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Narburg a. L, Soimmag, dm 11 «Mmber
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Anzeiger fürtdas frübrr kurWilrhe) Oberhessen - Amtliches Verkün-jgunssblatt KesKrettss Marduea
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Ar öckwiMM de« Faschismus
' Aus Italien liegen gegenwärtig sehr ernst lautende Meldungen vor, aus denen hervorgeht, daß di« Stunde Nicht mehr fern ist, wo der Faschismus in Italien seine Dolle endgültig ausgespielt haben wirb. Mussolini, der gefeierte faschistische Führer, macht vergebliche An» prengungen, um den Widerstand der parlamentarischen Parteien gegen seinen Ruin zu brechen. 3ebe neue Maßnahme, die er ergreift, ruft so außerordentliche Orbitterung in den weitesten Kreisen der Bevölkerung hervor, baß die Wogen der Unzufriedenheit tagtäglicher Lber seinem Kopf zusammen zu schlagen drohen. Selbst die berühmten Vertreter der italienischen Ration, wie der Nachkomme beS italienischen Freiheitshelden Garibaldi, treten jetzt ganz entschieden mit der Forderung hervor, daß endlich mit der Terrorherrfchaft des Faschismus ein Ende gemacht werde, die der großen ftalienischen Ration unwürdig fei.
Es hat in Deutschland sehr viele Leute gegeben, die geneigt waren, ein Loblied des Faschismus zu singen «lb dem deutschen Volke zu empfehlen, an die Stelle des parlamentarischen Staates ebenfalls ein faschistisches Regime zu sehen. Sie beriefen sich auf die unverkennbar großen Anfangserfolge, die Mussolini mit seiner absoluten Regierungsgewalt zu verzeichnen hatte, tatsächlich darf man nicht vergessen, bah der italienische Faschismus im ersten Jahre feines Bestehens sehr große Erfolge aufzuweisen hatte und in der Lage war, die italienische Politik wieder zu großem Einfluß und Ansehen in Europa zu bringen. Diese Zeit der Blüte hörte jedoch in dem Augenblick auf, wo Mussolini im Hinblick auf die demokratische Regierung in England und Frankreich den Versuch machen wollte, sein Regime der demokratischen Staatsform Italiens anzupassen. Die faschistische Anhängerschaft, die sich dadurch fat ihrem Einfluß auf die Geschicke des Landes beeinträchtigt sah und die befürchtete, ihre Macht mit den gemäßigten Parteien des Landes teilen zu müssen, fing an, mehr oder weniger offen zu rebellieren und Meinungsfreiheit anders gerichteter Kreise mit blutiger Gewalt zu unterdrücken. Hinzu kam noch, daß andere nationalistische Organisationen, wie die Vereinigung ber Frontkämpfer, absolut nichts mehr von dem reaktionären System Mussolinis wissen wollten und ihrer- feits mit der Forderung hervortraten, die demokratischen Freiheiten wieder herzustellen. Diese Gegen- fätze erreichten ihren Höhepunkt bei den. letzten Siegesfeiern, wo faschistische Banden es unternahmen, über die Vertreter der Frontkämpfer herzufallen und sie «uss schmählichste zu mißhandeln. Ein Sturm der Entrüstung ging durch das ganze Land und alle natio- «alen Organisationen beschlossen einmütig, jede Gemeinschaft mit dem Faschismus abzulösen. Führende Männer der Politik, die sich früher von der faschistischen Partei auf die Wahllisten sehen liehen, lehnen es jetzt ab, nochmals «ine faschistische Kandidatur anzunehmen, indein sie die Zumutung zurückweisen, für eine verlorene Sache einzutreten. Das nationale Organ, bas .Giornale d'Italia", das neben dem faschistischen »Popolo" bisher die führende Zeitung deS Faschismus war. ist mit wehenden Fahnen in das Lager der Gegner übergegangen und richtet jetzt die heftigsten Angriffe gegen Mussolini.
