Samsung, den 28. Mai 19 2.
„Siebener Zeitung"
Nr. 21.
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Vielen ist es noch nicht klar geworden, daß ein großer Teil unserer Strantbeiten auf eine unzweckmäßige Ernährung zu- rückzufUhrcn ist. Eine richtige Ernährung ist in• folgedessen bie beste Vorbeugungsmaßnahme für eine mögliche Erkrankung. Aus diesen Gründen erschien es der obersten Behörde für Volksgesundheit, dem Retchsgesundheitsamt. als eine dringliche und dankenswerte Aufgabe, praktische Richtlinien für eine gesunde Volksernährung zu bieten, die den deutschen wirtschaftlichen Verhältnissen und dem Einkommen breiter Bevölke- rungsschichten entsprechen. Wir wollen von diesen Richtlinien des Reichsgcsundyeitsamtes berichten und haben einige Autoritäten auf dem Gebiete der Ernährung ersucht, auch ihrerseits sich zu einem der wichtigsten Probleme unserer Tage zu äußern.
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Wenn es stimmt, daß in heutiger Zeit vier Fünftel des Einkommens der Deutschen durch dieHände der Hausfrauen geht, wenn hiervon der weitaus größte Teil für die Ernährung verwendet wird, dann kann man Die Verantwortung ermessen, die die Hausfrauen als Verwalterinnen des größten Teiles des Volksvermögens zu tragen haben In Den Praktischen Winken einer zweckmäßigen Ernährung, die das Reichsgesundheitsamt hcrausgcbracht hat, sind die Folgerungen aus Den neuesten wissenschaftlichen und Volks- und landwirtschaftlichen Erkenntnissen gezogen.
„Gerade dies ist von außerordentlicher Wichtigkeit" — so sagt das Rcichsgcsundhcitsamt —, „Denn noch immer führen wir für Hunderte von Millionen ausländische Nahrungsmittel in Deutschland ein, ohne daß dies unbedingt notwendig wäre. Die Bevorzugung der Produktivn der heimischen Scholle ist ein wirtschaftliches Gebotder Stunde. Es ist durchzuführen, ohne daß dte Gesundheit des Volkes und die Vollwertigkeil seiner Nahrungsmittel zu leiden haben.
Eine Ernährung mit hygienisch einwandfreier, ausreichender, abwechslungsreicher wohlschmeckender und zugleich billiger Kost für die Familie zu schaffen, ist eine Aufgabe, für die eine Hausfrau Nachdenken und Erfahrung benötigt, wenn sie Die ihr zur Verfügung stehenden Mittel, die allgemein ein Drittel bis zur Hälfte Der Gesamtausgaben betragen, möglichst wirtschaftlich und zweckentsprechend für die Ernährung verwenden will. Diese mühevolle, zugleich aber dankbare Lebensaufgabe zu erfüllen soll die Hausfrau jederzeit nach besten Kräften bestrebt sein. Sie wird dadurch nicht weniger zur Erhaltung des Wohlbefindens, der Gesundheit und Der Zufriedenheit der Familie beitragen als der Mann durch seinen Arbeitsverdienst."
Das Reichsgesundhettsamt macht aber auch aus eine Reihe von Vorurteilen aufmerksam, die Verhängnis- vollerwcise tm Interesse unserer Ernährung ebenso als in dem der Volkswirtschaft gegen das eine ober andere bekannte Nahrungsmittel — wie z. B. gegen das weiße Gold der Landwirtschaft, nämlich den Zucker, so wie ihn unsere Zuckerfabriken liefern — vorhanden sind
Der Nestor der deutschen Ernährungswissenschaft, der Führer des „Retchsverein Volksernährung", Geh. Rat Pros. Dr. M. Faßbender, den wir um Äußerungen baten, erkennt vor allem in der Ansicht, daß die teuren Nahrungs- mittel gleichzeitig auch bie besten seien, das stärkste Vorurteil für eine gesunde und zweckmäßige Ernährung Er führte unserem Mitarbeiter gegenüber folgendes aus:
„Es gibt Nahrungsmittel, die von der großen Masse der Bevölkerung noch immer überschätzt werden, sozusagen „zum guten Ton" gehören. Es ist aber gar nicht notwendig, daß die Fleischspeise tn erster Linie Hauptmahlzeit der täglichen Nah- rung sein müsse. Ganz im Gegenteil, die neue Nahrungs- Wissenschaft empfiehlt mit Recht eine viel stärkere Beobachtung der Obst- und Gemüsespeisen
Auf alle Fälle ist jede Einseitigkeit in der Ernährung vom Übel. Bet der Zusammenstellung der Mahlzeiten muß die Gesamtkost aller lebenswichtigen und gesundheitsnotwendigen Stoffe enthalten sein, so daß Die Nahrung abwechslungsreich und auch geschmackvoll wird Schmackhafte Zubereitung ist für die Ernährung in hohem Grade förderlich Minimal gesehen, muß die Hausfrau pro Kilogramm Körpergewicht 1 Gramm Eiweiß, 1 Gramm Fett und 5 bis 6 Gramm Kohlehydrate unbedingt rechnen.
