Samstag, den 24. Januar 1931.
„Gießener Zeitung"
Nr. 7.
Die Zwangswirtschaft macht es unmöglich, daß die Wohnungen auch den neuzeitlichen Verhältnissen entsprechend ausgebaut werden.
Das Gegenteil wird erzielt von dem, was eigentlich gewollt ist. Trotzdem wird die Zwangswirtschaft noch nicht aufgehoben, und es gibt immer noch „Schlaue", die die Beibehaltung fordern und mit allem Möglichen begründen.
$. m. der Mieter!
Das kommunistische „Wohn- und Mictrecht".
„Difficile est satiram non scribere." Wenn man den Ende des vergangenen Jahres im Reichstag von der kommunistischen Fraktion eingebrachten Antrag Nr. 321, jenes vorgeschlagene kommunistische „Wohn- und Mietrecht" überdenkt, dann ist es wahrhaftig sehr schwer, keine Satire zu schreiben. Denn es ist die s
Patentlösung des „sozialen" Mietrechts, jedenfalls die Lösung, die einigen in Micteroereinen zusammengeschlossenen Mietern am angenehmsten wäre. Der Ausgleich der berechtigten Interessen von Mieter und Vermieter ist vermieden.
Der^Nieter hat nur Rechte, der Vermieter nur Pflichten.
Im Abschnitt 2 jenes kommunistischen „Wohn- und Miet- rechts" heißt es u. a.: „Als Mietverträge gelten für jedes Mietverhältnis allgemeine Richtlinien, die von dem zuständigen Mieterausschuß aufgestellt werden. Sonderabmachungen zwischen Hausbesitzer und Mieter sind unzulässig und nichtig." Fabelhaft: dieses kommunistische „Mietrechl". Endlich wird der Mieter von der Tyrannei der „Hauspaschas" befreit.
Der Mieter macht mit sich für sich den „Mietvertrag". Der Hausherr wird abgeschafft. Der Mieter ist Herr im Hause.
Aber, a^cr — Miete muß er doch zahlen, denn der 3. Abschnitt der kommunistischen Grundsätze besagt: „Die Mieten müssen wirtschaftlich tragbar für den Mieter sein. Wirtschaftlich tragbar sind sie nur dann, wenn sie höchstens 15 vom Hundert des durchschnittlichen reinen Lohneinkommens der gelernten und ungelernten Arbeiter in der Gemeinde oder dem Wirtschaftsgebiet betragen. Für wirtschaftlich schwache Personen, kinderreiche Familien, Kriegsbeschädigte, Erwerbslose, Sozialrentner usw. muß die Miete entsprechend niedriger gesetzt werden. Bei Differenzen über die Miethöhe entscheidet der Mieterausschuß."
Ganz unverständlich, weshalb der Mieter auch noch Miete zahlen soll. Der Hausbesitzer — einen solchen wird es scheinbar auch noch im kommunistischen Zukunftsstaat geben — müßte es sich doch als eine ganz besondere Ehre anrechnen, daß ein Mieter in seinem Hause wohnt. — Ach ja, Ehrenämter werden ja auch im bolschewistischen Rußland gut bezahlt.
Ein Kündigungsrecht hat aber selbstredend der Vermieter nicht. Wozu haben wir denn auch den Mieterausschutz! „Bei Unverträglichkeit eines Mieters mit anderen Mietern" — also auch im kommunistischen Zukunftsstaat werden die Menschen Menschen bleiben — „sorgt der Mielerausschuß für einen Lyoh- nungstausch". Welch große Nächstenliebe! Aber es wird noch besser! „Exmittierungen sind unzulässig. Die anderweit zugewiesene Wohnung muß ausreichend und hygienisch einwandfrei sein." Und nun kommt der Clou des Ganzen: „Ist der Mieter mit seiner Umquartierung nicht einverstanden, so ist sie nur dann durchzuführen, wenn es der Mieterausschuß erneut einstimmig beschließt.: Wer lacht da?
Die Kommunisten sind doch ein wenig sehr weltfremd — oder ist es nur ihre demagogische Verschlagenheit? Wir glauben: beides!!
Die Reichsbahn-Einnahmen weiter zurückgegangen.
