Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.
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Anzeiger für (das früher kurhesiifche) OberhesM
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Marburg
Donnerstag, den 113nni
Brachmond
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Das englische Rätsel.
Die Meldungen der offiziösen französischen Novas-Agentur über die Beschlüsse des englischen Kabinette werden von England amtlich dementiert. M etwas ungewöhnlicher Vorgang. Einmal, daß «ine offiziöse Agentur, also doch nicht der oder jener, tinet absolut falsche Meldung gebracht haben soll in tzner so wichtigen Sache und dann die Tatsache, daß ks Dementi erst auf Druck des französischen Bot- ftafters erfolgt. In Frankreich weiß man nicht, gas man davon halten soll. Die einen schöpfen teue Hoffnung, die anderen sehen mißtrauisch auf las Dementi. Ein dritter sieht ein Dörsenmanöver dahinter. Die Lage bleibt also ungeklärt wie zuvor; Hchstens kann man sagen, daß das Dementi der englischen Regierung zeigt, daß England mit Frankreich Mt brechen will, sondern auf ein Kompromiß visgeht (was man schon wußte). Wo der Angelpunkt Mr Frage liegt, sehen unsere Leser vielleicht aus heutigen Meldung der „Times" aus Köln: England M, daß Deutschland den passiven Widerstand auf- pit und sucht dafür eine auch für die Deutschen jkiackhafte Formel.
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T Paris, 13. Juni. Zu der Havas-Meldung von -Koittag abend, wonach das englische Kabinett es Mehnte, der französischen Forderung nach Einstel- N»ng des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet bei- ‘ptreien, liegt bis jetzt noch keine Bestätigung vor.
iicfe Meldung hatte lebhafte Erregung in offi- ieUen politischen Kreisen hervorgerufen. Am Quai Qsay wartete man während des ganzen gärigen isges darauf, daß die Londoner Negierung eine Hizielle Antwort mitteilen würde. Antwort traf doch bis zum Nachmittag nicht ein, und die fran- siscke Regierung hielt infolgedessen den Londoner etschaster St. Aulaire an, sich im Foreign Office erkundigen. Um 4 Uhr nachmittags telephonierte d'-m französischkn Ministerpräsidenten folgende Welle Erwiderung:
»Das Foreign Office erklärt, daß die am 12. Juni der französstchcu und englischen Presie verösscnt- Aen Mitteilungen betreffend die englische Kabi- Ussitzuug über die Reparationen der Wahrheit cht entsprechen. Das englische Kabinett Hai inetlci Entschließung gefaßt."
Paris, 13. Juni. Noch dem „Petit Journal" ist i» englische Dementi «mf Grund einer Demarche des anzösischen Botschafters in London erfolgt. Die Tat- :i)t, daß die englische Regierung die Darstellungen der neuen Presse und der Havas-Agentur einen ganzen ag ohne Richtigstellung g"lassen habe, gebiete gegen- rer dem sehr diplomarisch und elastisch gehaltene!» cmenti einige Vorsicht.
London, 13. Juni. Reuter mellet, unter Vorsitz m Baldwin wurde eine Kabinettssitzung zur weiteren esprechung der Reparationsfrage abgehalten. Eine 5r- ärung der britischen Politik wird nicht vor nächster Woche tontet. Die Ansicht herrsche vor, daß es unmittelbar vrwendig sei, eine Entscheidung zu erreichen uno daß lle Tiittel angewandt werden mühten, um eine Ueber- iisiimmung zu erzielen, die eine Nnigung auf den. von ’n Alliierten verfolgten Richtlinien ermögliche. Zwi- ben den alliierten Hauptstädten finde ein lebhafter erkehr statt. Da Frankreich die Frage des deutschen, rssiven Widerstandes zum wichtigste« Verhaudlunas--. Infi gemacht habe, versuche Grohbritannien, genau z:tz fahren, was Frankreich unter dem Versuch, dem Passion Widerstand ein Ende zu machen, verstehe und ob re gemeinsame Politik geführt werben könne, die für übt Länder befriedigend wäre.
