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Marburg o. Mittwoch, den 1, Sprit

60. Mrs. 1925

Anzeiger für (das früher kurheMe) Sberhsffen - Amtliches MkimdlgimaSblaN -es «reifes Marburg

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$m »tr zweiten Präsidentenwahl

Amerikanische Stimme« zur Präjsvrutcnwahl.

Newyork, 31. März. Die führenden Mvr- ^enblätter besprechen ba& Ergebnis der Präsiden- itentoabl in Deutschland heute zum erstenmal in Leitartikeln. Bezeichnend ist es, daß eine Zeitung >pou der Bedeutung derTimes" sich strengstens Memüht, neutral zu bleiben und weder für Jarres, jiiodj für die Kandidaten der Linksparteien Stellung iltimmt.Times" legt das Hauptgewicht darauf, jfcnö ein großer Prozentsatz der Deutschen nicht ge- swählt hat. Zähle man die Simmen für Luden- / dorff und die der Bayrischen Volkspartei zu den I Stimmen für Jarres hinzu, so hätten die Republi- I fancr nur eine halbe Million Mehrheit. Das sei iftir die Linksparteien ein recht dürftiges Ergebnis.World" schreibt, daß JarreS nicht ^lur ein monarchistischer Kandidat, sondern der Kandidat vieler Wähler sei, die wohl national, aber nicht monarchistisch gesinnt seien. Bei der Eudwahl werde viel davon abhängen, ob die Re­publikaner den richtigen Mann aufstellen werden. tz,Sun" meint, die republikanischen Parteien wür- iben besser abgeschnitten haben, wenn sie nur einen /Kandidaten aufgestellt hätten. Jetzt bestehe für den zweiten Wahlgang die Möglichkeit, daß ein Teil des Zentrums für den Kandidaten des Rechts- iblocks stimmen werde, falls die Rechtsparteienden i richtigen Mann", wie Stegerwald oder Luther, als Kandidaten aufstellen.

Mtb. Berlin', 3L März. Der Reichspartei­vorstand der Zentrumspartei trat am Diens­tag vormittag zu einer Sitzung zusammen, um sich mit dem Ergebnis der Reichspräsidentenwahl zu be­fassen. Nach längerer Aussprache, in welcher u. a. mitgeteilt wurde, daß bereits in offizielle Bespre­chungen mit den anderen Koalitionsparteien, den Demokraten und Sozialdemokraten, stattgefunden hätten, wurde einstimmig ein Be­schluß gefaßt, der dahingeht, für den zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl den bisherigen Zentrumskandidaten, Reichskanzler a. D. Marx, wie­der zum Kandidaten aufzustellen.

Wie wir weiter erfahren, sind die inoffiziell bisher mit den Demokraten und Sozialdemokraten geführten Besprechungen des Zentrums schon so .tocit gediehen, daß die Kandidatur Marx auch von ten beiden anderen Parteien als Einheitskandi­datnr bet drei preußischen Koalitionsparteieu an­erkannt und aufgestellt werden wird.

In Zentrumskreisen rechnet man damit, daß be­reits in aller Kürze diese Verhandlungen zu einem rndgültigen Abschluß kommen werden.

In der Sitzung des Reichsparteivorstandes der Zentrumspartei wurde auch der Beschluß des Preußen-Zentrums gebilligt, bet der Wahl des preußischen Ministerpräsidenten gemeinsam mit den Sozialdemokraten und Demokraten für den bisheri­gen preußischen Ministerpräsidenten Braun zu stimmen.

Der Reichst-lock hat am Dies tag unter Anwesen­heit aller Verbände und Parteien eine Bespre­chung des Ergebnisses der Wahl vom 29. März ab- gehalten. Am Dienstag und Mittwoch nachmittag beraten die maßgebenden Instanzen der Parteien «nb Verbände. Der Reichsblock tritt sodann am Donnerstag vormittag zu einer neuen Beratung zusammen. Bis zu diesem Termin dürften keiner­lei Entscheidungen des Reichsblockes für den zweiten Wahlgang fallen.

