60. Mrs. 1925
Marburg a. L, Sonnabend, den 21. Februar
DhschsWchs Jeitrmr
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Das Kabinett Marx yestürzt
Auslösung de- Landtags?
Di« Parteileidenchaft hatte sich am Frei- Zag nr>ch gesteigert. Dazu trug zunächst der Demokrat Riedel einiges bei, der von Dr. von kampe sagte, er habe die Altersgrenze über- schritteni dann steigerte sich die Erregung noch erheblich während der Rede des Völkischen Herrn Mulle. Dieser ließ die bisher von den Parteien der Rechten geübte Taktik, Herrn Marx und das Pentrum möglichst zu fchonen, völlig außer Acht und zog sich sogar den ganz besonderen Zorn des Zent- srums zu, dem er sehr hart zusetzte. Erst in zweiter Linie bekamen die Barmatisten ihr Fett. Und nun, »achdem ein Pole gesprochen hatte, ging der Haupt- standal los. Die Sozialdemokraten, die doch schon put der Herausstellng des Herrn Leinert einige Unverfrorenheiten gezeigt hatten, ließen es zu — »b gern oder ungern sei dahingestellt —, daß Herr H e i l m a n n, der Freund und Generalbevollmächtigte Julius Barmats, sich zum Wort meldete. Sobald er aber die Tribüne betrat, verursachten die Oppositionsparteien einen solchen andauernden Lärm, daß kein Wort des Redners verständlich . jkt Faust auf das Pult, aber man lachte und schrie noch lauter. Der Präsident unterbrach die Sitzung. Als sie wieder eröffnet wurde und Herr Heilmann wieder am Podium stand, verließ die Rechte den Gaal. Kläglich war es, wie dieser Belastete dadurch die Aufmerksamkeit von sich abzulenken versuchte daß, er allerlei, meist Bekanntes, vorbrachte, was sich gegen andere Parteien ausbeuten läßt. Es war fast alles erlogen oder verdreht; aber selbst, wenn dem nicht so wäre, so würde dadurch doch nicht Herr Heitmann entlastet! Man kann wohl sagen, daß diese Rede Heilmanns dem Kabinett Marx den Todesstoß versetzt hat. Solche Genoßen sind untragbar! Es gab noch einige Reden zur Richtigstellung und zahlreiche heftige persönliche Bemerkungen, durch die bis zuletzt die Siedehitze erhalten wurde. So war man kaum mehr überrascht, als nach der .Abstimmung über das Vertrauensvotum der Rc- vierungsparteien die beim Zettelzählen beteiligten iDeutschnationalen strahlend in den Saal zurückkehrten und sodann der Präsident verkündete, daß ,das Vertrauensvotum mit 221 gegen 218 Stimmen abgelehnt sei. Herr Marx erhob sich und erklärte den Rücktritt des Gesamt-Kabinetts. Einige Tri- bünenbefucher riefen Bravo, was im Zentrum große 'Empörung verursachte. Mit unerquicklichen Erklärungen zwischen Dr. von Campe und Herrn Leinert schloß die bewegte Sitzung. Am 3. März will das Haus das Dortmunder Unglück besprechen *- ohne Regierung.
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16. Sitzung vom 20. Februar.
Am Regierungstisch zu Beginn der Sitzung Dr. Lkarx.Am Zehnhof und Severi ng. — Die Tribünen sind stark besetzt.
Der „Vorwärts" meint, man müsse Herrn Marx Ummer wieder wählen „bis zum Erbrechen", bis die Pachte das Mißtrauensvotum von selbst müde werde. Es ist ungeheuer bezeichnend, daß ein Blatt, »a.7 die parlamentarisch-demokratische Richtung ver- Dritt, sich allen Ernstes diese Verhöhnung des Volks- ipiikens leistet. Man sieht, wohin die parlamen- sSarühe Bürokratie gekommen ist — aus Angst vor Meuwahlen. Man muß das ein für allemal fest-
Abg. Winterich (Kom.) eiflärt, daß dir Vorbesprechung der Regierungserklärung der notleidenden werktätigen Bevölkerung keine Hilfe bringen werde.
Abg. Riedel (Dem.) protestiert gegen die Ausführung der „Deutschen Tageszeitung", daß für die Witwen und Waisen des letzten Unglücks glänzend gesorgt sei durch die ihnen zustehenden Rentenbezüge.