Wie die „Reichsbahn", das amtliche Nachrichtenblatt der Reichsbahngesellfchaft, mitteilt, gingen im November 1930 die Gesamteinnahmen der Reichsbahn über das im Vorjahr beobachtete Ansmaß hinaus erheblich zurück. Im Güterverkehr ergab sich gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres ein Einnahmeverlust von 79,6 Mill. RM und im Personenverkehr eine Mindereinnahme von 92,3 Mill. RM. Dadurch erhöhen sich die GesamteinnähmeMusfälle seit Beginn des Geschäftsjahres 1930 gegen 1929 auf 722,7 Mill. RM.
Der intime Lehâr.
Lehâr ist es nicht immer jo glänzend gegangen wie heute. Für den „Gold-.und Silber-Walzer" mit seinem breiten melodischen Ansatz und der originellen Staccato-Fortführung - geschrieben für die Redoute der Fürstin Metternich — erhielt er vom Verleger bar 50 Gulden. Als der Walzer ein paar Jahre später aus Amerika zurückkam, wurde er eins der populärsten Tanzstücke: Gold und Silber für andere.
Heute hat der Löwe eine prächtige Höhle. Vorher hauste Meister Lehâr im dritten Stock eines Hauses in der Mariahilferstraße, zog aber aus, weil er durch die Mauern Konzerte mechanischer Klaviere hörte, und erstand von den Einkünften der „Lustigen Witwe" das Haus in der Theobaldgasse 16. Außerdem erwarb er in Ischl eine Villa, die sein ständiger Sommeraufenthalt ist. Beide Häuser sind angefüllt mit Bildern, Teppichen, Bibelots, Kunstgegenständen, und man huldigt dem Mann, der so vieles nur durch sein Talent dem Leben abgewann. Aber im Grunde sind beide Häuser nur erweiterte Werkstätten. Lehâr gehört zu den Künstlern, die am glücklichsten in der Arbeit sind.
Er hat ein lebhaftes persönliches Tempo, sein Gehen ist fast ein Laufen, ein bewegtes Allegro, wie es Ehrgeizige haben. Er ruht selten aus: er har nicht die Ruhe zur Ruhe. Er steht immer zwischen zwei Premieren, und wenn er sich in Ischl vom Partiturenschreiben erholt, so geschieht es wie beim alten Auber meistens durch eine neue Partitur. Nur hie und da erinnert er sich der notwendigen Oelonomie des Schaffens, dann schaltet er eine Entspannungspause ein und nagelt seine Gartenplanken.
Der Einfall steht immer zur Verfügung, meistens nachts. Wie es die Operette mit sich bringt, mußte er wiederholt Solo- Einlagen, auf die prominente Darsteller in der letzten Minute bestanden, über Nacht schreiben, noch während er mit der Instrumentation beschäftigt war, so den Foxtrott „Ich habe La Gar- conne gelesen" für Frau Werbezirk, oder das sentimentale Duett für Paganini und Elisa Es wurden zumeist die Schlager des Werkes. Das kann nur, wer mit 60 die Frische des Dreißigers
Der preugifche Handelsminister gegen die Arbeitsdienstpflicht.
Im Hauptausschuß des preußischen Landtages ging bei der Beratung des Haushaltes des Handelsministeriums Handelsminister Schreiber auf die Arbeitsdienstpflichtfrage ein. Derartige Pläne seien undurchführbar. Zwangsarbeit sei an sich unwirtschaftlich. Als Beispiel führte er an, daß Preußen für einen Strafgefangenen jährlich 1055 Mark (!) aufwenden müsse. Die Unterhaltung der jugendlichen Arbeitskräfte würde noch bei weitem kostspieliger sein. Dazu-kämen die Aufwendungen für Arbeitsgeräte usw. Außerdem würden riesige Be-
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Gründung einer „Deutschen Studentenschaft" in Heidelberg.
Der Aktionsausschuß der nationalen Studentenschaft in Heidelberg beschloß am Freitag die Gründung der „Deutschen Studentenschaft", die einen Ersatz für den Asta bilden soll. In der Presse wird außerdem von einem anderen Aktionsausschuß ein Aufruf erlassen, der die Abberufung des Professors Gumbel von der Universität fordert. Der Rektor der Universität erließ eine Kundgebung, in der er die Studierenden auf heute mittag zu einer gemeinsamen Aussprache einläd. triebe eingerichtet werden müssen.
