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Samstag, den 22. August 1931.

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„Gießener Zeitung"

Nr. 67

Attentate und Sabotageakte.

Wo sind die Urheber zu suchen.

Aus dem Ruhrgebiet wird uns geschrieben:

Durch den Mord an den beiden Polizeihauptleuten in Ber­lin und den verbrecherischen Anschlag auf den D-Zug bei Jüter­bog ist die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit wieder auf die kommunistischen Terrororganisationen gelenkt worden. Nach Mel­dungen Berliner Blätter wird das Sprengstoffattentat im Zu­sammenhang mit dem vor einiger Zeit erfolgten Aufsehen er­regenden Sprengstoftdiebstahl in Westdeutschland, vor allem in den Sprengstoffkammern der Zeche des Eschweiler Bergwerks- Vereins im Aachener Steinkohlenrevier sowie in einem Spreng­stofflager bei Iserlohn gebracht. Vier Täter der Iserlohner Sprengstoffdiebstähle wurden am 2. Juni ds. Js. vom Reichs­gericht in Leipzig zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verur­teilt. Sie gehören der Kommunistischen Partei an. Es muß hier auch an eine Bekanntmachung des Oberstaatsanwalts in Aachen im Juni ds. Js. erinnert werden, die sich mit Spreng­stoffunden auf Zeche Eschweiler-Reserve befaßte, wo bekanntlich am 21. Februar 1931 32 Bergleute infolge eine Explosion ihr Leben verloren haben. In der Bekanntmachung, die großes Aufsehen erregt hat, hieß es, es müsse nach den bisherigen Er­mittlungen angenommen werden, daß die Sprengstoffe in der Grube entwendet und daselbst in der Absicht versteckt worden seien, sie zu verbrecherischen Zwecken zu -verwenden. In Ver­bindung mit dieser amtlichen Bekanntmachung wurde darauf hingewiesen, daß schon im vorigen Jahre vom Reichsgericht zwei Arbeiter zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurden, die auf der Grube „Reserve" Dynamitpatronen entwendet und versteckt hatten mit der Absicht, Handgranaten für Revolutionszwecke herzustellen. Auch im Ruhrrevier sind in letzter Zeit verschie­dentlich Sprengstoffdiebstähle fcstgestellt worden. Es ist nach diesen Vorkommnissen verständlich, daß heute auch in Berg­arbeiterkreisen vielfach als wahrscheinlich angenommen wird, daß die großen Grubenunglücke im Aachener Revier auf ver­brecherische Anschläge zurückzuführen sind.

Von Bedeutung für die Ermittlung der Täter bei den letz­ten Attentaten ist es ferner, daß schon im Mai 1924 in einer Verhandlung vor dem Essener Landgericht festgestellt wurde, daß, von der kommunistischen Parteizentrale ausgehend, sog. Terrorgruppen zur Ausführung von Sabotageakten gebildet wurden. Unbekümmert um die im Schacht arbeitenden Kame­raden, sind damals verschiedene Anschläge mit Dynamit („Mi­nister Stein"), Handgranaten („Adolf von Hansemann" und „Hansa"), Brandstiftung (Stapelbrand auf Zeche „Radbod"), Förderseilbeschädigung, Schachtdemolierung durch Absturz von beladenen Förderwagen („Graf Bismarck" und .LLilhelmine Viktoria") ausgeführt oder versucht worden.

Wo die Urheber -der Sabotageakte zu suchen sind, dürfte auch nach einem im „Homme libre" am 21. 3. 1919 veröffent­lichten Dokument keinem Zweifel unterliegen. Hiernach hat im Anfang November 1918 im Kreml unter dem Vorsitz von Lenin eine Versammlung getagt, an der Trotzki, Iukowski, Radek, Tschitscherin teilgenommen haben und in der ein Propaganda­plan festgelegt wurde, der die Welt dem Bolschewismus gewin­nen sollte. Das an die Vertreter und Agenten der Sowjet- Regierung gerichtete Dokument enthält „Allgemeine Ratschläge für die revolutionäre Arbeit der kommunistischen Partei". Un­ter 3: Wirtschaftliche Maßnahmen, wird angeführt:

„Erregung und Förderung von Eisenbahnstreiks, Sprengung von Brücken und Gleisen, um das Verkehrswesen zu desorgani­sieren."

