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Anzeiger für idas Mer kurheffischef SSerWen - Amtliches VerkündimmMlatt des KreAS Marburg

6tom Im PrruWKei, Sandlag

Ungewöhnlich turbelent setzte die Freitagssihung des Preußischen Landtags ein die letzte Sitzung vor dem 31. März. Der im Aeltestenrat von der Linken durchgebrückte Beschluß, das Hau» bis nach der Reichs« Präsidentenwahl zu vertagen und sogar in dieser kurzen Zwischenzeit dem äleberioachungsauSschuß deS Landtags weitgehende Rechte zu übertragen, hatte auf der Rechten starke Empörung hervorgerufen, sie kam zum Ausdruck in den leidenschaftlichen Reden, mit denen die deutschnatipnalen Abgeordneten v. Osten, D. Winckler und Schlange vor Eintritt in die Tages­ordnung gegen diese Verschleppung protestierten und eine Erklärung des »Ministerpräsidenten" Marr for­derten. Dieser erschien dann auch bald, sagte aber nur einige formelle Sätze über das verfassungsmäßige Recht des zurückgeiretenen Ministeriums, die Geschäfte weiter zu führen, und die im LandeSinterefs« notwen­dige» Anordnungen zu treffen. Aber da» wollte man nicht wissen; darüber ist sich ja jedermann klar. Di« Recht« wünschte eine Besprechung ihre» Antrages, too*

2 7. Sitzung am 20. März.

Auf ber Tagesordnung steht zunächst die Fort­setzung der Besprechung über die Hallenser Vorgänge.

Vor der Tagesordnung beantragt zur Geschäfts­ordnung Abq. v. der Osten (Dtntl.) die Vorweg­nahme des Antraaes seiner Fraktion über den Be­griff eines Geschäftsministeriums und speziell den Begriff: Laufende Geschäfte. Das gegenwärtige, das Vertrauen des Landtages nicht besitzende Mini­sterium dürfe keine politischen Entscheidungen tref­fen, weil dadurch die Verfassung gefährdet würde. Die Dentschnationalen seien der Ansicht, daß daS preußische Voll dieses Spiele? r'cht herzlich müde sei tGrvße Unruhe in der Mitte und links).

Abg. Winckler (Dtntl.): Wir haben einen An­trag auf Auflösung des Landtages mit sofortiger Wirkung vorgelegt (stürmischer Beifall vechtSd Dem Ministerium fehlt jede verfassungsmäßige Grund­lage. Es '.vilk sich aber künstlich an der Macht er­halten (Fortdauernd großer Lärm in der Mitte und linkst. Auch das ist ein verfassungswidriges Spiel. Wenn diese Regierung sich befugt hält, Vervrd- nuungen zu erlassen, so ist das mit den elementar­sten Begriffen des politischen Anstandes nichts ver­einbar (Andauernder Lärm in der Mitte und linkst. Der Ministerpräsident Marr hat sofort hierher^ zu kommen und um seines Namens willen zu erklä­ren, ob er sich zu solchen Handlungen für b-lugt hält oder nicht! (Stürmischer Beifall rechts. Fort­dauernder tosender Lärm im übrigen Hauset.

Abg. Riedel (Dem.): Die Mehrheit, dir am 20. Februar das Ministerium gestürzt hat, ist seit­dem nicht in der Lage gewesen, aus ihren Reiben ein Ministerium zu bilden. Diese Mehrheit wird für die jetzigen Zustände verantwortlich sein (Lärm rechts).

Abg. Schlange-Schöningen (Dtntl.t: Herr Riedel ist in diesem Hause der Allerungeeignetste, über Verantwortung zu sprechen. Wochenlang haben wir dem Spiel ruhig zugesehen. Wenn die Wei­marer Koalition es so weiter treibt, wird sie eines Tages als die Vernichterin der Verfassung dastehen. In llebereinstimmung mit den Parteien, mit denen wir zusammenwirken, werden wir es nicht weiter ruhig mit ansehen, daß mit ihrer Hilfe die Gesell­schaft der Kutisker und Barmats den Sieg davon­trägt. (Die letzten Sätze der Rede gehen in dem andauernd wüsten Lärm völlig verloren).

