-k. 74 Marburg o. L, Eeimabenb, den 28. Mr- 66. Mrs. 1925
Anzeiger für (das früher kurheMche) SderhWn - Amtliches LerkimbigungMatt des Kreiies MnrSnrg
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sichern will, Finanzausgleichs ein langsamer Steuernotverort
für den kann der Weg der Ration mir
tmd geduldiger Weg über SaHrzehnt« und Generationen sein.
, dieser Weg nicht aufwärts, sondern abwärts führt, daruin wählen wir den der Demokratie. Sin« all- gemeine und in ihr auch die politische Erziehung der Dolksmasse durch ein hochstehendes, gediegenes, öffentliches BidlungSwesen ist überall, also auch für unS Lebensbedingung. Rur ein Doll, daS sich selber Freiheit zutraut, kann auch Anspruch auf Wacht geltend machen. Wer der deutschen Zukunft eine Stellung in der Welt zuspricht und sichern will,
ft Berlin, 28. März. Den Abschluß der Hauptversammlungen der großen politischen Parteien bildete gestern abend eine internationale Massenversammlung der Kommunisten im Sportpalast. ES sprachen u. a. der englische Kommunist Boughan und der französische Kommunist BeaS. Dann hielt Ernst Thälmann seine Wahlrede, in der er u. a. die ablehnende Haltung der Kommunisten gegen daS Dawes-Abkommen begründete und die Sozialdemokraten als Verräter am Proletariat verurteilte. Zwischenfälle sind nicht vorgekommen.
Hellpach in Berlin.
Berlin, 27. März, Der demokratische Kandidat . für die Aeichspräso'entenwahl hat gestern im Der- pner Sportpalast eine Rede gehalten, in der er enter anderem! ausführte:
In der Politik bieten die Deutschen der Welt immer wieder Vtnen trostlosen Anblick. Daher ist ihre Geschichte, der an geistigem Reichtum kaum eine zweite gleichkommt, eine ewige Kette von Nackenschlägen. Abstürzen, Knechtungen und Demütigungen. Manche sagen, die Deutschen sind eben ein unpolitisches Volk. Man lasse sie also mit der Politik in Ruhe. Dies ist barer Unsinn. Wer ist der Mann, der dieses unpolitische Volk regieren soll? Woher soll er kommen? Aber diele ganze Lehre von den angeblich unpolitischen Deutschen ist eine Irrlehre. Es gibt an sich keine unpolitischen Völker. Die größte politische Tlebungsschule ist die Demokratie, und die Republik ist nichts weiter, als die höchste Krönung der Demokratie. Am nächsten Soimtag müssen darum dir Deutschen einen Mann wählen, der entschlollen ist. diese politische Tlebungsschule der Demokratie nicht zu schließen, sondern auszubauen und zu vertiefen, '»veil wir daS Unheil von 1690 bis 1918 nicht noch einmal erleben wollen, weil wir erfahren haben, daß
Jarres in Köln. .
Gestern abend schloß Dr. Jarres seine Wahlreden in einer großen Versammlung in Köln ah, die der Reichsbloch in der großen Messehalle veranstaltet hatte. Die große Messehalle, die normal etwa 6000 Personen faßt, mar vollkommen überfüllt und viele Tausende Besucher hatten keinen Einlaß mehr gesunden. Die Versammlung gestaltete sich sh einer gewaltigen Kundgebung für Dr. Jarres, der bei seinem Erscheinen mit ungeheu- tem Jubel empfangen wurde. Er konnte zunächst nur einige Worte^ der Begrüßung sprechen und ,wrack den Anwesenden seinen Dank für den herzlichen Empfang aus, in dem er die Versicherung gab, daß er aus rheinischem Herzen heraus sie begrüße und mit ganzem Herzen und allen Sinnen der ihre sei. An Stelle von Jarres hielt sodann der Abgeordnete Spickernagel eine Ansprache.
Noch der Rede Spickernagels ergriff Dr. Jarres noch einmal kurz das Wort.
Auch Erzeilenz Wallraf ging auf die gegen Jarres erhobenen Vorwürfe ein und wies sie ent- Kfieden zurück.