Abg. B i e st e r (Wirtsch. Vgg. Dt. Hann.) kriti. tert die Per'onalpolitik des Ministers des Innern Severing. Wenn die Wirtschaftsvereinigung auch einen Minister im Ministerium gerne sehe, könne te dem Kabinett doch kein Vertrauen schenken.
Abg. Wnlle (Rat.-Soz.) protestiert dagegen, daß Reichskanzler, die abgewirtschaftet haben, als Ministerpräsidenten für Preußen gerade gut genug sind. Der jetzige Ministerpräsident Marx hätte Aeußerungen getan, di, von Haß gegen die E it- wicklung Preußens zeugten. (Lärm im Zentrum.)
Abg^ Baczewski (Pole) fragt: Wann wird Preußen so »eit vorgeschritten sein, daß es die Rechte anderer Nationalitäten achten lernt? (Lärm und Schlußrufe rechts.)
Unter ungeheurem minutenlangem Geschrei und Gejohl der Rechten und der Kommunisten besteigt darauf Abg. Heil mann (Soz.) die Tribüne. Ununterbrochen ertönen die Rufe: Barmatschieber! Oberschieber!, sodaß der Redner nicht beginnen kann. Vergeblich bemüht sich der Präsident Ruhe zu schaffen. Immer von neuem ertönt da» brtäu- öende Geschrei der Rechten, während der Redner ’.u sprechen begonnen bat. Da er nicht durchdringen kann, verläßt er die Tridüne. Die allgemeine Erregung im ganzen Hause hält an. Der Präsident verläA seinen Platz, womit eine Unterbrechung der Sitzung eingetreten ist.
Präswent Bartel» eröffnet die neu« Sitzung um 2.25 Uhr und erklärt, daß jedes Mitglied das Recht zum Reden habe. Gegen den, der das hindere, werde er mit allen Mitteln der Geschäftsordnung vorgehen. Das Wort erhält darauf erneut Abg. Heil mann (Soz.). Die Deutschnationalen und die Abgeordneten der Freiheitspartei verlnsien den Saal. Der Abg. Wull« habe erklärt, er verlange. >aß in die letzten Winkel des Korruptiousfumpfes hineingeleuchtet werde. Dieser Aufgabe, so fuhr der Redner fort, möchte ich mich heute unterziehen. Die Deutsch-Völkische Bank in Berlin, die Herrn Wulle nicht unbekannt ist, hat bankerott gemacht und ihr Direktor Brust wird von der Staatsanwaltschaft wegen 2000 Bertugsfällen verfolgt. (Erregt erscheint der Abg. Wulle bei diesen Worten im Saal und meldet sich bei dem Beisitzer zu Wortes Heilmann behauptet weiter, daß auch 1)ie Deutsch- nationalen und die Deutsck^ Volkspartei mit dem Spritschieber Weber und mit Wolpe in Verbindung gestanden hätten.
Abg. Kölges (Ztr.) verwahrt die Zentrumsangehörigen des Rheinlandes gegen die von dem Abg Walle erhobenen Vorwürfe. Wir haben zu einem Kabinett, an dessen Spitze unser altbewahrter Marx steht, das vollste Vertrauen. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.)
Abg Dr. P i n k e r n e i l (Dt. Bpt.): Viel, was Heilmann heute hier anführt, ist im Untersuchungsausschuß als unwahr widerlegt worden. (Grone Unruhe bei den Soz. Der Abg. wird wegen Beleidigung vom Präsidenten zur Ordnung gerufen.) Weber und di« Deutsch« Volkspartei hängen nicht im Entferntesten so eng zusammen, wi» Barmat und die Sozialdemokraten. Die Parteikasse der Sozialdemokraten ist von Barmat mit 50 000 Mark bedacht worden. (Lachen links.)
Abg. Schlange (Dtntl.): Der Fall Heilmann wird am besten den zuständigen Instanzen überwiesen. (Stürmische Zurufe rechts.) Im ganzen preußischen Staate besteht das Gefühl, hier i)t mal durch Zufall eine groß« Schieberei ans Tageslicht gekommen. Was existiert aber noch unter der Decke? (Lebhafte Zurufe rechts, wobei in der Mitte und links gleichfalls« Sehr richtig! geantwortet wird.) „
Abg, Ladendorfk (Wirtsch. Vgg.): Die Korruv- tionszuftänbe im Zentrum stinken rum Himmel.
