Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marburg.
Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen
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Sr. 185
1922
PoincarLs Pfanderforderungen in London
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Er ist bereit» mehrfach darauf hingewiefen, daß taS Getreideumlagegesetz das Produkt voirtischer Er- V S g u n g en ist. Bitter rächt sich nunmehr im Augenblick der Durchführung dieses Ausnahmegesetzes der Mangel an fachlichen Rücksichten, der buieg Gesetz kennzeichnet. Daß die Beunruhigung in der Landwirtschaft gerade heute größer denn je ist. darüber sollten sich die Verantwortlichen Stellen keinem Zweifel hingeben. Einen Blick in die landwirtschaftliche Presse jeglicher Richtung genügt. Diese tiefe Beunrnhigung verwächst auS der zur Gewißheit gewordenen Erkenntnis. ' daß die Umlage für weiteste Kreise der Landwirtschaft 'eine starke Schädigung, für eine ganze Reihe von Einzelbetrieben den Ruin bedeutet. Die Erllärung der Landwirtschaft und ihrer Oraanikationen. der Durchführung der Umlage die im Vorjahr gewährte Unterstützung heute versage« zu müssen, w>rd verständlich, wenn man berücksichtigt, daß sie sich gegen ein Gesetz richtet bas g e ge n den geschlossenen Will'» ch»'LcinSwirtsckoft zustande gekommen ist, obwohl letztere fwiwil'ig sich bereit erklärt hatte, dem Reiche die erforderliche Getreidereserve zur Verfügung zu stellen und bei einer von allen wirc- .schattlich Leistungsfähigen zu tragenden Brotprersverbil- ligiing mitzuwirken. Diese Erklärung richtet sich ferner gegen ein Gesetz, das auch von denen, die ihnen zn gestimmt haben, als aus politischen Erwägun gen geschaffen betrachtet und bewertet wird. Di« politischen Erwägungen gehen, aber nach einn'ütiger Ansfassuna der Landwirtschaft so weit, daß sie für sachliche Gedanken keinen Raum mehr lassen. Das Gesetz bedeutet mangel» jeglicherr Sachlichkeit eine Gesähr- dungde r Ernährungfürkomwende Zeiten.
In einer jedes Maß von Gerechtigkeit entbehrenden Weise wird heute von der Linken gegen die Landwir'- fchast gekämpft, als ob in dieser Haftung der Landwirtschaft eine Sabotage des Gesetzes, die Weigerung der Ad- lieferung läge. Tatsächlich ist von keiner maßgeblichen Stelle «euch nur der Versuch gemacht worden, durch Aufsoicherung zur Nichtablieserung das Gesetz zu Fall zu bringen. Wäre geraoe in den Kreisen, die sich als die berufenen Schützer des Staates hinzustetten belieben, .der Staatsgedanke ebenso stark wie in der Landwirtschaft, wäre uns manche Krise erspart geblieben.
: Drei Momente geben dem augenblicklichen Stand der Behandlung der Umlage ein besonderes Gepräge:
1. Der Termin, an dem dem Erzeuger das Ablieser- fvll bekannt gegeben werden soll, nämlich der 15. August steht kurz bevor. In sehr starkem Maß« beschäftigt sich der einzelne Ablieferer, wie die Stelle, der die Aufgaben der Verteilung zukommt, mit dem Umlagegesetz. Ml dft Schwierigkeiten, denen eine Rcichstagsmehrheit glaubt« i$>err zu werden, Berücksichtigung der weniger Leistlings- ifähigen. Schonung der von Mißwachs betroffenen Gebiet. TuWrdung dieses Ausfalls auf andere usw., tret .runmehr in Erscheinung. Der Westen des Reiches bat infolge Mißwuchs einen sehr starken Ertneausfalt. Nach Zeitungsmitteilungen sind bereits der Rhcinprovinz und anderen westlichen Gebieten beträchtliche Erleichterungen zugesagt. Das ursprüngliche Gcsamtablieferungssott ist damit bereits gekürzt. Im badischen und bayerischen Landtag hat man sich für Herabsetzung der Umlage ausgesprochen. Auch viele preußischen Provinzen haben er- klärt, die Umlage nicht erfüllen zu können. Wie lautet? doch damals die Mahnung der Landwirtschaft? „Beschließt nichts im Reichstag, was nicht ausgeführt werden kann!" Durch ,bie HSHersetzung der Befrei- ungsgrenze fallen gerade in den westlichen und südlichen bäuerlichen Gebieten eine große Anzahl von Betrieben aus. Der stark zusammengeschmolzene Rest muß die Umlage allein tragen. Der Gedanke der Befreiung der Kleinbetriebe von der Umlage ist richtig, nur hätte man ihm dadurch auch dienen sollen, daß man entsprechend unserem Antrag die Gesamttimlagemenge im gleichen Maße verringert hätte.
