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Sonntrsmg, 29. Oktober ISA
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Lloyd George über das Lcichcnsettmärchc».
London, 27. Oft. (WTD.) Die vor einigen Tagen in Äewyorf gehaltene Aede des britischen Drigadegenerals Charteris, in der er, wie er jetzt mitteilt, erklärte, dass der während des Krieges gegebene Bericht, nach dem die Deutschen Soldatenleichen ge- ifocht haben sollen, um Fett zur Glhzerm- gewmnung zu erhalten, nicht zur Propaganda gebraucht wurde, als bekannt wurde, dah das Tagebuch des Soldaten, worauf slch dieser Bericht gründete, gefälscht war, erregt in der Presse immer größeres Aufsehen. (Charteris gab jedoch zu, daß dieser Bericht damals eine zeitweilige Wirkung gehabt haben mag.)) Der s politische Berichterstatter der „Sundah Times" bezeichnet die Aeuherungen des Gene- I rals mit „Aus der Schule plaudern".
Lloyd George erklärte gegenüber, dem [ Vertreter des „Weeklh Dispatch", »daß er die Geschichte damals nicht geglaubt habe, und dcch er sie auch heute nicht glaube. Man habe gewußt, dah sie nicht wahr sein könne, und aus diesem Grunde sei sie vom bri- i tischen Propagandadepartement auch niemals offiziell ausgegeben worden. Aber in der Krises des Kriegsfiebers sei es unmöglich gewesen, zu verhindern, daß ein Bericht dieser s Art geglaubt wurde."
Der damalige Leiter des Propagandadepartements Masterman erklärte dem Bertre-
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Berlin, 28. Oki. Der Vorstand der sozial- temokratifchrn Neichstagsfraktion trat am Mittwoch zur Prüfung der politischen Lage zusammen. Er gab nach etwa zweistündigen Verhandlungen folgendes Communique aus:
„Der Vorstand war einmütig der Auffassung, daß sich durch Austritt der deutsch- nationalen Minister an der scharfen Opposition der Sozialdemokratie gegen die Regierung Luther nichts geändert hat j Der Austritt der Deutschknationalen beweist nur, daß es unmöglich ist, mit dieser Partei eine den deutschen Jnter- \ essen entsprechende auswärtige Politik zu führen. Die Sozialdemokratie kann nicht daran denken, die Deutschnationalen aus der Verantwortung zu entlassen und in diesem Reichstag den Vertrag von Locarno, in dem sie den großen Erfolg ihrer eigenen außenpolitischen Richtlinien erblickt, gegen die deutschnationalen Stimmen zu ratifizieren. Sic steht den eigentlichen Weg zur ; Lösung der Krise in der Befragung des
Volkes vermittelst Auflösung des Reichstages. Der Fraktionsvorstand wird die Neichstagsfraktion zum Freitag den 6. November einberufen, um zur Situation, insbesondere zur Frage des Zusammentritts des Reichstags, Stellung zu nehmen."
Ser grieKW-bulMWe KenM
Paris, 28. Oft. Der Sonderberichterstatter des „M a t i n“ telegraphiert seinem Blatt unterm 27. Oktober aus Eswepi- Vratsch, daß nachmittags gegen 3Z4 Uhr eine Abteilung griechischer Offiziere mit dem Obersten Bergeos an der Spitze sich beim griechischen Grenzposten von Demir Kapur bei dem bulgarischen Obersten iLateff, dem Kommandeur des 7. Zrff.-Re- giments eingefunden habe, um den benachbarten griechischen Posten, der nach der Meinung der Griechen von den Bulgaren besetzt sein sollte, wieder in Besitz zu nehmen. Er, der Berichterstatter, könne aus eigener Anschauung erklären, daß die griechische Kommission sich hätte überzeugen und anerkennen müssen, daß keine Cebietsverletzung von den Bulgaren begangen worden sei.
ter des „Weellh Dispatch": Man hat in amtlichen Kreisen damals sehr gut gewußt, daß die Geschichte nicht wahr ist." Die Blatter kündigen an, dah im Parlament Anfragen m dieser Angelegenheit gestellt werden sollen, und dah das Kriegsamt eine Untersuchung abhalten wird, wenn ihm die Erklärungen des Generals Charteris vorliegen werden.
