WMmems.
L Deutsche Wirtschaftspartei.
*■ Der Einladung des Grund- und Hausbesitzer-Vereins ‘Ju einer Wählen,ersammlung der Deutschen Wirtschafts- »artei hatten am Mittwoch abend so zahlreiche Bürger, lMänner und Frauen, Folge geleistet, dah der Quentin- tche Saal sich dicht gefüllt zeigte. Der Redner des Abends, der im Anschluß an die Begrüßungsrede des Dorsitzenden, Herrn Kaufmann Carl W. Schneider, : Bahnhofstraße, sich seiner Aufgabe in vorzüglicher Weise entledigte, war diesmal kein Fremder, sondern Herr Rechtsanwalt Rhode aus Frankfurt, der Marburg feine Heimat nennt. Er ist bekanntlich als Spitzenkandidat der Deutschen Wirtschaftsvartei, die die Rechte des Haus- und Erundbesttzes wahrnehmen soll, aufgestellt worden. Einleitend führte der Redner aus. vaß diesmal der Haus- und Grundbesitz selbständig vorginge, weil ihn fast alle anderen Parteien, trotzdem er um seine Existenz kämpfe, bei allen Fragen im Stiche gelassen hätten. Er wies auch auf die gegnerischen Bestrebungen unter Bezugnahme auf die Stadtverordnetenlisten hin. Die Haus- und Erundbesttzer seien gar uicht so schwach, wie man allgemein denke. In Württemberg betrügen diese z. B. 50 % der Bevölkerung, in manchen anderen Gegenden sei es, wie er ausführte, ähnlich so. Der Reichswahlvorschlag der Wirtschaftspartei sei völlig in Ordnung. Es bestände auch, wie er riffernmäßig darlegte, die Aussicht, daß die Grund- und Hausbesitzer, wenn sie einig seien, gut abschneiden dürften. Dem Vorwurf, daß die Wirtschaftspartei eine Lersvlitterungspartei sei, trat der Redner scharf entgegen. Wem heute noch nicht klar sei, daß die ganze Barteivolitik sich überlebt, könne kein Mensch helfen. Die Wirtschaftspartei müsse man als eine Partei der Sammlung betrachten. In seinen weiteren Ausführungen wies der Redner daraus hin, daß es beute auf weiter nichts ankomme, als ein guter Deutscher zu sein, bei den Karren aus dem Sumpf helfe. Mas das Haus UNginge, so müßten fich alle Familienglieder einig sein. Die den Hausbefitz knebelnden Gesetze seien auch von den bürgerlichen" Parteien unterstützt worden. Die betreffenden Gesetze seien eine Kulturschande, den es sei »»billig. umsonst wohnen zu wollen. lBei?all.) Bei dem Papiergeldschwindel habe fich der Hausbesitzer für die Miete noch kein Brötchen kaufen können und bei der dritten Notsteuerverordnung habe man in erster Linie wieder an den Saus- und Grundbesitz gedacht. Es würde nicht gefragt, woher die Leute die Steuern nehmen sollten, das sei ein Eingriss in die Substanz. Anstatt daß das organisierte Großkapital, das den Kampf mit den Arbeitern gewonnen, berangezogen würde, ginge es dem Mittelstand an den Kragen. Als Beweise führte er die Mieteinigungsämter usw. an. Was die Währungspolitik anbelange, so hätte die Mark früher stabilisiert werden können. Der Svarer und der Mittelstand sei vernichtet und jetzt ginge es an das letzte, was diesen vielleicht noch übrig geblieben, denn die Grundsteuer verschone keinen. Der Redner zeichnete dann ein Bild der Schieber, Kriegs- und Nachkriegs- gewinnler, diese solle man heranziehen und keine Schonung walten lassen Wer z. B. 5 Millionen so errungen. solle 4’4 Millionen Steuern bezahlen. Dagegen soll man die Zwangswirtschaft aufheben und die reichen Mieter zum Banen zwingen, dann bekommen tote Arbeiter und Handwerker Arbeit und die Wobnungs- suchenden Wohnungen. In seinen weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Herr Vortragende mit den städtischen Wahlen und ermahnte dabei die Handwerker. fich klar zu machen, was sie zu tun batten. Er erwähnte auch den letzten Beschluß, daß der Grundbesitzer nun auch den ..Büttel" für Kanal- und Müllgebübr machen solle. Die Großindustriellen seien, wie er weiter ausführte, aus der ganzen Entwicklung glänzend Lervorsegansen. Den politischen Parteien solle man nickt mehr nachlaufen, die hätten fick überlebt. Die Wobnungs- und Mietämter seien überflüsfig. der alte ehrliche Beamtenstand müsie wieder in seine Reckte. Der Redner wandte sich zum Schluß noch negen den Lurus der Kriegsgewinnler, die uns im Ausland so viel schadeten und endete mit der Mahnung, die Wirt- fchaitsvartei zu unterstützen.
