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Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.

Anzeiger für (das früher kurheffifchej Oberhessen

Mr. 202

Di« -OberdegMe Zeltun ' erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 75 Mk. ohne Zustellungsgebiihr. Für ausiallrnde Nummern infolge Streiks ooer elementarer Ereignisse kein Ersatz. Verlag von Dr. L. Httzeroth. Druck der Univ.-Buchdruckerei von Job. Aug. Koch, Markt 21 23. Fernsprecher 55, Post­scheckkonto: Nr. 5015 Amt Frankiurt o. Main.

Marburg Dienstno. im 29. AM Erutiug.

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57. M.

1922

Mm KriMeWIbigleii-Mole.

Berlin, 28. Aug. Der deutschen Botschaft in Paris ist in der Kriegsbeschuldigtenfrage eine Rote ZAgegangen, in der die verbündeten Regierungen in längeren Ausführungen zunächst die Entwickelung der Kriegsbeschuldigtenfrage nach dem Versailler vertrag bis zur Aburteilung der ersten zehn Fälle durch das Reichsgericht in Leipzig einer kurzen Be­trachtung unterziehen. Dann enthält die Rote eine Kritik an dem verfahren des Leipziger Gerickts- hofes selbst und bemängelt die ungenügenden An­strengungen des Gerichts zur Ergründung der Wahrheit und die Niedrigkeit der Urteile. Hier­nach kommen die verbündeten Regierungen zu dem Schluß, daß di« deutsche Regierung ihre Zusage, sachlich und loyal Justiz zu üben, nicht gehalten habe und erklären, von jetzt ab die deutsche Straf­verfolgung der vor dem Leipziger Gerichtshof nickt erschienenen Beschuldigten völlig nutzer Betracht lassen zu wollen. Sie würden infolgedessen alle ihnen kraft des Vertrags gegenwärtig und zu­künftig zustehenden Rechte wieder aufnehmen oder "' ""rbebalten; insbesondere behielten sie sich vor.

* nötigenfalls im Abwesenheitsverfahren die liiiegsLeschuldigten zu verfolgen.

Hierzu bemerkt W. T. B.: Die Votschafter- tonferenz hat sich in dieser Note, die übrigens von der Gesamtheit der verbündeten Hauptmächte aus- aeht, in der Bewertung des Verfahrens und der Urteile des Reichsgerichts in den bisher zur Ver­handlung gestandenen Kriegsbeschuldigtenfällen ein. sii.mig auf den Boden des Gutachtens gestellt, das der vom Obersten Rat zur Prüfung der Angelegen­heit eingesetzt« Ausschutz seinerzeit erstattet hat. Dieses Ergebnis muß umsv mehr befremden, als Die völlige Unparteilichkeit des höchsten deut­schen Gerichtshofes von der an den bisherigen Ver­fahren in erster Reihe interessierten englischen Seite verschiedentlich unumwunden anerkannt worden ist. So hat der englische Solicitor General Sir Ernest Pollock, der im amtlichen Auftrage bei der Verhandlung der englischen Fälle zugezogcn war, in der Unterhaussitzung vom 17. August 1921 u. a. erklärt, die Art und Weise der Prozetzleitung durch den Senatspräsidenten des Reichsgerichts habe mit Sicherheit den aufrichtigen Wunsch er­kennen lassen, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Es würde völlig unfair und völlig un- fachgemätz von ihm sein, nicht anzuerkennen, daß nach seinem Eindruck das Reichsgericht in den Augen der Ankläger ausreichend wäre. Die Auf­richtigkeit des Gerichts erscheine über jeden Zweifel erhaben. Gegenüber der Kritik an der Höhe der Strafen sei festzustellen, daß die Fälle notwendiger­weise nach deutschem Recht abgeurteilt worden seien und die erkannten Strafen dem deutschen Ge­setz entsprochen hätten. Dieser von maßgebendster englischer Stelle herrührenden Vertrauenskund­gebung braucht kein Wort hinzugefügt zu werden. Das Reichsgericht steht in seiner leidenschaftslosen Unparteilichkeit über den in der Note enthaltenen VorwiftfeN.

lieber die weitere Behandlung der Angelegen­heit durch d' Zeutsch« Regierung sind die zustän­digen -reits in Beratungen eingetreten,

on denen c>. >r Oberreichsanwalt beteiligt wer­den >?!&,

d ---ch--

Die Beratung der MMemWestey.

