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^chen Kammer und die Anberaumung mr Reu» Wahlen ins Auge gefaßt habe.
Wie Havas in einem Brüsseler Telegramm mitteilt, Rnb dies lediglich in der Presse geäußerte Der, mutungen und « liege bisher noch keine offizielle Erklärung vor, di« di« Auflösung der belgischen Kammer bestätige.
Sie MWaftSGechtmfiunM
Staatssekretär Trendelenburg, der al» Führer der deutschen Delegation in Paris dem neuen Kabinett Bericht erstatten und auch mit dem neuernannten ReichSwirtschaftSminister Neuhaus zum ersten Male persönlich Fühlung nehmen soll, wird wahrscheinlich heute abend in Berlin eintreffen. DaS Kabinett wird dann gemeinsam mit Staatssekretär Trendelenburg noch einmal die Frage besprechen, ob eine Fortführung der deutsch- französischen Haud-elSvertragSver» Handlungen möglich ist. Stimmung-gemäß ist man in Berlin nach wie vor geneigt, trotz aller sachlichen Schwierigkeiten die Verhandlungen nicht abbrechen zu lassen. Die sachlichen Schwierigkeiten sind inzwischen durch die Antwort, die die franzbsksche Delegation auf die letzten deutschen Rückfragen erteilt hat, recht groß geworden.
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Paris, 28. Jan. Staatssekretär Trendelenburg reist heute abend nach Berlin ab, um mit der Negierung Fühlung zu nehmen.
RrchiKnich im Lftm
Es ist eine fast tragisch zu nennende Verkettung der Umstände, daß Deutschland immer ausgesprochener in die Rolle eines Verteidiger« fener Diktate gedrängt wird, die zwar den Friedensnamen tragen, mit de« Geiste des Friedens aber nicht das geringste zu tun haben. Die Entente, mag es sich um Engländer, Franzosen, Belgier oder Polen handeln, sieht den sogenannten Friedensvertrag nur Insofern als bindend an, als-er Deutschland unerträgliche Lasten aufbürdet und die Fortsetzung des Krieges mit den Mitteln der Para, graphenniedertracht bedeutet. lleberall, wo der Friedensvertrag zugunsten Deutschlands spricht, wird er zerrissen „wie ein Fetzen Papier", um einen von der Entente besonders gern gebrauchten Ausdruck zu wiederholen. Noch hält die Nicht, räumung der Kölner Zone und ihre wie ein Hohn auf das deutsche Rechtsempfinden wirkende Bemäntelung unser Volk in Erregung, da wird bereits im Osten in gleicher Weise Wort und Sinn der Friedensabmachungen vergewaltigt. Im Artikel 28 und 30 des Versailler Diktates ist bestimmt worden, daß die Westgrenze Ostpreußen, gegen Polen hin in der Mitte der Weichselrinne verlaufen soll. Selbst für den Fall, daß die an die Weichsel angrenzenden Gebiete sich in der Volksabstimmung überwiegend für Polen entschieden haben würden, ist ausdrücklich bestimmt worden, daß Ostpreußen ein Zugang zur Weichsel gesichert bleiben soll. Mit ungefähr 93 Prozent hat sich die ostpreußische Bevölkerung für ein Verbleiben bei Deutschlaich entschieden. Trotzdem hat der Leiter der Grenzkom- Mission, der französische General Dupont, bet fetzt in Warschau Organisator der polnischen Armee ist, die Grenze ht einer Weise festgelegt, daß sie aus dem Ostufer der Weichsel verläuft und au« dem deutschen Gebiete eine ganze Reihe von Weichsel- dörfern herausschneidet. In nicht weniger al» acht Teile wird der so wichtige Weichseldamm zer- schnitten und dadurch ein geregelter Deichschutz, der gerade in dieser Gegend autzerordentlich nötig ist, verhindert. Als daraufhin ein Entrüstungssturm einsetzte und in den betroffenen Dörfern selbst die- jenigen, bit für Polen gestimmt hatten, sich für -'in verbleiben ihrer Heimat bei Deutschland auskrachen, da wählte die Botschafterkonferenz den Weg der Verschleppung. Nun ist damit zu rechnen, datz am ersten Februar durch die Vertreter der Entente bet Betttagsbtuch ebenso wie in bet Kölnet Frage gut geheißen wird.
