Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Marbmg.
Anzeiger für (das früher kurhessische) Ohxrhesse»
Mr. 162
Tie „CbfZeitun i“ ttltfjelnt sechsmal wöchentlich. —Bezugsoreis monatlich 26 Ml. <vüt austalleno« Nummern infolge Streiks oder elementarer Ereignilie keiu Erjatz. — Verlag von Dr. L. Hitze rotd. — Dru«der Unio.-Vuchdiuckerer von Ioh. Aug Red), Markt 21,LS. — Fernsprecher 55. PosHcheckkonto: Nr. 5015 Amr Statt tfurt a. Mair.,
Marburg
Donnerstag, den 13.3uli
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57. m 1922
Sie We usch des Mrder«.
"" Berlin. 12. Juli. Von zuständiger Stelle wirs Uitgeteilt: Die Fahndung nach den flürbtigen Mördern Rathenaus in Mitteldeutschland hat bisher noch zu keinem Ergebnis geführt Ta seit Packebusch (Regierungsbezirk Magdeburg) eine sichere Sp ■■ dm Tätern fehlt, ist es möglich, daß dies« sich noch i - srr Zeichen Gegend verborgen halten. Mit Rücksicht auf verschiedene bei der Polizei eingegangene Meldungen ist aber auch damit zu rechnen, daß die Mörder auf khren Fahrrädern bereits ein großes Stück weiter nach Süden geflüchtet sind und sich bereits in der Linie Magdeburg—Braunschweig—Hannover aushallen.
Rach neueren Mitteilungen sind die Täter in der Richtung Genthin gesehen worden. Es ist nicht «wgeschlossen, daß sie versuchen wollen, nach Berlin zu gelangen, um vielleicht dort ihre finanziellen Verhältnisse aufzubessern, oder daß sie versuchen -in - Richtung Genthin-Treuenbrictzen, Luckenwalde, Wittenberg, 7Torgau usw. in das frühere Königreich Eachfen auszubiegen, um Süddeutschlarch zu erreiche» Bon denjenigen, die ihnen bisher Obdach und Unter» stöhnug gewährt haben, ist eine ganz« Anzahl bereits ststgenommen worden und sieht schwerer Bestrafung entgegen. Die Täter müssen dritte Personen zur Be- fckaffung von Lclensnckctrln, an denen sie anscheinmd Mangrl leiden, in Anspruch nehmen, vielleicht auch Aber Wege befragen.
Wie der „Vorwärts" meldet, hat sich die Genthiner Spur nicht alS richtig herausgestellt. Es ist vielmehr festgestellt worden, daß sich di« beiden Mörder tzgch dem Harz begeben haben. Sie haben in Schöningen südlich von Helmstedt am Dienstag über- »achtet und sind am Mittwoch Vormittag weiter- ßefahren. Da die Handschrift, mit der sich die beiden fan Schöning« Gasthaus eingetragen haben, mit jener Aberrinstimmt, di« zuletzt in Lenzen an der Elbe MS die der beiden Mörder einwandfrei festgestellt Morden ist, dürfte es sich um die richtige Spur handeln. Tie beiden Mörder sind weiter mit der Bahn über Ouedliuburg in der Richtung nach Thal« gefahren, haben aber kurz von Thale den Zug verlassen. Die Polizei ist ihnen andauernd dicht auf den Fersen.
"Die weiteste Ocssentlichkit wird aufgerufen, dir Beworben bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Land- knte, Eisenbahner und Forstbeamtr werden gebeten, »nf di« Flüchtigen zu achten und ihre Wahrnehmungen Ungesäumt der nächsten Polizeistelle mitzuteilen oder btt Flüchtigen zustellen. Einige Angaben könne« Mlephor.'sch an di« nächste erreichbare Polizeiverwal- kn Gendarmerie, das nächste Forfchans oder an >r.:. Gardelegen, Nr. 64, gegeben werden.
