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Amtliches VerNndigungsblatt des Kreises Marbmg.

Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen

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Marburg

Mf 995 elementarer 6teigniiie kein Er!«?. - Verlag oon Dr. L.Hitzeroth. - Druck der yil, UM untv^Buchdruckerei oon2ob. Aug. koch. Markt 21 LS. - ^eraiprecher aa, W«

l-beckkonto: Nr. 5015 Amt Frankfurt a. Main.

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Paris, 24. Sept. Wie Havas meldet, ist Lord Turzon heut« nach London gereist. Auf dem Bahn­hof erklärte er Journalisten, er hoffe fest, dah dir Note an die Türkei der Beginn einer endgülitgen Lösung der Orientfrage fein werde. Jetzt habe Mustapha Kemal das Wort. Er, Lord Curzon, sei -überzeugt, daß angesichts des Einflusses, den die französische Regierung cmf die Angora-Reglerung

57. Mg.

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Dl«Ob«rh«isiscke Zeiturig' erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 75 Mk. ohne Zusteüungsgebühr. Für ausiallende Nummer« infolge Streiks oder

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Ueber dieErinnerungen Kaiser Wilhelm II." schreibt der Verlag K. F. Kochlcr, Leipzig.

Während die deutsche Buchausgabe derEreignisse und Gestalten" Kaiser Wlhelms in wochenlanger Ar­beit in bisher unerhörter Auflage von mehreren Nota­tionsmaschinen in Leipzig gedruckt wird, überbietet die Presse der gesamten Welt die deutsche Ausgabe noch um viele Million^» Amerika und Eng lend marschie­ren mit etwa zwanzig Zeitungen, die das ganze Buch ab­drucken, an der Spitze, aber auch in Frankreich werden am 24. September mehr als fünf Millionen Leser die Er­innerungen des Ka sers in ihrer Zeitung finden. In allen Weltsprachen ersch.int das Kaiserbuch, sogar in Indien, China und Japan. Die Organisation dieser gleichzeiti­gen Verüfftntlichung in der ganzen Welt ist keine kleine Ausgabe gewesen, da sich der Abdruck über die Zeit vom 24. September bis Ende Oktober erstreckt. Auf diese Weise erlangen die Erinnerungen des Kaisers die größt­mögliche Verbreitung. Die amerikanischen Methoden der

Zeitungsveröffentfichung sind den deutschen Verhältnissen angepaßt worden, indem neben dem vollständigen Ab­druck durch wenige Zeitungen jede Zeitung in die Lage gesetzt ist, mehrere Abschnitte der Erinnerungen ihren Lesern zu unterbrriten. Der Verlag stellt uns in der nächsten Zeit einige besonders interessante Abschnitte zum Abdruck zur Verfügung, z.B. Teile des Bismark-

Emeinsm? Mit der toWetei.

Zusicherung Thraziens mit Adriänopel.

Paris, 23. Sept. (Havas.) Die Orient- konferenz bat ihre Arbeiten beendet. Sie hat die Fassung einer gemeinschaftlichen Note festgesetzt, die sofort an die Türkei abgehen wird, um sie endgültig zur Friedenskonferenz e i n z« l a d e n. Die Einladung an die Türkei erkennt die Ma- ritza.Grenze mit Einschluß Adrianopels an, auhcrdem die türkische Souveränität über die Meerengen unter der Kontrolle ihrer Neu­tralität unter der Bedingung, daß die kemalistischen Armeen die neutrale Zone nicht überschreiten.