Es folgt bi« Abstimmung über den Antrag der Regierungsparteien: Der Landtgg billigt di« Regierungserklärung und spricht de« Staatsministerin« sein Vertrauen au». Es wurden in namentliche, Abstimmung 439 Karten abgegeben. Mit Ja stimmten 218, . mit Nein 221 Abgeordnete. Damit ist also das B«r- trauensvotum «bgelebnt, «ährend die übrigen Antrag« erledigt sind. MinisternrSfident Marr uabm darauf da» Wort und erklärte, das angesichts dieses Ergebnisse» er und sein Kabinett luru.-ktrete. Diel« Erklärung wurde von der Rechten mit lebhaftem Beifall und von der Linken mit grobem Tumult ausgenommen. Als die Tribünen in diese Kundgebungen einstimmen, droht der Präsident die Räumung der Tribünen an.
Außerhalb der Tagesordnung erklärt unter stürmuchen Zurufen der Mitielvarieien Dr. ». Kumpe (Dtntl.): Herr Leinert zwang mich zu energischer Abwehr. Zm erkläre, sein nervöier Zusammenbruch war kein körperlicher sondern ein voliiischer und amtlicher! (Siürmicher Zuruf bei den Sozialdemokraten: Unerhört!) Ich habe in einer durchaus gebotenen scharfe« Abwehr gesprochen und diesen Worten nichts biirzurusügen. (Anhaltende Zurufe in der Mitte und Pfuirufe.)
Abg. Leinert (Soz.) erklärt darauf, daß er Gelegenheit nehmen werde, Herrn von Campe nachzu- weisen, da« er seine Aeußerung falsch zitiert und daraus eine häßliche Verdächtigung gemacht habe. (Lebhaftes: Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
i( Schneller, als man geglaubt Hatte, ist das Kabinett Marx-Severing „in offener Feld- «Hlacht" gefallen. Nachdem es dem Ministerpräfi- fcenten nicht gelungen war, die Wirtschaftspartei zu
Gewinnen, Hing ja das Schicksal des Kabeinetts von »er Zahl der Krankmeldungen zur Linken und zur Rechten ab. Die war Freitag für die „Weimarer »ngünstig — also gings zu Ende mit der jungen kerrlichkeit. Man darf es Herrn Marx zum Lobe Men, daß er nicht auf schwankem Seil balancieren fcni> nicht die Verfasfungsbestimmungen über das Vertrauensvotum umgehen wollte. Aber man muß Hinzufügen: dann Hütte er dieses Ende mit Schrecken Pvrhersehen können. Warum war es seine „Pflicht", Xin Kabinett mit Severing zu bilden? Wenn das ■ur eine Verbeugung vor der Sozialdemokratie fein •eilte, dann ist sie teuer bezahlt worden. In Wirk- pchksit wußte jedes Kind, daß dieser „Verbindungs- Maim und Fachminister" den Kern der neuen Re- Merung bildete. Nicht umsonst sprach der „Vor- eärts“ von einem Kampfkabinett gegen rechts und Severing ist seit langem der typische Vertreter jener Richtung, die die Besetzung der Aemter mit sssarteizugehörigen für seine Pflicht hält. Ein System, das heute so schnell zusammenbricht. Jetzt K die Situation aber nicht mehr, wie sie nach der Muhl des Herrn Marx zum Ministerpräsidenten •gar. Damals hätte sich noch durch ruhige Verhandlungen eine Lösung d" ch ein Vcamtenkabi.nett »der vielleicht auch durch ein Kabinett aus Zentrum »nd Denwtraten ohne Sozialdemokraten finden jassen. Die wikderregren Debatten der letzten Tage Uber haben die Parteien so miteinander verfeiudrt, Haden einen solchen Riß zwischen dem Zentrum und per Rechten geschaffen, daß kaum mehr ein anderer Lusweg übrig bleibt, als die Auflösung des Landtags. Am Freitag nahm man im Preußenparlament fast allgemein an, daß es zu Neuwahlen fonmen werde, und bezeichnete die meisten der ge- Äaltcne* Sieben bereits als Wahlreden.
