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Narburg a. L, Soimmag, dm 11 «Mmber

«.Mrs. 1924

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Anzeiger fürtdas frübrr kurWilrhe) Oberhessen - Amtliches Verkün-jgunssblatt KesKrettss Marduea

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®ie ,Cberl)e||ijd)e Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2 Mart ausschließlich Zustelluagsge- M»r Durch die Post 2,25 Mk. Für ausfallende Nummern infolge Streiks oder elementarer Ereignisse kein Ersatz. Lrrlrz ^mr Dr.L.Hitzeroth.Druck derUniv.-Buchdruckerei von Joh. Bug. Koch, Markt 21/23. Fernspr. 55, Postscheckkonto: 3lt.5015 Amt Frankfurt a. Main.

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Ar öckwiMM de« Faschismus

' Aus Italien liegen gegenwärtig sehr ernst lautende Meldungen vor, aus denen hervorgeht, daß di« Stunde Nicht mehr fern ist, wo der Faschismus in Italien seine Dolle endgültig ausgespielt haben wirb. Mussolini, der gefeierte faschistische Führer, macht vergebliche An» prengungen, um den Widerstand der parlamentarischen Parteien gegen seinen Ruin zu brechen. 3ebe neue Maßnahme, die er ergreift, ruft so außerordentliche Orbitterung in den weitesten Kreisen der Bevölkerung hervor, baß die Wogen der Unzufriedenheit tagtäglicher Lber seinem Kopf zusammen zu schlagen drohen. Selbst die berühmten Vertreter der italienischen Ration, wie der Nachkomme beS italienischen Freiheitshelden Gari­baldi, treten jetzt ganz entschieden mit der Forderung hervor, daß endlich mit der Terrorherrfchaft des Fa­schismus ein Ende gemacht werde, die der großen ftalienischen Ration unwürdig fei.

Es hat in Deutschland sehr viele Leute gegeben, die geneigt waren, ein Loblied des Faschismus zu singen «lb dem deutschen Volke zu empfehlen, an die Stelle des parlamentarischen Staates ebenfalls ein faschisti­sches Regime zu sehen. Sie beriefen sich auf die un­verkennbar großen Anfangserfolge, die Mussolini mit seiner absoluten Regierungsgewalt zu verzeichnen hatte, tatsächlich darf man nicht vergessen, bah der italienische Faschismus im ersten Jahre feines Bestehens sehr große Erfolge aufzuweisen hatte und in der Lage war, die italienische Politik wieder zu großem Einfluß und Ansehen in Europa zu bringen. Diese Zeit der Blüte hörte jedoch in dem Augenblick auf, wo Mussolini im Hinblick auf die demokratische Regierung in England und Frankreich den Versuch machen wollte, sein Re­gime der demokratischen Staatsform Italiens anzu­passen. Die faschistische Anhängerschaft, die sich dadurch fat ihrem Einfluß auf die Geschicke des Landes be­einträchtigt sah und die befürchtete, ihre Macht mit den gemäßigten Parteien des Landes teilen zu müssen, fing an, mehr oder weniger offen zu rebellieren und Meinungsfreiheit anders gerichteter Kreise mit blutiger Gewalt zu unterdrücken. Hinzu kam noch, daß andere nationalistische Organisationen, wie die Vereinigung ber Frontkämpfer, absolut nichts mehr von dem reak­tionären System Mussolinis wissen wollten und ihrer- feits mit der Forderung hervortraten, die demokra­tischen Freiheiten wieder herzustellen. Diese Gegen- fätze erreichten ihren Höhepunkt bei den. letzten Sie­gesfeiern, wo faschistische Banden es unternahmen, über die Vertreter der Frontkämpfer herzufallen und sie «uss schmählichste zu mißhandeln. Ein Sturm der Ent­rüstung ging durch das ganze Land und alle natio- «alen Organisationen beschlossen einmütig, jede Ge­meinschaft mit dem Faschismus abzulösen. Führende Männer der Politik, die sich früher von der faschistischen Partei auf die Wahllisten sehen liehen, lehnen es jetzt ab, nochmals «ine faschistische Kandidatur anzuneh­men, indein sie die Zumutung zurückweisen, für eine verlorene Sache einzutreten. Das nationale Organ, bas .Giornale d'Italia", das neben dem faschistischen »Popolo" bisher die führende Zeitung deS Faschismus war. ist mit wehenden Fahnen in das Lager der Gegner übergegangen und richtet jetzt die heftigsten Angriffe gegen Mussolini.

