelung Deutschlands und gegen eine bewaffnete Einmischung in Deutsch­land pro t e sti eit wird. Auch die gewerkschaft­liche Internationale kommunistischer Richtung for­dert auf, den Kampf gegen den Krieg vorzubereiten.

Paris, 28. Sept. Der Gewerkschaftskongreß der Bergarbeiter, der seit gestern, in Paris tagt, hat heute die Diskussion über den Tätigkeitsbericht be­gonnen. Aus diesem Anlaß ergriff der General­sekretär des Allgemeinen Arbeiterverbandes Iou- haux, das Wort und erklärte, es sei nötig, daß die interalliierte Arbeiterschaft von der französischen und belgischen Regierung die vollkommene Amnestie zugunsten der aus dem Ruhrgebiet ausgewiesenen deutschen Arbeiter verlange. Jouhaux erwartet, daß alle Arbeiter, namentlich die Verarbeiter, aus dem Norden Frankreichs und aus dem Pas de Ca­lais an der Kundgebung am 11. November zu­gunsten des Friedens teilnehmen. (Run wird's bester!)

Berlin, 28. Sept. Die neue Besetzung der Boi schafterposten in Paris und Brüssel ist jetzt, nachdem der Ruhrkampf erledigt ist, in ein neues und akkutes Stadium getreten. Die Reichsregierung hat schon feit längerem die Wiederbesetzung dieser Posten in Erwägung gezogen. Für den deutschen Pariser Bosichaster, Dr. Mayer, i?cr gleich nach Beginn des Ruhrkampses verstarb, must ohnehin eine neue Persönlichkeit bestellt werden. Es toir biersür der deutschnatioltale Abg--ordnete Hoetzsch ir Aussicht genommen, doch wurde von Paris aus ablehnend geantwortet. Der Brüsseler Gesandten-P osten, den bis her der sozialdemokratische Mzeoronete Tr. Landsberg inne hatte, wird aber ebenfalls mit einer neuen Persön­lichkeit besetzt werden müssen, da die belgische Regierung zu erkennen gab, daß sie die Wiederkehr des Dr. L a n d s berg nicht wünsche.

Internationalisierung der Ruhrbahnen.

Paris, 28. Sept. Wie aus Koblenz gemeldet wird, erklärte der Direktor der französischen Eisen- öahnregie Breaud, der Fall jedes einzelnen Aus­gewiesenen würde genau geprüft werden, bevor die Wiebereinstellung erfolgen könne. Nach der Ka­pitulation Deutschlairds müßten nunmehr rasche Maßnahmen getroffen werden, um eine internatio­nale Gesellschaft zur Uebernahme der rheinische» Bahnen zu bilden. Von italienischer Seite wiffe er-. bereits, daß italienisches Kapital Interessi an einer Beteiligung habe. Auch der Mithilfe Bel­giens fei man sicher. Die Absichten Englands seien noch nicht bekannt, doch sei der Engländer ein ju guter Geschäftsmann, als datz er die Beteiligung an einer fo guten Gesellschaft ablehnen würde.

Der Sonderberichterstatter desMatin" in Koblenz berichtet: Angeblich wandten sich zahl­reiche streikende Eisenbahner an Brcaud mit der Bitte um Einstellung in den Dienst der Regie. Die Regie hätre, weil diese Posten mit- Franzosen und Belgiern besetzt worden seien, die Gesuche vorläufig abschlägig beschieden. Breaud wünscht ferner die 9000 rheinischen Hilfskräfte die 600 berufsmäßi­gen Eisenbahner nicht mitgerechuet, die für die Regie tätig sind, auch weiterhin zu behalten. Von den Rheinländern, die ihre Posten wieder einzu- nehmen wünschen, werde die Regie ein schriftliches Treugelökmis verlangen.

