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Samstag, den 26. November 1932.

Gießener Zeitung"

Nr. 47

MM.

M Ith do» . . .!

Von Hans-Wolfgang Romberg.

Wie oft müssen wir uns, wenn wir von einer Krankheit befallen sind, sagen: Hätte ich doch sorgfältiger auf die ersten Anzeichen geachtet, hätte ich doch gleich den Arzt befragt; dann wäre die Krankheit sicher nicht so schlimm geworden! Dies gilt ganz besonders für einige Krankheiten, deren erste Anzeichen, oft harmlos erscheinen, bei denen aber trotzdem Zeitverlust höchste Gefahr, oft sogar den Tod bringen kann.

Eine der häufigsten und bekanntesten Krankheiten dieser Art ist wohl die Blinddarmentzündung, die immer noch viele Opfer fordert, weil ihre ersten Anzeichen nicht rechtzeitig be­achtet werden. Denn das ist das besonders Gefährliche an ihr, daß die Erkrankten oft gerade in den schweren Fällen verhält- nismäßig geringe Beschwerden haben, und daß die Krankheit einen so überaus raschen Verlauf nehmen kann. Die Kranken, die sich vorher meist völlig gesund gefühlt haben, verspüren plötzlich bei längerem Gehen, Treppensteigen, beim Bücken oder Heben, oft auch ohne jede Veranlassung einen Schmerz auf der rechten Bauchseite, etwa in der Mitte zwischen Nabel und Schenkelbeuge. Sie fühlen sich matt und zerschlagen, Fieber kann, braucht jedoch nicht vorhanden zu sein, es kann auch zu Erbrechen kommen. Auch die Schmerzen fehlen manchmal ganz, so daß die Mattigkeit und ein gewisies Unbehagen im Bauch die einzigen Krankheitszeichen sind. Trotzdem kann die Krank- Het schon in ein gefährliches Stadium getreten sein. Ob dies der Fall ist oder nicht, vermag nur der Arzt zu entscheiden, der je nach dem Befund zu einer abwartenden Behandlung oder zur sofortigen Operation raten wird. Diese stellt, im Frühstadium vorgenommen heutzutage einen verhältnismäßig 'einfachen Ein­griff dar, der fast stets zur Heilung führt.

Rechtzeitige Erkennung und rasches Eingreifen durch den Arzt vermag auch der Diphtherie viel von ihrem Schrecken zu nehmen. Sie wird stets durch Ansteckung übertragen, und zwar beträgt die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch, die soge­nannte Inkubationszeit, 2 bis 5 Tage. Die Ansteckung erfolgt durch Diphtheriekranke unmittelbar, ferner durch Personen, die mit Kranken zusammen waren, oder auch durch bazillenbeladene, leblose Gegenstände. Vorzugsweise erkranken an Diphtherie Kinder unter 10, seltener Jugendliche unter 20 Jahren. Die Diphtherie beginnt mit allgemeinem Unwohlsein, Kopfschmerz, Fieber, das nicht hoch zu sein braucht, und mit Schlingbeschwer­den. Kleinere Kinder klagen häufig weniger über Halsschmer­zen, als über Schmerzen in der Magengegend. Sieht man den Kindern in den Hals, so zeigt sich die Rachenschleimhaut gerötet, die Mandeln sind geschwollen und mit grauweißem Belag be­deckt, der sich auch auf den hinteren Teil des Gaumens und das Zäpfchen ausdehnen kann. Bisweilen fehlt auch der Belag,

und ein scharfer süßlicher Geruch aus Nase und Mund des Krankn ist neben den allgemeinen Beschwerden das Haupt­zeichen. Bemerkt man diese Anzeichen, so ist es höchste Zeit, den Arzt zu rufen, der die Krankheit durch mikroskopische Unter­suchung des Belages sicher feststellen, durch Einspritzung des Derigschen Diphtherie-Heilserums meist einen schweren Verlauf verhindern und eine baldige Heilung bewirken kann. Die Wir­kung des Serums ist um so sicherer, je früher es angewendet wird.

