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Marburger Tagesameiger
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Frettag, den & Oktober 1925
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MangWn—Kaiser een ®im
fk. London, 23. Okt. Aus Hankau wirb gemeldet, daß der Zivilgouverneur der Provinz Bupet in einer Proklamation die Unabhängigkeit dieser Provinz ausgerufen hat. Marschall Tschangtsolin hat sich zum Kaiser ausgerufen und beabsichtigt die M a n d s ch u wieder einzusetzen.
Eine Erklärung Wu-Pei-Fus. -
London, 22. Okt. (WTD.) Reuter berichtet aus Peking, dah Wu-Pei»Fu in einer Unterredung erklärt hat, er fei ein Gegner dar Bolschewisten, die er für das zerstörende Element in China halte. Er fügte hinzu, er erwarte die Hilfe des Generals Feng, der unter dem Ramen des christlichen Generals bekannt geworden ist. Dann werde er Tschang-solin, den mandschurischen Heerführer, angreifen. Er erklärte dann noch, die europäischen Mächte Wären übel beraten, wenn sie vor Wiederherstellung geordneter Verhältnisse die geplante Zollkonferenz abhielten. Eine derartige Konferenz könne nicht als rechtmäßig anerkannt werden.
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Bedenken und MamMgen
Besprechung der Locarno-Berträge Ablehnung der Locarno-Verträge durch die deutschnationale Reichstagsfraktion.
.lWiederbolt, weil gestern nur in einem Teil der Auslage enthalten.)
Berk l r, 22. Okt. Zm Auswärtigen Ausschuh des Reichstages wurde von der deutschnationalen Reichstag s- f r a k t i o n folgender Beschluß bekannt gegeben: Die deutschnationale Reichstags- fraktion vermag in dem Ergebnis der Ber- bandlungen von Locarno nicht die Erfüllung der Forderungen zu sehen, die dcn Lebcnsnotwendigkeiten des deutschen Volkes gerecht werden. Die Fraktion vermißt außerdem die Erfüllung der Voraussetzungen für einen Vcrtragsschluß sowie die Gegenleistungen der anderen beteiligten Mächte, die den Deutschland angesonnenen Opfern entsprechen. Angesichts dieses Ergebnisses erklärt die Fraktion schon jetzt, daß sie keinem Vertrage z u st i m m e n wird, der den deutschen Lebensnotwendigkeiten nicht gerecht wird und insbesondere einen Verzicht auf deutsches Land und Volk nicht a u s s ch l i e ß t.
Die Locarno-Verträac vor dem Auswärtigen Ausschuß.
Berlin, 22. Okt. Zm Reichstage trat heute vormittag nm 12% Uhr der Auswärtige Ausschuß unter dem Vorsitz des ASg. H e r g t (Dn.j zusammen. Von der Reichsregierung waren mit dem Reichskanzler auch sämtliche übrigen Mitglieder des Kabinetts mit Ausnahme des R-ichswehrministers Dr. G e ß l e r schon zu Beginn der Sitzung erschienen. Der Rcichs- außenminister war begleitet von Staatssekretär von Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus. Außerdem waren zahlreiche Vertreter der einzelnen Ressorts zugegen. Mit dem Ministerpräsidenten Braun waren auch viele Vertreter der Länder aus dem Rrichsrat erschienen. Die Sitzung wurde mit den Darlegungen des Reichsaußenmini st ers über den Vertrag von Locarno eröffnet.
fk. Berlin, 23. Okt. Die „Tägliche Rundschau" meldet: Das Reichskabinett hat gestern vor dem Zusammentritt des auswärtigen Ausschusses seine Beratung nach einer kurzen Sitzung zum Abschluß gebracht. Die Beratung ist durch einen Beschlug zu Ende geführt worden, der zwar nicht veröffentlicht worden ist, der aber ganz deutlich zu erkennen gibt,
daß das Kabinett insgesamt auf dem Boden dessen steht, was in Locarno erreicht worden ist.
Dieser Haltung entspricht auch, daß das Kabinett den Reichsaußcnminister damit beauftragt hat, die Haltung der Regierung vor dem auswärtigen Ausschuß darzulegen. v3m Anschluß an die Ausführungen
Bor einem neuen Kries
Einfall te srirchifchr»
Griechischer Einmarsch in bulgarisches Gebiet.
