Das Geld behalt seinen
Wert. Man mug es nut richtig anwenden. Das erkennt man am besten, wenn man feine Kleider, Blusen, Gardinen, Strümpfe nfw. mit den weltberühmten »Kettnemrn's Farben-, Marke -Attchskopf he Stern- selbst färbt und dann fieht, welch prachtvollen Erfolg man durch die kleine Ausgabe erzielt hatte. <
ObtrhcWse
Zeitung
Zweites Blatt
Nr. 176
Sonnabend, 29. Juli Heuert 1922
MAli-RMU.
Bayern und das Reich. — Die Entscheidung des Ent- fchildtgungsausfchuffes. — Die Londoner Verhandlungen. — Die Haager Konferenz.
I.
Die Wellen der ersten Erregung über das bayerische ^Vorgehen gegen das Schutzgeseh scheinen sich allmählich zu beruhigen. Auch im ReicbSkablnett gewinnt die Auffassung die Ueberhand, dass die Streitfrage zwischen Bayern und dem Reich mit Ruhe und Besonnenheit und auf dem verfassungsmäßig gegebenen Wege ausgetragen werden mutz. Wenn die Regierung gut beraten ist. und wenn sie das Reichsinteresse in der richtigen Weise versteht, so fährt sie auf diesem Wege fort. Denn nichts wäre verkehrter, als die Anwendung von Zwangsmitteln gegen Bayern. Als das Reich in der Blüte stand und die schärfsten Machtmittel in der Hand hatte, ist bet den Beziehungen zwischen dem Reich und den.Bundesstaaten nie etwas anderes als gegenseitige Verständigung in Frage gekommen. Bei der geschichtlichen Entwickelung Deutschlands ist das Feld unserer innerstaatlichen Beziehungen für die Austragung von Machtkämpfen das denkbar ungeeignetste. Das Deutsche Reich beruht auf der freiwilligen Unterordnung sämtlicher Staaten unter den Reichsgedanken. Und sede Gewaltanwen- dtliig mutz bet dieser Lage der Dinge den Rahmen sprengen. Deshalb hat auch niemand sorgfältiger und behutsamer als Bismarck (dessen Todestag sich morgen zum 21. Male fährt) die etnzelstaatltchen Beziehungen behandelt. Und wenn man an die Stelle feiner meisterhaften Staatskunst gewaltsame Eingriffe fetzen wollte, so wäre damit nichts gewonnen und alles aufs Spiel gesetzt. Deshalb kann auch unter den heutigen Umständen von der Anwendung von Gewalt keine Siebe fein, zumal die Mackitmittel des Staates heute den Vergleich mit früher auch nicht im entferntesten mehr aushalten. Die Anrufung des Reichsgerichtes, rin Eingreifen des Reichspräsidenten, die Anrufung des StaatSgerichtshofes des Deutschen Reiches — das alles sind verfassungsmätzige Mittel, die dazu dienen können, die Streitfragen zwischen dem Reich und Kadern zu klären und der Verbandlungsgrundlage näher zubringen. Allen Scharfmachern, in Bayern sowohl wie im Reich, mutz entgegengehalten werden, datz es nichts anderes geben kann, als einen friedlichen Ausgleich zwischen der Reichs- und der bayerischen Regierung.
II.
Durch die neue tnnerpolitische Spannung werden die Blicke des deutschen Volkes abermals von den lebenswichtigen Vorgängen abgelenkt, die sich zwischen Frankreich und England ubsvielen und unsere Ent- schäbigungSverpslichtungen aufs engste beriihren. Die deutsche Regierung hat die Finanzkontrolle ans sich genommen, ehe der Auswärtige Aus- fchntz dazu Stellung nehmen konnte, und sie trägt nun auch allein die Verantwortung für die Folgen, die sich aus ihrer Politik ergeben werden. Wie die Dinge zurzeit liegen, hat die deutsche Regierung sich einer zweifellos sehr tiefgreifenden Kontrolle der Finauz- gesetzgebung und der Finanzverwaltung unterworfen, ohne datz bisher eine Gegenleistung sichtbar geworden wäre, lieber diesen Punkt wird man aber nicht eher Ngr sehen, als bis der Entschädigungsausschutz seine Entscheidung gefällt bat, und auf diese Entscheidung wird man voraussichtlich solange zu warten haben, bis eine Einiauna zwilchen Paris und London er- zirlt r
iii.