Es ist geradezu erstaunlich, wie hilflos sich der faschistische Führer dieser Situation gegenüber benimmt. Anstatt einen zielbewuhten Schritt zu unternehmen, um die Einigkeit in Italien wieder herzustellen und durch einen Appell an das italienische Volk die Wogen der Empörung zu dämpfen, überläßt er es seinen untergeordneten Organen, die unsinnigsten Der» ftrnrnlungsverbote zu erlassen und die Freiheit der Presse zu unterdrücken. Die Folge davon ist, daß man seht offen damit beginnt, die Anordnungen der Regierung nicht mehr zu befolgen und ihnen Widerstand entgegen,zusehen. Dabei stellt sich heraus, daß der Faschismus auch in erschreckendem Umfange seine Autorität eingebüßt hat und viele Behörden sich offen steigern, den Weisungen Mussolinis nachzukvmmen.
Es mag vielleicht schmerzlich sein, eine sonst so große und zugkräftige Bewegung, wie den Faschismus, jetzt vor dem Zusammenbruch stehen zu sehen, aber es 9t vielleicht nicht ganz unerwünscht, daß mit einer wcheilovllen Jllussion endgültig aufgeräumt wird. Alan mag über StaatSfvrm und Regierungsprinzipien denken, wie man will. Den Faschismus hat aber nie» wols jemand ernsthaft als eine wirklich lebensfähige ^legierungsidee anerkennen können, es sei denn, daß kr ihn nur aus ganz weiter Ferne kannte. ES hat sich nämlich mit einer geradezu erschreckenden Deut» 9chkeit gezeigt, baß der Faschismus nichts anderes bar» *tHt als daS Gegenstück zum Bolschewismus, und baß er auf der gleichen Grundlage der uneingeschränkten «nd rücksichtslosesten Gewaltherrschaft einer einzigen Partei beruht, nur daß diese Partei Italiens nicht övlschewistisch, sondern eben faschistisch eingestellt ist. Das Regierungsexperiment Mussolini» wirb sich noch einige Monate am Leben erhalten können, aber es ist jchvn jetzt mit Sicherheit vorauSzufehen. daß es eines Sage» ebenso fang» und klanglos zusammenbricht, wie 18 sich mit schmetternden Fanfaren und jubelnder Be- stristerung zur Macht geschwungen hatte.
Ksmmuniftenverhaftunge« i« Ron».
ff. Rom. 13. Nov. Die Polizei verhaftete Mein in Rom 60 Kommunisten, von denen ungefähr 13 vorgestern Nacht in die Wohnugen der Füh- der Faschisten in zwei abgelegenen Dorstädten Etngedrungen waren und dort die Fensterscheiben Ungeschlagen hatten.
und der Paragraph 18.
„ Berlin, 12. Rov. Die von der italienischen "^terung abgegebene Verzichterklärung auf An- der in Paragraph 18 Anlage 2 zu Teil Versailler Vertrages vorbehaltenen Rechte , ^efchlognahme des Privateigentums wird nicht nur |a den amtlichen deutsche» Kressen mit leb
hafter Befriedigung aufgenommen, es ist auch alS Beweis dafür zu betrachten, daß die italienische Regierung in die HandelSvertragsverhandlungen, bereit Eröffnung für Anfang Dezember feststeht, in dem gleichen Geiste deS Entgegenkommens eintritt, in dem auch die deutsche Regierung die Verhandlungen zu führen gewillt ist.
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Einigung in Seiiemich
Wien. 11. Nov. In der heutigen unter dem Vorsitz des bisherigen Präsidenten der Vecwal- tungskommission der österreichischen Bundrsbihnen, Dr. Günther abgehaltenen Besprechung zwischen den Vertretern der Angestelltenorgan'sationen und der Eeneraldirektion wurde der Vorschlag zur Behebung der schwebenden Differenzen be.cten, die die Vertreter der Organisationen den von ihnen zu morgen vormittag einberufenen Versammlungen der Mitglieder unterbreiten werden.
M« uns mitgeteilt wird, sand eine Einigung statt, die i icht eine einmalige Teuerungszulage, son- d->n eine dauernde Regelung der Eisenbahnerbe- züge vorschlägt. Die Delegierten sollen die Hoffnung haben, daß die Vorschläge morgen von den Versammlungen der Streikenden angenommen werden und daß dann der St r e i k ein baldiges Ende finden wird. Es wird sogar damit gerechnet daß bereits am Mittwoch abend, wahrscheinlich um Mitternacht, der Zugverkehr in vollem Umfang wieder ausgenommen wird.
Wieder ein Kabinett Seipel.