Volkskommissar Frunse erkrankt.
fk Moskau, 29. Okt. Der Volkskommissar für Heereswesen, Frunse, ist an einem Magen- ttnb Darmleiden erkrankt und nach dem Krankenhaus überführt worden. Dir mitge- teilt wird, ist das Bränden gut.
Der Reichskanzler in Eßen
Winlkvt mit ter Kabinetts. Mittig beauftragt
Was bedeutet Somme?
P a r i s, 28. Okt. (WB.) Der Präsident der Republick hat dem zurückgetretene«
E s s e n, 28. Okt. (WTB.) Zn Erwar- I tung der heutigen politischen Ausführungen des Reichskanzlers füllte ein nach mehreren Taufenden zählendes Publikum den großen Saal des städtischen Saalbaues bis auf den letzten Platz. Um 9,15 Uhr erschien, mit Händeklatschen lebhaft begrüßt,
Reichskanzler Dr. L u t h e r.
Er wies zu Eingang seiner Rede auf dis Bedeutung der Essener medizinischen Woche als kulturvermittelnde Einrichtung hin sowie auf die besondere Bedeutung des Ruhr- bczrrks für die Arbeit der deutschen Wirtschaft. Als Thema für seine Betrachtungen habe er die Frage gewählt: Was bedeutet Locarno? Gliederung und Aufbau des Vertrages wolle er im Rahmen der medizinischen Woche anpassrn, an die medizinischen Begriffe Anämesie, Eesund- heitsziel, Therapie, Prognose. Vor dem Kriege sei die Grundlage für die politische Gesundung Europas das System der Gleichgewichtscrhaltung gewesen. Zn der Nachkriegszeit sei durch die Schaffung von zwei Kategorien von Staaten, den entwaffneten " und den bewaffneten, das Gleichgewicht gestört worden. Ausgabe der deutschen Nachkriegspolitik sei, Deutschland als gleichberechtigten Faktor in das europäische Staatensystem wieder einzufügen. Gleichberechtigung sei Voraussetzung für jede fruchtbare Mitarbeit an den großen gemeinsamen Aufgaben. Die außenpolitischen Sorgen, die das deutsche Volk bewegen, knüpfen zunächst an die große Frage der allgemeinen Entwaffnung an, die im Vertrage von Versailles als Grundprinzip ausgestellt sei. Auch in Locarno habe die Frage der Entwaffnung eine wichtige Rolle gespielt. Das oberste Ziel von Locarno sei aber die Schaffung von Sicherungen für den Frieden. Zu diesem Zwecke diene in erster Linie der in Locarno weitgehend verwirklichte Gedanke des Schiedsverfahrens. Der Reichskanzler gab anschließend eine eingehende Darlegung des Sicherheitspaktes unter besonderer Berücksichtigung einzelner, die Oesfentlichkeit besonders interef- fierender Probleme. Das Schiedsgerichts- sqstem habe sich in den Erörterungen in London und in Locarno als geeignetes und wirksames Mittel zur Sicherung der Friedens bewährt.