D,c Haltung des französischen Ministerpräsidenten lst in der letzten Zett nicht ganz fest gewesen. Potn- eare hat unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Forderung des Garantieausschufles an den französischen Vorsitzenden des Entschädtgungsausschusses, Dubois, ein Schreiben gerichtet, in dem er seiner Unzufriedenheit mit dem Verhalten des Garantieaus- schusses Ausdruck gab und wesentlich schärfere Matz- iiahmen gegen Deutschland vorschlng. Ob dieser Brief durch einen Bruch der Vertraulichkeit öffentlich be- launt geworden ist oder ob PoiNearö seine Meinung geändert bat — sicher ist, datz die offiziöse französische Havasagentur nachträglich versicherte, die Entscheidung des französischen Ministerpräsidenten fei noch nicht endgültig, und fene briefliche Aeutzerung stelle nur in gewissem Sinne eine vorläufige Auffassung dar. Es wurde angedeutet, datz diese Auffassung sich inzwischen geändert habe. Man kann also bis auf weiteres annehmen, datz das ursprüngliche Pariser
3m Schatten.
Original-Roman von Erich Ebenstein.
(Nachdruck verboten.)
Urheberrecht 1921 durch Greiner & Co., Berlin W. 30.
9. Fortsetzung.
„Sie verzeihen meine Herren, ich habe heute keine Lus! zu spielen. Uebrigens wird es ohnehin bald Leit zum Abendessen. Wenn sie nichts dagegen haben, wollen wir bis dahin den Damen ein wenig Gesellschaft leisten."
Die Herren waren natürlich einverstanden. Nach dem Abendessen wurde meist noch eine Stunde gespielt. Vielleicht war der Hausherr dann mchl bei der Sache.
Aber Oppach blieb auch nach dem Abendessen ein zerstreuter Spieler.
„Hosfentlich haben sie keine ungünstigen Nachrichten vom Kriegsschauplatz?" meinte Herr Sakrow, ein bekannter Finanzmann und augenblicklich Oppachs Partner im Spiel, besorgt.
„Oder macht ihnen die neue Kriegsanleihe in der Bank zu schaffen?"
„Keines von beiden. Meine Nachrichten sind die «Ilerbesten und das Ergebnis der Kriegsanleihe wird alle Welt überraschen. Aber ich gebe zu, daß ich heute abend elend spiele. Ich habe seit dem Morgen arge Kopfschmerzen, das mag wohl schuld daran sein."
„Warum sagen sie das nicht gleich? Da hören wir natürlich auf zu spielen. Es tut mir leid, daß jie soviel verloren haben."
Oppach lachte. „Ich hosfe, sie denken doch nicht, daß meine Finanzlage durch die 15- oder 20 000 Mark erschüttert tvirb, lieber Sakrow?"
Trotz der angeblichen Kopfschmerzen ging Oppach in dieser Nacht viel später als sonst zu Bett. Halb- vusgekleidet knipste er das Licht ab und begann in: Ammer auf und ab zu wandern, eine Beute ärgerlicher und unruhiger Gedanken. -
Programm nicht mehr besteht. Diese erste Befchlutz- mffung Poineares und seines Kabinetts nahm eine Stundung von sechs Monaten in Aussicht — der reinste Spott und Hohn — und verlangte als Entgelt dafür eine Reibe schwerer „Garantien-, die weit über die Finanzkontrolle hinausgingen. Es kann niemand mit Sicherheit sagen, datz diese französische Forderung begraben sei, und noch weniger Weitz man, was an ihre Strlle treten soll.
IV.