Berlin, 28. Aug. Um lli/2 Uhr hat die Kon- feren,} der Ministerpräsidenten der Länder unter dem Vorsitz des Reichskanzlers begonnen. Anwe­send sind u. a. Ministerpräsident Braun, der bayerische Ministerpräsident Graf Lerchenfeld in Begleitung des Innenministers, der wllrttem bergische Staatspräsident H i e b e r in Begleitung des Finanzministers, der badische Staatspräsident Dr. Hummel und der sächsische Ministerpräsident Buck. Der Reichskanzler legte zunächst die Lage in der Entschädigungsfrage dar. Um 6 Uhr be­gann eine neue Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder. Die Ressortminister des Reiches hiel den Vorträge über die von ihnen beabsichtigten Maßnahmen. Danach sprachen die Ministerpräsi­denten der größeren Länder. Nach der Sitzung fand ein neuer Kabinettsrat statt, in dem man sich mit den einzelnen Maßnahmen beschäftigte.

Nach demBcrl. Lok.-Anz" wurden auch die Schwierigkeiten zur Sprache gebracht, die nach An­sicht der maßgebenden Kreise als zu scharfe Matz- nah men gegen die Teuerung im Wege stehen. Hier­bei wurde besonders die Frage der Zwangs­wirtschaft angeschnitten, gegen deren Neuein- Ifthrun- schwerste Bedenken geäußert wurden, da,

Die Mm der WWW.

Wöttn deiiWll Mrtltr.

Die amtliche Einladung.

Berlin, 28. Aug. Der Entschädigungsaus­schutz hat dem Kriegslastenausschutz in Paris am 27. August mittags folgende Note übergeben.

Wenn die deutsche Regierung wünscht, hinsicht­lich ihres Stundungsgcsuches vom 12. Juli von ihrem Reckt auf Gehör Gebrauch zu machen, das ihr Art. 234 des Vertrages gibt, so wird der 8nt, schädigungsausschiitz bereit fein, ihre bevollmäch­tigten Vertreter cm 30. August zu hören.

Wie die Blätter melden, wurde beschlosien, dem Entschädigungsausschutz mitzuteilen, daß die Reichs­regierung bereit sei, ihren Standpunkt am Mitt­woch in Paris darzulcgen. Als Vertreter der deut- ichen Regierung wird Staatssekretär Schröder vom Reicbsfinanzministerium nach Paris entsandt werden. Außerdem werden noch einige Referenten der in Frage kommenden Resiorts mitfahren.

Der Umschwung in England.