Der Text bn Note lautet: Die drei verbündeten Negierungen bitten die Regierung von Aurora, sie geselligst wissen zu lassen, ob sie geneigt wär» unver­züglich einen bevollmächtigten Vertreter zu einer Zu- sammenkunfi zu entsenden, die in Venedig oder anderswo stattfinden würde und zu der mit den Ver­tretern der Türkei gleichzeitig die Bevollmächtigten Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, Japans, Ru­mäniens, Sstdslawiens und Griechenlands eingeladen! werden würden. Die Zusammenkunft würde statt­finden, sobak» die notwendigen Anordnungen durch die interessierten Reaierungen aetroffen sein würden. Die Versammlung hätte das Ziel, über einen endgül­tigen Friedensvertrag zwischen der Türkei. Griechenland und den verbündeten Mächten zu ver­handeln und ihn abzuschließen. Die verbündeten Re­gierungen ergreifen diese Gelegenheit, um zu erklären, daß sie den Wunsch der Türkei, Thrazien bis zur Mariha und Adriänopel wieder zu «< halten, günstig gegen üb-r stehen. Unter der Be­dingung, daß die Negierung von Angora während der Friedensbesprechungen nicht ih»e Armee in die Ge­biete sendet, deren vorläufige Neutralität die ver­bündeten Regierungen profiamiert haben,'werden die drei Regierungen auf der Konferenz gern die Zu­teilung dieser Grenze an die Türkei unterstützen, wobei übrigens vorausgesetzt wird, daß gemeinschaftlich in dem Vertrag Maßnahmen ergriffen werden zur Wah­rung der Interessen der Türkei und ihrer Nachbarn, zur Entmilitarisierung gewisser noch zu be­stimmender Zonen im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens, um eine baldige und regelmäßige Wieder­herstellung der Autorität durchzusetzen und um schließ­lich imter den Auspizien des Völkerbundes in wirk­samer Weise die Freiheit der Dardanellen, des Marmarameeres und des Bosporus sowie den Schutz der Nassen- und religiösen Minderheiten sicherzu- stellen. Die drei Regierungen werden übrigens gern die Zulassung der Türkei zum Völkerbund unterstützen. Sie sind sich darüber eini^ die schor, im März d. I. gegebene Zusicherung zu erneuern, daß di- verbündeten. Truppen aus Konstantinopel zurückgezogen werden, sobald der Friedensvertrag in Kraft tritt. Die drei Negierungen werden ihren Einftuß ausipevden, um vor der Eröffnung der Frirdenskonfrömz den Rückzug der griechischen Streitkräfte auf eine Linie durchzusetzen, die durch die verbündeten Generale im Einverständnis mit den griechischen und den tür­kischen Militärbehörden festgesetzt werden wird. Dafür wird bL Regierung von Angora sich verpflichten, weder vor noch während der Friedenskonferenz Truppen in die Zonen zu senven, die vorläufig für neutral er­klärt worden sind, und weder die Dardanellen noch das Marmarameer zu überschreiten. Um die Linie, von der oben die Rede ish zu bestimmen, könnte sofort eine Zusammenkunft zwischen Mustafa Kemal und den ver­bündeten Generalen in Nudania oder Jsmid statt- sinden. Tie verbündeten Regierungen haben die lleber- zcugung, daß ihr Appell gehört werden wird und daß sie mit der Türkei wie mit ihren Verbündeten an der Wiederherstellung eine? Friedens werden Zu­sammenarbeiten können, nach dem sich die ganze zi- vilifierre Menschheit sehnt.

Den weitaus größten Raum in dem Kapitel Bis­marck nimmt die Erörterung der russischen Frage ein. Gute Beziehungen zu Rußland sei ja das Leitmotiv der Politik Wilhelm!, und Bismarck gewesen. Daß dies durch den Berliner Kongreß und den Frieden von San- Stefano durchkreuzt wocken sei, sei ein Fehler gewesen. Nun habe sich der Ruf nach Rache für Sedan mit dem nach Rache für Stefano vereinigt. Diese Konstellation habe ihn (den Kaiser) zu den vielen Zufammenlünften mit Alexander IIL und Nikolaus II. getrieben. Im Jahre 1890 habe er bei den Manövcrn in Narva Alexander III. den Abgang Bismarcks genau schildern müssen, worauf ihm dieser sagte, er verstehe ihn vollkommen. Trotz seiner Größe sei Bismarck doch nur sein Beamter gewesen, der entlassen tourbt als er sich weigerte. Er habe Bis­marck nie ein Wort geglaubt, weil er genau wußte, daß Bismarck ihn immer ansttbrte. Für die Beziehungen zwischen ibm und Kaiser Wilhelm würde der Sturz Bis­marcks nur heilsam sein, denn zu ihmhal»e er Ver­trauen". Der Kaiser ist objektiv genug, die Genugtuung, die die Ausschaltung eines so überragenden Staatsmannes bei dem Zaren Hervorrufen muft- m>f in Rechnung zu stellen. Auch betont er, daß Bismarcks Staatskunst e« fertig gebracht habe, trotz des Berliner Kongresses ernste Reibungen mll Rußland zu vermeiden.

