Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.
Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen
Nk. 203
Tie „OberheWche Zeitun- erscheint sechsmal wöchentlich. — Dezugsvreis monatlich 75 Mk. ohne Zustellungsgebühc. Für ausfallende Nummern infolge Streits oder elementarer Ereignisse kein Ersatz. — Setlag von Dr. T. Hitzerotd. — Druck der llnio^Buchdruckerei oon 3eb. äug. Koch, Markt 21,23. — Fernsprecher 55, Pof!« schecklonto: Nr. 5015 Amt Frankiurt a. Main.
Marburg
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57. m 1922
! Di« Spitzenorganisationen der Beamt.iioer.inigungen kni) der Gewerkschaften sind zusammengetreten, um über die neue Aktion der Beamten uns Staatsarbeiter zu beraten. Um die Angleichung der Beamten- und Staats- krbeitereinkommen an die Teuerung zu erreichen, soll die ^eichsindexzifser zu Grunde gelegt werden.
Ile ffiirtlWmoWmtii der Mering. ; ErNLrungen des Reichsernährungsministers. I
Berlin, 29. Aug. Zm volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstages erklärte der Reichs- «inister für Ernährung und Landwirtschaft Dr. Fehr, allerdings fei die Brotverforgung für dis nächste Zeit gesichert, aber angesichts des Niedergangs der deutschen Währung werde ab 15. Oktober der Brotpreis wesentlich erhöht werden müssen. Bezüglich der durch Umlageverfahren zu erfassenden Eetreidemengen bemerkte der Minister, [et werde jeder organisierten Obstruktton mit den schärfsten Mitteln entgegentreten. Andererseits müsse aus Billigkeitsgründen und aus Gründen der Aufrechterhaltung der Produktivität der Umlagepreis auskömmlich festgesetzt werden. Infolge der Ungunst der Witterung sei die diesjährige Ernte nicht befriedigend ausgefallen. Sparsamster Verbrauch sei geboten. Die Reichsregierung' erwäge daher, die Herstellung von Starkbier zu verbieten. Die Kartoffelwirtschaft biete ein erfreuliches Bild. Um der Teuerung auf dem Kartoffelmarkte entgegenzuwirken, sei es aber notwendig, daß die Bearbeitung der Kartoffeln in Brennereien zum min- desten auf das Kontingent des Borjahres eingeschränkt werde. Hinsichtlich der Zuckerversorgung seien die Vorarbeiten für geregelte Verteilung im Gange. Besonders werde erwogen, die Herstellung von Süßigkeiten, Likören und Schaumweinen aus inländischem Zucker zu verbieten.
Diese Maßnahmen würden durchgreifeicke Erfolge kaum bringen, da Deutschland in der Weltwirtschaft das leidende Obi-e« «nh k*» i«$- tende Subjekt sei. Man müsse deshalb prüfen, inwieweit den Bedürftigen durch M a s s e n s p e i - sungen geholfen werden kann; ebenso seien die Kinderspeisungen auszubauen. Der Ernährungsminister fordette hierfür Mittel an.
Dusche (Dt. Vpt.) hielt die Durchführung des Getreideumlageverfahrens jetzt unter den völlig veränderten wirtschaftlichen und geldlichen Verhältnissen für untragbar für die Landwittschaft. Dr. Moses (Unabh.) beleuchtete die ungeheuren Gefahren, die unsere Ernährung vom Standpunkte des Arztes aus bedrohen. Er nannte die Wirkungen der Unterernährung geradezu katastrophal. Der beste Beweis hierfür fei das Auftreten des Skorbuts, einer Erkrankung, die man feit SO Jahren in Deutschland kaum gekannt habe. Schiele (Dt.-Nat.) wies darauf hin, daß der Ernteausfall von wenigstens 30 Prozent die Es- ireideumlage nicht in vollem Umfange zu den im Gesetze vorgesehenen- Preisen durchführen lassen werde.
