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Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen

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TieOderhessyche Zeitun' eriAeint sechsmal wöchentlich. Lezugsvreis monatlich 17 Ml. Für ausidüenbe Nummern infolge Streiks ober elementarer (Eteignifie kein Ersatz. Verlag von Dr. E. Hitzerotd. Druck der llnio.»Buchbruckerei von Jod. Äug. Koch, Markt 2123. fttrnipitcbet 55, Postscheckkonto: Nr. 5015 Amt «rrankiurt a. Main.

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Marburg IWao, den 4. Apr8 C[t«rm»*b.

Ter Ln«etg:m>rers deträat für die 9 ge|p. Zeile oder deren Raum 90 Pfg. für den Milli­meter, amtliche und -uswörtiqe 1.20 Mk. Ändere Svaltenbreilen nach entivrechender Berechnung. Spät einlaufende oder den Raum über */, Seite einnehmend« An- ,eigen lind wir berechtigt, nach der Tertspaltenbreite zu fetzen und zu berechnen. Sogen. Reklamen berechnen wir die Tol.-Zeile mit 9.00 Mk. Jeder Rabatt gilt als Darradalt. Lei Äuskunft durch die Geschäftsstelle und Vermittlung der Äuge- dote 1 Mk. Eondergebüdr.

57. m 1922

Lloyd Ceorges Rede öder Eenva.

AkFirS! lllRÄMhk ui SßuzMüzei.

Aufgeregte Aussprache in der französischen Kammer.

Deutschlands Entwaffnung und Zahlungs- verpflichtung.

Paris, 3. April. Die Kammer setzte ihre Be­ratungen über bte Interpellationen fort. Ter sozialistische Abg. Moutet ist mit den Erklärungen Poincar^s einverstanden, weil er seine Ansicht kund­gegeben hab«, auf die Konferenz von Genua zu gehen. Die wirtschaftlichen Echwierigkiten Europas seien groß. ES sei deshalb Zeit zu handeln. Der Abge­ordnete wirft dem Ministerpräsidenten vor, die Vor­schläge der Sowjets nicht angehort zu haben. Mit Rußland müsse man die Beziehungen wieder aus­nehmen und der Regierung, die dort herrsche, die Mittel geben, nützliche Arbeiten zu verrichten. Ob man es wolle oder nicht, wenn man die wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland wieder aufnehmen wolle, müsse man durch d«n Kanal der Regierung d:r Sowjets hindurch Die Regierungsgrundsätze der Sowjets miß­billigt der Abgeordnete, aber auch den Kr>eg, der mit Unt-cstützung der Verbündeten gegen Rußland geführt wurde, sowie die Blokade, unter der das Land schwer gelitten habe. Der Abgeordnete verlangt von der Regierung, sie solle ihre PolitikgegenDcutsch- land aufgeben, eine Politik ,die darin bestehe, mit der einen Hand Rechnungen zu überreichen, während die andere den Degen Halle. Ties lasse befürchten, daß Frankreich bereit sei, aufs neue den Frieden der Welt zu stören. Amerika habe rin« gewisse Berechtigung, seinen Beistand für den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu verw eigern, so lange Frankreich nicht seinen Willen kundg.geben habe, zu «nrwasfnen. Auf die Frage, warum Frankreich so sehr die militärische Organisation Deutschlands fürchte, Giurooitcic Ministerpräsiöent Po in rare: Ich hart Sie nicht sagen lassen, daß Deutschland nur 100 000 Mann Soldaten habe, während in den letzten Tagen klar bewiesen wurde, daß es ein regelmäßiges Heer von 250 000 Mann unterhält und eine Ueber- organisation. Der sozialistische Abgeordnete Varenne ruft dazwischen: Wir werden sie also interpellieren Über die Ausführung des Friedensvertrages.