Paris, 13. Juni. Das Dementi, das durch Ver- litilung des französischen Botschafters in London er- Wt wurde, findet in der gesamten französischen Presse den Glauben, den man erwartete. Der „Populaicc" schreibt, die KcisiS der Entente sei schwerer als je. Uw machtet des Dementis der Foreign ofsice über die Kabi- vittberatung am Montag Abend, stehe der Beschluß *n hie Regierung Baldwin fassen werbe, außer Zweifel England werde nicht gemeinsam mit Frankreich und tilgten von Deutschland die Einstellung des passiven Widerstandes verlangen. Dieser Refus sei unvermeid- Nch. Ob Downing Street die Resident Lloyd Georges, «onar Laws, Baldwins oder morgen vom Minister X. H daraus komme es wenig an. Die Mehrheit, wenn die Gesamtheit des englischen Volkes mißbillig Entschieden die Besetzung des Ruhrrgebiets und könne ^folgehessen nicht fünf Monate nachher für die Poincare- ^llche Politik Partei ergreifen, die so unglückselige Ergeb- *ifie gezeitigt habe.
Paris, 13. Juni. Der „Matin" erfährt, daß die ^nzösische Regierung angesichts der Havasdepesche vom Montag Abend fassungslos gewesen sei unb sie werde -dritte unternehmen, um den englischen Politiker zu er- Atteln, der der Havas-Agentur die unrichtige Mit- Ü^i'.ng über die englische Kabinettssitzung zugchen ließ.
geheimnisvolle Persönlichkeit, so heißt eS im Matin", die, abgesehen Von einem verdächtigen voll-- ”4ea Manöver vielleicht ein sehr «ntrSalichü^Börftw
geschäst habe erzielen wollen, müsse entlarvt und namhaft gemacht werden.
Paris, 43. Juni. Ho Vas teilt offiziös zur Frage der englischen Kabinettsbeschlüsse.mit: Das ■Dementi des Foreign Office habe im wesentlichen die materielle Tatsache im Auge, daß von dem englischen Kabinett noch keinerlei Entscheidung getroffen worden sei, obwohl schon vorgestern abend die Londoner Blätter behaupteten, daß keine weitere Kabiuettssitzung stattlsinden werde, es fei denn im Anschluß an einen neuen Meinungsaustausch zwischen den Kanzleien. Das Dementi des Foreign Office bestreite auch die dem Kabinett Baldwin rugeschriebenen Pläne. Immerhin sei es merkwürdig, kestzustellen, daß mehrere englische Morgeublätter gestern Informationen ähnlich deren der französischen Organ- veröffentlicht hatten, und daß einige dieser Blätter, wie z. B. der stets gut unterrichtete. „Daily Telegravb" die Hoffnung aufgaben, daß zwischen den beiden Regierungen eine Verständigung über die Deutschland zu erteilende Antwort stattfinden werde.
London, 13. Juni. Bläitermeldungen zufolge wird die Hoffnung auf eine Vereinbarung zwischen England und Frankreich, die die Absendung einer gemeinsamen Antwort an Deutschland ermöglichen würde, nicht aur- gegeben. „Evening Standard" zufolge sollen die britischen Bemühungen auf einen Ruhrwaffenstillstand hinzielen. Der politische Berichterstatter des „Manchester Guardian" erklärt, daß die britische Regierung in den Verhandlungen bezüglich des deutschen Memocan' ums dem Bruch mit Frankreich nahe sei. Die britische Regierung erkenne an, daß die Einstellung des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet außerhalb der Macht der deutschen Regierung liege.
London, 13. Juni. Das Parlamentsm tglied B u r- t o n wird, den Premierminister morgen im U n t e r h u s c. fragen, ob ihm bekannt fii, daß ein großer Teil der öffentlichen Meinung in England gegen jede Erklärung der britischen Regierung sein würde, die eine B i llig u ng der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebietes bedeuten würde; ferner, ob irgendeine derartige Erklärung beabsichtigt sei und wenn ja, ob das Unterhaus Gelegenheit haben werde, bk Frage zu erörtern, bevor eine solche Erllärung erfolge.
London, 13. Juni. „Daily Ehronicle" schreibt, wenn Frankreich R c p a r a i i o,n e n erstrebe, so seien seine Maßnahmen unter Poincares Leitung unverständlich. Wenn aber Frankreich eine Diktatur übr den Kontinent suche, so seien seine Maßnahmen vollkommen verständlich. Damit seien schlechte Aussichten gegeben nicht nur für England, sondern auch für den Kontinent und nicht nur für die vormaligen Feinde Frankreichs, sondern auch für ferne Verbündeten, für Belgien vielleicht an erster Stelle, später auch für Italien.
London, 13. Juni. Lord Curzon empfing gestern den ftanzösischen und den belgischen Botschafter. Saut „Times" wird heute wahrscheinlich eine Sitzung des britischen Kabinetts zur Erörterung der deutschen Vorschläge stattfinden.