2 Die naßkalte Witterung der letzten Wochen bet die Ausreise des Kornes verhindert und durch Lagerfrucht eine verspätete, erschwerte Bergung der Ernte zur ssiolge gehabt. An die Stelle der Maschinenarbeit ist insolgedessen die verteuernde und verzögernde Handarbeit getreten.
3. Die letzten Tage haben eine weitere Verschlechterung der Mark gezeitigt. Verschlechterung der Mark aber bedeutet Prerssteigerung auf allen Gebieten. Auf die Erhöhung der Kohlenpreise und neue Lohnforderungen sei besonders hinzuweisen. Unter 'der Einwirkung all dieser Umstände tritt da» Mißverhältnis zwischen Umlagepreis und Produktionskosten sowie ztr-i- schen Umlagepreis und Marktpreis stärker zutage. Be- bauerlicherweise hatte die Mehrbett des Reichstages sich für eine Preisfestsetzung entschlossen, die erst geraume Zeit spater wirksam werden soll. Das ist in einer Zeü fast täglichen Wechsels des Wirtschaftsbildes eine Unmög kickkeit. Nür die Möglichkeit des Anpassens an die jeweiligen Währungs- und Wirtschaftsvcrhältnissc gibt die Möglichkeit der Fortführung der Produktton. Ein starres Wirtschaftssystem kann keine Konsolidierung der Wirtschaftslage zur Folge haben, solange die Wirtschaft lediglich Objekt ist. Im Reichstag war darum von uns gefordert worden, nachdem uns die Möglichkeit der freien Preisbildung genommen war, daß ber Umlagepreis zwei Drittel des Marktpreises am Tage »er Ablieferung betragen sollte. Leider erfo'glos!
Daß die Umlage kein politischer Er folg für sbie ist, die sie gemacht haben, wird sich in nächster Zeit ebenso klar erweisen, wie heute schon erwiesen ist, daß sie K«t« Erfolg für die deutsche Wirtschaft ist.
Sintoönhe LW Smgtt.
Paris, 7. Aug. Der Sonderberichterstatter der Havas-Agentur in London schreibt: Der erste Tag der Konferenz war fast vollkommen durch die Erklärung ausgefüllt, die P o i n c a r 4 im Laufe der Vormittags- und Nachmittagssttzung auf Verlangen Lloyd Georges über die durch das deutsche Etundungsverlangen geschaffene Lage abgab. Poincarä erinnerte zunächst an die verschiedenen Verfehlungen Deutschlands im Laufe der drei Jahre gegenüber dem Vertrag von Versailles, namentlich an die Nichtauslieferung der Kriegsbeschuldigten und an die Entwaffnung, die nur unvollkommen sei, und stützte sich in dieser Beziehung auf Auskünfte, die er von dem Vorsitzenden der interalliierten Militärkontrollkommission in Berlin Rollet erhalten habe. Zur Entschädigungsfrage übergehend, sagte PoincarS, er sei gegen eine Stundung, wolle aber ttcht ohne die Verbündeten handeln. Er wünsche alle seine Karten aufzudecken. Die Steuern seien in Deutschland beständig heruntergefetzt worden. Frankreich erhalte überhaupt nichts. Deutschland vermehre seinen Geldumlauf ohne Bedenken.
Psincarä forderte, daß im Falle der Entsckä- gnngsausschnh Deutschland eine Stundung bewillige, die Verbündeten als Gegenleistung produktive Pfänder verlangen sollten, innere Kontrolle, Ausbeutung der staatlichen Bergwerke und der Staatswälder und Beteiligung an den großen I n d u - striegesellschaften. Was seine Grundsätze anbetreffe, so sei er unnachgiebig.