Abg. Tardieu sagt: Wir sind erstaunt zu ver­nehmen, daß man Deutschland im Jahre 1921 gestattet hat, 250 000 Mann zu unterhalten statt 10000. Mi­nisterpräsident Poincarö erwidert: Ich würde mich über dieses Erstaunen des Herrn Sarbieu wundern, wenn ich nicht wüßte, daß oieses Erstaunen erheuchelt ist Tardieu ruft: Ich gestatte Ihnen nicht, Herr Ministerpräsident, daS zu sagen. Poiucare ant­wortete: Also, entweder Ne haben geheuchelt, oder Sic liefern den Beweis einer großen Unkenntnis. Es ist in den letzten Tagen bewiesen worden, daß man Deutschland gestattet hat 250000 Mann zu behalten. Jedermann wisse, daß neben dem regelmäßigen Effek­tivbeständen Polizeikräfte beivilligt seien. Diese For­mationen hätten einen militärischen Charakter, und man müsse sie deshalb als eine Verstärkung des deutschen Heeres ansehen. Man dürfe also nicht mit der Ziffer 100000 rechnen, sondern mit der von 250000 Tardieu erwidert: Ich habe gefragt durch welches Parlament diese Vermehrung der Essek- tivstärke bewilligt wurde. Poincarö erwidert: Gewiß hat es kein Votum gegeben, aber auch keine Interpellation. Tardieu hätte es freigostanden, aus der Kammertribüne seine Gedanken zu begründen. ' Nach scharfer Zwieprache zwichen Tardieu und Poincare, in der der letztere erklärt ec habe seine Worte stets mit seinen Handlungen in Einklang ge­bracht, verlangt der sozialistische Abg. Varenne mit Unterstützung des Abg. Moutet, daß die vorhandene Zweideutigkeit, die durch die Behauptung entstanden sei, Deutschlands Streitkräfte beliefen sich auf 250000 Mann, aufgeklärt werde.

Nach einem Wortgefecht zwischen Briand, Poincare und Castelneau verliest Poincare Schriftstücke ans dem Jahre 1921, aus denen hervorgcht, daß die Schutz­polizei nicht zentralisiert« und nicht mobilisierbare 150000 Mann umfassen dürfe. Aber unglücklicherweise fei ihre Mobilisierung außerordentlich leicht. Schließlich bestätigt Abg. Fabry, der Generalberichterstatter für das neue Militärresormgssrtz, daß in Deutschland immer noch 150000 Mann Schutzpolizei bestünden, die als eine Ergänzung der Reichswehr angesehen werden können. Abg. Moutet sagt, dieser Zwischen­fall fei der eklatante Beweis dafür, daß mau das Programm von Genua nicht so eng fassen dürfe, und daß man insbesondere di« Frage der Entwaffnung Deutschlands behandeln müsse. Frankreich dürfe nicht für den möglichen Mßersolg der Kon­ferenz verantwortlich gemacht werden können.

Abg. Bardry d' Asson fragt, ob in den Ka­sernen Deutschlands, wie man behaupte, nur Unter« »f ft giere und Offiziere und kein sinzigcr Wann enthalten feien. Er ist Gegner von Genna uud bedauert, daß Frankreich dorthin g.hen wilt Schließ­

lich verlangt er eine energische Politikgegen­über Deutschland.

Abg. Lsuchenr spricht dann von der Konferenz von Cannes. Er selbst habe vom englischen Schatz­kanzler dort erreicht, daß die deutschen Geldzahlungen, die aus 500 Millionen Ge'dmark vorg.'sehen gewesen feien, auf 720 Millionen erhöht wurden. Tardieu sagt, die Erklärungen Poincares hätlen nicht an Klar­heit gewonnen. Frankreich habe in Washington eine bei­spielslose Erniedrigung erlitten. Briand wider­spricht heftig. Er könne eine derartige Aeußerung nicht zulassen.

Der Tagesordnung Ehrlich wurde schließlich mit 484 gegen 8 Stimmen die Priorität zuerkannt Die Tagesordnuung lautet: Die Kammer billigt die Er- klärungcn der Regierung und vertraut darauf, daß die Regierung auf der Konferenz von Genua die Rechte und Interessen Frankreichs wahrt unter den Bedingungen und mit Hilfe der Garantien, die in der Denkschrift der französischen Regierung vorgesehen sind. Die Kammer lehnt jeden Zusatz ab und geht zur Tagesordnung über. Die Tagcsorduung wird mit er hobenen Händen angenommen.

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Mm Md dtt M fioris.

Die Regierung gegen die Legitimisten.

Budapest, 3. April. Hebet die Stellung­nahme bei ungarischen Negierung nach dem Ab­leben des Exkönigs Karl wird verlautbart:

Der Standpunkt der ungarischen Regierung in der Königsfrage veränderte sich infolge des Hin- schsidens des Königs nicht um Haaresbreite. Die gesetzliche Grundlage, die der Eesetzcsartikel 47 von 1921 bietet, wodurch der Thronverlust des gan­zen Hauses Habsburg ausgesprochen wird, darf nicht verlassen werden. Zudem besteht bas Ver­sprechen der Regierung zu Recht, das sie zusammen­hängend mit der Thronentsagung den Entente­mächten machte, nämlich baß sie vor bet positiven Lösung bet Königsfrage mit ben Ententemächten in Fühlung treten werbe. Eine Lösung ist also nur auf bisset Grundlage benkbat.