Die Rechtsparteien für Jarre».

ff. Berlin, 1. April. Die dem Reichsblock angeschlossenen Organisationen traten den Blättern Zufolge zu einer Besprechung über die Lage zu­sammen, in der einmütig die Meinung zum Aus­druck kam, daß für den zweiten Wahlgang . der Reichspräsidentenwahl wieder Dr. JarreS aufge­pellt werden müsse.

Marx Sammclkandidat der Linke«.

Berlin, 31. März. Der Zentrumsparteivor- ftanb hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, den Ministerpräsidenten Dr. Marx wiederum als Kan- didar für die Reichspräsidentenwahl aufzustellen. > Es wurde ein besonderer Ausschuß gebildet, der die nötigen Vorbereitungen treffen soll. AuS dem , Umstand, daß sich heute im preußischen Landtag die Parteien der Weimarer Koalition dahin ge- einigr haben, den sozialdemokratischen Abgeordne­ten Braun wieder zum preußischen Ministerpräsi- deuten zu wählen, kann, wie wir aus parlamenta­rischen Kreisen hören, geschlossen werden, daß die Kaudidakur Marx eine Sammelkandidatur der Wei­marer Koalition werden dürfte. Der Reichsblock f hielt heute zur Besprechung des Ergebnisses der f ReichsprSsidentenwahl eine Sitzung ab. Am Mitt- i toodi beraten die maßgebenden Instanzen der in i Betracht kommenden Parteien und Verbände.

Thölman« kandidiert wieder.

i Berlin, 31. März. Die Zentrale der kommu- nistischen Partei hat einstimmig beschlossen, für den 1. Zweiten Wahlgang wieder Ernst Thälmann als Präsidentschaftskandidaten aufzustellen.

f Marx gegen Jarres?

Tas Zentrum kommt jetzt schon deutlicher mit der Sprache heraus. DieGermania" sucht nachzu- | weisen, daß allein ein Zentrumsmann der Sam- I Melkandidat der Rupublikaner sein könnte und daS 1 konfessionelle Moment doch gar keine Rolle spiele, f Es mag dem linken Flügel des Zentrums, dessen - Politik dieGermania" verficht, schwer fallen, nicht r den vielgeliebten Herrn Wirth in den Vorder- tu. jchiebeu. aber es hilft nichts: der Partei-

Dr. SSvkttMschoff preußischer MinlstemiWent

[] Tas linke Zentrum und die Sozialdemokra­tie glaubten, einen sehr schlauen Plan ausgeheckt zu haben. Die Reiqspräsidentschaft sollte dem Zen­trumsführer Marx zugeschoben und dafür Preu­ßen wieder der Sozialdemokratie ausgeliefert werden. Als Trostpreis für den Rücktritt von der Reichskandidatenliste sollte Herr Braun das preu­ßische Ministerpräsidium erhalten. Ohne weiteres ist ja verständlich, wie man vom rein parteitakti­schen Standpunkt aus auf diesen Geschüftsplan kommen konnte. Das Zentrum, das sonst so langsam und zurückhaltend in seinen Beschlüssen und Mitteilungen ist, hat diesmal eine ganz auf­fallende Eile an den Tag gelegt; schon am Diens­tag mittag wurde der Beschluß des Parteivor­standes bekannt, an der Kandidatur Marx für den zweiten Gang der Reichspräsidentenwahl festzu­halten und darüber Verhandlungen mit den ande­ren Parteien anzuknüpfen. Zu gleicher Zeit tauchte die Meldung auf, daß die Weimarer im preußischen Landtag Herrn Braun zum Minister­präsidenten wählen wollten.