Alle diese Zweifel sollen angeblich durch die bevorstehende Reise Poinearös nach London behoben werden. Dieses Zusammentreffen der beiden Ministerpräsidenten war schon längere Zeit vorgesehen, wurde aber im Anfang von Poincar- als eine Nebensächlichkeit bewachtet, die erst an die Reibe kommen sollte, stachdem der Entschädigungsausschutz seinen Urteilsspruch gestellt batte. In diesem Punkte ist ein bemerkenswerter Wandel etngetreten. Wie es scheint, geht die französische Ansicht jetzt dabin, datz bei der Zusammenkunft des französischen und des englischen Ministerpräsidenten vielleicht eine Vereinbarung getroffen werden müßte, die es gestattet, auf das deutsche Stundungsgesuch eine andere Antwort erteilen zu lassen, als ursprünglich beabsichtigt war. Eine internationale Anleihe für Deutschland scheint wieder in den Bereich der Möglichkeit gerückt zu sein. In Paris gibt man sich der Erwartung hin, datz die englische Regierung durch die Kriegsverschuldung Frankreichs an England einen Strich machen werde, und datz sich dadurch die Möglichkeit ergäbe, dem Problem der internationalen Anleihe näher zu kommen. Vielleicht find auch amerikanische Triebkräfte am Werke, die darauf binarbeiten, die trostlose europäische Finanz- und Wirtschastslage irgendwie aus den Weg der Gesundung zu bringen. Wie wett es sich hier um Sttm- mungen handelt, wie weit um Tatsachen, ist schwer zu erkennen. Es wäre aber immerhin möglich, datz das englisch-amerikanische Wirtschaftstnteresse diesmal doch die französischen politischen Ziele überwiegt und datz die. Antwort des Entschädigungsausschussrs günsttaer ausfällt, als man es nach dem ersten Auftreten Poin- cares erwarten konnte.
V.
Das Bild der autzenpolitischen Ereignisse zeigt fast nirgends erfreuliche Züge. Im Haag sind die Verhandlungen mit den Russen ergebnislos verlaufen und damit hat die Konferenz von Genua, die im Haag eine kleine Wieder-Auferstehung erleben sollte, einen Ausgang gefunden, der kaum noch ein vosittves Er- ttägnis erkennen lätzt. Das einzige greifbare Ergebnis der Konferenz von Genna war der Beschlutz, im Haag die Verhandlungen mit Rußland — unter Aus- Mutz Deutschlands — weiter sortzufiibren. Man übernahm aber nach der holländischen Taaungsstadt denselben klaffenden Zwiespalt, der in Genua die Geister geschieden und am positiven Schaffen verhindert batte, Frankreichs politische Feindschaft gegen Sowjct-Rutzland stand einer allgemeinen europäischen Wirtschaftsvereinbarnng mit Rußland bindernd im Wege. So ist die Konferenz auseinandergegangen, ohne das Mindeste erreicht zu haben; nur ein einziger Ausweg, der schon in Genna sichtbar wurde, und den Deutschland beschritten hat, bleibt noch offen, der der Sonderverbandlungen einzelner Mächte mit Rntzland. Datz er jetzt beschritten werden wird, unterskeinem Zweifel.
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Gin Proteil Iw 96* o-oen den ReiA- Perkehrrminister.
Karlsruhe, 28. Juli. Der badische Landtag befaßte sich in feiner heutigen Sitzung mit einer Interpellation des Zentrums und der Sozialdemokraten betreffend die Umwandlung der Eisenbabn-Generaldireftion Karlsruhe in eine Reichsbahndirektion. Die Interpellanten beklagen sich über Eingang der Sclbständigkrit der Karlsruher Eisenbahngeneraldirektion und über Zurücksetzung der früheren badischen Eifenbahnbeamten. Darauf erwiderte der Finanzminister Köhler: „Es handelt ich darum, daß der Staatsvertrag über den Uebergang an das Reich und das Beschlußprotokoll eingehalten wird. Dagegen verstößt aber eine Verfügung des Reichsverkehrsministeriums vom 6. Juli d. I. betr. Aufhebung der Bezeichnung „Eis-nbahngeneraÜiirektion". Unser Protest geht nicht vereinzelt nach Berlin. Württemberg und Sachsen teilen unseren Standpunkt. Wir haben an der Umwandlung der Bezeichnung ein formelles und sach- ji sagtsnasB »
WaS wollte dieser Perez Ij:er? Bereiste er Europa wirklich zum Vergnügen? Bah — jetzt im Kriege! Es war nicht sehr wahrscheinlich. Irgend einen Zweck verband er sicherlich damit.