Berlin, 28. Aug. Der neue geschäffsfiibrende Sifretiit der Zweiten Internationale und Abgeord­nete der englischen Arbeietrvartei tmUni-rbause, Tom Shaw, äußerte sich zu einem Mitglieds derVor- wärts"-Redaktion über den Zweck seiner Untersuch- ungSiTtfe in Deutschland, an der er mit dem Fran­zosen Joubaux und dem Holländer F i m m e n teilnimmt. Dabei betonte er n. a., daß tu letzter Zeit sich ein sehr süblbarer Umschwung in der eng­lischen öfsenMchen Meinung Deutschland gegenüber bemerlbar macht. Zu den Blättern mit Millionenauf­lage, die bisher die Poincareschcn Theorien unterstützt hotten, gehöre hauptsächlich die Nortbcliffevrefle, die sich zwar seit dem Tode ihres Herausgebers in der Tendenz bisher wenig geändert hatte, sedoch einen etwas weniger brutalen Ton anzuschlagen scheine. Demgegenüber gebe es aber andere Blätter mit Milli- oi'.enauflüge, die eine ganz entgegengesetzte Außen­politik triebens io z. B. derManchester Guardian' und dieDaild News', zu denen neuerdings noch an­dere Organe kämen wie .Daily Telegraph',$>at(l) lshronicle",Daily Erpreß". Sbaw schloß mit der Versicherung, daß die Neuwahlen in England ein ganz anderes Bild ergeben würden als die Wahlen im Dezember 1918 und daß insbesondere die Arbeiter­partei zweifellos sehr viele Sitze gewinnen werde. Solange sich der MeinungSnmstl'wnng in England nicht praktisch a u s w i r k t. bat er für Deutsch­land wenig oder gar keinen Zweck.

Die zerstörten Gebiete als Propagandamittel.

Der Wiedrraufban der französischen zerstörten Ge­biete gebt nur langsam vonstatten. Es konnte wiever- lolt nachgewielen werden, daß es die französische Re­gierung s c l b st ist, die hier hemmend wirkt. Man braucht Ruinen und zerwühlte Felder, nm immer lvieder den Haß gegen die Deutschen anstacheln zu kön­nen. Schulkinder aus ganz Frankreich werden in va? zerstörte Gebiet geführt, und auch die nach Frankreich kommenden Ausländer müssen es besuchen. Augen­blicklich machen dort polnische Studenten eine Besickiti- gungsreise DerMatin" ist begeistett darüber, daß man die polnischen Gäste zuerst in das ehemalige Kriegsgebiet geschickt habe. Dott würden sie die rich­tige Vorstellung von der Größe Frankreichs erbauen. Die nordsranzösisckten Ruinenfelder müssen aber in

sie auf erheblichen Widerstand stoße und sich ja doch kaum wieder durchführen ließe.

Die LandesernährungsministeT werden sich am Mittwoch in Hamburg treffen.

Donnerstag Abend versammeln sich die Partei­führer beim Reichskanzler zu einer Besprechung über die allgemeine Lage. Man wird sich dort auch darüber klar werden, ob es zweckmäßig ist, den Reichstag oder den auswärtigen Ausschuß einzu berufen. Voraussichtlich wird die Besprechung zur Informierung der Parteien ausreichen.

Neue MlUisterreden.

Berlin, 28. Aug. Unter dem Druck der all­gemeinen politischen und wirtschaftlichen Lage beginnt das parsamentarische Leben früher als geplant wieder reger zu werden. Eine der dringlichsten Fragen, b'ic der Erledigung harren, ist die Festsetzung des Dreises für das zweite und dritte Drittel des Umlagegetreides. Der Preis soll entsprechend den Vorschriften des Ge­setzes durch einen besonderen varlamenlo-rsschcn Beirat beim Reichsernahrungsminiftettum festgesetzt werden. Um Liefen Beirat zu wählen, trat heute der volkswirt­schaftliche Ausschuß des Reichstages zu einer Sitzung zusammen. Die Wahl des Beirats mußte jedoch wegen technischer Schwierigkeiten verschoben werden. In der morgigen Sitzung wird Reichsernöhmngsminister Prof. Fehr eine längere informatorische Rede über die Er­nährungslage halten. In den darauf folgenden Sitzungen Gerden nacheinander die einzelnen Resiortminister zu Worte komnten und die Lage in den sie berührenden Zweigen des öffentlichen Lebens darlegen. So stehe» |. B.

dem unvoreingenommenen Besucher andere Vorstellun­gen auslösen: Die Ruinen zeugen von französischen Niederlagen während des Ktteges und französi­schem Unvermögen, wiedoranfzubauen nach dem Kriege.