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Falsche Berechnungen über den Hess. Fehlbetrag 1930.
„Wagners Slldwestdeutscher Nachrichtendienst" (WSN), Frankfurt a. M., verbreitet die Zahlen des amtlichen Monatsausweises über die Einnahmen und Ausgaben des Landes Hessen vom Monat Dezember. Er hat dabei jedoch nicht die den amtlichen Ziffern beigefügte Vorbemerkung berücksichtigt.
Danach darf aus dem derzeitig sich ergebenden Fehlbetrag nicht auf den endgültigen Fehlbetrag am Jahresschluß geschlossen werden, weil sehr wesentliche Einnahmen und Ausgaben, die durch rechnungspflichtige Kassenverwaltungen laufen, erst am Jahresschluß in dem Ausweis erscheinen. Ein Blick in dem amtlichen Nachweis hätte genügt, um zu zeigen, daß der Fehlbetrag zurzeit deshalb noch sehr hoch ist, weil größere mit Bestimmtheit noch zu erwartende Einnahmen noch unberücksichtigt sind. Es betragen z. B. die Überschüsse der Unternehmungen und Betriebe nach dem Jahressoll 3,8 Millionen, während in dem Monatsausweis überhaupt noch keine Einnahmen nachgewiesen sind; als weiteres Beispiel darf auf den Posten Volksbildung, Wissenschaft, Kunst und Kultus verwiesen werden, wo einem Jahressoll von 9,1 Millionen erst 0,4 Millionen tatsächliche Einnahmen gegeNüberstehen.
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Notruf des Bürgertums.
Aus den Bürgervereinen der Stadt Remscheid ist ein Notruf hervorgegangen, der in eindringlichen und überzeugenden Ausführungen für weitgehendste öffentliche Sparsamkeit in Anlehnung an die Haushallpläne der Vorkriegszeit und für die Befreiung der Wirtschaft und des einzelnen Bürgers von den Fesseln der Nachkriegszeit eintritt. Die eingehend begründeten Forderungen des Bürgertums sind dem Reichskabinett, den Spitzenvertretungen der bürgerlichen Parteien, den bürgerlichen Abgeordneten des Reichs und den Vorständen vieler Bürger- vereine zur tatkräftigen Unterstützung übermittelt worden. Es handelt sich hier um einen Vorstoß, der sich frei ^äli von parteipolitischer Einstellung und nur auf das Ganze gerichtet ist. Er will den rechten Weg weisen zur Rettung von Volk und Vater-, land. Der Notruf wird auf Wunsch durch den Vorsitzenden des Bürgervereins Remscheid-Mitte, Herrn Eugen Paß, Remscheid, Schützenstr. 79, kostenlos zugesandt.
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Die Geschäftsräume des Heidelberger Asta geschloffen.
Aus Anlaß von Zusammenstößen zwischen Studenten und Polizei auf dem Unrversitätsplatze in Heidelberg am Mittwoch sind mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. — Die Geschäftsräume der Asta wurden durch die Universitätsbehörden geschlossen. Die studentische Zeitschrift „Der Heidelberger Student" soll als Kampforgan des Aktionsausschusses der nationalen Studentenschaft weiter erscheinen.
und eine so reiche musikalische Innenausstattung besitzt, wie sie die Natur Lehâr verlieh. Er feilt am Einfall, sucht nach der nobelsten Form, vollendet das vollendet Scheinende, aber entscheidend ist doch der Einfall. Er hat mit dessen Hilfe bereits 30 Operetten geschrieben, und sie werden nicht die letzten sein.
Er spielt gerne vor, er dirigiert gerne seine Werke, er zeigt eine naive Freude am Beifall, Lustgefühle an der Bestätigung durch andere. Anekdoten haben diesen Zug wiederholt ironisiert, ebenso einen zweiten, den er mit Johann Strauß teilt, die Besorgnis, nicht originell genug zu sein.
Die Wahrheit ist, daß in ihm ein großes Kind sitzt, daß er leichtgläubig und harmlos ist wie ein Kind und daher auch so leicht „aussitzt" wie ein Kind. Von dieser Seite seines Wesens werden in der Branche viele Episoden erzählt.
