Einzelbild herunterladen
 

I Amtliches Verkündigungsblatt des Kreises Mardmg.

Anzeiger für (das früher kurhessische) Oberhessen

Kt. 106

Di«Dbei6e!fif*e Zeitung" «rlckeint leebsntal wöchentlich. Lrzugsvreis monatlich 2 Mark ausschllehltch Zustellungsgrbühr. Für ausiaürnd« Nummern infolge Streiks oo. eiemeni.(EteigwiFie kein 81105. Benag non Dr. L. Hitzerori,. Druck der Univ..Buchdruckeiei von Jod. Lug. Koch. Markt 21/23. lFernwrecher 55, Bolticheckkonto: Nr. 5015 Amt Frankfurt a. Main.

Marburg

Dienstag, den 8. Mai

Der Lnreigenvrets beträgt ffit Ben 10ge|p. Zeilenmillimeter 0,03 Soldmark. Amtliche u. auswärt. Anzeiaen 0,10 Goldmark. Bei schwier.Satz 50/. Suiichlag. Sammelauzeig. 100'/» Aufschlag. flamen 0,35 Eoldmark. Jeder Rabatt gilt al» Barrabatt. Belege werben berechnet, ebenlo Buskunit durch di, Geichäitsltelle und Zulendung der Angebote. Zahlung innerhalb 5 Tagen (1 Dollar - 4,20 Eoldmark), Berechnung nach dem Berliner Wittel« kur» des Zahlunvs-Eimgausstages. Verzugszinsen pro Tag nach bem Bankzinsfuß

59. glfcl, 1924

Die Wahlen im Reiche.

8m 8eW irs neu« SWois.

Wenn sich in dem Reichstage, den sich das deutsche Bolt am 4. Mai gewählt hat, auch, rein zahlen­mäßig gesehen, die Koalitions- und Kombinations- Möglichkeiten nicht entscheidend verändert haben, so weist doch in seinem Aeußeren die Zusammensetzung fcesHohen Hauses" ein deutlich verändertes Gesicht «lf, in welchern die in der Willensrichtung beträcht- 8ch geänderte Volksstimmung zum Ausdruck kommt. Ne Wahlbeteiligung dürfte sich, obwohl es anfangs den Anschein hatte, als sei das deutsche Volk in die­sem Jahr besonders zahlreich zur Urne geschritten, hoch in den Grenzen der vergangenen Wahl halten. Ne Anzahl von etwa 460 Abgeordneten dürfte wie­der erreicht sein.

Die sozialistisch-kommunistische Linke hat eine Einbuße von ungefähr 35 Stimmen erlitten, die wiederum der beträchtlich gewachsenen Rechten zv- gnte gekommen sind. Innerhalb der sogenannten Marxistischen Gruppen ist eine starke Gewichrsver- schiebung nach links hin eingstreten. Das Verhält- Ms von Sozialisten und Kommunisten betrug im alten Reichstage 173 zu 15, im neuen etwa 100 zu 60. DerVereinigung" der beiden sozialistischen Parteien hat anscheinend 'in der Hauptsache die Führer zusammengebracht, während die Wählerge- ^lgschaft der ehemaligen U. <5. P in großen Masten xr den Komunisten hinübergewandert ist. Die Demokraten haben ebenfalls Einbuße erlitten. Sie, die 1920 von io auf etwa 40 Mandate zusammen- schrumpften, werden in Zukunft noch nicht 30 Ver­treter aufweisen. Immerhin ist ihr Stimmverlust nicht so groß, als es anfänglich befürchtet wurde. Das Zentrum hat sich wie immer im wesentlichen behauptet. Diese Mandatsbehauptung ist umso Höher zu bewerten, als im abgetrennten Oberschle- ßen ein beträchtliches Stimmenressrvoir gerade der Zentrumspartei verloren gegangen ist. Die Bay­rische Kolkspartei hat eine Reihe von Mandaten den Völkischen lasten mästen. Die Deutsche Volks- Mrtei hat wohl den schwersten Schlag erlitten. Frü­her besaß sie 66 Mandate, im neuen Reichstag etwas über 45. Ihr hat weniger die Nationallibe­rale Absplitterung, die wohl nur mit Hilfe der Reichslandliste einen oder zwei Vertreter ins Par- ßrmeut schicken wird, Abbruch getan, als die Deutsch- Nationale Dolkspartei.^die neben den Kommunisten Hie größten Erfolge aufzuweisen hat. Gegen 67 Mandate im alten Reichstag wird sie im neuen Labe an die Hund^rtzahl herankommen. Die Völ- 8!chen haben eine gewiße Enttäuschung erlitten. Immerhin haben sie gegen drei Abgeordnete im alten Reichstag, sich ungefähr verzehnfacht. Hinzu kemmen dann noch etwa 15 Stimmen der kleineren Rechtsgruppen und 910 Stimmen der kleinen Mittelgruppen. ~'.W,bedeutendste dieser Gruppen ® wohl die SEj O Partei, die 6 Mandate hat, ba sie aber nv w usäyer. Bauernbund zusammen- »ht, mit l<k* Konten als Gruppe in den Reichs- *9 zum > Male eintreten. Eine respektable Leistung.