Im weiteren Verlauf der Beratungen erllärte Abg. Dr. Böhme (Dem.) keinesfalls werde man umhin knnen, den Umlageprris zu erhöhen, damit die Umlage wenigstens teilweise hereingeholt werden könne. Abg. Tremmel (Ztr.) hob hervor, die sogenannte freie Wirtschaft beim Zucker habe eine private Zwa ii gs wi rt sicha ft zur Folge gehabt» die viel schlimmer -zu ertragen sei als die öffentliche Zwangswirtschaft. Er empfahl sorgfältigste Beachtung der durchaus notwendigen Forderungen der Gewctt- schasten gegen die Teuerung und Not. Die gesundheitlichen Verhältnisse der deutschen Bevölkerung ertrügen eine weitere Belastung nicht mehr. Abg. K r ä i p warnte davor, dasjenige wieder aufzugeüen, was bisher zur Beruhigung der Massen wenigstens zum kleinen Teil habe beitragen können, nämlich dir Errungenschaft, das Brot der Preisanarchie zu entreißen. Er bezeichnete die Darlegungen des Mi- nist.rs als nicht befriedigend und sagte, die Preise für das Umlagegetreide Bnnten nur dann erhöht werden, wenn gleichzeitig die Löhne der Arbeiter Und der Festbesoldeten durch Gesetz der Geldentwertung in gleitender Skala vollauf angepaßt werden. Abg. Hertz (II. S.) erklärte, die Ausführungen de? Ministers hätten ihn und seine Parteifreunde e ■ ' ' -t
Zum Schluß erllärte Reichsernährunsn.i.ist.. Fehr noch, daß die Verbrennung von Obst zo Lranntweinzweckcn verboten und gegen Schl em- «erei in der Weise aufgetreten werden solle, daß in öffentlichen Gaststätten die Verabreichung einer xveiten Fleischspeise an einen Gast unter Strafe gestellt werden solle.
Sie SchMlnW über die ölundW.
Staatssekretär Schröder in Paris.
Berlin, 29. Aug. Staatssekretär Schröder ist, wie die Blätter meld"n, heute in Paris eingetroffen. Die näheren Einzelheiten der deutschen Vorschläge befinden sich in Ausarbeitung und werden ihm nachgesandt.
P a rsis, 29. Aug. Tie Sitzung des Entichä- digungsausschuss-s ,an der als Vertreter Deutschlands Staatssekretär Schröder vom Reichsfinanzmini- stcrium tcllnimmt, findet morgen vormittag '/,11 Uhr statt.
Die „Vernehmung".
Paris, 29. Aug. Glue Havas-Mittetlnna von beute Abend besagt, es sei nicht sicher, ob die Derne ü m u n g der deutschen Delegierten am Nachmittag zeitig genug beendet sein werde, damit der Enttwüdl- aungsausschutz seinen endgültigen Beschluß faflen könne.
Die Gegensätze noch nicht überbrückt.
Baris, 29. Aug. Wie der „Tcmvs" meldet, haben heute verschiedene private Besprechungen der Delegierten des Entschädigungsausschusses stattgefunden, in denen die gemachten Anregungen geprüft wurden- Eimaen dieser Unterredungen hätte der offiziöse Bettretrr der Vereinigten Staaten beigewohnt. Ts seien verschiedene Söfan» gen ins Auge gefaßt worden, von denen es sich jedoch ergeben habe, daß sie nicht geeignet sind, die Grundsätze miteinander zu versöhnen, die bisher, wie aus der Londoner Konferenz einander gegenüberständen. Es scheine aber noch nicht die ganze Hoffnung aus eine Einigung geschwunden. Wenn man z. B. von allen verbündeten Regierungen die Zustimmung dazu erhalten könnte, daß auf der einen Seite Deutschland sofort ein außerordentlich scharfes System auserlegt wird, um seine Finanzen wieder zur Gesundung
aus die Barzahlungen anzuwendende Stundung gewährt wirb, die lange genug ist, damit die vorgeschlagenen Maßnahmen ihre Wirkungen zeigen können, dann könnte nach dem „Temps" der Ausschuß am Donnerstag einen einstimmigen Beschluß fassen.
Der Coxsche Vorschlag.
London, 29. Aug. Der Newporter Berichterstatter des „Daily Expreß' gibt die Ansicht der Beamten der Washingtoner Regierung bezüglich des von Gouverneur Cox gemachten Appells wieder und schreibt: Frankreich hält den Schlüssel für das europäische Gleichgewicht in Händen. Tie sundamentalen Bedingungen sind: Herabsetzung der Rüstungen, Ausgleich der Voranschläge, gerechte und weitblickende Regelung der Entschädigungsforderungen. Bevor diese Bedingungen erfüllt sind, wäre eS zwecklos für Amerika, irgend einen praktischen Schritt zur Unterstützung Europas zu unternehmen. Wenn dtc Bedingungen aber erfüllt sind, wäre Hoover gern bereit, an einer Konferenz der europäischen Mächte teilzunehmen. die das Ziel verfolgt, die alte Welt aus eine gesunde wirtschaftliche Grundlage zu stellen.