Nach der Premiere der „Wiener Frauen" beschloß er, in Gesellschaft seiner Freunde die Morgenblätter in einem Kaffeehaus abzuwarten. Um vier Uhr früh meinte Jacobsen, es werde spät, man könne an das Zeitungsbüro Coldtschmidt telephonieren, er sei mit dessen Direktor befreundet, der werde sicher gern aus den Kritiken einiges vorlesen. Natürlich! Einverstanden! Man geht in die Tclephonzelle, ruft eine Nummer an, Lehâr horcht mit, der Direktor bei Eoldlschmidt meldet sich und erklärt sich bereit. Also ... die „Neue freie Presse" schreibt: „Schon lange haben wir keine so langweilige und öde Musik gehört wie gestern abend. Am besten, der Komponist gibt das Komponieren auf . . ." Lehâr erbleicht. Das „Neue Wiener Tagblatt" schreibt: „Schade, daß das ausgezeichnete Buch eine so miserable Vertonung gefunden hat . . " Lehars Gesicht spielt ins Grüne. Das „Neue Wiener Journal" schreibt: „Es steht nicht dafür, die aus allen möglichen frem-ben Melodien zusam- mengestoppeltc Musik ausführlich zu würdigen." Lehârs Grün ist inzwischen aschfahl geworden. Das „Deutsche Volksblatt" — soll ich's vorlesen? — ist sehr antisemitisch: „Ein neuer Zugereister, dessen Name übrigens gar nicht Lehâr, sondern Levy zeit, zuckersüß in rosa ober hellblau, auch geblümclt sah man ist “ „Das ist nicht wahr!" protestiert Lehâr in den Hörer
Lokales.
Sonntagsgedanken.
Und wieder ist Sonntag. —
Müd' sind die Hände geworden und auch der Geist, denn die Arbeit der Woche erfordert in der heutigen Zeit den ganzen Menschen. In diesem bitteren Kampfe um das Dasein heißt es sich rühren und regen und wohl noch nie hat das Schöpferwort nach dem verlorenen Paradies so schwere Bedeutung gehabt wie in unseren Tagen, daß im Schweiße seines Angesichtes der Mensch sein Dror auf Erden zu verdienen habe.
Wer heute arbeitet, der ist milde geworden, wenn der Abend der Woche gekommen ist und er sehnt sich nach einem Tag, der uns Ruhe gibt und den Frieden bringen soll. Aber fast zu kurz ist dieser Sonntag geworden, für die müden Menschen unserer Zeit. Denn die Maschinen laufen viel rascher und die Räder sausen wie nie zuvor, Eile und Hast überall, nirgends mehr Ruhe für müde Menschen. Hundert Dinge der Pflicht warten schon wieder zum Wochenbeginn, Sorgen um das Brot für den nächsten Tag gesellen sich bo^u und man hat kaum die Zeit, sie in Ruhe innerlich zu ordnen und zu verarbeiten. Und leider fehlt auch für diese müden, abgehetzten Menschen jener Sonntag der Ruhe und der feierlichen Stille, wie ihn Großvater und Großmutter noch kannten.
Aber die schwere Zeit hat noch andere müde Menschen gemacht, die nicht bloß von der Arbeit müd' geworden sind. Zerschlagenes Glück, zerschlagene Hoffnungen, keine Arbeit und kein Brot — das macht Herzen und Seelen müd. Solche Menschen, denen auch kein Sonntag Rühe bringen kann, brauchen Worte des Trostes.
Und da sind es die Sonntagsglocken, die jene Müden hinrufen zum ewigen Quell, der aus himmlischen Höhen die Kräfte für die Seelen bringt. In Kirchen und Domen nur finden sich jene Heilstätten für ihre kranken Herzen. Denn dort ist der, der den Müden Kraft verleiht und dem, der schwach geworden ist, die Stärke mehrt. Der Sonntagsschreiber.
Die Gießener Wirtschaft protestiert gegen das Mat des Staatskommissars.
