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Amtliches Derkündigungsblatt des Kreises Marbmg.

Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen

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** J. H. Schäfer | Kasernengtr. 81

Die ^Oderhelfilche Zeitung" erickeint sechsmal wöLentlich. — Be,ugsvreis monatlich

Hl. 168

20 000 Li!, mit Zustellungsgebühr. Für ausfallende Nummern infolge Stiells ooer elementarer ffitetgniik kein Ermg. — Verlag von Dr. T. Hitzerotd. — Druck der llniv^Buchdruckerei von Jod. Lug. Koch, Markt 21.23. — lrernjprecher öS. Poft» Ickieckkonto: Nr. 5015 Dmt Frankfurt a. Main.

Marburg

greiiog, d«i 20. W

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58. m

1923

Sie enolilSe Ailmrt.

Auf den Wunsch Frankreichs hin hat die englische Re« Perung sich bereit erklärt, den Inhalt d«S englischen Ent« Wurfs einst gemeinsamen Antwort der Alliierten an Deutschland zunächst geheim zu halten, bis zum mindesten tinc grundsätzliche Einigung über die aufgetvorienen Fra- |m erzielt sei. Trotzdem kann über den hauptsächlichen guhalt dieser Antwort nach englischen Informationen sol- wndeS gesagt werden: Die englische Regierung wird die Wutsche Anregung aufnehmen, die dahin geht, eine Kommission von Sachverständigen zu berufen, die Deutsch Wilds Zahlungsfähigkeit prüfen soll. Um Frankreich ent« Degtnzukommen, soll dieser Ausschuß als ein Unterausschuß Wr Reparationskommission konstituiert werden. England »ird weiter in Anregung bringen, diejenigen Fragen, über Ni man sich jetzt nicht einigen könne, entweder dem SSlkerbund ober dem Laag? rSchiedsgerichts- |» s zu unterbreiten. Die englischen Tominialregierunger Heben sich gerade für das letztere Verfahren besonders ein« Klsetzt. England beabsichtigt offiziell die Frage des Passiven Widerstandes jetzt nicht anzuschneiden, hat aü r Drankreich und Belgien seine Vermittlung angeboten, iv dieser Beziehung unter Zusicherung der Gegenseitigk i mf die deutsche Regierung einzuwirken. Das "soll ge Uehen, sobald eine prinzipielle Einigung Frankreichs unr Belgiens bez. der Prüfung der deutschen Zahlungssähig- ßkit zustande gekommen ist.

Im übrigen beabsichtigt England auch die neutra­len Mächte von seinem Schreiben zu unterrichten Insbesondere erhalten die Lonooner diplomatischen Ver toter von Lolland und Schweden sichere Aufklärung Ober die englischen Pläne. Das ist daraus zuruckznsühren, haß diese beiden Länder sich bereit erklärt haben, an einet «parteiischen Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit tich zu beteiligen.

In der englischen Presse werden bestimmte auswärtige Mitteilungen, die die Meinungsverschiedenheiten im eng« Achen Kabinett wegen dieser Frage feststellen ;u können Wau bien, auf das entschiedenste betrieben. Wenn aus- über bestimmte Einzelheilen die Auffassungen auseinander Augen, so doch niemals über die grunesS-liche Frage, das Ke Reparativnsfrage alsbald und eudgü.tig gelöst würde Beitere englische Mitteilungen besagen, daß der englibch, Ivtwortsentwurf so gehalten sei, daß er absolut« Ableb- uung von keiner Seite zu befürchten braucht Man er­härtet vielmehr, daß durch diesen englisch:» Schritt t* Diskussion über die Reparationssraae mit Aussicht au- fcfclg in Fluß komme.

Die Bemühungen der Tschecho Slowakei B enesck s im Sinn« einer Vermittlung gehen weiter. Aber auch in Leigien macht sich eine starke Strömung, und zwar im besonderen in den Reihen der katholtschen Partei, der der Außenminister Ja spar nahe steht, im Sinne einer vermittelnden Haltung zwischen Frankreich und Eng. falb geltend.