Die Brr', . mlung brachte Dr. Jarres nach seinem Schlußwort eine Ovation dar, die von ungeheurer Begeisterung getragen war.
Letter Appell
Das deutsche Volk soll morgen zum ersten Male den Bräsidenten des Reiches wählen. Er- keulicherweise ist bei dieser Wahl auf der rechten Seite der Wettbewerb der Parteien ausgeschaltet morden. Die Deutschnationalen kämpfen nicht gegen die Deutsche Volkspartei, sondern treten für einen Kandidaten ein, der ihrem Nachbarn zur Linken nahe steht. Auch alle vaterländischen Or- ;gantfationen stehen hinter dieser Kandidatur und was wir für ein besonders gutes Zeichen halten: .Die Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes bat ebenfalls den überparteilichen Kandidaten ijtarl Jarres zu ihrem Mann erkoren, ein Beweis, t»ß Jarres ganz gewiß nicht der Mann des Kapitals und der Schwerindustrie ist, als den ihn die Linkspresse verschreit. Aus der rechten Seite zeigt sich. daß die Dernunst in demselben Umfange Boden gewinnt, in dem das Etreitverfahren der Parteien ruht. Deshalb braucht man heute in dem letzten Appell an die Wählerschaft nicht noch einmal ein dringendes Wort einzulegen.
Wir rufen vor allen Dingen dazu auf, unter keinen Umständen morgen die Wahlpflicht zu ver- fiumen, sondern unter allen Umständen selbst zur Wahl zu gehen und in den Kreisen der Bekannten und Nahestehenden keine Lücke der Wahlmüdigkeit zu dulden. Es wäre ein Frevel, wollte man sich mit dem Vorwande entschuldigen, die 'Entfcheidung falle morgen ja doch nicht. Wer das {kuckt, der hat sich beschwatzen lassen. Wer weiß enn, ob die Parteigrenzen morgen überhaupt tnnegehalten werden? Deshalb darf keine Stimme morgen ausfallen. Es ist heiligste Pflicht zu wählen. Das sei die Parole?
Jarres in Mannheim.
M annheim, 27. März. In seiner gestrigen Rede im hiesigen Rosengarten sprach der Präsidentschaftskandidat Dr. Jarres den Brüdern in der Pfalz den Dank des deutjmen Volkes für ihr Verhalten aus. Der Redner entbot sodann einem besonders herzlichen Gruß dem Saargebiet und hob dessen Treue und Festigkeit hervor. In seinen weiteren Ausführungen über den Ruhrkampf wiederholte Dr. Jarres unter Hiniveis auf per« fönlicbe Angriffe noch einmal sein Programm.
Ist Kost In Vmchm
Marx vor dem Stündigen Ausschuß.
Berlin, 27. März. Der Ständige Ausschuß des Preußisch en Landtags trat heute nachmittag unter dem Vorsitz des Landtagspräsidenten Bartels zu einer Sitzung zusammen. Auch die Vertreter der Rechtsparteien waren erschienen. Der volksparteiliche Abg. G a r n i ch erklärte, die Rechtsparteien würden auch heute den sachlichen Beratungen fernbleiben. Marx äußerte sodann sein Bedauern darüber, daß er gestern verhindert gewesen sei, an der Sitzung teil« zunehmen. Die Gründe seien rein bürgerlicher Art. Der Ministerpräsident warf dann die Frage auf, was man eigentlich unter „laufenden Geschäften" verstehe. Nach feiner Auffassung habe ein zurückgetretenes Ministerium die Geschäfte zu erledigen, die im wohlverstandenen Sinne des Staatswohls erledigt werden müßten. Von diesem Standpunkt löste er sich nicht abbringen, selbst wenn ein Be- fchluß gefakt werden sollte, ihn vor den Staats« gerichtshos zu stellen. Er würde, einem solchen Beschluß mit großer Ruhe entgegensehen und mit reiner S:?le die Verantwortung für feine auf Grund reiflicher Ueberlegung gefaßte Auffassung tragen. Wenn der Ständige Ausschuß, der eig, Glied der Verfassung sei, im Sinne der Verfassung berufen werde, dann bewege man sich auf dem Boden der Versastung. Wenn jemals die Notwendigkeit bestanden habe, den ständigen Ausschuß eiuzuberufeu, bann — jetzt. Die Regierung habe eine schwere Verantwortung gegenüber dem Lande und könne nicht zulasten, daß die Steuergesetzgebung nicht über den 1. April hinaus verlängert werde. Man könne nicht warten, bis die normale Gesetzgebung in Gang gebracht werde. Er wolle die Schuldfrage nicht erörtern; doch fei es Tatsache, daß der Präsident des Landtages selbst die näckste Sitzung für den 31. März anberairmt habe. Die Regierung habe aber nicht zulasten können, daß am 1. April die Gesetze, deren Fortdauer sie für lebensnotwendig halte, außer Kraft treten. Von einer vorgefaßten Absicht, diesen Weg zu gehen, könne keine Rede sein. Vor der Landtagsvertagung habe sich das Staatsministerium gar nicht über diese Angelegenheit geäußert und die Frage gar nicht geprüft.