° Herr Schneider schloß sich den mit reichem Beifall «mkaenommenen Ausführungen an und wies nochmals auf die schwierige Lage des Haus- und Grundbesitzes bin. Da fich sonst Niemand zur Auslorocke meldete, erinnerte Herr Dr. Rbode in seinem Schlußwort noch einmal daran was bei dem Haus- und Grundbesitz auf hem Spiele stände. Damit hatte die Versammlung ihr .Ende erreicht.
Deutsch-volksparteiliche Wahlversammlung.
2lud) die Deutsche Volkspartei trat gestern abend mit einer großen Wählerversammlung en die Oessentlichieit Redner war der wegen seiner Ausweisung und seiner politischen Tätigkeit viel genannte bekannte Fabrikbesitzer und Vors. der Landtagsfraktivn der Deutschen Volkspartei. Dr. W. Kalle aus Biebrich, der Spitzenkandidat der D. V. P. für den Wahlkreis Hessen-Rassan, der in ausführlichen Darlegungen über die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Fragen, die uns bewegen, Auskunft gab.
Der Redner wies eingangs seiner Ausführungen darauf hin. daß daß deutsche Volk immer nvck» nicbt den elfen Fehler, den Geist der Zwietracht, verscheuche. In einer solchen schweren Zeit mit so dielen Parteien aufzumarschieren, sei kaum zu fassen. Die Hauptsache sei doch, dah sich das de 'Fche Volk endlich einige. W-e der Krieg nach d rn K leie ve te g f h f wrr'e I’n-ten die Rhein» landbewohner am besten beurteilen. Die Deutsche Volkspartei sei immer bestrebt, eine echte deutsche Volksgemeinschaft zu schaffen. Wir müßten um politische Ziele kämpfen, aber unbegreiflich sei es. daß 'er gegenseitige Haß der Parteien sich so entwickele, wie jetzt. Das deutsche Volk sei sonst kultnrell so hochstehend, von Politik verstände eS aber nichts. Zn England sei es, wie er ausführte, ganz anders, an dir internationalen Floskeln glaube man hi Ti nicht. Wenn wir jetzt nichts leimen, würden toi" niemals lernen, eine Volksgemeinschaft zu bilden. Die politische KampfeSweise müsse geändert werden, der Haß müsse aufhören Auch hier zeige sich England als Vorbild. Wir müßten uns zulammenfinden, weil wir alle deutsche Brüder seien. An Rhein und Ruhr sei der Gedanke der Volksgemeinschaft durch die Verhältnisse stärker und die Erfolge seien nicht ausgeblieben, wie er des Näheren ausführte. Das deutsche Volk sei noch r.icfr so schlapp, die Welt habe doch aus- gehorcht. England habe zugestanden, dah die Franzosen im Anrecht seien. Bei der Stabilisierung des gestürzten Franken habe man ihnen zw-rr Hilfe geleistet, ober die Engländer hätten eingesehen, daß Frankreich mit einer solchen Gewaltpolitik auf die Dauer doch nicht fortfahren könne. Die Sanktionen seien Ansinn. Der äußeren Gefahr gegenüber müsse jeder Parteikampf aufhören, das müsse das Ziel unsrer inneren Politik sein. Wir mühten retten, was zu retten sei und die sinkenden Stände unterstützen. Ans Vaterland mühten wir wieder zuerst denken, dann käme auch die Kraft zum Wiederaufbau. Die deutsche Wirtschaft müsse gestützt. werden. Has sei die Hauptsache. 3n feinen weiteren Ausführungen schilderte der Redner unsre Erfolge auf wirtschaftlichem Gebiet vor dem Kriege, so müsse es wieder werden. Die Deutschs Volks- Partei habe das Ziel, hierzu befähigte Mehrhsi- ten im Parlament zu schaffen. Kluge Staatsmänner und Realpolitiker gehörten hinein, seither habe es an solchen gemangelt. Der Redner beschäftigte sich dann nacheinander mit den Kabinetten Wirth. Euno usw. Es gebe Ansichten, dah neue Sammelvarteien Abhilfe schaffen könnten, das habe sich nich* bewährt. Das einzige sei der Gedanke der Koalition, den Stresemann genährt habe. Cuno habe in den ersten Wochen des Ruhrkampfs eins große Tatkraft bewiesen, aber es habe sich doch bewiesen, daß das Rüstzeug fehlte. Die Frage, Geldmittel zu beschaffen, sei dringend geworden. damals hätte Hugo Stinnes sehr praktische Vorschläge gemacht. Es seien dann die ersten Versuche unternommen worden, die Finanzen zu ordnen. Er schilderte dann die Schwierigkeiten der Koalitionsbildung, die sich damals in der