Ein Bargerblock von Teutschnationalen bis Zen­trum würde etwa über 237 Sitze gegenüber 211 kitzen der sozialistischen Gruppen, der Demokraten wie der Völkischen verfügen können. Noch günstiger würde sich das Bilo gestalten, wenn die etwa 30 Demokraten-Sitze hinzukämen. Eine große Koa­lition ist zahlenmäßig ebenfalls noch möglich, mit eher ohne Einschluß der Deutschen Volkspartei. Sie würde allerdings auf etwas schmalerer Basis stehen. Das Perfonendild im großen Sitzungssaal am ^nigsplatz hat sich, wenn auch die Maste der Ee- ßchter sich gleich geblieben ist, doch um einige mar- fcnte neue Züge verändert. Es fehlen von den Deutschnationalen Dr. Helrferich, von der Deutschen Bolkspartei Hugo Stinnes. Aus der Bayerischen «olksparter ist Jt>ie hochgewachsene Gestalt des Bauerndoktors Heim verschwunden. Aus den demo- ttatischen Reihen sind die alten parlamentarischen Kämpen Pachuicke und Eothain ausgeschieden. Mit Hugo Stinnes ist auch Generaldirektor Voegler, der Sührer des industriellen Flügels der Partei, nicht wieder erschienen.

An neuen Gestalten sind unter den Deutschnatio- llalen in erster Linie der Großadmiral v. Tirpitz zu rennen. Der junge Fürst Bismarck rechnet seines Namens wegen ebenfalls zu den int neuen Reichstag ^merkenswerten Persönlichkeiten. Prof. Martin Epahn wird im Gegensatz zu seinem Vater, dem Zentrumsvetcranen, ebenfalls in den Reihen der Rechtsparteien sitzen. General Ludendorff wird als Führer der Deutschvölkischen Freiheitspartei ein- -rehen. Einen Namen geschichtlichen Klanges trägt »uch der deutschvölkische Abgeordnete v. Mücke, der wegen seiner kühnen Krcuzerfahrten berühmt ist.

Rach den ücrechnungen, deren Ergebnis das Büro Dcu.'ichnationalen Bolksvartei mitteilt, betrachtet uic bis zur Stunde als sicher gewählt 88 drutsch - etionale Abgeordnete durch die Stimmen in CUI einzelnen Wahlkreisen, und 14 durch Berech.

nung von Rest stimm en auf die Reichsliste. Da­zu kommen noch 8 Abgeordnete von den Lano- b u n d l i st e n in Thüringen. Württemberg. Baden und Hessen, so dah insgesamt 110 deutsch­nationale Abgeordnete in den neuen Reichs­tag einzieben dürsten. Die Tatsache, dah die end­gültigen Zahlenergebniste der Wahlkreise Breslau und Westfalen-Nord noch aussteben. dürste an der obi­gen Berechnung nichts mehr ändern.