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London, 19. Juki. Baldwin erklärte im vnterhans in Erwiderung auf eine Anfrage, er könne noch nicht sagen, wann er in der Lage sein »erde, de« Entwurf der Antwort an Deutschland Veröffentlichen zu lasien.

London, 19. Juli. Das Kabinett erörterte heute in L^stüudiger Sitzung die Dokmuente, die ea die Alliierten und die Vereinigte« Staate» ge­sandt werden sollen, nämlich den Entwurf an Deutschland, de« Manteltarif au die Alliierten und Me erläuternde Denkschrift. Sämtliche drei Schrift­stücke wurden vou Curzon entworfen. Reuter er­fahrt, dasi keine Entscheidung erreicht wurde und faß es nicht sehr überraschend sei» würde, wenn die Absendung an die Alliierte« und an die Ber-

Ruhrftage"stimmten die Ansichten überein. Aehn- ltch schreibt der diplomatische Berichterstatter der „Daily News".

London, 19. Juli. Der diplomatische Be­richterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, der Aufschub in der Kadinettsberatung erfolgte, um den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, schon vor der Kabinettssitzung sich ein Urteil über die beiden Schriftstücke zu bilden, und um es zu ermöglichen, die von den Schatzamtssachverständigen ausgearbei- teten finanziellen und wirtschaftlichen Erwägungen in die Manielnote aufzunehmen. Diese Arbeiten hätten dazu geführt, daß die Grundsätze und Daten des britischen Januarplanes über die besten Me­thoden der Stabilisierung der Mark und die Wie­derherstellung der deutschen Währung offenbar be­tätigt wurden. Es werde hiermit die Ansicht ver­treten, datz hinsichtlich der Einnahmequellen, wo­raus die künftige» Reparationen entnommen wür­den, eine Zusammenarbeit der deutschen Regierung und deirtscher Sachverständiger mit den Alliierten eine unentbehrliche Bedingung sei. Zur Frage der alliierten Schulden bemerkt der diplomatische Be­richterstatter, es erscheine nicht zweckmätzig, ein ge­naues britisches Angebot zu machen, bevor Deutsch­lands Zahlungsfähigkeit objektiv geprüft fei; denn cs werde in weiten Kreisen gefürchtet, datz diese Zahlungsfähigkeit infolge der Ruhrbesetzung sich nicht mehr auf der Höhe der Januarschätzungen be­wege. Der Berichterstatter schlietzt: Sollten die Anstrengungen Englands im Sinns der inter­alliierten Vereinbarung fehlfchlagen, dann würde unbedingt eine Intervention des Völkerbundes und des Weltgerichtshofes angerufen werden. Dies würde die Rückkehr zur traditionellen britischen Politik des Fernbleibens von den kontinentalen Verwicklungen bedeuten.

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London, 19. Juli. Im Unterhaus erklärte der Präsident des Handeksamts Lloyd Greame es kür unmöglich, eine wirklich optimistische Voraus­sage über dis- Entwicklung des Handels zu machen, bevor in der Welt stabile Verhältnisse einträten. Es fei nicht anzunehmen, datz im nächsten halben Jahr dis Lage die gleiche fein werde wie jetzt. Die Fabrikanten, Kaufleute und Bankiers klagten, datz leine Bestellungen gemacht würden. Der Grund liege in der allgemeinen Ungewißheit, die dadurch perursacht werde, datz es noch nicht gelungen sei, ge­ordnete Zustände in der Welt zu schaffen.

Die englischen Besatzangstruppen.