Lloyd George machte in seiner Erwiderung, bevor er auf die von Poincarä gemachten Vorschläge einging, einige Bemerkungen über die allgemeine Lage. Er sagte, alle Verbündeten litten schwer: die Lage sei überall ernst, Er erinnerte Poincarä an die Verluste Großbritanniens und Italiens sowie an die Steuerlasten Englands. Die Last Großbritanniens sei derjenigen der am schwersten belasteten Länder mindestens gleich. Auf die Entwaffnung Deutschland; übergebend, sagte Lloyd George, keine militärische Autorität könne in Abrede stellen, daß Deutschland außer Stande sei, ein Heer auszurüften, das selbst gegen eine der kleineren Mächte auftreten könnte. Das militärische Deutschland sei niedergebrochen: es liege im Staube. Deutschland fei kaum imstande, die Ordnung in feinem Lande au-recht zu erhalten. In dieser Beziehung habe der Versailler Vertrag gute Arbeit verrichtet. In Bezug auf die deutschen Zahlungen sagte Lloyd George, trotze der bewilligten Aufschübe habe Deutschland insgesamt bisher 10 Milliarden Eoldmark bezahlt. Das sei immerhin eine Summe in Anbetracht dessen, daß Deutschland drei Revolutionen durchgemacht habe und offenbar eine nur unvollkommene Kontrolle über alle Teile des Reiches habe. Trotzdem habe der Earantieausschuß einen im großen und ganzen g ü n st i g en Bericht über die Bemühungen Deutschlands zur Einziehung der Steuern erstattet. In dieser Beziehung habe Deutschland nicht schlecht gearbeitet. Es sei wahr, daß Deutschland Klagen über feine schwere Lage erhebe. Die Versicherungen eine; Schuldners dürften nicht ohne eine Nachprüfung bingenommen werden, aber es handele sich bei Deutschland nicht um ein blo- sti's Gejammer. Der Wechselkurs sei ein wichtiges Fieberthermometer. Das muffe von den verbündeten Staatsmännern in Rechnung -gezogen werden. Er habe nicht den Wunsch, daß Deutschland frei davonkomme, aber die Frage sei, welche Methoden angewandt werden sollen. Lloyd George schlug vor, den Rat von Sachverständigen über dis Vorschläge Poincaräs einzuziehen, bevor die Minister sich für den einen oder anderen Plan entschlössen.
S ch a n z e r und Theunis betonten, wie schwere Verluste ihre Länder gehabt haben und stimmten dem Vorschlag Lloyd Georges zu. Der japanische Delegierte sagte, das einzige Ziel der Verbündeten müße fein, so viel Geld wie möglich zu erhalten. Auch er stimmte dem Vorschlag Lloyd Georges zu.
Es wurde beschlossen, die Erklärung Poincar6s über die Pfänder dem Sachverständigenausschuß zu unterbreiten, der am Dienstag Vormittag unter dem Vorsitz des englischen Schatzkanzlers Sir Robert Home zusammentrete.
Paris, 8. «ug. Der Sonderberichterstatter für Havas in London ergänzt die Mitteilungen über die von Poincare verlangten Pfänder durch weitere Angaben. Poincare beanspruche eine Kontrolle über die Aussubrbewilligilngen, über das Ruhrgebiet, ferner die Ausbeutung der Staatsbetriebe und Domantal- forsten, sowie eine Beteiligung an deutschen Jndustrie- gesellsckaften.
DaS .Echo de Parts" empfiehlt eine stärkere Beteiligung an der deutschen chemischen Industrie als an anderen Jndustrieunternehmungen. Hierdurch könne man eine Garantte gegen die Herstellung von giftigen Gasen finden. Das Blatt erläutert den Begriff der Zollgrenze dahin, daß der Polncarescbe Vorschlag dabln ab ziele, die im April 1921 ausgerichtete Zollschranke wieder herzustellen,
Bit Summo Men Sointate unü Md Stoioe.
Paris, 8. «ug. Wie der Berichterstatter des „Echo de Pari«" mlttettt, hat Poincare gestern erklärt, Frankreich w.ürde seine Handlungsfreiheit wieder in Anspruch nehmen, wenn fdintt Forderung nicht Rechnung getragen würde. Lloyd George habe gefragt, ob er vor einem regelrechten Ultima- tum stehe. Chamberlain habe aber alsbald die Kontroverse beendet, indem er erklärte, er hätte beim AnhSren der Siede des französischen Staatsmannes nicht den Eindruck gehabt, das; den Verbündeten ein regelrechtes Ultimatum hingeworfen werde. Er habe Poincarö gebeten, seine Auffassung bestimmter auSzu- briiden. Dieser sei gutwillig daraus etngegangen, und dabei sei es geblieben.
London, 8. «ug. Die zunächst entstandene Sorge, dah PoincarLS Rede «in Ultimatum darstrlle, das die Alternative der uneingeschränkten Annahme ober des selbständigen Vorgehens Frankreichs enthalte, ist durch das Eingreifen CkunnberkaünS zerstreut worden, der Poincare zu der ErNSrung veranlagte, daß, während der Grundsatz der Kontrolle anerkannt werden mühte, ihre endgül'iae Form eine offene Frage bilde. Einer der Houvteinwände Lloyd Georges gegen den Plan Vo.ncareS war, dah die anzuwcnden- den Methoden Nch im Gegensätze zu früheren Matz- nahmen im Rheinland« bezahlt machen mühte».