Athen. 22. Okt. (WTD.) Die Mäkler veröffentlichen eine Erklärung der Militärbehörden, dah heute griechische Truppen in bulgarisches Gebiet einmarschieren werden, um Petritsen und einen weiteren Grenzort zu besetzen, die sie beseht halten werden, bis Bulgarien völlige Genugtuung für den letzten Zwischenfall geleistet hat.
TU. A t h c n , 22. Okt. Starke Truppentransporte gehen an die bulgarische Grenze ab. Alle verfügbaren Fliegerabteilungen sind bereits an der Grenze stationiert worden, um die bulgarischen Truppenbewegungen zu beobachten.
MlrlWi der Am All
fk. A t h e n , 23. Okt. Amtlich wird gemeldet, daß die Bulgaren in Demir Capus Verstärkung erhalten haben. Der griechische Oberbefehlshaber unternimmt eine Einkreisungsbewegung an den Höhen von Petritschi, um die Bulgaren zur Räumung des griechischen Gebiets zu zwingen. Man glaubt, daß der Fall von Petritschi unmittelbar bevor steht. Die Bulgaren leisteten beträchtlichen Widerstand. Die griechischen Verluste seien gering. Sieben Bulgaren wurden gefangen genommen.
Protest Bulgariens beim Völkerbund.
fk. Sofia, 23. Okt. Wegen der Verletzung bulgarischen Grenzgebiets durch griechische Truppen, die trotz der wiederholten Vorschläge der bulgarischen Regierung, eine Untersuchung zwecks Feststellung der Verantwortung für den Zwischenfall vom 19. Oktober einzuleiten, ihren Vormarsch fortsetzen, hat Bulgarien gemäß Artikel 10 und 11 des Völkerbundsoertrages gestern einen Protest an das Völkerbund- Sekretariat gerichtet, in dem es die sofortige Einberufung des Völkerbundsrates fordert, um den Konflikt zu prüfen. Zm letzten Augenblick wird gemeldet,
daß die griechischen Truppen mit Artillerie undZn- fanterie ihren Vormarsch
f o r t s e tz e n.
Die Truppen beziehen längs der Grenze Stellung und beschießen die Dörfer Ma- recostinova und Marinpol. Die schwachen bulgarischen Grenzschutz - Ab-
Srnecen in SuWien teilungen haben das Dorf Marecostinova geräumt. Die griechische Artillerie beschießt die offenen Städte im Sumatal sowie die dorthin führenden Straßen. Die Znfanterie rückt am Flußuser vor.
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Pariser Stimmen zum griechisch - bulgarischen Konflikt. — Das Recht auf Bulgariens Seite.
TU. Paris, 22. Okt. Der griechischbulgarische Erenzkonflikt erweckt hier politische Befürchtungen und wird" von der Presse mit einer gewissen Erregung besprochen. Die Zeitungen erkennen an, daß Bulgarien, „wenn auch zu den sogenannten besiegten Staaten gehörig", ein Recht darauf habe, von seinem Nachbarn auf gleichen Fuß behandelt zu werden. Bulgarien gehöre ebenso wie Griechenland dem Völkerbund an und die griechische Regierung sei unter keinen Umstünden im Recht,' wenn sie Bulgarien infolge des Grenzzwischenfalles ein Ultimatum zustellt, ohne sich zunächst an den Völkerbund zu wenden. Die „Information" erinnert daran, daß Griechenland selbst in seinem Korfukonflikt mit Italien gegen das italienische Ultimatum unter großen Hilferufen protestiert habe. Es solle jetzt nicht den Spruch vergessen „Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg auch keinem andern zu". Das Blatt erfährt von der Pariser bulgarischen Botschaft, daß die bulgarische Regierung die Eröffnung einer Untersuchung über den Zwischenfall vorgeschlagen und sich bereit erklärt habe, den Schuldigen innerhalb ihrer Grenzen zu bestrafen. Sie habe damit den Beweis ihres guten Willens gegeben. „Paris Midi" erklärt, daß der Konflikt nur beweise, wie wenig die Balkanstaaten für eine friedliche Lösung ihrer Streitigkeiten reif seien. Die serbischen und griechischen Ansprüche seien zum Teil durch die Friedensverträge befriedigt und hätten Bulgarien verbittert. Griechenland habe seitdem alles versucht, um die Serben noch gegen Bulgarien aufzuhetzen.