London, 19. Juli. Premierminister Bald­win teilte auf eine Anftage im llnterhause mit, datz die Stärke der britischen Besatzungstruppen in Deutschland am 1. Juli einschließlich der Rhein- flottilie 477 Offiziere und 8221 Mann betragen habe. Die Jahreskosten machten etwa 1602 000 Pfund Sterling aus, worin gewiße Lieferungen und örtliche Leistungen durch Deutschland mit ein­begriffen seien. Bis zum 31. Dezember 1922 seien die Kosten vollkommen gedeckt. Grotzbritannien empfange auch jetzt noch durch die Anwendung der Reparationseinziehungsakte mehr als genug, um die Kosten der britischen Besatzungsarmee zü be­streiten.

einigte« Staate« bis zur nächsten Woche verschoben »erde« sollte.

London, 19. Juli. Die „Times" schreibt, die Dokumente, die heute vom Kabinett erörtert wer­den sollen, schließen ein: den Entwurf der Antwort auf die letzte deutscye Rote, den Mantelbrief und die erläuternde Denkschrift zu verschiedenen Punk­ten. Das Blatt meint weiter, daß die Vorschläge, die im Antwortentwurf enthalten seien, nicht der­art feigt, datz man mit einer Ablehnung von irgend einer Seite zu rechnen, brauche. Selbstverständlich »erde in den britischen Vorschlägen kein Versuch ge­macht werden, die Bestimmungen des Versailler Ertrags in irgend einer Beziehung oder auf irgend eine Art und Weise zu umgehen oder zu ersetzen. Im Gegenteil werde mit Nachdruck -auf eine genaue Auslegung des Vertrages und die Notwendigkeit einer einheitlichen Akfton auf seiner Grundlage ge­legt. Schlietzlich sagt die „Times", daß die Aus­sichten für weitere Verhandlungen zwischen den Alliierten entschieden günstiger seien, als noch vor einigen Tagen. _

London, 19. Juli. Der diplomatische Berlcht- ttstatter der „Westminster Gazette" bezeichnet die Meldung, wonach Meinungsverschiedenheiten im Kabinett die Verzögerung in der Fertigstellung des Entwurfs verursacht hätten, als unzutreffend. Es 8<6e vielleicht Meinungsverschiedenheiten über dis -enaue Form der Antwort und die genauen Etnzel- Jtoten der Mantelnote; aber über die Notwendig- Mt der Regelt«- der Rexnr attsnssrM-nM der

3m Sage in den leletle« Sttoltn.

London, 14. Juli. Dis „Westminster Gazette" schreibt: Die Lags im Ruhrgebiet gestalte sich immer ernster. Die Franzosen schickten jetzt Tausende von Arbeitern auf die Straße, beschlagnahmten die Kohlen und den Koks der Fabriken, nähmen die Lohngelder weg und desorganisierten die Lebens­mittelzufuhr. Durch dieses Anziehen der Schraube werde ein Kompromiß erschwer!, da es die Arbeiter aufreize. Die Franzosen beabsichtigten offenbar die Kapitulation herbeiMführen, bevor die Antwort an Deutschland erfolgt sei.

London, 19. Juli. Der Sonderbericht­erstatter des „Daily Chroniclc" sendet seinem Blatt einen längeren Bericht über die fürchterlichen Zu­stände in den Eefängnisien am Rhein, besonders in Bonn. Seine Angaben stammen von einem ehe­maligen britischen Offizier, der erklärte, die Ver­hältnisse entsprächen denen der Strafkolonie auf der Teufelsinsel. Der Berichterstatter schildert die unhygienische Unterbringung der Gefangenen, die teilweise monatelang auf ihre Aburteilung war­ten müßten, die unzureichende Ernährung und die schlechte Behandlung.

London, 19. Juki. Dem „Daily Chronicle" zufolge ist das Parlamentsmitglied Patrick Hastings gestern nach Deutschland abgereist, um die Verteidi-nng gefangener Deutscher vor

f r aniö sthche» Lrie-rge rrchtejr zu tzdersetzmes.