über den Wert der verschiedenen Nahrungsmittel sind oft falsche Vorstellungen vorhanden. Unsere gute Kartoffel ist ein unvergleichlich wichtiges und billiges Nahrungsmittel. Sie birgt einen hohen Wert an Näbrsalzcn und Vitaminen in sich. Die geschickte Hausfrau kann aus ihr zahlreiche Gerichte machen.
Auch das Brot ist ein billiger Krastspender. Im allgemeinen sollte man die dunkleren Brotsorten vorziehen. Ganz besonders hat sich in letzter Zeit das deutsche Knäckebrot ein- Seführt, das aus lOOvrozentig gemahlenem Roggen als ^uspriges Fladenbroi hergestellt wird und sich durch seinen hohen Nähr- und SäMguugswert auszeichnet.
Unser Weitzer Freund, der Zucker, der ja im eigenen Lande in ausreichender Menge vorhanden ist, ist ein recht billiger Kodlehndratträger. Da er nicht erst durch die Tätigkeit des
Vcrdauungsapparaics zerlegt werden muß, tritt er ganz besonders schnell ins Blut und in unsere Gewebe über und ist somit ein leicht verdauliches und kräftiges Nahrungsmittel. Dieser Erkenntnis müßten wir durch Rezepte über Obst und Süßspeisen Rechnung tragen. Darüber hinaus sollte man sich daran gewöhnen, daß btefc zuckerhaltigen Speisen auch als Hauptmahlzeit cinzunchmen sind Gerade hierdurch wird der wöchentliche Küchenzettel abwechslungsreich. Ihre Herstellung ist billig. Ihr Nährwert ausgezeichnet."
Gar kein Zufall, daß der Gelehrte in seinen Ausführungen auf Den Zucker zu sprechen kam Dieses populäre Nahrungs- mittel ist ein sehr gutes Beispiel, um den Zusammenhang zwischen Ernährung und Volkswirtschaft zu erläutern. Wir führen kaum Zucker in Deutschland ein, da er genügend auch bei uns vorhanden ist Tie ärztliche Wissenschaft steht aus dem Standpunkt, daß Zucker nicht nur als Süßmittel, sondern auch als leistungstcigerndes Krastmittel in der täglichen Kost ausreichend vorhanden sein muß.
Der vorhandene Überfluß, den wir leider nicht bet vielen Produktionen fcststellcn können, ist im Grunde recht erfreulich. Ihn durch Einschränkung des Rübenanbaus etwa beseitigen zu wollen, ist absolut auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht durchführbar Erfahrene Landwirte haben immer wieder festgestelll, daß eine Verminderung des Rübenanbaus gleich, bedeutend wäre mit einer Verschlechterung des Ackerbodens, mit einer Steigerung der Einfuhr an Körnerfrüchten für die menschliche Ernährung.
Selten fallen bei einem Nahrungsmittel so wie beim Zucker — und dieser ist ein gutes Beispiel für unser Nachdenken über die richtige Ernährung — die Erfordernisse der Landwirtschaft mit denen Der Gesundheit so zusammen. In vielen Kreisen werden diese Gesichtspunkte oft übersehen. So z B. in den so- genannten Reformlreisen.
Die Ernährungsreform steht längst nicht mehr auf dem Standpunkt, daß der weiße Zucker, das deutsche Produkt, minderwertiger gegenüber den ausländischen Erzeugnissen sei, oder daß er gar irgendwelche Gesundheilsschäden verursachen könne. Auch die Zerstörung des Gebisses kann nicht einseitig Dem Zuckergenuß zur Last gelegt werden Man hört ja oft eine derartige Behauptung, die aber auf mißverstandene Auslegungen wissenschaftlicher Versuche zurückzuführen ist.
„Da hat einmal Prof. Bunge aus Basel" — so führte der bekannte Führer der wissenschaftlichen Lebensreform, Herr
Tie süße Speise ist doch immer die beste. So sagt auch die Wissenschaft, die den Zucker als leistungsstcigcrndes Krastmittel anerkennt.