' Tji

Darnach würden sich die Mandate in folgender

Weife verteilen:

Deutschnationale Bolksvartei , 102

Landbund und Nationalliberale Vereinigung 8

Deutsche Bolksvartei 44

Wirtschastsvartei U

Deutschvölkische Freiheitspartei 28

DeutschSoziale i

Zentrum 61

Demokraten . .. 25

Sozialdemokraten - -- 99

Kommunisten - 59

Bayerische Bolksvartei 15

Deutsch - Hannoveraner 5

Bayerischer Bauernbund 4

Wie die Reichsgeschäftsstelle der Deutsch-völ­kischen Freiheitspartei mitteilt, wären nach den bisher vorliegenden Wahlergebnisien insgesamt 33 völstsche Abgeordnete mit Bestimmtheit gewählt. Durch Stimmenverechnung auf der Reichsliste würden fcie Völkischen wohl noch zwei Mandate dazubekommen.

Ergebnis der Württembergisthen Landtagswhal.

Stuttgart, 5. Mai. Württemb. Bauernd. 240162 (10), Deutsche Volksp. 75 040 (3), Zentrum 248 704 (11), Demokr. 125 624 (6), Sozialdemokr. 190 323 (8), Kommunisten 138 584 (6), Völkische 47 283 (2), Geussen 15 076 (1), Freiwirtschaftsbund 3749 (1), Land- u. Volksb. 627, Vater!. Völk. Rechts- 124502 (6).

Mannheim, 5. Mai. Dach einer Meldung aus Speyer liegen über die bayrischen Land- tagswahlen in der Pfalz jetzt folgende Re­sultate vor: V. S.P. D. 80 728, Deutscher Block 29 96k. Kommunisten 42 641, Deamtengruppe Ära» tefiel 3536, Zentrum 31690, Bayrische Volksvar. fei 61 104. Vereinigte nationale Rechte 80 589, Haeußerbund 9, Völkischer Block 14693.

Ludwigshafen, 5. Mai. Zum Volks- entscheid über die Aenderung der bay­rischen Verfassung stimmten mit ja 8353, mit nein 28119.

Das Ergebnis der Königsberger Stadtverordneten» wählen.

Königsberg, 5. Mai. Deutschnat. 16 745, B. S. P. D. 13127, Demokraten 5796, Dt. Volksp. 23 98, Deutsch-soziale 5660, Litauer 24 325, Kommu­nisten 23197, evangelischer Gemeinschaftsbd. 6237, Zentrum 3142, völkisch-soziale Freiheitspartei 9221.

Störungen und Zwischenfälle am Wahltage.

B e 11 i n, 5. Mai. Auf den Führer einer Orts­gruppe der Deutschen Volkspartei, Zahn­arzt Dr. Richard F a l tz, ist gestern nachmittag ein Revolverattentat verübt worden. Allem Anschein nach ist das Attentat von gegneri­scher politischer Seite zur Ausführung gebracht wor­den. Der Täter konnte bisher nicht ermittelt wer­den. Dr. Faltz ist unverletzt geblieben.

Zn der vergangenen Nacht wurde ein Deutsch­nationaler aus Treptow überfallen und schwer mißhandelt. Während einer Verkündigung des Wahlergebnisses ergingen sich mehrere Deutsch­völkische in Schmähungen auf die Republik. Zwei von ihnen wurden festgenommen. Auf dem Potsdamer Platz wurden zwei Personen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verhaftet.

