Einzelbild herunterladen
 

A Anüliches VerWndigungsblatt des Kreises Marbmg.

Anzeiger für (das früher kurhessischej Oberhessen

ML 258

TieOdethejfiltde Zeitung ericfcetat lethemal wöchentlich. Bepigsptei» monatlich 105 Mk. mit Zustellungsgebühr. Für ausfallende Nummer» intalge Streit» oder elementarer Ereignisse kein Stieg. Verlag von Dr. T-HiNerett. DmUk der Univ^Bnchdruckerei von Job. Lug. Koch, Markt 21.25. Hermvrecher 55, Poft» scheiktonto: Nr. 5015 Amt Frankfurt e. Main.

Marburg Donnerstag, den 2. MooemSet Nebelung.

Der Anzeigenpreis beträgt für de« 9gefp. Zeilenmillimeter 6.00 Mk amtliche und ausw. Anzeigen 8.00 Mk. Andere Spaltenbreiten entsprechend. Bei schwierigem Satz 50«/, Ausschlag. Spät e'inlausende oder den Raum über */. Seite einnehmende An­zeige« werden nach der Textspaltenbreite berechnet. Reklame« die Tol.«Zeile 50.00 Mk. Jeder Rabatt gilt als Bairabatt. Belege werde« berechnet. Sei Auskunft durch die Geschäftsstelle und Vermittlung der Angebote 5.00 Mk. Sondergediltzr.

57. Mo.;

1922

' s- ----------

I» flrient.

DK Fktedesstonferenz.

Bonbon, 1.Nov. Reuter zufolge ist bisher nichts Endgültiges bezüglich der britischen Bertrebnng 'erf der Lausanner Konferenz entschieden wor- ifcen. ES wird angenommen, daß der britische Oberkom- Mffar in Konstantinopel, Sir Horatr R u m b o l d, einer der Hauptdelegierten, sein wird. Curzon werde sicher i«x der Konferenz teilnehmen. Es sei jedoch unwahr- ? Äcinlich, daß er in der Lage sein werde, während der ;gnii5tn Erörterungen, die, wie man erwartet, beträcht- Ucbe Zett in Anspruch nehmen, der Konferenz beizu- vohnen.

London, I.Nov. Nach einer Meldung aus Kairo tzjbt die Antwort Englands auf das Ersuchen der Ägyptischen Regierung wegen Teilnahme Aegyptens an her Konferenz in Lausanne Anlaß zu der Hoffnung, haß die Anwesenheü der ägyptischen Abordnung bei den Hitzungen der Konferenz grundsätzlich angenommen wird.

Die Bresse von Angora weist anläßlich der Konfr» «enz darauf hin, daß die Beziehungen der Türkei zur : Entente unklar geblieben seien, während diejenigen zu kußlaud an Stärke zunähmen. Der Verzicht des Jm- jhmalismus der Welt auf unmittelbares Eingreifen in her Türkei werde auf die Festigkeit des russisch^türÜschen Eündnisfes keinen Einfluß ausüben.

Daris, I.Nov. Nach einer HavasmeLung aus Ivastantinopel sind Wustapha Kemal Pascha, Tcwfil Pascha und Ismet Pascha am Sonntag in Angora an- 'getonnten. Es trat sofort ein Ministerrat zusammen, w dem di« Antwort auf die Einladung zur Friedens- ipnserenz aufgesetzt und abgeschickt wurde. Es sind Bor- kcbrungen getroffen worden, damit die türkisch« Dele- szstion, die 2530 Personen umfassen wird, abreisen A»d am 11. November in Lausanne eintresfen kann.

Absetzung des Sultans.