Von der Krankheit seines V-ters erzählt der Kaller, ^ de'-lsch" Aerzte, die von Sir Makenzie, dem englischen Arzte Kaiser Friedrichs IIL, als Experten zugezogen waren, ihn über den wahren Zustand informierten. Bon den englischen Aerzten wurde er tote ein Gefangener bewacht. Seine Briese an ihn wurden zum Teil unter­schlagen und aus dem Ueberwachungskreis sogar eine Ver- leumdunaskampagne gegen ihn in Szene gesetzt.

D-r Kaiser erinnert daran, daß er seinem Vater mit der Vorführung der 2. Gardedivfiion die letzte Freude be­reitet habe. Er berichtet dann von stinem ersten Konsisit. mit der Königin von England. Bismarck batte ibn gebeten, als erste voll tisch- Tat ein? Reise nach Peters­burg zu unternehmen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu verbessern. Die Durchfüh­rung dieses Projektes stieß aber auf eine Schwierigkeit. Die Köwgin tio*! England, Viktoria, richtete an den ältesten ihrer Enk l einen Brief, in b'tn sie sagte, baß sie die Reis? nach Petersburg nicht billigen könne. Zu­nächst solle einmal das Traueriahr vorübergehen und dann solle der erste Besuch Wilhelms iBr felbst gelten, weil sie seine Großmutter und weil England das Vaterland seiner Mutter sei. Als Kaiser Wilhelm diesen Bries Bismarck zeigte, geriet di-ser in großen Zorn und sprach von dem geschwätzigen D'e>nr:ben Eng­land?, da? endlich an.fhören mässe. Ka str Wilhelm fchri t einen Bries und legte die Pflicht eines Deutschen Kaisers klar dar, der ohne Zögern die Ausgab? erfüllen müsse, die sein sterbender Großvater ihm hinterlassen habe. Dennoch erklärte er Viktoria, daß ihr seine ganze Liebe gehöre, und daß er ihr stets dankbar sein werde und allen Rat von ihr annebmen wolle, da sitz dank ihrer langen Negierung über reiche Erfahrungen verfüge. Was jedoch die deut­schen Angelegenheiten anbelange, so müsse er die Frei­heit seiner Entscheidungen aufrecht erhalten. Die Reise nach Rußland sei eine politische Angelegenheit, denn sein Großvater habe befohlen, die freundschaftlichen Beziehungen zu d'm rassischen Herrscherhaus zu gestalten, und dieser Befehl müsse durchqefiihrt werden. Bismarck billigte diesen Brief, und nach einiger Zeit kam die Antwort Viktorias. Diese gäbe ihrem Enkel rech! und billigte die Reis", nach Petersburg, wob« sie die Hoffnung ausivrach, Wilhelm nach seiner Rückkehr aus Rußland bei sich zu sehen. Von diesem Augenblick an waren die Beziehungen zu Viktoria die besten; denn sie behandelte Wilhelm nicht nur als ihren Enkel, sondern auch als Kaiser.

Kaiser Wilhelm spricht dann von seinem Schwage-, dem König Konstantin von Griechenland. Nach seiner Rückkehr von Stambul im Jahre 1889 erstattete er Bismarck über seine Eindrücke in Griechenland Be­richt, desgleichen über seine Eindrücke in Stambul. Bis­marck sprach bei dieser Gelegenheit sehr verächtlich von der Türkei. Bismarck erklärte immer wieder, nut die Aufrechterhaltung der guten Beziehungen zu Rußland sei die Hauptsache, die ihn auf seinem Posten halte. Bei dieser Gelegenheit machte er auch die erste Anspielung auf den Rückversicherungsvertrag mit Ruß­land; denn bis dahin hatten weder Bismarck noch oa? Auswärtige Amt von diesem Vertrag irgend etwas berichtet.