Die kommunistische, von den russischen Machthabern syste­matisch geschürte Hetze hat .zu Zuständen geführt, die eine stän­dige Gefahr für die gesamte Bevölkerung, insbesondere auch für die Arbeiterschaft, bilden. Die zahlreichen Attentate auf Eisen­bahnzüge und Sabotageakte in den Bergwerken lassen keinen Zweifel darüber, daß es Menschen gibt, die unter dem verderb­lichen Einfluß anarchistischer Irrlehren, von Haß und Fanatis­mus verblendet, nichi davor zurückschrecken, das Leben ihrer Mitmenschen, u. U. auch das ihrer eigenen Arbeitskameraden, leichtfertig oder auch in vollem Bewußtsein der möglichen schwe­ren Folgen aufs Spiel zu setzen.

Die Landkreise zur Krise.

In einer gemeinschaftlichen Dorstandssitzung des Deutschen und des Preußischen- Landkreistages berichtete der Präsident Dr. Don Stempel über die Lage der Landkreise infolge der gegen­wärtigen Krise. Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Dr. Kleiner ergänzte diese Ausführungen nach der Seite des Kommunalkredits. Es bestätigte sich, daß die bis­herige Hilfe des Reichs und der Länder gegenüber den Erwerbs­losenlasten der ländlichen Dezirksfürsvrgeverbände vöMg unge­nügend gewesen ist. Sie reicht trotz Senkung der kommunalen Unterstützungen nicht einmal zum Ausgleich der inzwischen ein­getretenen Steuerrückgänge aus. Dies gilt insbesondere von den­jenigen Landkreisen, die besonders stark mit Wohlfahrtserwerbs­losen belastet sind und in denen die Verhältnisse genau so liegen wie in den Großstädten.

Obwohl der Bevölkerung bisher schon kaum vertretbare Ein­schränkungen der freiwilligen kreiskommunalen Aufgaben sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Art zugemutet weroen mußten, ist nicht nur ein noch weiterer Abbau dieser Aufgab.'n, z. B. auf dem Gebiet der Straßenunterhaltung unvermeidlich, sondern es werden auch bei den den Landkreisen durch die Ge­setzgebung des Reichs und b-er Länder auferlegten Pflichtaufgaben durch gesetzliche Aenderungen starke Einschränkungen eintreten müssen.

Trotz solcher Einschränkungen und trotz der in den Landkrei­sen bereits vor neuen sogenannten „Sanierung?"- und „Spar­programmen" durchgeführten Einstellung wichtiger freiwilliger kommunaler Aufgaben steigt die Finanznot der Landkreise wei­ter. Die Lasten für notwendige Unterstützung der Wohlfahrts- erwerbslosen gehen über die Kräfte .zahlreicher länblither Be- zirksfürsorgeverbände in einem Maße hinaus, daß schleunig« Hilfe von Reich und Staat zur Vermeidung schlimmster Folgen einsetzen muß. Die Beseitigung der durch die Arbeitslosigkeit herbeigeführten, außerhalb der Arbeitslosenversicherung hcrvor- treteroben Massen notstände ist Sache des Reichs und nicht alleinige Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung.

' Die Frage, ob und in welchem Umfange Barunterstützungen durch Naturalleistungen in der öffentlichen Fürsorge ersetzt wer­den können, wird ernstlich erwogen, bedarf aber noch eingehender Prüfung.

Verbraucht nur noch deutsche Baustoffe.

Die deutsche Mixtschaftsnot ist ins Urszemefsene gestiegen. Das Ausland hat alle Gelder aus Deutschland zurückgezogen, die es in der Hauptsache gegeben hatte, um seine Waren bei uns abzusetzen. Das gesamte deutsche Wirtschaftsleben stockt, weil ihm plötzlich das Blut — geborgtes Geld — entzogen ist.

