Sonnabend, den 24. SkWer ISA
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Karlsruhe, 23. Olt. In einer Rede, die Reichsminister Dr. Stresemann in Karlsruhe über die Verhandlungen von Locarno hielt, führte er folgendes aas: „WaS bisher in Locarno geschaffen worden ist, kann die Zustimmung jedes Deutschen finden, der sich dessen bewußt ist, daß nur auf dem Boden friedlicher Entwicklung in Europa die W ied ererst a r k u n g Deutschlands m ö g l ich ist. Wenn Deutschland durch den Vertrag von Locarno den Beweis seiner dauernd friedlichen Einstellung gibt,
dann mutz aber das, was bisher geschaffen wurde, auch erweitert werden durch die Bekundung unserer Vertragskontrahenten, auch ihrerseits die Folgerungen aus diesem neuen Stand der Dinge zu ziehen.
Auch ohne jeden Zusammenhang mit den Verhandlungen in Locarno muß zunächst die Differenz wegen der Besetzung der er st en Rheinlandzone beseitigt werden. Die Stellungnahme des deutschen Volkes und der Reichsregierung soll darin bestehen, die Entscheidung zu fällen, sobald wir erkennen können, daß das, was bisher in Locarno vor sich gegangen ist, sich für das Rheinland auswirkt. Die deutschen Delegierten haben die Verantwortung für die Paraphierung deshalb übernommen, weil sie davon überzeugt sind, daß Briand, Chamberlain und Vandervelde die Verständigung mit Deutschland ans innerster Ueberzeugung wollen und sich mit allen Kräften dafür ein setzen, zumal die Entwicklung des Weltkrieges wohl für jeden, der denken kann, ergeben hat, daß «S nur ein aus tausend Wunden blutendes und deshalb in seiner geistigen Emanation und wirtschaftlichen Kraft geschwächtes Europa gibt. Dr. Stresemann legte dann dar, daß die Behauptung, die in Locarno vereinten Mächte beabsichtigten einen Block gegen Rußland zu schließen, vollkommen unrichtig sei. Deutschland würde eine solche Politik nicht mitmachen. Der Abschluß des deutsch-russischen Handelsvertrags hat den Willen Deutschlands, mit Rußland in guten Beziehungen zu bleiben, klar und praktisch zum Ausdruck gebracht. Ich bin im übrigen überzeugt, daß die Stellungnahme der Westmächte sich mit dieser Stellungnahme im wesentlichen deckt. In seinen weiteren Darlegungen führte Dr. Stresemann aus: Wenn die Grundlagen gegeben sein werden, um zu einem positiven Endergebnis zu kommen, dann muß hinter diesem Ergebnis die grobe Mehrheit des ganzen Volkes stehen. Locarno darf leine
Frage der Parteipolitik sein.
Wir sind ungebrochen als Großmacht in moralischer Beziehung. Der Friedenswille einer überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes kann und wird der Ausgangspunkt sein für eine Entwickelung, die uns dieejnigen Möglichkeiten friedlicher und gleichberechtigter Betätigung eröffnet, die uns bisher versagt waren.
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„Locarno darf nicht Gegenstand der Par- teipolitik sein" — diese Worte Stresemanns sollten sich alle diejenigen hinter die Ohren Ereiben, die aus der augenblicklichen Lage, der wir über ein Menschenalter deutscher Zukunft zu entscheiden haben, nur kleinliche Parteigeschäfte zu machen suchen und auch heute wieder der Oefsentlichkeit Krisengerüchte unterbreiten, die vorläufig jeder Grundlage entbehren. Wenn die Grundlagen zu einer Unterschrift der Verträge von Locarno gegeben sein werden, mutz das ganze Volk zu diesen Verträgen stehen — das fordert der Reichsaußenminister und die Deutsche Volkspartei, das fordern auch die Deutschnationalen. Die Demokraten irren sich, wenn sie glauben, durch eine Entstellung der Tatsachen die Geschlossenheit der nationalen Front durchbrechen zu können.
Seine Rtgstrungskrist!