Parts, 2. Rov. Rach einer Meldung der SMrago Tribüne- aus Konstantinopel ha, die grvSe iw, Sonnabend nach einer bis IRiiitntndii dauernden Debatte die Absetzung des i kulmnS proklamiert. Piastn .Kcraöeki Pascha sei >t:m Srneralgouvernenr für Konstanlinvprl ernannt und «nliefordert worden, sich sofo t dorthin zu vea ben. «m sein «mt zu übernehmen. Die Nationaloer- Nmmlunn balle :üt den Sul'an keinen Nachfolger be- Ammt. stch aber vorveünlten, einen Staa'schef mit dlmastjfchen: Rechte zu wählen, sie habe das Bolk für Souverän erklär, und beschlossen, die Bezeichnung Vom «ui sch es Reich durch türkisch r Staat zu ersetzen, b»s einer Republik gleichlommt.

London. 1 Rov.

»es

Der tnqlildje üMlfnM

London, 1. Roll. Dem ,Tally Telegraph" zu- -Wne ist in Anbetracht des Interesses in der City und chn ganzen Laude an der britischen auswärtigen Polt- m erschlossen worden, daß Lord Curzon vor einer -oenMchen Bersainmiung tn der City am nächsten «i.twoch sprechen soll,um die Lage zu klären".

London. 1. Nov. Der frühere Kriegsminister «i> a n s ha, i» Colchester eine 8i.de gehalten, tn der .« tagte, wenn das Ergebnis der Wahlen es B onar '*Cto mögtich machen solle, die Sieaierung zu bilden, »erde er diese n nt- rstliven. Wenn aber was wahrscheinlich d:r Fall sein würde keine Partei tut- amide sein sollte, die Regierung ans ihren eigenen ^Ugliedern ui bilden, dann iverde er stch die Frei- !*'t Vorbehalten, mit den Nationalliberalen zusam- .»cuzuwirken.

m Der zurücktretende Präsiden:

Bundes britischer Industrien, Oberst Ander- " n sagte gestern in einer Rede, die neue Regierung »e.tttc einige Crmnt'M'ng in der Talsache finden, daß r* industriellen Aussichten weniger günstig seien, als «>e sie während der letzten 18 Monate waren Was Tü Wiederan sieben des Handels im Wege stehe, sei Lage der Mehrheit der enropätschen Märkte. Es ergebe stch dteSchlußsolgernng, daß die tür.tfkbe Vorbedingungür die Stabilisierung der «rchfelkurse die erneute Erwägung der Abänderung r? Reparationsfordern ng sei. Ein wei'e- hemmendes Momenl bildeten die von vielen Län «m errichteten Zollschranken. Innerhalb des 6rith ,|«n Reiches aber habe Gto'zbri'anntrn graste natür ^>e Vorteile b-züg:tch der Möglichkeiten der Ans- ^schbedingungen nnd der Vor>,uqstarise. Für das : Werde zweifellos jeder Schritt, der auf die Aus-

^rnung des Retchsvandels hinziele, auf die Dauer «m Nutzen der Gesamtheit des 8teiches sowohl als vllh seiner inz-lnen Teile ausschlaggebend sein.

L s n d o ir, 1. Nov. Äf.nitb hat gestern abend imziell die Kandidatur für die Liberalen in PaiS - "v angenommen. In keiner Rede griff er di« drundsätze der Koalition heftig an. Er nute die gegenwärtige Lage grotesk und schreckeuer ?nend. Den einzigen festen Punkt bildeten die Libe- alles übrig- sei Verwirrung und Chaos.

London, 1. Nov. Der eng'ische Botschafter in ^°ris, Lord Hard'nge, tritt Ende des Jahres *- persönlichen Gründen z n r n ck.

Cs werden ferner folgende zwölf ministerielle Er- m>tmtgen bekanntgegeben: Luftfahrtmtnister: Sa- *»cl Hoare: Arbeit. Sir Montagne Barlow: r ^erakvostmeisttt: der Bruder von Austin Cdamber- 2!T- Neville Chamberlain: Unteriefretftr für ?^wärtige Angelegenheiten: Ronald Mae Neill: ^tersekretät für Ko outen: Ormsby Gore: Deporte- für Nebers-eng»del: Johnson Hicks: Sway- Resste S3i(fon. der frühere Hanptein- ^ü-cher der Un.onlst n. Es sind nach wettere, weni- y wichtige Ernennung:.» crsoigt. Das Ministerium . ~ nunmehr so gut wie vollständig.