Es ist geradezu erstaunlich, wie hilflos sich der fa­schistische Führer dieser Situation gegenüber benimmt. Anstatt einen zielbewuhten Schritt zu unternehmen, um die Einigkeit in Italien wieder herzustellen und durch einen Appell an das italienische Volk die Wogen der Empörung zu dämpfen, überläßt er es seinen untergeordneten Organen, die unsinnigsten Der» ftrnrnlungsverbote zu erlassen und die Freiheit der Presse zu unterdrücken. Die Folge davon ist, daß man seht offen damit beginnt, die Anordnungen der Re­gierung nicht mehr zu befolgen und ihnen Widerstand entgegen,zusehen. Dabei stellt sich heraus, daß der Faschismus auch in erschreckendem Umfange seine Au­torität eingebüßt hat und viele Behörden sich offen steigern, den Weisungen Mussolinis nachzukvmmen.

Es mag vielleicht schmerzlich sein, eine sonst so große und zugkräftige Bewegung, wie den Faschismus, jetzt vor dem Zusammenbruch stehen zu sehen, aber es 9t vielleicht nicht ganz unerwünscht, daß mit einer wcheilovllen Jllussion endgültig aufgeräumt wird. Alan mag über StaatSfvrm und Regierungsprinzipien denken, wie man will. Den Faschismus hat aber nie» wols jemand ernsthaft als eine wirklich lebensfähige ^legierungsidee anerkennen können, es sei denn, daß kr ihn nur aus ganz weiter Ferne kannte. ES hat sich nämlich mit einer geradezu erschreckenden Deut» 9chkeit gezeigt, baß der Faschismus nichts anderes bar» *tHt als daS Gegenstück zum Bolschewismus, und baß er auf der gleichen Grundlage der uneingeschränkten «nd rücksichtslosesten Gewaltherrschaft einer einzigen Partei beruht, nur daß diese Partei Italiens nicht övlschewistisch, sondern eben faschistisch eingestellt ist. Das Regierungsexperiment Mussolini» wirb sich noch einige Monate am Leben erhalten können, aber es ist jchvn jetzt mit Sicherheit vorauSzufehen. daß es eines Sage» ebenso fang» und klanglos zusammenbricht, wie 18 sich mit schmetternden Fanfaren und jubelnder Be- stristerung zur Macht geschwungen hatte.

Ksmmuniftenverhaftunge« i« Ron».

ff. Rom. 13. Nov. Die Polizei verhaftete Mein in Rom 60 Kommunisten, von denen unge­fähr 13 vorgestern Nacht in die Wohnugen der Füh- der Faschisten in zwei abgelegenen Dorstädten Etngedrungen waren und dort die Fensterscheiben Ungeschlagen hatten.

und der Paragraph 18.

Berlin, 12. Rov. Die von der italienischen "^terung abgegebene Verzichterklärung auf An- der in Paragraph 18 Anlage 2 zu Teil Versailler Vertrages vorbehaltenen Rechte , ^efchlognahme des Privateigentums wird nicht nur |a den amtlichen deutsche» Kressen mit leb­

hafter Befriedigung aufgenommen, es ist auch alS Beweis dafür zu betrachten, daß die italienische Re­gierung in die HandelSvertragsverhandlungen, bereit Eröffnung für Anfang Dezember feststeht, in dem gleichen Geiste deS Entgegenkommens eintritt, in dem auch die deutsche Regierung die Verhandlun­gen zu führen gewillt ist.

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Einigung in Seiiemich

Wien. 11. Nov. In der heutigen unter dem Vorsitz des bisherigen Präsidenten der Vecwal- tungskommission der österreichischen Bundrsbihnen, Dr. Günther abgehaltenen Besprechung zwi­schen den Vertretern der Angestelltenorgan'sationen und der Eeneraldirektion wurde der Vorschlag zur Behebung der schwebenden Differenzen be.cten, die die Vertreter der Organisationen den von ihnen zu morgen vormittag einberufenen Versammlungen der Mitglieder unterbreiten werden.

M« uns mitgeteilt wird, sand eine Einigung statt, die i icht eine einmalige Teuerungszulage, son- d->n eine dauernde Regelung der Eisenbahnerbe- züge vorschlägt. Die Delegierten sollen die Hoff­nung haben, daß die Vorschläge morgen von den Versammlungen der Streikenden angenommen wer­den und daß dann der St r e i k ein baldiges Ende finden wird. Es wird sogar damit gerechnet daß bereits am Mittwoch abend, wahrschein­lich um Mitternacht, der Zugverkehr in vol­lem Umfang wieder ausgenommen wird.