Gregor, unserm Mitarbeiter gegenüber aus — „Dünnschliffe von Zähnen in eine starke Zuckerlösung gelegt und sodann fest» gestellt, daß unser diesen Bedingungen, die doch beim lebendi- gen Menschen überhaupt nicht angetroffen werden, die Zuckerlösung schädlich, nämlich entkalkend auf die Zähne einwirkt. Aus diesem Experiment, dessen Ergebnisse Prof. Bunge längst berichtigte und die auch als falsch bezeichnet wurden, hat man immer wieder falsche Schlüsse gezogen, weil man Damit geschäftliche Interessen „wissenschaftlich" begründen wollte. Tatsächlich sind schädliche Wirkungen durch den Zuckergenuß nicht 'estzustellen Wiederholt erfolgten in neuerer Zeit von verschiedenen Gelehrten Untersuchungen, aus denen hcrvorgehl, daß weder Die Zuckerkrankheil eine Folge des Zuckergenusses ist, noch daß Der Genuß von Zucker und Süßigkeiten schädliche Einwirkungen auf die Zähne oder die Knochen bzw. den Gc- samtorganismus ausübte. Auch in unserer Bewegung ivar cs des öfteren notwendig, Behauptungen über die Schädlichkeit des Zuckers zurückzuweisen. Und ich möchte deshalb gerne die Gelegenheit benutzen, um in diesem Zusammenhang noch auf einen anderen Gedankengang in der Zuckerdiskusston einzugehen. Man hat oft behauptet, der Roh- oder braune Zucker habe gegenüber dem weißen Zucker, wie er von der deutschen Zuckerlnoustrie geliefert wird, besondere Vorteile für die Er- nährung. Hierbei ging man von dem theoretisch an sich richtigen Gesichtspunkt aus, daß die Nahrungsmittel in ihrem vollen Wert zur menschlichen Ernährung verwandt werden.
Durch das Streben nach Vollwertigkeit wird die Reis- und Zuckerfrage, die in der Nesormbewegung der Vorkriegszeit — wenn auch zu Unrecht — einen breiten Raum einnahm, besser verständlich. Die Reformhäuser als Sonderaeschäfte für neuzeitliche Ernährung propagierten stark den Reis mit Silber- Häutchen, also unpoliert und nicht weiß, und den nicht durch- raffinierten braunen Zucker. Dem letzteren sprach man einen hohen Mineralstoffgehalt zu und nahm an, daß er besser fei als der durchraffinierte Weiße Zucker.
Genaue Betrachtungen — wie sie z. B. von dem bekannten Ernährungswissenschaftler Dr. Ragnar-Berg, dem Mitarbeiter des Deutschen Hygiene-Museums, anaestellt wurden, zeigen jedoch, daß praktische Unterschiede in oer Ernährung zwischen dem braunen uno Weißen Zucker gar nicht zu machen seien. Durch derartig theoretisch übertriebene Spitzfindigkeiten, bie einer wissenschaftlichen Analyse auch nach dem Urteil des Neichsgesundhettsamtes nicht standhalten, verdirbt man sich , ganz einfach den sehr gcfuHDen Appetit nach dem Süßen, und Dem Irajb und kalorienspendenden Zucker.
Es hieße der deutschen Landwirtschaft einen schlechten Dienst erweisen, wollte man durch einen falsch geleiteten Er- rrährunasinstinlt chr dieses weiße Gold in feinem Wert für die Volksernähruna schmälern.
praktische Klinke.
Billiges Eiweiß.
In der letzten Zeit sind eine große Anzahl von Anbau- versuchen der Sojabohne in Deutschland glücklich durchgcsübrt worden. Seit Iahrtausrnven ist diese Hülsensruchl in Asien als die eigentliche Eiweißquellc der Volksernährung bekannt. Etwa 40 Prozent besitzt dieses unerhörte Naturprodukt an Eiweiß, dazu 20 Prozent Fett, und außer Kohlehydraten sehr viel Lezithin, Nährsalze und Vitamine. Bisher waren für Den Westeuropäer Die nach ostasiatischem Verfahren entbütenen Bohnen kaum geießbar. Vor kurzem gelang es einem bekannten Ernährungsforscher durch ein neues Verfahren den wertvollen Eiweißgehalt der Sojabohne in Form eines mehlartigen Pulvers. Dem „Edelsoya", dem verwöhnten Gaumen des Europäers zugänglich zu machen Im Durchschnitt müssen in unserer täglichen Ernährung etwa 100 Gramm Eiweiß und 3000 Kalorien enthalten sein Während die nötigen Kalorien in vielen, sehr billigen Nahrungsmitteln reichlich vorhanden sind, sind wir zur Befriedigung unseres Eiweißbedarfes im hohem Maße auf meist recht teure tierische Produkte wie Fleisch und Eier angewiesen Leider besteht kein Zweifel, daß zumindest den vielen Millionen unserer Arbeitslosen. Kurzarbeitern und Sozialrentner,' die Mittel zur Anschaffung der teuren eiweißhaltigen Nahrungsmittel fehlen. Man schätzt den Wert der Einfuhr an Futtermitteln, die die Landwirtschaft braucht, um die nötigen Mengen Fleisch zu erzeugen, aus etwa 1,3 Milliarden Mark, d. b 06 Prozent des deutschen Fleischkonsums stammen aus ausländischen Futtermitteln 290 Millionen im Jahr wandern ins Ausland, für etwa 6 Milliarden Eier, das sind % unseres Eierkonsums!
