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Oberhessische Mm

Zweites Blatts Nr. 133

Sonnabend, 7. Juni

1924

Mitt Sholea.

Von Wild- Müller-Sermsdorf.

(Nachdruck »etboten.)

I f Es gebt ein Raunen durch den Weltenraum Asm ew'gen Leben, das den Kreuzweg wäblt, «ich brünstig opfernd für den unerlösten Geist Lnd tbm durch Leid den Weg der Liebe weift, : «is er sich selbst zu gleichem Sinne stählt Nd feine Welt erlöst von Tod und Traum.

Denn Tod und Traum beendet nur die Tat, jk alles fordert, weil fie alles bringt, Selbst eines Schöpfers Antwort auf der Seele Schrei «ach einem Lös«, der sie aller Banden frei Lnd ledig schafft, daß sie sich felis schwingt Lus Erabesstätten in die Gottesstadt.

So werden Menschen, werden Böller reif, gßeitn ihre Seelen an dem Licht entflammt, , Kas aus dem Urgrund aller liefen lobt Lnd allen Toden ew'ges Leben drobt, So schwebe auf, was aus der Asche stammt, Du deutscher Phönir und du Adler-Greis

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Pfingsten im Volke.

,5cftc sind dazu da, daß sie gefeiert werden, ent unser Volk ist auch niemals um Feierlichkeiten md seltsame Gebräuche verlegen. Auch um das Kfiugstfest ranken sie sich in Fülle. And wenn sie mehr heiterer spielerischer als shmbvlischer Art sind, so entspricht gerade das am besten dem Cha- tcfter deslieblichen Festes". Da Pfingsten das Baien« oder Fiühlingsfest ist, ist es wohl ganz selbstverständlich, daß die Festfreude sich am lieb­sten draußen in der Natur austobt. Und wenn tetr auch von besonders eigenartigen Sitten noch Wenig finden, in den alten Ländern, in Rußland, t» südlichen und nordwestlichen Europa, auch in einzelnen deutschen Provinzen entfaltet sich aber « den Pfingsttagen ein frohes buntes Leben.

Zunächst einmal muß der Pfingstochse sein Leben lassen für ein lustiges Dorfvöllleia, das ihn tipbig bekränzt und mit Bändern geschmückt im krirmrphzuge durchs Dorf geleitete. And dieses Lüste'exemplar eines zukünftigen Festbratens, starb ben Märthyrertod, lieh sich dann am Spieß braten wd bei fröhlichem allgemeinem Gelage verzehren. Fast alle gerne in üblich ist es, am Pfingstmorgen las Bi eh zum ersten Male auf die Weide zu Keilen und in manchen Gegenden, z. B. in der Osalz, im Rheinland, in Hessen, Hannover und Eirol schließen sich noch köstliche Zeremonien daran. Mi' dem Bieh zugleich wird nämlich der perfonifi- Oerte Mai binauSgetrieben. Das ist ein Bursche, Ker ganz in Blätter und Maiengrün gehülll ist. Hileht wird et in den Dorsteich oder in ein in der Tähe befindliches Gewässer geworfen, damit er aus dem Wasser die Fruchtbarkeit und das Gedeihen terausfische. Der diese Ehrenrvlle spielen darf, Veißt Pfingstlümmel. Auch P f i n g st - litte (das sind Umritte um die Saatfelder) wer­den vcranstcltet, um einen möglichst reichen Ernte­legen heiabzust-hen. Sehr beliebt sind die Wett­titte mit anschließendem Kranz- oder Bossel- stechen. An einem Baumast wird ein Kranz Ausgehängt, und der darunter durchsprcngendr Rei- ter mirf; versuchen, mit einem langen Stab den .Kranz abzuheben, d. h. zu stechen. Natürllch wird durch ungeschickte Burschen, die mit oder ohne Kr.ulz dnn Gaul herunterpurzeln, manch komische Situ-

$is Fest its Stillts.