»onbjtt, i. Rov. Der .Daily Matt" zufolge F M König die Ernennung Str Basil Blackettö

Sie

in Berlin.

Berlin, 1. Nov. lieber die Verhandlungen der Reichsregierung mit der ReparationSkommis- si o n erfahren wir folgender:

Die erste Verhandlung mit der Reparationskommissioit verlief in durchau» sachlicher Form. Der Vorsitzende der Reparationskommission Louis Barthou erklärte, daß erstens die Balanzierung des Budgets, .weiten- die Frage der schwebenden Schuld und drittens die Stabilisierung der Mark die Hauptaufgaben seien, die jetzt behandelt werben müßten. Die Kommission beabsichtigenicht,diedeutsche Souveränität anzutasten: sie hoffe aber auf llxyal« Zusammenarbeit. Sie sei aufgrund der von Deutschland eingegaugenen Verpflichtungen genötigt, ein« gehende Fragen zu stellen. Darauf hielt Staatssekrekär ü-chröder et ton Vortrag über bk allgemeine Gestal­tung beä Budgets für bad laufende Jahr, soweit es sich bisher übersehen läßt.

Bei der Besprechung diese- Thema- wurden von der Gegenseite verschiedene Fragen gestellt mit dem Zweck hierüber näheres Material im Laufe der nächsten Sitzung zu erhalten. Es interessierten besonders die Ausgaben für den Reich -bahnet at und bic Ausgaben des außerorbeutlicheu Haushalt-. Schröber teil'« mit, baß bas voraussichtliche D «fizitdes BubgetS etwa -140 Milliarben betragen werde, bas im wesentlichen zu Lasten bes Friebensvertrages gehe.

Die nächste Sitzung wurde auf Mittwoch Nachmittag l Ubr festgesetzt.

DasBert. Tageblatt" teilt mit, baß bei her gestri­gen Besprechung mit ber Reparatwvstommisston ben Ausführungen bes Reichsfinanzministers Dr. Hermes über ben deutschen Standpunkt zur Frage der Mark- stabilisierung folgender Gedankengang zugrunde gelegen .habe: Eine Mion zur Stärfting ber deutschen Währung könne nur am der Basis eines Goldfonds burchge- siihrt werden. D: eine Inanspruchnahme des Goldschatzes ber Reichsbank nicht in Frage käme, so bleibe nichts ander: 3 übrig, zu diesem besonderen Zweck, also nicht für allgemeine Reparationszwecke, eine Goldanle ihe im Ausland aufzunehmen. Barttzou habe in der gestrigen Sitzung verschiedene Fragen an Dr. Hermes geriditttjinb sich rorbehslten, zu einigen Puntten »och besonders Stel­lung zu nehmen.

DemTageblatt" zufolge verlautet in den Kreisen der ReparatiouskomMission, daß ihr Aufenthalt in Ber­lin zum mindesten wohl bis Ende nächster Woche bemessen sein werde. Wie man in unterrichteten Kreisen annehme, werde die RcparotionSkvmmission irgendwelche Ent« scheidung.in Berlin nicht treffen. Die Dis­kussion über eine Reparationsanleihe und ein Morato­rium loerbe vielmehr der großen Brüssel« Finanzkon« ferenz überlassen werden.