Die Grünbe für bk Wegnahme der deutschen Dörfer liegen auf der Hand: Polen will sich mit Unterstützung Frankreich« einen Brückenkopf nach Ostpreußen hin verschaffen. Die gesamte deutsch- polnische Grenze ist in ihren Widerflnnigkeiten und
(Nachdruck verboten.)
Der Kafenmaler
Rowan von Kurt Küchlet.
„ / Vertrieb Carl Duncker, Berlin W O.
V L Fortsetzung
,Lu Fuß von Twielen nach Hamburg l" Sie schlug die Hönde zusammen. „Grober Gott, seit wann bist du denn unterwegs?"
„Mutter ist Sonntag gestorben. Sm andern Tag bin ich losgelaufen."
Er schloh müde die Augen. Die Winkel be» blassen Mundes bogen sich verquält nach unten.
„Sechs Tage unterwegs I Vom Totenbettt der Mutter nach Hamburg!"
Sie blickte ratlos auf den Jungen, der nun fest schlief mit ruhigen und tiefen Atemzügen. Tränen, grob und schwer, stürzten vlötzlich über ihr erregtes Gencht. Ban- gigkeit kam über sie. Ahnung schweren Schicksals stieg beklemmend in ihr auf. Eie beugte sich über den Schlafenden und sah nicht, wie ihre Tranen sehr Gesicht wuschen.
jDSas für Dinge läht Gott gescheben!"
Cie begann Ihn auszukleiden. Behutsam glitten ihre »rohen, geröteten Hände über den schmalen Äörser. Er trug kein Hemd. Die Hofen waren mit einem Stück Segeltau um den nackten Leib gebunden. Al» er so vor ibr lag, sah sie, wie eine schmal«, blahrote Narbe sich fingerlang schräg über die Brust zog, schwach elänsenö tm Lamvenlicht.
Bafi? * einem Schlag," dachte sie, „ober von einem s Voll Mitleid ruhte ihr Blick auf der mageren Nackt- beit de« kindlichen Körner». Dann ging st« zu ihrer Kommode, kramt« im untersten Schubfach, tn dem sie Kleidungsstück« aus ihrer Kindbett verwahrte, fand «Inen Nachtkittel, den He Über seinen Kovf schob, ohne bal et erwachte. Um bi« kleinen kalten Füße schlang sie ;«tn Wolltuch Dann legt« st« ibn sorgsam zurecht an die Wandseite de» Bette».
i Cie sah noa) lang« wach im Sofa der Wobnstube, die Stirn voll Gedanken. Ihr« Augen hatten einen weichen, ttäumetit*en Glan». Ein schwache» Lächeln machte ren Mund sanft und gütig. Die Hände, grob und ver- eibeitet, lagen gefaltet im Schob.
„Vielleicht will Gott, dah ich nicht länger einsam bin Er schickt mir sein ärmste» Kind."
kberheffische Zeitung, Marburg «u 8. TouuerStag, bett N. gsauuar leU
Ibr Blick rubie auf einer groben Photographie, die in versilbertem Rahmen auf der weihgedeckten Kommode stand. Eie zeigte einen Seemann in ganzer Figur, an einen Schiffsmast gelehnt, brettschultrig, ein wenig gedrungen. Ein dunkler Bart, mit einer Lücke am Kinn wie von einer Narbe, auf der kein Haar wuchs, umwucherte breit sein junges Gesicht. Dunkle Brauen wölbten sich hoch und wustlig in niederer Stirn über sichtige Augen, die gewohnt schienen, ht die Ferne zu ioahen. Die mächtige Pranke, zur Stuft erhoben, hielt eine Pfeife.
Das war ibr Mann, Jver Stubbe, mit dem st: seit vier Iaüren verheiratet war. Vollmatrose auf der „Patrizia", einem Rickmerschen Dollschiff, einer stattlicken Viermasterbark, die auf buntbemaltem Stahlstich an der blauen Tavete über der Kommode hing. Die Reisen der ..Patrizia" waren endlose Ketten aus Monaten. Nun war er schon mehr als ein Jahr unterwegs, nach Indien, nach Australien, Gott weih wo.