Der deutschnationale Abgeordnete von der Osten erklärte sodann, die Vorlagen gingen über den Rahmen der laufenden Geschäfte in rechtlichem Sinne weit hinaus. Der Finanzminister habe gestern zugegeben, daß verschiedene Notverordnungen bereits vor der letzten Vertagung des Landtages vorbereitet gewesen seien. Die Weimarer Koalition habe eine Vertagung lediglich herbeigeführt, um Raum für die Verhandlungen des Ständigen Ausschusses zu schaffen, in welchem die Weimarer Koalition im Gegensatz zum Landtagsplenum die Mehrheit habe. Die deutschnat' ale Partei werde die Rechtsgültigkeit aller Notverordnungen beim Staatsgerichtshof anfechten, von der Osten stellte den Antrag, die Verhandlungen abzubrechen, weil die Tagung des Ständigen Ausschusses verfassungswidrig sei.
Nach den Erklärungen von der O st e n erklärte Dr. Marx im Ständigen Ausschuß des Preußischen Landtags nochmals, daß die vorliegenden Verordnungen unbedingt verlängert werden müßten. Der sozialistische Abgeordnete G r e- zsinski richtete scharfe Angriffe gegen die Deutschnationalen. Diese wollten lediglich die Weimarer Koalition sprengen. Der Demokrat Riedel erklärte, die Drohungen mit dem Staats- gericktshos könnten nicht verfangen, da zu einer Ministeranklage Zweidrittelmehrheit gehöre. Der volksvarteiliche Abgeordnete v. R i ck t e r erklärte, der Ausschuß würde Beschlüste fasten, die der Landtag selbst nicht fassen würde. Das sei unhaltbar. Der Ständige Ausschuß habe damit seine Daseinsberechtigung verloren. Auf diese Situation sei der Ministerpräsident garnicht eingegangen. — Dr. Marx erwiderte, daß sich sein Standpunkt auf den Artikel 55 der Verfassung stütze. Die Mehrheitsverhältnisse spielten hiernach keine Rolle. Dem Landtag stehe es frei, die erlassenen Notverordnungen später nackzuvrufen. Der Ausschuß lehnte schließlich mit 15 gegen 12 Stimmen den Antrag von der Osten ab, die Verhandlungen abzubrechen. Die Vertreter der Rechten und Kommunisten erklärten hierauf, daß sie sich an diesen nerfaffungswidrioen Beratungen nicht beteiligen könnten und verließen den Ausschuß, der alsdann in die fachliche Beratung (3. preußische Steuernotverordnung) eintrat.
Der Ständige Ausschuß stimmte in der sachlichen Beratung ohne erhebliche Aussprache der Äende- rung des preußischen Ausführungsgesetzes zum Finanzausgleich, damit zugleich der preußischen ^teuernotverordnung und der Ausführungsverordnung zur Fürsorgepflichtverordnung zu. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Die Anberaumung einer neuen Sitzung des Ausschusses -kam uiffll in Frage,
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Kein »weite» Memorandum.
