Anzeiger für (das früher knrheffifche) OLerheffet»^
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Marburg
Donnerstag, Den 21 Mai
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S8.M1S.
1923
Neu-atter Kurs in England.
-o- Daß Baldwin, der bisherige Schatzkanzler des eng- M'n Reiches, als Nachfolger Bonar Laws zum Permiec- Winifter ernannt wurde, ist, worüber wir uns gar nicht täuschen sollen, ein Erfolg der konservativen Uenterhous- Iortci, gleichzeitig aber auch ein Erfolg derjenigen Rick- bng in Frankreich, die ein enges Zusammenarbeiten mit England in der Reparationsfrag: kvünscht. Es war schon Hr auffallend, daß die französisch- Presse sich sehr für Bor.ar Law ins Zeug legte, ttnd gegen Lord Enrzo- Btem lief. Schon seit längerem hatte man an beflimm- ßkn Stellen in Paris den Draht so gezogen, daß ein Daldwin-Kurs in England heraus komm en sollte. Es v? stnlich eine andere Frage, ob die rein politischen Ispirationender gegenwärtigen französischen Macht- Heber von dem sehr stark, ja fast ausschließlich wirt- fchaftlich eingestellten Baldwin unterstützt werde». " D'r neue Kurs in England ist der alte Dieser neu- t Wfc Kurs wird bei allem, was geschieht, einzig und allci'.' englische Interesse im Auge behalten. Die über' s siebenen Hoffnungen in Frankreich, die den danach ein» ■ d »stellten Befürchtungen in Deutschland parallel laufen, . Urten sich sicherlich nicht verwirklichen. Auch Baldwin t selbstverständlich ein Verfechter des Entente-GedankenS Md der „Grundsätze" der gegenwärtigen englischen Ne- r ttrnma, daß die Entente aufrecht erhalten werden müsse
®irfc Auffassung hatte ihn ja auch seinerzeit in Mder- hmich mit Lloyd George gebracht, zu dessen Fall Bakdwin -Aub ganz erheblich beitrug-
_ Vom deutschen Standpunkt kann es uns nur erwünscht - fcn, wenn eine derartig wirtschaftlich orientierte Per- Anlichkeit wie cs Baldwin ist, den großen Well-, Wirt- Hasts- und Reparat'onsfragen näher tritt. Es ist nur die Iranein, es ist das Verhängnis, inwieweit eine solch. Mr-.-nlichkeit von den politischen Erwägungen seiner M, rbeiter in ihren Eillschechungen abhängig ist. Die Mrsache, daß Lord Curzon Außenminister bleibt, ist nach Mir Richtung hin bezeichnend. Aber es wäre auch ganz Alich und würde irrige Vorstellungen ergeben, wenn man M Baldwin einen Wirtschaftler und nicht einen ausschließ- Ich auf das englische Interesse eingestellten Politiker Mc. Wir müssen daran erinnern, daß Baldwin schon in Diner Schatzkanzlerschaft unter dem Einfluß jener konser» Mi den Richtung, die ein Kompromiß mit Frankreich au' Dm Rücken Deutschlands und zwar auf der Basis einer Mitorialen Lösung, in diesem Falle also im Hinblick l>e£ Rbeinlan d, erstrebte. Baldwin und die hinter
i |r!t stehenden Gruppen verfechten den Gedanken der Schaffung eines autonomen Rheinstaates; der zwar soc- Aell im Rahmen des Deutschen Reiches bleiben soll, der fte eine internationale Kontrolle in Verwaltung and
; h Dwkehr, namentlich was die Eisenbahn anlangt, «r- 9akten soll. Dieser Gruppe schwebt eine Rekonstrmr- Akz des Saar-Reviers hinsichtlich der <R8r»(- nde
englischen Unterhaus-Debatten, die fälschlicherweise D utschland als Sympathiekundgebungen- angesehen Mrden, hatten gar keinen anderen Zweck, als Frankreich I i1- bestimmen, gewisse Maßnahmen im Saarrevier zu | Wbitrctt, da man in diesen englischen Kreisen der Mei i Am3 ist, daß dieses Saar-Statut auf ein autonomes - Weinland ausgedehnt, England immerhin eine aew'i'i s Ritko»trolle -bedeuten. Hier liegen ganz «ngehmre 'Ge- Wren-Quellcn, die wir uns bei Betrachtung des Rcgie- rAngswechscls flhr ernZ vor Augen führen müssen.