Lange betrachtete sie das Bild.
.Wenn du wühtest," dachte sie verträumt, „dah beute nacht ein fremdes in deinem Bette schläft. Doch du bist in Kalkutta oder in Bombay und weiht es nicht." Mütterlichkeit brach aus der leidvoll gehäuften Einsamkeit ihrer Tage und Nächte und wogte heih über ibr Herz.
„Warum bat Gott mir kein Kind geschenkt?"
Ibr Blick wurde schwer.
Dreiundsiebzig Tage find wir beisammen gewesen in vier Ebejabren. dreiundfiebrig. Nicht einen einzigen Tag mehr, wenn sie die Blatter nachzählte, die fie vom Kalender genommen und aufbewabrt hatte im obersten Schubfach ihrer Kommode, Erinnerung für jeden Tag, an dem Jever auf Urlaub war.
Es schlug zwei Uhr von den Türmen. Sie nahm das Licht und ging in die Kammer. Der Knabe schlief fest. Sein Geficht war gerötet.
Sie entkleidete fich leise, löschte die Lampe und legte ich neben ihn ins breite Bett.
Lange fand fie keinen Schlaf. Cie begann zu grübeln, bang und langsam. Warum war fie Jever Stnbbes Fra» geworden, da fie doch gemuht, dab er sie allein lassen würde monatelang und oft länger als ein Jahr. Liebe? Es war wohl das unbestimmte Verlangen der fast Dreißigjährigen, Sebnfucht nach einem Heim und nach Kindern. Sie schloh schwer die Augen. Wärme war neben ihr und ein tiefes, gleichmäßiges Atmen. Sie machte die Augen wieder auf, horchte und blickte mit weiter. Pupillen in die Dunkelheit, die über ihr war. Dann schlief fie ein.
Einmal gegen Morgen schal fie auf. Eine Hand lag
in der alle natürlichen Bedingungen verletzenben Brutalität lediglich au» solchen strategischen Erwägungen heraus zu verstehen. Die Reichsregierung hat nun in einer mehr al» bescheiden anmutenden Erklärung schüchtern darauf hinge» wiesen, daß die bisherige Regelung „in wesentlichen Punkten unbefriedigend" sei. Es ist begreiflich, daß di« unmittelbar von der nun ball» erwarteten Entscheidung betroffenen Bevölkerung nicht gerade erbaut von dieser etwas eigenartigen Vertretung ihrer Interesien ist. Die kommende Reichsregierung wird sich hoffentlich zu entschiedenerer Stellungnahme aiifraffen.
DertWeS Reich
Gründ»ng «ine, devtsch-mertkanischen Handelskammer.
Berlin, 28. Jan. Hier wurde beut« eine deutsch- merikanische Handelskammer gegründet. Der merikanische Gesandte Ortiz R u b i o nabm das Ebren- oräfidium an. Der Vorsitz wurde Dr. Alfred Kray übertragen. Mebrere bekannte Vertreter des deutschen Wirtschaftslebens erklärten sich bereit, teils in den engeren, teils in den weiteren Vorstand einzutreten. Mit der, in Nürnberg bestehenden deutsch-mexikanischen Handelskammer wurde eine Arbeitsgemeinschaft beschlossen.
Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Reichsbanner Echwarz-rot-gold.
Berlin, 28. Jan. Wie die Blätter melden, wurden bei den g c st r i g e u Zusammenstößen zwilchen Kommunisten und Mitgliedern des Reichsbanners Cchwarz-rot-gold im Anschluh an eine sozialdemokratische Kundgebung im Berliner Sportpalast auf Seiten des Reichsbanners bisber über 20 Verletzte festgestellt, während auf Seiten der Kommunisten fünf Personen ernstere Verletzungen davongetragen haben. Die Zahl der verletzten Kommunisten dürfte jedoch Haber sein, da die Kommunisten ihre verwundeten Genoßen überall in Sicherheit brachten, um fie den polizeilichen Feststellungen iu entließen. Nach einer Mitteilung des Reichsbanners haben die Kommunisten die Ueberfälle olanmähig vorbereitet.