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London 28. Sevt.Tally Chron cle" sagt zu dn gestrigen Brn.r'ungen des Premierministers über Litte Unterredung mit Potnrare das wenige, was er satte, sei fast ein Affront g-e g e n die Intellig - nz feiner Zuhörerschaft gewesen. S.'U neun Mona- len verfolge man das erstaunliche S ch o n i p i e l. wie Frankreich teil FriedenSverrrag von Versailles zerreiße und seine Heere in das Herz des industriellen Deutsch­lands sandte. Man habe g-sehen, wte der Rat der eag- fischen Regierung von Pcincare verworfen und verspottet wurde. Mau habe gesehen, wie im Ruhrgebiet die Poli­

tik reiner Zerstörung in Wirksamkeit gesetzt wurde, die nicht nur die Fähigkeit Deutschlands, Reparationen zu zahlen, gebrochen habe, sondern ganz Europa ein Beispiel von Vandalismus gezeigt und per- bängnisvolle» Wirkungen aus den Handel und Erwerb rn England ausgeübt habe . Man habe das Schauspiel er­lebt, rote ein britischer Außenminister Vorschläge unter­breitete und Kompromisse anbot, die von den sogenannten Alliierten verworfen wurden, und wie schließlich Deutsch­land zum Bankerott getrieben wurde, während die bri- tllche Regierung im kritischen Augenblick ni 4 ein Wort zu sagen hatte. Und dann habe Baldwin die Kühnheit, zu erklären, daß er bei der kurzen Unterredung bei seiner Durchfahrt in Paris die AtmosphSre des Vertrauens, die verloren gewesen sei, wieder hergestellt habe. Es beständen keinerlei Anzeichen, daß Voincars beabsichtige, feine Politik der Annexion und des Terrorismus ab­zuändern.

Zu den Worten Baldwins, bte Probleme, denen man gegenüberstehe, würden schwieriger sein, wenn etwas geschieht, was die btibtn Länder getrennt halten könnte, stagtDaily Chronirle":Ist denn.die Besetzung des Ruhrgebietes nichts? Ist der Bruch des Friedensvertrages nichts? Bedeutet es nichts, daß Frankreich eine Politik der Gewalt führt, die für England verhäng­nisvoll ist?"

London, 28. Sept. Asquith, der gestern im Nalionalliberalen Klub in London eine Rede hielt, führte n. a. ,auS:Die liberale Partei trägt Gott sei Tank keine Verantwortung für die Geschehnisse der letzten vier Jahre. Am 3. August hat der Premierminister öffentlich ver­kündet, daß die Politik bet britischen Regierung ernstlich auf eine Regelung des Reparationsproblems und di- Schaffung gesunder und stabiler wirtschaftlicher Verhält­nisse in Europa gerichtet sei. Erst nach der letzten unnachgiebigsten Rede Poinrares und als die Maik -mter dem Zeichen des Zusammenbruchs stand, schaute Dadlwin auf der Rückreise nach London in Paris hinein, und da hätten nach einer kurzen Unterredung die beiden Premierminister, wie offiziell berichtet werde, entdeckt, daß ihre Meinungen und Ziele nicht voreinander abwichen Was bedeutet das alles? Was geschah, um zwei Stand punkte zu ändern (wenn sic tatsächlich geändert wurden-, die in der englischen und französischen Note vorn August so klar auseinandergesetzt worden sind. Allerdings ist ein neuer Faktor vorhanden. Der passive Widerstand ist mdgültig zusammengebrochen, aber das Unheil ist bereits im Gang Im Verlauf seiner Redner sagte Asguffh noch zu der Bese tz u n g KorfuS: Mitten im Frieden wurdc das Gebiet einer kleinen Macht durch eine Großmacht -p waltsam okkupiert, wobei eine offene StM - beschossen trttrbe und unschuünge Menschen umkamen. Aehnliche (Hdivalttaten sind in der Vergangenheit vorgekommen. Auch die Geschichte Englands ist nicht vollkommen frei davon: aber das Wesentliche ist, daß es sich bei der Be­setzung Korfus um etwas hanlxlt, was der Völker­bund geradeunmöglichmachensollte.

Auch eine Ansicht.