London, 13. Juni. Der römische Berichterstatter der „Times" erfährt von einem Mitglied des auswärtigen Amtes, die Haltung Italiens hinsichtlich der deutschen Note werde sich der bereits von Großbritannien angenommenen Haltung anschließe» Ti- italienische Regierung habe ihre Zustimmung zu der französischen Aufforderung, sich dem Verlangen auf sofortige Einstellung deS passiven Widerstandes als Vorbedingung weiterer Erörterungen anzuschließen, noch nicht ausgesprochen. ,i
Hm tei teilten Wtechnnd.
London. 13. Juni. Der Sonderberichterstatter der „Times" in Köln schildert den Widerstand, auf den ein Versuch der deutschen Regierung, den passiven Widerstand aufzuheben, stoßen würde. Eine Aufforderung der Regierung an die Bevölkerung könnte Folgen nach sich ziehen, die unübersehbar feien und es sei unwahrscheinlich, daß die Regierung Cunos die Erfüllung dieser ftanzösischen Forderung übernehmen könnte. Sicher würde ein Sturm von allen Seiten losbrechen und vor allem von denen, die für die Sache gelitten haben und fühlen würden, daß die Früchte ihrer Opfer von der Regierung wrWeworfen würden. Der Berichterstatter fährt fort, ein Unterschied müsse jedoch gemacht werden zwischen dem passiven Widerstand und den Sabotageakten. Es könne kein guter Grund bestehen, wonach die deutsche Regierung nicht, wie viele örtlichen Behörden dies in zahlreichen Bezirken feit langem getan hätten, vollständig von dieser Form der Aktivität abrücken sollte, die rein nationalistischen Ursprungs fei. (Anmerkung des Wolff-Büros: Die Reich-regierung ließ niemals einen Zweifel darüber, daß sie eine stlche Form der Aktivttät nicht billigt.) Der Berichterstatter weist ferner darauf hin, daß bei Erwägung der Lage daran gedacht werden müsse, daß 98 Prozent der deutschen Bevölkerung der augenbllcklichen französischen Regierung vollkommen mißtvaue und der Ansicht sei, daß der wirkliche Zweck der Ruhraktion, nicht die Erzielung von Reparationen fei, sondern ter- ritorriale und wirtschaftliche Bergrößer ung, Ter gleiche Prozentsatz sei überzeugt, daß die gegenwärtige sronzösisch« Regierung beabsichtige, das Rheinland
und wahrscheinlich auch Essen dauernd zu behalten. Die Aufnahme der letzten deutschen Note in der französischen Presse beftätige diese Ansicht, während das französische Beharren auf der Forderung nach bedingungsloser Einstellung des passiven Widerstandes die Deutschen überzeuge, daß ihre einzige Waffe sich al- außerordentlich wirksam erweise bei Behinderung der Pläne, die sie den Franzosen znschrieben. Dir Deutschen eien überzeugt, daß, wenn diese Waffe erst einmal niedergelegt fei, eS unmöglich fein würde, sie wieder aufzunehmen und mit gleicher Wirksamkeit fcu gebrauchen. Wenn jedoch eine außerhalb des Konfliktes stehende Macht in der Lage fein sollte, zu garantieren, daß auf die Ein- 'tellnng aller nach dem 11. Januar von der deutschen Regierung ungeordneten Maßnahmen eine gleiche zur Einstellung auf französischer Seite folge, würden wenig Schwierigkeiten bestehen, um den passiven Wider- tanb zu beenden
(Liehe auch 3. Seite.) ♦--
So fffit es Im Seiften Betet n
Das Schreckensrcglment General LaignelotS.
Von unserem Sonderberichterstatter.
Recklinghausen, 12. Juni.
Die französische Besatzungsbchörde in Recklinghausen hat gestern als .Vergeltungsmaßnahme" für die angeblich von einem Deutschen erfolgte Erschleßung eines französtschen Postens am Bahnhof Recklinghausen über die Stadt Recklinghausen den verschürf- ten Belagerungszustand verhängt, und zwar in der Form, daß alle Personen die nach 9 Uhr abends die Lrratzen passieren, von den sranzöstschen Patrouille« unter Feuer genommen werden. Ausnahmen für den Nachtverkehr wurden nicht , gelassen, selbst Aerzten, Hebammen, Geistlichen usw. ist diesesmal der Nacht- verkebr ohne Etnschräukung verboten. Diese, in ihrer Tragweite für eine Stadt kaum mit Worten wiederzugebende Tattache kennzeichnet zur Genüge den Sa- dtsmns der französischen Soldateska. Die Anordnungen, die noch am gestrigen Abend in Straft treten sollten, konnten naturgemäß nicht in der Weise in die Bevölkerung bineindringe^ tote eö nottoendtzg ge- wesen wäre. Roch in letzter Stunde wurde auf mündlich« Vorstellung hin, die Zusage von der Besatzung erwirkt, daß die erwähnte folgenschwere Anordnung des SchreckenSgeneralS Laignelot noch nicht am gestrigen Abend gehandhabt werden sollte, daß aber Personen, die sich nach 9 Uhr auf der Straße bewegen, auf Anruf sieben bleiben müßten. Trotzdem bat die französisch« Soldateska in ihrem Bluttaufch gestern Abend in einer kaum zu beschreibenden Art und Weise gewütet.