Dem diplomatischen Berichterstatter des »Daily News" zufolge herrscht unter den jetzt in London wei- .enden amerikanischen Persönlichkeiten allgemein die Ansicht, daß die Aussicht aus eine Annahme des Cox- ichcn Vorschlages gering sei.
MWry für Amdum.
London, 29. Aug. Die „Times" stellt die Ansicht Bradburys und den Standpunkt der französischen Regierung'einander gegenüber und schreibt, der Widerspruch zwischen beiden Ansichten sei v o l l st ä n d i g. Die Zett für eine Entscheidung
sei nach Stunden gemessen. Dabei wurden die unmittelbaren und entfernteren Ergebnisse eines vollständig.n Bruches zwischen England und Frankreich in einer solchen Frage so folgenschwer sein, daß man, bevor sie Wirklichkeit würden, nicht an die Möglichkeit glauben könne.
Der parlamentarische Berichterstatter des „Daily Telegraph" teilt mit, daß in der gestrigen Kabi- nettsfitzung die Entschädigungsfrage im allgemeinen erörtert worden sei. Es heißt. Bradburys Bericht über die Berliner Verhandlungen habe dem Kabinett vorgelegen.
Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" schreibt, Bradburys Hinweis auf die schweren sozialen und politischen Folgen, die seiner Ansicht nach eintreten müßten, falls Zwangsmaßregeln oder zu weitgehende Kontrollmaßnabmen gegen Deutschland zur Anwendung kämen, habe starken Eindruck hervorgerufen.
Dem Pariser-Vertreter der- „Times" erklärte Br rd- bnry u. a.: Ich hege die tiefgehende lleberreugung, baß uns nur zwei Wege offen stehen. Der eine ch, Deutschland Zeit zur Erholung zu gewähren. Dies würde unsere einzige Aussicht auf die Verwirklichung einiger unserer Forderungen an Deutschland geben. Der andere Weg ist zu drohen und schließlich praktisch vorzugeheu. Die würde das siche-e Er- gibnis haben ,daß jede Hoffnung auf Entschädigung verschwendet. Wir sind zwe'ßllos an dem kritischen Punkt anaelangt, wo wir entschüden müssen, ob wir ein Deutschland wollen, das künftig in der Lage sein wird, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, oder ob wir ein vernichtetes und hilfloses Deutschland wollen, von dem wir, ganz gleich mit welchen Mitteln, vollkommen außerstande fein werden, weite-e Zah- Frage der Entschädigung gnnüj'i ’uX, gezwungen, die Warnung zu geben, daß der einzig« Weg, von Teustchland irgend etwas zu erhalten, der ist, im Bewußtsein der ungeheueren Erschütterungen zu handeln, die den Krach, ixe jetzt droht, begleiten und auf ihn folgen werden.
M Mnms der Wen* md Foblieferungen.
Berlin, 29. Aug. Um die Mittagsstunde hat der Reichskanzler die Vertreter der Koblen- und Holzindustrie empfangen, mit denen er eine einsehende Rücksprache über die Durchführung der Holz- und Kohlenlieserungen an Frankreich auf dem Wege privater LiesernngsvericSae nahm. Einige dieser Industriellen sollen als Sachverständige an den Verhandlungen der Nevarations kommission in Paris teilnehmen.
Die Vertreter des Kohlenbergbaues erllätten sich damit einverstanden, alsbald zusammen ml der Reichsreaiemng in Verhandlungen über den Abschluß privatwirtschaft- licher Liefernngsverträge einzutreten. Als Unterhändler für den Kohlenbergbau wurden die Herren Hugo S1 inne s, Peter Klöckner und Direktor L ü b se n ernannt. Die Verhandlungen über die Holrliesenunqen sollen sich unmittelbar anschließen.. Eine Besprechung mit den maßgebenden Vertretern der ' Bergarbetterverbände und mit den Spitzenorganisationen der Arbeiter ergab gleiche falls die grundsätzliche Bereitwilligkeit der Arbeiter- verbände, an der Durchführung der Lieserungsverträge mitzuwirken. Die Reicbsregierung bat von diesem Ergebnis der heutigen Besprechungen ihre nach Paris entsandten Vertreter telegraphisch unterrichtet.
Sie LWWchkM neuen SMMiioe md Idmtie Scheuch.