Wenn in Deutschland noch jährlich 23 000 Frauen an Unter- leibskrebs sterben, von denen viele jünger als 45 Jahre sind, so ist dies die Folge der Unkenntnis, die leider immer noch über diese, bei rechtzeitiger Behandlung heilbare, bei Nichtbehandlung zu einem sicheren, qualvollen Tode führende Krankheit herrscht. Unregelmäßige Blutungen und Ausflüsse sind die ersten An­zeichen. Wer sie beachtet und sich sofort ohne Scheu dem Arzt anvertraut, kann am sichersten auf Heilung rechnen. Wer erst Wochen oder gar Monate wartet, ehe er zum Arzt geht, ver­ringert die Heilungsaussichten oder verliert sie ganz. Aehnlich ist es mit dem Brustkrebs. Sobald sich an sonst weichen Stel­len der Brust Verhärtungen, kleine Knoten bilden, die Brust­warze eingesunken erscheint oder gar Blut oder blutige Flüßig- keit ausscheidet, ist es höchste Zeit, den Arzt aufzusuchen. Nur er kann feststellen, ob ein bösartiges Leiden vorliegt! Auch hier ist Heilung um so sicherer möglich, je früher die Behandlung einsetzt. Schmerzen, die sonst Kranke am ehesten zum Arzt trei­ben das ist besonders zu beachten sind in den Anfangs­stadien des Krebses fast nie vorhanden..

Viele Menschen können gerettet werden, die noch alljährlich ihr Leben einbüßen, wenn sie bei den erwähnten, wie bei zahl­reichen anderen Krankheiten nicht durch Unkenntnis, Gleich­gültigkeit oder Besserwisserei kostbare Zeit verstreichen ließen, ehe sie sich in sachkundige ärztliche Behandlung begeben, und manchem würde damit der bittere Selbstvorwurf erspart bleiben:

Hätt' ich doch!"

25 Jahre Stadttheater.

Zur Festvorstellung.

Die Stadtverwaltung teilt mit: Auf verschiedene Anfragen aus allen Kreisen der Bevölkerung, die für das rege Interesse an unserem Stadttheater und seiner Jubelfeier zeugen, teilt die Stadtverwaltung auf diesem Wege da unmöglich alle An­fragen im einzelnen beantwortet werden können folgeirdes mit: Der innere Sinn der Jubiläumsfeier am Vormittag des 27. November muß darin gesehen werden, daß das Theater Ge­legenheit hat, den maßgeblichen auswärtigen Behörden, den Theaterfachleuten und der Preße einen Einblick in die Arbeit zu verschaffen, die am Gießener Stadttheater geleistet wird. Es ist ferner die Aufgabe dieser Morgenfeier, sich dessen bewußt zu sein, daß es opferfreudige Bürger waren, die vor einem Viertel­jahrhundert das Theater schufen, das Theater, das es einem

großen Teil der Bürgerschaft erst ermöglicht, Kunst in einem würdigen Rahmen aufzunehmen. Der Zweck dieser Querschnitts- Veranstaltung kann aber natürlich nicht der sein, jedem Abon­nenten noch einmal im Ausschnitt etwas vorzuführen, das er in den letzten Jahren schon im Theater als Bollaufführung sah. Da nun der Theaterraum nicht einmal Plätze genug hat, alle Abonnenten zu faßen, geschweige denn Hunderte von Spendern und die große Anzahl der behördlichen Vertreter, so mußte sich die Stadtverwaltung im Einverständnis mit der Theater-Depu­tation zu einer Beschränkung entschließen und konnte die Ein­ladungen nur an die Spitzenvertreter aller aufzufordernden Kategorien ergehen lasten.

Geflügel- und Wäschediebstähle

in den Kreisen Gießen, Friedberg und Schotten.