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M SkWW. -

Paris, 28. Aug. Rach demEcho de Paris" ist der Gegensatz zwischen der französischen und der englischen These unüberwindlich gewesen. Die Ent­scheidung sei .noch einmal vertagt worden.

-Wie derMatin" meldet, hat die Vertagung der Entscheidung keineswegs den Zweck, den Deut­schen noch einmal Gelegenheit zu geben, ihre Gründe auseinanderzusetzen, sondern es handelt sich darum, um jeden Preis eine einstimmige Ent. icheidung herbeizuführen. Die Anregung zur Ver­tagung geht von Belgien aus. Belgien wird das Opfer auf sich nehmen, während der kommenden sechs oder mindestens drei Monate anstatt der Bar­zahlungen Sachlieferungen von Deutschland ent- gegenzunehmen.

Nach demJournal" hat die Vertagung der Entscheidung ganz das Aussehen einer letzten Frist, die der Unversöhnlichkeit durch eine Mehrheit ge­währt wird, die entschlossen ist, Mäßigung bis zur äußersten Grenze zu üben.

Ein neuer belgischer Vorschlag. T

Paris, 28. Aua. Wie dieInformation"meldet, bat der belgische delegierte Delacroix Dubois eine Losung vorgeschlagen, tote sie derTemps" als per« sönliche Anregung veröffentlicht hatte:

Die Reichsbank soll durch monatliche Zahlungen einen gewissen Goldbestand, der einen Wett von 210 Millionen Goldmark darstellt, nach einer Bank bei Verbündeten schassen, zum Beispiel der Bank von England. Dieft Bank würbe der belgischen Regierung .gleichwertige Kredite zur Verfügung st-llen. Tas de- pom'ette Geld würde Eigentum der Reichsbank bleiben bis zur endgültigen Regelung der Frage der inter- alli irrten Schulden und der deutschen Schuld, die nach den amerikanifchenWahlenim November statt- sinden könnte

Hoover als Schiedsrichter?

Berlin, 28. Aug. Cor, der frühere Gouverneur von Obio und demokratttcke Kandidat bei den letzten Prüsidcntfchaftswahlen, der in diesen Tagen ttt Ber­lin weilte, machte den Vorschlag, Herbert Hoover, dm amerikanischen Handelsminister und frühem Ver- pslegungskommissar, als eine Art von unparteiischem Schiedsrichter für die Entschädigungsfvage zu bestellen. Hoover würde die Aufgabe zufallen, die Lage Deutschlands festzusteven und die Summe zu be­stimmen die Deutschland zu zahlen in der Lage sei. Hoover habe das Vertrauen Europas, und seine Ent­scheidung würde auch von Frankreich angenommen werden, d. h. also, von allen beteiligten Parteien. Jede Regierung würde die Emennung Hoovers ve- grflr.cn. Die Vereinigten Staaten besäßen den Schlüssel zur Lösung der Entschädigungsfrage. Aus moralischen und vraktischen Gründen müsse Ame­rika elngrcisen. Das Schicksal der Welt liege in seinen Händen.

Äationitnmo der Margarine?

Berlin, 28. Aug. Die Nachttcht, daß die nieder- rteinlidjen Margarinefabrikanten die Margarinepreise für die billigste Sorte von 155 auf 240 M und für die hefte Sorte von 180 .K auf 280 .K für das Pfund er­höbt haben, hat in der Bevölkerung große Erregung (ifrborgerufen, handelt eS sich doch um ein Drotstretch- mittel, das dem Mittelstand und der armen Bevrlke- rung als einziges geblieben ist. Die Margarinewerke verschiedener Schattiemnaen erklären, daß sie ange­sichts des flotten Valutastandes nicht billiger arbeiten können, da der größte Teil der Hcrstellungsmittel aus dem Auslande bezogen wird. Die Fabrikanten verkau­fen nur gegen Kassa und sind aus eine wesentliche Einschränkung des Verbrauchs gefaßt; sie wis­sen ganz gut, daß das Publikum nicht mehr imstande ist, die holten Preise zu zahlen, und daß auch der Ein- -cthandcl nicht genügend flüssiges Kapital flat, um die bisherigen Mengen gegen bar zu kaufen.