Soviel an Zerstörung, Niederbruch und Lebens- Mwertung die Zeitspanne der großen Umwälzung «s auch gebracht Hai, eins hat sie doch ins allge- >eine Bewusstsein gerückt, das unmittelbare Ern- «ftnden, daß unser Volk kein zufällig zusammenge- jggtei Menschenverband, sondern so etwa wie eine jg sich geschlossene, geschichtlich und stammesmähig stimmte Persönlichkeit mit schicksalhafter Umgren- B seines Daseins nach Vergangenheit und Zu- t hin ist. Das Leiderleben, die niederträchtig «lehrende Behandlung, die unser Volk auf den Gassen der Welt erfährt, das Bewußtsein, als ein» Mer in die jedem geltende Not auf Tod und Made eingeschlossen zu sein, hat uns den Persön» I stchkeitscharakter der Nation so unabwendbar nahe : «rückt, daß wir unwillkürlich alles große und Line Geschehen in viel stärkerem Maße als früher j enf die Gesamtheit beziehen. So gelangen wir auch noch ganz von selbst dahin, daß wir die großen Zshreseinschnitte, die unserem Leben durch die Astzeiten eingekerbt werden, ihrer sinnbildlichen Bedeutung nach weniger auf unsere in chaotischen § Zeiten doppelt kleine Einzelpersönlichkeit als auf las Volk in seiner individuell wirkenden Eesamt- heft beziehen.

Das Fest der Erlösung in der Geburt eines Ottlichen Kindes, die Feier der Auferstehung aus Grabesdunkel und die freundlich sonnigen Pfingst- tage, die im herbfrischen Duste von zartem Laub, stlngen Gräsern und Blütengewinden das Wunder «r Eeistesausgietzung umkränzen, alles gibt unse- Tem Volkserleben zu suchen und aus dem Gleichnis les Unvergängliche zu künden, Nahrung. Sie tra» Mn alle soviel Trost in sich, die Feste des christlichen Achtes, die in der Formgebung und Begehung uns Feste des deutschen Jahres geworden sind. Künden fit doch alle in immer neuer Bildwerdung des Un- fegbaien, daß nicht die Stofflichkeit, die äußere Da- ftinserscheinung im Hinblick auf Beständigkeit und Wert ausschlaggebend ist, sondern die geistige Kraft, Üe in den Dingen, zumeist verborgen hinter den ;Singen, entstellt durch die Erscheinungsformen, Mrkt.

Die Gestalt, die immer neu und lebensgegen- »ärtig aus den Festen des Jahres auf uns zu- trftt, ist selbst die wahrhaftigste Verkörperung der NHeistesherrschast über das Stoffliche, mag fts in r «nlichen Windeln im Stalle liegen, mag sie als

Sieger über den physischen Tod aus der Grabes» karnmer treten oder, auf körperliches Dasein über­haupt verzichtend, im Brausen des Geistes sich in die Seelen senken, bis fie, seiner Wesenheit übervoll, fich in alle Welt verströmen und der neuen Lehre, die mehr ein neues Eötterleben war, den Weg be­reiten. Pfingsten ist im besonderen Maße das Fest des Geistes. Es ist das Fest des Ueberschwanges im Ergriffensein von der Idee, die aus kleinstem Kreise heraus sich den Sieg über die Millionen ei» zwang. In immer neuen art» und jeitnotwendigen Sonderformen hat die Idee des Eottesreiches unter Menschen, inwendig in den Menschen, seit den Ta­gen ihrer ersten Verkünder Gestalt gewonnen. Sie hat äußerlich an dem Menschengeschlechte und seinen Daseinsformen nicht viel geändert, wollte es auch garnicht, allen rationalistischen Reformen zum Trotz, die das Gefühl vom inwendigen Reich als eine Art Nützlichkeitsrezept ansahen und wie mit einer Zauberformel den Wolf zum Lamme gesellen zu können glaubten. Nicht Umgestaltung natur­gegebener in aller scheinbaren Entwicklung sich in den Jahrtausenden gleichbleibender Erscheinungs­formen des äußeren Lebens, sondern Erfüllung des Jnnenmenschen mit einem über Tag und Menschen­daseinsspanne hinausgreifenden Gefühl der Ver­bundenheit gegenüber dem rätselhaft Ewigen, das wir nicht deuten und doch nicht mifien können, ist Sinn des neuen Geistes, Sinn der Psingstausgieß- unfl. DiesesReich Gottes" kommt wahrlich auch mit nicht äußerlichen Gebärden, man wird auch niemals sagen könnenhier oder da ist es, das Reich des göttlichen Geistes ist nicht künstlich in uns hineinzupflanzen, es ist inwendig in uns. Nicht von außen wird etwas Neues, Fremdes in uns hin- eingelegt, aus uns selbst müssen wir zu seinem Sinn gestalten, was schon in uns ist.

