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Zweites Blatt

OherhcM Jeitung "

nabend, 2. September

Scheidrng

1922

WMn-MM.

Dtc Pariser Entscheidung. Amerikas Haltung. vrsterreich. Die neuen Kämpfe in Kleinasien.

Die Lüge von der deutsche« Schuld am Krieg?.

I.

Die Entscheidung des Entschädigungsausschusses wer das deutsche Stundungsgefuch ist so ausgesallen, Vie nton cs wohl unschwer erwarten konnte. Auf eine bedingungslose Genehmigung war nicht zu rechnen. Latz die endgültige Entscheidung wiederum ver­schoben worden ist, »bis der Plan einer radikalen Reform der öffentlichen Finanzen Deutschland fertig­et stellt ist", kann im Hinblick auf die bisher geübte Taktik der allmählichen Abwürgung Deutschlands nicht wunder nehmen. Einstweilen braucht Deutschland keine Barzahlungen zu leisten, sondern soll dafür Bel­gien, dem die Barzahlungen Zufällen, Sechsmonats- Schatzwechsrl geben unter Garantien, über die es sich mit Belgien einigen mutz. Aus diese Garantien wird es ankommcn. Mag sein, datz man vor allem von der Reichsbank Gold haben will, was auf jeden Fall her- gegeben werden soll, wenn eine Einigung mit Belgien nicht zustande kommt. Statt Devisen Gold! Wahr­scheinlich sieht die .Deutsche Tageszeitung" nicht zu schwarz, die das als Kernpunkt betrachtet. Unzweifel­haft gibt es Luft aus 2 bis 4 Monate zum Fori- wursteln. Was aber dann? Dann will Belgien die gestundeten Zahlungen haben und Frankreich erst recht. Es geht um Amt und Leben der französischen Politiker, die dem Volke versprochen haben, datz der ^Zoche" alles bezahlen werde und die das Geld mit vollen Händen für Rüstungen, Kricgöverluste und was alles als solche ging, ansgegeben haben. Der .Boche" wird das aber niemals zahlen können, und wenn man ganz Deutschland besetzte.

II.

Leider kommt abermals eine Stimme aus Wa­shington des Inhalts, datz Präsident H a r d i n g noch immer nicht den Zeitpunkt für ein Eingreifen Amerikas für gekonunen erachtet. Es kann gar nicht oft genug wiederholt und betont werden, datz Amerika allein die wirkliche Macht in Hände» hat, aus Frankreich einen solchen Druck auszuübcn, datz cs nachgebcn mutz. In Amerika verbreitet sich zwar im­mer mehr die Erkenntnis der wirklichen Sachlage und der Tatsache, datz die Genesung der Weit an franzö­sischer Herrschsucht zu zerschellen droht, aber man ichcut vor einem aktiven Eingreifen zurück, weil man von dem letzten Abenteuer der Beteiligung am Welt­krieg noch genug bat, ferner aber auch, weil innere Schwierigkeiten hindernd tut .Wege stehen. Hierhin zehört in erster Linie der noch immer tobende Lobn- 'ampf der Eisenbahner und Bergarbeiter gegen die sincernehmer, der das ganze wirtschaftliche Leben Amerikas aufs schwerste erschüttert. Autzerdem hat »er Kongretz alle Hände voll zu tun mit der endgül­tigen Erledigung eines neuen Zolltarifs. Wie stets in solchen Fällen haben Repräsentantenhaus und Scnat gesonderte Gesetzentwürfe ausgestellt und ange­nommen, über die nun in einem gemeinsamen Aus- chutz beider Häuser endgültig bestimmt wird. Das Ergebnis ist selbstverständlich ein Kompromitz, in die­sem Fall aber ein Kompromitz zwischen gcmätzigten and radikalen Hochschntzzöllnern. Man dars anneh- mtn, datz schltetzlich ein Tarif zustande kommen wird, »er den kühnsten Wünschen der Hochschutzzöllncr ent« spricht, da sich ihren Präsident Hardtng und die heute leitenden Geister der republikanischen Partei mit Haut und Haaren verschrieben haben. Man darf damit reclmen, datz die Partei b?i den Kongretzwablen An- kdng November schwere Einbntzen zu verzeichnen ha- )en wird. Daraus erklärt sich die Zurückhaltung, die Präsident Hardir.g zurzeit in der auswärtigen Politik übt, und cs tritt erschwerend der Umstand hinzu, datz ein starker Rückgang der rcpubtikanischen Stimmen bei der Wahl auch lähmend auf die auswärtige Politik einiöirten mutz. Ausschlaggebend ist hierfür immer »och die amerikanische Auffassung, datz sich die Bcr. Staaten crst dann helfend und fördernd durch Strei­chung von Kriegsschulden und Bewilligung einer gro­ßen Anleihe um den Wiederaufbau Europas kümmern önncn, wenn die Vorbedingungen dafür durch ein Einlenkcn Frankreichs geschaffen sind. Man glaubt w Washington noch immer, datz man Europa und die Fruanzoken soznkagen im eigenen Fett schmoren lassen olle, bis sie durch die eigene Not zur Vernunft ge­bracht worden sind. Datz das gerade in Bezug aus Frankreich eine völlig falsche psychotogische Einstellung ift. ändert nichts daran, datz wir usts damit absinden nLffcn. Vielleicht werden auch die Amerikaner einmal cinschen, datz sic sich verrechnet haben, wenn sie Franzosen sozusagen im eigenen Fett schmoren lassen