r London, 24. Mai. Die Presse rühmt in ihrer B?- vieilung Baldwins vor allem die kau fmänni- fichen Fähigkvrten deS neuen Premierministers.
y Dem Parlamentsberichterstatter der „Times" zufolge LM Neubildung des Kabinetts keine großen Schwierigkeiten bereiten, da die meisten früheren «ollegcn Baldwins bereit seien, jetzt unter seiner Leitung dienen. D-r neue Premierminister sei der Ansicht, die «st *i gekommen, wo die vollständige Einheit der ! konservativen Partei wieder vollendete Tatsache An sollte. Es sei daher vollkommen begreiflich, wenn Baldwin Einladungen an gewisse vormalige Minister ^ehen lasse. Es bestehe jedoch wenig Aussicht
: *raus, daß Lord Birkenhead gebeten werde, der neuen . *9:rrung beizutreten.
London, 23. Mai. Reuter bestätigt, daß Lord -^u.rzon Außenminister bleibt.
London, 23. Mai. Reuter meldet: Es verlautet, : M ue Neubildung beS Ministeriums nicht Mittwoch Abend beendet sein wird. Am Montag ^rmiitag wird eine Sitzung der konservativen s Partei abgchaltcn werden, in der Baldwin zum sdührer der Partei gewählt weiden soll, und zwar »or bet Wiederaufnahme der Sitzungen des Parlameutz ^Montag Nachmittag. Lord Curzon soll zu den t steil gehört haben, die anerkannt hätten, daß der Pre- ^ietminifler Mitglied des Unterhauses sein müsse.
^London, 23. Mai. Wie gemeldet wird, macht die "-ubildung des Ministeriums Fortschritte. Baldw'.ri ?^°rke heute Nachmittag, er hoffe, sein Kabinett bis «keitaz zusammengestellt zu haben. Vier endgültige Er- ^nnungen stehen fest: Es bleiben Curzon Außenminister.' ®c r 6 0 Kriegsminister, Hoare Luftsahrtministcr 15® Wilson Hmlpteinpeitschrr. Den Blättern zufolge r angenommen, daß Mo r n c, der morgen in Lon- ' »nrückerwartet wird, Schatzkanzler werde. Cecil,
Name ebenfalls im Zusammenhang mit einem st^^riellen Posten, genannt wurde, hatte heute eine lange : 8c«rifbitng mit Baldwin in der Doivniilg Sirret.
Wir verlautet, wird Montag Mittag im Hotel Cecil eine Zusammenkunsr der Unionistischen Partei stattfinden, au der wahrscheinlich Curzon den Vorsitz führt.
Paris, 23. Mai. Der neue englische Premierminin ster Stanley Baldwin hat an den Ministerpräsidenten Poincare ein Telegramm gerichtet, in dem er die Hoffnung ausspricht, daß die herzlichen Beziehungen, die zwischen Frankreich und England bestanden hätten und das gute Einvernehmen sowie die Gemeinsamkeit des Zieles der beiden Regierungen erhalten bleiben möchten. Poincare dankte ihm in einem Telegramm, in dem er ihm versicherte, daß die französische Regierung von ganzem Herzen mit der englischen an der Aufrechterhaltung und Entwicklung der Freundschaft und der Allianzbeziehungen zwischen beiden Regierungen mitwirken werde.
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Vorschußlorbeeren für Baldwin.
Paris, 23. Mai. Wie der „Rewhork Herald" aus Paris berichtet, ist dort die Wahl Stanley Baldwins Mct Beiriedigung ausgenommen worden. Sie habe sogar im Weißen Haufe eine gewisse Begeisterung hervorgerufen. Vom amerikanischen Standpunkt aus sei die Wahl durchaus befriedigend. Stanley Baldwin habe, als er sich in Washington anläßlich finanzieller Besprech- augen aushielt, den besten Eindruck hinterlassen.