Jahrhunderte warten wir Deutschen schon als Volkspersönlichkeit auf unser Pfingsten, auf unser Fest des Geistes. Wir wisien Kräfte geistiger Spannweite und seelischer llnergründlichkeit in uns, wie sie kaum einem anderen Vc lke zuteil geworden sind. Aber immer noch, in Alterszeiten, in denen andere Völker bereits ihre geistige Wesensform, den Sinn ihres Seins, vollreif in sich entwickelt und ihre Bestimmung durchlebt haben, ringen wir um den Ausdruck unseres Wesens, uns selbst und den anderen in gleicher Weise ein Hohn und ein Grauen. Immer wieder glauben wir, wie im gro­ßen Sommer 1914, unser Pfingsterlebnis, unsere Ergriffenheit im heiligen Geiste unserer Art, ge­funden zu haben, immer wieder erweist es sich, daß äußeres Geschehen, mag es noch so aufrüttelnd sein, nicht fähig ist, uns als Gesamtheit zu einem glühen­den Block des Besessenseins vom Geiste unseres Schicksals zu erhitzen, dem dann der Hammerschlag des Eeschichlswillens die innerlichst notwendige Form gibt. Uns Deutschen ist der Gemeinsamkeits­rhythmus, der selbstverständliche Eleichschlsg aller Pulse, wie er für das Pfingsterlebnis kennzeichnend ist, besonders hartnäckig versagt. Unsere stammes- mäßige Unausgeglichenheit, die Ungestalt unse­rer Erenzführung, die die geschichtliche Auswirkung dieser Tatsachen lasten uns nicht in den großen Augenblicken der alles mitreißenden Besestenheit in unserem Wesen kommen. Wir werden, was wir als Volk werden sollen, nicht in großen Stunden der Festlichkeit, in den Feiertagen der Eeiftesaus- gießung. Wir werden, zäh und spröde, wie wir unserer Art nach sind, vom Alltag in stündlicher Be­hauung und Durchknetung des Körpers und bei Seele vorbereitet auf den nächsten, den übernäch­sten, vielleicht noch in ungreifbaren Fernen liegen­den Tag unserer Pfingsten. Nicht mit Brausen, im Rausch der Sinne und Seelen, erleben wir eine »««nBHnMmaBsaaHBaanMnaaHanaoMB ation beraufbefchwvren. Der Sieger ist Kranz- vder Pf i n g st k ö n i g. Er darf diese Würde bis zum nächsten Jahre behalten. Er ist dann gleich­zeitig Festordner und darf am Abend mit jedem Dorfmädchen mindestens einen Tanz tanzen. 'Bei Dielet Gelegenheit präsentiert sich dann ein selt­samer Gesell, der mit zweifelhaftem Vergnügen begrüßt wird. Das ist der Pfing st narr, cme wegen der Rücksichtslosigkeit seiner Spähe gesüch- tete Persönlichkeit. Er ist ganz in Stroh gehüllt, ttägi eine Strohkrone und einen Rohrstab in der -Hand. Er sagt den Leuten alle möglichen Wahr­heiten ins Gesicht, die unter Umständen ziem­lich empfindlicher Natur sein können. Besonders die junger. Mädchen fürchten seine Lästerzunge.