Berlin, 27. Mörz. In den verichiedenen Pressemeldungen ist von einem neuen Memorandum d r Reichsregirrung in der Sichrrbeitsfrage die Rede. Wie wir von unterrichteter Seite kören, find diese Meldungen unzutrestend. Den alliierten Regierungen wurde ein neue« deutsches Memorandum in vieler A"aelegen- keit nicht überreicht. Auch beabsichtigt di« Reichsregie- r«ng die Nebrrreichung eines selchen Memorandums zurzeit nicht.
AranzSsifch« Märchen.
Berlin, 27. März. In einem Artikel des „Petit Journal" wird von einer angeblichen Mo- bllilierunq der deutschen Industrie und Wissenschaft gesprochen. Die allqemeinen Behauptungen sind nicht durch die Anführung von Tatsachen begründet, sodass eine Widerlegung im einzelnen unmöglich ist. Nur in einem Falle werden genaue Angaben gemacht. In Goslar soll der Professor Sch-... .g zusammen mit feinem Hilfsarbeiter, einem Wink..., Kulturen von Cholerabazillen züchten, die durch Flugzeugbomben in Feindesland getragen werden können. Wie die zuständige Stelle mit- teill, haben sofortige Ermittelungen ergeben, daß in Goslar überhaupt kein Professor Sch. feinen Wohnsitz, bat und natürlich auch kein Wink.... dort- als Assistent tätig ist. Laboratorien, die Anlaß zu der obigen Behauptung hätten geben könne», befinden sich in Goslar ebenfalls nicht. DaS Ergebnis der Nachprüfung dieses EinzelsattS, In dem wenigstens die Anfangsbuchstaben der Namen genannt waren, läßt auf die „Zuverlässigkeit" der übrigen Informationen des „Petit Journals" schließen.
FranlreiHs wirtschaftliche Berlnstpolitik.
Der alle Widerstreit zwischen politischer Zielsetzung und wirtschaftlichem Nutzen, wie er sich seit Jahren in der Haltung der französischen Negierung spiegelt, kommt sehr deutlich bei der Kammerverhandlung zum Ausdruck, in welchem Über Sachlieferungen, Ruhrbilanz und ähnliches gesprochen worden ist. Man erhält aus diesen Auseinandersetzungen die Bestätigung, daß auS voli- tiischen Gründen ebenso wie infolge deS nackten Eigennutzes der franzöfischen Industrie die Sach- lieferungsniSgllchkeiten Deutschland gegenüber längst nicht in hinreichendem Maße für den französischen Wiederaufbau ausgemitzt, worden sind. Bon den ollamleineu Sachleistungen ans Grund des Frie- densvertrageS in Höhe -von 97 Millionen Goldmark entfallen nur 9 Millionen auf Wiederaufbau- matgrial. Zum soundsovielten Male wird weiterhin llargelegt, daß das Rubrabenteuer wirtschaftlich mit einem Berlust von 134 Millionen abschließt. Mit der Zustimmung zum Dawesgutachten hat Frankreich der äußeren Form nach wenigstens einen neuen Weg beschritten. In der Praris wird allerdings nach wie vor die wirtschaftliche Ausnutzung dieser neuen Möglichkeiten anfS schwerste gefährdet. Bedeutet doch die Nichträumung der Kölner Zone und das weitere Verbleiben im Ruhrgebiet eine so schwere Belastung Deutschlands gerade an einem Brennpunkte der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, daß man unwillkürlich den Eindruck erhält, daß auch Herriot im Grunde nicht geneigt ist, mit dem System der wirtschaftlichen Verlust- Politik zu brechen, nur um gcwifse Forderungen der nach unbedingter Hegemonie In Europa strebenden Gruppen nicht aufzugeben.