Aber so einfach wie die starr nach links blickenden Zentrumskreise es sich vorstellten, war der Handel doch nicht abzuschließen. Selbst in der Zentrumsfraktion des preußischen Landtags mel­dete sich der Widerspruch dagegen. Herr Marx galt vielen Bürgern immer noch als der mittlere Zentrumsmann, der er früher einmal war, und als der Verfeckter der Volksgemeinschaft. Er hat auck in Preußen noch kürzlich ein überpartei­liches Beamtenkabinett zu bilden versucht. Dieser Zentrumsfllhrer, der einst nur als Vorsitzender der Katholikentage und als Vorkämpfer der kon­fessionellen Schule bekannt war, der noch auf dem letzten Zentrumsparteitag das Reichsbanner Sa)warz-rot-gold abgelehnt hat, sollte jestt seinen Namen mit dem eines Braun auf eine Stufe stel­len und feine Person zu diesem Handelsgeschäft mißbrauchen lassen? Das müßte in weiten Volks­kreisen eineReaktion" Hervorrufen, über deren Stärke sich das Zentrum doch wobl im letzten Augenblick noch klar geworden ist. Keine bessere Wahlparole könnte ja für vreußiscke Neuwahlen den Parteien der wahren Mitte und der Rechten gegeben werden, als sie der Kampf gegen ein Kabinett Braun geboten hätte. Die Auslieferung des größten deutschen Bundesstaates an die So-^ zialdemokratie würde nicht nur die ländlichen Zentrumskreise stutzig gemacht, sondern zweifel­los auch die Bayerische Volkspartei veranlaßt haben, energisch von dem Zentrum abzurücken und sich bei der Wahl des Reichspräsidenten mit den Parteien rechts vom Zentrum zusammen­zutun.

So kam es denn, daß nach der Vertagung der Landtagssitzung von 2 auf 5 Uhr die Befaftüffe der Fraktionen der Linkskoalition anders ausfielen, als die Berliner Abendpresse es anaekündigt hatte und als auch zweifellos von einem Teil der Links­politiker geplant war. Die Zentrumsfraktion hatte sich zu der Kandidatur Braun nicht ent­schließen können und dann auf Vorschlag der So­zialdemokraten der Nominierung des demokra- ti'cken Finanzministers Dr. Höpker-Asckoff zum Ministerpräsidenten zugestimmt. Damit ist zu­nächst ein Verlegenheitsausweg gefunden, von dem sich erst erweisen mutz, wohin er führen soll. Wir mömren die Linke dringend davor warnen, die Dinge aut die Spitze zu treiben.

Preußischer Landtag.

29. Sitzung am 31. März 1925.

Präsident Bartels eröffnet die Sitzung um 2.15 Uhr und teilte den Vorschlag des Ältestenrates auf Vertagung der Plenarsitzung bi» fünf Uhr mit.

Abg. Pieck (Komm.), von den Sozialisten mit dem Rufe:Der Sieger vom Sonntag" begrüßt, widerspricht der Vertagung. Hierauf stimmt das Haus gegen die Stimmen der Kommunisten dem Vorschlag des Aeltestenrates auf Vertagung bis fünf Uhr bei.

Um 5.20 Uhr eröffnet Präsident Bartels die Sitzung. Auf der Tagesordnung steht die Wahl des Ministerpräsidenten, die ohne Aus­sprache zu erfolgen hat. ES wird dann in die Wahl­handlung eingetreten, die mit dem Namensaufruf beginnt.

Um 6.10 Uhr verkündet Präsident Bartel« da« Ergebnis des ersten Wahlganges. Es wurden abgegeben 436 Stimmen. Unbeschrieben waren 6 Stimmzettel. Die absolute Mehrheit beträgt also 216 Stimmen. Es haben erhalten:

Dr. Soevker-Aschosf (Sem.) 211 Stimme«

Dr. Peters (Rechtsvarteien) 178

Pieck (Kommunist) 43

Es wird eine Stichwahl zwischen Dr. Hoevker-Aschoff und T'r. Peters stattsinden. Die zweite Wahlhandlung nimmt sofort ihren Anfang.

Bei der Stichwahl wurde Dr. Hoevker-Aschoff gewählt mit 213 Stimmen. Dr. Peters erhielt 177 Stimmen. Ungültig waren 43 Stimmzettel, unbeschrie­ben waren 2.

Das Haus vertagt sich dann auf Mittwoch 12 Uhr mittags: Kleine Vorlagen.

Rcichspräsidentenwabl und Regierungsbildung in Preutzsn.