Ministerpräsident Marx ist inzwischen im Hause erschienen. Er erklärt ,daß nach Artikel 59 der Verfassung das geschäftsführende Ministerium die laufenden Geschäfte zu erledigen habe. Er habe dafür zu sorgen, daß der preußische Staat und das preußische Volk keinen Schaden erleide (Beifall in der Mitte. Unruh« rechts).

Abg. Dr. Winckler (Dtntl.) erklärt unter an­haltendem Lärm, die Erklärung de» Ministerpräsi­denten fei überhaupt keine Antwort auf eine Prä­zis gestellte Frage. Sie sei zu verschwommen. Er beantragt Besprechung dieser Erklärung in An­wesenheit de» Ministerpräsidenten. (Ministerpräsi­dent Marx hat inzwischen feinen Platz wieder ver­lassen).

Der Antrag auf Besprechung der Erklärung des Ministerpräsidenten über die Befugnis eines Geschäftsministeriums wird mit den Stimmen der Rechtsparteien und der Kommunisten angenommen.

Bet der Entscheidung Über den sozialdemokra­tischen Antrag auf Vertagung dieser Besprechung muß die Auszählung des Hauses stattfinden. Es wurden nur 185 Stimmen abgegeben. Das Haus ist beschlußunfähig.

Hierauf wird die Besprechung über die Vor­gänge in Halle fortgesetzt. Das HauS leert sich.

Abg. H e r r m a n n-BreSlau (Dem.) erklärt, die rasche Untersuchung der Vorgänge sei sehr zu be­grüßen »damit einer Legendenbildung entgegengc- treten werde.

Abg. Ladcnborff (Wirtsch. Dgg.) erklärt, die Veranstalter hätten sich den Anordnungen der Polizei nicht gefügt, deshalb seien st« verantwortlich für die Vorgänge.

Abg. Stock (Aat.-Soz.) sieht in den Vorgängen in Halle die Auswirkungen der maßlosen und gewissen­losen Hetze der Kommunisten. Dir Onternationate er­kämpfe nicht da» Menschenrecht, sondern zerstört bi«

SruWer ReiKAag

Notetat Aufwertunasfrage.

39. Sitzung am 20. März.

Im Reichstag wurde heute der Notetat für 1925 endgültig angenommen.

Der Sozialdemokrat Dittmann erklärte, feine Fraktion fei nicht in der Lage, dem vorläufi­gen Haushaltsentwurf ihre Zustimmung zu geben. Die Vefamtpolitik des Kabinetts Luther richte sich je länger je mehr gegen die Interessen der werk­tätigen Bevölkerung, sei auf Minderung ihrer Rechts und ihres Einflusses gerichtet, und komme ihren Ansprüchen auf Kürzung der Arbeitszeit und Besserung der Lebenslage in keiner Weise ent­gegen. Der Deutschvölkische v. Gräfe stimmte dem Notetat zu, obwohl auch er Bedenken hat. Der Demokrat Koch-Weser erkannte ebenfalls die Notwendigkeit des Notetats an und stimmte ihm ru. Er erklärte außerdem, daß seine Fraktion das Mißtrauensvotum der Kommunisten ablehnen würde.

Der Notetat rourde bctratif in dritter Lesung end- gültig gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten angenommen. Das koinmu- nistische Mißtrauensvotum gegen das Kabinett wurde in einfacher Abstimmung ebenfalls lediglich gegen Sozialdemokraten und Kommunisten abge­lehnt.

Es folgte dann die zweite Beratung des Gesetz­entwurfs über Verlängerung der Fristen der Drit­ten Steuernotverordnung in bezug auf die Auf­wertung, die am 31. März dieses Jahres ablau- fen sollten, bis zum 30. Juni dieses Jahres. Er hob hervor, daß die Fristverlängerung notwendig geworden sei, weil das neue Aufivertungsgesetz nicht vor dem 1. April erledigt werden könne.