Köln, 29 Aug. Wie die „Köln. Volksztg " meldet, hat die diesjährige Vischofskonserenz in Fulda beschlossen, gegen die in einfiitger Auffassung von gegnerischer Seite fortwährend wiederholte ungerechte Behauptung. daß Deutschland am Stiege schuld sri. und gegen die furchtbaren Folgen, die die stanzösische Regierung aus einer solchen Schulderllärung glaubt ziehen zu dürfen, vor dem Heiligen Stuhl, dem Hott der Völkerversöhnung, feierlich Protest zu erheben. Die Bischosskonserenz gibt damit derselben unerschütterlichen Ueberzeugnng Ausdruck, von der sie 1914 in ifjr-m gemeinsamen Hirtcnschreiben Zeugnis gegeben hat: Tas Kitsche Volk ist unschuldig am Ausbruch des Krieges: » ist uns aufgezwungen worden. Das werden l vor Gott und der Welt bezeugen.
t Weiter befaßte sich die Bischofskonferenz von neuem mit der Lage der besetzten Gebiete, wo einer zivilisierten Bevölkerung im Herzen Europas die Schmach ancetaa wird. Von zahllosen Angehörigen unkultivierter afrikanischer Bolksstämme überwacht zu werden und w) die gewaltigen Scharen mohammedanischer und heidnischer Soldaten aus den französischen Kolonien einer christlichen, vorwiegend kathsl-fchen Bevölkerung zum größten Aerger- nis und zu großen sittlichen Gefahren für die Jugend gereichen. :
Der preußische Landtag tritt nicht am 6. September, sondern voraussichtlich erst am 27.^September zu- famnien.
SchAM fiimwfe in KleikMn.
Sehr starke türkische Angriffe.
Athen, 29. Ang. Die „Agence d'Athenes" veröffentlicht folgenden Heeresbericht vom 28. August: Tie sehr starke feindliche Offensive, die. am 26. August begonnen hat und auch nicht unter» bcchen wurde, bauerte geskrn an der Südfront bis Hassanbog an. Die angreifenden feindlichen Kräfte werden auf zehn Divisionen mit sehr starker Artillerie geschätzt. Ter Kampf geht weiter.
Athen, 29. Aug. Heeresbericht vom 28.: Infolge einer sehr heftigen Offensive des Feindes wurde gestern die Räumung von Afiun-Kara- h i s s a r befohlen. Unsere Truppen besetzten eine Linie westlich dieser Stadt. Heute wurde ein in Berbindung mit Artillerie unternommener heftiger Kavallerieangriff zurückgeschlagen und der Feind verfolgt.
London, 29. Aug. „Tally Mail" berichtet aus Konstantinopel: Gerade jetzt, wo Vorbereitungen wegen der Abhaltung einer Konferenz über den nahen Open in Venedig gemacht werden, haben die türkischen Nationalisten eine Offensive gegen die Griechen in Kleinasien unternommen. Große türkische Streitkräfte begannen einen Angriff gegen die Griechen bei Afinn» Karahissar, dem strategischen Mittelpunkt, 200 Meilen östlich Smyrna. Rach dem sich der türkische Angriff entwickelt hat^ begannen bis Äriecheu sine Weges-,
offensive. Die schiveven Kämpfe werden fortgesetzt. Die Griechen haben einen Gegenangriff gegen dir Türken bei Eski-Schehr, etwa 100 Meilen nördlich von Afiun-Karahissar begonnen. Tie Türken berichten von Fortschritten an beiden Kampfstellen. Inzwischen sammeln die Griechen weitere Truppen - • der Näh» der Tschataldscha-Linie in Thrazien.
56erWelien.
Die Deutschen Ostoberschlefiens und der polnisch« Staatschef.
K a t t o w i tz, 29 Aug. Der Stcnttsches P i lsud > ki hat gestern den Vorsitzenden des Deutschen Volksbundcs v. Reitzenstein in Aubi-nz empfangen. Dieser übermittelte dem Staakschef die Versicherung der Hochachtnng und Ehrerbietung der deutschen Bevölkerung. Die infolge der Abstimmung erregten nationalen Leidenschaften würden von einem gewissen Teile der polnischen Presse geschürt, die den Zusammenschluß der Deutschen im Bolks- tünbe als Jrredenta verdächtige. Der Staatschef Wolke glauben, daß die deutsche Bevölkerung nur den festen Willen habe, ihr Deutschtum zu bewahren und daß sie vollauf bereit sei, an dem Ausbau der Heimat kräftig mitzuarbeiten. D r Volksbund strebe den Ausgleich de« nationalen Gegensätze int Interesse der Volksgesamthell an. Der Dovwode wolle die Rechte der Deutschen achten«, unverantwortliche Stellen durchkreuzt n aber diese Absicht. Das gelte besonders in der Schulsrage. hif für die deutsch« Bevölkerung eine Lebensfrage sei. Der Staatsches gab seiner Genugtuung über dessen Bestrebungen nach Ausgleich der nationalen Gegensätze Ausdruck. Der VolkS- Iv.ntb könne versichert fein, daß der Staat?irr den See» bächtigimsen der Presse keinen Glauben schenke nur töt Rechte der Deutschen nicht nur aus Achtung vor den intzer- nationafen Verträgen, sondern aus rein menschlicher Toleranz schützen werde. Die weitere Aussprache betrat die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Di« mit/daß der Staatschef in seiner P-rson Gewähr für die Sicherung der Rechte der deutschen Bevölkerung biete,
Tcuerungs-Protestausstand.