Ein Kilo Edelsoya entspricht einem Nährwert von 2 bis 3 Kilogramm knochenlosem Rindfleisch ober 58 Eiern ober 6 bis 7 Litern Milch Edelsoya wird nicht in reiner Form ver- braucht, sondern kann als Zusatz zu fast allen Speisen verwendet werden, deren gewohnten Geschmack es nicht im geringsten verändert.
Man nimmt Edelsoya zu Suppen. Soßen, Kar- toffelspetsen, zu Gemüse, zu Fleischgerichten, bei denen Hackfleisch in Frage kommt, wie z B Buletten, falschen Hasen, Königsberger Klopse. Kohlrouladen, zum Panieren von Vratsachen, zu Mehlspeisen, Teigwaren, Pudding, Gebäck, Kuchen und Schokolade u. a m Brot wird bei einem Gehalt von 12 Prozent Edelsoya nicht nur viel nahrhafter und haltbarer, sondern kostet statt 47 Pfg. nur noch 41 Pfg.
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Beelzebub.
Baal-Sebub, den Herrn des Geschmeißes, nannten die Phönizier den bösen Geist, der der Menschheit feindlich ist, und Beelzebub, den obersten der Teufel, haben ihre Nachbarn, die Israeliten, aus dem Fliegengott gemacht
Im Orient bat man immer gewußt, daß alles Raubzeug itnb alle Giftschlangen zusammengenommen verhältnismäßig harmlos sind im Vergleich mit den Heerscharen der saugenden und stechenden Teufelchcn, die die Landplage der warmen Länder bilden
Aber auch unser geniäßigtes Klima hat Beelzebub mit seinen Abgesandten durchaus nicht verschont. Nur sind es in erster Linie die nagenden und bohrenden Feinde aus dem Insektcngeschlechre, Die uns durch ihre heimliche Tätigkeit schädigen.
Fast jeder Stand hat seine besondere Plage Dem Forstmann verwüstet die Nonne Die sorgsam gepflegten Wälder: dem Müller verderben die Mehlmottcn seine Vorräte oft bis zur Unbrauchbarkeit. Und einen jeden von uns ohne Ansehen des Berufes und Standes schädigt die Kleidermotte, in deren fruchtloser Bekämpfung unsere Hausfrauen bisher jahrein, lahraus ihre Kräfte erschöpft haben
Aber allen, die von Insektenfeinden bedroht und geschädigt werden, ist in den letzten Jahrzehnten die Wissenschaft in der Erkenntnis der ungeheuren Bedeutung der Schädlingsbekämpfung zu Hilfe gekommen Der Forstmann hat gelernt, seine Wälder vom Flugzeug aus mit Arsen zu bestäuben; der Weber und der Müller vergasen ihre Werke von Zeit zu Zeit mit Blausäure Am besten aber ist die umsichtige Hausfrau bei diesem Kampfe der Wissenschaft gegen die feindlichen Mächte weggekommcn Ihr bat der Fabrikant der von den Motten bedrohten Waren aus Wolle, Haaren und Pelzen die Arbeit abgenommen. Er behandelt sie bereits bei deren Herstellung mit Eulan das ihm die chemische Industrie liefert, und macht für die Mottenraupen damit alles Material, das ihnen sonst als Nahrung diente, für immer ungenießbar. Damit haben die Wissenschaft und Industrie durch planvolle Zusammenarbeit Der fortschrittlichen Hausfrau die Macht in Die .^anb geaeben, wenigstens diesen Dienern Beelzebubs den Platz in ihrem Haus für alle Zukunft zu verwehren.
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