London. 28. Sept. DieMorning Post" begrüßt in 5er Rede BaldwinS die Bezugnahme der engiisch-ftau- röffschen Beziehungen und führt weiter aus, die Zahlung scr deutschen Reparationen sei der Schlüssel für den Frte- xit Europas, der Premierminnister dürfte zu dienet An­sicht gekommen sein. Zur Sage in Deutschland wird in der Morning Post" weiter gesagt, Dr. Kahr and Tr. Geßlcr wirkten zusammen, um jede Revolte zu unterdrücken, temme sie nvn von rechts oder links. Im übrigen, tvrt- ches Ergebnis auch immer innere Unruhen in DeuffS- egben würden, es sei absurd, Frankreich d-i e S cb u l d an ihnen zu geben. In Deutschland habe ein Putsch laftgefunben, kurz bevor Frankreich in das Ruhrgebiet eingezogen sei. Die Deutschen feien unglücklich, nicht well xr Gegner von außen in ihr Land eindrang, so.ndertr weil im Innern fcrlsch regiert wurde. Sie waren ebenso ge du ldig unte rihrenPolitikern, wie sie zuversichtlich unter- f>ren Gene­rälen waten: sie hätten gestern papierene Siege «halten, heute erhielten sie papierene Mark. Wenv Deutschland die Wahrheit kenne, werde Europa den Frte xit haben . Stresernaun bringe jetzt eine bittere Ernte ein, jur deren Staat er nicht verantwortlich sei. Jetzt nachdem er die entsprechenden Schr't'.e getan, um den passi­ven Widerstand zu .beenden, sei zu hoffen, daß es ihm gelinge, die verzweifelten Anstrengungen dec Männer -.unichte zu machen, die entschloften seien. Leutschland zu ruinieren und wenn möglich auch in Europa ihre ehr­geizigen Bestrebungen und Träume (ff zu verwirklichen. (Man sicht hieraus, rot1 eie englischen Kon­servativen, die heute die englische Politik rt-gttrets, tie Dinge in Deutschland beurteilen. Sie nehmen uns nicht mehr ernst. D. Red.)

London. 28. Sept. Dee Entwicklung in Dcui'ch- anü wich in der Presse nach roie vor viel Raum c.ewiemet. Es herrscht weiterhin Unklarhell, ob die Proklamation des AnSimbmezustandes im Reich als Gegenmaßnahme ade" als Ergäuzungsmaßnahme zur Prollamation des Aus­nahmezustandes in Baycrn verstanden werden soll. Die Times" schreibt in ihrem Leitartikel u. a.: Weder ein bayrischer Putsch noch ein-' rheinländische separatistische Bewegung würden Dcntfch'and aus den Schwierigkeiten helfen. Die Bezahlung von Reparationen würde i,hm nicht erlassen'werden. Es sei klare Pflicht, jetzt mfarnm n;u- kcrnmen und Deutschland $ nau rossen zu lassen, was von ihm erwartet werde. TeutlchlanL machte ein endgültiges vernünnftigeS Angebot vom 7.Juni. Auf biejt Note

antwortete noch keine alliierte Macht. Zweifellos habe sich die Sage geändert unb ändere sich dauernd. Die An­sicht, die ftn Januar bestanden haben könnte, würde i» Oktober eine Abänderung erfahren. Die Anwesenheit da Premierminister der Dominions in London biet« ein« nnrt Gelegenheit für Großbritannien, seine Haltung bei bet Frage des Reparationsproblems geltenb zu machen, mit lluterstützung des gesamten britischen Gemeinwesens di« Rolle bei seiner Lösung zu spielen, was seiner großen Tradition würdig sei.

London, 28. Sept. Lord Curzon hat gestern nachmitta den deutschen Botschafter S t b ä r.t t utr Foirign Office empfangen.

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Sie Wirkung üts

Wenn man nach den Wirkungen der ersten Tag« urteilen darf, bann hat sich b« plötzliche Verhängung d-s Anrnabmezustandc» als eine stark beruhigende Maß­nahme erwiesen Wie in ben kritischen AugEagen, s» roar auch diesmal wieder die Luft geschwängert mit alle» möglichen Gerüchten unb Befürchtungen. Mrn sprach von geplanten Putschen, bevorstehenden Revolutionen, und die große Unklarheft und Ungewißheit aller Dinge waren der beste Boden für Entstehung und Verbreitung der unfinnigsten Gerüchte. Nun mit einem Male beeilt sich selbst in Bayern so ziemlich alle Welt, eifrigst zu verkün­den, daß niemand daran gedacht $a6e bte Ruhe zu störe», das Reich zu zerstückeln, mit anderen Mächten zu lieb­äugeln und den Bürgerkrieg ins Land zu tragen. <