Mülheim a.d. Ruhr, 19. Juli. Lier wurde der 18jährige Arbeiter Roth von einem belgischen Posten erschossen.

Köln, 19. Juli. Die „Kölnische Zta." meldet aus Mülheim an der Ruhr: Der teuftnännische Direktor der Thpssenwerke, £>orle, wurde von den Franzosen verhallet und nach Bredeney gebracht. Als Grund der Verbastung wird das Vorhandensein einer Annahmestelle für Funken- teleg-amme innerhalb der Tbrjsenwerke angegeoen.

Paris, 19. Juli. Havas meldet aus Düssel­dorf, daß bei Aplerbeck wieder ein Deutscher von einem französischen Posten erschossen wor­den sei, als er den Versuch gemacht habe, die Grenze zu überschreiten. — Nach einer weiteren Havasmel- dung aus Düsseldorf sind auf dem Wege von Schlan­genbad nach Eltville 26 Milliarden Mark von den Besatzungsbehörden beschlagnahmt worden, die angeblich zur Bezahlung der deutschen Eisenbahner in den Bezirken Kreuznach, Boppard und Koblenz bestimmt seien.

Düsseldorf, 19. Juli Gestern vormittag besetzten die Franzosen die'Lokomottvwerkstätten der Firma „Rhein-Metall" und führten eine An­zahl Lokomotiven und Waggons fort. Gegen Mittag wurden die Werke wieder frxigegeben. Während dieses Eingriffs ruhte die Arbeit.

Paris, 19 Juli Savas berichtet aus Düsseldorf, an der Grenze des besetzten Gebietes bei dem Zollposten Vohwinkel fei g-stern ein deutscher Schutzpolizist aus Elberfeld erschienen, ult die Munition zurückzugeben, die kürzlich bei den von den Deutschen entführten fran- rösischen Soldaten beschlagnahmt Wochen sei. Dieser letz- tere Zwischenfall, der die Veranlassung zu dem fran­zösischen Landstrreich in Bannen -ennsen sei, werde jetzt al§ erledigt betrachtet und die h-ioen von den französische» Druppen in Barmen festgmommen-n Offiziere der Schutz­polizei seien wieder in Freiheit gefetzt worden.

B - r l i n, 19. Juli. Das „B. T." erfahrt, daß gegen alle diejenigen Magistratsbeamten des befetten (5 e b $ e t s, die im Verdacht stehen, mit den französischen und belgischen Behör- oen zusummengearbeitet zu haben, disziplinarische Untersuchung eingeleitet wurde. Sobald in den einzelnen Fällen der Tatbestand geklärt sei, würden die Namen derjenigen, die tatsächlich mit den Ein­dringlingen Hand in Hand arbeiteten, veröffentlicht werden.

Bit 8MG.

93»t litt, 19. Juli. Der „Tag" schreibt: In der Frage der Einführung wertbeständigen Arbeits­einkommens stellt die gestern zwischen dem Neichs- finanzministerium und den Vertretern der Be­amten und Staatsarbeiter getroffene Vereinbarung einen bedeutungsvollen Schritt zur allgemeinen Lö­sung des Problems dar. Die Regierung hat sich bereit erklärt, den Staatsbediensteten eine gewisie Wertbeständigkeit ihrer Einkommen zuzusichern. Durch die hierdurch bedingte Mehraufwendung muß als natürliche Folge auch eine Vermehrung der Einnahmen des taaStes durchgeführt werden. Ter Staat,wird also gezwungen sein, auch seine Ein­nahmen wertbeständiger zu gestalten. Die Steuern, Zölle, Abgaben, Tarife der staatlichen Derkehrs- unternehmungen müssen verpflichtet werden, um sie allmählich auf die verlorengegan­gene Goldbasis wieder zu bringen.