Aus der Ritterzeit erhielt sich ein lieblicher Brauch bis in unsre Tage. Das ist das Mai- feuer ober das Mailehen, das in deutschen Given eine bedeutsame Rolle spielte. Am Bvr- akend des Pfingstfestes wandern Burschen und Mädchen aus dem Dorf hinaus auf eine Anhöhe, wo bei Beginn der Nacht ein lustiges Feuer ent­zündet wird. Die Mädchen werden scherzhalber an die Burschen versteigett, der Meistbietende er­hält die Begehrte, die das Gebot ablehnen oder aker ihre Zustimmung geben kann. Dann be- fes'igl sie am Hute desLehnsgemahls" ein Sträuß­chen und muhte gleich wie der Bursch die Versiche­rung geben, das ganze Jahr hindurch demLehns- gespons" die Treue zu hallen. Zur Bekräftigung dieses scherzhaften Gelöbnisses pflanzt der Bursche am Pfingstmorgen einen Maienbaum vor dem Fen­ster seines Mädchens, und übers Jahr da tut nicht fetten der Priester die beiden zusammen und läßt das Sprüchlein Wahrheit werden, das in der Psingstnacht mit lachendem Ernst in das Maifeuer sprechen wurde: Heute zum Lehen, übrrs Jahr zur Ehen.

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Die Pfingstverlobung.

Humoreske von Emmy Schmeißer.

Eva hatte sich verlobt. 3n einer entfernten Pro­vinz war ihr das Glück in der Gestalt eines jungen Gymnasiallehrers begegnet, der ihr nach kurzer Be­kanntschaft sein Herz und feine Hand angetragen hatte. Run teilte fie ihrer Mutter, der verwitweten, ht der

Ausgießung des Geistes. Aus uns selbst gestalten wir, Griff um Griff, Schlag um Schlag, oft Begon­nenes zerttümmernd, Geschaffenes zerstörend, unser neues Wesen, in mühseliger Frohn des Tages har­rend, der auch uns vielleicht, nicht als Wunder wir­kendes Außenerlebnis, sondern als letzte Ausreifung langsamen, unmerklich fast sich gestaltenden Wer­dens, das Fest unserer geistigen Vollendung bringt und alle Kräfte unserer Persönlichkeit zu gestalten dem Wissen frei macht. Daß dieser Tag der Vol­lendung im neuen Geiste einst kommen wird, ist unser sicherer Glaube, den wir ebenso aus innerem sind wir bewußt, als Einzelpersönlichkeiten wie als schöpfen. Einer Gesetzmäßigkeit der Entwicklung nb wir bewußt, als Einzelpersönlichkeiten wie als Volk. Wir fühlen einem, wenn auch oft im Augen­blick schwer auszubeulenben, in bet Rückschau auf Vergangenes aber immer beutlich greifbaren Sinn gerade auch in der Besonderheit unseres Volksschick­sals, in der immer erneuten Vorenthaltung eines Eeisteserlebnisses, das eben Ausreifung in den letz­ten inneren Möglichkeiten voraussetzt. Daß diese Möglichkeiten bei uns tiefer, spröder sind als bei anderen Völkern, ist nicht Schuld sondern Schicksal, schmerzlich und begnadet zugleich. Trotz allem be­gehen wir bas Fest bes Geistes im Glauben an zu­künftige Vollendung, des Sinnes in der Entwick» lang gewiß, heute schon uns als werdende Form fühlend. Friedrich Carl Badendick.

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MkaikWIlW «ichaLM.