Entscheidung erst am Sonntag
Berlin, 23. Ott. (WTB.) Der Par. teivorstand und die Landesver, bandsvorsitzenden der Deutschnationalen Polkspartci faßten heute mit erdrückender Mehrheit sorgende Entschließung:
In Fortführung der von der deutsch»
Som ewigen und wahren Frieden
Die Elementarkräfte, die im menschlichen Körper schlummern, die in mannigfacher Gestalt, hier im Widerstreit verzettelt, dort zu einem Willen zusammengeballl das Leben der Rationen bestimmen, lafsen sich nicht durch Worte binden. Heber allen Paragraphen und Artikeln der Der träge bleibt ein letzter Rest, wo das glutvolle Leben der Böller einzig und allein von sich aus entscheidet. Vergebens strengen sich die Diplomaten an, die Formel zu finden, die einen „wahrhaften und ehrlichen Frieden für alle Ewigkeit' verbürgt. Sinnlos auch, nur nach den Cutten der Verträge zu suchen, durch die sich das Recht zum Kriege beweisen liehe. Alke Bestimmungen und Formeln sind zunächst nichts als Richtlinien des politischen Lebens, bleiben immer mannigfacher Auslegung zugänglich, bleiben aber sinnlos und tat, wenn sie nicht eingehen in das Geistesleben aller Völker.
Aber, wenn es schon mit der Rormal- schichtung der Welt nichts ist, wenn von einem ewigen Frieden, bei der Verbundenheit Europas mit den anderen Erdteilen nicht zu reden ist, wie steht es dann mit jenem kleinen europäischen Frieden, den die Staatsmänner von Locarno für eine Spanne behaglichen Lebens zu begründen hoffen? Wie steht es namentlich mit dem „Geist von Locarno", der von der Linkspresse bei jeder Gelegenheit zitiert wurde, um die sachliche Kritik der Rationalgesinnten als ein Verbrechen an der Befriedung Europas hinstellen zu können. Soll dieser Geist noch einmal den Geist des Vertrages von Versailles bekräftigen, wie der Vertrag von Locarno in seinem Artikel 6 das Fortbestehen dieses Schandfriedens in allen seinen Auswirkungen und Einzelheiten von Deutschland bestätigen säht? Haben wir in dieser Hinsicht auch nut etwas mehr als Hoffnungen, haben wir eint einzige feste Zusage, eine deutliche Handlung, die — wie im Fall des begnadigten Reichswehrfähnrichs — mehr wäre als eine billige Geste? , „
Gerade, weil dieser Geist so kümmerliche Früchte trägt, weil wir aus sieben Jahren des „Friedens" so unendlich bittere, jedes Vertrauen erstickende Ersahrungen gemacht haben, ist es unsere Pflicht, wenigstens die greifbaren Abmachungen auf ihren Inhalt genau zu prüfen. Das ist an dieser Stelle wiederholt und ausführlich geschehen, wir können uns heute mit wenigen Feststellungen begnügen: Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bedeutet nochmalige Anerkennung des Versailler Vertrages. Wir verpflichten uns damit ferner zur Anerkenntnis von Artikel 15 und 16. Die Erklärung der Alliierten über Deutschlands Ausnahmestellung in Bezug auf Artikel 16 verpflichtet sie zu nichts. Im 5all eines deutsch-polnischen Konflikts ergibt sich auf Grund von Artikel 2 des Sicherheitspaktes in Verbindung mit | Artikec 15, I des VöEerbundSvertrgaes und
nationalen Neichstagsfraktion bereits ergriffenen Initiative erklären der Parteivorstand und die Sun« desverbandsvorfitzendeu der Deutschnationalen Volkspartei: Das nunmehr vorliegende Vertragser- gebnis von Locarno ist für die 'Parteiunannehmbar.
Graf Westarp kündigte hierauf an, daß er die deutschnationale Neichstagsfraktion auf Sonntag nachmittag einberufen werde, um nach diesem Beschluß über die erforderlichen Schritte zu beraten.
Entgültig entscheidet die Fraktion.