Wieder ein Kabinett Seipel.

Wien, 12. Nov. Die innerpolitische Lage hat gestern eine Klärung erfahren. Diejenigen, die vor­ausgesagt hatten, daß es möglich sein werde, erneut ein Kabinett Seipel zu bilden, haben Recht behalten. Die gestrige Sitzung des Nationalrates, die mit großer Spannung erwartet wurde, oetlie: vollkommen ruhig. Das Haus beschloß, am Don­nerstag zur Wahl der neuen Regierung zu­sammenzutreten. Der Vertreter der Christliä^Na- tionalen. K u n t s ch a k, beantragte, Dr. Seipel neuerdings mit der Bildung des Kabinetts zu be­trauen. Dieser Antrag wurde mit den Stimmen der Eroßdeutschen gegen die Stimmen h#r Rnirnf; demokratcn im Verhältnis von 8:6 angenom­men. Dr. Seipel erklärte sich bereit, die Wieder­wahl anzunehmen. Ueber die Wahl seiner Mini- sterkollegen sei er nicht im geringsten Zweifel, doch hätten sie gewisse Vorbehalte gemacht. Allem An­schein nach werden die bisherigen Minister wieder­gewählt werden.

Der Eisenbahnerstreik beendet.

ff. Wien, 13. Nov. Der Verkehr auf den Eisenbahnen ist heute Nacht wieder ausgenommen worden.

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tim »rn AMIuß »er Rllttäckentrelle

Qu. Berlin, 12. Nov. Wie wir von unter­richteter Seite erfahren, beabsichtigt auch die Reichsregierung gleichzeitig mit dem Schluß­bericht der interalliierten Eeneralinspektion über die Militärkontrollmatznahmen in Deutschland ein Memorandum über den Stand der Abrüstung in Deutschland zu veröffentlichen. Dieses Memorandum soll den beteiligten Regierungen zur Kenntnis ge­bracht werden und den Beweis dafür antreten, daß die Entwaffnung in Deutschland vollständig durch­geführt ist. Die Reichsregierung wird auch auf diplomatischem Wege die Forderung zum Ausdruck bringen, daß nach der abschließenden Militärkon­trolle die Bestimmungen des Versailler Verttages in Kraft treten. In den deutschen Regierungskrei­sen hat es einen günstigen Eindruck hervorgerufen, daß der neue englische Ministerpräsident Bald­win in seinen programmatischen Erklärungen die Notwendigkeit der endgültigen Einstellung der in- teralliieten Militärkontrolle in Deutschland aus­drücklich betont hat.

Sie ttersmifitrte Repke

Parks. 12. Rov. Die Reparationskorn» tnlff ton hat nunmehr ihre Reorganisation vollzogen, die bas Lonboner Abkommen gemäß ben Bestimmungen bes Datvesplanes vorsieht. Da von nun an alle kosten für bte Durchführung bes Vertrages von Ver­sailles in IahreSzahlungen beglichen werben müssen soll im Laufe der nächsten bret Monate, spätestens bis zum 31. Januar 1925. bte Repko ihren Deamtenkörper wesentlich ernschränken unb zwar, wie ein offiziellen Koinmuniaue Betagt, nach folgenden Grundsätzen: 1. Die Aepkv bleibt so, wie es in § 2, Anhang 2, Abschnitt 8, des Vertrages von Versailles unb bet anberen Frie­den svertrüge vorgesehen ist, bestehen, doch müssen die ersten Delegierten in Zukunft nicht mehr ihren Wohn­sitz in Paris nehmen. Um ihnen bte Abwesenheit zu erleichtern, werben von nun ab Sessionen von jeweils kurzer Dauer veranstaltet, bte auf bas ganze Jahr ver­teilt werben. Das Gehalt der ersten Delegierten wird aufgehoben unb sie sollen in Zukunft außer ben Reise­kosten nur noch eine monatliche Entschädigung erhalten, die je nach ben Anwesenheitstagen, bte zu ben Veran­staltungen in Parts notwendig sind, berechnet wird. Die Posten ber Privatsekretüre ber ersten unb »weiten Delegierten werben aufgehoben, besgleichen die Komitees für bte Restitutionen, Sachlieferungen unb Finanzen; desgleichen bie beiden Posten bes zweiten unb britten Generalsekretärs unb bte Posten ber zweiten Generalsekretäre für jedes in ber Repko vertretene Lanb. Außerdem werben die außerhalb Frankreich