Eine längere Debatte entspann sich um die von dem Ausschuß eingefügrte Bestimmung: Der Wie­derherstellung eines gelöschten Rechtes zum Zwecke der Aufwertung steht der öffentliche Glaube des Grundbuches insoweit nicht entgegen, als em nach (der Löschung eingetragenes Recht nach dem 1. April 1925 begründet worden ist."

Als Zentrumsrsdner äußerte der Abgeordnete Scheiter schwere Bedenken gegen die in dieser Be- stimmung liegende Kreditsperre. Er emvfahl die Zurückweisung der Angelegenheit an den Ausschuß.

Namens der Reichsregierung gab Reichssusiiz- ministec Dr. F r e n k e n folgende Erklärung ab: Das Reichskabinett hat hinsichtlich des Aufwer- tnnasgefetzes inzwischen entscheidende Be­schlüsse gefaßt. Der Gesetzentwurf wird noch vor der Reichspräsidentenwahl im Laufe der näch­sten Woche den gesetzgebenden Körperschaften vor­gelegt werden. Tie'Reichsregierung wird von sich aus in allernächster Zeit eine eingehende Dar­legung der wichtigen und grundlegenden Bestim­mungen des Entwurfs der Oeffentlichkeit unter­breiten."

Der Gesetzentwurf über Verlängerung der Fri­sten für die Anmeldung von Aufwertungsansprü­chen bis 30. Juni wurde dann in zweiter und drit­ter Lesung angenommen.

Es entspann sich dann eine längere Debatte über die Vorgänge in Halle, worauf die Beratun­gen abgebrochen wurden.

?'ackste Sitzung: Sonnabend vorm. 11 Uhr.

Sir «chl brS RrWvräsidratrn

-garres auch für den zweiten Wahlgang aufgestellt.

fk. D e r N n. 21. März. Nach einer Mitteilung des Reichsblocks soll Iarr.es als Sammelkandl- dat der Rechtsparteien auch für einen etwaigen Zweiten Wahlgang aufgestellt werden.

fk. B e r l i n, 21. März. Wie man uns mitteilt, wird Marx im Wahlkampf um die Reichspräsi­dentenschaft nur in Köln sprechen.

Jarres in Breslau.

Oberbürgermeister Dr. Jarres sprach gestern nachm. in Breslau im großen Konzerthaussaal. Der Saal war überfüllt und die Versammlung gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung.

Wegen des ungeheuren Andranges mußte Dr. Jarres in einer zweiten öffentlichen Versammlung eine weitere Rede halten, die ebenfalls mit stür­mischem Beifall ausgenommen wurde. Vor dem Versammftmgsgebäude fanden große Kundgebun­gen für Jarres statt.

lieber die Wahlrede Jarres' werden wir noch ausführlich berichten.

'ieitnna eridieint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2 Mark ausschließlich Zustellung»!,«. /"''Tat* irk Slott 2.26 Mk. Für ausfallende Nummern infolge Streiks oder elementarer Ereignisse ke,n Ersatz. Verlag Dr E b »oltz-Druck der!lniv.-Buchdruckerei von Joh.Aug. Koch, Markt 21,23.- Fernsprecher: Rr. 55, Nr. 666. und 2.t.u. »ny Postscheckkonto: Nr 5015 Amt Frankfurt a. Main.