Der itatteniswe Auhermlnister deutete an. dah er noch nicht bereit sei. sich vorbehaltlos dem britischen oder fianzSsischen Standpunkt anzuschlictzen.
Die belgische «borbmma hält mit ihren «»sichten noch zurüit. Sie ist an der Frage der Kriegsschulden Nicht interessiert unv wird deshalb gute Dienste tun können, wenn dlefe mit der Entschädigungsfrage in Verbindung gebracht werde, was unbedingt geschehen »rüste, wenn nicht auf dieser dann auf der nächsten Konferenz, wovon gestern inofstie« gesprochen worden fei.
Gegen Schluß der Sitzung betonten Lloyd George und Poincare die MtN't-qfclt der Einigkeit und der Svlidartiät unter den Alliierten.
Die Mnno btr 6oteWiofn.
Paris, 8. Aug. Havas erfährt von feinem Sonderberichterstatter in London, die Sitzung der Sachverständigen fei um iy4 Uhr zu Ende gegangen. Ihrem Auftrage entsprechend hätten sie die Frage geprüft, ob die von Poincarä vorgefchlags- nen Maßnahmen produktiver Art wären. Sie hätten sich darüber geeinigt, daß die Maßnahmen tatsächlich eine im Vergleich zu den deutschen Verpflichtungen geringe Summe einbrächten, die aber immerhin sich auf 300 bis 400 Millionen Eoldmark stellen würde. Englischerseits habe man indessen eingewandt, daß die vorgeschlagenen Maßnahmen einen nur geringen Ertrag bringen würden und die Gefahr mit sich brächten, das deutsche Wirtschaftsleben zu desorganisieren. Der englische Widerstand habe sich besonders gegen die Besteuerung der aus dem Ruhrgebiet abbeförderten Waren gerichtet.
Weiter meldet Havas: Die britischen Sachverständigen haben erklärt, daß die Verbündeten schon aufgrund der ftüher getroffenen Abmachungen über präzise und produktive Pfander verfügen, wie z. B. die 26 prozeniige Abgabe von der deutschen Ausfuhr und die Inanspruchnahme der Summe für Entschädigungszwecke. Uebiigens hätte der im Monat Mai vorig-n Jahres eingesetzte Earantie- ausschuß die Machtbefugnis, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wenn er es für notwendig erachtet, Finanzminister de Lasteyrie habe erwidert, daß Deutschland sich seiner Verpflichtungen in Bezug auf die Abgabe vom Export entledige, wie es da; mit dem Rest seiner Schulden tue. Wenn andererseits Deutschland für die schwebende Schuld eine Stundung bewilligt werde, könnten die ergriffenen Maßnahmen nicht mehr durchgeführt werden. Die ins Auge gefaßten Pfänder seien technisch fiskalisch-produktive Pfänder und hätten keinen militärischen Charakter, wie etwa die Besetzung neuer deutscher Gebiete.
London, 8. Aug. (Havas.) Die Sachverständigen hielten heute Nachmittag abermals eine
Sitzung von kurzer Dauer ab. Die Ministerpräsidenten werden gegen Ende des Tages zusammen» treten.
Die Aussprache war wiederum außerordentlich erregt, und es kam mehrfach zu ernsthafte« Zusammenstößen zwischen dem englische« Schatzkanzler Sir Horne und dem französischen Minister der Finanzen de Lästerte.
Italien für durchgreifende Revision bet wirtschaft, lichen Bestimmungen des Vertrages von Versailles.
L o n d o n, 9. Aug. In Kreisen der italienischen Abordnung ist man mit Rücksicht auf die wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands sowohl gegen die Besetzung des Ruhrgebiets wie auch gege» die Maßnahmen, die Deutschlands Hilfe nur fit eine gewiße Zeit gewähren können, und hält es für besser, sofort durchgreifende Maßnahmen zu treffen, um die wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensvertrages zu revidieren. Deshalb schlagen die italienischen Delegierten die Einsetzung einer interalliierten technischen Kommission vor, die Mittel ersinnen solle, durch die Deutschlanb seine Finanzen stabilisieren kann.
FranzöM PrMiNMN.