bestehenben Dienststellen ber Repko aufgelöst, sowie ferner einige technische Dienste, wie z. B. ber In­formationsdienst. 3. Das juristische Ressort wirb von nun an nur vier Mitglieber umfassen. Das Sekre­tariat wirb beseitigt. Der Buchhalterbienst wirb we­sentlich eingeschränkt, sowie überhaupt baS gesamte Personal bes ®eneralfelretariatS unb bas Personal ber einzelnen Delegationen. Die ganze Verwaltung wirb bem Generalsekretär unterstellt, ber künftig bte prakti­schen Arbeiten ber Repko zu leiten hat. Diese Arbeit wirb überwacht burch em Komitee, bas aus zwei Dele» gierten unb einem ftänblgen geschäftsführenden Aus­schuß besteht. Zu diesem Zwecke wirb bie Repko btefen Delegierten gewisse Machtbefugnisse übertragen, wie sie § 7, Anhang 2, Abschnitt 8 bes FriebenSvertrages von Versailles vorschreibt. An ben Sitzungen bieseS geschSftsführenben Ausschusses werben bie General­sekretäre ber einzelnen in ber Repko vertretenen Staa­ten teilnehmen unb, wenn nötig, für bie in Frage kom­mende Beratung gemäß bem Dawesplan der zum fünften ©elegierten ernannte amerikanische Staatsbür­ger. Die vier Hauptbelegativnen Englanb, Frankreich, Belgien unb Italien erhalten je einen jährlichen Kredit von 20 000 Franken, mit bem sie sämtliche Kosten ihres Personals zu bestreiten haben. Es ist ferner bestimmt worben, bah sie auch bte jetzigen Lokalitäten bald­möglichst nach bem 31. Januar 1925 aufzugeben haben. Im übrigen ist ein Ausschuß eingesetzt worben, ber ber Repko selbst einen vollständigen Plan vorlegen soll, u. a. sollen besonders geeignete Beamte bestimmt werben, bie bie Funktion ber aufgehobenen technischen Sachverstänbigenposten in Zukunft versehen sollen.

Die Räumung der Kölner Zone.

ft. Brüssel, 13. Nov. In der Kammer er- klärte Demant im Hinblick auf die eventuelle Räu­mung der Kölner Zone am 10. Januar 1925: Die Alliierten hätten beschlossen, zu gegebener Zeit die Frage gemeinsam zu prüfen, ob Deutschland alle seine vertragsmäßigen Verpflichtungen erfüllt, ins­besondere derjenigen, die die Entwaffnung betref­fen. Werde diese Frage bejaht, dann soll die Köl­ner Zone geräumt werden. In diesem Falle sollen die alliierten Besatzungstruppen in den beiden übri­gen Zonen umgruppiert werden.

Die nem Grenze fn Spanisch Marokko

Der Entschluß Primo de Riveras, bis Ende die­ses Jahres eine endgültige Frontlinie auszubauen, jenseits der das tatsächliche Machtgebiet der Auf­ständischen beginnt, bedeutet ungeachtet der theo­retischen Aufrechterhaltung der Rechtsansprüche auch über diese Grenze hinaus die tatsächliche Preisgabe des größten Teiles dieses heißumkämps- ten Landes. Die Hoffnung der Spanier, daß sich das preisgegebene Gebiet nicht doch noch z.. einem autonomen Staatsgebilde zusammenschließt, be­ruht im wesentlichen auf der Uneinigkeit der Ka- dylenstämme selbst. Die Tatsache, daß selbst die Herstellung und Festigung der geplanten Linie, die sich sicherlich nicht erheblich über die jetzt einge­nommenen Stellungen hinausschiebt, noch einige Monate in Anspruch nehmen wird, beweist bte Schwere des in Marokko geführten Kampfes. Ein Militärdiktator, der aus einem Feldzüge nicht ge­rade als Sieger heimkehrt, hat natürlich auch tm Innern keinen leichten Stand. Immerhin ist an­zunehmen, baß auch bie innere Reorganisation sich erfolgreicher entwickeln kann, fobalb bie Kräfte­zersplitterung, wie sie burch ben Außenkampf her­vorgerufen worben, aufgehört hat.

Weitere Mobilisierung in Spanien.