Paris, 23 Mai. Die Ernennnna von Baldwin zum Prinnierminister wird in den hiesigen Morgenblättern mit Befriedigung cntgegenaenomme'- Stanley Baldwin, so wird betont, sei vor allem ein praktischer Staatsmann, der es wohl verstehen würde, rasche Lösungen für dir verschiedenen Probleme zu finden. „Petit Journal" fügt hinzu: Stanley ist nicht ein Mann, der isoliert, er legt Wert auf die Zusammenarbeit mit Frankreich und in demselben Maße aufieine Verständigung mit Amerika. In den andern Blättern, wie dem „Echo de Paris", wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß Baldwin keinen großen Einfluß auf die auswärtige Politik haben w-rde und vielleicht gebe es Verabredungen zwischen ihm und Lord Curzon, wonach der gegenwärtige Leiter des Foreign Office sich auch weiterhin freie Hand für die Führung der auswärtigen Politik ausbedungen habe. Der „Matin" glaubt aus diesem Grunde nicht an eine neue Politik Englands im Hinblick au? sine Stellung zu Frankreich
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8!eH in h« fWWn.
Paris, 23. Mai. Wie der „Petit Parisien" mitteilt, hat Lloyd George gestern abend in Wales eine große Rede gehalten, in der er unumwunden gegen die Regierung Stanley Baldwin Stellung nahm und einen Aufruf zu Bereinigung der beiden Flügel der liberalen Partei erließ. Zm besonderen entwarf Lloyd George, nachdem er Bonar Law seine Huldigung dargebracht hatte, ein Bild von der politischen Situation in Europa. Das wilde und triumphierende Frankreich ist mächtiger denn je auf dem europäischen Kontinent infolge der Niederlage seiner Feinde. Deutschland ist durch den Sturz, den es von einer so großen Höhe getan hat, betäubt und außer Fassung gebracht. Dieses Land, das sich kraft- und ziellos vewegt, weiß nicht, was es ansangen soll. Aber unser größtes Unglück ist, daß es seit Bismarck keine großen Staatsmänner hatte. Für ein Land, das sich in Not befindet, ist das geradezu eine Katastrophe. In der internationalen Lage habe ein ernster Wechsel zum Schlimmeren stattgefunden, und die Regierung könne nicht von einem beträchtlichen Anteil an der Verantwortlichkeit für diesen unglücklichen Wechsel freigesprochen werden. Die schwache Behandlung der Ruhrfrage habe Europa von neuem in Unordnung, Krisen und Konflikte gestürzt. Niemand könne voraus sagen, was dort fetzt geschehen werde. Das einzige, was klar sei, sei, das; von neuem Gewalt statt Ueberlegung die Angelegenheiten Europas beherrsche. Die Allianz bestehe nicht mehr wirksam, sofern sie eine Allianz sei, die eine ehrenhafte Gemeinschaft zweier Gleichberechtigter zur Verfolgung eines gemein« amen Zieles sei. Es bestehe nicht einmal Gleichheit in der Behandlung und keine Gemeinsamkeit des Zieles. Es iet nicht einmal eine Freundschaft, es sei ein reines Vasallentum, entehrend f-ür fceibfr, zerstörend für beide. Der Türke, der durch Festigkeit im letzten Oktober zu einer vernünftigen Gesinnung gebracht worden sei, fordere jetzt völlige Uebergabe als Friedensbedingung. Gloßbritaunien versuche diese Demütigung wieder wettzumachen, indem es Rußland ein Ultimatum zuwerfe, zu dem es nicht einmal über die Form vorheriger Verhandlung ge- langt fei.__________________________'
Der soll sich schämen, dec noch nicht zum deutsche« Volksopser für Ruhr und Rhein gegeben hat.