Wien, 12. Nov. Die innerpolitische Lage hat gestern eine Klärung erfahren. Diejenigen, die vorausgesagt hatten, daß es möglich sein werde, erneut ein Kabinett Seipel zu bilden, haben Recht behalten. Die gestrige Sitzung des Nationalrates, die mit großer Spannung erwartet wurde, oetlie: vollkommen ruhig. Das Haus beschloß, am Donnerstag zur Wahl der neuen Regierung zusammenzutreten. Der Vertreter der Christliä^Na- tionalen. K u n t s ch a k, beantragte, Dr. Seipel neuerdings mit der Bildung des Kabinetts zu betrauen. Dieser Antrag wurde mit den Stimmen der Eroßdeutschen gegen die Stimmen h#r Rnirnf; demokratcn im Verhältnis von 8:6 angenommen. Dr. Seipel erklärte sich bereit, die Wiederwahl anzunehmen. Ueber die Wahl seiner Mini- sterkollegen sei er nicht im geringsten Zweifel, doch hätten sie gewisse Vorbehalte gemacht. Allem Anschein nach werden die bisherigen Minister wiedergewählt werden.
Der Eisenbahnerstreik beendet.
ff. Wien, 13. Nov. Der Verkehr auf den Eisenbahnen ist heute Nacht wieder ausgenommen worden.
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tim »rn AMIuß »er Rllttäckentrelle
Qu. Berlin, 12. Nov. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, beabsichtigt auch die Reichsregierung gleichzeitig mit dem Schlußbericht der interalliierten Eeneralinspektion über die Militärkontrollmatznahmen in Deutschland ein Memorandum über den Stand der Abrüstung in Deutschland zu veröffentlichen. Dieses Memorandum soll den beteiligten Regierungen zur Kenntnis gebracht werden und den Beweis dafür antreten, daß die Entwaffnung in Deutschland vollständig durchgeführt ist. Die Reichsregierung wird auch auf diplomatischem Wege die Forderung zum Ausdruck bringen, daß nach der abschließenden Militärkontrolle die Bestimmungen des Versailler Verttages in Kraft treten. In den deutschen Regierungskreisen hat es einen günstigen Eindruck hervorgerufen, daß der neue englische Ministerpräsident Baldwin in seinen programmatischen Erklärungen die Notwendigkeit der endgültigen Einstellung der in- teralliieten Militärkontrolle in Deutschland ausdrücklich betont hat.
Sie ttersmifitrte Repke
Parks. 12. Rov. Die Reparationskorn» tnlff ton hat nunmehr ihre Reorganisation vollzogen, die bas Lonboner Abkommen gemäß ben Bestimmungen bes Datvesplanes vorsieht. Da von nun an alle kosten für bte Durchführung bes Vertrages von Versailles in IahreSzahlungen beglichen werben müssen soll im Laufe der nächsten bret Monate, spätestens bis zum 31. Januar 1925. bte Repko ihren Deamtenkörper wesentlich ernschränken unb zwar, wie ein offiziellen Koinmuniaue Betagt, nach folgenden Grundsätzen: 1. Die Aepkv bleibt so, wie es in § 2, Anhang 2, Abschnitt 8, des Vertrages von Versailles unb bet anberen Frieden svertrüge vorgesehen ist, bestehen, doch müssen die ersten Delegierten in Zukunft nicht mehr ihren Wohnsitz in Paris nehmen. Um ihnen bte Abwesenheit zu erleichtern, werben von nun ab Sessionen von jeweils kurzer Dauer veranstaltet, bte auf bas ganze Jahr verteilt werben. Das Gehalt der ersten Delegierten wird aufgehoben unb sie sollen in Zukunft außer ben Reisekosten nur noch eine monatliche Entschädigung erhalten, die je nach ben Anwesenheitstagen, bte zu ben Veranstaltungen in Parts notwendig sind, berechnet wird. Die Posten ber Privatsekretüre ber ersten unb »weiten Delegierten werben aufgehoben, besgleichen die Komitees für bte Restitutionen, Sachlieferungen unb Finanzen; desgleichen bie beiden Posten bes zweiten unb britten Generalsekretärs unb bte Posten ber zweiten Generalsekretäre für jedes in ber Repko vertretene Lanb. Außerdem werben die außerhalb Frankreich