London, 26. März, Die .Times" meldet: Es verlautet, daß die Dotschafterkonferenz immer noch weit entfernt von einem Beschluß darüber entfernt ist, was von Deutschland verlangt werden soll, damit Köln geräumt werden kann. Die Bot- schaster warten, weiter auf die Anempfehlungen des Versailler Militärkvmttees. Es sei jedoch bekannt, daß ein Teil der Verzögerungen auch darauf zurückzuführen sei, daß die Regierungen selbst über gewiste Punkte nicht zu einem Äebereinkommen gelangen können. Die Schwierigkeit werde noch verzögert durch die Tatsache, daß in gewissen französischen Kreisen die Ansicht stark vertreten werde, es dürste keine Räumung deutschen Gebiets stattfinden, bevor beschlossen worden sei, wie die Entmilitarisierung der Rheinlande erzwungen und kontrolliert werden solle. Jedenfalls sei es unwahrscheinlich, daß die Anempfehlungen schon nächste Woche vorliezen würden.
Frankreich empfiehlt das Washingtoner Abkommen.
ft. Paris, 28. Mär;. Di§ Kammerkommission für auswärtige Angelegenheiten beschloß die Annahme der Ratifikation des Abkommens von Washington betreffens den Achtstundentag unter Voraussetzung zu empfehlen, daß auch Deutschland das Abkommen annimmt.
Di« deutfch-französifchen Wirtfchastsverhand- lungen.
Paris, 26. März. Wie die „Information" mittellt, versichert man, daß die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen so normal wie möglich ihren Fortgang nehmen. Die Unter- Kommissionen setzen die Prüfung der Tarife fort, und wahrscheinlich werde binnen Kurzem eine Vollsitzung stattfinden Können. Wie bereit» gemeldet, beschäftigen sich die beiden eingesetzten UnterKommisiionen mit der Klassifizierung der Artikel und mit allgemeinen Fragen juristischer Art. Heute früh haben übrigens zwei deutsche Vertreter der eisenfördernden Industrie eine erste Unterredung mit Vertretern der französischen Schwerindustrie gehabt. Die privatwirtschaft- llchen Verhandlungen werden außerhalb der Handelsvertragsverhandlungen geführt und sollen zunächst durch Vertreter der eisenverarbeitenden Industrie erweitert werden.
WltisKr tlmslhm
Die vergangene Woche war durchaus beherrscht von dem Kamps um den Reichspräsidenten. An dieser Stelle ist, getreu der alten Traditionen unfe» res Blattes, immer wieder darauf hingewiesen worden, daß es Pflicht ist, die Rechtsentwicklung, die feit einigen Jahren im Deutschen Volke mehr und mehr gewachsen ist, zu stärken und zu fördern, denn auf diesem Wege allein, so glauben roh wenigstens, ist unter Absage an alle rein verstandesmäßigen politischen Gedankengebilde wieder ein« bodenständige deutsche Politik möglich. Mit dem Worte „National" läßt sich eigentlich wenig atu fangen. So oft es gebraucht wird, denkt sich jeder etwas anderes darunter. Es ist leider ein Kampfwort geworden, was es nicht fein sollte. Man sollte auch dem Andersdenkenden den nationalen Sinn, d. h., den Sinn, daß er für die Nation das Beste will, nur bann absprechen, wenn man die strikten Beweise vom Gegenteil hat, wie in England jeder, auch der schärfste politische oder persönliche Gegner, solange als Gentleman gilt, bis das Gegen- teil erwiesen ist. Aber d a s ist ein Unterschied, ob ich glaube, daß für b ie politische Entwicklung meines Volkes bie Hilfe, das Wohlwollen ober auch bie ©nabe bes Auslandes entscheibenb ist, ober ob ich sage, daß nur aus beutschem Boben burch eine Erneuerung bes beutschen Geistes bet Wetz zur Höhe roieber angetreten werben kann. Dies« Verschiedenheiten werben sich nicht aus ber Well schaffen lassen, unb es werben immer wenigstens zwei Grundauffasiungen fein, aus benen sich Streitpunkte und Abweichungen im Einzelnen genug ergeben.