Am Devisenmarkt ist in dieser Woche zum ersten Mal feit langer Zeit das angeforderte Material an Devisen und ausländischen Noten voll zugestellt worden. Dieses Ereignis stellt einen beachtenswerten Erfolg der Kredit­politik der Reichsbank dar, die in letzter Zeit von vielen Seiten her scharf angegriffen wor­den ist. Es läßt sich natürlich nicht leugnen, daß die Kreditverstriklion unserer Wirtschaft schwere Wunden geschlagen hat. Aber man erkennt jetzt wenigstens, daß die Opfer, die Deutschlands Indu­strie und Handel haben bringen müssen, nicht um­sonst gewesen sind, daß vielmehr das große und jeder Unterstützung werte Ziel, das die Reichsbank­leitung sich gestellt hat, erreicht worden ist. D i e Besserung des Marktkurses an den auswärtigen Börsenplätzen, die in den letzten Tagen eingetielen ist, beweist, daß man auch im Ausland den Erfolg der gelungenen Mark- stützung, mag er der deutschen Wirtschaft auch noch so teuer geworden fein, zu würdigen weiß. Auch für die deutsche Wirtschaft werden die Früchte dieser erfreulichen Entwicklung auf die Dauer nicht aus« bleiben. Nachdem in letzter Zeit klar geworden war, daß die Reichsbank durch die Einschränkung der Kredite und die dadurch erzwungene Ver- irtinberung der Devisenanspräche der Wirtschaft in Stand gesetzt werden würde, die Zuteilung der ausländischen Zahlungsmittel zu er­höhen, schmolzen die sogenanntenKonzertanmel­dungen", (b. h. bie Devisenanforberungen, bei beten Höhe schon bie Tatsache, daß doch nut wenige Pro­zent zugeteilt werden, in Betracht gezogen wat) schnell zusammen.

Innerhalb weniger Tage gelangte auf diese Weise die Reichsbank zu der erstrebten Vollzu­teilung. Die Folge wird sein, daß bie erheb­lichen Unkosten, Zinsvetlufte usw., bie bet Produk- tton unb dem Hanbel bisher aus betn kostspieligen Repatlietungssystem erwachsen sinb, nunmehr er­spart werden. Dadurch werben bie Herstellungs­preise vermindert unb bie Preissenkungen, bie man

kleinen hannoverschen Stadt 6. lebenden Frau Pro­fessor Gröhler in einem ausführlichen, glückstrahlenden Briefe mit, daß der Auserwählte am Tage vor Pfing­sten nach S. kommen werde, um sich die Einwilligung der Frau Professor zu dem Berlöbnis, daS dann Pfingsten perfett werden solle, zu erbitten.

Die Wohnung von Frau Professor Gröhler befand sich ganz in der Röhe des Bahnhofs, dicht neben dem Eisenbahnbau- und Betriebsamt des Städtchens. Dort ging am Sonnabend nachmittag vor Pfingsten in der Dienstwohnung des Eisenbahnbau- und Regie­rungsrates Dillmann dessen Gattin in ihrem Salon erwartungsvolle auf urib. ab. Sie erwartete den Be­such des neuen Regierungsbauführers ihres Gatten, der diesem zur Hilfe beigegeben werden sollte. Vor einigen Wochen hatte er stder Vorgänger desselben S. und ihr Haus verlassen, weil er auf einen neuen Platz versetzt worben war.

Jetzt ertönte die Korridorklingel. Aber wo blieb das Stubenmädchen, um zu öffnen? Gewiß war Babette wieder herunter zum Schwatzen gegangen. Ihre Ungeduld nicht mehr meisternd, ging Frau Re« gierungsrat schnell entschlossen selbst zur Korridor­tür und öffnete höchst eigenhändig. Da erblickte sie einen wohlgewachsenen jungen Mann, im eleganten Befuchsanzug, welcher, den Zylinder unter dem Arm, einen kostbaren Blumenstrauß in der Hand trug. Mit Genugtuung überflog Frau' Aegierungsrat die Er­scheinung, während der junge Herr ihr mit einem ehrfürchtigen Handkuß die kostbaren Blumen über­reichte.

