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Sonntrsmg, 29. Oktober ISA

Die „Oberhessische Zeitung" er­scheint sechsmal wöchentlich. Be­zugspreis monatlich 2 GM. auS- schließl. Zustellungsgebühr, durch 0i«Post2.25 GM.Für etwa Infolge Streiks, Maschinen defekte oder elementarer Ereignisse ausfallende Nummern wird kein Ersah ge­leistet. Verlag d. Dr. §. Hiheroth, Druck der Unib.-Buchdruckerei d. Zoh. Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 55. u. Rr. 666. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Nr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und »,,1—1 Uhr.

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Lloyd George über das Lcichcnsettmärchc».

London, 27. Oft. (WTD.) Die vor eini­gen Tagen in Äewyorf gehaltene Aede des britischen Drigadegenerals Charteris, in der er, wie er jetzt mitteilt, erklärte, dass der während des Krieges gegebene Bericht, nach dem die Deutschen Soldatenleichen ge- ifocht haben sollen, um Fett zur Glhzerm- gewmnung zu erhalten, nicht zur Propaganda gebraucht wurde, als bekannt wurde, dah das Tagebuch des Soldaten, worauf slch dieser Be­richt gründete, gefälscht war, erregt in der Presse immer größeres Aufsehen. (Charteris gab jedoch zu, daß dieser Bericht damals eine zeitweilige Wirkung gehabt haben mag.)) Der s politische Berichterstatter der „Sundah Times" bezeichnet die Aeuherungen des Gene- I rals mit „Aus der Schule plaudern".

Lloyd George erklärte gegenüber, dem [ Vertreter des „Weeklh Dispatch", »daß er die Geschichte damals nicht geglaubt habe, und dcch er sie auch heute nicht glaube. Man habe gewußt, dah sie nicht wahr sein könne, und aus diesem Grunde sei sie vom bri- i tischen Propagandadepartement auch niemals offiziell ausgegeben worden. Aber in der Krises des Kriegsfiebers sei es unmöglich ge­wesen, zu verhindern, daß ein Bericht dieser s Art geglaubt wurde."

Der damalige Leiter des Propagandadepar­tements Masterman erklärte dem Bertre-

Nie MMmskrMn fit RMstagsalMimg

Berlin, 28. Oki. Der Vorstand der sozial- temokratifchrn Neichstagsfraktion trat am Mittwoch zur Prüfung der politischen Lage zu­sammen. Er gab nach etwa zweistündigen Verhandlungen folgendes Communique aus:

„Der Vorstand war einmütig der Auf­fassung, daß sich durch Austritt der deutsch- nationalen Minister an der scharfen Op­position der Sozialdemokratie gegen die Regierung Luther nichts geändert hat j Der Austritt der Deutschknationalen beweist nur, daß es unmöglich ist, mit dieser Partei eine den deutschen Jnter- \ essen entsprechende auswärtige Politik zu führen. Die Sozialdemokratie kann nicht daran denken, die Deutschnationalen aus der Verantwortung zu entlassen und in diesem Reichstag den Vertrag von Locarno, in dem sie den großen Erfolg ihrer eigenen außenpolitischen Richtlinien erblickt, gegen die deutschnationalen Stimmen zu ratifi­zieren. Sic steht den eigentlichen Weg zur ; Lösung der Krise in der Befragung des

Volkes vermittelst Auflösung des Reichstages. Der Fraktionsvorstand wird die Neichstagsfraktion zum Freitag den 6. November einberufen, um zur Situa­tion, insbesondere zur Frage des Zusammen­tritts des Reichstags, Stellung zu nehmen."

Ser grieKW-bulMWe KenM

Paris, 28. Oft. Der Sonderberichter­statter des „M a t i n“ telegraphiert seinem Blatt unterm 27. Oktober aus Eswepi- Vratsch, daß nachmittags gegen 3Z4 Uhr eine Abteilung griechischer Offiziere mit dem Obersten Bergeos an der Spitze sich beim griechischen Grenzposten von Demir Kapur bei dem bulgarischen Obersten iLateff, dem Kommandeur des 7. Zrff.-Re- giments eingefunden habe, um den benach­barten griechischen Posten, der nach der Meinung der Griechen von den Bulgaren besetzt sein sollte, wieder in Besitz zu neh­men. Er, der Berichterstatter, könne aus eigener Anschauung erklären, daß die griechische Kommission sich hätte über­zeugen und anerkennen müssen, daß keine Cebietsverletzung von den Bul­garen begangen worden sei.

ter des „Weellh Dispatch": Man hat in amtlichen Kreisen damals sehr gut gewußt, daß die Geschichte nicht wahr ist." Die Blat­ter kündigen an, dah im Parlament Anfragen m dieser Angelegenheit gestellt werden sollen, und dah das Kriegsamt eine Untersuchung abhalten wird, wenn ihm die Erklärungen des Generals Charteris vorliegen werden.

