Samstag, den 26. November 1932.
„Gießener Zeitung"
Nr. 47
Metern erreicht. Im Verlaufe der Nacht wurde die Temperatur aber gelinder, so baß die weiße Herrlichkeit zum größten Teil wieder dahinschmolz.
80 000 RM. Defizit in Butzbach.
Butzbach. Infolge groher Steuerausfälle, erheblichen Ansteigens der Wohlfahrtsausgaben usw. ergibt sich für die Stadt Butzbach ein Fehlbetrag von fast 80 000 RM. Die Stadt Butzbach muß nun, um Reichszuschüsse zu erhalten, die unter dem Landessatz liegende Grund- und Eebäudesteuer um 70 Prozent und die Steuer für landwirtschaftliche Grundstücke um etwa 18 Prozent erhöhen.
Bad Nauheim. Die Handwerkskammer Darmstadt verlieh Schmiedemeister Ohl anläßlich seines 80. Geburtstages den Ehrenmeisterbrief. Dieselbe Auszeichnung wurde durch den Vorsitzenden der Handwerkskammernebenst. Friedberg Schloster- meister Heß überreicht.
Bad Nauheim. Bis zum 24. November 1932 betrug der Gesa mtbesuch 25018 Gäste, darunter 3985 Ausländer.
Angersbach. Ausgrabungen vorgeschichtlicher Grabstätten haben in letzter Zeit wiederum an dem Ringberg zwischen hier und Willofs stattgefunden. Es wurden mehrere Gräber angeschnitten. Die Gräber stammen aus der Zeit von 2000—3000 vor Christi.
Darmstadt. Das Schwurgericht verurteilte am Dienstag die Ehefrau Joest aus Niederliebersbach im Odenwald "wegen Totschlages an ihrem Manne zu acht Jahren Zuchthaus.
Darmstadt. Infolge eines Kurzschlusses entstand am Donners^» ^vormittag im Hessischen Landestheater ein kleiner Brand an dem zum Schnürboden führer^en Vorhang. Durch das Ingangsetzen der Berieselungsanlage wurde jede Gefahr für das Theater sofort ausgeschlossen. Die alarmierte Feuerwehr brauchte gar nicht mehr in Aktion zu treten.
Marburg. Bei den Erdarbeitungsarbeiten zum Bau der Kraftverkehrsumgehungsstraße am Kaffweg unterhalb der Hansen-Häuser explodierte am Mittwoch gegen 8.30 Uhr eine Sprengkapsel, bei der ein junger Arbeiter tödlich und drei schwer verletzt wurden. Ein weiterer Arbeiter erhielt einen Nervenschock.'
12 Millionen RM. Defizit im Frankfurter Haushalt.
Frankfurt a. M. Der Magistrat der Stadt Frankfurt hat der Stadtverordnetenversammlung eine Vorlage über den Ablauf des ordentlichen Haushalts 1932 auf Grund der Wirtschaftsberichte nach dem Stand von Ende September zugehen lassen. Danach ist mit einem tatsächlichen Defizitbetrag von rund 12 Mill. NM. für das laufende Etatsjahr zu rechnen.
Todesopfer eines alten Leichtsinns.
Frankfurt a. M. Donnerstag mittag ereignete sich in der Hanauer Landstraße ein chwerer Unfall, dem ein junges Menschenleben zum Opfer fiel. Ein 26 Jahre alter Kaufmann aus Bruchköbel fuhr auf seinem Fahrrad die Hanauer Landstraße hinab und hing sich mit der einen Hand an einen Lastkraftwagen. Er hielt sich dabei in der Höhe der Vorderräder. Der Radfahrer geriet mit seinem Rad in die Trambahnschienen, stürzte und kam unter den Lastkraftwagen zu liegen, dessen Hinterrad ihm über den Kopf ging. Er war sofort tot.
Wiesbaden. Dr. Paul Müller, Mitinhaber der Sektkellerei Matthäus Müller aus Eltville, ist in der vergangenen Nacht auf der Straße von Wiesbaden-Nierstein nach Niederwalluf mit seinem Kraftwagen tödlich verunglückt.
Der Silberschatz unter der Küche.
Simmern (Hunsrück). Eine überraschende Entdeckung machte bei Umbauarbeiten ein Landwirt in Tiefenbach. Er entdeckte unter der Küche einen Hohlraum, in dem sich ein Topf mit alten Silbermünzen aus der Zeit um 1760 befand. Etwa 40 Pfund der Geldstücke, die heute einen ganz netten Liebhaberwert haben dürften, barg der geheimnisvolle Topf.