In nächster Zeit muß dem .Tag' zufolge auch da­mit gerechnet werden, daß eine Knappheit in der Margarinebelicfemng eintreten wird. Schon Beute erhalten die großen Firmen nur zwei Drittel der Men- Oen, die sie benötigen, um ihren Bedarf ganz zu decken. Tie Wirkungen tm Kleinhandel machen sich noch nicht bemerkbar, weil bisher »och einige Vorräte vorhanden

sind, di« aber jetzt zur Neige gehen. ES erscheint da­her nicht ausgeschlossen, daß die Margarine in Bälde rationiert werden muß.

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Der verderbliche Einfluß der Rachkriegspollttk.

L-e i p; i g, 28. Aug. Die Beratungen über die weltwirtschaftlichen Fragen der Gegenwett, die vom Mrßamt in Gemeinschaft mit dem Reichsverband der deutschen Presse veranstaltet werden, sind heule unter starker Teilnahme von dem zum Vorsitzenden gewählte» Geheimrat Professor Pohl von der Universität Leipzig eröffnet worden. Tann begannen die Beratungen über die Herstellung gesunder WährungSvrchältniss«, Als erster Referent sprach Prof C a s s«l. Stockholms von lebhaftem Reifoll begrüßt, über daS Thema:Da! Weg zu gesunden Währungsverhältnisfen". Er führt« u. a. aus:

Wer den Weg »« gefunden WöhrungSverhAtnisse« erkennen will, muß erst Klarheit über den ProzrM gewinnen, der zur Zerrüttung auf denk Gebiete bet Valuten führte. Worin besteht diese Verschlechterung? Darin, Ley durch die willkürliche Schaffung neuen GeldeS dir neue Kaufkraft künstlich geschaffen wurde. Bitte« normalen Verhältnissen steht jeder neu geschaffenen Kaus- frtoft eine dem Werte nach entsprechende Menge vo» \ Produkten oder produktiven Dienen gegenüber. Dieser Gleichgewicht tojrb aber bann zerstört, sobald einfach durch Notendruck oder noch einfacher durch die Fabrizie- rung von Bankguthaben Kaufkraft geschaffen wirb, ohne eine gleichzeitige Vermehrung Hessen, waS gekauft werde» Tann. Diese Verwässerung ober Inflation des Geldes bedeutet tatsächlich eine gualitzative Verschlechterung der Währung. Wir wissen, daß die Währungsverschlechte­rung die Folge einer künstliche» Schaffung neuer Kauf­kraft ist. Wodurch wird aber diese hcrvorgerufen? Drei verschiedene Ursache» können wir hier unterscheiden. Zn» erfl kam bet Krieg, bann ' Revolution und zuletzt die KriegSentschäbignngspost r Verbündeten. Heute interessiert vor allem ber; . -erbliche Einfluß der von ben Verbündeten betriebenen KriegSent- schad igungspolitik. Die Entschädigungsansprüche werden sestgestellt ohne die geringste Rücksicht auf die Möglickkeit einer Zahlung. Da auch noch die Kosten bet Besetzung sowie die Entschäbigungssummen für daS beschlagnahmte deutsche Auslandseigentum hinzukommen, so blieb ber Reichsregicrung kein anderer Weg übrig als die fortgesetzte, immer weiter ausgedehnte Ausnutzung der Notenpresse. Diese Finanzierungsmethode bedeutet die vollkommene Beraubung ber deutschen Verbraucher um einen wesentlichen Teil ihres Einkommens, wodurch die allgemeine Lebenshaltung in Deutschland bedenklich herabgedrückt wird. Die deutsche Mark würde nicht derart unter6eteertet fein, wen» ber ausländische Mark­besitzer für seine Mark beliebige Waren in Deutschland zu Inlandspreisen kaufen könnte. Dies wird aber vo» Deutschland nicht geRatteti. ES ist klar, öaß Deutsch­land überhaupt nicht anders handeln kann.