Die Blätter weisen auf den engen Zusammen­hang hin, in dem die Wahl des Minisiervräsiden- ten in Preußen zu der Stellungnahme der Par­teien hinsi^t!der Kandidat enfraqe für den zweiten Wahlgang d-r Pick-snräsidentennahl steht. Die erfolgte Wahl des demokrati- schen Abg. Höpker-Afchoff zum Minister- vräsidcnten dürste noch keineswegs die endgül­tige LSfung der Preutzenkrise gebracht haben, do, wie dieVölkische Zeitung" erklärt, es noch sehr Zweifelhaft sei, ob Dr. Höpker-Aschoff die Wahl annehmen werde. Für den Fall der Ablehnung hält das genannte Blatt es immerhin noch für möglich, daß das Zentrum doch noch einer Kandi­datur Braun zu.n preußischen Ministerpräsidenten zustimmen werde und daß dann Marx als gemein­samer Kandidat der republikanischen Parteien für die Präsidentschaft ausgestellt werden dürste.

Nach den heutigen Aeutzerungen desVor­wärts" scheint die Sozialdemokratie jedenfalls mit einer solchen Lösung einverstanden zu sein. Das Blatt schreibt: Rechnet man mit einer Stabilisie­rung der preußischen Verhältnisse, dann mutz der Sozialdemokratie dann auch die Rolle zufallen, die ihrer Stärke und Bedeutung entspricht. In Preußen Weimarer Koalition mit Braun, im Reiche Weimarer Koali­tion mit Marx!

führer und Kandidat des ersten Wahlganges ist nun einmal Herr Marx, und so versteigt sich das Berliner Zentrumsblatt zu dem Satz, die Sozial­demokratenmüßten glücklich sein, zu seiner Wahl beitragen zu können." Dieses Glück und auch das Glück einer Sammelkandidatur Marx scheint uns allerdings zweifelhaft zu sein. Andererseits muß man nach dem Verhalten der demokraischen und der Zentrumsblätter, die so stolz auf den Erfolg der Sozialdemokraten sind, doch wohl annehmen, daß eS jetzt für eine Sammlung aller bürgerlichen Parteien zu spät ist. Wir glauben kaum, daß eS noch gelingen könnte, den größeren Teil des Zen­trums und die Demokraten für ein Zusammengehen mit dem Reichsblock zu gewinnen. Rur für diesen Fall aber wäre ja ein Fallenlassen der Kandidatur Jarres in Frage gekommen.

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Um bas deutsche Angebot.

ff. London, 1. Avril. Der divlomatische Bericht­erstatter desDaily Telegraf" schreibt: Der Staats­sekretär Chamberlain empfing gestern den französischen Botschafter und danach den polnischen Gesandten. Er batte mit jedem eine längere Besprechu g. Chamberlain wird zweifellos beute darüber Bericht erstatten. Weiter bemerkt der Berichterstatter, Chamberlains Besprechun­gen mit dem französischen Botschafter seien zweifellos nur der Anfang einer Reibe von wichtigen und aus­gedehnten Unterredungen. Es werde angenommen, daß sie sich auf die Antwort beziehen, welche Frankreich auf die deutschen Vorschläge zu erteilen beabsichtige. Die französische Antwort werde vermutlich eine Anzahl von Fragen enthalten, die von Berlin beantwortet werden sollen. Frankreich wünsche, daß die anderen alliierten Regierungen einschließlich Großbritannien einen ähn­lichen Weg einschlagen, aber die britische Regierung werde möglicherweise den Augenblick vorziehen, daß Frankreich als hauptsächlich interessierte Macht zunächst allein die Lage prüfen soll,' andererseits werde Frank­reich den Wunsch haben, die britischen Zugeständnisse zu erlangen, bevor sein Fragebogen nach Berli« gesandt wird.

Sicherung durchUeberwachung".