Wilhelm II. spricht dann über die deutschen politi­schen Parteien und behauptet, daß er in keiner Welle gegenüber irgendeiner Partei, mit Ausnahme der Ultra« frzialisten, feindlich gesinnt gewesen sei.

habe, Kemal die Vorschläge amrehmen werde. Auf die Frage, ob über die Teilnahme Ruhlands an de« Friedensverhandlungen etwas befchlosien worden sei, erklärte Curzon, daß von Rußland gar nicht Qtr sprochen worden sei.

Rhodos als Konferenzort? -

Paris, 24. Sept. WiePetit Journal" mel­det, wurde bei den gestrigen Besprechungen die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß man, falls es Mustafa Kemal unmöglich sein würde, zur Friedens« kcnferenz nach einer europäischen Stadt zu kommen, Rhodos als Konferenzort Vorschlägen würde.

Angora wartet das Pariser Ergebnis ab.

Paris, 23. Sept. Das Orientalische Infor­mationsbüro veröffentlicht ein Telegramm, in dem es heißt:Die Regierung von Angora wird jede Gewaltmaßnahme vermeiden, bevor sie das Er­gebnis der Pariser Konferenz erfahren hat. Sollten indessen die Verbündeten den Türken nicht die Zugeständniffe machen, die in dem Patt der natio­nalistischen Regierung niedergelegt sind, dann wär« natürlich ein energisches Eingreifen der türkischen Armee zur Befreiung Konstanti­nopels und Thraziens unvermeidlich."

Sperrung des Bosporus.

London, 23. Sept. Rach einer Meldung des New Pork Herold" aus Konstantinopel ist jeder Verkehr zwischen Konstantinopel und dem Schwar­zen Meere sowie zwischen den Marmara- und Vos- porushüfen eingestellt. Sogar die Fähren zwischen den beiden Stadtteilen von Konstantinopel dürfen nach 4% Uhr nachmittags keine Fahrgäste mehr aufnehmen. Die Behörden erklärten, daß die bri­tischen Kriegsschiffe auf jedes Fahrzeug feuerns werden, das sich diesen Anordnungen nicht fügt.

Der französische Befehlshaber in Konstantinopel teilte dem britischen mit, er werde für die Aufrecht, erhaltung der Ordnung in Stambul sorgen, falls es in Konstantinopel zu Unruhen kommen sollte. Die französische Garnison in Stambul wurde durch ei» Bataillon von der Tchataldchalinie verstärtt.

Mische KMllerie in der neutralen Zone.

Konstantinopel, 24. Sept. (Reuter.) Äe* malistische Kavallerie ist gestern in der Nahe von Tschanak in die neutrale Zone eingedrungen. Das Eindringen der Kemalisten in die neutrale Zone er­folgte bei dem Dorfe Erenkeny in Kanonenschuß- weite von den britischen Linken. Der Mutesiarif von Tschanak forderte die Kemalisten auf, sich zu- rückzuziehen. General Harrington ließ den Ver­treter von Angora zu sich bitten, dem er nahelegte, daß es ratsam sei, die kemalistischen Truppen zum Rückzug zu veranlassen.

Ferner wird gemeldet, daß die Kemalisten die Stadt Ezine am Südrande der Dardanellenzone nah« der Küste des Aegäischen Meeres besetzt haben und dar strategisch wichtige Kum-Kal« an der Einfahtt in die Dardanellen bedrohen. Auch wird berichtet, daß die Kemalisten Batterien schwerer Artillerie heran fahren und daß britische Flugzeuge über de» Linien der Kemalisten manövrieren.

Reuter meldet aus Konstantinopel, daß kernalistische Stteitttäfte bei Jsmid (nahe der neutralen Zone am Bosporus) zusammengezogen werden, wohin sich Mustafa Kemal Pascha begab. Es scheine, daß die Kemalisten eher gegen Konstanttnopel vorrücken werden als gegen Tschau ah da größere Vorräte in der Ge­gend von Jsmid vorhanden seien und gleichzeitig die feindselig gesinnte Bevölkerung KonstanttnopeS Schwierigkeiten im Rücken der Engländer verursachen könnte.

