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Marburg montag. heti 16. W

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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.

Anzeiger für (das früher kmhsMche) OberheM

Poincarv antwortet.

Paris, 15. Juli. In Senlis im Departement £>ifc hielt Ministerpräsident PoincarS eine Rede anläßlich der Enthüllung eines Kriegerdenkmals, tzje in anbetracht ihres politischen Anstrichs als eine Antwort auf die englische Regierungserklärung

angesehen werden kann und der der halbamtliche emp s" eine politische Bedeutung teimitzt. Poincarö kam in. seinen Ausführungen wiederum wie stets bei derartigen Anlässen auf die deutschen Provozierungen und auf Akte der Bar­barei der deutschen Heere zu sprecken. Er fuhr dann fort: Ich bilde mir ein, daß Frankreich an dem Liege der Alliierten nicht unbeteiligt ist. Es hat allein an der Westfront den Ansturm der deutschen Heere ertragen. Zehn seiner Departements sind besetzt gewesen. Um den gemeinsamen Sieg stcher- pisiellen, war Frankreich genötigt, bedeutende Schulden zu machen. Was aber hat es als Preis für seine Opfer erhalten? Territoriale Entschädi­gungen? Keineswegs! Während befreundete Na­tionen ihre Grenzen hinausschoben und teilweise kreuzen nach ihrem strategischen Interesse verlangten, haben wir einfach nur das wieder- erlungt, was der Friedensvertrag von Frankfurt uns durch Gewalt entriss-m (!) bat. Das Elsaß ist uns nicht einmal inne: halb seiner Grenzen von 1814 Zurückerstattei worden. Wie hat man uns unsere Zurückhaltung und Mäßigung (!) be­lohnt? Aust» die Nationen, die den Friedensvcr- hccj vor Bersinlles unterzeichnet Haier, haben sich von Deutschlands Ausruf:Das kriegerische Frank­reich. das imper-u istiiche Frankreich!" usw. beein­flussen lasten. So bedeutungsvoll diese Angaben auch sind, einst werden sie doch vor der Wahrheit zerschellen. Wir verlangen keinen Zoll fremden Lobens, wir wollen nur, daß ein auch von anderen Nationen unterzeichneter Friedensvertrag nach vier Jahren nicht als Preis für ein archäologisches Mu­seum betrachtet wird. Es scheint, daß wir damit zuviel verlangen, denn einige unserer Freunde er­klären, der Vertrag gehöre der Geschichte an. Die Welt habe sich gewandelt, Europa sei krank. Man müsse es zuerst wiederaufrichten, und um es aufzu­

richten. sei es vor allem notwendig, daß man den Sturz Deutschlands verhindere. Frankreich solle im gemeinsamen Intereste Konzessionen machen. Seit dem Kriege aber hätte Frankreich nicht anf- gehört dies zu tun. Es sei unwürdig, Frankreich als ein Land zu bezeichnen, dem das Heil Europas gleichgültig fei. Frankreich habe nichts von seiner angeborenen Gerechtigkeit verloren, von seinem alten Glauben an die Ideale und von seiner selbst­losen Liebe zu der Menschlichkeit. (!) Frankreich habe keineswegs den Wunsch, daß Deutschland zu- sammenbrcche, weil ein Gläubiger den Zusammen­bruch seines Schuldners nie wünschen könne, beson­ders wenn dieser Schuldner wie Deutschland in der Lage sei, sich rasch wieder emporzuarbeiten. Es sei nicht französisch, sich auf einen besiegten Feind zu weisen. (!) Poincars erklärte alsdann, daß der Vertrag von Versailles Frankreich Sicherheiten und Reparationen versprochen habe. Sicherheit habe re durch die Nichtratifikation des Schutzpakies, der keinerlei militärischen Wert gehabt habe, nicht er­langt. Auch in Bezug auf die Reparationen sei Frankreich nicht bester behandelt worden. In der Repararionskommission habe Frankreich zwar die Mehrheit des Interesses, aber es sei in der Minder­heit. Trotzdem habe man seit vier Jahren versucht, i^ese Kommission zu beseitigen. Die Reparations- kommisfion habe die deutsche Schuld festgesetzt. Man habe so getan, als wolle man diese Feststellung achten. Aber in einer Sitzung des Obersten Rates habe Frankreich einen Teil feiner Rechte ausgeben wüsten. Frankreich sei dem festgelegten Zahlungs­plan ergeben. Auch habe man Frankreich vor- Seworfen, daß es Deutschland nicht schone und daß

« feinen Zusammenbruch, unter dem auch alle an­deren Völker leiden würden, verursachen wolle. Sei

Deutschland in den letzten drei Jahren nicht ge­schont worden? Habe man ihm nicht die Nicht­

erfüllung aller seiner Verpflichtungen zugestanden, so daß Frankreich 100 Milliarden Mark für den Wiederaufbau habe bezahlen mästen, die eigentlich Deutschland hätte bezahlen müssen?