Hierauf vertagt sich bet Haus auf Dienstag, den 3. Mär,. Tagesodnung: Da» Dortmunder Grubenunglück.
st. Berlin, 21. Febr. Auf die Frage, wa» nach dem Sturze des preußischen Kabinett» Marx erfolgen solle, gibt die deutschnational« Presse die Antwort, daß eigentlich nur die Auflösung de» Landtag« übrig bleibt. Die „Kreuzzeitung" schlägt Bildung der Regierung au» den bürgerlichen Parteien, die auf christlich-nationalem Boden stehen, wie Zentrum, Deutschnationale, Deutsche BolkSpartel und Wirtschaftliche Bereinigung vor. Die „Seit" schlägt al» Lösung ein parteipolitisch-neutrale» Beamtenkabinett unter Führung von Marx vor. Die „Germania" erklärt, daß allem Anschein nach die ZentrumSfraktion fest entschlossen ist, den einmal von ihr eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Auch das „Tageblatt" sagt, die Antwort auf den gestrigen Tag könne nur die sein, daß Marx den Fehdehandschuh aufnimmt und den Waffengang fortsetzt. E» bleibt nötigerwetse nur übrig, daß Marx Mintstervräsident wird und die Wiederwahl des gestern gestürzten Kabinetts.
Parlamentarischer Hochbetrieb.
Da die Herren Abgeordneten des Reichs und Preußens wieder einmal eine Erholungspause brauchen und zum Sonntag rechtzeitig nach Hause ‘obren wollen, geht es in den beiden Parlamenten am Donnerstag und Freitag hoch her. Die Sitzungen beginnen um 11 Uhr vormittags und dauern bis in den Abend hinein. Der Reichstag hat sich am Mittwoch noch recht aknüsiert bei der Debatte über die Frage die „Trockenlegung" Deutschlands, zumal als ein Bayer das Bier für ein Nahrungsmittel und den Biergenuß sozusagen für ein geheiligtes Menschenrecht erklärte. Man kam zu einem anständigen Kompromiß, indem man nur ein Gesetz zum Schutz der Jugend gegen Alkoholmißbrauch forderte: die höhere sittliche Reife eines Volks drückt sich doch i eben fall 5 barin aus, baß es eines rigorosen Alkoholverbots nicht bebatf. sondern den Mißbrauch selbst bekämpft. Am Donnerstag dagegen zog der volle Ernst in den Reichstag ein. Am Freitag soll bann noch bie erste Debatte über bie Ruhrbenk- schrift bes Neichsfinanzministeriums folgen, wobei et hart auf hart gehen dürfte. Die Sozialdemokraten haben bereits die Einsetzung eines Unter« snchungsausschusies beantragt, dessen Tätigkeit auf die gesamte Finanzierung des Riihrkampfes vom Januar 192.3 ab zurückgreifen, also sich nicht auf bas eigentlich« Thema ber Rückerstattung der Micuin- laften beschränken soll. Diese Erweiterung ber Untersuchung ist ja vom „Berliner Tageblatt", bas hier ganz im sozialistischen Fahrwasser schwimmt, angeregt worben, weil sich balb zeigte, baß bie erste Sensation mit der Auszahlung der Entschädigungen für die Micumlasten schnell verpuffte. Die durchaus criegsmößige Finanzierung des Ruhrkampfes hat ja wohl manche intereffante Seiten gehabt: und wenn sie nun wirklich bis in alle Einzelheitey durchgeführt werden sollte, dann wird sich vielleicht an ganz anderen Stellen, als die Sozialdemokraten und die „B.-T."-Leute es sich gedacht haben, Unbehagen eintreten. Im Preußischen Landtag geht unterdessen ber Kampf um Severing weiter.
Sie MMMHerblMdllMgtN
Reue Krise in Paris.
Paris, 19. Febr. Staatssekretär Dr. Tiendelen- hurg und Handelsminister Ryanaldo haben beute vormittag und nachmittag längere Zeit miteinander verhandelt und dabei über die Möglichkeit einer kurzen Unterbrechung der Handelsvertragsverband- langen beraten. Es ist dabei auch die Frage der Laufzeit des Handelsv r o v isorkuins besprochen worden, für das dir französische Regierung das Datum des 1. Dezember als Laufzeit vorgei-hlagen hatte. Französtlcherseits wünscht man nun, bah im Fall einer kurzen Unterbrechung die anfänglich vorgesehene neunmonatige Geltung des Modus vivendi be'hehalten wird, was für den Beginn des endgültigen Vertrages non gewißer Bedeutung märe. Die Vorsitzenden der beiden Delegationen werden morgen 2% Uhr wiederum zu einer Beratung zusammentreten.