Eine Konferenz sämtlicher legitimistischer Par­teien beschloß, ben erstgeborenen Sohn König Karls IV. unter bem Namen Otto II. als König zu betrachten, besten Krönung zur Zeit durch höhere Gewalt verhindert werbe. Zur Vertretung bei Rechte unb bei Interessen bes Minderjährigen sei bte Königinwitwe berufen. Ferner wirb gefordert, baß bte irbischen Heberreste König Karls in Hn- garn beigesetzt werben unb baß bet Köui'ginwitwe und ben Kinbetn bet Aufenthalt in Ungarn ge­stattet weide.

Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte jene Blätter, welche die Erklärung bet Legitimisten in bet Angelegenheit bet Ausrufung Ottos als König von Ungarn veröffentlichten unb leitete gegen ben Verfasser ein Verfahren ein.

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Die Monieren} her SoMten.

Scheitern der Konferenz?

Berlin, 3. April. Wie der .Vorwärts' berichtet, trat das Exekutivkomitee der Zweiten Internationale beute mit der Wiener Arbeitsgemeinschaft zu einer Sitzung zusammen, um zu der Lage Stellung zu neh­men, die durch die Ausführungen Radeks in der gestrigen Sitzung der fozialisttschen Konferenz geschaf­fen wurde. Die Vertreter der kommunistischen Exeku­tive Hetzen einen Brief überreichen, der mitteitt, datz sich die Vertreter Moskaus eine Förderung der Kon­ferenz nicht mehr versprechen. Ter Brief fragt, ob die zweite Internationale und die Wiener Arbeitsge­meinschaft bereit seien, auf dem Kongreß zu erscheinen oder zu welchen weiteren Maßnahmen sie sonst Bereit seien. ES wurde bcschloffen, die Vollsitzung auSzu- sctzen, um über den Brief zu beschließen. Vor Diens­tag Nachmittag sindet wahrscheinlich ein» Vollsitzung bet Konferenz nicht mehr statt.

Die Hilfe aus Moskau für die Kommunisten.

Eine sozialdemokratische Korrespondenz derbreitet eine längere Darstellung über die finanziellen Be­ziehungen zwischen der kommunistischen Partei Deutschlands und der Moskauer Exekutive der 3. Jn- temnilonale. Nach der Darstellung soll die kommuni­stische Partei Deutschlands im Jahre 1921 monatlich 5 Millionen Mark aus Rußland als Beihilfe bekom­men haben. Davon seien monatlich 400 000 .H zur Deckung des Desiziis derSloten Fabne' verwandt worden. In den Jahren 1919 und 1820 habe Ruß­land die Mittel für die Unterstützung des Kommunis- nms in Deutschland hauptsächlich in der Form von Perlen und Diamanten geschickt. Gegen­wärtig würden die Hilssgeider meist in Dollar oder anderer ausländischer Währung bezahlt.

Bei der Neuwahl des gfcBcn Züricher Sladtrats sind 63 Bürgerliche statt bisher 57 gewäblt worden, wogegen die Linksparteien stakt bisher 68 nur 62 Sitze erhielten. Tie Bürgerlichen haben demnach die avioiute Mehrheit erreicht.

Die MkÄlW dtt $ro«amms.

London, 3. April. Lloyd George hat heute in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Unter- Hause seine große Rede über die Politik bet briti­schen Regierung auf bet Genueser Konferenz ge­halten. Die Rebe, in bet er bi« Opposition mit scharfem Sarkasmus behanbelte unb feine Politik mit größtem Nachdruck vertrat, wurde von drm Hause mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt, die nur ab und zu bei Ironischen Bemerkungen des Redners an die Adreste seiner Gegner durch Ge­lächter unterbrochen wurde unb trug Lloyb George zum Schluß lebhaften Beifall ein. Die Notwendig­keit des Friedens in Europa war bas Leitmotiv der Siebe.