Habe man nicht geduldet, daß es seine Handels­flotte wieder aufgerichtet, daß seine Großindustrie auf Kosten seiner Gläubiger sich bereicherte? An dem geschlossenen Willen aller Alliierten würde Noeifellos dieser fortgesetzte schlechte Wille gebrochen Morden fein. Aber Deutschland habe auf die Mei- Mngsverschiedenheiren spekuliert. Frankreich habe

nur, auf die positive Mitarbeit Belgiens und auf die teilweise Mitarbeit Italiens gestützt, handeln können. Anstatt die Ausbeutung der Münder zu ermöglichen, habe Deutschland den Widerstand organisiert und Frankreich dadurch gezwungen, den Druck zu verstärken. Wenn Frankreich nicht in das Ruhrgebiet einmarschiert wäre, wäre Deutschland trotzdem dem Abgrund entqegenaegangen. Aber Frankreich hätte dem mit leeren Händen zusckauen müssen, während es heute ein Vfand in der Hand halte. Er, PoincarS, könne sich rühmen, sWs ein treuer Anhänger der französisch-britischen Allianz gewesen zu sein.

Ank sem Verlangen und unter seinem Ministers"? seien 1912 die Briese zwischen Paul Cambon und Sir Edward Grey ausgetauscht worden, die Entente verstärkt und die Allianz vorber-'tet hätten. Frankreich wisst, daß seine Verbündeten -hrenbast feien tote Frankreich u.nv deshalb sei es versichert, daß sie schließlich von Tatsachen überzeugt, Frankreich Recht grfccn würden. W nn man ein Interesse an dem Friedensvertrag habe, dürfe nyn auck nicht das neue Statut von Mittelmropa zerstSren und die Freute in der Tschecho-Slowakei, in Numä- mänien und in Sütslowien bedrohen lassm. Man würcke nicht die Wiederausrichtung auf cem Kontinent erlach­tern, soud- rn in kurzer Zeit Unordnung und Chaos schassen. Dadurch, daß Frankreich s ine Reckte verteidige, verteidige es auch die seiner Alliierten. Wenn Frank­reich die Bed'ngungm des Friedens aufrechter halte, er­halte es den Frieden selbst aufrecht und arbeite nur "ür die Menschlichkeit. (!!) *

Die Rede P,o i ncartzs ist wif alle bis­herigen frnazöstschen Reden auf den Tor gestimmt, mit dem man seit 1870 politische Geschäfte gemacht hat. Es ist erstaunlich, mit welcher Gedankenarmut die französischen Politiker arbeiten und wie niedrig sie die Kenntnis der Geschichte, überhaupt die ganze Denkfähigkeit des Auslandes einschätzen! Das arme Frankreich, das immer nur für die höchsten Ziele der Menschheit kämpft, wie es sie in seiner großen Revolution der Welt geschenkt hat, das auch im Jahre 1914 die Welt vor den Kanibalen und Hunnen gerettet hat (man denke an die Kinder­morde in Belgien), das soll heute wieder um die Früchte seiner geduldigen Leiden gebracht werden.

Es ist überflüssig, das Bild der Wahrheit von dem sadistischen Unruhestifter zu zeichnen, wie es schon Carlyle kannte. Die Welt wird erst einsehen, was ein so eitles, blutgieriges und unruhiges Volk wie die Franzosen bedeutet, wenn es die Folgen der Taten dieses Volkes am eigenen Leibe spürt. England ist wieder einmal auf dem Wege dazu. Und darin liegt für uns ein kleiner Trost, den wir freilich nicht überschätzen wollen.

Poincaräs Antwort auf Baldwins Erklärung ist nicht ungeschickt. Ob die alte Rattcnfänger- mcthode aber noch Glück hat, ist zweifelhaft. Vier Jahre nach dem Kriege will d(e Welt die Wirklich­keit sehen und sich nicht von Phrasen einlullen lasten. Das war wenigstens der Sinn der eng­lischen Initiative.