Die durch das deutsche Angebot eine zeitlang in lebhaften Fluß gebrachte Frage der sogenannten terri­torialen Sicherung im europäischen Westen ist augen­blicklich auf einem recht kritischen Punkte angelangt. England hat daS deutsche Angebot, dessen Londoner Urheberschaft natürlich geflissentlich abgestritten wirb, hocherfreut aufgegrifsen, um des ständigen französischen Druckes in Richtung einer Garantie der gesamten Gegenwartszustände in Europa ledig zu werden. Frankreich war sichtlich wenig erfreut, die Frage­stellung erheblich gegen seine Absichten verschoben zu sehen. Don Anfang an ist nun das Bestreben Frank­reichs dahin gerichtet gewesen, für den Preis der An­nahme der deutsch-englischen Dvrfchläge Deutschland wenigstens in den Völkerbund und zwar auf Gnade und Ungnade hineinzubekommen, da der Beitritt zum Völkerbünde in seiner gegenwärtigen Gestalt ja praktisch die Anerkennung der durch den Friedensvertrag ge­schaffenen Verhältnisse bedeutet. Der in letzter Zeit viel genannte Devisionsartikel hat ja praktisch für Deutschland keinen besonderen Wert. Wider Erwarten hat aber Deutschland sich nicht in der von Frankreich gewünschten Dvrbehaltslosigkeit zum An­schluß an daS gegenwärtige MachtsicherungSshstem be­reit finden laffen. Deutschland hat auch nicht, wie geflissentlich in der Gntenie-Preffe verbreitet worden ist. seinem ersten Angebot neue Schritte folgen lassen. So handelt eS sich augenblicklich anscheinend im wesent­lichen darum, wer die äußere Schuld für die Versackung des neueingeleiteten Garantieverfahrens trägt Eine Einigung ist zwischen den alliierten Regierungen nicht zustande gekommen. Jede Macht wird getrennt auf die deutschen Vorschläge antworten. S)erriet erklärt mit ziemlicher Deutlichkeit, bah er an den Ernst der deutschen Absichten nicht glaubt, und sieht nach wie vor eine Lleberwachung Deutschlands durch das .Welt- gewissen "für nötig an. Mit .Weltgewissen" meint er den schon als Völkerbund nicht gerade wesensrichtig bezeichneten französischen Wachtkonzern. Ma« sieht, baß allmählich die letzten Unterschiede zwischen Herrn Herriot und feinem Vorgänger Poincavs Per* schwinde«.

ÄI Mmmks ßtburßtag

Don toürtt Staatspräsidenten W. Bazille, Dl. b. R

Wer hat seit Len Tagen bes deutschen Zusammen­bruchs nicht schon Munden der Riedergeschlagenheit gehabt, in denen ihm das Leben schal und zwecklos erschien, weil der gewaltige Kampf seines Vaterlandes um das Recht umsonst wart Stimmungen .die denen glichen, von welchen Bismarck in einem Briefe über seine Äugend sagt: .Ich habe manche Stunde trostloser Riedergeschlagenheit mit dem Gedanken zugebracht, daß mein und anderer Menschen Dasein zwecklos und un­ersprießlich sei, vielleicht nur ein beiläufiger Ausfluß der Schöpfung, der entsteht und vergeht, wie Staub vom Rollen der Räber." RichtS ist in der Tat ft nieberdrückend als die materialistische Weltaufsafsung. Mag auch ein Mensch in der Weisheit beS StaubeS schließlich leben und sterben können, eine große Ration kann es nicht. Verliert ein Volk den Glauben daran, daß es von Gott berufen ist, große Ausgaben in bei Entwicklung der Menschheit zu lösen, so verliert es den Glauben an sich selbst und verdient Unfreiheit und Mißachtung. Es war in Ferrieres während des Krie­ges mit Frankreich, wo Bismarck gesagt hat: .Rehmen Sie mir meinen Glauben, und Sie nehmen mir das Vaterland. Wenn ich nicht an eine göttliche Ordnung glaubte, welche diese deutsche Ration zu etwas Gutem und Großem bestimmt hätte, so würde ich das Diplo­matengewerbe gleich an den Ragel hängen ober daS Geschäft gar nicht übernommen haben. Wenn ich di« wundervolle Dasis der Religion nicht hätte, so würde» Sie einen solchen Bundeskanzler gar nicht erlebt haben/

Bismarck ward in dem Jahr geboren, als der Genius Napoleons seine letzten Blitze über die zitternd« Erde des alten Europa schleuderte und die gröhe französische Revolution mit Waterloo abschloß. Don da ab bis zu Bismarcks Zeiten bewegte sich das Europa bes 19. Jahrhunderts in einem beständigen Wechsel von Reaktion und Revolution, dem erst Bismarcks Weisheit ein Ende machte. Zwar erschien er seinen Zeitgenossen im Anfang selbst als das Vorbild des Erzreaktionärs: aber nach Königgrätz eröffnete er für Deutschland die Aera des liberalen Fortschritts mit den Worten: .Wir wollen den Grab der Freiheitsentwicklung, der mit der Sicherheit des Ganzen nur irgend verträglich ist." Was fruchtbar war in den Ideen der ftanzöfischen Revolution, dem gab er Gestalt: Er schloß das Zeit­alter der bürgerlichen Revolution durch segensreich« liberale Einrichtungen ab. Aber er kannte auch daS große, weltbeherrschende Gesetz des richtigen Maßes und leistete den Ausschreitungen des liberalen Ge­dankens Widerstand, die diesen Gedanken selbst be­drohen.