bestehenben Dienststellen ber Repko aufgelöst, sowie ferner einige technische Dienste, wie z. B. ber Informationsdienst. 3. Das juristische Ressort wirb von nun an nur vier Mitglieber umfassen. Das Sekretariat wirb beseitigt. Der Buchhalterbienst wirb wesentlich eingeschränkt, sowie überhaupt baS gesamte Personal bes ®eneralfelretariatS unb bas Personal ber einzelnen Delegationen. Die ganze Verwaltung wirb bem Generalsekretär unterstellt, ber künftig bte praktischen Arbeiten ber Repko zu leiten hat. Diese Arbeit wirb überwacht burch em Komitee, bas aus zwei Dele» gierten unb einem ftänblgen geschäftsführenden Ausschuß besteht. Zu diesem Zwecke wirb bie Repko btefen Delegierten gewisse Machtbefugnisse übertragen, wie sie § 7, Anhang 2, Abschnitt 8 bes FriebenSvertrages von Versailles vorschreibt. An ben Sitzungen bieseS geschSftsführenben Ausschusses werben bie Generalsekretäre ber einzelnen in ber Repko vertretenen Staaten teilnehmen unb, wenn nötig, für bie in Frage kommende Beratung gemäß bem Dawesplan der zum fünften ©elegierten ernannte amerikanische Staatsbürger. Die vier Hauptbelegativnen Englanb, Frankreich, Belgien unb Italien erhalten je einen jährlichen Kredit von 20 000 Franken, mit bem sie sämtliche Kosten ihres Personals zu bestreiten haben. Es ist ferner bestimmt worben, bah sie auch bte jetzigen Lokalitäten baldmöglichst nach bem 31. Januar 1925 aufzugeben haben. Im übrigen ist ein Ausschuß eingesetzt worben, ber ber Repko selbst einen vollständigen Plan vorlegen soll, u. a. sollen besonders geeignete Beamte bestimmt werben, bie bie Funktion ber aufgehobenen technischen Sachverstänbigenposten in Zukunft versehen sollen.
Die Räumung der Kölner Zone.
ft. Brüssel, 13. Nov. In der Kammer er- klärte Demant im Hinblick auf die eventuelle Räumung der Kölner Zone am 10. Januar 1925: Die Alliierten hätten beschlossen, zu gegebener Zeit die Frage gemeinsam zu prüfen, ob Deutschland alle seine vertragsmäßigen Verpflichtungen erfüllt, insbesondere derjenigen, die die Entwaffnung betreffen. Werde diese Frage bejaht, dann soll die Kölner Zone geräumt werden. In diesem Falle sollen die alliierten Besatzungstruppen in den beiden übrigen Zonen umgruppiert werden.
Die nem Grenze fn Spanisch Marokko
Der Entschluß Primo de Riveras, bis Ende dieses Jahres eine endgültige Frontlinie auszubauen, jenseits der das tatsächliche Machtgebiet der Aufständischen beginnt, bedeutet ungeachtet der theoretischen Aufrechterhaltung der Rechtsansprüche auch über diese Grenze hinaus die tatsächliche Preisgabe des größten Teiles dieses heißumkämps- ten Landes. Die Hoffnung der Spanier, daß sich das preisgegebene Gebiet nicht doch noch z.. einem autonomen Staatsgebilde zusammenschließt, beruht im wesentlichen auf der Uneinigkeit der Ka- dylenstämme selbst. Die Tatsache, daß selbst die Herstellung und Festigung der geplanten Linie, die sich sicherlich nicht erheblich über die jetzt eingenommenen Stellungen hinausschiebt, noch einige Monate in Anspruch nehmen wird, beweist bte Schwere des in Marokko geführten Kampfes. Ein Militärdiktator, der aus einem Feldzüge nicht gerade als Sieger heimkehrt, hat natürlich auch tm Innern keinen leichten Stand. Immerhin ist anzunehmen, baß auch bie innere Reorganisation sich erfolgreicher entwickeln kann, fobalb bie Kräftezersplitterung, wie sie burch ben Außenkampf hervorgerufen worben, aufgehört hat.
Weitere Mobilisierung in Spanien.
Paris, 12. Rov. Rach einer offiziellen Mel- bung hat das spanische Direktorium bie I a h - resklasse 1924 einberufen, um bie Operationen in Marokko fortführen zu können. Aus bem gleichen ©runbe würben auch bte B e - urlaubungen ber Iahresklasse 1921 vorläufig hinausgeschoben.