Paris, 12. Rov. Rach einer offiziellen Mel- bung hat das spanische Direktorium bie I a h - resklasse 1924 einberufen, um bie Operationen in Marokko fortführen zu können. Aus bem gleichen ©runbe würben auch bte B e - urlaubungen ber Iahresklasse 1921 vorläufig hinausgeschoben.

Paris, 12. Nov. DemJournal" wirb aus Madrid gemelbet, daß gestern neue Verhaftungen in den extremen Linkskreisen vorgenommen wur­den. Insgesamt sind bisher 80 Personen festge- ttommen worben. Unter ben Verhafteten befindet sich auch der Radikale A l v a r e z, bem Beziehun­gen zu ben anarchistischen Verschwörern nachge­wiesen werben konnten.

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Nie Lage in 6Mna

Peking, 12. Nov. Nach eingelaufenen Nach­richten kündigen die Douverneure bei Pangtse-Vro- vinzen den Kampf gegen Feng-Bn-Hsiang und seine Anhänger an. Mu-Pei-Fu, dessen Armee entwaff­net ist, beabsichtigt sich mit einigen tausend Mann nach dem Pangtsetal zu begeben. General Feng ist zu Beratungen mit Tschang-Tso-Lin und Tuantschi- Nu in Tientsin eingetroffen. Da Tschang-Tso-Lin an der Spitze starker Truppenteile ankam. best cht bi^ Möglichkeit, daß die inneren Gegensätze sich weiter auswirken werden. Die fernere Entwickelung ist noch nicht zu Lberseben. In eiingen ausländischen Kreisen Pekings zeigt sich Besorgnis wegen der radi­kalen Tendenzen Fengs und des provisorischen Ka­binetts.

fk. London. 13. Nov. Nach einer Reutermel­dung aus Schanghai liegt noch keine Bestätigung vor, daß der Diktator von Peking General Feng- P u - H > i a n g geflohen fei. Es bestehen neue An­leichen dafür, daß Tschang-Tso-Lin gegen­über dem General eine herrische Haltung einnehmen wird und daß es zwischen beiden früher oder später zu einem Bruch kommen wird. .

PE »tt Mitte

Wer sich hie unb da umhört, wird die Beobachtung machen, daß das Doll eine gewisse Scheu hat vor so­genannten .extremen" Ansichten unb ein für allemal Meinungen zu bevorzugen scheint, die Kompromisse zulassen. Man darf sich deshalb nicht wundern, baß die Politiker in Deutschland immer sehr großen Wert darauf legen, zur sogenannten .Mitte" zu gehören» ES gilt gewissermaßen als Uebelwollen, wenn man* einer Partei sagt, sie stehe .zu weit" links oder recht», und jede Partei ist froh, wenn sich rechts oder links von ihr noch eine .extreme" Partei austut. bie es bann übernommen hat, der Schrecken deS friedlichen Bürgers zu werden. Sowett diese Anschauung richtig ist, sagt sie nichts anderes, als bah Politik die Kunst des Mög­lichen ist, und daß eS dem führenden Politiker nicht immer möglich sein wird, feine Anschauung in der theoretisch gedachten Form In bie Wirklichkeit umzu­setzen. Das ist aber auch alles. Eine Politik der mittelsten Mitte kann genau so extrem sein, indem sie nämlich unter allen Umständen das liegt Im Wesent­lichen menschlicher Verhältnisse so unb so viele andere Menschen, die anders denken, eben ausschließt, wie die Politik des äußersten Flügels ber Radikalen einer Seite. Wer bie Politik Bismarcks, die zu 64,6« und 70 geführt hat, nicht extrem nennt, ber kennt die Geschichte der Zeit nicht, jedenfalls war die damalige Politik ber »Mitte" eine ganz andere, und sie hätte gewiß nicht zu den Erfolgen geführt, die wir alle mit« erlebt haben. Also, man sollte sich einmal abgewöhnen,' den Wert einer politischen Anschauung daraufhin zu prüfen, ob sieextrem- "Ist oder berMitte" entspricht^

Freilich gibt es eine Mitte, ein Zentrum, das Kraft und Entschlossenheit ausstrahlt. DaS ist aber mir di« Mitte der kraftvollen Persönlichkeit, und wo sie spricht, da stehen wir allerdings vor der wahren Politik. Dis« her aber hat die parlamentarische Demokratie, die wir seit 1918 haben, eine solche Mitte noch nicht hervor«' gebracht. Wir hören, bah die Extremen im Gegen« j teil von einer faulen Mitte sprechen, und wenn das auch übertrieben ist, so dürfte daS Wort .mittelmäßig" viel« leicht doch den Kern der Sache treffen. Mitte im Sinne einer vermittelnden Politik, die wahre Ent« fcheidungen zu vermeiden sucht, während sie doch gerade durch daS Lavieren unendlich vielen wehtut, ist keines« wegS daS Ideal einer wirklichen politischen Führung.