eitun
schwierlgflen Zeit bewährt habe. Die Finanzlage sei schlimmer gewesen, als man allgemein gedacht habe, der Bankerott habe vor der Türe gestanden. Alle Stände seien bald Kostgänger des Recks gewesen. Der passive Widerstand habe damals ausgegeben werden müssen. Der Redner gedachte dann der Verdienste HelfferichS um die Stabilisierungsidee und der Beratungen, welche die Dllkspartei mit diesem darüber gepflogen. Bei der Rentenmark habe daS Ermächttgungsgesetz am meisten mitgewirkt, das sei die starke Tat gewesen. In den Wahlaufrufen würde es vielfach anders gesagt. Das Kabinett Ettesemann habe auch noch wettere starke Beschlüsse gefaßt, toic her Redner deS Näheren ausführte. Zn Thüringen sei man glücklich über die starken Enffchlüsse, sie hätten Ordnung geschaffen. Die Politik Stre- f ernannt sei, wie man jetzt sehe, die richttge gewesen. Das Kabinett sei gefallen, weil die Sozml- demokrotie nicht mehr mttgemacht habe. Nachdem sich der Redner auch über die großen Probleme der Arßenpoliffk verbreitet hatte, schilderte er die Fragen der inneren Politik, wie sie sich jetzt gestalten müsse. Die Wirtschaft müsse gehoben und aufgebaut werden, damit wir auf dem Weltmarkt konkurrieren könnten. Es gebe nur einen Weg, den Gedanken der Arbeitsgemeinschaft, mit Macht sei nichts zu wollen. Das müßten beide Teile begreifen, denn der Klassenkampf sei ein Anqlück. Das seien so in großen Zügen die Ziele der Deutschen Volkspartei. Ferner befchäfttgte fich der Redner mP den anderen Parteien und dem neuen Reichstag. Mit der Sozialdemokratie sei wohl in Zukunft ein Zusammenarbeiten nicht gut möglich, wie e- des Näheren ausführte. Die deutschnatio- uale Partei müsse sich besinnen und der Arbeitsgemeinschaft beitteten, wenn es auch für sie einige Aeberwindung koste. Die Volkspartei sei wegen Ihrer Kompromisse immer angegriffen worden, das sei sehr bedauerlich. Für Trümmerpolittk sei seine Partei niemals zu haben, damtt wäre nichts zu erreichen. Ohne Kompromiß sei doch nichts zu wollen, beide Teile müßten ihr Bestes geben, wie bei einer Ehe. So habe schon Bismarck gedacht, wie der Redner an Beispielen aus dem Leben dieses Staatsmannes barlegte. Wir möchten den Ruf aus dem Sachsenwalde nicht überhören. Er gebe die Hoffnung nicht auf, daß ein Wandel eintrete und er bedauere, dah ein Mann wie Helf- serich fehle. Der Vortragende beschäftigte sich auch mit ten Zdealisten, die von Rußland Hilfe erhofften, das seien gefährliche Experimente. Das Gegenstück sei die Zugend, die auch in falsche Bahnen gelenkt würde, wie sehr die nationale Begeiste rung soitzst begrüßt werden könne. Man dürfe immer die wirtschaftlichen Gesetze nicht vergessen und sich nicht in Illusionen ergehen. Er wies dabei wieder auf Bismarck und Freihercn d. Stein hin. Letzterer habe niemals mtt dem Säbel gerasselt, aber er habe diesen geschliffen (Beifall). Wenn die Stunde komme, müßten wir stehen wie im August 1914. Die Zugend müsse sich bemühen, pv- listscher zu denken, nur der feste Wille könne uns retten, nicht das laute Wort am falschen Plag. Die meisten der vielen Parteien seien ein Ausfluß der Bierbankpolitik, das sei Wahnsinn. Auf Eiuzelftagen dürfe man sich nicht einstellen. Dazu gehörten auch die hessischen und welfischen Bestrebungen, die gefährlich wären. Deuffchland brauche ein starkes Preußen. Der Redner ermahnte zum Schluß, mit aller Kraft sür die Deutsche Volkspartei zu werben. Auf zur Wahl, Jeder tue seine Pflicht, dann kehren wir amch zur dcuffchen Freihett zurück (Beifall).