»*»»»'".WMF

Sm Schatten.

Original-Roman von Erich Eben stein.

(Nachdruck verboten.)

Urheberrecht 1921 durch Greiner & @o Berlin W. 30

39. Fortsetzung.

Brigitte sah ganz hilflos vor sich hin, während sich ihre Finger krampfhaft ineinander flochten. 'Di­volle Tragweite des eben Gehörten kam^ihr offenbar erst allmählich zum Bewußtsein.

Wie konnte sie nur?" kam es stammelnd über ihre Lippen.Und er . . .! Oh, der Arme! Ter Arme' Nie wird er es verwinden!"

-Ich glaube nicht, daß Elert von Degen so töricht kft, einem Mädchen lange uachzutrauern, das ihn treulos verließ!" sagte der Graf trocken.

Er liebt« sie so sehr! . . . Und er ist so edel, so tief angelegt! ... Sie kennen ihn nicht . . . seine gütige, große Seele, di« Verrat nicht fassen kann, weil sie selber unfähig dazu wäre."

Sie brach verwirrt ab unter dem seltsam for­schenden Blick deS Grafen, der sie plötzlich traf. Mit zitternder Hand griff sie nach der Zeitung.

Verzeihen Sie, Herr Gras ... es kam so un- erwartet ... ich will nun . . . weiter lesen . . ."

Lassen Sie ei nur sein für heuten" unterbrach et ste rasch,Sie sehen blaß aus. Gehen Sie ein wenig im Park spazieren und lasten Sie sich vom Gärtner einen hübschen Blumenstrauß binde» für Jen Besuch auf Ottental. Genesende haben immer Zreude an so kleinen Aufmerksamkeiten."

19. Kapitel.

Brigittes Herz bangte unter taufend Befürch. ümgen, als sie am Nachmittag Otterrtaler Grund ~

sicht zuschreiben, wie sie kelbst besitzen. Dann aber dürfte es zu spät fein, und die Amerikaner werden einsehen, datz sie einen zweiten Rechenfehler gemacht haben, wenn sie glauben, das sie von den europäischen Wirren und einem völligen Zusammenbruch Europas nicht allzusehr betroffen Werben. Die lebhafte Tätig­keit demokratischer Poltttker wie Cox, Brvan und House in .Europa mutz man gleichfalls im Licht der bevorstehenden Wahlen betrachten und darf sie in ihrer politischen Wirkung nicht überschätzen.

III.