Und bann: Mit welchen Blicken er Brigitte befrachtet hatte. Oppach ärgerte sich noch jetzt darüber. Das könnte ihm so in den Kram passen, daß dieser wildfremde Mensch ihr Torheiten in den Kopf setzte und dadurch die geplante Heirat mit Halban gefährdete.
Diese Heirat, auf die er so viel Gewicht legte, und die unbedingt zustandekommen mußten aus tausend unb einem Grunde.
Draußen strahlte der Mond Über dem Park. Oppach tand lange am Fenster und starrte nachdenklich auf die silberne Scheibe, ohne das geringste von ihrer Schönheit zu sehen ober den Zauber der Nacht zu sühlen.
Ein harter Zug lag auf seinem sonst immer liebenswürdig lächelnden Gesicht.
Nein. Seine Pläne sollte ihm keiner stören. SJeber dieser Mexikaner noch Brigitte selbst. Die Heirat mit Halban würde er beschleunigen und nötigenfalls mit Hochdruck erzwingen. Diese ewige Sorge um das Mädchen mußte endlich aus seinem Leben ver- chwinden.
6. Kapitel.
Der alte Herr v. Degen ritt ans dem Wald heim, wo er die Holzschlägerarbeiten eine Weile beaufsichtigt hatte. Zwar viel war dies Jahr nicht los auf dem Schlag. Die meisten Holzknechte steckten ja seit Jahr und Tag in der Uniform, und was nun unter der Aussicht des alten Holzmeisters dort oben arbeitete, war im Grunde „Krüppelzeug". Immerhin gearbeitet wurde doch, und der Inspektor war seit einer Woche gleichfalls eingerückt, also mußte eben der Herr selber heran, um zum Rechten zu sehen.
Er ließ sich den scharfen Dezemberwind vergnügt um den grauen Kopf blasen. Na, und schließlich: schwer fiel ihm ja das bißchen Rechnungen überprüfen
liches Interesse. Die Zurücknahme der ausgeführten Verfügung muß umgehend erfolgen. Ich kann die badische Beamtenschaft versichern, daß die badische Regierung ihre Pflicht erfüllen wird. Sicher ist, daß wir an den Staatsgerichtshof gehen, wenn man unteren berechtigten Wünschen nicht entsprechen sollte.
Nach einer längeren Aussprache wurde in einem einstimmig gefaßten Beschlüsse die Haltung der Regierung gebilligt.
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SMmMA Srooolatett.
Die russische Zeitung „Poslednija Nowosti" meldet, daß nach einer Verfügung der russischen Regierung alle Maßnahmen ergriffen worden seien, um in die natio- nalen und deutschvölkischen Organisationen b o l s ch e - wistischeProvokateureeinzusckmuggeln, bi? iugendliche Heißsporne und Fanatiker zu Anschlägen gegen reichsdeutsche führende Politiker verführen sollen. Das Matt schreibt wörtlich: „Es ist kein Geheimnis, daß in diesen Vereinen bolschewistische Agenten ihr schlaues Spiel tteiben und die Arme jugendlicher Fanatiker lenken."
Damit findet eine sich in gleicher Richtung bewegende sBehauptung Ludendorffs von russischer Seite ihre Bestätigung.
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Marburg und Umgegend.
Marburg, 29. Juli (Heuert).