Da» Schlohergebni» der Berliner Ktrchenwahlen.
Berlin, 28. Jan. Rach den jetzt vorliegenden Schluhmeldnngen über das Ergebnis der Kirchen- wählen wurden in 48 Groh-Berliner Kirchengemein- ben, in benen ein Wahlkamof ftatigefunben bat, 1637 Positive, 723 Liberale, 149 Angehörige der Enippe der Mitte und 27 religiöse Sozialisten gewählt. 15 bi» 20 Tmjent der neugewählten kirchlichen Gemeindsvettreter s'.no Frauen.
Wegen Ueberarbeit bestraft.
Seimig, 28. Jan. Das hiesige Schöffengericht bat den Prokuristen OskarSeinzein Firma E. S. Teubner, Lerlagsanstalt ht Leipzig, wegen schweren Ser ft ole» gegen das Arbeitszelfgefetz und Vergebens nach 8 137 der Gewerbeordnung zu 100 Mark Geldstrafe und Tragung der Kosten oerurieht, weil die Firma mehrere Wochen wegen dringender Lieferung von Schulbüchern lleberstunden gegen Mebrbezab- lung Batte arbeiten lasten, wa» mit Genehmigung des Angestellten- und Betriebsrates der Arbeiter und Ar- bviterinnen geschehen war.
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Ausland
Di« Finanzpolitik der Sowjetunion.
Moskau, 28. Zan. Das Volkskommissariat für die Finanzen hat festgestellt, baß bei Gelb« um lauf der Sowjetunion genüg«nb stabilisiert sei. Gr hob all« Beschränkungen für Privatpersonen auf, bk fich an ben Devisengeschäften unb bem Wettpapierhandel an ben Börsen her Sowjetunion nicht beteiligen konnten. Die Beschränkungen fallen weg, soweit « fich um Gelbsorten hanbekt, beten Umlauf in bei Sowjetunion gestattet ist, sowie beim Hanbel mit auslänibschem Golb, Silber, Goldbarren. Münzen *nb sonstigen Zahlungsmitteln.
vom chinestfchen Kriegsschauplatz.
Schanghai, 28. Jan. Reuter. Der geschlagen« General Schthsianhuan schiffte sich in Begleitung seiner Angehörigen nach Japan ein. All« Maßnahmen find getroffen, um einer Berührung bei geschlagenen Truppen mit der Stabt Schanghai vorzub«ugen. Es besteht kein Anlaß zu Besorgnissen.
Eine deutsch« Absplitterung ht Rumänien.
Die Presse bet liberalen Regierung in Bukarest ist zurzeit bemüht, «ine an sich zwar bedauerliche.
aber in ben praktischen Folgen wohl kaum tragisch »u nehmende Absplitterung au» bem deutschen Lager aufzubauschen. Der deutsche Abgeordnete Kausch, der schon seit längerer Zeit au» der deutschen Partei ausgeschlossen war, sein Mandat aber nicht niederlegt, hat sich der rumänischen liberalen Partei angeschlossen. Er gibt vor, innerhalb einer rumänischen Partei bk deutschen Interessen besser vertreten zu können. Wie er da» praktisch durch - führen will, nachdem die liberale Regierung seit einem Jahr« dabei ist, das deutsch« Schulwesen vollständig zu zerstören, ist eine Frage, deren Beantwortung für ben Abtrünnigen sehr schwer sein dürste. Die Gründe be» Ausscheidens diese» Banater Schwaben liegen denn auch nicht auf sachlichem, sondern aus persönlichem Gebiete. Kausch gehört der Gruppe an, die im Jahre 1906 unter Führung Steinackers Im alten Ungarn die erste deutsche Partei aus nicht stebenbürgtsch-süchsischem Boden begründete. Der entscheidende Wendepunkt in der Entwicklung war da» Jahr 1918. Durch die Zuteilung zu Rumänien war bk magyarische Gefahr mit einem Schlage befeittgt. Die rumänischen Mitkämpfer gegen das Maqharentum wurden Staatsvolk. Eine Massenabkehr der magyarlsierten Schwaben vom Magyarentum folgte. Nene Führer traten auf, unter Ihnen bet ehemalige Magyarone Kaspar Muth und der Prälat Blatzkowltz. Kausch sah tn ihnen nicht freudig zu begrüßende Mitkämp- fer, sondern nur Renegaten. Er erhiett eine leitende Stelle hn Kulturverband, fühlte sich jedoch durch das Hervortreten der neuen Führer zurück- gesetzt. Er blieb in ben überalterten rumänischen Freundschaften stecken und hetzte tn rumänischen Blättern gegen die Vorkämpfer des Deutschtums. Einhellig wird vom gesamten deutschen Volkstum in Rumänien, von allen Führern dieser Bruch der BolkSdiSziplln verurteilt.