Einstellung des griechischen Bormarsches?
fk. London, 23. Okt. Eine um Mitternacht aus Athen eingetroffene Reutermeldung besagt, daß die Bulgaren das griechische Gebiet geräumt hätten. Die griechische Regierung habe daher dem Vorrücken der griechischen Truppen Einhalt geboten, wenn diese auch ihre Stellungen halten würden, bis Bulgarien die griechische Note beantwortet habe.
Dr. Strefemanns stellte auf eine Anfrage Reichskanzler Dr. L u t h er ausLrück- lich fest, daß Dr. Strefemann in voller Uebereinstimmung mit der Auffassung Les Kabinetts gesprochen habe.
Der „L o k a I a n z e i g e r" und die „Tägliche Rundschau" melden, daß die deutsche Antwort auf die letzte Entwaff- nuugsnole der Botschafterkonfernez gestern nach Paris abgegangen ist und dort heute überreicht werden wird. Im Anschluß daran, bemerkt das letztgenannte Blatt, wird man dann über die Fortschritte in der Räumungsfrage weiteres hören. Es kann auch für sicher gelten, daß die Engländer eine Herabsetzung ihrer Truppen im besetzten Gebiet beschlossen haben und daß die Franzosen und Belgier das gleiche tun werden. Schließlich kann man nicht mit Sicherheit annehmen, daß man sich in Paris mit der notwendigen Abänderung des Rheinlandregimes beschäftigt.
Eine scharfe Warnung vor jedem Opti» mismus erläßt der Pariser Mitarbeiter der „Kölnischen Zeitung". Er telegraphiert aus Paris u. a.:
Man hatte in Frankreich in Bezug auf den Artikel 16 und in Bezug aus die Frage der Ostgrenzen zweifellos mit einem heftigeren Wider st and Deutschlands gerechnet, und sich auch auf den Zwang zu größerer Nachgiebigkeit gcsatzt ge-
macht. Es ist zu bedenken, daß sie in deutschem Sinne optimistischen Auslegungen des Vertragswerts, wie sie zum Teil in der deutschen Presse zum Ausdruck kommen, eigentlich hier von niemand anerkannt werden, am wenigsten von demjenigen Teil der öfsentlichen Meinung, der den Anschauungen der Regierung entspricht. Wenn gesagt wird, dah der eigentliche Geist der Befriedung Europas erst geschaffen werden müsse, so denkt man hierbei nicht etwa an eine Sinnesänderung des „von Ratur friedlichen Frankreich", sondern di^er Wunsch ist mehr als eine Ver- warnung an Deutschland auszufassen, das nun endlich auf Grund der freiwillig unterzeichneten Beiträge den Beweis seiner Vertragstreue zu erbringen habe, dah es sich mit der durch den Versailler Vertrag geschassten Lage in Europa endgültig und unwiderruflich abfinde. Die Berichrerstatter der französischen Zeitungen, die aus Locarno zurückgekehrt sind, sagen, sie hätten aus den Unterredungen mit den deutschen Journalisten bei der Heimfahrt angenommen, dah man sich in den deutschen Kreisen über die Tragweite der in Locarno geschlossenen neuen Verträge oficnbar nicht ganz im klaren sei. Rach französischer Auslegung der Vertragsterte kann z. B. aus schiedsgerichtlichem Wege keinesfalls der Korridor beseitigt werden.
Die Meulnng des dmisch- nationalen BeWuAs
(Von unserem Berliner Mitarbeiter.)