Herr Studienrat Heintze zollte als ein-
«Zweites Blar^
*W. '
Nr. 103
Freitag, 2. Mai
1924
cüger Diskussionsredner dem Gehörten vollen 'Lei» fall, auch die deutschnativnale Volkspartei sei für den Zusammenschluß. Nur in einigen Frage« stimme feine Partei nicht mit der Deutschen Volks» Partei überein. Er nannte verschiedene Abstimmungen, das Gesetz zum Schutze der Republik, da« Beileid bei dem Untergang der „Dixmuiden" und wies auch noch auf einige andere Trennungsun- teischiede hin. Zweifellos komme der Zug nach rechts, da« zeigte die Abttennung bei der Deutschen DolksbaNel, ein Teil sei für eine bürgerliche Regierung ohne Sozialdemokratie. (Beifall.) Dr. «tolle erteihe-t? in seinem Schlußwortzdaß man immer die gleichen Einwände höre. Es sei ein Fehler, Bet der Regierung nicht mttarbeiten zu wollen: das. was die Sozialdemokratie Nützliches geleistet habe, müsse man doch anerkennen. Zn schwerster Zett Hütten sich Ebert und Noske Verdienste erworben, sonst wäre das Chaos noch größer geworden. Gefühl rich sei die äußerste Linke der Sozialdemokratie, die müsse man bekämpfen. Der Geist bet Zukunft müsse der von 1914 fein. Der Redner erinnerte ferner an die Gesetze zur Erhaltung der Rentc nmark, man solle doch die Arbeit der Koa- littlV nicht erschweren. Eine kluge Politik bereite vor. man dürfe sich nicht aus der Macht drängen lassen. Zn solchen Verhältnissen müsse man auch manches Anangenehme in Kauf nehmen und den Parteifanattsmus nicht auf die Höhe treiben. Was die Nattonalliberale Vereinigung an» belange, so zeige sich hier in gewisser Hinsicht die Stärke der Deutschen Volkspartei. Der Weg der Verständigung müsse überall gesucht werden, dann tarnen wir auch wieder hoch (Beifall). Damtt hatte die Versammlung ihr Ende erreicht.
Wahlversammlung der kommunistische« Bartet.
Drr Wah'kampf geht seinem Ende entgegen unb aus diesem Grund wird von den Parteien jede Gelegenheit benutzt, die Wählerschaft über die Ziele der Parteien auszuklären. Sv fand vorgestern Mend in der Fksthalle auf dem Zuxplatz eine kommunisti» sche Versammlung statt, in welcher Landtagsabge» ordncter Müller-Stuttgart über „Bankrott des Parlam entarismus" sprach. Der Referent beschäftigte sich besonders mtt der Tätigkeit der Sozialdemokratie ir> den letzten fünf Zähren und kommt zu h?’.n Ergebnis, daß diese vollkommen versagt habe. Auch die Rentenmark mußte herhalten. Der Vcrrfcll unseres Geldes sei vom Großkapital aus» gegangen und diese hätten sich auf Kosten der Arbeite' die Taschen gefüllt. Die Stabilisierung unserer Währung sei nicht zu halten und mar gehe einer neuen Inflationszeit entgegen. Dir völkische Bewegung nahm der Redner nicht ernst. Die S)offnvngen, die die deutschen Arbeiter auf die englische Arbeiterregierung gesetzt hatten, seien nicht erfüllt worden. Mac Donald, der 2. Vorsitzende der ?. Zitternationale, habe vollkommen versagt, Er habe von Qlbrüftung gesprochen und habet nein Kriegsschiffe und Flugzeuge gebaut. Interessant war es zu hören, wie sich der Referent eine Besserung in Deuffchland denkt. Bei ihm ist e» vollkommen klar, daß eine Verbindung mit Rußland die Franzosen aus dem deutschen Lande jagt. Sowjet-Rußland schildert der Redner als dep modernsten Staat; da würde der Arbeiter mit 80 bis SCic'e vom Friedenslohn bezahlt. Rußland ist seine Hoffnung. Zur Aussprache meldete sich nie- mend und so konnte der Referent sein Schlußwort kurz fassen, indem er nochmals das Land der Hoffnung schilderte. Hierauf konnte die sehr ruhig verlaufen: Tetjamm'unj geschlossen werden. G.
f Nachdruck verboten.