Kattowitz, 29. Slug. Infolge der anhaltenden, sich immer fühlbarer machenden Teuerung in Oberschlesien, insbesondere in Ost-Obcrschlesien. sind die Belegschaften der im Industriegebiet gelegenen Gruben beute vormittag 11 Uhr in einen einftünbigen Protestausstand getreten. Di se d menstrat've Arbüsniederlegung erftreft sich fast auSschl'eßlich auf ben polnisch geworbene» Teil bes Jnbustriegebiets.
Beuthen, 29. Ang. Einige Hütten haben sich der rinfiünbtgen Arbeitspause angeschlossen, u. a. die. Julicnhütte in Vobrck, wo bie Belegschaft Lohnerhöhungen fordert.
Deutsch-Oesterreich.
Wien, 29. Aug. Der Bundeskanzler empfing heute ben Gouverneur der Oesterreichisch ungarischen Bank und ferner Mitglieder des Wiener biplomatsschen Korps, denen er über die Ergebnisse seiner Auslandsreise und über die demnächst im Interesse Oesterreichs zu unternehmenden Schritte Mitteilung machts. Am Nachmittag nahm bei Ministerrat den Bericht des Bundeskanzlers und des Bundesfinanzministers über die von ihnen in Prag, Berlin und Verona geführten Verhandlungen entgegen und legte die außenpolitischen und finanzpolitischen Richt- linien für die demnächst wieder einsetzende parlamentarisch« Tätigkeit fest. Am Abend empfing der Bundeskanzler die Präsidenten des Nationalrates. Die Besprechungen werden in den nächsten Tagen fortgesetzt.
Rom, 29. Aug. Der Schatzminister Paratore hatte eine Zusammenkunft mit dem österreichischen Sektionschef im Ministerium deS Aeußeren Schüller. Schüller teilte mit, das Wiener Kabinett wünsche die schnelle Ausführung der italienischen. Zahlung von 70 Millionen Lire für die Wiederherstellung Oesterreichs.
„Der fchwev: Irrtum des Versailler Vertrags."
Wien, 29. Slug. Bundeskanzler Dr. Seipel toütbe beim Erscheinen in der Versammlung der Interparlamentarischen Union mit lebhaftem Beifall begrüßt. In seiner Ansprache führte et aus: Ich habe die vergangene Woche dazu benützt, um durch eine politische Reise zu den führenden Staatsmännern einiger Nachbarstaaten den Versuch zu machen, den Ring zu zerbrechen, bet uns umgibt, der uns würgt, uns Oesterreicher »an» besonders. Lassen Sie mir die Hoffnung, daß wir Oester- reicher von der Gegenwart das eine gewinnen, daß wir wieder von neuem Sympathien für dieses alle Kulturland und für dies« alte Kulturstadt Wien wecken können, und daß Sie ihren ganzen Einfluß in ihren eigenen Parlamenten und vielleicht eine Anzahl von Ihnen bei den Beratungen des Völkerbundes im Interesse der Erhaltung bes Kulturlandes Oefkrreich auswenden mögen. (Lebhafter Beifall.)
Die sachlichen Beratungen begannen mit ausführlichen Vorschlägen des holländischen Delegierten T r £ u b wirtschaftlicher und finanzieller Natur. Reichstagspräsident Loebe wandte sich gegen den Vorschlag, bie Einfuhrbeschränkungen aufzuheben und stellte den Zusatzantrag, wonach für die mit starker Geldentwertung oder mit Entschädigungsleistungen behafteten Staaten ein Heber» gangsstadiurn geschaffen werden soll, in dem die Einfuhr vou Luxusgegcnständeu zugunsten von notwendigen B«* brauchsgegenständen beschränkt ober verboten will). -Di« Ve;trct« ÄangbaS und der Bereinigten Staaten syachv»