Es ist durchaus verständlich, daß die Rechte in ihren verschiedensten Schattierungen sich bei der Präsidentenwahl bewußt zusammengefunden hat, während bie Linke zur Zeit parteimäßig ausein» anberfällt. Auf ber Linken werben bie schwersten Gegensätze wie zwischen Zentrum (betn politischen Katholizismus) unb Sozialismus (betn bogmati» fchen Atheismus) z. B., nur burch die Taktik gebunden, während die Demokratie nicht stark genug ist, um allein die Führung zu übernehmen, unb nur hofft, daß die Lage zwischen den Parteien ausgerechnet ihrer Taktik die Vorhand lassen wird. Die drei Kandidaten sind also vorerst wohl erwogen. Bereits mit dem Aufstellen der Kandidaten haben die Bemühungen eingesetzt, für den zweiten Wahlgang einen gemeinsamen Kandidaten herauszuholen, für den Die Demokraten, die mit starker Propaganda auf dem Plan sind, ihren Kandidalen zu nominieren gedenken. Wenigstens hat die Partei Richtlinien versandt, die in aller Offenheit, unter z. T. starker Polemik gegen den „Katholiken" Marx und den „Sozialisten" Braun, Herrn Hellpach als den einzig möglichen Sammelkandi- daten chinzustellen. Man darf gespannt sein, was die angegriffenen Parteien selbst dazu sagen. Aus der Rechten hat man sich in staatspolitischer Einsicht zusammengefunden, um einen Mann an die Spitze zu stellen, der in der Tat eine Persönlichkeit ist (Dafür spricht auch die z.T. fanatische Art dos Kampfes gegen ihn) und ber seit langem wieder einmal Antworten gibt, die klar und deutlich einen deutschen Standpunkt zum Ausdruck bringen. Daß die Bayerische Volkspartei mit einem eigenen Kandidaten vorgehen würde, war anzunehmen. Vielleicht hofft man, diese Kandidatur int zweiten Wahlgang 'vielleicht noch irgendwie als Einheitskandidatur herauszubringen. Die Kandidatur Ludendorff kann man nur als eine der vielen Unbegreiflichkeiten bezeichnen, bie bie völkische Bewegung in ihrem Hitlerschen Teil sich geleistet hat. Es ist bedauerlich, daß der Name Ludendorff, der den meisten Deutschen doch hoch steht, als Erinnerung an eine trotz allem große Zeit, mißbraucht wirb.
Das beutsche Volk wirb nun morgen an bie Wahlurne treten, um sich seinen Präsidenten zum ersten Male zu wählen. Bei ber Zersplit- terung dürfte, falls nicht Jarres im ersten Waklgang gewählt wird, eine zweite Wahl not- wendig werden. Angesichts der geradezu wütenden Hetze gegen Jarres keine besonders angenehme Aussicht!
Bei ber Wahlagitation hat leider die Frage bet Außenpolitik auch eine Rolle gespielt. Die Linke hat Dr. Jarres getreu ihrer Einstellung unb Tra- bition, befonbers vor bem Auslanb dadurch unmöglich zu machen versucht, daß sie, unter Hinweis auf den Kampf um bie sogenannte Versackungspolitik, bavon sprach, er habe ben Versailler Vertrag zerreißen wollen. Die ganze Frage ber Nheinpolitik ist babei aufgerollt worben. Man glaubte, Jarres etwas am Zeuge flicken zu können, boch ber Pfeil ist auf bie Angreifer zurück- gefchnellt, bie nun Ach unb Weh schreien. Gut ist das im .allgemein politischen Interesse nicht. Aber leider ist es in Deutschland immer so, daß bi) Politiker für bie Außenpolitik nun einmal kein Organ haben. Man spielt vor bem Ausland nicht mit offenen Karten und sagt nicht alles.
Die Weltdiskufsion wird z. Zt. beherrscht von bem deutschen Vorschlag eines Sicherheitspaktes. Es handelt sich dabei um eine angebliche Garantie der Grenzen, wie sie Versailles gezogen hat, vielleicht auch um eine Ausrottung der Ostfragen, Punkte, bie, angesichts ber neuen franzosenfreund, sichen englischen Einstellung, von Herrn Strefe- martn in bie Debatte geworfen wurden, wahrscheinlich, um den Engländern das Spiel an Frankreichs Seite nicht ganz so leicht zu machen, Noch immer steht ja für uns die ?;tuge so, daß man uns zwingen will, vorbehaltlos in den Völkerbund einzutreten, um uns aufs neue Fesseln anzulegen.