*VomFulda-Main-Kanal. Am 15. d Mts. fand in der Handelskammer zu Würzburg die erste ordentliche Generalversammlung des See-FuÜxi-Main Kana'l- vereins statt. Die Versammlung war, toi - die „Franks Ztg." berichtet, aus allen Teilen des Einflußgebietes dieser Kanalstraße gut besucht. Auch die beteiligten Regierungen waren vertreten. Aus der Tagesordnung ist b/vv- ders der Geschäftsbericht des Geschäftsführers zu erwähnen, aus dem hervorging, daß der Vorsprung, den di- Werralinie infolge des sehr langen Bestehens i^rer Interessenvertretung hatte, eingeholt worden ist. Die Reichs- regiernng hat die Prüfung des Proieftes einem Vor- ackdeitsamt in Eisenach übertragen, welches am 1. April 1923 mit der Prüfung beginnen wird. Die Interessenten -rhalten Einfluß auf die Prüfung durch Schasfiing eines Beirates. Die zur Zeit seitens des Ruches ang-e"orderten Mittel sind vorbanden, doch dürften diese für die ganze. Dauer der Prüfung infolge der Geldentwertung nid): ausreichen, so daß der Verein weiterhin bestrebt fein muß. seine Mittel zu stärken. Für diese Vo-arbeiten liegt ein neu ausgeplantes Proiekt, welches im Auftrage des Vereins ausgearbeitet wo "den ist, vor. Hierüber berichtete in <nein länaeren Vortrage Magistratsbaurat Uhlfcder-Frankfurt a. M. Aufbauend auf die früheren Profekte ovn Ministerialdirektor Svmvher und Wasfer- tuudirektor Rheder vermied es alle Schwächen, die jenen Projekten noch anhafteten, indem es gelang, über den Distelrasen ohne einen Durchstich zu gelangen. Glcich- zeitig wurden auch die Mafserzuführungsverhäl^niss' unftr itebt und als ausreichend erkannt. Die Elektrizitätsversorgung unseres Wirtschaftslebens erfährt durch die vorhaudeuen Schleusen eine starke Ergänzung. Im übrigen zeigte die Versammlung das Bild vollständiger Einigkeit über die Vorteile des Kanals für die natioualdeittsche Wirtschaft, für deren Vorarbeiten auch eine kräftige Unterstützung sritens Bayerns und besonders seines Kreises Unterfranken feststeht.
*Strafkammer. (Feriensitzung.) Unter der Beschuldigung in Rommershausen in einer Gastwirtschaft einen Einbruchsdiebstahl begangen und allerhand Sachen entwendet zu haben, stand ein älterer Mann aus der bortigen Gegend. Seine Schutzbehauptung, daß er die verschiedenen Sachen gekauft, wurde nicht für widerlegt -rächtet, doch hielt das Gericht Hehlerei für festgestellt. Das Urteil lautete auf 9 Monate Gefängnis amb außerdem wurde er wegen unbefugten Waffenbesitzes zu einer weiteren Woche Gefängnis verurteilt. — Ein Metzger aus Corbach hatte in Marienhagen einen Stier gekauft und dabei keinen Schlußschein ausgestellt. Er machte geltend, daß er das über 4 Zentner schwere Tier für seinen Familienbedarf gekauft und auch einige Zeit in seinem Stall eingestellt habe. Es wurde auch festgestellt, daß
und Beaufsichtigen nicht, trotz seiner 60 Jahre. Die Ottentaler Luft erhielt merkwürdig jung.
Wenn man bedachte, wie alt und hinfällig dagegen der neue Besitzer von Osterloh aussah. War freilich chon an die Siebzig wie seine Haushälterin, Fran Baumann, neulich der Mamsell Schwalle auf Oriental erzählte, als sie herüberkam, um Salatsamen zu kaufen.
„Aber der gnädige Herr sehen gegen ihn aus wie 'n Jüngling," setzte Mamsell Schwalle hinzu.
„Macht die gute Lust hier, Mamsell," hatte er gelacht, „und das gute Futter, das meine liebe Fr<m mir allemal vorsetzt. Und d r Stolz auf meinen Buben, der so tapfer fürs Bote, taub kämpft. Jawohl, das alles zusammen. Und das hat ja der neue Graf Dingsda brüten auf Osterloh wohl nichts
„Nein, das hat Graf Ronsperg nicht. Der hat bloß die alte Frau Baumann, die zwar schon Jahre lang in der Familie dienen soll, aber eben doch nur etne bezahlte Haushälterin ist."