Aber dazu, kommt noch etwas Anderes. Die Grund« tage deS parlamentarischen Systems, tote es tn eng« lanb zuerst ausgebildet ist, beruht auf dem Zwei« Parteien-Shstem. Es herrschen zwei Parteien, von denen bie eine die andere ablöst, und bie sich tm all« gemeinen mit einer gewissen Achtung vor dem künf­tigen Rachsolger gegenüberstehen. Der politisch er« fahrene Engländer, dem diese- System durch das Auf« kommen ber Arbeiterpartei zu entgleiten schien, Hal sich bei ben letzten Wahlen entschlossen, eS wieder her« zustellen, und dabei ist dieMitte" verloren gegangen. Die .exttemen" Parteien hat der praktische Engländer bevorzugt. Mag man auch einwenden, daß die eng­lischen Konservativen z. B. mit unseren rechtsstehen­den Parteien weniger gemeinsam haben, auch die eng­lischen Genossen nicht mit ben unfrigen, für den Eng­länder sind sie doch die extreme Partei. *

Es liegt im Wesen der Sache, baß die Entwicke­lung sich auch bei uns in ben selben Bahnen bewege» wird. Einmal werden die .Extremen", zur Mitarbeit herangezogen, sehr bald erkennen, daß bas Regieren ohne Rücksicht auf das Bestehende nun einmal nicht geht, dann aber führt der Zwang der parlamentarischen Entscheidung, mag man auch noch so oft ausweichen, zu Stellungnahmen, die das Dolk schon richtig deutet, bie es doch nach rechts oder links verweist, trotz nach­träglicher Abschwächungen.

Wir sehen auch, wie bie Demokraten bereits ent­schlossen an der Seite der Sozialdemokratie Platz neh­men. Wir sehen, wie in ber Deutschen Volkspartei das Bestreben herrscht, bie Rechte zur politischen Ta! mit heranzuziehen. Diese Entwicklung aufzuhalten, war freilich der Sinn der Reichstagsauflösung. Weitz doch sonst niemand recht, warum wir dieses Jahr zum zweiten Male wählen sollen. Seiner ganzen Ratur nach muß bas Zentrum eine solche Entwicklung für seine Partei für verhängnisvoll halten, und auch die Demokraten werden einer klaren Stellungnahme so­lange als möglich auszuweichen suchen. Man wirb bei diesen beiden Parteien unter allen Umständen darauf zusteuern, eine Mitte zu bilden, zu der man recht ober links Kräfte hinzuzieht. D. h praktisch kommt natürliH nur daS Hinzuztehen der Sozialdemokratie in Frage. Rach dem 4. Mai klappte unser ganzer Parlamentart scher Demokratismus wie ein Taschenmesser zusammen weil das Resultat ihm nicht paßte. Und dit Sozialdemokratie schrie wie ein kleines Kind: .DaS gilt nicht, es muß noch einmal gewählt werden", wobei sie von ihren Freunden schamhaft unterstützt wurde. Wie wir bereits einmal sagten: die Entscheidung deS BolkeS gilt nur bann, wenn sie ber Sozialdemokratie Paßt, sonst nicht.

Solange das deutsche Doll sich nicht darüber Rar wirb, baß eine parlamentarische Regierung nur baut möglich ist, wenn wir tm Grunde ein Zwei-Parteien« System (bie Anzahl der Parteien kann dabei gleich­gültig fein) haben, solange werden wir aber aus den Regierungskrisen nicht heraus» kommen und können alle Jahr zwei- bis bretmaf wählen. Man vergegenwärtige sich nur, was wir ar lächerlichen Krisen in den wichtigsten Zeitpunkt ten unserer außenpolitischen Entscheidungen hat« ten. Die arithmetischen Kunststücke für die Mehr« heitserrelchung der Parteien und Parteichen gehörte» manchmal ins Witzblatt. Und davon soll die politische Entwickelung eines großen Reiches abhängig gemacht werden? Bloß um eine Politik der .Mitte" zu «r*. möglichen? Die Lehren Englands lauten anders.