Die durch den Vertrag von Locarno geschaffene politische Lage erhält augenblicklich ihr Gepräge durch die heihen Bemühungen der deutschen Delegation, ihr Werk bei den verfassungsmäßig hierfür zuständigen Instanzen durchzusetzen. Die Situation wird am besten beleuchtet durch den Beschluß, den die Deutschnationale Reichstagsfraktion am Mittwoch gefaßt hat und den sie in der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses am Donnerstag vorgebracht hat und durch den Führer der Fraktion, Graf Westarp, aussührlich begründen lieh. Dieser Beschluh ist ziemlich eindeutig und läht über den Ernst der Situation nicht den geringsten Zweifel. Eine nähere Betrachtung ergibt, dah in ihm zwischen zwei Punkten unterschieden ist. Die beutschnatio- nale Deichstagsfraktion betont, wie übrigens auch alle übrigen Parteien, daß vor der Vertragsunterzeichnung uns die Annahme derjenigen politischen Forderungen zugesichert sein muh, die als die sogenannten Rückwirkungen des Vertrages auf die Verhältnisse im besetzten Gebiete in den politischen Diskussionen der letzten Wochen immer wieder genannt worden sind. Es handelt sich hier, um es noch einmal zu sagen, um die Räumung der nördlichen Rheinlandzone, um die Aenderung des Besatzungsregimes, um die Herabsetzung der Besatzungstruppen und auch um die Verkürzung der Des atzungsfrist en in der zweiten und dritten Desatzungszone. Auch die Reichsregierung hat unseren künftigen Vertragskontrahenten keinen Zweifel darüber gelassen, dah die Annahme ihrer diesbezüglichen Forderungen vor ber'endgültigen Unterzeichnung des Vertragswertes, d. h. vor dem 1. Dezember, vertraalich gesichert sein muh. Es hat den Anschein, dah in dieser Richtung dem Vertragswert von Locarno keine besonderen Gefahren drohen. 3n der ausländischen Presse werden schon Andeutungen gemacht, dah man sich in Paris und London mit der Vorbereitung dieser Gegenleistungen für Deutschland beschä-tige. Für die Däu» rnung der nördlichen Rheinlandzone wird bereits als Termin der 15 .Rovember genannt. Jedenfalls glaubt man in gut unterrichteten politischen Kreisen nicht, dah der Vertrag an dieser Klippe scheitern wird.
Vrel ernster zu beurteilen ist der Teil des deutschnationalen Beschlusses, der von den „deutschen Lebens Notwendigkeiten und von dem „Verzicht auf deutsches Land und Volk" spricht. Aus diesem Teil des deutschnationalen Beschlusses kann man nämlich herauslesen, dah die Deutschnationalen das Dertragswerk von Locarno so tote es von unseren Delegierten paraphiert wurde und nun vor uns liegt, als u n - vereinbar mit den Lebensnottoendigkeiten des deutschen Volkes ansehen. Mit anderen Worten: Die Deutschnationalen sind der Ansicht, dah einzelne Paragraphen des West- Paktes sowohl tote der Schiedsgerichtsverträge grohe Gefahren für Deutschland in sich bergen. Die Lage wird nun dadurch besonders ernst, dah bekanntlich an dem Vertrag als solchem nichts mehr geändert werden kann. Durch die Paragraphierung des Vertrages in Locarno haben auch unsere Unterhändler eingetoillt, dah der Vertrag nunmehr int ganzen angenommen oder abgelehnt, aber nicht in einzelnen Teilen ab geändert werden darf.
Es muh ausdrücklich hervorgehoben werden, dah die Deutschnationalen das Vertragswert von Locarno noch nicht endgültig abgelehnt haben. Sie behalten sich ihre endgültige und letzte Stellungnahme vor. Es wird nun alles darauf ankommen, ob es dem Reichskanzler und dem Auhenminister gelingt, die Bedenken der Deutschnationalen auszuräumen. Diese Aufgabe wird ihnen vorläufig allein zufallen, denn das gesamte Kabinett hat bisher leider noch keinen endgültigen De- fchluh über Locarno herausgebracht. Man weih also qoch nicht einmal, ob selbst die übrigen Kabinettsnütglieder in ihrer Auffassung über den Beitrag von Locarno übereinstimmen. Die Bedenken, die in rein sachlicher Hinsicht bezüglich des Vertrages bestehen, sind insbesondere hervorgerusen worden durch die nachträgliche Veröfsentlichung der französischen Ostverträge und durch die Interpretation, die das Britische Auswärtige Amt in seiner offiziösen Verlautbarung gegeben hat. Die Deutschnationalen erblicken m diesen Ostverträgen nach wie vor ein Sonderrecht, das sich Frankreich Deutschland gegenüber gesichert habe. Die deutsche Delegation steht auf einem anderen Standpunkt. Sie stellt es so dar, daß diese neuen