Während in Parts über das Schicksal Deutschlands gewürfelt wird, soll in den nächsten Tagen beim Zu­sammentritt des Völkerbundrates in Genf über Oesterreich verfügt werden. Die Kleine Entente, die durch ein soeben abgeschlosienes festes Bündnis mit militärischem Hintergrund zwischen Tschechoslo­wakei und Südslawten ihren äutzerltchcn Ausdruck, ge­sunden hat, rüstet sich, Oesterreich unter sich aufzu­teilen, was Italien in feinen Mittelureerinieressen aus das schwerste bedrohen würde. Tie viel besprochene Zoll- und Münzunton zwischen Italien und Oester­reich, durch die Oesterreich wirtschaftliche Anlehnung an Italien gewährt würde, stötzt auf den stärksten Wi- d-rsprnch der beiden slawischen Nachbarreiche, die Frankreichs Politik betreiben. .In dieser Hinsicht sind die Dinge schon so wett gediehen, datz man bereits un« verhüllt von der Möglichkett eines Krieges zwi­schen Italien auf der einen, Sttdslawien und Tschecho­slowakei auf der anderen Scitc spricht, und das in dem Augenblick, da der zur Sicherung der sogenann­ten Friedensverträge geschaffene Völkerbund zur Tagung in Genf zusammentrittl Ueber unsere eigenen Sorgen dürfen wir die unseres LZrudervolkes an der Donau nicht vergessen, und wir müssen stets der Tat­sache eingedenk sein, datz die österreichische Frage in allererster Linie eine deutsche Frage ist.

IV.

Es ist sicher kein Zttfall, datz in demselben Augen­blick, da in der Entschädigungssrage der Gegensatz zivischen England uno Frankreich schroff hervortritt, sich auch die Lage im naben Orient wieder zuspitzt. Die beteiligten Mächte sollten zu einer Konferenz tu Venedig zusammentreten, und da fährt wie ein Blitz aus besternt Himmel das Wiederauslammen des Krie­ges zwischen Griechenland und Türket hin­ein, der letzten Endes gleichfalls nur ein Kampf zwi­schen England und Frankreich ist. Die Welt und vor allen Dingen da? alte Ettrova ist mehr denn je gc- rchwängcrt mit Krieg und Kriegsgefahr, und die Zer­fleischung der Völker nimmt chren Fortgang, während von friedlicher Arbeit und Völkerversöhnung trotz Völkerbund und einer Unzabl von Konferenzen weni­ger denn ic die Rede fein kann.

V.

Vielleicht um den Bemühungen zur Erzielung einer Wenn auch nur vorübergehenden Einmütigkeit in der Entschädigungsfrage einige Förderung angcdeiheu zu lassen, hat sich der Feindbund zu einem einstimmigen Vergeben gegen Deutschland in der Verfolgung der sogenannten Kriegsverbrecher anfgeschsvungen. Datz Englmtd der itttglanblichen Note der Votschaster- kcnferen; in Paris zugestimntt hat, ist nur so zu er­klären, datz Llohd George das als eine Art von Be- ruhigungSpulver für Frankreich betrachtet. Sonst Ware es völlig unverständlich, datz die englische Re­gierung einer solchen Verurtcilnng der Prozetzführnng in Leipzig zuslimmt, nachdem ihre eigenen juristtschcn Vertreter aus eigener Anschauung das gerade Ge­genteil berichtet haben. Welche Wellen die Em­pörung im deutschen Volke über diese neue schmach­volle Demütigung schlägt, lätzt sich daraus ersehen, datz die deutsck-en Bischöfe in Fulda gegen die Lüge von der deutschest Schuld am Kriege und von deut­schen Grausamkeiten ebenso Wie gegen die schwarze Schntach am Rhein Stellung genommen haben uHd das; der deutsche Katholikentag in München sich dem Tn einer entsprechenden Entschließung angeschlossen hat. Dieser wärmstens zu begrützende Schritt wird bei uns und in der ganzen zivilisierten Welt starken Widerhall ftnben. Er sollte abermals und zum soundsovielten Male der Retchsregierung den Entsckstntz nabelegen, nun endlich mit der bisherigen Gepflogenheit des Stillschweigens zu brechen und ihr Material durch Vcröffenttichung unserer Gegenliste bekanntzu­geben. Gerade letzt, in diesem entücheidenden Augen­blick, würde die Reichsregierung bei einer solchen Tat das ganze deutsche Volk geschlosien hinter sich haben und in der ganzen Welt, vor allen Dingen in Amerika, gewaltigen Eindruck erzielen. Soll auch hier wieder gewartet werden, bis es zu spät ift?