Während die Erinnerung an dieses Gespräch durch des alten Degen Kopf ging, ruhte fein Blick unwillkürlich auf dem grauen Gemäuer des Osterloher Herrenhauses, das eben halb versteckt in einem Gewirr verwilderter Parkinassen links von der Straße auf« tachte.
Zehn Jahre lang hatte das einst schöne Gut unter Verwaltung geflauten, während sich fein Besitzer in der Welt herum trieb und bezahlte Hände es arg verkommen ließen. Dann war der Besitzer gestorben und Graf Ronsperg hatte Osterloh gekauft. Es hieß, er käme aus Thüringen und er sei ein Sonderling. Kircherlos, unbeweibt und menschenfeindlich. Was Wahres daran war, wußte Degen nicht. Aber Tat- ache war, daß er nirgends Besuche gemacht, nicht einmal bei dem nächsten Nachbar auf Ottental.
Ein paarmal hatte Degen den neuen Nachbar wrch das offene Gittertor in seinem Park gesehen. Zuweilen begegneten sie einander draußen am Gemeindeweg zum Dorf, der die Grenze bildete -wischen
er den Stier in Gesellschaft von zwei Schweinen i» Würste umgewandell hatte. Bei der Haussuchung wurde nicht ganz 1 Zentner Wurst aufgefunben. Während bet Staatsanwalt 2000 Mark Gelb strafe beantragte, kam baS Gericht »n einem freisprechenden Erkenntnis. I» der Begründung wurde gesagt, daß keine sicheren An- haltspunste für die Schuld des Ang.Nagten vorli-ge» und daß dieser beim Erwerb des Stiers die Absicht haben konnte, diesen nur für feinen eigenen Bedarf -n schlachten. — Als letzter Angeklagter erschien ein junger Mann, der im Oktober v.Js. im Landratsamt in Gemeinschaft mit einem Reifekollegen einen Schrank geöffnet und daraus Kleidungsstücke entnommen hatte. Während ihm damals die Flucht aus dem Gefängnis gelungen war, hatte .man seinen Genoffen bereits mit
Monaten Gefängnis bedacht. Im Juni ereilte auch >bn das Verhängnis, er wurde wieder festgenommen und hierher gebracht. Das Gericht verurteilte den An- geklagten wegen schweren Diebstahls zu 6 Monaten Äe- sängnis, wovon 2 durch die Untersuchung abgehen.
Landwirtschaftliches.
Landwirte, sorgt für gutes Kartoffel« faatgut! Der Stand der Kartoffeln Ist in diesem Jabr ein erfreulicher. Ganz besonders gut sieben überall diejenigen Flächen, für deren Bevflanzung neues, ntot abaebcnttes Saatgut verwandt wurde. Rur die Verwendung besten, nicht abgebauten Saatgutes verbirgt Hobe Ertrage, wie sie bettte tm Interesse des Landwirts selber und im Interesse der Volksernährung geerntet werden ^müssen. Deshalb sollte jeder Landwirt behebt sein, sich zeitig und zwar noch tm Herbst gutes Pflanzgut fürs Frühlobr zu beschaffen, sei c? durch Kauf oder durch Tausch. Denjenigen Landwirten aber, welche neues Saatgut bezogen und infolgedessen oute Kartoffclbestände haben, wird dringend geraten, dieselben jetzt auf kranke Stöcke durchzufeben. k-ind nur wenige träfe Stöcke vorhanden, so müssen dl-se rücksichtslos ausgerissen werden, damit keine kranken Knollen in die Ernte kommen. Rur durch Ke- 'ttnderhaliung des Ernteoutes wird der zu schnelle Abbau verbiudert. Sind beim ietzigen Durchgehen des Bestandes kranke Stöcke in größerer Menge vorhanden, so bars von diesem Felde kein Saatgut genommen werben: es muß neues befchgfft werden. Diesen! gen Loubwirte, welche aus neuem Saatgut gute Felber haben, sollten unbedingt Standenans- l e s e treiben in der Weise, bah sie eine gröbere Anzahl der besten Stöcke bezeichnen und diese sväter vorweg ernten, um für kommendes F^">hiahr best-I Saatgut ZN haben. Diese Staiidenanstese wird in viewn bäuerlichen Wirlschasle" Rorddeutfchlands pe- trieben und stellt ein autes Mittel dar, die Erträae ans guter Höhe zu erhalten. — Alle Landwirte mit outen Beständen aus neuem Saataut werden auch gebeten. gutes Pflgnzgut, soweit verfügbar, im Tausch aegen Zahlung eines Aufgefdes an andere Landwirte abzn geben, damit gutes Sgat- aut möglichst weit verbreitet wird. ES darf kein schlechtes, abaebautes Saal- but mehr gepflanzt werden! S.