Die Herrveghs.
Roman von Liesbet Dill.
Nrhcberiecht bei M. Feuchtwanoer, Halle a. S.
18. Fortsetzung
Die neu angekaufte Fabrik war auf sumpfigem Gelände erbaut und bei Aeberschwemmungen waren diese Erdrutsche unvermeidlich. Man hatte schon .früher davon gehört, aber doch nicht damit ge- " rechnet, daß der Boden so leicht nachgab.
' Diese Bodenbeschaffenheit machte Ernst die größte Sorge Er tonnte es daher unmöglich so tragisch nehmen, daß ihm Grete unter Tränen verkündete, daß die Köchin mitten im Monat gekündigt hatte, „ilnfet Emma geht! Es wttl mit einer Kur» hauSwanzc nach Belgien, denk nur!" Ereignisse, die in des Wirtschaftsleben einschnitten, nahm Grete immer sehr ernst, denn sie brachten Anbequemlich- Icitcn.
DaS Whistkränzchen tagte heute bei Fräulein Schmidt. Die Silbereisen, eine hagere blitzsaubere Sevierfrau, welche im Nebenamt Büglerin war, half den Damen im geheizten Schlafzimmer ablegen. And da alle fast gleichzeitig kamen, füllte Fräulein 'Schmidts Schlafzimmer ein fröhliches Stimmendurcheinander.
Dir behäbige Frau SanttätSrat Ostermann, die blonde Frau Zustiziai Huppert, Frau Cberbaurat Lengenich vertraten die Beamtenschaft. Sie verwitwete Frau PistoriuS führte eine Familienpension in der Rheinsttaße, aber keine „Pension Metropole", in die man mit zugelegten Grafentiieln segelte, sondern ein blankes, gut bürgerliches Haus mit rheinischer Küche und einem Haushalt, der wie cm Schnürchen lief — Fräulein Rettig, eine reiche Rentnerin, die „auch bei der Anverzagt arbeiten ließ", nahm ihrer scharfen Zunge wegen eine füh- «nde« Stellung im Whistkränzchen ein. Sie ge
hörte zu den regelmäßigen Kurhausbesucherinnen, die lein Aachmittagskonzert versäumen, hätte sich aber sehr verbeten, etwa zu der Kolonne der Cello- taute gerechnet zu werden. Sie und die PistoriuS bertraien die gediegene rheinische Bürgerschaft, die Generalin und die Majorin dagegen die „Gesellschaft" Rheinaus Frau d. Herwegh hatte aber deshalb doch der Rettig den Platz auf dem grünen Rivssosa neben der Generalin überlassen. Sie legte keinen Wert auf Ehrungen und plauderte lieber mit wem sie gerade Lust hatte. Tante Betty umgab immer noch etwas nordische Eislutt.
Wenn etwas in diesem Kreis geschehen war, das geheim bleiben sollte, pflegte jeder, der zu dem Whistkränzchen gehörte, zu sagen: „Erzählt es nm Gotteswillen nicht im Kränzchen".
Di; Rheinauer Damen waren begeistette Hessen- Nassauerinnen oder Kasselanerinnen, das war wieder „ganz was anderes". Die gingen sie gar nichts an. Obwohl dieses Land unter Preußens Herrschaft groß geworden und feinen Auffchwung erlebt batte, betonten sie doch bei pvlittschen Anter- Haltungen stets die Mußpreuhinnen, die sie fett 1867 waren.
Alle waren wohlhabend, ließen alle Endsilben aus, und es ging unter ihnen immer sehr vergnügt und etwas geräuschvoll zu, denn die meisten kannten sich noch von der Schule her.
Da für Liane Whistkränzchen nicht eriftierten, so ignorierte dieses natürlich auch Liane. Für die Whistdamen hatte Frau v. Herwegh nur Söhne.
«Die gute Frau Major" war gewiß keine Erzieherin. Sie war nur darauf bedacht, ihren Kindern ein Heim zu bereiten, in dem sie sich wohl- sühlten wie in einem warmen Nest.
„Aber es war doch nicht das Richtige".
Jungens wie Herbert mußten Prügel beziehen statt Taschengeld. Fräulein Schmidt nahm zuweilen den Lümmel ins Gebet, während er ihr mit allen Monteurkniffen die elektrische Leitung, ausbesserte.