nach ein in Liquidation befindliches Kabinett keine Entscheidungen von politischer Tragweite treffen soll, und beantragte die Besprechung der Marx-Erklärung. Diese wurde auch beschlossen, doch beantragte die Linke ihre Vertagung und sprengte, als hierüber abgestimmt wurde, die Sitzung, indem sie sich an der Abstimmung nicht beteiligte und auf diese Weife die .Beschluhun- fähigkeit des Hauses bewirkte. Das alles geschah unter außerordenllichem Lärm rechts wie links. And zum Schluß nachdem die Tagesordnung mit der Debatte über Halle und mit den Beschlüssen über das Schul- -wesen in den besetzten Gebieten wie über die Auflösung der Lehrersimenare erledigt Ivar gab es denselben Trick. Wiederuni war das HauSbeschlußunfähig", sodaß der sozialistische Präsident Bartels ohne weitere Debatte die nächste Sitzung auf den 31. März anberan- men konnte. Hier wurde ein Terror ausgeübt, der sich mit dem parlamentarischen Svstem schlechthin nicht mehr verträgt. Es ist richüg. daß auch die Parteien der anderen Seite von der Taktik der Stimmenthaltung zur Herbeiführung der Deschlußunfähigkeit Gebrauch gemacht haben, so noch am Donnerstag bei der er­neuten Abstimmung über den Antrag, die bereits ab- gelaufene Wahlzeit der Provinz- und Kreistagsabge­ordneten bis zum 1. November zu verlängern. Man kann im Zweifel darüber sein, ob die Opposition über­haupt von diesem Mittel Gebrauch machen soll, falls nicht ein ganz besonders wichtiger Fall vorliegt. Aber die Vergewaltigung am Freitag war viel schlimmer.

Der ettieiaeneteU beträgt für den 10 gefp. Zeilenmillimeter 0,03 Goldmark. Klein« var.«n,eig,a 0.06 GA. Amtliche und auswärtige Anzeigen 010 Gold mark. Bet schwierig«« Satz, sowie b.Plauoorschriften 50',»Außchlag. »ammela»,eigen 100 "f, «ufichlaq Reklamen 0.35 Goldm. Jeder Rabatt gilt al, Larrabatt. Ziel 6 Tag«. Beleg« w«ro«n berechnet, mnio An», kunft durch di« G«schätt»stell« und Zusendung 6et Angebote. Erfüllungsort Marburg. 1 G^Mk. = 1«, Dollar

Wurzeln des Volkstum». Das System Severing atme Darmat-Kutisker^eist. (Stürmische Unterbrechung bei den Doz.)

Abg .Schnatter (Komm.): Da» System Severing- Runge hat hier, trotz der gelegentlichen Seitenhiebe der Rationalsoztalisten, begeisterte Verteidiger gefunden.

Der Urantrag Pieck wird gegen die Antragsteller abgelehnt.

Den Kran trag des Zentrum» über die Reu- ordnung de» höheren Schulwesen« hat der Unterrichtsausschuß in folgender Fassung angenommen: DaS Staatsministerium wolle die Ausführung 6er Reuordnung des höheren Schulwesen- für daS besetzte Gebiet und daS besetzt gewesene Gebiet durch An- nähme von Ileberganasmaßnahmen erleichtern.

Darauf liegt ein gemeinsamer Ärantrag sämtlicher Parteien mit Ausnahme der Nationalsozialisten und Kommunisten folgenden Inhaltes vor: Das Staats­ministerium wird ersucht, bei der Durchführung der Schulreform in dem besetzten Gebiet und besetzt gewesenen Gebiet festzuhalten a) an den bis­herigen Vorschriften über die Klassenstärke, b) an der bisherigen Pflichtstunkenzahl der Lehrkräfte, c) an der Einrechnung deS wahlfreien Unterrichts in die Pflicht­stundenzahl. Weiter sind an besonders geschädigten Schulen Förderkurse einzurichten.

Die Anträge werden angenommen.

Es folgt die zweite Beratung der Anträge der Sozialdemokraten, Kommunisten, Deutschnationalen und der. Deutschen Dolkspartei über den Abbau von Wahlbeamten. Eine Debatte findet nicht statt.

Heber den Antrag Hirsch (Soz.), wonach ein Abbau auch bei den Wahlbeaiuten nur unter der Bor» aussehung des § 21 der Preußischen Abbauvervrdnung zulässig ist, wird auf Antrag Eberbach (Dntl.) nament­lich abgestimmt. Dabei stellt sich die Beschlußunfähig­keit des Hauses heraus. Es sind nur 169 Stimmen ab­gegeben worden.