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Paris. 14. Juli. Wie dasJournal" mit­teilt, hat gestern der Minister rat, der sich mit der französischen Haltung angesichts der britischen Er­klärung beschäftigte, beschlossen, der britischen Aktion Zeit zur »ollkommene« Ent­wicklung z u ! o cksts u, damit man alsdann in voller Kenntnis handeln könne. Es fei, schreibt der Außenpolitiker des Blattes, zwar lockend, sofort die Offensiv« zu ergreife«, da das z u erwartende englische Dokument leicht »»« vorn­herein j« widerlegen wäre, man wolle aber mit Ruhe den englischen Entwurf abwarten, da es ja möglich wäre, daß er die wesentlichen Direktiven der französisch-belgischen Politik ein­nehme, so die Rotwendigkeit einer vorherigen deut­schen Kapitulation. Wen« der Entwurf ferner erklärte, daß die Ruhrbesetzung bi» zur vollkommenen Regelung der Repa­rationsfrage fortgesetzt «erde und wen« er als das Minimum der Zahlun­gen das ««nehme, auf das sich Frank­reich «ad Belgien festgelegt hätten, so könne man in den Verhandlungen fortfahre«. Im gegenteiligen Falle aber werde Frankreich sich nicht zu einer diplo­matischen Aktion verstehen, die schon von vornherein zur Unfruchtbarkeit ver­dammt sei. Frankreich habe eine starke Stellung und es werde warte«, bis England ihm den Be­weis für feine Methode gebracht habe. Das werde nicht lange dauer«. -.1

Paris, 14. Juli. DieEre Nouvelle" will wissen, daß der gestrige Kabinettsrat es nicht ab­gelehnt habe, sich an einer gemeinsamen Antwort an Deutschland zu beteiligen. England suche einen Schiedsspruch des Völkerbundes, was man jetzt in Paris anzunehmen scheine. Der Schlüssel der künf­tigen Politik in der Reparationsfrage liege also nicht in Paris, London oder Brüssel, sondern in Genf.

Paris, 14. Juli. DerNew York Herold" be­richtet auf Grund von Mitteilungen der von ihm häufig erwähnten hochstehenden französischen Per­sönlichkeiten: Wenn der englische Entwurf der an Deutschland zu richtenden Antwort auf die Vor­schläge vom 7. Juni die Aufgabe der Politik des Widerstandes verlange und es so Poincarä ermög­liche, zst erklären, daß er in dem Punkte die Ober­hand b->halten habe, in dem das französische Par­lament ihm das Vertrauen ausgesprochen habe, sei Frankreich bereit, sowohl in der Frage der Ruhr- besetzung als in der Frage der interalliierten Schul­den gewisse Konzessionen zu machen.

DerNew York Herold" will wissen, daß der Quai d'Orsay vergangene Woche offizielle Zusiche­rungen von Washington erhalten habe, denen zu­folge die amerikanische Regierung an dem vor der englischen Presse angekündigten Entschluß der Lon­doner Regierung keinerlei Anteil habe und nicht beabsichtige, in die Reparationsfrage einzugreifen. Von maßgebenden Persönlichkeiten am Quai d'Orsay werde vielmehr versichert, daß die Regie­rung der Vereinigten Staatendie französischen Anstrengungen mit höchster Sympathie verfolge". Poincorö hoffe, daß das Staatsdepartement sich schriftlich im Sinne der von dem feranzösischen Bot­schafter in Washington und dem amerikanischen Botschafter in Poris ihm zugegangenen Informa- Dionen übe" die jüngsten Vorgänge äußern werde, wodurch die Gefahr pariert würde, daß der Plan Baldwins den deutschen Widerstand bestärke. (?!!)

Nach einer Meldung derChicago Tribüne" aus Washington ist England in der Reparationsfrage noch nicht an die Vereinigten Staaten heran­getreten.

Paris, 14. Juli. Gustave Hervä schreibt in derVictoire", die Frage der französischen Sicher­heit, so wichtig sie auch an sich sein möge, sei für den Augenblick von weniger dringlichem Interesse. S o lange Frankreich am Rhein stehe, fühle es sich in völliger Sicherheit. ZLelches Vertrauen man französischerseits auch eines Tages zum Völkerbund haben werde, für den Augenblick setze man dieses sein Vertrauen lediglich in die militärische Stellung am Rhein und in die Macht der französischen Armee. Die Repara­tionsfrage und die Frage der Sicher­heit seien Dinge, bie nichts mitein­ander zu tun hätten. Warum wolle man sie in diesem Augenblick mit aller Gewalt mitein­ander vermengen? Sei nicht die Reparationsfrage allein schon kompliziert genug?