Mr würde sie Elert finden? Dock wahrschein­lich als völlig gebrochenen Mann. War es nicht schon hart genug, daß der Krieg ihn dauernd zum Krüppel gemacht hatte? Dazu nun noch Isoldes Treulosigkeit. Und würde ihr Anblick ihm nicht furchtbar peinlich sein? Sie war doch Isoldes Kusinc und als sie einander das letzte Mal gesehen, strahlte noch ungetrübt seliges Bräutigamsglück aus seinen Augen.

Aber es half nichts, wenn sie auch Ausreden er­sonnen und die Beregnung hätte binausschieben wollen. Dauernd vermeiden ließ sie sich keinesfalls bei dem regen natürlichen Verkehr zwischen Oitenial und Osterloh. Also hieß es tapfer sein.

Brigitte hatte den Gärtner nicht bemüht wegen eines Blumenstraußes. Der hätte ja doch nur Rosen gewählt und die traten Isoldes Lieblinsblumen. Nein, sie wußte etwas viel schöneres. Sie lief tief hinein in den Buchenwald am Ende des Parkes und sammelte dort was der Frühling so herrlich und verschwenderisch bot: Maiglöckchen, wilde, süß duftende Orchideen, Waldglockenblumen und gelbe Tollblumen. Das gab einen wunderbaren Strauß voll Dust und Farben- leuchten.

Fast zärtlich hielt sie ihn an ihr bang klopfendes Herz gedrückt, während sie Mamsell Schwalle, di­gerade durch die Halle ging, nach Frau von Degen fragte.

Die Herrschaften sind im Park rückwärts unter den Kastanien. Mr haben den jungen Herrn heute zum ersten Mal hinabgeschafft. Er hatte solche Sehn­sucht danach! Gehen Sie nur hin, Fräulein, die Herrschaften werden sich alle freuen. Die gnädige Frau wollte schon nach Ihnen schicken!"

Nach mir?"

Ja. Der gnädige Herr meinte, Sie wären jetzt gertche. Was wir hier brauchten auf Ottental, näm-

»WstUA

Von unferm volkswirtschaftlichen Mitarbeiter.

Sv wenig, wie sich ein Mensch an seinem eigenen Zopf ans dem Sumpfe ziehen kann, 1» wenig kann das das Rutsche Volk, wenn die andeern Völker, Wenn ins- besondere die an der Erhaltung der deutschen Zahlungs- iübigkeit interessierten Siegerstaaten ihm nicht dir rettende Hand reichen. Auch diesmal wieder scheinen die deutscher Anstrengungen, die Sieferungett durch Garantien der Industrie unter Mitwirkung ocr Glverkschaften zu sichern, auf kein Verständnis und kein Entgegenkommen, b'i >en Verbündeten oder wenigstens bei der französischen Regierung gestoßen zu fein. Trotzdem wird das deutsch- Volk sich nicht entmutigen lassen und den Glauben an sich selbst nicht verlieren, wenn auch die Zurück­weisung seiner ehrlichen Verstänbigungsbcmühungen neue schwere Prüfungen bringen und die Grundlagen seiner wirtschaftlichen Existenz auf da- schwerste erschüttern muß.