Paris, 12. Nov. Dem „Journal" wirb aus Madrid gemelbet, daß gestern neue Verhaftungen in den extremen Linkskreisen vorgenommen wurden. Insgesamt sind bisher 80 Personen festge- ttommen worben. Unter ben Verhafteten befindet sich auch der Radikale A l v a r e z, bem Beziehungen zu ben anarchistischen Verschwörern nachgewiesen werben konnten.
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Nie Lage in 6Mna
Peking, 12. Nov. Nach eingelaufenen Nachrichten kündigen die Douverneure bei Pangtse-Vro- vinzen den Kampf gegen Feng-Bn-Hsiang und seine Anhänger an. Mu-Pei-Fu, dessen Armee entwaffnet ist, beabsichtigt sich mit einigen tausend Mann nach dem Pangtsetal zu begeben. General Feng ist zu Beratungen mit Tschang-Tso-Lin und Tuantschi- Nu in Tientsin eingetroffen. Da Tschang-Tso-Lin an der Spitze starker Truppenteile ankam. best cht bi^ Möglichkeit, daß die inneren Gegensätze sich weiter auswirken werden. Die fernere Entwickelung ist noch nicht zu Lberseben. In eiingen ausländischen Kreisen Pekings zeigt sich Besorgnis wegen der radikalen Tendenzen Fengs und des provisorischen Kabinetts.
fk. London. 13. Nov. Nach einer Reutermeldung aus Schanghai liegt noch keine Bestätigung vor, daß der Diktator von Peking General Feng- P u - H > i a n g geflohen fei. Es bestehen neue Anleichen dafür, daß Tschang-Tso-Lin gegenüber dem General eine herrische Haltung einnehmen wird und daß es zwischen beiden früher oder später zu einem Bruch kommen wird. .
PE »tt Mitte
Wer sich hie unb da umhört, wird die Beobachtung machen, daß das Doll eine gewisse Scheu hat vor sogenannten .extremen" Ansichten unb ein für allemal Meinungen zu bevorzugen scheint, die Kompromisse zulassen. Man darf sich deshalb nicht wundern, baß die Politiker in Deutschland immer sehr großen Wert darauf legen, zur sogenannten .Mitte" zu gehören» ES gilt gewissermaßen als Uebelwollen, wenn man* einer Partei sagt, sie stehe .zu weit" links oder recht», und jede Partei ist froh, wenn sich rechts oder links von ihr noch eine .extreme" Partei austut. bie es bann übernommen hat, der Schrecken deS friedlichen Bürgers zu werden. Sowett diese Anschauung richtig ist, sagt sie nichts anderes, als bah Politik die Kunst des Möglichen ist, und daß eS dem führenden Politiker nicht immer möglich sein wird, feine Anschauung in der theoretisch gedachten Form In bie Wirklichkeit umzusetzen. Das ist aber auch alles. Eine Politik der mittelsten Mitte kann genau so extrem sein, indem sie nämlich unter allen Umständen — das liegt Im Wesentlichen menschlicher Verhältnisse — so unb so viele andere Menschen, die anders denken, eben ausschließt, wie die Politik des äußersten Flügels ber Radikalen einer Seite. Wer bie Politik Bismarcks, die zu 64,6« und 70 geführt hat, nicht extrem nennt, ber kennt die Geschichte der Zeit nicht, jedenfalls war die damalige Politik ber »Mitte" eine ganz andere, und sie hätte gewiß nicht zu den Erfolgen geführt, die wir alle mit« erlebt haben. Also, man sollte sich einmal abgewöhnen,' den Wert einer politischen Anschauung daraufhin zu prüfen, ob sie „extrem- "Ist oder ber „Mitte" entspricht^
Freilich gibt es eine Mitte, ein Zentrum, das Kraft und Entschlossenheit ausstrahlt. DaS ist aber mir di« Mitte der kraftvollen Persönlichkeit, und wo sie spricht, da stehen wir allerdings vor der wahren Politik. Dis« her aber hat die parlamentarische Demokratie, die wir seit 1918 haben, eine solche Mitte noch nicht hervor«' gebracht. Wir hören, bah die Extremen im Gegen« j teil von einer faulen Mitte sprechen, und wenn das auch übertrieben ist, so dürfte daS Wort .mittelmäßig" viel« leicht doch den Kern der Sache treffen. Mitte im Sinne einer vermittelnden Politik, die wahre Ent« fcheidungen zu vermeiden sucht, während sie doch gerade durch daS Lavieren unendlich vielen wehtut, ist keines« wegS daS Ideal einer wirklichen politischen Führung.