* *

Paris, 15. Juli. Der Londoner Berichterstatter des .Petit Partsien" hält trotz der Ableugnungen, die von Paris aus erfolgt seien, das Gerücht einer ameri­kanischen Intervent erung in der Reparationsfrage aufrecht. London beherberge viele Senatoren und Kongretzmiltglieder der Vereinigten Staaten und alle, die er gesprochen babe, erklärten offen, datz eine ame­rikanische Mitarbeit möglich sei. wenn die Alliierun sich geeinigt hätten. Baldwin bade den Führern der sozialistischen Opposition mttgeteilt. 'atz er ihre An­frage, ob der Antwortentwurf an Deutschland auch Washington übermittelt werde erst in einigen Tagen beantwortet werde, wenn die offittellen Verhandlun­gen nicht mehr gestört werden könnten, die im Augen­blick geführt würden.

Französische Opposition.

Der Raubzug nach Barmen und die Besetzung Limburgs, das französische Garnison wurde (!), sind zwei Tatsachen, die bester als alles andere zeigen, wie Pcincarä über bie Friedensabsichten der Eng­länder denkt. Sie waren wohl auch gerade für bie Tage bet englischen Regierungs­erklärung ausersehen, um dies zu zeigen. Immerhin findet namentlich die Besetzung Lim­burgs in Frankreich selbst einige Opposition, wenn man derartige Dinge auch nicht allzu ernst nehmen soll.

DerEre Nouvelle" erscheint die endgültige Be­setzung von Limburg a. d. Lahn im gegenwärtigen Augenblick zum mindesten bedauerlich. Es sei zu befürchten, daß bet englische Oberkommissar in Koblenz, Lord Kilmarmock, feine Regierung ganz besonders auf diese Besetzung und ihr Zusammen­treffen mit der Erklärung des Premierministers Baldwin Hinweisen werde, denn bie Koblenzer Zone interessiere Großbritannien unmittelbar. Ehemals amerikanisch, seit bet Besetzung des Ruhr­

gebiets französisch, »et bie Zone, bie an ben engs fischen Bezirk von Köln anstoße, nach wie vor Besitz der Rhei ulanbkommission. Es frage sich, ob Lord Kilmarnock noch weiter in ihr verbleiben werde, wenn et bie stumme Person habet spielen solle.

Paris, 14. Juli. Vor bem Eebäube eine» Pariser Abendblattes, das eine Sammlung für die französischen Truppen im Ruhrgebiet veranstaltet und bem bie in Paris anmefenben Mannschaften aus bem Ruhrbezirk gestern abenb zum Dank ein» Kundgebung brachten, kam es, wie Havas mittettt, bei dieser Gelegenheit zu Zwischenfällen. Der Ge­schäftsführer bet kommunistischenHumanitä" ver­suchte bem bie Soldaten führenden Hauptmann bi« Orden von der Brust zu reißen. Er wurde mit zwei anderen Angestellten betHumanits" ver­haftet. Sie finb vorläufig wieder freigelassen wor- ben, erscheinen aber nächsten Donnerstag vor bem Staatsgericht unter bet Anklage bet tätlichen Be­leidigung eines Vertreters bet öffentlichen Gewalt« -------- j

M ift «tontroortöfi?

Ehrhardt, der langgesuchte und schließlich verhaftet« militärische Organisator des Kapp-Putiches ist aus dent Untersuchungsgefängnis in Leimig enthoben. Nach de« vorläufigen Feststellungen hat sich das Aufsichtsperson«! des Gefängnisses grober Fahrlässigkeit schuldig gemacht, wahrscheinlich kommt aber sogar Bestechung und da» Vergehen der Gefangenenbesreiung in Betracht. Ent­gegen den klar und eindeutig abgefaßten Instruktionen ließen die Unierbeamten Ehrhardt im Gefängnis frei hev- vmlaufen. So konnte er denn die Flucht vorbereiten, bei der ihm nach den bisherigen Ermittelungen Von dritter Seite Hilfe geleistet worden fein muß.