Präsident Bartels: Das HauS ist nicht beschluß­fähig. Ich hebe damit die Sitzung auf und sehe die nächste Sitzung auf Dienstag, den 31. März 1925 an.

In der allgemeinen Aufregung, deren sich das ganze Haus bemächtigt, geht die Dersiinbung der Tagesord­nung unter.

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Ser Mite «MmMrezetz

Magdeburg, 20. März. Als erster Zeuge mir1! der Mechaniker Kiefer vernommen, der zur Zeit des Streiks in den Goerz-Werken in der Mühlenstraße in Berlin arbeitete, lieber bett Streik­beginn erklärte der Zeuge nicht» aussagen zu kön­nen. lieber die Vorgänge in der Versammlung in Treptow bekundet er, er habe nichts gesehen, daß dem ersten Redner Ebert ein Zettel hinaufgereicht w.rdett sei. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob dem Redner zugerufen wurde, wie es mit den Ge- stelluugsbefehlen stehe, antwortet der Zeuge, er könne sich nicht erinnern. Der nächste Zeuge, Tischler Fritz Kin ter, arbeitete 1918 mit Syrig zusammen in Johannistal in demselben Raum, lieber die Treptower Versammlung sagt er aus, Ebert habe weniger über den Streik, als über die politische Lage gesprochen. Ebert habe gesagt: Wir müssen unsre im Felde stehenden Kameraden eben­so mit Munition versorgen, wie in den feindlichen Ländern die Soldaten mit Munition versorgt wer­den. Ain Schlüsse feiner Rede habe er gesagt, daß den Gestellungsbefehlen selbstverständlich Folge ge­leistet werden müsse. Der nächste Zeuge, Tischler E i t n e r, äußert sich in ähnlichem Sinne. Auch er betont .daß Eberts Aeußerungen in der Ver­sammlung großen Unwillen hervorgerufen hätten. Er selbst habeVerräter" <; nfen, ein Kollege von ihmHallunke".

Auch die nächsten Zeugen, Verwaltungsamtmann Lorenz und Maler Budde, sagen im wesent­lichen ähnliches über die Treptower Versammlung aus. Der Zeuge Budde erklärt z. B. auf das be­stimmteste, es fei ganz ausgeschlossen, daß Ebert zur Nichtbefolgung' der Gestellungsbefehle aufge­fordert habe. Der Generalstaatsanwalt beantragt die Ladung des Meisters Brückner, unter dem Ortzel während des Januarstreiks gearbeitet bat. Dessen Aussagen würden ergeben, daß Ortzel den Streik, also auch die Treptower Versammlung, nicht mitgemacht hat.

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Str NrM gegen die .Deutsche Mela"

Leipzig, 30. März. Die Frau Brechenbacher, die dem Angeklagten König Geld und Lebensmit­tel ins Gefängnis gebracht hat, bestreitet, diese von der Polizei erhalten zu haben. Sodann wen­det sich die Zeugeilvernehmung wieder der Rolle des Angeklageten Skoblewsky zu. Der Zeuge Tän­zer, der Schwiegersohn der Frau Hoffmann, bekun­det, daß Skoblewesky unter dem Namen Hermann im Herbst 1923 als Untermieter zu seinen Eltern gezogen fei. Darüber, ob Skoblewsky viel in der russischen Botschaft verkehrt habe, kann der Zeuge nichts aussagen. Er habe ihm nichts Schlechtes zugetraut. Unter allgemeiner Beachtung werden so­dann die Sachen Skoblewskis, die in die Woh­nung Tänzers geschafft wurden, auf dem Rich­tertisch auSgebreitet. Es handelt sich um Klei­dungsstücke, Wollsachen, Schlittschuhe und Wäsche. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt Skoblelvski, der während der ganzen Verhandlung völlig un­interessiert schien, einen Pyjama für fein Eigentum.

Berlin, 20. März. Der Barmat-Uittersu- chungSausschuß des Reichstages hat sich bis nach Ostern vertagt und tritt wieder am 15. April zu­sammen.