Das 8Ltk<Ik«kMllI
Bon Oberstleutnant a. D. Dietrichs, Göttingen.
In der ersten Hälfte des Oktober 1914 warfen sich in Gewaltmärschen schwache deutsche Heeres- telle auf verschlammten polnischen Wegen gegen die Festungen Warschau und Iwangorod, um die Russen von den schwer bedrängten Oesterreich-Ungarn abzulenken.
Als ihre Aufgabe erfüllt war, wandten sich diese schwachen Teile gegen die deutsche Grenze zurück.
In der zweiten Hälfte des Oktober 1914 folgten anfangs ängstlich und zögernd ihnen die Russen.
Ihre Heere schwellen zu immer gewaltigeren Massen an, vier Armeen wälzen sich langsam und scheinbar unaufhaltbar gegen die deutsche Grenze.
Die russische Dampfwalze, bk Land und Volk und Heer der Deutschen zermalmen soll, muß Deutschland den Todesstoß geben.
Dem Franzosen und all den anderen Feinden schlägt von freudiger Spannung das Herz bis an ben Hals, - die Weltgeschichte hält den Atem an.
Im Schloß zu Posen aber steht voll Ruhe, Kraft und Zuversicht Generaloberst von Hindenburg mit seinem Generalstabschef Über die Karten gebeugt und findet Ausweg und Lösung, tote einst der große König vor der Leuthener Schlacht. Die ostdeutschen Truppen, die Tannenberg geschlagen und Ostpreußen befreit, die Kämpfer von Warschau und Iwangorod »l.nd alles was in dem Grenzland ein Gewehr tragen kann, wird aufgeboten. Blitzschnell marschiert die große Masse des linken Flügels tokber in Polen ein. Aus dem Novembernebel tritt der gefürchtete feldgraue Soldat mit der Pickelhaube hervor bei Kolo und Kouin, bei Kutno und Lowitsch und verbreitet Schrecken und grenzenlose Bestürzung bei dem siegessicheren Feind.
Vergeben- die Tapferkeit der Kaukasier und Sibirier und der anderen russischen Kerntruppen. Der russische rechte Flüge ist gelähmt und seine Masse flutet zuriick auf Lodz, die große Industriestadt von Polen.
Verzweifelt rennt der Russe gegen die deutschen Linien an, umsonst ihres Anpralls Tapferkeit.
Ende November kommt der Winter, es fällt Schnee und der Frost klirrt durch Wald und die unendlichen Weiten.
Im Norden von Lodz aber, wo kümmerlicher Kiefernwald sich der Stadt nähert, liegt tn weit vorgeschobenem Keil dem Feinde am nächsten, tn feinen Schützengräben Tag unfT Nacht wachen Auges warm auf ihrer Schulter. Ihrem Kerzen entströmte das Blut. Lag neben ibr Jever? Sie streckte tastend die Hand aus und berührte ein schmales, atmendes Gesicht. Da lächelte fie weich und schlief wieder ein.