Jetzt ist der Augenblick zur Selbstbesinnung gekommen. Die Reichsrogierung hat die ersten Schritte getan. Sie zwingt in Deutschland erroorbemes Kapital nach Deutschland zurück, soweit es in deutschen Händen ist. Aber das reicht nicht aus. Jeder einzelne Deutsche muß zur Stärkung der deutschen Wirt­schaft beitragen. Systematisch muß der Verbrauch deutscher Waren erzwungen werden. Schon jetzt decken wir unseren Be­darf an Ian'dwirtsck>aftllchen Erzeugnijstn fast ganz im Inland. Aber in der Bauwirtschaft hat namentlich die öffentliche Hand, die von so vielseitigen Interessenten geleitet wird, bis jetzt ver­sagt. Für öffentliche Gebäude wurden ausländische statt deut­sche Hölzer vorgeschrieben. Das gleiche gilt für Fassadensteine aller Art, sogar für einzelne Denkmäler. Die Strahenunter- haltungspflichtigen verbrauchen ausländische Steine und Asphalt, der aus ausländischen Rohstoffen hergestellt wird, wäh­rend nicht nur genügend gleichwertige, sondern sogar billigere deutsche Baustoffe wie deutsches Hartgestein und deutscher Straßentecr nur ungenügenden Absatz finden. Dadurch sinkt die deutsche Kaufkraft, und die Arbeitslosigkeit steigt. Vor allen Dingen aber müssen Auslandswaren mit Devisen bezahlt werden, die mehr als je unentbehrlich sind.

Ein Verbrauch ausländischer Rohstoffe in Deutschland ist nur dann erlaubt, wenn diese Stoffe unbedingt erforderlich jh^ und nicht durch gleichwertige inländische Stoffe ersetzt werden können. Beschlüsse der Reichsregierung und des Preu­ßischen Landtags in dieser Richtung waren erfolglos. Es ist

deshalb notwendig, daß jeder einzelne Deutsche darauf achtei daß nur rein deutsche Baustoffe verwendet werden. Man Ian sich nicht über die Herkunft der Baustoffe täuschen. Der Steuer Zahler prüfe die öffentlichen Ausschreibungen für Bauten alle Art, ob darin nicht ausländische Hölzer oder ausländische & steinsarten vorgeschrieben sind. Der Autofahrer kümmere jvf darum, ob bei Straßenbauten deutscher Straßenteer oder aus- ländischer Asphalt und ob deutsche Hartgesteine oder auslän).

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scher Granit zum Pflastern verwendet werden. Jeder neiej^n Lohntag 5 Einzelfall muß vor das Forum der Oeffentlichkeit gebracht utiE^itet hat? " gebrandmarkt werden. Nur so wird die deutsche Wirtschaft ß, Kräften und der deutsche Arbeiter zu Brot kommen. ^ ^x

Leipziger Messe. .Ä^ ^

In wirtschaftlich schwerer Zeit findet diesmal die Leipzi.zâirt für ^ ^

Herbstmesse statt. Mehr denm je wird sie für Deutschlands W «Mdiltc' an ^. \ ^H schaft zur Gradmesserin werden. In- und Ausland sehen «ett sdü SoW wissen gespannt dem Verlauf dieser Messe entgegen, und die gesamt« Iren Top- • Geschäftswelt hofft auf neuen Auftrieb des Geschäftsganges Diese - ' ^n ge.

Messe soll und muß neuen Aufschwung bringen und die Krist ' inm überwinden helfen. ' 6cm

Ueber die Bedeutung der Leipziger Messen braucht man nL r> in ^«p ^

Deutschland nichts mehr zu sagen. Jeder Geschäftsmann, jcbl «riisc 1 Geschäftsfrau, jedes große und kleine Unternehmen, sie alle .vif- "^^ in)

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M dem Werte ।

„ gute 5W* tote. Ar uns ™ 1

Weihnachtszeit fällt mit ihrem erhöhten Bedarf an allen Dinm ißenn wir emmal des menschlichen Lebens. Und die kommenden Herbst- und WW Lj jeder fein ^^t v' termonate steigern ebenfalls den Bedarf — trotz Krise murrn w- starkem Lcdeir die wichtigsten Dinge angeschafft werden. Da muß die Geschänr- ;^. Dieser Mz weit gerüstet sein, wenn sie den Konkurrenzkampf erfvlgrc'b ^'.erstanden sich mit

sen heute, daß

die Messe die Chance des guten Einkaufs

ist, wie sie zum zweiten Male weder in Deutschland noch in bei ganzen Welt geboten wird. Hunderttausend deutsche Geschäfts­leute werden auch diesmal vom 30. August bis 3. September n Leipzig sein, um ihre Einkäufe für die nächsten Monate ’n machen. Dabei ist M berücksichtigen, daß in diese Monate bi«

führen und die Kundschaft gewinnen will.