P r i i -, 1. Nov. Der Reparatwnsausschuß ver­öffentlicht folgende Note: Am 8.11. um IO1/? Uhr vor­mittags Wirt» ber Ausschuß zu einer vorläufigen Ver­steigerung zu Gunsten des Höchstbictenden schreiten und etwa 143 991 gewöhnliche und 978 Nutznießekaktien ber lombarischen Bahn (Sübbahngescllschaft), die ihr von der deutschen Regierung auf Grund des Artikels 260 des Versailler Vertrages übet taffen worben sind, ver­steigern. Zu der Versteigerung sind nur zugelasseu du alliierten Regierungen und dir Vereinigtrn Staaten sowie ihre Staatsangehörigen.

Der Grgenst-ind der Berllu« Verhandlungen.

London. 2. Rov. Der Gegenstand der yegen- wärttgen Verbandtungen tu Berlin ist btc kchon Int Frühjahr nufperobte Frage vcs Ersatzes ber Inter» alliierten Mtlitärkoinroukommission durch einen wtii- iärisweu Garantteanstckmn. Die deutsch« Regierung bat sieb im Prinzip Mit dem Vorschlag der alliierten einverstanden erklärt. Man crfäOtt, daß die Alliierten u. a. folgende Pnnkte nnbed'.ngr ansg-fübrt zu wifsen wünschen: Der endgültige Absch'nh der Un-Wmtdlung ber Mnnittonfabrtken in Fabriken für barmlose Ge­blauchsgegenstände. das Verbot des Rnbävsens von Kriegsmaterial in größerem Maststab«, die Einrirb- lung eines hinreichenden Apparats zur Vervinderting

zum Mttgliede des Vollzugsraies d«S Grneral- govvernements von Indien genehmigt.

Der erkte Stabmettirat Binar Law.

Amsterdam, 1. Rov. Der neue Schatzkanzler Baldwin hott, eine Konferenz mit Ponar Law. in ber auch die Rückzahlung der Schulden an Amerika vcvandeli wurde. Ter erst- Kabinettsrai ist endgültig auf heute festq-ieht worden. Ent: Entstbeidung über die Abreife der Stcmmhfion nach Amerika wird vor Ende der Woche kaum erfolgen. Aber es beiizt, datz Baldwin den Wunsch habe, persönlich nach Amerika nt geben. Ties ist jedoch kaum möglich, da er selbst an der Wahl bu.st-tgt ist, weil er erst seinen etaenen Sitz 'm Unterhaus wtederqewtnnen muß. Daher neigt die Regierung dazu, di« Abreise der Kommission vis nach den Wahlen zu vertagen.

Neuer Konflikt »wischen Bonar La» unv Lloyd George.

Am st erd aut, 1. Rov. Aus Lyndon wird ge­meldet: Die Konservaitveit haben für 30 Sitze Gegen­kandidaten ausgestellt, dt- Lloyd George für sich be­ansprucht. Lloyd George hat gedroht, datz er Wie­dervergeltung ltb-n werde nnd noch übet wei­tere 100 bis 150 Kanvtvatzen verfüge, die er aufstellen werde, falls die Terties ihren Widetsiand nicht auf« geben.

ber Ein- und Ausfuhr von Kriegsmaterial und 'ch'ietziich die Einschränkung der Rckruticrung für Heer und Polizei in Ueberelnstimmung mit dem Per­trag von Versailles. Von den Alliierten würden alle Maßnahmen zur ständigen Kontrolle cetroffin werden.

Die WährungSkunferrnz.

Berlin, 1.9ioo. Wie bi« Telunion erfährt, finb bie von b« deutschen Regierung zu ein« Finanzkonferenz in Bttlfn eingelabenen Sachverständigen heute im Laufe LbeS Tages eingetroffen. Es finb folgend« Herren: Vra nb, ber Teilhaber des bekannten Bankhauses Laz- z.nie in London, Prof. Cassel aus Stockholm, ber Präfideut beS Schweizer Bankverein« Duboi- nut seinem S-kretSr Steick, Prof. Uenke von ber Uni« rturfttät Newyork. ber Präsident ber Asowschen Bank Boris Kamenka, Pros. Keyne.s und der Präsident ber Nieberläudischen Bank Vissering aus Amster­dam mit seinem Sekretär deBeaufort. Diese Herren tverben morgen Vormittag um '/«IO Uhr vom Reichs­kanzler empfangen werben. Am Nachmittag beginnen öte sachlichen Beratungen, an denen deutscherseits bic bekannten Finanzsachverständigen teilnehmen werben.