In Sachsen läßt sich sestst-llen. daß die Verhängung bei Ausnahmezustandes geradezu verblüffend bte Luft ge­reinigt hat Wie mit einem Schlage finb nicht nur di» Plündererbanden, sondern auch Deren Beschützer, die kom­munistischen Hundertschaften, vom Erdboden verschwunden. Die Polizei, die sich in Dresden, Leipz'g, Plauen, Th-«- nitz unter dem Druck der sozialistischen Regierung bd Herrn Zeigner nicht rühren durste, wenn die gröbste» Ausschreitungen begangen wurden, kann ihres Amte» walten und tut das offenbar mit grimmiger Genug­tuung. Der Befehlshaber hat sofort in Sachsen all« llrnzüge unb Ansammlungen unter freiem Himmel ver­boten. Beim ersten Anlaß zerstrente bte Polizei mit leichter Mühe das Gesindel, gegen das sie sonst machtlos war. Und Herr Zeigner, der sich sonst nicht genug auf- plustern konnte wie ein Truthahn, ist mft einem Ank recht kleinlaut geworden. i

. Verwickelter liegen die Ding' in Bayern. Tort stehe» sich zwei verlchichene Organisationsverbände, die sich innerlich eigentlich nur in der Tonart, nicht fo sehr int eigentlichen Ziel ''nterscheidei! teindllch gegenüber. Der Fübrer her einen Partei, Dr von Kahr, ist znm General­staatskommissar eingesetzt worden. Der Gegenspiela Kahrs, Hitler, und tslenetal Ludendorss haben zum Rück­zug geblasen. Hitler hat zwar noch der Form halber gegen das Verbot seiner Bersammlungm Protest eingelegt, aber er hat gleichzeitig selbst feine Anhänger zur Ruhe gemahnt. General Ludendorfs bestreitet jede Absicht, Un­ruhen irgendwelcher Art sördern zu wollen.

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Berlin, 29. Sept. In einer Unterredung mit ei-em Mitarbeiter desBerl. Tagebl." erklärte Reicbswehr- miitifter Dr. Geßler tt. a.t Ich hoffe, daß schon die Verhängung des AitsnahmezustandeS und die Androhung nac^>tücklichen Einschreitens bei Versuchen, den Staat zu bedrohen, genügen werden, um die unruhigen Elemente von rechts und links bon Um» sturzversuchenzu rückzuhalten. Sollte sich diese meine Erwartung nicht erfüllen, so werde ich nicht zögern, meine Machtmittel gegen alle Unruhestifter, di« dir Not des deutschen Volkes für ihre selbstsücht- tigen Zweckeousnützenwollen, rücksichtslos und ohne Ansehen der Person einzusetzen. Di« Last der Ver­antwortung, bte mir auftrlegt ist, wird erleichtert durch das Gefühl der Sicherheit, das den Führer erfüllt, wen» er eine schlagfertige Truppe hinter sich hat, die mit ihm auf Gedeih und Verderb verbi!uden uub bereit ist, sich big zur Selbstaufopferung für das Wohl des Vaterlandes ehtuitefeen.

Berlin, "28 Sept. Wie die Abendblätter <m< Dresden melden, erließ Generalleutnant Müller,, auf den die vollziehende Geroalt im Freistaate Sachse» übergegaugen ist, eint Verordnung, wonach alle Umz üge und Versammlung en unter freiem Himmel verboten sind, ferner jede Betätigung untersagt ist, die daraus gerichtet ist, durch Wort, Schrift ober anbfte Maßnahmen lebenswichtige Betriebe stittzulegen.

Berlin, 28. Sept. Nach einer BiättermeLung an4 Weimar erliefe die thüringische Staatsregierung eine» Aufrcs. roarit es heifet:

Das Land Thüringen hat in dieser Zeit bte Ausgabe, im Jun reffe bei Rei chsejnheit alle* zu tun, um tie Anordnungen der Reichs- rrgifrung zu unter ft flfeen Die Regierung be* Landes Thüringen steht in ständiger Verbindung mit der Rei.bsreg'erung. um in Tbüringen selbst stets alle Maß­nahmen zu ircss-n, die. im Rahmen ihrer Zustänoigkett für btt; Schutz bei Republik eriordertich sind."

Sie Loge In AM».

München, 28. Sept. Die »Bahrtsche StaatSztg." stellt scst, datz bei der Verkündigung des Ausnahm«»»- staitdes in Bayer» und dem tzleiche unzutreffender­weise von einer Diktatur gesprochen werde, und stellt weiter scsi, datz von einem Gegensatz zwischen der Da», rischen Regierung und der Relchsregierung keine «eM