Der Reichskanzler erörterte alsdann die einzelnen Bestimmungen des Sicherheitspaktes,
beginnend mit der Präambel und darnach übergehend zu den Borschriften der Artikel 1 und 2, deren Inhalt für den Rhein und das Ruhrland von besonderem Interesse seien. Auch die damit im Zusammenhang stehenden Vorschriften der Völkerbundssatzungen wurden zur Erläuterung mit herangezogen, insbesondere diejenigen, die bei Konflikten zwischen den Staaten der Bestimmung des Angriffes und der Regelung von Rechten und Pflichten der Beteiligten dienen. Was die O st f r a g e anbelangt, so sei hier im Hinblick auf di« Führung der deutschen Ostgrenzen eine andere Lage gegeben als im Westen; aber auch hier stehe das Friedensziel, wie in der Präambel zu den Ostschiedsverträgen zum Ausdruck gebracht, im Vordergrund Die in Locarno getroffenen Abmachungen zwischen Frankreich und Polen bezw. der Tschechoslowakei hielten sich genau an die im Völkerbundspakt getroffene Regelung, wozu noch vom deutschen Standpunkt aus hinzukomme, daß bei etwaigem Eintritt des Carantiefalles die englisch-italienische Garantie zu Deutschlands Gun st en mittelbar wirksam werden könne. Zur Frage des Artikels 16 der Völkerbundssatzung wies der Reichskanzler auf die Beziehungen Deutschlands zu R u ß l a n d hin, die, wie der jüngst geschloffene deutsch-russische Handelsvertrag
beweise, durch das Werk von Locarno keine Aenderung erlitten hätten. Die Stellungnahme Deutschlands zum Artikel 16 sei bestimmt durch die besondere Lage Deutschlands in bezug auf den militärischen Rüstungszustand und durch ?eine geographischen Verhältnisse. Der Reichskanzler berührte im Zusammenhang auch die übrigen mit Deutschlands Eintritt in den Völkerbund zusammenhängenden Fragen.
Abschließend ging der Reichskanzler, zur Prognose über, zur Betrachtung der Frage, wie das in Locarno Erreichte sich in der Zukunft auswirken werde. Hier stellte er den Gesichtspunkt in den Vordergrund,
daß ein Erfolg nicht deswegen abgelehnt werden könne, weil er nicht alle gehegten Wünsche erfülle.
Der Weg zum Aufstieg sei mühselig und langsam. Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre ergäbe jedoch, daß ein positiver und ständiger Fortschritt festzustellen sei. In dieser Beziehung
komme dem Artikel 6 des Sicherheitspaktes besondere Bedeutung zu.
Hier sei in der Einfügung des Schiedsvertrages über die Regelung des Londoner Abkommens hinaus ein bedeutender Fortschritt erzielt. Die besondere Bedeutung des Artikels 20 des deutsch-französischen Schiedsvertrages werde in diesem Zusammenhang erläutert. Der Reichskanzler setzte sich alsdann mit den Einwendungen und Bemängelungen auseinander, welche gegen das Werk von Locarno laut geworden seien, und wies abschließend auf die großen allgemeinen Gesichtspunkte hin, die bei Betrachtung des Werkes von Locarnv im Rahmen der Parteipolitik und der Weltwirtschaft in Betracht gezogen werden müßten. Zur
Frage der Rückwirkungen unterstrich der Kanzler mit besonderem Nachdruck die Notwendigkeit der Schaffung einer Grundlage, auf der dem schwergeprüften deutschen Volke Vertrauen in die gemachten Zusicherungen und Glauben an den Frieden der Zukunft erwachsen könne Es bestehe kein Zweifel daran, daß,, wenn die Rückwirkungen, insonderheit hinsichtlich der Rheinlandfrage, in dem Ginne behandelt würden, der die l o g i s ch e Auswirkung der Verhandlungen in Locarno zustimmen werde. Demgegenüber sei es eine Frage von Nachgeordneter Bedeutung, in welcher Weise dieser sichere deutsche Volkswille seinen endgültigen Ausdruck finde, sei es im Parlament, wie es jetzt bestehe, sei es durch Befragen des deutschen Volkes selber.
Allen deutschen Parteien rufe er, der Reichskanzler, zu, daß es fich jetzt nicht darum handele, Politik im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu machen, sondern daß das deutsche Volk jetzt vor geschichtliche» Aufgaben stehe.
Daß eine außenpolitische Entscheidung von solcher Tragweite hinterher auch tiefe Spuren in die gesamte politische Entwickelung eines Volkes trage, entspreche aller geschichtlichen Erfahrung. Er, der Reichskanzler, werde seine ganze Kraft daran setzen, daß die großen außenpolitischen Fragen wirklich reif würden zur Entscheidung durch das deutsche Volk. Das sei seine Aufgabe im Dienste des ganzen deutschen Volkes, das höher stehe, als irgend welche i Parteigesichtspunkte. In dieser Stadt, so schloß der Reichskanzler, in der ich die Ehrs und das Glück gehabt habe, als O b e r - bürgermeister zu walten, weiß jedermann, daß der gegenwärtige Reichskanzler P a r t e i g e f i ch t s p u nk t e nicht kennt. Aber ich glaube an Deutschland.