Berlin, 23. Mai, Wie die Blätter melden, ist die Uebermittlung der deutschen Antwortnote in der nächsten Woche zu erwarten. Die Beratungen sind noch nicht abgeschloffen. Der Reichskanzler hat bisher die Führer der Parteien und der Industrie nicht empfangen.
Paris, 23. Mai. Havas meldet aus Brüssel: Die Minister Theunis und Jasper treffen am Sonntag in Paris ein, um mit dem Ministerpräsidenten Poincars am Nachmittag zu konferieren. Möglicherweise werden die Besprechungen am Montag fortgesetzt werden.
P a r i s, 23. Mai. Der Brüffeler Korrespondent der „Ouvre" bestätigt die gestrige Nachricht des Brüffeler „Temps"-Berichterstatters, daß die belgische Regierung in Erwägung ziehe, in ihren Reparationsplan die Frage der während des Krieges in Belgien eingeführten deutschen Markbeträge ein- zuziehen. Diese belgischen Wünsche seien Gegenstand der letzten Besprechungen des belgischen Botschafters in Paris mit Poincar6 gewesen. Der Korrespondent bezweifelt nicht, daß Paris und Brüffel in dieser Beziehung miteinander einverstanden seien.
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Die SireikMUhen im Ruhrgebiet.
Dortmund, 23. Mai. Gestern spät abends kam es nochmals zu Feuerkämpfen zwischen Polizisten und einer bewaffneten H u n d e r t s ch a f t auf der Zeche S ch a r n h o r st, wo zum Teil gearbeitet wurde. Die Angreifer eröffneten Feuer auf die Polizei, die es erwiderte. Von den Angreifern erhielt einer einen Brustschuß, ein anderer einen Beinschuß, darauf zog die Hundertschaft toieber ab. Auf der Zeche Tremonia war beute morgen die Belegschaft eingefahren.
Bis gestern abend waren 24 Verwundete in die Krankenhäuser eingeliefert worden.
Heute früh fanden in Dortmund wieder An - sammlungen statt. Ferner sind mehrere Versammlungen, darunter allein sechs kommunistische, gemeldet Gestreikt wird auf den Eisenwerken „Union" und „Hoesch". Auf der Zeche „Tremonia arbeitet die Hälfte der Belea- schäft, auf der Zeche „Minister Sttin" streikt die ganu Belegschaft, auf der Zeche „Scharnhorst" arbeiten von 970 Mann 110, ans den Zechen „Gneisenau", „Hardenberg", „Hansa" und „DorstfelV^ ist der Streik beendet. Die augenblickliche Lage in Dortmund wird durch eine große Aktivität der Kommunisten charakterisiert. Bei der breiten Masse selbst ist trotz der gegenwärtigen Notlage wenig Streitneigung vorhanden. In ihrer großen Mehrzahl sind die gegenwärtigen Streiks von den Kommunisten erzwungen. Bisher ist von einem Ucber- springen der Streikbewegung auf andere Bezirke noch nichts zu merken.
Dortmund, 23. Mai. Die Streillage in Dortmund ist unverändert. Heute Nachmittag fanden auf dem Hansa-Platz Massenversammlungender Kommunisten statt, in denen zur restlosen Durchführung des Streiks aufgefordert wurde In der Stadt ist es jetzt im übrigen ruhig. Die von den Gewerkschaften mit den Arbeitgebern gefilhrten Verhand- lnngen haben noch zu keinem Ergebnis geführt. Neue Verhandlungen finden in den nächsten Tagen statt. Auch im Bo chumer Bezirk sind einige Zechen in den Ausstand getreten. In Gelsenkirchen kam es im Saufe des Tages zu Unruhen und Plünderungen, die von der Feuerwehr und dem Selbstschutz zu verhindern versucht wurden. Es soll bei den Zusammenstößen einige Tote und Verwundete gegeben haben.
Dortmund, 23. Mai. Im Bochumer Bezirk sind die. Belegschaften der Zechen „Präsident I und II" und "Heinttch" in den Ausstand getretey. Man befürchtet kür morgen, daß auch die Belegschaft des Bochumer Vereins sich dem Streik anschließt.