Im „Berl. Tagebl." wird behauptet, daß die Bei folgnngsaktion gegen die Mörder Rathenaus dadurch rrschioert werde, daß die Polizei von der Bevölkerung absichtlich irregeleitet werde. Es wurden bereit? verschiedene Personen, die als Zeugen austraten, Wiler dem Verdacht der Begünstigung der Flucht verhaftet
Berlin, 13. Juli. (Amtlich.) Nach den Fest- stellungen der Berliner politischen Polizei hielten sich hi« beiden noch nicht ergriffenen Mörder Rathenaus in verschiedenen Orten bei ehemaligen Kameraden ode- Gesinnungsgenossen verborgen. Es ist damit zu rechne«, daß sie auch weiterhin versuchen werde», in de« Kreisen ihrer Anhänger einen Unterschlupf zu finden. Eine solche Ashlgewährung ebenso tote jede sonstige Unterstützung bedeutet eine Begünstigung im Sinne des Strafgesetzbuches und zieht die schwersten Freihestsstrafen nach sich. Es wird daher dringend gewarnt, den Flüchtigen irgendivelchrn Beistand zu leisten. In den letzten Tagen hat die Berliner Polizei bereits mehrere Personen festgenommen, die sich wegen solcher Begünstigung vor dem Strafrichter zu verantworten haben werden.
Berlin, 12. Juli. Manfred v. Killtnger ist vom Untersuchungsrichter .sreigelassen worden tzr ist «ach Prerow (Ostsee) zu seinen Angehörigen, wo er verhaftet wurde, zurückgefahren.
’ Eine Konferenz aller republikanischen Parteien im Verwaltungsbezirk WitmersdorsGroß-Berlni hat beschlof- jrit, zu beantragen, daß die Königsallee im Grünewald, in der Rathenau ermordet worden ist, künftig Rathenau- allee heißen soll. Außerdem soll an der Niordstelle ein Gedenkstein für den Ermordeten errichtet werden.
Der Anschlag aus Harden.
Berlin, 12. Juli. Auf die Ergreifung des früheren Leutnants Ankermann, der bei dem Anschlag auf Maximilian Harden beteiligt war, ist fetzt eint neue Belohnung von 100 000 M. ausgesetzt wariden. HardenS Befinden ist der 3‘ infolge noch immer bedenklich.
AeitungSverbot.
' Hirsch berg, 12. Juli. Wegen Verächtlich- Machung des Reichskanzlers ist das Erscheinen der veuttchnatwnalen »Schlestschen Gebirgszeitung' vom OveunMdente« der Provinz Niederschlesien aus 12
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was sie gestern gesagt habe«, so sei die Konferenz zu End«. Bo« dem italienischen Delegierte« dagegen wü> berichtet, er habe gesagt, falls bä Konferenz gufaeaw» brech». ,müsse er mit dem nächsten Zug «ach fahren, «m dort weiter z» verha» del«.
lei;. SskiHÄMUi nicht Slijziich.
Berlin, 12. Juli. Der Vorsitzende der Kriegs- lastenkommissio» hat heut« dem Entschädigungsaus- schutz in Paris folgende Rote der Reichsretz erung überreicht:
Die deutsche Rsgierunx hat bisher trotz schwerer wirtschaftlicher Bedenken, vir sie bereits in der Rote vom 21. Januar dieses Jahres dargelegt hat, die» jenige« Zahlungen bewirkt, die in den Entscheidungen der RrparationsGammiffisn vom 1$. Januar und 21. März dieses Jahres festgesetzt worden waren. Inzwischen habe« sich die Währnngsver- hältnisse weiter stark zu Ungunsten Deutschlands verändert. Im Mai 1921 war für die Erfüllung der deutschen Rcparations»erpflichL«ngen ei« Kurs von 60 Papiermark für den Dollar zugrunde zu legen, während der Kurs des Dollars Im März 1922 auf 285 und am 7. Juli 1922 auf 5W M gestiegen ist. Geht man bewtt aus, daß nach den Verpflichtungen nach dem Londoner Zahlungsplan vom 5. Mai 1921 nach den damaligen Vereinbarnngen ein Betrag von etwa 2 Milliarden Eoldi»ark in Barleistungen gedeckt werden sollte, so hätte dieser Betrag, wenn e» bei de« damalige« Währungsver- hältnisfen verbliosien wäre, eine inner- Deckung von rund 26 Milliarden Papiermark erforderlich. Zur Erfüllung der nach der Entscheidung der Nrpara- tionslommissian vorn 21. März auf 720 Mill. Eold- mark ermäßigte« Barleistungen wäre nach den WährungsverlMttnissen vom März 1922 bereits ein Betrag von 51,4 Milliarden Papiermark erforderlich gewesen, der unter Berücksichtigung de, heutigen Währungsverhältuisse nunmehr ans 80 Milliarden Papiermark gestiegen ist. Zu dieser Summe treten di« übrigen Devisenverpflichtungen des Reiches aus der Er-üvung de, Vertrages von Versailles mit insgesamt jährlich rund 600 Millionen Goldmark, d. b. 66 Milliarden Pa- piermark. Müßte die deutsche Regierung unter diesen Umständen ausländische Zahlungsmittel für die ihr auf Grund des Vertrages von Versailles auferlegten Verbindlichkeiten weiterhin in einem Umfange beschaffen, welcher dem bisherigen stch nähert, so würde die gegenwärtig« Verminderung des Wertes der deutsch«» Papiermark rasch und unaufhaltsam fartschrakken «ud zur vollkommenen Zerrüttung des fi«an- zillen, wirtschaftliche« n n 6 sozialen Lebens Deutschlands führen. Die deutsche Regierung steht sich deshalb außerstande, unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine weitere Leistung von Barzahlnngen auf Grund der Entscheidung der Reparationskommission vom 2L März in Aussicht zu stellen. Die deutsche Regierung stellt daher im Hinblick auf Artikel 234 des Vertrags von Versailles den Antrag, ihr die nach der genannten Entscheidung während des Kalenderjahres 1922 noch fällig werdenden Barzahlungen zu stunden.