„Was willst du denn werde, wann du bei Einjähriges nit hascht?" Dann lachte ihr der Dengel ins Gesicht. „Cs gibt ja Gott sei Dank auch noch freie Berufe".
lieber Herrn Lutz war man auch orientiert. Aber er entwaffnete jede Dame schon allein durch feinen ritterlichen Handkuß. „Er hatte nun mal so was", fand selbst die bissige Rettig.
An Ernst Var nichts auszusetzen, man gönnte Hm seinen Errol- von Herzen, er war ein guter Sohn, ein tadelloser Ehemann und „trug feine Frau auf Händen". Was wollte man mehr?
And er grüßte alle Damen schon von weitern mit dieser weltgewinnenden Herwegh'schen Artigkeit, die leider Liane nicht geerbt hatte.
Wenn Fräulein Schmidt in Wiedergabe des wolkenlosen ehelichen Glücks des jungen Paares schwelgte, so ließ man ihr das Vergnügen. Vielleicht war es wirklich so. Man hatte sich herbei- gelassen, auch „die langweilig' Kvllin" in« Kränzchen auszunehmen, obwohl sie schlecht Whist spielte und nie etwas von Bedeutung sagte.
Aber dafür sagte die Tochter um fo mehr.
„Denkt euch mal, unser Emma geht", platzte Grete heute in das versammelte Kränzchen.
„Ach du lieber Gott", entfuhr es ihrer Mutter. „So ein gutes Mädchen! Drei Zahre war sie bei uns, und achtzig Mark hat sie bekommen!" Auch die anderen beteuerten ihr Mitgefühl. Nachdem sich Mama Herwegh. Tante Betty und Fräulein Schmidt erboten hatten, sich gleich morgen strahlenförmig in die Stadt auf die Suche nach einem neuen Mädchen zu begeben, beruhigte sich die junge Frau endlich und nahm von den duftenden Krep- Prln, die ihr Fräulein Schmidt hinschob. Sie waren in Butter gebacken und mit rheinischem Apfelkraut gefüllt. And man ging zu anderen Themen über
„Von meinem Wann hab' ich rein gar nichts mehr", beklagte sich die junge Frau, „feit er die greuliche Eppenhausener Geschichte hat" And nun
kamen die Erdrutsche, die neue Fabrik, der eingerissene Ringofen, die verlorenen Vorräte und daschlechte Gelände.
„Daß er sich aber auch so eine Fabrik auf den Hals lädt", fand Frau Zustizrat Huppert, deren Schwiegersohn ebenfalls Anwalt war, aber „noch sehr zu kämpfen hatte". Er hatte wenig Zulauf und mußte von den Schwiegerevern unterstützt werden. i
„And dabei die Praxis!" rief Fräulein Schmiütz welche die Kuchen in ständiger Bewegung hielt; Stteuselkuchen. Speckkuchen und Blätterteigkuchen, des Landes Spezialität. And eben trug die Silber-» eisen große Rhabarberkuchen, Käskuchen, Zwetschenkuchen mit Rahmsvße herein. I
„Nachher geb’ ich Ihnen von meinem Speckkuchen mit“, flüsterte Fräulein Schmidt zärtlich Grete zu. „Den ißt er fo gerne“. Ernst war nun einmal ihr Liebling. Sie konnte nie genug von ihm und feiner Praxis hören. j
„Denke Sie mal, Frau PistoriuS, jetzt komm» schon die Fremde daher und bringe dem Hey Rechtsanwalt ihre Schmuck ins Haus". 4
„Ei so was war ja noch nit“. Die Damen legtet die Häkelarbeiten hin. „Für was taten sie ihr denn nlch< zum Bankier ins Safe?" >
War et denn auch gesichert, daß er ihm nictt wegkam? Man hatte doch schon fo manjrs gchkR von jungen leichtfinnigen Schreibern?... !
„Ach, der liegt schon sicher“, sagte Grete. „El hat ja fein Geldschrankzimmer mit vergitterten Fem, stern und dvppeller Wand, in das nur er und Hevi Bantelmann kommt". s
„Ist der Bantelmann auch ganz sicher?" wurbtz sie gefragt. So ein Mann hatte doch auch seiotz Anwandlungen. |
Grete lächelte. „Bantelmann! Der zwanzig^ Jahre beim Zustizrat Ehrlich Dureauvorsteh« war!" v
(Fortsetzung folgt}