Die jetzt abgeschlossenen Verhandlungen mit den Beamten und Staatsarbeitern basieren auf der nach der jeweilig letzten Gehaltsfestsetzung etwa ein­getretenen Aenderung der Geldentwertung. D i e automatische Anpassung hat man fal­len lassen. Auf Grund der jeden Mittwoch abend zu veröffentlichenden Indexziffer des Stati­stischen Reichsamtes tritt am fügenden Tage jeder Woche (Donnerstag) der mit Regierungs- und Ge­werkschaftsvertretern besetzte Achter-Ausschuß zu­sammen und ermittelt den jeweiligen Entwertungs­faktor. Hiernach werden die Einkommen festgesetzt. Für die Staatsarbeiter wöHentlich, für Beamte und Staatsangestellte halbmonatlich. Das Gesamt­einkommen der Beamten wird wie bisher für das laufende Vierteljahr im voraus gezahlt, die ermit­telten Teuerungszuschläge werden für die nächsten 14 Tage nachgezahtt. Tie Etatsungcstellten erhal­ten am 15. jedes Monats die Hälfte des Netto­bezuges, den Rest am Monatsletzten. Erfolgt die Festsetzung eines Teuerungszuschlages im Laufe des Monats, wird ein besonderer Zahlungstermin ein« geschoben.

Dieses für die Staatsbediensteten getroffene Ab­kommen wird auch auf die Jndexlohnverhandlungen der Gewerkschaften mit der Privatindustrie feine Wirkung ausüben. Allerdings liegen bei der In­dustrie die Dinge wesentlich anders. Eie besitzt nicht wie de; Staat ein Produktionsrnonoxol. Während

der Staat Post» und Eisenbahntarif«, Steuern und, Abgaben mit einer einzigen Handbewegung um ein vielfaches heraufschrauben kann, muß die Industrie alle diese Belastungen in den Preis der Fabrikante mit einkalkulieren. Sie schwebt in ständiger Ge­fahr, durch Uebersteigen der Weltmarktpreise den Warenabsatz zu verlieren. Aus diesem Grunde schon werden die Jndexlohn-Verhandlungen in der In­dustrie noch manche Schwierigkeit zu überwinden haben.

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Sie Irotnroi.

Die krassen Preissteigerungen der letz­ten Tag«, die wie bei der Kohle und dem Brot sofort, bei den Post- und Eisenbahntarisen am 1. August mit durchschnittlich 300 Prozent in Wirksamkeit treten, zeigen uns den erschütternden Verfall unseres jt6h«n ZablungS- mittelsystems an. Wir nähern uns in den Eisenbahn- tarisen jetzt fast vollständig dem Entwerfungsstande, wie er durch di« Kaufkraft der Mark im Auslände gekennzeichnet wird. Mit anderen Worten: die Eisenbahn- und Posttarife richten sich immermehr nach dem Dollarkurs. Bei der Kohle sehen wir bereits eint gewaltig« Steigerung über, den WeltmarttpreiS hinaus. Für rheinisch« Kohle must heute das 115 000fache des FrietenswerteS für die Tonns' bezahlt werden, etwa 1,4 Millionen Mart, für 12 Gold­mark. Die durch den Tollarstand angezeigte Entwertung, ist aber „erfl" daS etwa 55 OOOfache, sodaß also hier eint glatte Verdoppelung der Entwertung stattgefunden hat. Die Rückwirkungen dieser ungeheuren Erhöhungen für Kohle, ebenso wie die der Eisenbahntarise werden sich aber erst allmählich in den Preisen für Waren und Produkten umsehen. Wir werden zu Preisen für alles daS kommen, die uns heute noch fantastisch erscheinen, die nnt aber immermehr in die Milkwnenrechnung für die einfachsten Gegenstände des täglichen Bedarfs, insbesondere für Klei­dung bringen werden. Man kann überhaupt nicht eft genug darauf aufmerksam machen, daß wir in einer radikalen Umwälzung unserer gesamten Preisberechnung uns gegenwärtig bewegen, daß es Vergleichsmöglichkeiten mit früher überhaupt nicht mehr gibt, und daß wir. rote wir früher in Pfennigen und Mark rechneten, demnächst in 100000 und Millionen Mark rechnen müssen. Die Er­höhung der Eisenbahniahrpreife vom 1. August wird uni für weitere Entfernungen jetzt schon viele 100 000, ja in die Millionen g hende Fahrpreise bringen.