Berlin, 1. Nov. Di« von der Reichsregierung zur Teilnahme an ber Währungskonferen» ein« geladenen ausländischen Finanzsachverständigen werben beute Abend vollzählig in Berlin versammelt fein und morgen Vormittag vom Reichskanzler empfangen werben. Unmittelbar an ben Empfang schließen sich bk sachlichen Beratungen über bie Möglichkeiten für die Stabilisie­rung ber beutschen Währung an. Deutscherseits nehmen an bet Währungskousetenz Reichsbankpräsibent Havenstein, Staatssekretär Schröber und einige Vertreter ber Sanfaxlt teil. u.a. Urbig, Menbe 18» sobn und Prof. Schumacher.

»Äe-rli>n, 1. Rov. Der Reichsstnans- minister hatte heute rtttttag 1 Uhr eine Bcsvtecbung mit dem holländischen Finanzfachmann Bissertng.

Berlin, 1. Nov. In der neulichen Sitzung deS ZenttalausschufftS brr Reicks bank legte Ptäsideni Ha­tz e n st e i n nochmals die Auffassung des Reicksbauk- btr.Toriunt5 hinsichtlich betVerwendungdesGolb» brstanbes ber Reichsbank und hinsichtlich ber Ausgabe von sogenannten Goldschatzanweisungen ein­gehend bar. Das Direktorium habe sich gegen bie Verwenbung bes Golbbestanbes ausgesprochen nnb Havenstein selbst verspricht sich auch nichts von der Ausgabe sogenannter Go'dschatzanwcisungen. So drin­gend es aber auch für Deutschland wäre, den Nieder­gang unserer Währung zu hemmen, und wieder zu eint sc stabilen Markkurs zu Zotnmen, so halte es doch bas Reichs- bankdirektorium für aussichtslos und unmöglich, für uns aus eigener Kraft heraus bieses Ziel zu er­reichen, b. h. ehe wir nicht ein ausreichendes Moratorium erhalten unb eine für uns ertragbare Lösung bes Repara- sionsproblems in sicherer Aussicht steht. Unsere Han­dels» und Zahlungsbilanz fei noch viel un» günstiger, als bie bisher veröffentlichten statistischen Zahlen es erkennen lassen. Das Passivsaldo und die Zahlungsbilanz könne nur durch fortgesetzte unb er« sckreckend große Verläufe von Mark an auS- länbischen Märkten gebessert werden. Der Gold be­stand der Reichsbank liege gegenwärtig nicht, trre vielfach behauptet werde, brach, sondern leiste durch sein bloßes Vorhandensein der beutschen Wirtschaft unschätzbare Menst«: benn erseibicGrunblageuns«r«rWäh- r u n g unb «benfo bie Grundlage ber gesamten Wirk­samkeit unb Aktionskraft ber Reicks bank. Die Bezahlung der Ein- und Ausfuhr sei bisher nur deshalb möglich gewesen, weil die Reicksbank aufgrund ihres Goldbestan­des noch einigen Kredit im Auslände habe, ber den Ber­kaus ber Mark im Ausland zwecks D-vtsenbeschasiung gestatte. Mi: dem Verluste bes Golbbestanbes sei der Kredit nnb bk Akiionskräft der Reichsbank verloren. Damit verschwinde auch gleichzeittg jegliches Fundament für die unerläßliche klinsti-e Wiebetaufrich­tung unserer Währung.

Dos im Mn.