Die deatsch-franzöfischen Berbandluugen.
Paris, 20. Febr. Staatssekretär Dr. Treu« delenburg und Hondelsmunsier Ravnaldv haben h» Ute die Verhandlungen über die Frage, ob eine 33er» nandlungsvaule eintreten soll, fortgesetzt und sind zu dem Schluß gekommen, die Entscheidung hierüber bis zum kommenden Donnerstag zu vertagen, da der französische Handelsminister heute abend eine Reise nach Marseille antritt und erst am Miitrnoch nach Parts zurück- *ebrt. Die Zwischenzeit soll dazu benutzt werden, die Vorschläge, die von beiden Delegationen gemacht wurden, auch weiterhin zu diskutieren und wenn möglich eine endgültige Formel sowohl für den Abschluß eine» Modus vivendi als auch für den Abschluß eines endgul» ‘igen Handelsvertrages zu finden.
st. London, 21. Febr. „Times" meldet, daß nunmehr der endgültige Bericht der Äon • trollkommtsfion vorliegt. Die deutsche Regierung hab« bei verschiedenen Gelegenheiten den Wunsch nach mündlichen Verhandlungen zu dem Bericht der Kontrollkommission ausgesprochen und scheine anzunehmen, daß diese Methode direkter Verhandlungen in diesem Falle ebenso wie bet Regelung der Reparationsfragen mit Nutzen angewandt werden könne. Dieser Wunsch der deutschen Regierung ist wert, in Zukunft von den Alliierten berücksichtigt zu werden. ES sei nur die Frage, wann und tote Deutschland zur Beratung dieser Frage hinzugezogen werden solle. Auf Grund der vertraglichen Rechte würde eS da» nächstliegende sein, wenn sich die Alliierten über den
Text der Rote einigen und sie auf dem üblichen diplomatischen Weg nach Berlin senden würden, Die andere Methode, nämlich nach dem Vorbild« bilde der letzten Londoner Konferenz die Wünsch« der deutschen Regierung vor einer endgültigen Entscheidung zu klären, sei sicher besser, doch könne sie nur Im Falle vollständiger Einigkeit ztotschen Großbritannien, Frankreich und Belgien bei dtefei heiklen Frage von Erfolg fein.
Str alliierte «oniroilbtritbi
Die Verschleppung de» Kontrollberichts.
Pari», 20. Febr. Herriot batte gestern ein« lange Besprechung mit General Walch über den Schlußbericht der MUitärkontrollkommission de» Versailler Komitee«. Diese» bat inzwischen mit bei Prüfung de» Dokument» begonnen. Die Botschafter-Konferenz wird sich morgen noch nicht mit bei Bericht befaßen können, sondern höchsten» den Zeit« punkt festzustellen haben, wann dies geschehen könne. 3m übrigen glaubt man nicht, bald eine Entscheidung über den Bericht fällen zu können. Da» „Echo de Pari»* meint, Deutschland davor warnen zu müßen, auf bei Veröffentlichung de» Berichtes zu bestehen, da dieser fflf Deutschland sehr ungünstig ausfallen würde. Alle Vor« würfe, die darin gegen Deutschland erhoben würden, wären durch Photographien und Dokumente genauesten« belegt. Der ganze Bericht stelle eine schwere Anklag« gegen die Tätigkeit in den militärischen Kreisen bet, und die ganze Welt würde einig sein in der Verurteilung dieser Machenschaften. Der Bericht würde den Ländern und besonders der deutschen Bevölkerung dar- tun, daß sie selbst von General «reckt und Konsorten getäuscht würden.