Der Einkauf auf der Leipziger Messe gewährt die Sicherh.i! daß sich die in- und ausländische Geschäftswelt für diesen frie? lichen Wettbewerb aufs beste rüsten kann. Die Leipziger Äus steiler aller Branchen der Fertigfabrikale werden vertreten ?cr, um ihre Erzeugnisse und Waren den Käuferinnen und Käufern ans allen Himmelsichtnngen anzubieten. Auf diese Weise kann sich die Geschäftswelt gut vorbereiten, das kaufende Publikum ^ empfangen und ihm die neueste und beste Ware anzubieten. Dich man in Leipzig gut einkauft, das weiß die deutsche Geschäftswelt Alle Anssteller bieten in freiem Wettbewerb an, und Messe- besucher und -besucherinnen haben auf allen Gebieten die Frei­heit des Vergleichs und der Wahl, wie sie zum zweiten Male in der ganzen Welt nicht vorhanden ist. Es wäre sehr verfehlt, wenn einzelne Geschäftsleute und Unternehmungen infolge tu wirtschaftlich schweren Zeit die Absicht haben sollten, die Leipziger Messe diesmal nicht zu besuchen und die erfordert iä>en Ein lause hier nicht vorzunehmen. Der Besuch der Leipziger Messe :7r Heine wichtiger Dienst am Kunden, und Dienst am Kunden ist heute

MiaW* I );ta nicht einen schi I Cent die Fürsorge laste , ab nicht genug bekan «indelasien belasten. : la Irintenütiorge beti Tischen Mittelstadt 2 iqh und Arzneikosten mb 45 660 M. Auf r-dt b. srund 435 000 I bum Ausgaben für 5 ! >5 Wohlfahrtsamtes I ilufwand von kranken kn Trunk miwerursa -Wen der Alkohol-S Ixnn irgendwo, so gil

/ witlaften und Sen

Geschäft und erhöhter Umsatz. '1 t l ....... ^. »»v ^.,

Das alles wissen erfahrene Geschäftsleute, erfahrene £cv.tl p . ^ S)^ ax^Vty eines Unternehmens. Wir haben an dieser Stelle nur noch e-n- sollen notz E M

mal davon gesprochen, um an diese Dinge zu erinnern. Leider ! k t her Suttempkr wissen weite Teile des kaufenden Publikums davon noch i irforgearbeit angenc wenig.

Man vergesse nicht, daß in Leipzig alles zu kaufen ist. §Lr

* Scrugne/e Crn,

gibt es Angebote vom einfachsten Haus- und Küchengerät bi? . Mag ;um besseren zum feinsten optischen Instrument, die modernsten Maschine-! ^ng her Dielen iroi und die neuesten Erfindungen. Man darf nicht übersehen, baff w Stiirt recht trübe.

auf der letzten Leipziger Frühjahrsmesse 9OOU Aussteller ver- ': i Haufen stehend, treten waren. In 39 großen Messehäusern zeigte die „Muster- I yf)t, j^ messe" und 17 großen Hallen die „Große Technische Messe un> pt ; - «cht erh Baumesse", was auf allen Gebieten der Wirtschaft geleistet wirb I orr ^s

Die Herbstmesse wird zeigen, daß sie sich ihren Vorgängerinn?«: würdig anreiht. Wirtschaftliche Notwendigkeiten aber sind hâ Besuch der Leipziger Herbstmesse und nachher Angebote in du Presse, und zwar in allen Zeitungen des Wirkungsbereiches eine», jeden Geschäftsmannes, einer jeden Geschäftsfrau.

Ito inte bei Käfie. ^ ' Me ion ges rrcunbliit; Gesicht * $0» der Landes! ^Wt außerorber

Gneisenau und Stein.