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Berliner Broduftenmarkt.
Preiie tiir 100 Psd. w Station:
Ser»$tt. bett 28. 7. "922.
Weizen
1240—
Znttererbien
1100-1150
Roggen
925 93"
‘’rterbobnen
1050 - 1100
Sommergerste
1100—1130
'iiüen
Wintergerste
1010 1014
11 Wirten
1000 1200
ftaser
"»innen blaue
725 775
'"■'als
P4°—950
„ gelbe
975—1150
Weizenmehl
1502-1050
Seradella glte
oo-enmehl
1087 1187
neue
. —
Roqnenileie
750
5rockenscknitzel
680-7«
Raps
2200- 2250
Runkelrüben
—
■Rübten
Mähren, rote
—■
''einsaal
2200 -2250
gelb«
—
Reis
Mohn
——
flratilian. Vollreis
—
tzarimelasse
—
'CtattoHeln
340 -350
Wieiendeu, los«
500-550
SneÜeerdsen, Viktoria-
itleebcu
—
erdien
1550 -1050
Stroh drahtgevretzt
215-245
Spesseerdi. kleiner«
1350-1450
gebündelt
—
Für bie Schriftleitung verantwortlich: Kurt Hainle; Für ben örtlichen unb Provinz. Teil: Will». Wißner.
Sprechzeit ber Schristleitung b's 7,11 Uhr vormittags.
ien sm mii iwiii - -"fap—
Orientaler und Osterloher Grund. Dann wechselte man stumivseife Grüße und ging aneinander vorüber.
Des alten Herrn Stute trottete gemächlich längs der Osterloher Parkmauer hin und ihr Reiter dachte eben mit behaglichem Schmunzeln an das kräftige Frühstück, mit dem ihn feine verforglich« Gattin gewiß wieder daheim erwarten würde, als beide er» chreckt auffuhren.
Aus dem nahen Gittertor des Osterloher Parkes war mit lautem Geschrei ein halwüchsiges Mädchen gestürzt.
, Jesus Maria, so ein Unglück. Jesus Maria., was fangen wir denn an? Jesus . . ."
„Nanu, brüll doch nicht so, törichte Krabbe!" fuhr ie Herr o. Degen au, bemüht seine ©tute, die einen ür ihr Alter unerwartet jähen Seitensprung gemacht hatte, z» beruhigen.
„Siest du denn nicht, daß du mir den Gaul verrückt machst? Was ist denn ükerhouvt los?"
„Unser Herr Graf ...» Gott, unser Herr Graf ist . . - hat ..." stammelt« das Mädchen, in dem Degen nun erst die Tochter der Osterloher Kuhmagi» erkannte, atemlos, und starrte ihn ganz verivirrt an.
„Nun zuvi Kuckuck, was ist's denn mit eurem Grafen? So red« doch weiter!"
,,Dc liegt er . . . wie tot! Auf der nackten Diele! Und Frau Baumann schreit immerzu, es soll eine." nach dem Arzt lausen . . . und es sind doch alle Leute auf dem Feld draußen. Und den Ottentaler Arzt haben sie ja vorige Woche «»berufen." __(Fortsetzung folgt.) !