Volkskommissar Frunse erkrankt.

fk Moskau, 29. Okt. Der Volkskommissar für Heereswesen, Frunse, ist an einem Ma­gen- ttnb Darmleiden erkrankt und nach dem Krankenhaus überführt worden. Dir mitge- teilt wird, ist das Bränden gut.

Der Reichskanzler in Eßen

Winlkvt mit ter Kabinetts. Mittig beauftragt

Was bedeutet Somme?

P a r i s, 28. Okt. (WB.) Der Präsident der Republick hat dem zurückgetretene«

E s s e n, 28. Okt. (WTB.) Zn Erwar- I tung der heutigen politischen Ausführun­gen des Reichskanzlers füllte ein nach mehreren Taufenden zählendes Publikum den großen Saal des städtischen Saalbaues bis auf den letzten Platz. Um 9,15 Uhr er­schien, mit Händeklatschen lebhaft begrüßt,

Reichskanzler Dr. L u t h e r.

Er wies zu Eingang seiner Rede auf dis Bedeutung der Essener medizinischen Woche als kulturvermittelnde Einrichtung hin so­wie auf die besondere Bedeutung des Ruhr- bczrrks für die Arbeit der deutschen Wirt­schaft. Als Thema für seine Betrachtungen habe er die Frage gewählt: Was be­deutet Locarno? Gliederung und Aufbau des Vertrages wolle er im Rahmen der medizinischen Woche anpassrn, an die medizinischen Begriffe Anämesie, Eesund- heitsziel, Therapie, Prognose. Vor dem Kriege sei die Grundlage für die politische Gesundung Europas das System der Gleichgewichtscrhaltung gewesen. Zn der Nachkriegszeit sei durch die Schaffung von zwei Kategorien von Staaten, den ent­waffneten " und den bewaffneten, das Gleichgewicht gestört worden. Ausgabe der deutschen Nachkriegspolitik sei, Deutschland als gleichberechtigten Faktor in das europäische Staatensystem wieder einzufügen. Gleichberechtigung sei Voraussetzung für jede fruchtbare Mit­arbeit an den großen gemeinsamen Auf­gaben. Die außenpolitischen Sorgen, die das deutsche Volk bewegen, knüpfen zu­nächst an die große Frage der allge­meinen Entwaffnung an, die im Vertrage von Versailles als Grundprinzip ausgestellt sei. Auch in Locarno habe die Frage der Entwaffnung eine wichtige Rolle gespielt. Das oberste Ziel von Lo­carno sei aber die Schaffung von Sicherungen für den Frieden. Zu diesem Zwecke diene in erster Linie der in Locarno weitgehend verwirklichte Ge­danke des Schiedsverfahrens. Der Reichskanzler gab anschließend eine ein­gehende Darlegung des Sicherheitspaktes unter besonderer Berücksichtigung einzel­ner, die Oesfentlichkeit besonders interef- fierender Probleme. Das Schiedsgerichts- sqstem habe sich in den Erörterungen in London und in Locarno als geeignetes und wirksames Mittel zur Sicherung der Frie­dens bewährt.

Der Reichskanzler erörterte alsdann die einzelnen Bestimmungen des Sicher­heitspaktes,