Paris, 24. Sept. Nach einer Meldung des Newyork Herald" aus Konstantinopel sollen die kema­listischen Flugzeuge die Inseln Mhtilene und Chios bombardieren. Wie das gleiche Blatt meldeh ziehen die En^änder ihre Truppen aus Konstantinopel zurück, um mit ihnen ihre Stellungen bei Tscha- tut zu verstärken.

Ein englischer Zerstörer gesunke«.

Konstantinopel, 24. Sept. (Reuter.) D« britiscye Zerstörer .Speedy" ist toi Marmarameer «- folge Zusammenstoßes mit einem holländischen Schlep­per gesunken. 10 Manu der Besatzung stad «p ixru&ft. 82 tvMdi» __

KapitelsDie Erwerbung von Tsingtau" auS dem KapitelHohenlohe", die deutsch-englischen Verhandlun­gen 1912 über die Beschränkung der Rüstung zur See und einen Ausschnitt aus dem KapitelDer Kriegsaus­bruch". _ Wtt werden neben den jetreligen eingehenden Inhaltsangaben diese Abschnitte im Wortlaut veröffent­lichen.

Sie Erinnerungen de; Wer;. .

Pariser, Londoner und einige deutsche Blätter bcgan- Ifcn am Samstag mit dem wöttlichen Abdruck der ange- lünbigten Erinnerungen. Der Kaiser setzt sich danach peerst mit Bismarck auseinander und erfiSrt, daß er Jet5 ein ausgezeichneter Verehrer ja Anbeter des Fürsten geroefen fet, des größten Staatsmannes seiner Zeit, der die Einigung des Reiches herbeigefübtt habe.

Er habe gehofft, mit ihm lange zusammenarbeiten M können. DaS hab: ihn aber nicht verpflichtet, als Kaiser alles zu billigen, was an Bismarcks Werk nach seiner Meinung falsch war, wozu brr Kaiser vor allem den Berliner Kongreß, den Kulturkampf und die Stellung zur Arbeiterfrage rechnet. Btt dieser sei eS seine Ausgabe gewesen zu vermitteln, während Bismarck Kampf wollte. Um Berliner Kongreß verurteilt er, daß Bismarck sich den russischen Wünschen entgegenstellte und dadurch ein? deutschfeindliche Stimmung in Rußland schuf, von der der Kaiser einige Proben gibt aus einer Zeit, wo er als Prinz Wilhelm der diplomatischen Mission nack> Rußland reiste, den Russen den Besitz von Konstanttnopel sozusagen von Bismarcks Seite her freisu geben. Ein eiter General, der noch auS der früheren Zeit her deutsch­freundlich gesimtt war, während die jüngeren Offiziere schon nach Frankreich neigten, sagte ibm, daß seit dem Berliner Kongreß man mit den Franzosen zusammen- e-hrn müsse, und fügte, wie der Kaiser meint, pro­phetisch hinzu, im Falle eines Krieges mit Deutschland werde diese Allianz der russischen Dtznaflie da? Leben kosten. Bismarck fühlte sich gleich nach dem Berliner Kongreß auf der Höhe seiner Kraft und äußerte, nun fahre er Europa zu Vieren". Der Kaffer, der mit dieser Politik nicht einverstanden war, meint allerdings, biet» Seirfjt habe Bismarck, wie er ja selbst sagte, einen Welt- ivnflikt durch den Kongreß im Keime erstickt, und sick >ie Kräst $ugetraut, die voranszufihende Störung bee rutsch-russischen Verhältnisses später wieder ins Gleich- ewicht bringen zu können. Er habe Bismarck, dessen Siel es war, England und Rußland nicht zusammen kommen in lassen, damals gesagt, baß man sie nur in der Meerengenfrage aufeinanderprallen zu lassen brauche. «lS er daun das Angebot von Stambul nach Rußland ge­bracht habe, sei es schon zu spät gewesen. Kaiser Alexander äußerte, wenn er Stambul haben wolle, nehme er es selbst und brauche Bismarcks Zustimmung nickt. Aus seiner Jnstruktton zu dieser Reise erwähnt er die Bemerkung Bismarcks:Im Orient sei jeder, der das Hemd über der Hose trage, ehrenhaft, sobald sich das Hemd in die Hose begebe und habe der Mann noch einen Halsorden, so sei es gewiß ein infamer Spitzbube."