Die Angleichung der Kosten und Ausgaben für bte Betriebsverwaltung deS Reiches an die tatsächliche Gech- entroertung geschieht jetzt viel zu stürmisch. Man hätte viel ftüher und systematischer unter jeweiliger Anpassung die Erhöhungen vornehmen müssen. Durch die fetzig« Methode aber wird unser ganzes wirtschaftliches Lebe» gerad>.zu revolutioniert. Es ist selbstverständlich efttz, durchaus richtiger Grundsatz, daß die Betriebsverwaltung deS Reiches aus eigenen Mitteln sich erhalten müssen, unM daß bi« Benutzung nicht auf die Gesamtheit umgelegt­werden soll. Aber einseitig darf oicft Methode auch nicht geübt werden. Uno wenn der Reichseisenbahnrati heute die Einführung wertbeständiger Taris«' zum 1. September plant, so drängt sich umso stärker bte Frage der Einführung wertbeständiger Steuer» auf. ES ist ein unhaltbarer, ja in unverantwortliche» Zustand, daß die Steuereingänge von heute noch nicht einmal 2 Prozent der Ausgaben des Reiches decken. Man kann es nur immer wieder bedauern, daß der Reichs­tag auseinanderging, ohne gerade diese wichtige und fü» die Finanzwirtschaft des Reiches entscheidende Frage geregelt zu haben.

Zm kmoiiNW MmM.

Genf, 19. Juli. Die „Tribun- de Gendve" ver­öffentlicht eing-benbe Mittrtlnngen über die Vorgeschichte der Ermordung deS russischen Bevollmächt'.gten in Lau­sanne. Worowski, und zwar aufgrund deS nunmehr dem Verteidiger zugegangenen Akt-nmaterials des Unrev- suchungsrichters. Danach hat Conradi die Tat gemänsa« mit dem Sekretär des alten russischen Roten Kreuzes in Bsnf, Pulinan, von langer Hand vorbereitet und sich bereits am 13. April dieses Jahres nach Berlin be­geben, um dort Tschitscherin, Krassin und Adminaz Behrens zu ermorden. Er traf sie nicht an, kehrte in dte Schweiz zurück und beschloß nun, auf Vorschlag Pulinins, Worowski zu töten. Pulinin begab sich selbst von Genf nach Lausanne, um das Terrain zu sondieren. Conradi schliff die Kugel, um den Tod sicherer herbei,uführett, Pulinin erklärte vor dem Untersuchungsrichter, daß « regelrecht als Journalist bei der Lausanner Konferenz bo- glaubigt war und im Cercle de la Presse verkehrte. Al» Eirund hierfür, weshalb er Coiwadi getaoe dir Ermordung WorowsfiS empfahl, gab er an: Ich habe besonverD Worowski bezeichnet, weil ich ihn für besonder- bo-! fähigt hielt, die Interessen der Sowjet» in Lautenne »A vertreten und von der ftonferen, bte Zulassung M erlangen. Er fügte hinzu, daß, falls Conradi und seüt Vorhaben gescheitert wäre, er selbst die Tat begangen hätte. Das Blatt schreibt weiter: Beim Lesen bei unto sangceichen Aktcumaterials erhält man den deuttichen Er» druck, daß andere noch unbekannte Personen ebenfalil der Ermordung nicht fernstehen. Die GenchtsverHand­lung wird noch Ueberraschungen bringen, denn man Hf es mit einem wahren Komplott zu hm. Der Prozeß wird wahrscheinlich Anfang Srpfimber in Lausanne M ginnen.