Der Premierminister erklärte, bie Genueser Konferenz sei einberufen worben, um bte Probleme bes wirtschaftlichen Wiederaufbaues Europas zu erwägen, das in unerhörter Weife verarmt sei. Der internationale Handel set zerrüttet, bet Wechs-l- veikeht funktioniere nicht mehr. Große Gebiete, ans benen Europa Nahrungsmittel unb Rohstoffe bszcyen habe, seien bem Handel verschlossen. Statt an der Wiederherstellung zu arbeiten, seien bie Nationen burch Argwohn voneinanber getrennt. Große Rüstungen würben aus Mißtrauen betrie­ben, bie die Lasten bei Eteueizahlei noch ver- mehiten. Die Konferenz von Genua solle bie besten Mittel prüfen, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen. (Beifall.) Der Abänberungsantrag bei Opposition lichte sich nicht gegen bas Ziel bet Kon- fcienz, sondern gegen bie Tatsache, daß gewisse V e - schtänkungen an dem Umfang bet Tagesord- nung votgenommen worben seien. Die Behaup­tung, baß neue Beschränkungen auf der Voulogneser Konferenz beschlossen würben, entspreche nicht ben Tatsachen. Die in Cannes festgesetzten Einschrän- nngen seien seines Erachtens gerecht. Er glaube nicht, baß eine Körperschaft wie bie E nueser Konferenz bte Revision bestehender Verträge et- wägen könne, selbst angenommen, daß diese wün­schenswett sein könne. Die wirtschaftliche Lage Euiopas sei besonbeis berührt rootben burch bie Frage der neuen Grenzen unb zweitens burch bas Entschädigungsproblem.

Lloyb George sagte, et nehmen nicht an, baß irgend ein Mitglied bes Hauses wünsche, daß El- saß-Lothtingen an Deutschland zurück­gegeben ober baß Polen wieder in Stücke gerisien oder baß bas tscheche-slowakische oder südslawische Volk seiner Unabhängigkeit beraubt werbe. Auf brr Genueser Konferenz könne nicht bie Frage einer Etenzreoision angeschnitten werden.

Bezüglich bes Ausschlusses bet Entschäbigungs- frage sagte bet Premierminister, bie Schwierig­keiten in Europa seien zum großen Teile burch die Eintreibung bet Entschäbigungszahlungen entspie- chenb ben Verträgen von 1919 verursacht rootben. Die eigentliche Schwierigkeit liege aber nicht in ben Verträgen, sondern in bet Tatsache bet etwaigen Wiebeiherstellung. Wenn man aber ben Versailler Vertrag «bänbeie, so sei bte einzige Folge, baß bie Entschäbigungslast von Deutschlanb auf Frankreich, Belgien unb Englanb übertragen werben würbe, in bet Hauptsache aber auf Frankreich. Das sei nicht zulässig. Diejenigen, bie bie Verheerungen angcrichtet hätten, müßten sie auch wieberqerstellen Es seien jedoch zwei Erwägungen in Betracht zu ziehen. Wenn man jetzt auf Zahlungen bestehe, die bie Lristungskrast eines burch ben Krieg er­schöpften Landes überschreiten, so würbe bte» eine Krisis herbeifüren, b.e sich keinesfalls auf Deutschland allein beschränken würbe. Die zweite Erwägung sei, baß Deutschlanbs schließliche Zah­lungsfähigkeit nicht nach seiner gegenwärtigen Zah­lungsfähigkeit beurteilt werben könne. Die Kon­ferenz von Genua könne diese Frage nicht zweck­mäßig beurteilen. Sie müßte der burch ben Frie- bensvertrag geschaffenen elastischen Maschinerie überlassen bleiben. Frankreich könne nicht auf bas Recht verzichten, für bas cs so teuer bezahlt habe. Es würbe nicht fair fein, von Frankreich zu octlanecn, fein Recht auf Entschädigung dem Urteil einer Konferenz zu unterbreiten, auf der Deutsch­lanb, Oesterreich, Ungarn, Rußlanb unb bie neu­tralen Länder vertreten seien. Zch verstehe nicht, weshalb die Arbeiterpartei gegen bie Konferenz ist, da sie doch selbst burch Konferenzen großgezogen würbe. Die Welt ist so zerschlagen, ihre lebens­wichtigen Organe siub so schwer verwunbet, baß bet Heilungspiozeß langsam vonstatten gehen wird.

unb baß bte Aerzte zahlreiche Konsultationen ab­halten müssen. In Genua werben bie Vertreter von 20 Nationen versammelt sein. Warum ist bie große Versammlung ndtroenbg? Weil Europa burch ben Krieg vom Atlantischen Ozean bi» zum Ural verwüstet würbe. Einige Länder leiden unter ben Folgen bes Krieges mehr, anbett weniger. Aber in Mitleibenschaft gezogen sinb alle. Eines bet wesentlichsten Probleme, bas man behandel« müsse, sei bie Wieberheistcllung bet Maschinerie des internationalen Handels. Die Welt sei eine Han­delseinheit. Der Handel Europas fei von bet größten Bedeutung für England. -