Frau Stubbe, sonntäglich gekleidet, einen kleinen fdiwanem Filzhut auf dem glattgescheitelten Haar, sah zwischen bäuerlichen Menschen im Eisenbahnwagen vierter Klaffe, sah durch schmale Fenster unter schwermütigem Wolkenbimmel die heimatliche Marsch, die sich langiam im Kreise drehte. Aus sckwarzen kleckern dampfte Rauch. Entblätterte Bäume am Rande dunkelglänzender Wassergräben, aus t :nen ve-.-ocknate Katzkeuken tagten, streckten aus schiefen Stamm-'-’ hagere Aeste in die Richtung, die ihnen der Norb-ye-turind gegeben. Baurnnmstandene Höfe lagen im Dunst, einsam, wie verankerte Schifte im Nebel irr See. Um den Pilug eines Bauern, der mit dampfenden Pfe' en den Acker bestellte, schwirrten blitzende Möwen. Ganz fern aus einer grau umdunsteten Wolke von Bäumen taucht ein Kirchturm schmal und nadelspitz und einer Mühle rastlos fich drehendes Kren».
„Das ist Twielen", dachte Frau Stubbe, „nun find wir bald in Rorderbüll."
Vom Vakmbvf aus ging sie den breiten Klinkerweg, der von NorderbüN nach Twielen führt Er war blank gefegt vom Wind, der stark und kali von See ler webte und ihr die Kleider an den Leib preßte. Weit und flach dehnte sich die Marsch. Regengüße des Novembers batten dis Gröben bis zum Rande gefüllt. Decker und Weiden standen unter Wasser, das im Winde schwache und schimmernde Wellen trieb. Zehn Jahre lang hatte Tine das nicht gesehen. Heimtgefühl faßte ihr Herz Schwermut machte ihre kleinen Augen weit und weich. Sie blickte in die Richtung des Koogs von Norderbüll. Aecker und Urweiden verloren fich in Dunst und Rauch. Hinter diesen grauen Rebelvorhängen lag die kleine Hotstelle des Vaters, aus der nun fremde Menschen faßen, in der fie ohne Geschwister ausgewachfen war, nnd die fie verlaßen mußte nach dem raschen Tod der Eltern, um sich in Hamburg einen Dienst zu suchen. Sie wunderte sich, daß sie nun wieder den Duft der Heimat atmete, eines Kindes wegen, das fie in Hamburg von der Straße aufgeleien.
Ein Bauer ging vor ihr her, der bis Rorderbüll mit ibr gefahren war, ein hagerer Mann, bem das Saar grau aus der blauen Mütze hing. Er hatte schweigsam in der Ecke gesessen, eine ausgebrannte Pfeife zwischen bartlosen, bart verkniffenen Lippen.
_______________________________________Nr. »4 das 3nfanierie--3tegiatent 82 *nb Wehrt bat Feiutz unb schützt bie Heimat.
Wenn bet Russe vordrtcht, greift Me froste«, starrte Hand zur Waffe, bk Munition wird knapp, bk Verpflegung kann abend» nur spät und müh. sam durch da» heftige Feuer nach vorn gebracht werden. Seit Tagen quält und verstärkt sich bh Läuseplage, vielen erfrieren bie Füße. Sin zusam- mengeschmolzene» flehte» Häuflein ohne Reserven, unverdrossenen Willens schützt hier mitten in pol- ntscher Einöde di« deutschen Grenzen.
Langsam dringt nach Deutschland die Kunde dieser unerhörten Leistungen. Dem Soldaten erscheinen sie nur als schwere aber selbstverständlich« Pflicht, bk Geschichte aber, bie Großes und Kleine» abwägt und von hoher Mark Dinge und Menschen- werk wertet, gibt ihnen den Namen von Helden. Zehn Jahre sind seitdem über diese unruhevolle Welt gegangen, sie waren Kampf und Not ht jeder Gestalt.
Heute aber, nach zehn Jahren, klingt aus bei Harfe der Erinnerung ein alte» Lied, da» nie vergessen wird, da» Lied der Dankbarkeit.
Aus einsamen Soldatengräbern in Polen stand oft zu lesen:
»Denn wer den Tod hn heiligen Kampfe fand, rnht auch in fremder Erde im Vaterland."
Heute aber nach zehn Jahren soll ihnen allen, die einst von hier auszogen und nicht wjederge- kommen sind, soll den toten 82 ent, deren Grabhügel im Osten und Westen langsam zusammensinken, daheim im Vaterland, in Göttingen, ein würdiges nnd ehrenvolle» Grabdenkmal errichtet werden.