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Frankreichs WMaffnunsm
Der französische Finanzminister befindet sich angestcht« der unsicheren Wäbrungslage, der Notwendigkeit euf Ausschreibung neuer Steuern und der Beharrlichkeit del Vereinigten Staaatcn im Willen, alte Schulden einzig treiben, in keiner beneidenswerten Lage. So bat e( denn in der Kammer der Hoffnung Ausdruck gegeben daß Amerika neue Anleihen, die zum Teil schon gesichert leien, gewähren wolle. Außerordentlich schnell ist au« Newvork der abkühlende Waßerstrahl gekommen. Di« großen Banken laßen erklären, daß angesichts ber Un» geregeltbeit des französischen Staatshaushaltes ment» Hoffnung auf Begebung einer Anleihe bestehe. Sin»« kommt, daß im Kongreß eine Resolution eingebracht ist, nach der keine neuen Anleihen an Staaten gegeben werden sollen, die noch kein Abkommen hinsichtlich der Rück« Zahlung alter Anleihen getroffen hoben. „Wo» habt Ihr aus Frankreich gemacht?", so fragt der wieder st Ehren gekommene Abgeordnete Caillaur die Vorgänger Herriots in bei französischen Regierung. Taillaur tat« gut daran, die gleiche Frage auch an Herriot zu richten, der an Hartnäckigkeit in der Sache Poincar« bäufit nichts nachgibt.
ff. Washington, 21. Febr. Wie hier verlautet, wird CooliLge den Nachfolger des bisherigen Boischai- iers in Berlin Houshton kaum vor dem 4. März ernennen.
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Str Prozeß gegen Nt „SwiM Mkklf
Leipzig, 20. Febr. In ber heutigen. Verhandlung wurde die Vernehmung bes Angeklagten Pög» über den Fall Rausch fortgesetzt. Der Angeklagte schildert die äußeren Umstände im großen und ganze« übereinstimmend mit dem Angeklagten Neumann. ®t bestreitet aber, daß Neumann von vornherein getagt habe, Rausch müsse erledigt werden. Erst nachdem Rausch al» Spitzel entlarvt war und bte Absicht go», äußert hatte, seine Genossen hochgehen zu lassen, hab« er ernstlich mit der Möglichkeit gerechnet, dost RausH über den Haufen geschossen werden solle. Nach tW6, Tat habe Neumann ihn im Auto umarmt und getagte der sagt nichts wieder. In der weiteren DerhandlunE' nimmt Pög« die Aussage gegen Neumann zurück, wo« nach Neumann getagt hoben sollte: Wo meine Pistol« hmschießt. da wächst kein Gra» mehr. Neumann rufti Unerhört I j
Im weiteren Verlaufe seiner Aussage nimmt Pög« die Aussage vor dem Untersuchungsrichter Voigt zurück^ daß Skobelewsky identisch mit Helmuth sei. Auch dazu sei er durch Voigt veranlaßt worden. <8r habe Helmuch nur einmal flüchtig gesehen. Neumann bekundet, daß kein Druck auSgeübt worden sei. Pöge habe ih» sogar selbst aufgefvrdert, ordentlich gegen Helmuth au«» zupacken. Rechtsanwalt © am t er behauptet, daß Reu». mann einen Druck auf andere Angeklagte auSgeübt, habe. Hucke gegenüber droht« er mit belastenden Aus». tagen. Reumann glaubt derartige» nicht getagt $a hoben. Die RechtSanwälte Fränkel und Samte« bringen zur Sprach«, daß Neumann ein« Ausnahmebehandlung erfahren habe.
In der Nachmtttagssitzung äußert« sich Pöge z» den Fällen Jauche und Wetzel. Gr erhielt von Neumann den Defehl, Jauch« zu erledigen. Noch- torschungen seien unnötig, da die Spitzelei Jauch«» er» wiesen sei. Pöge betont, daß e» mit ber Erledigung Jauche» nicht ernst gewesen sei, während Margie» ihn üb« den Haufen schießen wollte, er fürchtet» sich ab« vor Margie». Schließlich gelangte er zu d« Überzeugung, daß Jauche kein Spitzel fei. Neuman« machte ihnen bann in Stuttgart Vorwürfe, daß sie feine Defehle nicht ausführten. Auch damit, daß Wetzel in Stuttgart zu erledigen sei, sei ihm nicht ernst gewesen. Auf (Befragen Samt«» verneint ber Angeklagte. gewußt zu haben, baß Wetzel gewarnt "'und daß die Polizei von den Plänen gegen ©chlovder benachrichtigt war.
Hieraus wirb bie D«handlung auf Sonnabend vertagt.