Neben die Erinnerung an den Tod des Reichsfreiherrn vom Stein, die wir in ganz Deutschland am 29. Juni d. I. feierlich begangen haben, tritt das Gedächtnis an den großen Mitkämp­fer Steins, den Generalfeldmarschall Neithardt von Gneisenau, der am 23. August 1831 durch die Cholera dahingerafft wurde Der Name der beiden Männer kann nicht genannt werden^ ohne des dritten im Bunde zu gedenken, des edlen Scharnhorst, oer am 28. Juni 1813 seinen bei Großgörschen erlittenen Wunden erlag. Man hat die drei Männer mit Recht die „preußischen Triumvirn" genannt Sic waren es die das zerschmetterte Preu­ßen aus der Knechtschaft Nacht zur Sonne der Freiheit herauf­geführt haben: sie haben in zielbewußter, zäher Arbeit die Grundlage für den Wiederaufbau geschaffen. Scharnhorst und Gneisenau schufen das Schwert, das der feurige Blücher mächtig und wuchtig zu führen wußte

Es ist kein Zufall, daß wir in den Reihen der preußischen Staatsmänner und Generäle jener schweren, aber großen Zeit, so viele führende Persönlichkeiten finden, die von auswätts in den preußischen Staatsdienst gekommen sind Bismarck hat hier­über sich in den Worten geäußert:

„Unsere erfolgreichsten Feldherrn Blücher, Gneisenau, Moltte, Gocbcn, waren keine preußischen Urprodukte, ebenso­wenig im Eivildienste Stein. Hardenberg, Motz und Grolman Es i|t, als ob unsere Staatsmänner wie die Bäume in den Baumschulen zu voller Wurzelbildung der Versetzung be­dürften."

Alle diese „preußischen“ Ausländer waren in den Dienst des Staates Friedrichs des Großen getreten, weil diesem Staate schon damals, vor 1806 die deutsche Zukunft gehörte. Sie blieben dort nun erst recht, weil nur Preußen noch eine Zukunft für Deutsch, land schaffen konnte Sie sind nicht enttäuscht worden. Preußen hat schließlich seinen deutschen Beruf erkannt und die deutsche Sache zu der feinigen gemacht

Freilich, nach der Katastrophe von Jena und Auerstädt war die Lage geradezu verzweifelt. Aber Friedrich Wilhelm 111. darf man das Verdienst nicht abfpreebeu daß er die richtigen Männer auf teil richtigen Platz gestellt hat: wo er zögerte, da hat die Königin Luise ihren ganzen Einfluß aufgeboten Sie bat nicht geruht, bis sie den „großen Meister" wie sie Stein nannte, an d.r leitenden Stelle im Staate sah

Der nassauische Edelmann, der stolze Reichssreit' rr. war schon vor dem Kriege in hohen Staatsstellungen tät - gewesen 'Richt so der Mann, der der eigentliche mililärijche Uebcrwinder des

bisher unbesiegten Korsen werden sollte' der feurige Neithardt von Gneisenau Bis zum 14 Oktober 1806 - Preußens Unglücks- tag war der Kapitän Neithardt von Gneisenau. in dessen Adern süddeutsches und österreichisches Blut rollte, ein völlig Unbekannter! Es ist eine eigenartige Fügung, daß gerade am Unglückstage von Jena und Auerstädt an dem das alte Preußen zusammenbrach, der bisher unbekannte Kapitän in einem höheren Stabe Verwendung findet, man auf ihn aufmerksam wird! So ist der 14. Oktober 1806 nicht nur Preußens Sch.cksalstaa gewor­den, sondern auch die Schicksalswende im Leben Gneisenaus.

Wann hat der Reichssreiherr vom Stein die Bekanntschaft Gneisenaus gemacht'' Wir können mit Sicherheit annehmcn. daß beide Männer sich durch Heinrich von Beguelin kennen gelernt haben. Letzterer war im Jahre 1765 geboren und mit 38 Jahren bereits Oberfinanzrat Er stand Stein als Generalsekretär bei der Reform-Gesetzgebung zur Seite später dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg, bei dem er Vortragender Rat wurde Bc- guelin war einer der besten Patrioten und gescheitesten Männer seiner Zeit, im Jahre 1803 hatte Gneisenau in Bad Landeck den Oberfinanzrat von Beguelin kennen gelernt. Im Dezember 1806 weilten Stein und Gneisenau in Königsberg, wohin Hof und Regierung batten flüchten müssen Sie kannten sich aber noch nicht, wenigstens nicht näher. Beguelin war schon Ende Oktober 1806 mit seiner Familie aus Berlin nach Ostpreußen aufgebrochen, als der Regierungssitz dorthin verlegt wurde