.Gestatten Sie, gnädige 'Stau, sagte er, seinen Namen murmelnd, .daß ich Ihnen zwn Zeichen meiner ergebendsten Verehrung diese bescheidenen Blumen überreiche."

.O, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen herzlich", sagte Frau Aegierungsrat, während sie ihn in den Salon nötigte, wo er fich etwas befangen auf einen Sessel ihr gegenüber niederlieh.

.Die haben eine anstrengende Fahrt hinter sich, eröffnete Frau RegierungSrat die Unterhaltung. .Sie kamen anscheinend erst heute in 6. an und werden von der weiten Fahrt ermüdet sein?"

,O, nicht im mindesten, gnädige Frau, sagte da der junge Mann, .die Hoffnung und die Erwartung, Sie zu sehen und kennen zu lernen, ließ keine Er­müdung in mir aufkommen, ich hatte ja schon so unendlich viel Schönes und Liebes von Ihnen gehört."

.Von mir? unterbrach fie ihn, während ein zartes Rot in ihre Wangen stieg, »aber daS ist ja kaum möglich I ~~

schon lange vergeblich erwartet hat, erleichtert uni beschleunigt werben. Gelingt es aber burch biefe unb andere Maßnahmen, bas Preisnivea« n Deutschland wesentlich herabzu« etzen, so wird auch der Export deutscher Ware« ich wieder heben, und damit wachsen dann die Eim gonge an ausländischen Zahlungsmitteln, mit deren Hilfe die deutsche Wirtschaft ihren jetzt so stark eingeschränkten Bedarf an ausländischen Rohstoffe« wiä>er reichlicher decken kann. Kurz, der Weg, der mit der Verbilligung der deutsche« Preise beschritten werden soll, führt zur Wiede« Belebung der Produktion, zur Gesundung des Ar« l>eitsmoittes und zur lleberwindung der schwere« Krise, in der wir jetzt stehen.

Das alles ist freilich heute noch Zukunftsmusik. Denn gegenwärttg machen sich die Folgen dieser chweren Krise noch auf allen Gebieten bemerkbar. Die Ziffern der deutschen Handelsbilanz für de« Monat April zeigen einen bedauerlichen liefe tand des deutschen Außenhandel« Einer Einfuhr von 803 Millionen Eoldmark steht eine Ausfuhr von nur 482 Millionen Goldman gegenüber. Der Fehlbetrag der Ausfuhr gegenüber der Einfuhr ist von 239 Millionen Goldrnark im März auf 321 Millionen Goldmark im April gestie­gen. In den ersten vier Monaten des laufende« Jahres ergab sich eine Unterbilanz des deutsche« Außenhandels von 955 Millionen Eoldmark, eit Betrag, von dem niemand weiß, wie er gedeckt wem den soll. Die Forderung des deutschen Waren« exports muß daher bas erste Ziel deutscher Wirt« chastspolitik sein.