Berlin, 5. Mai. Der Wahlkampf hat laut derB. Z." in Groß-Berlin zwei weitere Todesopfer gefordert. Der Arbeiter Horm. Kraft, der bei einer Schlägerei zwischen Zettelan- klebrrn einen Sttch in die Halsschlagader erhielt und der Schlosser Karl Pieweck, der bei einem Zu­sammenstoß die Waffe gebrauchen wollte und von Schutzpolizisten erschossen wurde. Außerdem wurde eine ganze Reihe von Leuten mehr oder minder schwer verletzt oder verprügelt. Mehrere sanden Aufnchme im Krankenhaus. Die Rächt zum Sonn­tag war besonders unruhig. Schießereien im Osten und Südwesten Berlins endeten bluttg. Auch in Charlottenburg kam es mehrfach zu einem Kugel­wechsel. Es wurde jedoch niemand verletzt.

Hamburg, 5. Mai. Am Sonntag früh wur­den aus einem Säuleneingang zur Börse etaxt fünf Schüsse auf auLrmullLnde Wahlplakatan-

kleber abgegeben. Ein vorüberradelnder Mann wurde am Fuße verletzt. Ferner wurde am Munds- botger Damm am Sonntag ein Kontorist, der Wahlplckate anklebte, von etwa 20 jungen Bur­schen umringt und mit Gummiknüppeln bearbeitet. Die Täter sind in beiden Fällen entkommen.

Lübeck, 5. Mai. Wie erst jetzt bekannt wird, erfolgte am Samstag morgen ein Zasammenstoh zwischen Zettelanklebern der Kommunisten, Soz-al- dcmokraten Es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf die Völkischen schossen. Herbeigeeilte Schutzleute nahmen sämtliche Beteiligten tn Haft. Sieben Völkische, in deren Besitz Waffen gefunden wurden, wurden ins Gefängnis gebracht, aber nach ihrer Feststellung wieder freigelassen. Ein Straf­verfahren gegen sie wurde eingeleitet.

Bremen, 5. Wai. Zn der Nacht vom Sams­tag zum Sonntag wurde das Bremer Parteibüro der Deutschvölkischen durch junge Leute demoliert. Ein deutschvölttscheS Parteimitglied wird vermißt. Die Polizei nahm verschiedene Verhaftungen vor.

MWto.

Rach der am 6. Juni 1920 erfolgten Wahl und den für Dberf4)lefien am 20. Februar 1921 vorgenommenen Wahlen -um Reichstag erhielten an Mandaten:

*' Sozialdemokraten

108

Unabhängige

83

Zentrum

68

Bayrische Volksvattei

21

Deutschnationalen

71

Deutsche Volkspartei

65

Demokraten

40

Hannoveraner

5

Kommunisten

4

Baor. Bauernbund

4

Bei der Auflösung des Reichstages batte der Reichriug 458 Abgeordnete und Nv«

Verein. Sozialdemokraten

171

Zenttum

68

Deutsche Bolkspartei

66

Deutschnational« :

65

Demokraten

39

Baver. Bolkspartei

20

Kommunisten

16

Baver. Bauernhund

4

Deutschvölkische

3

Hannoveraner -

2

Unabhängige K

2

Wilde b

2

Wahlberechtigt waren bei den letzten Reichstagswab- len genau 35 Millionen. Diesmal werden es etwa 86 Millionen fein. Bei den letzten Reichstagswablen ent­fielen auf die

Deutschnatkonalen

42 Millionen

Deutsche Bolksvartei

3.9 Millionen

Zentrum

3.7 Millionen

Demokraten

2L Millionen

Sozialdemokraten

6.1 Millionen

Unabhängige

4.9 Millionen

Kommunisten

550 000

Bayer. Bolksvartei

1.2 Millionen

Baver. Bauernbund

219 000

Hannoveraner

319 000

Stimmen.

Das Ausland und die Wahlergebnisse.

Soweit sich die Pressestimmen des Auslandes, d. h. Englands und Frankreichs bereits übersehen lassen, äußert sich das Gefühl einer gewissen Er­leichterung, daß die Wahlen nicht den befürchteten Ruck nach der äußersten Rechten hin gebracht haben. Man hofft, daß in der Außenpolitik alles beim Alten bleiben wird. Ueberrafcht haben die verhält­nismäßig geringen Stimmerfolge der Völkischen, deren Möglichkeiten man angesichts der vielen in- und ausländischen Sensationsberichte höher einge­schätzt hatte, als es in unterrichteten Kreisen in Deutschland selbst der Fall gewesen ist. Ueberrascht haben immerhin die außerordentlich starken Erfolge der Kommunisten.