Perl in.'23. Lkt. (WB.) 3« der beute abend verbreiteten Meldung über die angeblichen Rückwirkungen der Entschließung des Parteivorstandes und der Landesvcr- bandsvorsttzenden der Deutschnationalen Bolkspartei hinsichtlich des Vertragsergco- nisfes von Locarno erfahren wir von dem Vorsitzenden der Reichstagsfraktion der Deutschnationalen Volks- partei, daß die maßgebende Entscheidung über diese Frage von der Be-
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Aller Dölker — das gilt unbedingt. Darum schon ist der Geist von Locarno beschränkt, weil er die Welt vom Standpunkt einer europäischen Rormalschichtung aus betrachtet, gleichsam aus der Erdkruste Europas das Werden des riesigen Welt körpers heraus» lefen will. Ist denn der ewige Friede verbürgt, wenn wirklich diese Rormalschichtung Europas in Paragraphen festgelegt wäre und auf absehbare Dauer bestände? 2>st nicht das Leben der europäischen Völker verbunden durch die Vergangenheit und in alle Zukunft hinein mit den ungeheuren Weiten der übrigen Erdteile? Und herrscht in diesen etwa der Friede? Läßt sich da etwa eine ähnliche Regulierung des Besitzstandes der Rationen auch nur denken, wie man sie für Europa plant? Lehrt nicht die Gegenwart, daß in dem Blute auch der anderen, der unterdrückten Völker Kräfte schlummern, die jede Rormalschichtung über den Haufen werfen? Ständen die Drusen heute trotz Tanks und schwerer Artillerie der Franzosen in Damaskus, die Rifleute wieder auf dem Massiv von Bibane, die Griechen auf bulgarischem Gebiete, wenn in diesen Völkern nichts Kräfte lebendig wären, aus ihnen neue Kräfte erwüchsen, die auch in der Zukunft alte Grenzen verschieben, neuem völkischen Leben zum Siege verhelfen müssen? Bringen diese Dölker nicht darum selch gewaltige Opfer an Gut und Blut, weil die Höhen östlich des Libanon, die Fruchtebene von Damaskus, die Gebirge des Rif, das Land der gelben Erd« ihre Heimat ist? Wirkt in ihnen nicht lebenerweckend, weltbewegend, unter allen Kräften nie vernichtbar, stets unberechenbar der Geist der Freiheit, den kein Wille fremder Menschen je in Paragraphen bannt?
Einberufung des Völkerbundes.
Genf, 23. Ott. Der Generalsekretär des Bölkcrbundsrates hat im Einverständnis mit dem amtierenden Vorsitzenden des Völkerbundsrates, Briand, den Rat auf Montag, den 26. Oktober, nachmittags 4.30 nach Paris einberufen, um sich mit dem zwischen Griechenland und Bulgarien ausgebrochenen K o n f l i k t zu beschäftigen.
Paris, 23. Okt. Zur Einberufung des Völkerbundsrates nach Paris zwecks Regelung des griechisch-bulgarischen Streitfalles wird noch bekannt, daß Griechenland und Bulgarien entsprechend den Vorschriften des Völkerbundsstatuts aufgefordert worden sind, vor dorn VölkerbundSrat zu erscheinen, sich bis dahin jeder neuen feindlichen Handlung zu enthalten und ihre Truppen auf eigenes Gebiet zurückzuführen.
Zurücknahme der bulgarischen Grenztruppen.
Paris, 23. Okt. Nach einer vom , Matin" wiedcrgegebencn Meldung aus ' Sofia soll die bulgarische Regierung gestern Befehl gegeben haben, daß die bulgarischen Truppen aus der Zone, in der sich die jüngsten Ereignisse abgespielt haben, zurückgezogen würden, um neues Blutvergießen zu vermeiden.
Serbische Truppenkonzentration an der Grenze.
P a r i s, 23. Ott. Zn einer vom „Petit Parisien" ans Belgrad wiedergeqebenen Meldung heißt es, daß die serbische Regierung wegen der bulgarisch-griechischen Krise eine Truppenkonzentration an der Grenze vorgenommen habe.
Bulgarische halbamtliche Erklärungen znm Grenzzwischenfall.
Sofia, 23. Okt. Gestern abend, vier Tage nach dem Grenzzwischenfall, sprach dec griechische Geschäftsträger bei dem hiesigen Departement der Auswärtigen Angelegenheiten vor und überreichte namens seiner Regierung eine Note. Dieses Schriftstück enthält eine Reihe von Forderungen, verlangt Genugtuung und versucht, Bulgarien für den Zwischenfall verantwortlich zu machen. Wie wir hören, versi'.cht die bulgarische Regierung seit drei Tagen vergebens, die Zustimmung der griechischen Regierung zu ihrem Vorschlag zu erhalten, eine Untersuchung über den Zwischenfall einzuleitcn. Sie lehnt jede Verantwortlichkeit für diesen Vorfall, den sie als durch Griechenland' herbeigeführt betrachtet, ab. Da die Sache gemäß den Satzungen des Völkerbundes dem Völkerbundsrat schon unterbreitet wurde, beabsichtigt Bulgarien nicht, die griechische Note zu beantworten, vielmehr will sie mit Vertrauen auf die Entscheidung des Rates warten.