Paris, 8. Ang. Uefcei die gestrige erst« Sitzung des Obersten Rates drahtet der Sonderberichterstatt« des „Oeuvre": Die Konferenz ton London hat begonnen, wie man erwarten konnte, mit einem sehr heftige« Zusammenstoß. Poincar6, dem sofort nach Eröffnung der ersten Sitzung das Wort erteill wurde, entwickelte sein Programm und verflieg ftch dabei zu bet Aeußerung. daß, wenn es sein müsft, Frankreich seine HandlungSsreiheiheit gegenüber Deutschland beansvruche.Alle Anwesenden,fährt der Berichterstatter fort, seien erstaunt gewesen über diese brüske Offensive, und Lloyd George habe in ziemlich heftigen Worten geantwortet. Poincarbhabe herausgefühlt, daß er zu weit gegangen sei und habe in der Nachnttttagssitzung ein« gemäßigtere, fast konziliante Sprache geführt, und die anderen Mitglieder der Konferenz hätten sich bemüht, die gewitterschwangere Atmosphäre, die der Zwischenfall am Bonnittag ausgelöst hat, zu verscheuchen.
Nach dem Berichterstatter des „P-ttt Parisien" können die Meinungsverschiedenheiten auf der Konferenz wie folgt gekennzeichnet werden: Die Engländer glaubten, die beste Art, Deutschland zum Zahlen zu bringen, |d, daß man ihm Zeitlasie zum Bc rschuaufen, die Franzosen jedoch glaubten im Gcg-'fteil, daß, je länget man warte, desto mehr Deutschland geneigt sei, sich zu entziehen. Man müsse deshalb unverzüglich wirkungsvolle Zwangsmaßnahmen gegenüber diesem Schuldner ergreifen, der weniger zahlungsunfähig, als widerspenstig sei. Es sei noch nicht sicher, daß es gelingen werde, eine Brücke zwischen diesen beiden Auffassungen zu schlagen.
Der Sonderberichterstatter des „Petit Journal" will den Eindruck festgestellt haben, daß die Meinung;- nerfchicdenheiten ernst genug seien und daß di« Aussichten aus eine Verständigung ungewiß bleiben. Weder die englischen Minister noch die Finanzkreise von London hätten Vertrauen zu den torgefchlagenen Heilmitteln. Man befürchte, sie kämen zu spät: man hätte sie besser während der Konferenz von Cannes Vorschlägen teilen, als der Markkurs noch elastisch genug c.welen sei und bet Puls des Kranken noch l-bhaft. Man frag« sich, ob diese Ausnahmen helfen könnten, das große Problem zu lösen, das darin bestehe, ungeheure Summen aus einem Land mit niedrigem Geldstand in ein Land mit höherem Geld stand überzuführen. Da man außerdem von der Wirkung der vorgcschlagenen Maßnahmen nickt überzeugt sei. schwanke man, sie Deutschland auf- zuzwingen, weil man als Konsequenzen befürchtet, den heftigen Widerstand Deutschlands, den Tiefstand der Industrie und die Verminderung btr Kaufkraft Deutschlands.
Alfred Capus schreibt im „Figaro": „Sagen wir es gleich, daß die Anssübrungcn übet die P s ä n d e r, d. h. über ein zusammenhängendes Ganzes von Maßnahmen im R u h t ge b i e t, die Beteiligung an Aktiengesellschaften, die Wiedetaufrichtung der Zollgrenze, die In- betriebnahme der Forsten usw. auf ke inen direkten WÄ^rstand gestoßen sind. Sie sind Sachverständige» überwiesen worden, die sie einet Prüfung unterziehen.. Lie werden den Gipfel bet Erörterung datstellen. Bon dem Ergebnis der Prüfung, da? sich noch nicht beurteilen ?äßt, hängt das weitere Verhaften Frankreichs ab, Frankreich hofft sehnlichst, daß England und Italien ihm ’.ur Seite bleiben.
Der „Gankois" sagt, Poincare hebe in der Frage bet Pfänder ertlärt, daß er unter keinen Umfiän- dennachgebe. Die Verbündeten hätten begriffen, daß es sich nicht um einen Bluff oder eine bloße Takttk handele, sondern daß dies vielmehr Frankreichs letztes Wort gewesen sei. Sie hätten bubet beschlossen, den französischen Votschlag sofott zu prüfen. Damit sei über die Annahme ober Ablehnung dieses BorschlageS ncch nichts gesagt. Nichtsdestoweniger bezeuge die «in» müttg« und unaufgefordert« Zustimmung der Delegiert« zu« Grundsätze einer Untersuchung der Pfändersrag»