Was den am 15. Juli fälligen Betrag angeht, fv vermindert sich d efer um mindestens 17 Mil- l'oncn Eoldmarl, welche Deutschland im Hinblick auf frühere Leistungen anzurechnen sind. Den Restbetrag von etwa 33 Millionen hat die deutsche R« gier«» zwar zur Verfügung, weil sie 'n den vergangenen Monaten gewisie Ankäufe von Devisen bewirken konnte «nd weil im Juli nach dem Stand d?r Abrechnung eine Zahlung für Ausgleichsverfahren nicht zn bewirken ist. Der genannte Betrag würde der deutschen Regierung aber fehle«. Sie müßte ihn stch zu den heutigen Kursen erneut beschaffen, sobald sie die in den nächsten Monaten eintreffenden ausländ!-
Sie Lozjaldemkate» liir toeiteroni 6er Mgierm vM Ms.
Unzufriedenheit der Gewerkschaften mit der Ausschutz- ‘ fafsung deS Ausnahmegesetzes.
Berlin, 12. Juli. Heute Nachmittag fände« im Reichstage Besprechungen der Gewerkschaft« mit bat sozialistische« Parteien statt, in denen die Gewerkschaften erneut ihre Unzufriedenheit mit dem Beschluß des Ausschusses zu dem Gesetzentwurf zum Schutze der Republik zum Ausdruck brachte«. D.e Sozialdemokraten betonten, daß sie entgegeu anderslautenden ZettuugSnachrtchte« unbedingt *«J der Erweiterung der Koalition «ach linlö bestehen. Dem Reichskanzler wurde von diesem Beschluß Mitteilung ganacht. Er hat sich «och heute Abend mit dem ReichSprSstdente« in Verbindung gesetzt uxw> ihn gebeten, sofort »ach Berlin zu- eMuiftbrre
schen Eetreidemengen 5« bezahle» hat. Die deutsch« Regierung muß auf diese Lage umso mehr Hinweisen, als sie in den letzten Wochen zusammen mit der Reichsbank bedeutende Mittel »er, wendet hat, nm den Marksturz aufzuhalten. Unter diesen Umständen empfiehlt die deutsche Regierung, ihr den erwähnte« Betrag zu belaf- s c n. Die deutsch« Regier«ng ist sich nicht iw Zweifel darüber, daß zur Wiederherstellung des Markkurses alsbaldige Maßnahmen erforderlich sind, die über das Jahr 1922 hinausreichen, «nd sie hält es daher für unerläßlich, daß Deutschland auch für die Jahre 192 3 «nd 1924 von Barzahlungen aus dem Zahlungsplan vom 5. Mai 1921 befreit wird. Di« deutsche Regierung bittet, über ihren Stundunzsanttag mit größter Beschleunigung eine Entscheidung zu treffen, und sie hofft, daß eine solche Entscheidung der Wiederanf- nahme der Anleiheverhandlungen förderlich sein wird.
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Die Mehrheit für Stundung und Herabsetzung auch der Sachleistungen.