Im brechend vollen Saale des Gafé Leib hielten die Wirt- schafisverbände der Stadt Gießen und ihre Mitglieder letzten Mittwoch abend eine einmütige Protestoersammlung gegen die überspannten und ungerechtfertigten Realsteuererhöhungen des Staatskommissars, Oberregierungsrat Haberkorn-Darmstadt, ab. — Nach einleitenden Worten des Herrn Drogisten Winterhoff, der die Versammlung begrüßte, nahm der Hauptredner des Abends, Herr Rechtsanwalt und Notar Albrecht, das Wort zum Hauptreferat des Abends. Nach ausführlichen Darlegungen über die Vorgeschichte dieses Steucrdiktates zergliederte der Vortragende seine Ausführungen in die Behandlung der Fragen, ob ein Eingreifen eines Staatskommissars überhaupt gerechtfertigt war, und weiter, ob der bestimmte Staatskommissar alle Mittel und Wege gesucht habe, das relativ geringe Defizit zu beseitigen. Beide Fragen verneinte der Redner. Er ging dann in Dort reff lichen Ausführungen auf die Nöte steuerlicher und wirtschaftlicher Art der einzelnen Wirtschaftsstände ein. Sein fast 1 % Stunden langer Vortrag fand stürmischen Beifall. Nach ihm stimmten im Namen ihrer Verbände den Ausführungen des Referenten zu: Herr Obermeister Löber für den Ortsgewerbeverein, Herr Launspach für den Hausbesitzerverein, Herr Syndikus v. Eisenhardt-Rothe für die Industrie, Herr Falkenstein für den Einzelhandel, Herr Schmitt für den Edeka-Derband, Herr Nowack für den Reichsverband des Lebensmittelgroßhandels und Herr Schmitz für das Hotel- und Eastwirtsgewerbe.
Alle Redner fanden reichen Beifall. Zum Schluß der äußerst eindrucksvoll verlaufenen Versammlung wurde folgende Entschließung einstimmig genehmigt:
Die Entschließung:
Die am 21. Januar 1931 im großen Saale des Caf6 Leib versammelten Angehörigen sämtlicher Wirtschaftskreise der Stadt Gießen erheben mit aller Entschiedenheit gegen die Steueranordnungen des Staatskommissars für Gießen, Herrn
hinein. Die anderen können das Lachen nicht länger verbeißen. Es war wieder einmal ein Aufsitzer. Jacobsen hatte nicht das Büro Goldtschmidt, sondern einen genau informierten Bekannten in einem benachbarten Kaffeehaus angerufen — und Lehär, der von den Morgenblättern zu einer neuen Größe ernannt wurde, mußte die verlorene Wette mit Sekt bezahlen.
Heute kann ihm ähnliches nur noch schwer passieren, er sammelt zwar alle Zeitungsnotizen sehr sorgfältig, aber cs ist ungewiß, ob er sie auch alle liest.
(Aus dem soeben im Drei-Masken-Verlag erschienenen Buch „Franz Lehâr" von Ernst Decsey.)
Faschingskostüme einst und jetzt.
Von Greta Kolmar.
Soll man in einer Zeit schwerster Depression Feste feiern; darf man in unseren Tagen, da wir alle unter dem Druck der wirtschaftlichen Not seufzen, an Fasching denken und Prinz Karneval auferstehen lassen? Schwer zu beantwortende Frage! Sie ist nur individuell zu lösen. Die, denen Kops und Sinn nicht nach Mummenschanz und Ausgelassensein steht, sollen ruhig zu Hause bleiben, es aber nicht als „Verbrechen" werten, wenn die anderen — junge, lebensfrohe Menschen, die sich vicleicht die ganzen Tage über in Fabrikräumen, Büros, Warenhäusern und Läden arbeitend betätigen, an einem Abend in einer Woche genießen wollen, vergnügt sein wollen und das Elend und die Tretmühle der Alltagswoche vergessen möchten, um ihre Jugend zum Recht kommen zu lassen. Und wie viele junge Menschen freuen sich da ganze Jahr über auf die paar unbeschwerten Stunden im Karneval, da sie in eine fremde Hülle schlüpfen dürfen, um sich einmal austollen zu können, einmal nicht sich selber sein zu brauchen, ein paar Stunden Unbeschwertheit, ein paar Schlucke Lebensfreude, Vergessen! Gönnt es ihnen, ihr, die ihr ja auch einmal jung wäret; ihr wäret unbeschwerter als sie alle!