Der Abschluß der Faszistenbewegung.

Rom, 1. Nov. Als Abschluß der Faszisten- bewegung fand gestern nachmittag 2 Uhr in Rom ein feierlicher Umzug der Faszisten statt, der vier Stunden dauerte. Die Faszisten zogen in voller Ausrüstung am Quirinal vorbei, wo der König mit General Diaz auf dem Balkon erschienen war. Tie Zahl der Faszisten wird auf etwa 6070 000 angegeben. Nach Beendigung des Umzuges begab sich eine Reihe von Faszisten zum Bahnhof, wo Sonderzüge zum Abtransport in die Heimat bereit­standen. Leider verlief der gestrige Tag sowohl irf Rom wie anderwärts nicht ohne Zwischenfälle. Die Faszisten und Nationalisten besetzten in Rom den Sitz der sozialistischen Parteileitung und die Ar- beitskammer. Sie verwüsteten die Wohnung des kommunistischen Abgeordneten Bombacci und drangen in die Wohnung Nittis ein. Ferner wurde der Direktor derTribuna" auf der Straße verprügett. In Mailand kam es in einem Außenviertel zu verschiedenen Zusammenstößen.

wobei einige Personen verwundet wurden. Die Faszisten besetzten zwei Versammlungslokale und entwendeten die dort vorgefundene Munition. Wei-. tere Zwischenfälle ereigneten Pch in Novara,^ Padua, Brescia und Turin.

Mussolini hat strenge Order erlassen, daß sich die Demobilisation in aller Ruhe und Disziplin vollziehen müsse- Er mache die faszistischen Führer' für etwaige neue Vorkommnisse verantwortlich.

Turin, 1. Nov- Mufsolini erklärte gegenüber betn Korrespondenten betStammt", daß sich die Faszi- ilenbewegung niemals gegen bk Arbeiterschaft richten würbe Die Arbeiter würden unter dem heutigen Re­gime mehr Achtung und mehr Schutz genießen als bisher. Allerdings trete er für ein gewerkschaftliches System nu, da? di« Auswahl der Tüchtigen im Auge habe.

Die ersten Regierungshandlungen Mussolinis.

Mailand, l.Nov Die ersten Taten des Kabi­netts Mussolini sollen nach einer Regierungserklärung sein: Die Neuordnnuug des Heeres, Aufnahme von finan« zilelen Verhandlung-» mit den Bereinigten Staaten und 'Abhaltung einer Siegesfeier am 4 November.

Uli »kl 6mn htr römiljti Mit- MML

Von unserem außenpolitischen MitarSet^r.

Noch ruhen die Waffen in Kleinasien nicht unb schon sehen wir in Italien abermals eine gewaltige AuSwirkung oer Eu'Wickkll'Ng, bie bet Versailler Vertrag ins Rollen' gebracht hat. Freilich ist bas italienische Beispiel ganz i ebenso wie bas gri'chisch: u>'> tR<"f '<* keineswegs dazu * nnaetan, bie Schöpfer des Werkes von Versailles mit i Besriebignng zu erfüllen. Denn hter wie dort gehen di« i Dinge so ziemlich vollständig den entgegengesetzten Sauf, als man es sich auf dem Papier aufgezeichnet und gegen» i fettig feierlich verbrieft hat.

Die Ereignisse in Italien bedeuten, mag man bie \ Dinge noch so milde ansehen und beurteilen, eine Revo» I lutton größten Maßstabes. Ja, wenn man zu bett i römischen Geschehnissen die richtige Einstellung gewin-! neu will, wird man gut tun, ihnen die allergrößt« Be­brütung beizum-ssen. Von biesem Winkel Europas auf hebt eine Epoche an. bk das europäische Slaateubilb, wk es in Versailles zusammengezimmert wurde, von Grund auf umzugestalten geeignet ist. Aber noch ein andere- > kommt den italienischen recokittonären Vorgängen gleich: Italien selbst hebt sich aus dem Kreise der Urheber de- Versailler Vertrages heraus eS streift bk Fesseln ab, bie ihm in schlecht gelohnter Dankbarkeit gerade durch diesen Vertrag selbst angelegt worden finb, und waS daS bedeutsamste istl bas neue Jtalten wanbell die Sptiren deS alten römischen Weltreiches.