Punkt 9 Uhr begannen wüste Schießereien in der im übrigen wie ausgestorbenen Stadt. Rur französische Patrouillen durchziehen die Straßen. Genau wie in den Tagen des siebenten, achten und neunten Februar entwickelte sich ein Terror, der jeder Beschrei- bung spottet. Die Bevölkerung war wieder einmal alls vogelfrei erNört worden. Ja, die Soldaten gingen sogar noch weit über den Rahmen der von der Be- satzungsbehörde getroffenen Maßnahmen hinaus. Die Käufer, in denen ein Lichtschimmer zu sehen war, wurden mit Pflastersteinen bombardiert, btt Fensterscheiben wurden eingeworf 'N, in die Wohnungen wurde bincingefchoflen. Erst recht wurde natürlich aus Personen die sich am Fenster blicken ließen, das Feuer eröffnet. U-berall find Einschläge an den Hauswünden wahrtunehmen, ebenso in den Hüulern selbst. Natürlich wurde dinterher auch diesmal wieder die .Mär' verbreitet, die .verfluchte« BochcS hätten aus den Fenstern mH Revolvern gelchossen. -Non muß die nerängstigte Bevölkerung Reckitng. (laufend in diesen Tagen kennen gelrrnt babcn. um den gemeinen ZtnismuS, der in der französische« An- schnldigung liegt, voll würdigen tu tönnrn. Die Wüsten Schießereien dauerten bis Mn:ernacht an.
Leider hat die vom Racbcgcist geborene sranzr-iische .Vergeltungsmaßnahme' bereits in der ersten Nacht ein Todesopfer gefordert. Der neimzebn'kchrtge Sohn Sinti des Kaufmanns Möller von vier, August,nesien- sttatze 1, der zu Fuß eon Dortmund kam — ahnungslos übrigens, von dem Berkeorsverbsttz wußte er naturgemäß von nichts — wurde von dem Posten durch einen Gewehrschuß schlver verwundet. Kurz nach '%4 Ubr ist et nach furchtbaren Schmerzen, bevor er in ein Krankenhaus hatte überführt werden können, verschieden.
P a r i s, 13. Juni. Nach einer Havasmeldung aus Düsseldorf sind in der Nacht zum 12. Juni zwei Deutsche, die entgegen dem nach der Erschießung eines französischen Postens verhängten Derkehrs- verbot in den Straßen von Recklinghausen angetroffen wurden, von französischen Posten durch Gewehrschüsse getötet worden. Ob weitere Personen getötet worden seien, sei noch nicht bekannt.
Das Urteil gegen Müller.
Düsseldorf, 13. Juni. Das im Krupp- Prozeß wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Aufreizung der Monge zu Gewalttätigkeiten zu fl Monaten Gefängnis verurteilte Betriebsratsmit- glied Müller wurde in dem heutigen Revisionsverfahren von dem französischen Kriegsgericht in Düsseldorf wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu 7 Monate« Gefängnis verurteilt. Die Anklage auf Aufreizung der Menge zu Gewalttätigkeiten ist fallen gelassen worden.
Sie neues Todesurteil.
Köln, 13. Juni. Wie Havas mitteilt, ist der Ingenieur der Badischen Anilin« und Sodasabrik
Georges vom französischen Kriegsgericht in Stöhn wegen angeblicher Sabotage, die der Angeklagte zugegeben haben soll, zum Tode verurteilt' worden. Sein Auftreten wird von den französischen Blättern als auffallend würdig bezeichnet. (Er protestierte gegen den Vorwurf der Feigheit, den ihm der Vertreter der Anklage machen wollte, und er versicherte, daß er nur aus patriotischen Gründen gehandelt und seit langem fein Leben zu opfern be«' chlossen habe. Er wurde nach kurzer Beratung be» Gerichtshofes zum Tode verurteilt.