beginnend mit der Präambel und darnach übergehend zu den Borschriften der Artikel 1 und 2, deren Inhalt für den Rhein und das Ruhrland von besonderem Interesse seien. Auch die damit im Zusammenhang stehenden Vorschriften der Völkerbunds­satzungen wurden zur Erläuterung mit herangezogen, insbesondere diejenigen, die bei Konflikten zwischen den Staaten der Bestimmung des Angriffes und der Rege­lung von Rechten und Pflichten der Betei­ligten dienen. Was die O st f r a g e anbe­langt, so sei hier im Hinblick auf di« Führung der deutschen Ostgrenzen eine an­dere Lage gegeben als im Westen; aber auch hier stehe das Friedensziel, wie in der Präambel zu den Ostschiedsverträgen zum Ausdruck gebracht, im Vordergrund Die in Locarno getroffenen Abmachungen zwischen Frankreich und Polen bezw. der Tschechoslowakei hielten sich genau an die im Völkerbundspakt getroffene Regelung, wozu noch vom deutschen Standpunkt aus hinzukomme, daß bei etwaigem Eintritt des Carantiefalles die englisch-ita­lienische Garantie zu Deutsch­lands Gun st en mittelbar wirksam werden könne. Zur Frage des Artikels 16 der Völkerbundssatzung wies der Reichs­kanzler auf die Beziehungen Deutschlands zu R u ß l a n d hin, die, wie der jüngst ge­schloffene deutsch-russische Handelsvertrag

beweise, durch das Werk von Locarno keine Aenderung erlitten hätten. Die Stellung­nahme Deutschlands zum Artikel 16 sei be­stimmt durch die besondere Lage Deutsch­lands in bezug auf den militärischen Rüstungszustand und durch ?eine geogra­phischen Verhältnisse. Der Reichskanzler berührte im Zusammenhang auch die übri­gen mit Deutschlands Eintritt in den Völ­kerbund zusammenhängenden Fragen.

Abschließend ging der Reichskanzler, zur Prognose über, zur Betrachtung der Frage, wie das in Locarno Erreichte sich in der Zukunft auswirken werde. Hier stellte er den Gesichtspunkt in den Vorder­grund,

daß ein Erfolg nicht deswegen abge­lehnt werden könne, weil er nicht alle gehegten Wünsche erfülle.

Der Weg zum Aufstieg sei mühselig und langsam. Ein Rückblick auf die vergange­nen Jahre ergäbe jedoch, daß ein posi­tiver und ständiger Fortschritt festzustellen sei. In dieser Beziehung

komme dem Artikel 6 des Sicherheits­paktes besondere Bedeutung zu.

Hier sei in der Einfügung des Schiedsver­trages über die Regelung des Londoner Abkommens hinaus ein bedeutender Fort­schritt erzielt. Die besondere Bedeutung des Artikels 20 des deutsch-französischen Schiedsvertrages werde in diesem Zusam­menhang erläutert. Der Reichskanzler setzte sich alsdann mit den Einwendungen und Bemängelungen auseinander, welche gegen das Werk von Locarno laut gewor­den seien, und wies abschließend auf die großen allgemeinen Gesichtspunkte hin, die bei Betrachtung des Werkes von Locarnv im Rahmen der Parteipolitik und der Weltwirtschaft in Betracht gezogen werden müßten. Zur

Frage der Rückwirkungen unterstrich der Kanzler mit besonderem Nachdruck die Notwendigkeit der Schaffung einer Grundlage, auf der dem schwerge­prüften deutschen Volke Vertrauen in die gemachten Zusicherungen und Glauben an den Frieden der Zukunft erwachsen könne Es bestehe kein Zweifel daran, daß,, wenn die Rückwirkungen, insonderheit hinsichtlich der Rheinlandfrage, in dem Ginne behandelt würden, der die l o g i s ch e Aus­wirkung der Verhandlungen in Locarno zustimmen werde. Demgegenüber sei es eine Frage von Nachgeordneter Be­deutung, in welcher Weise dieser sichere deutsche Volkswille seinen endgültigen Ausdruck finde, sei es im Parlament, wie es jetzt bestehe, sei es durch Befragen des deutschen Volkes selber.

Allen deutschen Parteien rufe er, der Reichskanzler, zu, daß es fich jetzt nicht da­rum handele, Politik im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu machen, sondern daß das deutsche Volk jetzt vor geschichtliche» Aufgaben stehe.

Daß eine außenpolitische Entscheidung von solcher Tragweite hinterher auch tiefe Spuren in die gesamte politische Entwicke­lung eines Volkes trage, entspreche aller geschichtlichen Erfahrung. Er, der Reichs­kanzler, werde seine ganze Kraft daran setzen, daß die großen außenpolitischen Fra­gen wirklich reif würden zur Entscheidung durch das deutsche Volk. Das sei seine Aufgabe im Dienste des ganzen deutschen Volkes, das höher stehe, als irgend welche i Parteigesichtspunkte. In dieser Stadt, so schloß der Reichskanzler, in der ich die Ehrs und das Glück gehabt habe, als O b e r - bürgermeister zu walten, weiß jeder­mann, daß der gegenwärtige Reichskanzler P a r t e i g e f i ch t s p u nk t e nicht kennt. Aber ich glaube an Deutschland.