Dortmund, 23. Mai. Nach einer kommunistischen Massenversammlung im Reinoldus-Hof zogen kommunistische Hundertschaften nach dem Norden der Stadt mit der Absicht, die dortigen Polizeibeamten zu überfallen und zu entwaffnen. Als die Mannschaften der 5. Polizeiwache ihnen entgegentraten, wurden sie sofort mit Feuer empfangen, ebenso die sofort eintreffende Verstärkung. Die Beamten erwiderten das Feuer. Es kam zu einem schweren Gefecht, in dem die Polizei die Oberhand behielt. Leider erhielt ein Polizeibeamter einen tödlichen Bauchschuß. In gleicher Weise wurde der Fahrer eines Feuerwehrautos, auf dem Polizei- beamte herangezogen wurden, verwundet. Auch sonst gab es noch Schwer- und Leichtverletzte auf Seiten der Polizei.
Dortmund, 23. Mal. Sm Anschluß an eine Versammlung der ,ommnnif(ii(t?cn Partei zog ein Demom'trationszug dem Innern der Stadt zu und überfiel eine Polizeistation, welche mit Revolvern und Gewehren veschoffen wurde. Nachdem die eingeschlostene Polizei Verstärtungen erhallen hatte, konnten di- Straßen unter A u wend n n g von Schutz, und Hiebwaffen gesäubert werden. Die zur Verfolgung entsandten Polizeikomman- dos wurde» mit Maschinenpistolen üe-,
schossen. 3 Polizeibeamte wurden dabei verwundet. Die Angreifer hatten viele Verluste, deren Zahl jedoch noch nicht festgestellt werden konnte. AbendS um 10 Uhr waren sämtliche Stratzen gesäubert.
Wie aus Dortmund gemeldet wird erfolgt dort ein außergewöhnlich starker Zuzug von Arbeitern «nd man befürchtet infolgedesten Ausschreitungen der Streikenden. Der Magistrat der Stadt ermahnte deshalb in Maueranschlügcn die Arbeiter, die augenblick- liche Lohnbewegung nicht durch gewissenlose Hetzer z» politischen Zweckett mitzbrauchen zu lasten. Die Bau- und Holzarbeiter haben sich den Sttetkenden angeschlossen. Auch eine neue Anzahl Zechen ist in de« Streik getreten. Die bisherigen Lohnverhandlunge« haben zu keinem Ergebnis geführt. <
Gelsenkirchen, 23. Mai. Im Laufe des heutiges Tages kam es hier zu schweren Ausschreitungen»' die in blutige Kämpfe au § arteten. Auf dem Fleischmarkt und in der inneren Stadt wurde von den Demonstranten eine gewaltsame Herabsetzung der Preise für Fleisch, Fett und Fische vorgenommen. Den inzwischen alarmierten Feuerwehren der Stadt und der Industrie sowie dem Selbstschutz gelang! es, die dem Polizeipräsidium anliegenden Straßenzüge von den Demonstranten zu säubern. Im Lause des Nachmittags sammelten sich gcwalttge Menschenmassen, z« denen sich mehrere mit Stöcken und anderen Waffen versehene kommunistische Hundertschaften gesellten, am Hauptbahnhof an. Ein Wagen der Feuerwehr und der Sttaßenbahn wurde beschädigt. Darmck entwickelte sich eine große Schie ßerei, die meutere Stunden dauerte und abends um 7Uhr noch anbauerte. Bisher sind 2 Tote uni» über 20 Verwundete in den Krankenhäu- fcrn untergebracht worden.
Gelsenkirchen, 23.Mcfi. DieNmuhen halten an. Die Kommunisten haben das Polizeivrästdlum besetzt und ans dem Gebäude die rote Fahne gehißt. Bei dem Sturm wurde Feuer an das Polizeipräsidium gelegt. Die Kommunisten stürmen jetzt einzelne Wirtschaften und Läden. Die Franzosen Verhalten stch völlig untätig. Nach den bisherigen Feststellungen wurden bei den heuttgen Unruhen fünf Personen getötet und 56 verwundet. Von beu kommunistische» Personen sind etwa die Hälfte der Vcrwumdeten SfuStoartige, die zur Verstärkung der proletarifchen Hundertschaften «ach Gelseiikirchen gekommen waren.