Aber dazu, kommt noch etwas Anderes. Die Grund« tage deS parlamentarischen Systems, tote es tn eng« lanb zuerst ausgebildet ist, beruht auf dem Zwei« Parteien-Shstem. Es herrschen zwei Parteien, von denen bie eine die andere ablöst, und bie sich tm all« gemeinen mit einer gewissen Achtung vor dem künftigen Rachsolger gegenüberstehen. Der politisch er« fahrene Engländer, dem diese- System durch das Auf« kommen ber Arbeiterpartei zu entgleiten schien, Hal sich bei ben letzten Wahlen entschlossen, eS wieder her« zustellen, und dabei ist die „Mitte" verloren gegangen. Die .exttemen" Parteien hat der praktische Engländer bevorzugt. Mag man auch einwenden, daß die englischen Konservativen z. B. mit unseren rechtsstehenden Parteien weniger gemeinsam haben, auch die englischen Genossen nicht mit ben unfrigen, für den Engländer sind sie doch die extreme Partei. *
Es liegt im Wesen der Sache, baß die Entwickelung sich auch bei uns in ben selben Bahnen bewege» wird. Einmal werden die .Extremen", zur Mitarbeit herangezogen, sehr bald erkennen, daß bas Regieren ohne Rücksicht auf das Bestehende nun einmal nicht geht, dann aber führt der Zwang der parlamentarischen‘ Entscheidung, mag man auch noch so oft ausweichen, zu Stellungnahmen, die das Dolk schon richtig deutet, bie es doch nach rechts oder links verweist, trotz nachträglicher Abschwächungen.
Wir sehen auch, wie bie Demokraten bereits entschlossen an der Seite der Sozialdemokratie Platz nehmen. Wir sehen, wie in ber Deutschen Volkspartei das Bestreben herrscht, bie Rechte zur politischen Ta! mit heranzuziehen. Diese Entwicklung aufzuhalten, war freilich der Sinn der Reichstagsauflösung. Weitz doch sonst niemand recht, warum wir dieses Jahr zum zweiten Male wählen sollen. Seiner ganzen Ratur nach muß bas Zentrum eine solche Entwicklung für seine Partei für verhängnisvoll halten, und auch die Demokraten werden einer klaren Stellungnahme solange als möglich auszuweichen suchen. Man wirb bei diesen beiden Parteien unter allen Umständen darauf zusteuern, eine Mitte zu bilden, zu der man recht ober links Kräfte hinzuzieht. D. h„ praktisch kommt natürliH nur daS Hinzuztehen der Sozialdemokratie in Frage. Rach dem 4. Mai klappte unser ganzer Parlamentart scher Demokratismus wie ein Taschenmesser zusammen weil das Resultat ihm nicht paßte. Und dit Sozialdemokratie schrie wie ein kleines Kind: .DaS gilt nicht, es muß noch einmal gewählt werden", wobei sie von ihren Freunden schamhaft unterstützt wurde. Wie wir bereits einmal sagten: die Entscheidung deS BolkeS gilt nur bann, wenn sie ber Sozialdemokratie Paßt, sonst nicht.
Solange das deutsche Doll sich nicht darüber Rar wirb, baß eine parlamentarische Regierung nur baut möglich ist, wenn wir tm Grunde ein Zwei-Parteien« System (bie Anzahl der Parteien kann dabei gleichgültig fein) haben, solange werden wir aber aus den Regierungskrisen nicht heraus» kommen und können alle Jahr zwei- bis bretmaf wählen. Man vergegenwärtige sich nur, was wir ar lächerlichen Krisen in den wichtigsten Zeitpunkt ten unserer außenpolitischen Entscheidungen hat« ten. Die arithmetischen Kunststücke für die Mehr« heitserrelchung der Parteien und Parteichen gehörte» manchmal ins Witzblatt. Und davon soll die politische Entwickelung eines großen Reiches abhängig gemacht werden? Bloß um eine Politik der .Mitte" zu «r*. möglichen? — Die Lehren Englands lauten anders.