Eine Folg« der gewaltigen Lohnerhöhungen, He den Bergarbeitern teils wegen der maßlosen Teuerung aller Lebersbedürfnisse, teils als Anreiz für die Lcistuu- teer Uebcrschichten bewilligt werden muhten, ist < Lv Preiserhöhung der Kohle, wie sie wohl in diesem AaS- maß noch nicht dagewesen ist. Die Kohlen müssen . ufZ o-eue um 150o/o verteuert werden. Die Folgen für die Gestaltung aller Warenpreise sind nicht leicht zu über­schätzen. Trotz dieser Preissteigerung und der aus den N-bersckicktenabkommen zu erhoffeudeu Produktions- steigerung glaubt die deutsche Eisenindustrie auch in Zukunft ohne die Einfuhr englischer Ko,hle nicht auskommen zu können, weil die französischen Ansprüche auf deutsche Kohlenlleferungen so hoch sind, daß sie auch die höchste Mehrproduktion aufzehren. Die deutsche Roheisenerzeugung leidet aber vielfach schwer unter Kohlenmangel. Freilich werden die deutschen Eisen­preise bann dauernd und vollkommen von der Valuta- 'Ntwicklung abhängig werden, sie werden den Welt­marktpreisen sich anpassen. Die Frage ist nur, wie lange Deutschland bei dem dauernden Sinken der Mark Rohstoffe. Kohle und Nahrungsmittel aus dem AuS- lande wird beziehen können. Die Julistatistik des deutschen Außenhandels weist ein Ueberwiegen der Ein- >hr über tie Ausfuhr um 10 Milliarden Mark in einem sinzigen Monat auf. Es ist nicht abzuschcn, woher das deutsche Volk, von allen Entschädigungszahlungen ab­gesehen, diesen Fchlletrag bei der Handelsbilanz decken 'dl. Dabei brauchen wir angesichts der ungünstigen Aus­sichten der deutschen Getreideernte steigende Mengen ausländischen Einfuhrgetrcides, um unsere Volksernäh- ritnn notdürftig aufrecht zu erhalten.

Starker noch als Kohlen-, Valuta- und Ernährungs- ncte ist in der letzten Woche die Kapitalknapp­heit in den Vordergrund der wirtschaftspolitischen Enb- wicklung getreten. D'e Reichsbank hat ihren Diskont abermals erhöhen müssen, ohne daß von dieser Maß- ahrne eine wesentliche Erleichterung der Geld- und streditlage zu erwarten ist. Als ein Heilmittel kann es auch nicht angesehen werden. Wenn heute schon im Marenhandel vielfach Zahlung in Auslandswährung »der in Goldmark verlangt wird. Das ist berechtigt, wenn 's sich um ausländische Einkäufe handelt, aber wenn diese Forderung, wie es auf der Leipziger Herbstmesse geschieht, auch im Jnlanbsvcrkchr erhoben wirb, so haben die deutschen Einkäufer hiergegen mit Recht 'rotestiert. Denn bas würbe letzten Endes zur völligen Abschaffung der Markwährung führen und müßte die Aark ganz und gar auf den Hund bringen. Das Schicksal der Mark, das mit dem Geschick des deutschen Balkes nun einmal untrennbar verbunden ist, hängt von dem Grade des Vertrauens ab, das das deutsche Volk zu 'ich selbst bewahrt. Wie soll das Ausland unserem Geld nur den allergeringsten Wert beimefsen, wenn wir selbst uns von ihm losfagen? Verl-ert aber die deutsche Mark den letzten Rest ihrer Kaufkraft, dann muß der Zu­sammenbruch unserer Wirtschaft ihr nachfolgen. Denn welchen Wert hat unsere Industrie, samt den in ihr investierten Milliardensachwerten, wenn sie keine Roh 'wffe mehr kaufen kann. Was uns bei einer solchen Katastrophe an Sachwerten noch verbleibt, das reicht nicht einmal aus, um uns noch ein B'tilervolk nennen zu können. Hungersnot und Auswanderung müßten das Ende des deutschen Volkes sein, wenn es den Glauben an sich selbst verlöre.

der junge Herr ist, dem liegt di« Äranfheit noch in allen Gliedern und schwach ist er noch, zum Umblasen. Da drückt's den Eltern das Herz ab, wenn sie ihn so ansehen und das Lachen vergeht ihnen schier. Für Herrn Elert aber, sagt der Arzt, sei Heiterkeit jetzt die notwendigste Medizin."