Na.) Berichten Berliner Blätter ist es in Gelsenkirchen bei den Kämpfen mit den Kommunisten auch zu einem Zusammenstoß zwischen den Franzosen und der Feuerwehr gekommen. Durch ein zu nahe an dir Hauptioache der Franzosen heranfahrendes Auto fühk- fen sich diese bKroht und gaben eine Salve in die Lust ab. Ein Feuerwehrmann wurde außerdem von einem Franzosen mit dem Gewehrkolben geschlagen.
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Sie iiiklmlimle ÄMeisslkslst.
In Hamburg wird zurzeit abermals ein großer Internationales Spektakelstnck anfgeführt, tote Wir es leider schon seit längerer Zeit gewöhnt sind. Mau entsinnt sich noch der Versöyntlngsfeier, die Mehr- beitssozialisten und Unabhängige in Nürnberg begingen, nachdem sic sich jahrelang als feindllclu: Brüder aufs hesttgste bekämvft und beschimpft hatten. Als sich diese beiden Teile der alten sozialdemokratischen Partei trennten, spaltete sich auch die sogenannte zweite Internationale in zwei Teile, von denen der den Unabhängigen entsprechende spöttisch als die zweielir- halbte Internationale bezeichnet wurde. Nach dem Gründungsort wurde sie die Wiener genannt. Da nun die Verschmelzung der ehemals feindlichen Brüder erfolgt ist, wurde das deutsche Beispiel auch auf Internationalem Gebiet befolgt. Zur Bekräftigung besten haben sich zweite und zweieinhalbte Internationale in Hamburg feierlich aufgelöst und zu einer neuen Organisation vereinigt, betitelt »Die Sozialdemokratische Internationale'.
Im übrigen ist bei dem großen Kongreß in Hamburg auch die Erste oder Amsterdamer Jnternattonale beteilig!. Es sind in erheblicher Zahl Vertretet auS allen größeren zivilisierten Ländern, wenigstens Europas, und Mls den Vereinigten Staaten von Amerika erschienen. Neben den Deutschen, Holländern und Schweden treten besonders die Engländer und die Franzosen hervor. Alle halten wundersch?ne Reden über die internationale Solidarität des Proletariats und über den Kampf gegen Kapitalismus, Militarismus, Imperialismus, FaszismuS, Neattion usw. Nach alter Gewohnheit werden diese Reden und Redensarten nur von den Deutschen ernst genommen. Die Franzosen haben eine schön« Szene aufgeführt, worin sie den Einbntch ihrer Landsleute in das Ruhrgebiet verurteilten, aber ihr Dolmetscher, der Elsäster Grumbach, hat es sorgfältig vermieden,' bei der Ucbertragung fremdsprachlicher Reden in das Französische Ausfälle gegen den französischen Militarismus wiederzugeben. Autzerdem weih so ziemlich alle Welt, mit Ausnahme der deutschen Sozialisten selbst, daß die französischen Sozialisten zu Haufe ungefähr ebenso viel zu sagen haben, wie die italienischen, nämlich garnichts. Eine getoiste politische Be- deutilng- besitzen außer den deutschen, nnr die englischen Sozialisten und diese unterscheiden sich von jenen in ihrer politischen Anschaulingsweise ungefähr so, daß man sie etwa im Vergleich zu den unsrigen, als Deutschnationale oder DeutschvöMsche bezeichne« könnte. Die ganze internationale Solidarität dient nur dazu, den deutschen Idealisten weiter Sand in die Augen zu streuen.
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Hamburg, ?3. Mai. In der heutigen Vormit- tagssitzung des yntcrnationalcn SozialistenkongresteH gelangte eine Entschlietzuitg zur Annahme, in der btt vollständige Uebereinstimnuing mit der Tüti-kett deß