Das zweite, nicht minder wichtige Ziel isi die Erhaltung und Förderung der Leistungsfähigkeit der deutsche« Landwirtschaft. Dr. Schacht hat in der Zen« tralausschußfitzung der Reichsbank der Landwirt» chaft über die bereits gewährten Kredite hinaus einen Kredit von 800 Millionen Mark zur Linde­rung der Auswinlerungsschäden zugesagt unb es hat weitere Maßnahmen zur Nutzbarmachung vo« Geldern zum Zwecke der Beschaffung land­wirtschaftlicher Kredite in Aussicht ge­teilt. Aus diesen Entschlüssen spricht auch die chwere und berechtigte Sorge, die dem deutschen Volke aus den recht ungünstigen Ernteausfichte« dieses Jahres erwächst. Zwar lauten die Berichte in Folge der wärmeren Witterung der letzte« Woche nicht mehr ganz so ungünstig wie bisher. Aber llebereinstirnrnung besteht darüber, daß die Schäden, die der kalte Winter unb bas späte Früh­jahr der Wintersaat zugefügt haben, und bie ba» burch verursachte Gefährdung bet kommenden Rog» genernte nicht mehr völlig gutzumachen sind. Außer der verhältnismäßig schlechten Getreide» ernte ist auch eine Verspätung ihrer Ein­bringung und Nutzbarmachung für die Volksernäh» rung zu befürchten. Allerdings sind aus der guten vorjährigen Ernte noch bedeutende Vorräte vor­handen, aber diese erweisen sich leider als wenig haltbar. Wir werden also erstens mit einer lieber» gangszeit äußerster Eetreideknappheit bis zur Rea­lisierung der nächsten Ernte rechnen müssen, unb außerdem auch im kommenden Versorgungsjahr mit unzureichenden Ernteerträgen uns einrichten müs­sen. Größere Einfuhren aus dem Auslande wer­den wir uns nur bann leisten können, wenn es uns gelingt, mit Hilfe billigerer Herstellungs- preise unb höheren Arbeitsleistun­gen unseren Warenexport so weit zu steigern, daß wir mit dem Ueberschuß die verstärkten Import« bezahlen können. Auch in dieser Hinsicht hängt als» alles von der erfolgreichen Lösung des deutsche« Preisproblems ab.

»Doch, doch", beharrte der junge Mann, .und waS ich sehe, übertrifft noch meine kühnsten Erwartung«. Ihre Liebenswürdigkeit, Ihre Güte erfüllen mich mit Mut und Hoffnung

.Die Liebenswürdigkeit ist doch auf Ihrer Seite", unterbrach sie ihn wieder, .Sie brachten mir biefe schönen Blumen unb habet nahm sie daS Bukett vom Tisch unb strich zärtlich mit ihren schlanken Fingern einige Wale über die Blumen.

.Gnäbige Frau", rief ba der junge Mann, gnädige Frau, biefe Blumen feilten für mich sprechen, sie sollten Ihnen meine Gefühle ausdrücken. Sie sollten Ihnen zeigen, wie eS um mein Herz bestellt ist. daß alle meine Gedanken unb Wünsche nur bas eine Ziel haben. Ihr Herz auch zu gewinnen, so daß ich" bei diesen Worten stand er auf und näherte sich dem Sitze der Frau RegierungSrat bis zur bedenklich« Nähe.

,11m Gott!" rief diese völlig fassungslos .waS soll das heißen? Kennen Sie Ihren Dorgänger? ES ist doch undenkbar. eS ist doch ganz unmöglich, daß er.

.Mein Vorgänger?! schrie da erblassend bet junge Mann, .ja, habe, habe ich denn schon ein« Vorgänger gehabt?

.Aber wer sind Sie denn? schrie nun auch Frau Regierungsrat dem Wein« nahe, »für toen halt« Sie mich denn?" "

.Nun doch für meine verehrte, zukünftige Schwieger­mutter."

.Schwiegermutter! !I stöhnte Frau RegierungSrat, indem fie sich auS einer halb« Ohnmacht emporraffte. .Da liegt ein Irrtum vor!" konnte sie noch mühsam hervorstoßen.

.Jo, habe ich beim nicht b« SJorsug, Frau Profess« Gröhler vor mir zu fehm? sagte et, Herr Gymnasial­lehrer Dr. Reh, unb knickte zusammen.

.Die Dame wohnt im Hause nebenan, sagte Fran RegierungSrat mit bem Versuch eine» Lächelns.

.Ich bitte tausendmal um Verzeihung, meine gnädigste Brau.

Hastig« Schrittes nähette er sich dem Tisch .Ich darf wohl meine Blum« zurück erbitten, nicht wahr, Sie verzeih«?"

RückwärtSschreit«d empfahl er sich mit einer tief« Verbeugung und langte nach wenigen Minuten endlich in bet richtig« Wohnung an, wo der sehnlichst Er­wartete samt seinem Bukett an baS schwiegermütte» liebe H»z gedrückt wurde. . -