Die Kastanien standen in voller Blüte und sahen aus wie Weihnachtsbäume. die über und über voll roter und weißer Kerzen waren. Finken zwitscheren und eine Amsel sang süß im Gezweig. Sonst war es still. Brigitte sah den alten Herrn, der stumm an seiner Zigarre sog, und Fra» von Degen, die mit einer Handarbeit beschäftigt war. dabei aber im tret ängstlich nach dem Krankenliegestubl schielte, in dem bleich und mager ihr Sohn lag, bett Blick unverwandt nach dem grünen Blätterbach über sich gerichtet

Ueber Elerts Leib ckag eine Plüschdecke gebreitet, die in der linken Kuiegegend scharf einsank, wahrend die Umrisse des rechten Beines sich deutlich in Dem weichen Stoss abzeichneten. Am Baum ba.'eöen lehnten zwei Krücken.

Brigittes Herz zog sich in jähem Schmer; zu­sammen und Tränen stiegen ihr in die Kehle. Aber sie schluckte sie tapfer hinab und als sie eine Minute später die. Freunde begrüßte, lag ein fröhliches Lächeln auf ihrem süßen Gesichtchen.

Sie schüttelte Elert herzlich die Hand, als hätten sie sich gestern zum letzten Mal gesehen, gab ihm ihre Blumen und gratulierte ihm in ihrem und des Grafen Namen zu seiner Auszeichnung.

Er aber sah sie dankbar an.

Die schönen Bl'.tmen", sagte er mit etwas heiserer Stimme,wissen Sie, gnädiges Fränlein, daß dies die ersten Blumen der Heimat sind, die mich grüßen, obwohl Mama mein Zimmer förmlich in einen Garten verwandelt? Waldblumen! Selbstgepflückte! Ich danke Ihnen! Wer weiß, ob ich noch mal so weit komme, mit selbst zu holen?"

Fingerzeige.

Jeder etwa noch hier und da vorhanden gewesen« Zweifel an der mißlichen Sage der deutschen Pre'"« wirb nun angesichts der vielen Betriebseinstellungen unb Zusammenlegungen von Zeitungen auch dem leb'-n Ungläubigen geschwunden sein. Er muß schwinden. wnn man hört, daß selbst alteingeführte Blätter nre dir .Tägliche Rundschau" zusammcnbrcchen, der der ,/J^g" wlgende Worte widmet:

Wer zweifelt noch? Es geht uns bitter schleckt. Schlimmer noch. Es nähert sich der letzten Grenze. Daß der Verlag derTäglichen Rundschau" feinen Redakteuren und Angestellten kündigen mußte, wird viele Menschen im Rrick erschüttert haben. Wird vielen rir wahres Mene Tekel bedeuten. Bestätigt sich dos, war bisher gemeldet wird, so ist.eines unserer besten Blätter mitten ins Herz getroffen. Eines jener Blätter, die ihr Zelt nahe der Freiheit hatten, wnsendmal näher jedenfalls» als es heute etwa derVorwärts" oder dieRote Fahne" von sich lagen können. Die Zeitung, die beute nur noch ein Schattendasein führen soll, ist durch Jahrzehnte vielen Deutschen gutes Besitztum gewesen. Beste Köpfe. Köpfe wie die eines Adolf Petrenz.! Friedrich Hussong, Adolf Stein, haben dort sich ent«i wickeln können, haben dort herzhaft und wohltätig an den Seelen ihrer Leser g. rüttelt. Unerschütterlich ichie» 'chi-n das Unternehmen. und beute soll das alles. E,ä>e sein. Denn was muß eine Lösung, wie ?ie- -eplant zu sein scheint, bedeuten? Die alteTägliches Rundschau" ist zum Teufel gegangen. Wer zweikckt noch?!

richt uns bitter schlecht".