Die gesamte Linkspresse, bei den Kommunisten ange« fangen bis zu den Demokraten, benutzt die Flucht Ehr» barots zu schiverrn Angriffen gegen die Reschsreaierunz urch insbesondere die Reichsjuflizverwaltung. Diese habe durch die Hinauszögerung des Prozesses und un;rieck- mäßige Ueberwachungsmaßnahimn die Flucht überhaupt erst ermöglicht. Wie liegen die Dinge aber in Wirklichkeit? Das Reichsjustirministerium und der Oberreichsanwalt haben die Verhaftung Ehrharots aus bayerischem Bvae« vornehmen lassen. Unter starker Bedeckung wurde, oet Gefangene nach Leipzig transportiert und hier den sächsi­schen (!) Justizbehörden übergeben Tas Reich besitzt nämlich gar kein elgcmS Gefängnis, sondern muß feine Untersuchungsgefangenen und die von ihm verurteilten Personen in sächsischen Gefängnissen einquartiereu. Der Oberreichsanwalt hat sich, troAem es eigentlich nicht yt seiner Zuständigkeit gehört, um die sichere Unterbringuutz Ehrhardts persönlich gekümmert, und seine in diese« Hinsicht gemachten Vorschläge fanden die ausdrücklich« Billigung deS sächsischen JustizministerS. Wen« tut« die Vorschriften von den sächsischen Unterbeamten nicht befolgt wurden, so sollle man daraus der Reichsregie» rung und dem Reichsjustizministerium doch keinen Vor­wurf machen. Es trifft aber auch nicht tu, daß eil Reichsjustizverwaltung ans der Oberreichsanwalt Den Prozeß gegen Ehrhardt absichtlich Verschleppt hättet^ Im Gegenteil. Beide Behörden bemühten sich um einen schnellen Abschluß der Voruntersuchung, während alle» dings Von der Verteidigung Ehrhardts unter Ausnutzung aller hierfür in der Strafprozeßordnuug Vorhand-nen Möglichkeiten die Ansetzung eines Termins für die Haupt­verhandlung verzögert wurde. Also auch in diesem Fall« liegt ein Verschulden von Reichsbehörden nicht vor.

Nach der Klarstellung dieses Sachverhalt- darf mack wohl hoffen, daß die Sozialdemokraten sich mit ihren Beschwerden an ihre eigenen Freunde in Sachsen toenoen« Die Beschäftigung mit der austoärrigen Politik läU Herrn Beignet offenbar nicht genügend Zeit, sich um di» Dinge im Innern feines Landes zu kümmern.

Die Flucht Kapitän Ehrhardts gerade kurz vor nem Prozeß ist aber auch geeignet, unsere innerpolitischck Atmosphäre aufs neue zu vergiften. Ter militärische Or­ganisator des unserigen Kavv-PutscheS gilt der Linken »ür eine Art Symbol der Gegenrevolution. Die Radi­kalinskis auf der äußersten Linken aber lechzen getobt nach neuen Gelegenheiten für ihre umstürzlerische Ov- ganisation Vorwände zu erlangen Ja, sie scheuen sich nicht, die Entente mobil zu machen für ihren Kampf gegen nationale Regungen. Kürzlich schrieb das Organ der kleinen Gruppe derUnabhängigen"2)er SBftftuf" in einer Polemik g'geu Hitler:Napoleon I ließ sich von dem damals winzigen Preußen mit dem Krümpersystem täu­schen und mußte es kaum ein Jahrzehnt später 1813/15 bitter büßen. Preußen siegte schließlich im Verein mit seinen Bundesgenossen "egen Napoleon. Es kam die ,Heiligc Allianz', Es kam 1848, Wränge^ Bismarck usw. Es kam bk .große' militätisch-kapitalistische Entwicklung, es kam Sozialistengesetz. Welheim II. und schließlich der Weltkrieg! Will Sie Entert« sich von teil schwarzen Krümpern des Jah­res 1923 ebenso begaunern lassen, wie Napoleon I. sich zu Anfang des 19. Jahrhund-rtS von ben Schürern des neuen Krieg s hinterS Licht führen ließ? Weshalb schreitet die Entente nicht ein?" Wahrlich, ein Dokument der Schande, wie eS schlimmer nicht gedacht werden kann und wie es in jedem anderen Land« unmöglich wäre.

Berlin, 14. Juli. Zur Flucht Ehrhardts erfahre^ die Blätter von zuständiger Seite, daß sie auf eine grob« Nachlässigkeit untergeordneter Organe zurückzu führen ist, Vielleicht kommt Bestechung in Frage. Der OberrcichAs