Die Lage in Dortmund.
Berlin, 13. Juni. Wie die Blätter aus Dort»' mund melden, findet die Beerdigung der in der Schreckensnacht zum Montag hingemordeten sieben Dortmunder Bürger am Freitag vormittag statt. Der städtischen Behörden und die Vertreter sämt« kicher Gewerkschaften werde« daran teilnehmLn. Die von den Franzosen zerhängte Straßensperre wird weiter äußerst streng durchgeführt. Von 9 Uhr abends ab durchziehen zahlreiche Patrouillen unter Gewehr die Straßen. Durch die Straßen werden Razzien veranstaltet. Alles, was dort angetroffen wird, wird verhaftet und unter Mißhandlungen ab» geführt. Immer neue Bürgerquartiere und städtische Gebäude werden für noch weiter eintreffende Truppen requiriert. Der schon vier Tage andauernde Belagerungszustand, der Über diese Stadt von einer halben Million Einwohnern verhängt wurde, hat >ereits gewaltige Störungen des gesamten Wirt- chaftslebens zur Folge. Alle Möglichkeiten für einen geregelten Geschäftsgang sind unterbunden. Zahlreiche Arbeiter und Angestellte, die außerhalb der Stadt wohnen, können die Wohnung vor Beginn der Verkehrssperre nicht mehr erreichen. Es besteht ferner keine Möglichkeit, nach 9 Uhr abends einen Arzt an ein Krankenbett zu rufen. Auch die Lebensmittelversorgung gerät immer mehr ins Stocken, da die Verkäufer wegen der großen lln- icherheit nichts mehr auf den Markt bringen. Wie nunmehr festgestellt ist, haben die Franzosen aus der Reichsbank in Dortmund etwa eine Milliarde geraubt.
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Ludwigshafen, 13. Juni. Ausgewiesen wurden gestern aus dem Eisenbahndirektionsbezirk Ludwigshafen unter Zurücklassung der Möbel 13 verheiratete Eisenbahnbeamte mit Frauen und 33 Kindern.
Koblenz, 13. Juni. Nach einer Mitteilung des Bezirksdelegierten wurde für einen Monat die Einreise vom unbesetzten in das besetzte Gebiet gesperrt; nut in dringenden Ausnahmefällen, z. B. bei einem Todesfall, soll die Einreiseerlaubnis erteilt werden. Im allgemeinen macht sich eine zunehmende Handhabung der von den Besatzungsorganen erlassenen Verordnung bemerkbar.
Mainz, 13. Juni. Die Vesatzungsorgane haben mit der Begründung, daß Eisenbahnsabotageakte vorgekommen seien, jeden Verkehr für Fußgänger und Fahrzeuge auf den Gebieten der Gemeinde Mainz-Kastel, Mainz-Kostheim nach Hochheim führen, in der Zeit von 8y2 Uhr abends bi« 5 Uhr früh verboten, ferner bis auf weiteres den Verkehr für Autofahrzeuge jeder Art, Motorräder, Fahrräder bei Tag und Nacht' in dem gleichen Gebiet. '
Paris, 13. Juni. Nach einer Havasmeldung aus Düssledorf ist die Stadt Wülfrath mit einer Buße von 25 Millionen Mark unb die Stadt Wipper» fürth mit einer Buße von 30 Millionen Mark belegt worden. Havas beruft sich zur Begründung diese» Vorgehens darauf, daß in beiden Städten auf französische Posten'geschossen worden sei.
Ludwigshafen, 13. Juni. Die Lage hn Oppauer Werk der Badischen Anilin» und Sodafabrik, das durch die Franzosen besetzt ist, ist noch immer unverändert. Der ganze Betrieb liegt still, unb kein Arbeiter betritt die Fabrik, mit Ausnahme ber von ben Franzosen zum Abtransport der Düngemittel angeworbenen Arbeiter. Da auch die Elektrizitätserzeugung vollständig stilliegt, find di« Franzosen zurzeit damit beschäftigt, einen Anschluß an die Leitung der Psalzzentrale herzustellen, um dann mit Hilfe dieses Stromes die Abtransport» und Berladeeinrichtungen in Gang zu bringen. Dies» Arbeiten dürften immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen. — Die bei der Besetzung der Werke Ludwigshafen und später'Oppau festgenommenen stellvertretenden Direktoren, Ingenieure und Chemiker j werden noch immer im Oppauer Werk in Haft behalten. t
Koblenz, 13. Juni. Wie berichtet wird, find^ heute auf der Strecke Bonn—Koblenz zwei Züge de^