Der Kaiser schildert dann seine informatorische Tätig- fit im Auswärtigen Amt. Bismarck habe ihn, als er dort etwas heimisch geworden war, vor dem bekannten Herrn v. Hollstein, denMann mit den Hhänenangen", direkt gewarnt. Bismarck erledigte alles selbst. Sein Sohn Gras Herbert, der allein mit ihm Rücksprache nahm, gab seine Instruktionen weiter und jener war, wie der Kaiser berichtet, sehr grob. Hervorragende Männer mit selbständigem Urteil wurden, wie z. B. im großen Veneralstab unter Moltke, hier nicht herangebildet. Der Fürst habe mit ihm sehr oft ausführlich z. B. über Kolonialfragen gesprochen. Der Hinweis des Kaisers darauf, daß zum Schutze der Kolonien eine Flotte nötig sfi, fand bei dem Fürsten aber taube Ohren. Tck Kolo­nien würden zu Hause verteidigt und landende Engländer würde er verhaften lassen, meinte Bismarck.

Fürst Bismarck habe bei Besichtigung des Hamburger Hasens mit Baltin seiner Zeit selbst empfunden, daß fine neue Zeit hereingebrochen sei, die er nicht mehr völlig verstand. Des Kaisers Unglück fei es gewesen, daß er fast direkt auf seinen Großvater gefolgt sei. Die alten verdienten Männer lebten zu sehr in der Vergangenheit, hatten für die Aufgaben der Zukunft zu wenig Ver­ständnis.

Der Kaiser würde es aufrichtig bedauern, wenn br Herausgabe des 3. Bandes der Erinnerungen dem An­denken des Fürsten geschadet haben sollte. Nachdem durch Indiskretionen ein Teil bekannt gewesen sei, habe bat Zurückhalttn feinen weiteren Zweck gehabt. Bismarck $5tte den Zeitpunkt der Veröfsenttichung gewiß nicht gebilligt. Von ihm selbst habe lex Fürst wohl etwas tzehalten, bei der russischen Landung, die bereits ober erwähnt, habe er einmal geäußert:Der wird einmal fein eigener Kanzler fein."

Bismarck sei durchaus auf Kontinentalpolittk einge- sckworen gewesen. Hier habe er so geschickt operiert, bau er wie Wilhelm I. einmal seinem Kabinettschef ». Albelu'. gesagt habe, stets mit fünf Kugeln jongliert, von denen immer zwei in der Luft waren. Er und das klaierland brauchte» ihn deshalb zu nötig, wenn der alte Kaiser sich auch oft über das selbstbewußte Wiesen des Kanzlers.geärgert habe. Den Blick über Europa hinaus luricbten, habe Bismarck nicht verstanden,, obwohl ihn bie Kolomalpolittk dazu gezwungen hätte. Die -Pläne der restlosen Weltbeherrschung durch England waren em Auswärtigen Amtein Buch mit sieben Siegeln". Eno land sei nur eine der fünf Kugeln gewesen.

Der Kaiser berichtet, daß seine guten Beziehungen zu Bkmardt, Vater und Sohn, ihm große llnannehmlich witen gezeigt hätten, denn seine Eltern seien diesen gegen feer wenig freundlich gesinnt gewesen. Man habe es Hm verdacht, in Bismarcks Kreise ringetreten zu sein, mau hechtete Beeinflusiung gegen den Liberalismus und England, die beide in Kaiser Friedrich ihren Hort sahen, »rar Herbett habe ihm seine Freundschaft schlecht v-r- telicn. Als der Fürst ging, habe er gesagt, man könne nmöglidj von ihm verlangen, daß er der Mappe taiv.r- Arm bei jemand anders antrete als bei seinem

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