Betrachtungen zum Programm des SüdwesttunkS.
Am vergangenen Samstag sprach im Rundfunk Dr. Schüller, Vorstand des Südwestfunks, über „Betrachtungen zum Programm" und führte dabei unter anderem aus, daß es oberste Aufgabe der Rundfunkleitung sei, den Rundfunk in den Organismus des gesamten Volkes einzufügen. Der Rundfunk müsse die Widerstandskraft des Volkes dadurch erhöhen, daß er ihm in erster Linie für die Zukunft richtunggebende Kräfte der Gegenwart zuführe, ebenso noch lebendige Kräfte der Vergangenheit. In seinen ersten Jahren habe der Rundfunk die Theorie gehabt, Spiegelbild der Zeit sein zu wollen. Der Rundfunk könne und müsse seiner alten „Spiegelbild der Zeit" sein zu wollen, die Theorie „Wegweiser in der Zeit" sein zu wollen entgegensetzen. Nicht der absolute Wert der Darbietung dürfe allein maßgeblich sein, sondern vornehmlich der Wert, den die Darbietung für das deutsche Volk in seinem Ringen um neue Formen und Inhalte habe. „Wegweiser in der Zeit sein zu wollen" bedeute in keiner Weise, einer Weltanschauung vor der
aftberen den Vorzug geben zu wollen. Es hieße jedoch, aus das in erster Linie Gewicht zu legen, dem als Baustein für die Zukunft unseres Volkes Bedeutung zukomme. Eine Vortragsreihe „Wo stechen wir?" solle Persönlichkeiten verschiedener Richtungen, die ohne Bindungen sind, zu Unterhaltungen darüber zusammenbringen, wie weit ihre Wege zusammengehen und wo sie sich trennen. Hörfolgen „Aufbau und Wirtschaft" dienen dem gleichen Gedanken. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit unseres Volkes müße in erster Linie unter dem Gesichtspunkt erfolgen: „Die Vergangenheit nur um der Gegenwart willen". Diesem Ziele diene die Auftragvergcbung von Hörfolgen „Aus Umbruchzeiten der deutschen Geschichte".
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Vor einiger Zeit ist in Florenz die Rekonstruktion eines mittelalterlichen Fußballspieles versucht worden. Im Anschluß daran dürften wohl nähere Angaben über die frühere Original- Veranstaltung von Interesse sein. Neben anderen kleineren Schriften gibt besonders eine sehr umfangreiche Abhandlung aus dem Jahre 1688 genaue Auskunft. Der Verfasser hat zunächst alles, was er über das Ballspiel schriftlich und mündlich erwischen konnte, zusammengestellt und so einen (allerdings lückenhaften geschichtlichen Ueberblick von den Spielen des Altertums bis zu dem Nationalspiel ber Florentiner geschaffen. Sodann geht er auf dieses näher ein. Zn 34 Paragraphen werden die „Regeln" bekannt gemacht; daran schließt sich eine Erklärung der mit dem Spiel verbundenen Fachausdrücke; dann folgt die Erwähnung einer Reihe von besonders interessanten Erinnerungen aus früheren Spielen und zum Schluß die Aufzählung von Namen bekannter Teilnehmer aus der lokalen Geschichte und Politik. Sehr umfangreich sind dann die Einzelheiten über die Durchführung des Spieles; was da hübsch weitschweifig und in gezierten Worten gesagt ist, kann man kurz so rekapitulieren:
Der „Calcio" war ein Ballspiel das von zwei Parteien ausgetragen wurde; jede bemühte sich, den mit Luft gefüllten Lederball durch Treten oder Tragen, Werfen oder Fausten über das „Mal" des Gegners zu bringen, um dadurch einen „Punkt" zu gewinnen. Gespielt wurde ein bis zwei Stunden, je nachdem es die Tageshelle erlaubte; denn die Spiele fanden in den Monaten Januar, Februar und März statt und begannen, sobald die Sonne den Höhepunkt ihrer Bahn überschritten hatte. Als Austragungsort wählte man einen der öffentlichen Plätze der Stadt. Jede Partei rückt mit Musik und großem Gefolge an und machte einen Umzug über den Platz. Das Spielfeld selbst war etwa 105 Meter lang und 52 Meter breit und sollte tunlichst durch eine etwa einundeinviertel Meter hohe Um- zäumung abgegrengt sein; mindestens auf den Schmalseiten mußte ein solcher Zaun vorhanden sein, weil er ja das