Politische Wandlungen

Unser innerpalitische» Leben ist mehr und mehl zwiespältig geworden. Man hat das deutliche Gefühl, als ob e» in den Kampf der Wende eingrtreten wäre. Zwar, politisches Leben ist immer zwiespältig. Es kämpfen immer Anschauungen gegen Anschauungen, und eine wirklicheVolksgemeinschaft" wird auch in den einigsten Staaaten, abgesehen von gewissen Grund­richtungen, immer eine Phrase bleiben. Doch jetzt bat man das Gefühl, als ob bei uns zwei Grundrichtungen um die Herrschaft kämpften. Al» im Sabre 1918 unter der Last von fünf Kriegsiabren und unter dem Einfluß einer radikalen Propaganda, die Re sich geschickt zunutze machte, Deutschland »ufammenhrach, da war in Deutsch­land die Lage eigentlich völlig eindeutig. In Weimar konnte eine Verfassung aufgestellt werden, von der man mit Recht sagte, daß Re die demokratischste und radikalst« der Welt sei. Ob da» ein Vorzug war, wollen wir biet nicht untersuchen. Aber jedenfalls glaubten die Väter dieser Verfassung, daß Re damit den parlamentarisch-de­mokratischen Sozialismus ein- für allemal in Deutschland herrschend gemacht batten. Sie haben Rch getäuscht. Denn nicht zuletzt unter dem Druck von außen hat Rch im Volke eine fühlbare Wandlung vollzogen. Auck> haben die rechtsstehenden Parteien, die früher den Staat mehr oder minder beherrschten, verstanden, Rch de« Apparat des Parlamentarismus zunutze lu machen, f» daß heute die Wahlen zeitweilig ein Bild zeigen, das man Rch vor Jahren noch nicht hätte vorstellen können.

Man muß Rch zurückversetzen in die Tage des Waffen- stillstandes, in die Tage, wo auf den Marktplätzen der Städte Maschinengewehre aufgefahren waren, Bürger von Soldateuräten mit de« Tode bedroht wurden, die rote Fahne aus öffentlichen Gebäuden webte. Damals war es, daß (und das ist immer bezeichnend) Rch auch Literatur und Kunst der neuen Bewegung ange­nommen hatten. Zeitungen und Zeitschriften schossen nur so aus dem Bode» und verkündeten das Evangelium der allgemeinen Menschenliebe. Schon die Namen:Die Erde",Dir rote Erde"Das Tribunal" waren Pro­gramm. Und die eigentlich revolutionäre Kunst des Ex- viehionismu5, sieht man von ihrer tieferen kunstgeschicht­lichen Bedeutung ab, stellte Rch voll und ganz in den Dienst der Sache. In diesen Tagen konnte man in Berlin eine Ausstellung sehen, deren Kunst wesentlich in Karikaturen des früheren Militärs bestand, in der Religion, Sitte und Staatsgewalt in der unerhörtesten Weise karrikiert und verhöhnt wurden. Man braucht die Frage nur zu stellen, ob das beute alles noch möglich wäre, um den Unterschied zu sehen. Kunst und Literatur von beute schreien geradezu nach neuer Gesetzlichkeit. Und Machwerke wie FranksDer Mensch ist gut" 'qber die Uebersebungen von einem französischen Weltverbesserer Barbusse, die damals bei demaufbrechenden Frühling" t)cr- zlungen wurden, würden heute ganz gewiß tau« noch gelesen werden, sicher nur ein Lächeln über solch Verstiegenheiten erwecken.