Die Faszisten finb bk Träger dieser Bewegung. Wohtt btt Name? Die Anhänger bkfer Yfruppe leiten ihre» Namen von dem Stabbünbeln ab, die fest umschlungen, in ben Zeiten bes alten Rom bas Sinnbild ber amtliche» Macht, aber auch »a8 Sinnbild ber Einheit. Geschlossen­heit und Unüberwindlichkeit waren. Dkfe Fafziste» haben unter ben Augen der römischen Regierung eine öeeresutacht geschaffen, bie es ihnen schon bisher gestattete, nicht nur ganze Städte, sondern ganez Landstriche in Schach zu halten unb ber Regierung mehr als einmal mit der Drohung bes Marsches nach Rom bie wichtigsten Zugeständnisse abzutrotzen. Sie haben sich das ganze römisch» Kriegswesen zum Vorbild ihrer militärischen Gruppkrung genommen, indem sie sich Legionen mit den attrömiscken Adlern als Zeichen bildeten, bie wieder in Kohorten sich mit ben Signa, ben Standarten, glie­derten. Ihnen reihten sich die altrömischen Maniveln an, bie Untergruppen, bie in ieber Stabt, in jedem Torte fefchickt verteilt waren und bk. als bet Führer rief, wk aus bet Erde gestampft, erschienen, bereit, bk Herrschaft anzutreten. Unb so geschah es: Die italtenische Re­gierung kapitulierte, ber Vorschlag des gestürzten Mini» stttpräsidenten Facta, zur Nachfolge Salanbra zu er», wählen, konnte vom König nicht verwirllicht werden, da, btt faszistische Führer Mussolini ihm bk Gefolgschaft, verweigerte unb alle Macht für sich und feine Anhänger, verlangte. Di's? ist ihm nun. fast ohne Kam oft zngefallen.

Tie Faszistenbewegung gilt fast allgemein, wenig» | stens außerhalb Italiens, als eine rechtsradikale Be­wegung. So schlechthin als solche sie zu charakterisieren' Würbe jt-oth ihrer Bedeutung kaum gerecht. Die An«! länger des Foszismus find in Italien bis weit in hk| Schichten des Bürgerinms, ia ber unteren Klassen her», teilt. Ist eS nicht ein besonders charakteristisches Zei­chen, daß beispielsweise sämtliche Gbanffeure. Trofchlln- nikscher und sonstige Beamte nnd Arbeiter der faszistische», Bewegung angehören und auf Kommando des Führers sich' tn ben Dienst ber Sache stellen. Der Foszismus ist itti Italien vielmehr zum Schlagwort unb zur Parole für alle» diejenigen Schickten des Vo.kes geworden, bie sick, um: S rund heraus zu sagen, von bem Ausgange der Welt­krieges, soweit ihr Heimatland in Betracht kommt, enttäuscht fühlen, bie sich übervorteilt, ja hinter» gongen sehen unb die nun von innen Herons die Situation von Grund auf umgestalten wollen. Und es tft wiederum außerordentlich bezeichnend, daß bet einstige Sozialist Mussolini, heute Führer des Faszismus, ber um» strittene Herrscher, ja Dittotor von Rom und Jtatkn ist. dem sich ber italienisch: König unb dem sich ber größere Teil der Parteien ohne weiteres fügen uni» unter­werfen.

Welche- die Ziele des FafziSnms sind, ergibt sich mtt all« nur wLujcheuSwerict' Deutlichkett cuS feiatie Kr»,