Die in der Nacht zum 24. November in Dauernheim und Dorn-Astenheim verübten Geflügel- und Wäschodiebstähle fanden überraschend schnell ihre Aufklärung. Bei der Tatortsbesichti­gung in Dauernheim wurde unter einem Strumpf, den die Tä­ter in der Eile zurückließen, ein Zettel mit der Aufschrift Hahn", Rotschildallee, Frankfurt a. M., gefunden, der der Be­schaffenheit nach von einem Sack oder Leinenpacktuch losgeweicht war. Die Kriminalpolizei in Frankfurt a. M. wurde sofort tele­fonisch von dem Diebstahl und dem Feststellungsergebnis in Kenntnis gesetzt. Daraufhin wurde von der dortigen Kriminal­polizei bei Hahn eine Durchsuchung vorgenommen, die aber er­gebnislos verlief. Als aber trotzdem wegen dringenden Ver­dachts seine Festnahme erfolgte, legte er ein Teilgeständnis ab. daß er mit dem Artist Friedrich Mettler, der in der Seckbächer- straße in einem Wohnwagen wohnt, und dem Autoschloster Wil­helm Wahn aus der Feststraße die in Dauernheim begangenen Einbrüche verübt habe. Die weiteren Ermittlungen, zu denen ein Beamter der Gießener LKP. entsandt wurde, ergaben, daß noch ein vierter Täter, und zwar der Händler Ferdinand Vieh- meter, in der Hahnstraße wohnhaft, bei den Diebesfahrten mit« wirkte, der auch bei der Tätigkeit als unterziehender Händler die Diebstahlsobjekte ausfindig machte. Bei Mettler wurde noch eine große Anzahl Hühnerköpfe, zwei Gänse, drei Hühner und eine Menge nasse Wäsche und bei Wahn ein vollbepackter Ruck­sack mit Wäsche gefunden. Im Laufe der Ermittlungen ergab sich weiter, daß die gleichen Täter auf der Fahrt nach Dauern­heim den Wäschediebstahl in Dorn-Assenheim begangen haben. Auch gestand einer der Täter, den Ende Oktober in Röthges ausgeführten Geflügelfarmeinbruch und den Einbruch in Lar­denbach, woselbst ein Rind am Ortsausgang abgeschlachtet wurde, begangen zu haben. Das Fell konnte sichergestellt werden Die Beute wurde zum Teil verkauft, teils zu eigenem Gebrauch von den Tätern verwendet. Die Einbrecher wurden im Lauft des gestrigen Tages festgenommen. Sämtliche Diebesfahrten wurden mit einem Personenkraftwagen getätigt, den sich die Täter ohne Einwilligung des Besitzers jeweils zur Nachtzeit an­eigneten.

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* Festnahme

Sie LandSkneckle

Sportroman von Emil Wöhner.

(Nachdruck Der boten.)

(29. Fortsetzung.)

Marieliese saß mit ihrem Vater an der Mittagstafel. Alle Augenblicke sah sie nach der Tür, aber Henry kam immer noch nicht.

Du glaubst nicht, Marlies, wieviel Zoll auf der Einfuhr alter, wertvoller Gemälde steht. Da sind die Kunsthändler manchmal auf ganz eigenartige Tricks gekommen, um die Be­hörden zu hintergehen."

Das ist mir so egal", dachte Marieliese.Wenn du bloß erst im Schnellzug sitzen würdest. Hoffentlich merkst du nicht den Trick, den ich jetzt anwende."

Ich habe einmal gelesen, daß ein Kunsthändler sogar das ganze Bild . . . ."

Da stand Henry in der Tür.

Gnädiger Herr, an dem Motor ist etwas nicht in Ordnung, er will nicht anspringen. Ich will mein möglichstes versuchen, vielleicht . . ."

Schon war er wieder draußen. Marieliese mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu lachen, denn Henry hatte ein zu komisches Gesicht gemacht.

Was war das, Marlies? Hast du es gehört?" fragte Henderson verblüfft.

Sie nickte gelassen.

Ja, das Auto ist kapores!"

Um alles in der Welt, das geht nicht. Ich muß doch um vier Uhr in Orleans sein. Wie ist das bloß möglich? An dem Auto hat doch noch nie etwas gefehlt."

Ja, gerade deshalb. Einmal muß es doch das erste Mal sein. Warum soll der Motor nicht mal streiten? An Henry liegt es bestimmt nicht, der ist äußerst tüchtig und zuverlässig."

Ja, das stimmt. Ob der Schaden wohl bald wieder be­hoben ist?"

Das glaube ich nij)t. Diese ersten Pannen sind meistens nicht so leicht zu beseitigen."

Ich muß aber doch nach Orleans, sonst geht vielleicht diese gute Kaufgelegenheit in 5ft Brüche." knurrte Henderson eigen­sinnig und verstimmt.Ob wir ein Mietauto nehmen?"

Um Gotteswillen, bloß das nicht," dachte Marieliese er« ichrocken.

Davon würde ich entschieden abraten, Vater. Diese Wagen

sind manchmal so unzuverlässig. Da bleibst du vielleicht mitten auf der Straße liegen."

Da hast du recht."

Aber wahrscheinlich fährt ein Schnellzug um diese Zeit dahin."

Das wäre ja eine Möglichkeit."

Er blätterte im Kursbuch.

Ja, um 12 Uhr 46."

Siehst du, Vater, den kannst du noch bequem erreichen. Nimm Mary nur gleich mit. Ich habe noch verschiedene Sachen einzupacken und komme dann später mit dem Wagen und dem Handgepäck nach. Du brauchst gar nichts mitzunehmen."

Ja, wenn du meinst . . . ."

Marielese atmete auf, als ihr Vater und ihre Zofe das Hotel verlaßen hatten. Sie ging in die Garage. Henry lag unter dem»Auto und arbeitete fieberhaft mit einem Schrauben­schlüssel herum.