A« toere.

Drutschnationole Befriedigung in München.

München, 5. Mai. In der deutschnationalen Versammlung, in der die Wahlergebnisse entgegenge­nommen wurden, wurde die stark« Zunahme der deulschnationalen Stimmen in München und im Lande mit grober Befriedigung verzeichnet und namentlich der Freude über die Wahl des ® r ob» admirals v. Tirpitz Ausdruck gegeben. Der Vor­sitzende der Landesvartei, Prof. Dr. Hilpert, er­klärte. dah die Deutschnationalen die Schatt« vom Wahlkampf wieder ausgemerzt hätten. Auf den Ad­miral Tirpitz wird ein Hoch angestimmt und das Deutschland gesungen.

Rücktritt der Regier»««.

München, 5. Mai. Der bayrische Minister­präsident Dr. d. K n i l k i n g hat unter dem heutigen S. tem an den Präsidenten des bayrischen Land­tages, den Abg. Königsbauer, folgendes Schreiben gelichtet:

Sehr geehtter Herr Präsidenti Nach Para­graph 58 der Bayrischen Verfassung wird das Ge­

samtministerium durch den Landtag bestellt. ®et Landtag, auf dessen Bestellung bas gegenwärtig« Ministerium zurückgeht, ist aufgelöst. An sein« Stelle tritt nunmehr nach Vollzug der Neuwahlen in ganz Bayern der künftige Landtag. Zn Uebev» einstimmung mit den übrigen Regierungsmitglie­dern erkläre ich namens des Gesamtmkniste- riumS seinen Rücktritt. Die Mitglieder del bisherigen Kabinetts werden entsprechend ihrer ter* sassungsmäßigen Verpflichtung die Geschäfte dich zur Bildung eines neuen Ministeriums weiterfüh­ren. Zn der Versicherung ausgezeichneter Hoch­achtung verbleibe ich Cw. Hochwohlgeboren sehr ergebener Dr. v. Knilling.

---*---

Ser eiio der Meomoilen.

Das Ergebenis der Wahlen vorn 4. Mai steht be­reits soweit fest, dah die groben Linien nicht mehr ver­mocht werden können, wenn auch die Mandatsziffern im Einzelnen sich noch etwas verschieben werden. Was erwartete man? Dreierlei: eine Stärkung der betont nationalen Parteien als Ant« wort auf PoincarLs Schindervolitäk, einen Ruck nach rech-ts als Reaktion auf die nachrevolutiönäre Herrschaft der Sozialisten und ein Anwachsen der antf- parlamentarischen P-arteien als Folg« der Mibstimmung über die Parlaments­wirtschaft. Sind nun diese Wirlunaen eingetre» reu? Ja. in vollem Umfange, wennschon nicht alle so stark, wie dieser und jener prophezeit batte. Herr Poincare erhält als Quittung für seine Gewaltakte die Feststellung, dah Völkische und Dentschnationale zusam­men von 70 auf mehr als 120 Mandate emvorsteigen. Diese Amwwort ist wohlverdient und wird dem An- ieben des deutschen Namens in der Welt nur nützlich sein. Eine falsche Auslegung de» Wahlergebnisses aber würde es sein, wenn man annähme, dab damit auch schon eine bestimmte Stellungnahme zu dem Gutachten der Sachverständigen in der Rcparationsirage gegeben sei. Wen» die Deutschnationalen in die Regierung eintreten, wer­den sie zweifellos auch den Erfordernissen der prakti­schen Politik soweit Rechnung tragen, dab sie nicht jede Berhandlungsmöglichkeit von vorn- berein ausschliehen. Es kommt hier ja fast alles auf di« Bedingungen an, die im Einzelnen noch zu beraten sein werden.