Wie kann nun heutzutage bk Welt tokber zu -e- funben Währungsverhältnissen gelangen? Die erste Bedinguna bafür ist bas AufhSren jeder weiteren In­flation. Die Regierungen bürsten nicht länger neue Kauf­kräfte mit Hilfe der Notenpresse ober auch dadurch schaffen, daß sie Bankguthaben lediglich burch Lombardierung von Regierungsschuldverschreibungen erlangen. Ebenso muß die private Krebitgewährung burch hohe Zinssätze eingeschränkt werde», so baß ber Bankkrebit mir gemäß ben wirklichen Ersparnissen bet Volkswirtschaft gewährt wirb. Der erste Anspruch an brauchbares Geld ist heute die Stabilität. Bei einer Sanierung der deutsche» Finanzen bedarf es keineswegs eines neuen WLH» rungssystems. Vielmehr kann man sehr wohl die wirt­schaftliche Zukunft Deutschlands auf der Beibehaltung der Markvaluta aufbauen, wenn diele erst einmal tokbtt stabil geworden, sei eS auch auf ber gegenwärtigen innere« Kaufkraft ber Mark. Eine wirkliche Gesundung der wirt­schaftlichen Verhältnisse ist unmöglich, solange sich die politischen Zustände nicht belfern. Nur ein wirtlicher wahrer Frtedenszustand kann die Weltwirtschaft vor ber fortfdjreitenben Zerrüttung retten, vor allem muß im internationalen Handel bie Handelsfreiheit unb bit Stabilität bet Handelsbeziehungen wieder hergestellt wer­den. Ohne Zweifel wird künftig das Gold wiederum die allgemeine Wäbrungsgrunblage sein. Um den Wert bei Goldes zu stabilisieren, bedarf es einer genauen Re­gelung de t internationalen Verschuldung. Es gilt für bie Forberungslänber, nicht nur auf ihre« Forberungsrecht zu bestehen, fonbern sich mehr unb mehr ttarzilmachen, wie bem Schuldner bit Zahlung selbst tatsächlich ermöglicht werden kann. Der Stabilisie­rung ber Valuta selbst toiro bit Wiederherstellung einer neuen Goldparität anstelle bet alten folgen, bie traf dem Wertverbältnis bet neuen stabilisierten Papier­währungen sich aufbauen wird. Mit am schwersten dabei bat es Deutschland. DaS deutsche Valutaproblent nimmt ein« zentrale Stellung in ben internationalen Valutuschwierigkeiten ein. Die Inflation in Deutsch- lanb kann nicht burch eine Vermehrung bes Steuer» brucks zum Stillstand kommen; denn biese erschwert schon jetzt jegliche volkswirtschaftliche Kapitalbildung. Auch nicht durch eine Zwangsanleihe, deren umgehende Ein- zahlnng ebenfalls zur Vermehrung ber Geldzeichen bei­tragen würbe, fonbern nur durch eine grflnblicfle

Revision ber deutschen Zahlungs­verpflichtungen. 1 ,i

Au dieser Tatsache kann keine Finanzkontrolle nnd kein aufgezwuuzemr Steuerdruck etwa- ändern. Dir

Reden des Reichswirt schafts- unb Reichsarbeitsministers für bie nächsten Tage in Aussicht. Vielleicht wirb auch der Reichskanzler bas Wort ergreifen, um die allgemeine politische Sage zu schildern. Es wird jedoch von dem weiteren Gang der außeupolitifcken Ereignisse unb ber damit zusammenhängenden dienstlichen Inanspruchnahme des Reichskanzlers abhängen, ob er cor dem Ausschuß wirb erscheinen können.

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