Wie ernst die Lage in der Presse ift, beweist auch di« Tatsache, daß die Betrieb sräte sämtlicher Drucke«' reien in Görlitz an die Oesfentlichkeit einen Aufruf richten, in dem sie darauf Hinweisen, daß unter den' '/trier'een Wirtschastsvcrhältnissen das Buckdruckgewerbe, b-fonders die Zcitungsbctriebe, am stärksten zn leiden haben, sodaß immer mehr Zeitungen und Zeit­schriften ihr Erscheinen «nstellen müssen. Di- Bevölke- rung glaube, b'i den teuren Zeiten zuerst beim Bezug der Zeitung sparen $n müssen. Descr Standpunkt sei der verkehrteste für ein geistig hockenttvickel-' tes Volk: denn er schädige nickt nur ein Gewerbe, in dem bereits große Arbeitslosigkeit herrsche, sondern könne zum größten Unglück des deutschen Volkes führen, zur geistigen 91 rmitt. Wenn sich zu unserer wirtschaft-, lichen Verarmung noch die geistige geselle, dann feien wir endgültig verloren. Das Bezugsgeld sei auch gar; nickt so unersckwinglich, seine Erhöhung stehe ttotz der, riesigen Verteuerung des Papiers unb der sonstigen Herstellungskosten der Zeitungen noch in keinem Skt», ''ältnis zu den Preissteigerungen der Lebensrnittel. Der Aufruf schließt mit der Bitte an die Zeitz» ngsleser in Stabt und Land, das Druckereigewerbe nicht vollends - »gründe zu richten, sondern im Interesse unserer deut­schen Kultur auch fernerhin die Zeitungen zn beziehen.

Dieser beachtenswerte Aufruf spricht für sich selbst und berührt den Kernpunkt der Frage, den un­endlichen Schaden der auf geistigem und staatlichem Gebiet durch den Zusammenbruch vieler Hunderter von Zeitungen entsteht. Wie will der Staatsbürger Recht«, und Pflichten gegenüber dem Staat, der auf de Mit­arbeit aller jetzt m hr als je angew es n ist, in bet rechten Weise betätigen unb cwsüb.'n, wenn er sich nicht auSgieb g über die Vorgang- in bet Außenpolitik, d.M Hffentlichen und w'ttschaftlichen Leben im Reich, Staat unb Gemeinde unterrichtet? Die genauste Lektüre einer guten Zntung ist heute viel nötiger als in nor­malen Zeiten, wo alles seinen geregelten Gang ging.

Der Wert der Mark im Auslande.

Frankfurt, den 1.9. 1922.

FLi 100 Mark wurden gezahlt:

Es werden

in

heute:

vor dem Krieg;

gt. ailt für:

Zürich

0.39

125.42 Fr.

1 Fr.

Ml. 241.50

Amsterdam

0.19

59.20 ffiltlb.

1 Eld.

501.

Kopenhagen

0.38

88.80 Kron.

1 Kr.

284.

Stockholm

0 28

88.80 Kron.

1 Kr.

355.

Wien

5385.-

115.80 Kron.

1 Kr.

0.02

Prag

3.30

117.80 Kron

1 Kr.

43.-

London

0.58

97.80 Schill.

1 Sch.

29.50

New Port

0.08

23.80 Toll.

1 Tll.

1350.

Paris

0.9?

125.40 Fr.

1 Fr.

n

9950

Für die Schriftleitung verantwortlich: Kurt Hainke;' Für den örtlichen und Provinz. Teil: Wilhelm Wißner.

Blödsinn!" brummte der alte Herr.Viel weiter wirst du kommen, Junge! Warte nur bis ver neue Prothesenfuß da ist! Soll ja ein Wunderwerk fein . . . kein Mensch wird dir was anmerten. Aber so bist du nun? Drei Tage aus dem Spital und schon un» geduldig, daß du nicht auf alle Berge kaxeln kannst!"

Na mit den Bergen, Papa, da wird's wohl Schluß für immer fein!"

Brigitte lachte.

Muß man denn auch just hinaufsteigen? @ie! sind dock auch von unter gesehen wunderschön! Und; zu den Blumen Wnnen Sie gewiß! Da weiß ich! Plätzchen bei uns drüben herrlich! Wie leuch- tenbe Teppiche breitet sich das aus! Da führe ich Sie dann hin, ja? Ich glaube, die Märchengründe im Osterlober Buchenschlag hat außer mir überhaupt noch niemand entdeckt!"

ES gefällt Ihnen also hier bei uns?"

Unbeschreiblich! Schöner kann es ja nirgends auf Erden sein als zwischen diesen Wäldern unb' Bergen!" ^Fortsetzung folgt.)

Beste iFABRIK KESSLER & CO. GELNHAUSEN

lug «tu fröhlicher Ssmrenstrcchll Denn Natürlich, was