Der Ruck von der Sozialdemokratie weg ist nicht minder deutlich. Was zunächst die P. S. P. D. selbst anbetrifft, so bat sie zwar noch nicht den völligen Zusammenbruch erlebt, der ihr in einzelnen Landes­teilen drohte, aber doch nahezu die Hälfte ihrer Reichs­tagsmandate eingebübt und kommt auch zusammen mit den Kommunisten noch lange nicht auf die alte Zahl Schlimmer fast ist noch für sie. dab die scharfen Gegensätze in der Fraktion, die mit dem Wiedereintritt der Unabhängigen hineinkamen, nach wie vor weiterbe- 'stehen. Die Belastung damit ist um io veinlicher, als offenbar ein grober Tell der radikalen Wähler zu den Kommunisten abgeschwenkt ist, während die radikale» Führer der Fraktion erhalten bleiben. Solange dieser Zustand fortbestebt, bleibt die Fraktion bet, Sozialdemokraten offenbar für eine p o f l i tive Pol itik in Gemeinschaft mit bürgerlichen Par­teien unbrauchbar. Aber auch alle die Parteien, die an derGroben Koalition" teilgenommen haben, sind von den Wühlern dafür besttaft worden. Die ge­ringsten Verluste dürfte, wie immer, das Zentrum zu verzeichnen haben, das iedoch auch schon starke Wi­derstände in den eigenen Reihen wegen der Koalitions­politik zu bekämpfen batte und deshalb nicht mehr al» die Partei anzusvrechen ist, die sich iede Politik leiste» kann. In gleicher Weise auf etwa zwei Drittel de» bisherigen Mandatsbestandes scheinen die Demokra­ten und die Deutsche Bolksvartei zurückge­gangen zu sein. Mubten auch alle Parteien, die i» furchtbar schweren Zeiten die Verantwortung des Re­gierens auf sich nehmen, mit Verlusten rechnen, so ist doch die Lehre für jene Beiden besonders bart. Hoffent­lich ist es aber auch eine Lehre. Denn das deutsch« Volk bat gelernt und will, dah unsere Feinde i» Anslande unseren Erfüllungswillen durchaus mißachtet. Seine ewige Betonung bat un» nichts gebracht. Dies« Taktik^ hat versagt.

Schließlich das Anwachsen der ausgesprochen anti» parlamentarischen Parteien: der Deutschvölkische» und der Kommunisten. Es ist nicht ganz so be­drohlich ausgefallen, wie mancher angenommen hatte. Die Zahl von zusammen 100 wird nicht erreicht. DaM liegt freilich nur daran, daß man nach den Wahlen i» Thüringen, Mecklenburg und Bayern die Werbekraft der Völkischen doch überschätzt hatte. Verhältnisse, di« in den vom Linksradikalismus Ee« fonberj heimgesuchten Mrch stellen zu einer ungewöhnllche» Stärkung des Rechtsradikalismus gefühtt haben, bestände» anderswo nicht: auch dürfte die Berweigerun- jeder Mitarbeit in btn neuen Lande-regierunzettz den Völkischen vielfach geschadet haben. $o*; gegen haben die kommunistischen Wahlerfolgr bk Erwar­tungen übertroffen. Für diese Partei, die im neue» Reichstage bereit- zu den Großen gehören wird, dürft» sich freilich nun falb die Schwierigkeit ergeben, da- die Wählerschaft von einer so starken Vertretung mehr er» wartet als Lärm und Osiruktion nämlich positive Sw stungen.

Gegen Ende Mai, frühestens am 20., wahrschein­lich ater erst in der Woche darauf, wird nun der neu« Reichstag zusammentreten. Welche politische Richtung witt» er rinschMgen, was für eine Regierung wich er ge­bären? In den Kreisen der bisherigen Reichsregieruntz verttitt man recht energisch die Auffassung, daß bk Zeitz Sur Wiederherstellung der großen Ko.a-