DaS LoS der im Kriege Beschädigten und der Witwen ist ernst und bitter, die Not der Zett zwingt zur Bescheidenheit und vertreibt di« danken an prunkvolle Denkmäler.
So soll ein schlichtes aber würdige» Ehrendenkmal erstehen und das Scherslern, da» für diesen Zweck gespendet wird, wird warmen Herzen» gegeben werden.
Viel tausend Herzen schlagen noch tn Stadt und Land in Freundschaft nnd Treue zu dem alten ehrenfesten Regiment 82 und viel tausend Händ« werden sich regen, um ihre Gaben zu geben.
Bon öffentlichen Sammlungen wird deshalb nicht die Rede sein: was in der Stille kommt und wächst hat höheren, hat Goldeswert.
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De» Mordes geständig.
Berlin, 24. Jan . Im Oktober vorigen Jahre» wurde der Besitzer eines Rittergutes bei Eberswalde zur Nachtzeit auf dem Hofe von unbekannten Tätern erschossen. Die Leiche war in die Scheune geschleppt und diese bann angezündet worden. Di« Ermittelungen der Staatsanwaltschaft führten nun dazu, daß die eigene Ehefrau des Ermordeten unb der auf dem Gute beschäftigte Inspektor Marquardt unter Mordverdacht verhaftet wurden, und zwar auf Grund von Aussagen einer Kartenlegerin in Eberswalde. Die Gutsbesitzerin ließ sich wenige Tag« vor dem Verbrechen bei ihr die Karten legen und erhielt die Auskunft, daß sie in kurzer Zeit ihren
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Plötzlich blieb er stehen, wandte fick um und vcr- uchte, gegen den Wind geschützt, seine Pfeife in Gan» zu bringen . Sie brannte erst, als Tine dicht bei ihm war. Er stieß Rauch aus und sagte, sie aus kleinen wässerigen Augen anplierend, mit hartem und kurzem Lachen:
„Das war ein Stück Arbeit."
Sie ginge» schweigend nebeneinander her. Nach einer Weile sagte der Bauer, gleichmütig geradeaus buucnb:
„Nach Twielen?"
„Ja. Ich will zum Pastor. Ob die Kirche schon an« ist, wenn wir binkommen?"
„Lange!" Der Bauer blies Rauch aus. der blau über ibr Gesicht strich, und fuhr fort: „Waren Sie nicht im Zug von Hamburg?"
Frau Stubbe, mit ihren Gedanken beschäftigt, über- hörte die Frage.
„Kennen Sie," fragte fi« plötzlich, „Frau Agelund,1 die vor vierzehn Tagen in Twielen gestorben ht-'" i
Der Bauer nabm die Pfeife aus zerknitterten Lio»! oen und sagte rasch, ohne Bewegung des knochigen ®e» ichtes: i
,Lena Agelund ... Ja. . . vier Tage Lungenentzündung. Dann war es aus.“ !
Er blieb sieoen, bie Pfeife in der Hand. Seht Mund verzog fich grinsend. Gelbe, zerbrochene Zähne wurden ffchlpar . Braun floß Tabaksaft aus den Mundwinkeln. Dann sagte er mit sonderbar glucksender Stimme:
.Man kann sagen, was man will, fie war ein« chmucke Person."
Er lackte zerhackt und stafie weiter, die Pfeife zwilchen den Livven. Eie war fast ausgebrannt. Er Ist heftig.
Frau Stubbe, sonderbar berührt, sagte:
„Sie muß sehr arm gewesen sein. ’
„Eie ging «ui Landarbeit.“ *
„Schickte ihr der Mann kein Geld?" j
„Der Agelund,“ grinste der Bauer, „hat sich aus dem Staube gemacht vor zwölf Jahren, al» die Frau i< Weben lag."
Plötzlich ftagte er mißtrauisch, mit raschem, feind» eligem Blick: „Wollen Sie was von den Agelund»?" \
Sie schwieg, da sie Widerwillen gegen den Begleit«? pürte. Der fuhr fort, ein wenig wegwerfend und veri broßen:
bin nämlich der Vormund »on bem Sehn, dem Ave, der dutchgebrannt ist wie fein Vater. Äete Mensch weiß, wohin? |
. . .. . <S»itfetzmr» Wetl