Ministerpräsidenten Painlevä die Kabinettsbildung übertragen.
PainleoS erklärte, er werde in ungefähr einer Stunde, nach dem er fich mit seine« politischen Freunden besprochen habe, seine Antwort überbringe«.
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Das Ltnkskartell für Mr Kapital Abgabe
Paris, 28. Okt. Die Vorstände der Parteileitungen der zum Kartell der Linken gebörenden Kammerfraktionen habe« heute nachmittag on den verschiedenen heute vormittag von den betreffenden Fraktionen getroffenen Entschließungen Kenntnis genommen. Nach der Aussvrache wurde eine Tagesordnung Compere Morel vorgelegt und diese alsdann einem Ausschuß überwiese», dessen Aufgabe darin besteht, die endgültige Fassung festznlege«. Die Tagesordnung lautet:
„Die Delegierte» der Parteien der Linkes entschlossen, den dreimal von der Wählerschaft kundgegebenen Willen zu achte», bestätigen mit Nachdruck ihren Willen, nur eine Regierungzuunterstützen, die entschlossen ist, von dem erwor- Beneit Vermögen die notwendigen Ovfer im Hinblick auf die. Wiederherstellung der Finanzlage z« fordern und die Verwirklichung dieses Programms vor den beiden Kammern entschieden zu vertreten."
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Englische Blätter über die Krisis in Frankreich.
London, 28. Ott. Die „Time s" schreibt in einem Leitartikel zur französischen Krisis: Die Zukunft Frankreichs ist eine Frage von tiefem Interesse für England. Es ist seit einiger Zeit bereits deutlich gewesen, daß Frankreich eine innere Krise durchmacht. Frankreich nimmt in Europa geographisch wie wirtschaftlich eine Stellung von besonderem Vorteil ein. Was Frankreich tut und unterläßt, ist daher von großer Bedeutung für alle Übrigen europäischen Länder und somit auch für die Welt. Die weitere Entwicklung dieser langen Krisis wird nicht nur in England mit großem Interesse verfolgt werden.
Der „Daily Telegraph" betont, daß die Aussicht auf Annahme des Paktes durch den Rücktritt des Ministeriums unberührt bleibt. Das Blatt bemerkt: Briand ist zweifellos ein Staatsmann, der die geringste Schwierigkeit bei der Bildung eines den Parteien der Linken augenblicklich annehmbaren Kabinetts finden wird. Er bat, wie verlautet, in Loucheur einen politischen Genossen, der nicht vor der Aufgabe der Behandlung des französischen Finanzvroblems zurückweichen wird, aber er scheint es vorzuziehen, wenn möglich am Quai d'Orsay zu bleiben.
,L)ailv News" spricht in einem Leitartikel vom Damaskus-Skandal und schreibt, aus dem Bericht gebe hervor, daß der französische Oberbefehl in äußerst herausfordernder Weise vorgegangen sei. Zu der französischen F i n a n z k r i s e bemerkt das Blatt, die französischen Rentner und Bauern weigerten sich hartnäckig, die Staatsschulden mit Steuern zu bezahlen und warten auf eine Maschine, die dies für sie tue.
„Daily Chronicle" über die Beschießung von Damaskus.
London, 28. Okt. Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Chronicle" schreibt: In politischen Kreisen kommt eine beträchtliche Ueberraschung und Empörung über die französische Beschießung der offenen Stadt Damaskus zum Ausdruck. Eine Mandatarmacht ist dem Völkerbundsrat für die Verwaltung des ihr anvertrauten Gebiets verantwortlich. Es ist wahrscheinlich, daß die Franzosen ersucht werden, Rechenschaft über ihre Handlungsweise vor dem Völkerbund abzulegen.
ft Loudo«, 2d. Ott. Sh „Times" meldet aus Damaskus, daß die Verluste unter d« Bevölkerung infolge bee französischen Beschießung i auf 1300, wen« nicht hähe, geschätzt werd«.