Im eigentlich Politischen denke man an die Versuch» Erzbergers, durch ein raffiniertes Steuersystem die Un­gleichheiten des Besitzes möglichst schnell und schmerzhaft auszugleichen. Man denke vor allem an die Versuch« der nunmehr herrschenden Sozialdemokratie, ihr Pro­gramm in die Wirklichkeit überzufübren. Was ist von den Sozialisierungskommissionen, die damals auf« tauchten, geblieben? Nichts. Und wenn man boshaft sein wollte, könnte man feststellen, daß die Unter­suchungsausschüsse diese Früchte der Revolution, bte bfe geistige Ueberlegenheit der eigentlich revolutionären Parteien gegenüber den alten so recht sinnfällig »um Ausdruck bringe» sollten, beute gerade diesen Parteien sehr schwer im Magen liegen, denn sie sind ein Instru­ment geworden, das sich »egen die Väter selbst richtet. Nun haben die Parteien der Linken versucht, ihrem politischen Leben eine tiefe« Grundlage tu geben. Wenn die Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold überhaupt einen Sinn bat, so kann es nur der sein, daß den eigentlich revublikanisch-reoolutionären Parteien ein gemeinsamer Weltanschauungsboden gegeben wird. Ge­wisse Anschauungen der Linken über Demokratie, Par­lamentarismus und Revublikanertum sollen zusammen- gefaßt werden, um die Stoßkraft gegen die erwachte Rechte zu erhöhen. Man durfte erwarten, daß bei bet Präsidentenwahl sich dieser Wille »um ersten Ma! in einem gemeinsamen Kandidaten ausdrücken würde, denn gerade die Reichspräsidentenwahl bat ia mit dem eigentlich Parteipolitischen nichts zu tun. E s i st nicht geschehe». Und zwar deshalb nicht, weil die Sozial­demokratie versagte und mit einem eigenen Kandidaten vorging. Das aber mußte sie tun aus ganz einfachem Selbsterhaltungstrieb, denn ihre politische Position bat sich auch geändert. Roch 1918 war Ebert der gegebene und kaum umstrittene Kandidat für den Präsidenien- posten. für alle Parteien, die damals uneingeschränkt bei richten, beute ist es anders geworden. Wenn die sozia­listische Kandidat auch nicht eine reine Zählnkandidaiur ist, so dürfte doch im In- und Ausland« kaum eine andere Kandidatur als eine Kandidatur der Rechten als die bedeulungsoollste und wesentlichste anseseben werden. Sicher eine Aenderung von grundlegender Bedeutung. Einen gemeinsamkn Kandidaten etwa aus dem linken Zentrum konnte die Sozialdemokratie ihren Anhängern nicht zumute» Es wäre als Zeichen der Schwäche ge­wertet worden

Der wesentlichste Grund für alle diese Wandlunge« liegt zweifellos außenpolitisch in dem Druck .bei Feindmächte. Wenn ihre Feinschaft nur dem alten Deutschland galt, warum haben sie der Demokratie nicht die geringste Konzession gemacht ? Im Gegenteil. Bis weit in die Reiben der Sozialdemokratie und Kommu­nisten Hinein ist vielleicht 90 Prozent des ganzen deut­schen Volkes der Ansicht, daß das Unterwerfen unter den Willen des Auslandes die Ansprüche bort bis ins lln» ermessene gesteigert Hat Jnnerpolitiich ist der wesent- lichstc Faktor aber der, daß die Sozialdemokratie ooini versagt Hat. Sie stand vor einer schweren Aufgabe, eie sollte ihr Programm in die Wirklichkeit umsetzen in dem Zeitpunkte, wo der nationale Kapitalismus vernichtet oder unterhöhlt war, wo der internationale Kavitalis- mus aber so frech und so siegcssicher sein Haupt erhob, da» nur ein Blinder an dieser Erscheinung penibel« geben konnte. Wir wallen gar nicht mal von der V.r- annung des deutschen Volles reden. Ein Sozialist wir», das nie zugeben. Er wird immer noch einen entdecken, ocr mehr bat als der andere, und der Sozialismus r>t recht Amtlich die Politik oder die Religion des Neides. Ader da» die Zeiten für Marrfche Ideen nicht gut waren darf man dem Feblfchlagen des Sozialismus til wirtschairlicher Beziehung wohl yigutebringen. DeNtz Sozialismus fehlten auch die Köpf«. Vielleicht mit der