Kommen Sie ruhig wieder ans Tageslicht, Henry. Die Luft ist rein, die Herrschaften sind abgereist."

Der junge Chauffeur kroch unter dem Wagen hervor und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Dann ließ er den Motor anspringen.

Die Panne ist behoben," lachte Marieliese und lehnte sich an den Kühler.Sie sind wirklich äußerst tüchtig und zuver­lässig, Henry .... aber Gesichter können Sie schneiden! Ich hatte Mühe, mein Lachen zu verbüßen. Na, die Hauptsache ist, daß der Trick geklappt hat. Vater kann seinen Rubens be­gucken und ich die Uebertragung hören. Sie sind übrigens am schlechtesten bei der ganzen Sache weggekommen, Henry. Dafür dürfen Sie sich etwas wünschen. Ueberiegen Sie mal, was Sie gern haben möchten. Vielleicht etwas für Ihre Freundin?"

Ich habe keine Freundin, gnädiges Fräulein,"

Hören Sie mal, Henry, das können Sie meinem Vater erzählen, aber nicht mir. Sehen Sie, nun werden Sie rot. Na, ich ziehe mich jetzt zurück. Um vier Uhr können wir dann unsere Reise antreten. Solange haben Sie Urlaub."

Im Gesellschaftszimmer des vornehmen Hotels befand sich eine Radioanlage. Marieliese betrachtete den Apparat etwas mißtrauisch.Ganz modern scheint er auch nicht mehr zu sein."

Sie klingelte.

Ein Ober erschien.

Ich möchte um 2 Uhr 45 eine Uebertragung von Köln hören. Stellen Sie bitte ein "

Der Kellner arbeitete fieberhaft.

Lyon hat gerade Mittagskonzert^, meinte er nach einer Weile.Wenn Sie vielleicht Musik wünschen?"

Im Gegenteil . . . Na, ich merke schon, Sie wissen eben­so wenig Bescheid damit wie ich auch. Rufen Sie den Geschäfts­führer."

Jawohl, gnädiges Fräulein."

Ein paar Minuten später war der Gewünschte zur Stelle.

Hören Sie mal, Herr Guerad, Sie haben in diesem Zim­mer eine Radioanlage anbringen laßen. Das ist eine löbliche Einrichtung, die allerdings nur dann ihren Zweck erfüllt, wenn die gewünschten Stationen auch wirklich zu bekommen sind. Ich möchte jetzt Köln hören."

Natürlich, gnädiges Fräulein, einen Moment . . ."

Er blätterte in dem Programmheft, setzte die Kopfhörer auf und fing an zu drehen. . .

Die Nachtmusik von Köln empfangen wir immer sehr gut", meinte er nach einer Pause,aber bei Tage ist Köln nur schlecht zu bekommen. Ich glaube, jetzt habe ich die Station. Hören Sie mal. Köln überträgt gerade Schachfunk."

Marieliese setzte die Kopfhörer auf, nahm sie aber sofort wieder ab.

Das ist ein fürchterlicher Empfang," stellte sie melancholisch fest.Da reden ja mindestens drei Stationen durcheinander? Unter uns gesagt, Herr Guerad, dieser Zauberkasten ist durch­aus veraltet und für europäischen Empfang nicht zu gebrauchen."

Ganz modern ist er allerdings nicht mehr."

Das stimmt auffallend. Mit diesem Apparat hat sicher Kolumbus schon die Wetkerberichte ausgenommen, als er damals auf Amerika losgondelte ... Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Guerad. Ich nehme an, daß es Ihr Wunsch ist, mich in jeder Weise zufrieden zu stellen, solange ich mich in diesem Hotel aufhalte. In zwei Stunden reise ich ab. Laßen Sie für diese Zeit einen neuen Apparat aus einem Radiogeschäft aufstellen."

Natürlich, gnädiges Fräulein, es wird sofort erledigt."

Um 2 Uhr 45 muß ich Köln unbedingt hören. Sie haben also noch dreiviertel Stunden Zeii . . "

Marieliese ging ungeduldig im Zimmer auf und ab.

Heute geht alles verkehrt", dachte sie.

Als die Uhr halb drei schlug, tarn endlich der Geschäfts­führer persönlich mit einem großen Apparat. Es dauerte Ma­rieliese viel zu lange, bis der Anschluß hergestellt war. Immer wieder sah sie auf die Uhr. Nur noch fünf Minuten bis zum Beginn der Uebertragung.

(Fortsetzung folgt.)

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