Paris, 12. Juli. Der „Petit Parisieu" gibt über hie gestrigen Beratungen der delegierten bei Ent- schädigungsausschnsses über die deutsch« Finanzlage solaende Darstellung: Bradburh, der von dem englischen Kabinett formelle Instruktionen erhalten hat, hstt die Annahme eines neuen Zahlungsaufschubs vorgeschlagen, der nicht nur bä vollkommene Aufhebung der Ge dzcchlungm für tuet und «'bst fftrfrtei Jahre vorsieht, sondern auch für den gleichen Zeitraum eine wesentliche Herabsetzung der Sachlieferungen enthalten soll. Es ist kaum nötig, auf den Ernst dieses Vorschlages hinzuweisen. Er versucht die Ausführung deS Abkommens von Wiesbaden in dem Augenblick anfzuheben, in dem daS Abkommen endgültig verwirklicht werden fall. Die Delegierten von Belgien und Italien haben den englischen Vorschlag angenommen. Dubois, der französische Delegierte, stand also allein mit seinem Widerspruch. Er hat nur erzielen können, daß keine Entscheidung getroffen wird, bevor der Garantieausschuß nach Paris zurückkommt.
Die „Ere Nouvelle" glaubt bestätigen zu können, daß bei der offiziellen Beratung im Reparatious- avsschuß sich eine Mehr h«it gegen Frankreich gebildet habe, um nicht zu sagen, eine Einstimmigkeit gegen Frankreich. Man habe dabei erklärt, daß Lloyd George die Abjicht hab«, nach Paris zu kommen, um mit Poincare zu sprechen. Es sei zwar keine offiziell« Mitteilung gemacht worden, aber mau könne doch sagen, daß Poincare die Absicht habe, sich dieser Unterredung zu entziehen. Er erwart« die Entscheidung des EntschädigungsausschnsseS.
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London, 12. Juli. Der diplomatisch« Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, in der gestrigen Kabinettssitzung bebe eine gespannte Stimmung geherrscht. Die Aussichten seien, sowohl bezüglich der Verantwortlichkeit Deutschlands oder gewisser einflußreicher deutscher Kreise, an bei gegenwärtigen Sage, wie auch das beste Abhilfemittel geteilt ge- roefeit. Die allgemeine Ansicht sei dahin gegangen, daß eine Stundung unvermeindlich sei, allein aber nicht aus reiche. Man bezeichnrä vielfach eine internationale Anleihe für notwendig.
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Haag, 12. Juli. In ber heutigen Vormittagssitzung des Unterausschusses für das Privateigentum erklärte ber Vorsitzende Lord Greame, daß infolge der Antwort Litwinow» auf die ihm gestellten pofi- tiven Fragen es keinen Sinn hätte, wenn der Unterausschuß die Beratungen fortsetze «nd daß er sich mit feinen Kollegen darüber unterhalten würde, was jetzt zu tun übrig bleibe.
Bei dem Presseempfang hat Litwinow sich in scharfen Worte« über bä Art beschwert, wie bet nicht russische Ausschuß einen Abbruch der Verhandlungen heideifüh-re. Man tverde vielleicht jetzt ein paar Monate gemeinsam Rußland boykottieren, aber dann werd« «ton Einzelvechandlungen an spinnen müsse. Tie Franzose« haben bä Parole ausgegcben, daß wenn die faflen heute sicht da» Qkynttü von dem sagen.
Zmöt M MeWW!
Von Legatwnsrat Frhr. v.- Rheinbaben, ttAR.
Nach der Revolution erhob sich in weite« Kreise» bei deutschen Volkes und ganz besonders in denen, bä sich der Führung de? Staates bemächtigt hatten, der laute «ich immer wiederholte Ruf: „Eine neue A u ' ' »Politik ist uns not, wir müssen sie einleiten, b. ^oen «nd entwickeln, mit ihr und durch fit werden wir bm deutsch«« Volke ein« neue und bessere Stellung unter den Böltern der Welt verschaffen." WaS habe« wir anstatt dessen erlebt? Die Außenpolitik geriet völlig i« Abhängigkeit v»n inneren parte> 'liti« fchen Zielen, und das zunächst in so hohem 5e an internationale, moralische und rechtliche Faktoren gesetzte Vertrauen wurde schmählich getäuscht. Die Folge war eine noch größere, gründlichere «nd schneller« Abkehr von wirklicher anßenpoliti- schcrBrtätigung. und erst in assSHetztrr Zeit Ichie» im Zusammenhang mit der Konferenz von Genua und in Verbindung mit dem Vertragsabschluß mit Rußland ganz allmählich ein größeres Verständnis für di« Möglichkeiten außenpolitischer Betätigung zu erwachen. Der Mord an Rathenau hat mich diese Entwicklung wiederum fast völlig gehemmt und Ansätze zur Besse- ckung zerstört. Die Führung der Masse« stand völlig unter dem Banne des beklagenswerten Ereignisses, und nntberum gewannen sehr bald die radikalen Elemente die Oberhand. Auch heute noch werden zwecklose De- monstralwnen veranstaltet, und nm unsere Sorge voll zu machen, droht der Generalstreik im Ruhrgebiet. Wir haben den wohl größten Tiefstand unfetti volitisck^n Lebens seit dem Zusammenbruch deS aß«« Deutschlands und seinen unmittelbaren Folge« rfchrinuu- qen erreicht. Aus ihm müssen wir uns wieder «heben, sonst ist daS Chaos da.