Ministerpräsidenten Painlevä die Ka­binettsbildung übertragen.

PainleoS erklärte, er werde in ungefähr einer Stunde, nach dem er fich mit seine« politischen Freunden besprochen habe, seine Antwort überbringe«.

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Das Ltnkskartell für Mr Kapital Abgabe

Paris, 28. Okt. Die Vorstände der Parteileitungen der zum Kartell der Linken gebörenden Kammerfraktionen habe« heute nachmittag on den verschiedenen heute vormittag von den betreffenden Fraktionen ge­troffenen Entschließungen Kenntnis genommen. Nach der Aussvrache wurde eine Tagesord­nung Compere Morel vorgelegt und diese alsdann einem Ausschuß überwiese», dessen Aufgabe darin besteht, die endgül­tige Fassung festznlege«. Die Tagesord­nung lautet:

„Die Delegierte» der Parteien der Linkes entschlossen, den dreimal von der Wähler­schaft kundgegebenen Willen zu achte», be­stätigen mit Nachdruck ihren Willen, nur eine Regierungzuunterstützen, die entschlossen ist, von dem erwor- Beneit Vermögen die notwendigen Ovfer im Hinblick auf die. Wiederherstel­lung der Finanzlage z« fordern und die Ver­wirklichung dieses Programms vor den bei­den Kammern entschieden zu vertreten."

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Englische Blätter über die Krisis in Frankreich.

London, 28. Ott. Die „Time s" schreibt in einem Leitartikel zur französischen Krisis: Die Zukunft Frankreichs ist eine Frage von tiefem Interesse für England. Es ist seit einiger Zeit bereits deutlich gewesen, daß Frankreich eine innere Krise durchmacht. Frank­reich nimmt in Europa geographisch wie wirt­schaftlich eine Stellung von besonderem Vor­teil ein. Was Frankreich tut und unterläßt, ist daher von großer Bedeutung für alle Übri­gen europäischen Länder und somit auch für die Welt. Die weitere Entwicklung dieser langen Krisis wird nicht nur in England mit großem Interesse verfolgt werden.

Der „Daily Telegraph" betont, daß die Aussicht auf Annahme des Paktes durch den Rücktritt des Ministeriums unberührt bleibt. Das Blatt bemerkt: Briand ist zwei­fellos ein Staatsmann, der die geringste Schwierigkeit bei der Bildung eines den Par­teien der Linken augenblicklich annehmbaren Kabinetts finden wird. Er bat, wie verlautet, in Loucheur einen politischen Genossen, der nicht vor der Aufgabe der Behandlung des französischen Finanzvroblems zurückweichen wird, aber er scheint es vorzuziehen, wenn möglich am Quai d'Orsay zu bleiben.

,L)ailv News" spricht in einem Leit­artikel vom Damaskus-Skandal und schreibt, aus dem Bericht gebe hervor, daß der französische Oberbefehl in äußerst herausfor­dernder Weise vorgegangen sei. Zu der fran­zösischen F i n a n z k r i s e bemerkt das Blatt, die französischen Rentner und Bauern weiger­ten sich hartnäckig, die Staatsschulden mit Steuern zu bezahlen und warten auf eine Ma­schine, die dies für sie tue.

„Daily Chronicle" über die Beschießung von Damaskus.

London, 28. Okt. Der diplomatische Be­richterstatter des „Daily Chronicle" schreibt: In politischen Kreisen kommt eine beträchtliche Ueberraschung und Empörung über die französische Beschießung der of­fenen Stadt Damaskus zum Ausdruck. Eine Mandatarmacht ist dem Völkerbundsrat für die Verwaltung des ihr anvertrauten Ge­biets verantwortlich. Es ist wahrscheinlich, daß die Franzosen ersucht werden, Rechenschaft über ihre Handlungsweise vor dem Völkerbund abzulegen.

ft Loudo«, 2d. Ott. Sh „Times" meldet aus Damaskus, daß die Verluste unter d« Be­völkerung infolge bee französischen Beschießung i auf 1300, wen« nicht hähe, geschätzt werd«.