Tie Tätigkeit der griechischen Truppen auf bulgarischem Boden entwickelt sich auf
Die Gmechm kämpfm weiter «ein MterjwAd ter BuWren
schlußsassung der deut sch nationalen Neichstagsfraktion abhängt, die erst am Sonntag nachmittag zusammentritt. Alle vor dieser Entscheidung an die heutige Entschließung geknüpften Schlußfolgerungen entbehren somit der tatsächlichen Grundlage.
Berlin, 23. Okt .Von maßgebender volksparteilicher Seite erfahren wir, daß die durch den Beschluß der deutschnationalen Delegiertenvcrsammlung geschaffene Lage zwar als exust, aber nicht als endgültig angesehen wird. Die Deutsche Volksparter hat Vertrauen zu den in gemeinsamer Arbeit bewährten staatserhaltenden Kräften der Deutschnationalen Volkspartei, daß sie bei der endgültigen Stellungnahme in der Angelegenheit sich der kaum ausdenkbaren Folgen auf außen- und innenpolitischem Gebiete, welche eine Regierungskrise im gegenwärtigen Augenblick nach sich ziehen würde, bewußt sein wird.
Die Deutsche Valksp.artei Tann darnach nur annehmen, daß bei aller Würdigung oer schweren Bedenken, welche die Deutsch- nationale Volkspartei gegen die Abmachuu- (Fortsetzung siehe Seite 2.)
einem Gebiet von 20 Kilometern Länge und 8 Kilometern Tiefe.
Eine Erklärung der griechischen Regierung. I fk. Athen, 24. Oki. Die griechische Regierung veröfenilicht folgende Erklärung: Nach dem griechischen Vormarsch auf Petritsch muffen die militärischen Operationen als beendet angesehen werden. Der griechisch-bulgarische Zwischenfall tritt nun in eine rein diplomatische Phase ein, in der Griechenland auf die geforderte Genugtuung bestehen muß. In der Meldung heißt es weiter, daß die griechischen Verluste 2 Tote und 8 Verwundete betragen.
Im Gegensatz hierzu wird uns telegraphisch gemeldet:
fk. Sofia, 24. Okt. Die bulgarische Regierung hat folgende neue Note an das Ecneralsekretariat des Völkerbundes gerichtet:
Auf Grund des gestrigen Telegrammes halte ich es für unsere Pflicht, zur Kenntnis des Völkerbundsrates zu bringen, daß die griechischen Truppen gestern nachmittag und während der Nacht ihre Operationen fortsetzten und bereits im bulgarischen Gebiet in einer Front von 32 Kilometer Breite und 10 Kilometer Tiefe eingedrungen sind.
Unsere bisherigen Verluste sind: 3 Soldaten tot. 6 Soldaten und 1 Offizier verwundet, 7 Soldaten vermißt und ein Angehöriger der technischen Truppen schwer verwundet.
Unter den Einwohnern der völlig ungeschützten Stadt Petritsch, die van griechischer Artillerie beschossen wird, sind 7 Verwundete zu verzeichnen.
Die bulgarische Negierung erneuert ihre Bitte, den Bölkerbundsrat dringend ein- zuberusen.
gez. Minister des Aeußern K a l f o f f.
fk. S o f i a, 24. Okt. Nach zeitweiligem Einhalten des Vormarsches haben die griechischen Truppen in Begleitung von Artillerie ihre Offenfmbewegung wieder ausgenommen. Zwei Bataillone rücken auf dem rechten Strumaufer in Richtung Petritsch vor, während ein drittes Bataillon anscheinend das Dorf Petrovo, 15 Kilometer östlich der Struma, zum Ziele hat. Bisher befolgen die bulgarischen Truppen dem Befehl, sich nicht in einen Kampf einzulafsen.
fk. Sofia, 24. Ott. Nach einer Meldung der bulgarischen Telegraphen-Aaen- tur wurde die Stadt Petritsch im Laufe des Nachmittags von schwerer griechischer Artillerie beschossen.
fk. P a r i s, 24. Okt. Nach einer Havas- Meldung hat die bulgarische Regierung die Militärkontrollkommission aufgefordert. sich in dem Gebiet, wo sich der Erenz- zwischenfall ereignete, an Ort und Stelle i zu unterrichten.