Dis Frage des Friedens in Rußland unb mit Rußland behanbelnb, eikläite bet Premierminister, Europa brauche, was Rußland liefern könne: Ruß­land aber habe Arbeiter unb brauche Materialien. Es werbe jedoch kein Kapital erhalten können ohne sicheres Vertrauen und inneren sowie äußeren Frieden. Eine weitere Erwägung sei, daß Deutsch­land nicht bie vollen Entschädigungsforderunge« tahlen könne, bevor Rußland roiederhergestellt sei. Rußlanb muffe seine Verpflichtungen anerkennen. Ein Lanb, bas seine Verpflichtungen nicht an­erkenne, weil es seine Regierung gewechselt habe, sei ein Land, mit bem man nicht verhanbel« könne. Rußlanb könne nicht sofort bezahlen, unb ntemanb erwarte dies. Es müßten unparteiisch« Gerichte geschaffen werden. Die Angriffe auf die Einrichtungen anderer Länder müßten sofort aus­hören. Rußland muffe sich verpflichten, keine aggressive Aktion gegen bie Grenzen seiner Nc^- barn zu unternehmen. Heber die Frage, ob Ruß-, lanb biese Bedingungen angenommen habe, tu klärt» Lloyb George, es seien Anzeichen vorhanden, daß in Rußland eine vollkommene Aendetunz bet Haltung stattgefunden hab" :c Hungersnot habe ben Russen bie Augen gröj nc" :nd ihnen ge­zeigt, baß Rußlanb von seinen Nachbarn abhänge. Rußlanb brauche Transportmittel, Maschinen, Se< kleibungsstücke. Wenn unter gewissen Bedingungen ein Friede mit Rußland Zustandekommen tonn«; werde ct natürlich dem Unterhause zur (Senebmt düng und Ratifizierung unterbreitet werden. Nach bet Genehmigung würben bie Stabten bet An­erkennung bie fein, wie sie nach ben meisten Frie» densverträgen angewandt worben seien. Bevor bas Unterhaus bie Ratifikation vollzogen habe, könne keinerlei Aenberung in bcr Vertretung ober in bem Maße bcr biplomatifchen Anerkennung bet russischen Regierung stattfinden. Rachbem bas Uebereinkommen ratifiziert sei, würbe bäs Ver-. fahren basselbe sein, wie es int Falle Deutschlanbs nach bet Unterzeichnung bes Friebensvertiages befolgt rootben fei. Es werbe keine volle btylot malische Vertretung mit Rußlanb festgelegt, wie bies bei Deutschlanb bet Fall gewesen sei, bevor nicht bie Mächte sich baoon überzeugt hatten, baß Rußland wirklich versuche, die Bedingungen, z» denen es sich verpflichtet habe, auch durchzuführen. Dies würden bie Bedingungen sein, die die britische Abordnung in Genua unterbreiten soll.

Lloyd George schloß mit erhobener Stimme: Ich bin bet Ansicht, baß wir ein gemäßigtes Verfahren vorschlagen, ein sehr behutsames Verfahren. Wir tun unser Beites, um in Gemein- 1 schäft mit Frankreich zu wirken, mit bem wir vier der fünf Kriegsia re Schulter an Schultet ge»; standen haben. Mit haben bis jetzt unser Bestes getan, um mit Frankreich den gleichen Sdjritt zu gehen.

Nach Schluß bet Rede Lloyd Georges brachte bet Arbeiterführer ClyneS ben Antrag brr Ackeite» Partei ein, in dem der Regierung das Vertrauen: verweigert wird. Asquith wat infolge einet Er­kältung verhindert, sich an bet heutigen Aussprache zu beteiligen.

Die bolschewistische Abordnung in Berlin.

Berlin, 3. 9tML In Uebereinstimmung mit bem Beschlüsse pes ReichskabinetiS hat Minister 91a« thenau der diesigen Sowielvertretung das russtscde Botschaftsgebäude Unter den Linden zur Ver­fügung gestellt. Die Etnzeldeiten der Uebcrgabe u*> insbesondere die Wiederderstellung unserer Botschaft in Petersburg sowie bfe Unterbringung unserer Ver­tretung in Moskau werden zwischen der hiesig« Sowjerverrremng «nd dem Auswärtigen Ami ge­regelt.

Den Blättern zufolge wurden deute die russischen Vertreter für Genua Tschitscherin. Litwinow und Joffe vom Reichskanzler empfangen und waren mit­tags die Gäste Rarbenaus. Bei beiden Anlässe« Bet sich Gelegenheit zu einer allgemeinen Aussprache üb« bte politisch«« Kragen.