Sein Seherblick schaute zugleich in grauer Ferne die Aera der sozialen Revolution. Wie er der Herrschaft der Unvernunft, die im 19. Jahrhundert in dem Wechsel von bürgerlicher Revolution und Reaktion immer von neuem triumphiert hat, ein Ende bereitete, so wollte er der sozialen Revolution durch eine weise Politik Vorbeugen. Seine soziale Gesetzgebung, Dreibund- und Rückversicherungsvertrag dienten diesem Zwecke. Bis­marcks Weisheit erschloß so für die Menschheit jene Epoche blühender Wohlfahrt, der erst der Weltkrieg ein Ende gemacht hat. Dieser zerstörte das Werk bes großen politischen Genius, überlieferte Europa dem Ehaos und Deutschland dem Elend.

Kann man in den Tagen der Zerstörung solch herr­lichen Werkes noch an dem Bismarckischen Glauben festhalten, daß die deutsche Ration zu etwas Gutem und Großem bestimmt sei? Ist ihre Rolle im Völker- leben nicht bereit» ausgespielt? Das ist die bange Frage an Bismarcks Geburtstag, die mit unbarm­herziger Schere unS die Flügel der Seele beschneiden und den Glauben an die Zukunft unseres Dolles lähmen will.

Der Friedensvertrag von Dersailles gleicht einem zweischneidigen Schwert. Im verblendeten liebermut deS Siegers haben seine Schmiede nur die gegen Deutschland gerichtete Schneide gesehen, nicht aber die furchtbarere gegen sich selbst. Der eine der vier Großen, die in Versailles das Schicksal schmieden wollten, der Italiener Ritti, hat bald, im innersten Herzen tief verwundet, seinen Fluch über den Vertrag geschleudert. Mißt man die anderen, Wilfor, Lloyd George, Slemenceau, an Bismarcks Gröhe, so er­schrickt man fast über ihre Kleinheit. Was ist von dem Glanze geblieben, der über WilsonS Gestalt schwebte, alS er die Reue Welt verließ, um bei alten die Segnungen der großen Republik deS Ä^stenS zu bringen? Schon nach wenigen Monaten hatte sich an dem Messias der neuen Zeit so furchtbar toe an keiner anderen Persönlichkeit der Weltgeschichte das Wort Napoleons erfüllt, daS er auf seiner flucht­artigen Fahrt au« Rußland so oft vor sich hiige- murmett hat: .Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist mir ein Schritt." Wie unfruchtbar hat sich Ele- menceau erwiesen! Wohl hatte sein unbeugsamer Wille daS zusammenbrechende Doll wieder in die Höhe gerissen, aber auf den Zinnen eines Triumphes ohne­gleichen verließen ihn die Götter. In der Glut seine« fünfzigjährigen Deutfchenhafse« war sein Geist zu greisenhafter Unfruchtbarkeit verdorrt und hat nicht« mehr zu zeigen vermocht al« jene Spottgeburt von Hah und Angst, die sich Friedensvertrag von Dersailles nennt Lloyd George endlich war in Dersailles zum Gefangenen seiner eigenen Demagogie geworben. Vvlks- tribun von Hause aus, hervorragend durch die Kühn­heit und den beißenden Witz seiner sprühenden Rede, Kleinengländer, der den Durenkrieg so heftig ver­dammte, daß er wiederholt körperlich angegriffen wurde, der die Agitation de« Lord Roberts für bk allgemeine Wehrpflicht bekämpfte und alle Staatseinnahmen für soziale Reformen und nicht für imperialistische Zwecke verwendet wissen wollte Lloyd George war im Kriege sich selb stuntreu geworden und ward dadurch, tote zur Strafe dafür, zum Mitschuldigen der Tat von DersailleS. Seit dieser unheilvollen Zeit ward bi«