zu überwerfende „Mal" bildete. Die Spieler waren möglichst „leicht", aber doch „mit Eleganz und Schick" gekleidet, damit sie in den Augen der Zuschauer, die sich hauptsächlich aus den Kreisen der Nobili und ihrer Damen rekrutierten, einen guten Eindruck machten; zum Unterschied trug jede Partei eine besondere Farbe (z. B. die Partei der Medici Weiß und die Partei der politischen Gegner Grün); meist bestand, die Kleidung aus Seide oder Samt mit Goldverbrämung. Auf jeder Seite'spielten 27 Mann, durchweg junge Edelleute, die sich den Aufwand leisten konnten, der mit der Veranstaltung verknüpft war, denn diese wurde zu einer Art Volksfest ausgedehnt. Man stellte vier Staffeln auf: 15 Vorderleute (Stürmer), 9 Zwischenleute (Läufer) und 3 Hinterleute (Verteidiger); die Zwischenleute teilte sich wieder in zwei Reihen von 5 und 4 Mann, von denen die ersteren besonders zur Unterstützung ber Vorderleute und die letzteren sowohl demselben Zweck als auch zur Aushilfe in der Verteidigung dienten. Das Spiel begann derart, daß ein Neutraler (der als Abzeichen eine Mütze in den Farben beider Parteien trug) den Ball gegen ein „Mal" warf, welches auf einer der Breitseiten an der Hausmauer angebracht war. (Ein solches „Mal" in Gestalt eines Kreises aus Mosaik auf Marmortafeln ist heute noch an zwei gegenüberliegenden Häusern des Platzes Santa Croce in Florenz zu sehen.) Sobald der Ball dann auf das Spielfeld zwischen die dort ausgestellten Mannschaften zurücksprang, stürmten beiderseits die Vorderleute auf ihn los, um'sich in seinen Besitz zu setzen; dann entwickelte sich das Spiel ungefähr so weiter wie heute das „Rugby"; es gab oft ein „Gedränge", dann aber auch manchen Einzeldurchbruch, den Ball am Fuß oder in zärtlicher Umarmung an die Brust gedrückt; ebenso bekam man viel geschicktes Zuspiel (Zusammenspiel) durch Treten, Werfen oder Fausten des Leders zu sehen. Ze bester eine Mannschaft unter sich eingespielt war, desto höher stand ihre technische und taktische Leistung (gerade wie heutzutage beim Fußballspiel), die Regeln gestatteten aber auch stellenweise Angriffe und Abwehr-
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Maßnahmen, die man heute als roh untersagen würde; so durfte der Spieler, der im Besitz des Dalles war, durch Umklammern, Beinstellen usw. am Laufen und Werfen gehindert werden; und einen Spieler, der den Ball an die Brust gepreßt hielt, konnte man sogar schlagen, damit er den Ball freigab. Eine andere Schrift berichtet über ein Spiel, welcher am 17. Februar 1529 während der Belagerung von Florenz ausgetragen und durch Kanonenschüste des Feindes, der von den Höhen aus dem Schauspiel zusehen konnte, oftmals gestört wurde! der Verfaster zeigt damit die sportliche Leidenschaft bet Florentiner selbst in schweren Kriegszeiten, betont gleichzeitig aber auch die üblen Folgen der politischen Gegnerschaft, die sich bei diesem Spiel austobte: die beiden Mannschaften wurden einerseits von den Medici, andererseits von deren Widersachern gestellt und vollbrachten Akte unerhörter Rohxit, wie sie nur von Fanatikern denkbar sind.
Wenn man die guten Ratschläge und Anweisungen liest, die in der erstgenannten Abhandlung von dem Verfaster den Spielern gegeben werden, so wird man ohne weiteres an die heutigen Spielregeln (nebst Ausführungsbestimmungen) sowie an die Grundsätze erinnert, die heute von den Sportlehrern und Trainern verkündet und zur Unterlage für die Ausbildung gemacht werden. Der Grundgedanke des Fußballspiels war also vor 300 Zähren schon derselbe wie heute, oder anders ausgedrückt: Das moderne Fußballspiel ist nur eine (vielleicht verbesserte) Nachahmung oder Neuauflage des mittelalterlichen Spiels; geschichtlich sann das Rugbyspiel vor dem Astociations- spiel die Priorität für sich in Anspruch Nehmen.
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