Die englische Oeffentlichkeit hat, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen^ die Ermordung Rathenaus richtig gewertet, und die Londoner Regierung scheint bereit, der öffentlichen Meinung ihres Landes Rechnung zu tragen. Der italienische Außenminister bat infolge der letzten Ereignisse in Deutschland eine erneute Zusammen- Linst des Obersten RateS beantragt, um eine MLerung der deutschen Leistungen herbrizuführen. Ausschlaggebend für eine solche Entwicklung wird — tote immer — die Haltung Frankreich» sein. Am Montag sind in Paris Senat und Kammer bi» ytm, Herbst vertagt »vorden. Ein Rückblick auf ihre Tätigkeit zeigt ein recht dürftiger Ergebnis. Tm u«S am meiste« interessierend« Debatte über bi« französischen Finanzen hat nicht stattgefunden, und die letzten Abkomme« mit Deutschland über Ausführung der SachteistuH^« habe» nach endloser Verschleppung die Zustimnronq de» stanzöstschen Parlaments nicht gesunden. Auf ber anderen Seite ist jedoch nicht zu verkennen, daß schlioßlich auch in Frankreich' ein allmählicher Umschwung hi ber Beurteilung der deutschen Leistungsfähigteit ringetieten ist. Selbst Herr Poincarä hat kürzlich im Senat erklären müssen, daß die gerade von ihm tmmc- geforderten Sanktionen gegen Deutschland nid). Oui geeignete Mittel seien, um Frankreichs sinauzielle Lage zu bessern. Ueb.'rblickt man die letzte Entwicklung i« der Reparationsstag«, so gewinnt ber Eindruck an ©oben, daß die Dinge zwangsläufig einer sehr tnel sch neueren Regelung zutreibeu, als dies noch vor wenige« Wo acu vorauSzusehen war.
Soll das deutsche Volk bei dieser Lage der Hinge «och die letzte Dummheit begehen? Soll die Auflösung des Rrichstages und rin Wahlkampf von «ner- Hörter .Schärfe die Regierung bet letzten Möglichkeit berauben, durch weitere Verhandlungen außen- pol'tischer Art bk bevorstehende wirischastllche und sstran- zielle'Katastrophe zu vermeiden? Ist es nicht reine Demagogie, wenn in diesen Tag'» tyrr «cheidv- mann wieder einmal laut nach Neuivahlen ruj . obroohl anck er, und gerade er, diese Zusammenhänge genau kennen muß? Ich totll die Hoffnung nicht ausgeben, daß in allerletzter Stunde die Vernunft zurücktehri und die deutsche Regierung wieder aktionsfähig in außenvoli- tisch« Beziehung wird. Dazu müssen alle Wünsche radikaler Tenfc r.j »urückgestellt werden, damit bk Bahn wieder frei wird für das Eine, das uns mehr al» alle» andere bitter nottut, d. h eine Außenpolitik, bä be« deutschen Staat urib die deutsche Wirtschaft vor beet Zusammenbruch rettet.
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Die Kohlennot.
Berlin, 12. Juli. Infolge der Abtreuuu. z Polnisch-Oberfchlefiens und de» gewaltigen Förder- rückgangs an bet Ruht vetmiickette sich bk inländisch« Steinkohlrnerzrugüng derart, baß allen Verbrauchern von Hausbrand, ht Industrie und Gewerbe im eigensten Interesse dringend geraten werden mutz, sich so viel wie inöglich mit a«»länbische t K»h!e einzudecken, soweit nicht durch andere einheimische Brennstoffe, insbefondere der reichlich zur Verfügung stehende.« Rotbraunkohle obet durch Torf Ersatz geschaffen werden kann. Im Hinblick auf diese Notlage bleibt die «ingeführte ausländische Kohle bi» zu«» 31. März 1923 von der Kohlensteuer befreit T« Rrichekohlenkommissar wird notgedrungen künftig solH