Am 22. Dezember 1806 schreibt Beguelin an Gneisenau:

„Der Herr Minister vom Stein wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen und hat mir aufgetragen. Sie zu bitten, ihm die Ehre Ihres Besuches zu schenken Zu jetzigen Zeiten ist cs ganz natürlich, daß man sich sehnt, Männern sich zu nähern, die in so hohem Grade Herz und Geist besitzen, wie Euer Hoch­wohlgeboren: daher ich denn auch nicht Anstand nehme Ew Hochwohlgeboren den Wunsch des Herrn vom Stein zu über­mitteln Von halb Fünf Uhr nachmittags an ist die beste Zeit, um den Herrn Minister allein zu finden"

Um Weihnachten 1806 haben also dre beiden Männer sich kennen gelernt, aus der Bekanntschaft wurde eine aufrichtige Freundschaft, die beide bis zu ihrem Lebensende verbunden hat Gleich na di Reujahr 1807 kam es zu den Meinungsverschieden­heiten zwischen« dem König Friedrich Wilhelm III und ctein, die zu der Entlastung des letzteren in ungnädigster ^rm am I Januar 1^07 führte; Stein zog sich sofort nach Ranau zurück, so daß also Gelegenheit zu persönlichem Verkehr mit Gneisenau nickst bestand , .

Gneisenau hatte in Königsberg gleich nach seiner Ankunft

im November 1806 eine Denkschrift über die Katastrophe ooi Jena und Auerstädt ausgearbeitet Als ihre entscheidende «r fache erschienen ihm die unzulängliche, veraltete Heercsvenassunc und das Wesen des Zeitgeistes .

„Kleinmut herrschte überall und das Zeitalter ist so los, daß die Idee mit Anstand zu fallen für eine Poetik Exaltation gilt"

In einer ande.en Denkschrift an den König verficht er m Leidenschaft den Gedanken, im Rücken der Franzosen, die bereit: gegen die Weichsel rordrangen, einen umfassenden Kleinkrieg im Leben zu rufen Aber Friedrich Wilhelm mochte davon ntdih , wissen Um den lästigen Dränger los zu werden schickte nar j ihn nach Steins Entlassung nach Alexoten einem Polin |

schen Städtchen an der russischen Grenze um an der Ausbildu > von Reserve-Bataillonen mitzuarbeiten Eine dritte Denlswrn! über die erweiterte Einsührung des Schützengefechts hatte ebeni- wie seine Bitte um Anstellung bei der Feldarmee, keinen Erfolg

Man kann wohl als sicher annehmcn, daß die Denkschriften die Gneisenau vor Weihnachten 1806 dem König eingcreichl hott« aut- dem damaligen Minister vom Stein bekannt geworden sind daß er mit seinem Generalsekretär von Beguelin darüber gcspro djen hat und daß auf diese Weise in Stein der Wunsch wach e rufen wurde den Verfasser dieser Arbeiten Gneisenau kenne» zu lernen

Jedenfalls war Gneisenau in Königsberg schon dem Koni und einem weiteren Kreise bekannt geworden, wenn Inan io dann auch nach Steins Abgang nach dem polnischen Städrche Alexoten „verschickte" und ..kallstellte", so wurde er doch April 1807 mit einem hochwichtigen Auftrage betraut: mit del Verteidigung der sck-wer bedrängten Festung Kolberg an Ostsee Er hielt unterstützt von Nettelbeck und Schill, Festung drei Monate lang bis zum Abschluß des Friedens Tilsit (9 Juli 1807) .

Bei seiner Ernennuna zum Kommandanten der Fenul.' schrieb ihm sein Freund Heinrich von Beguelin am 22. Apri> 1807 einen Glückwunschbrief, der geradezu prophetisch klingt'

„Heil Dir, edler Gneisenau Heil Dir. Kommandant vor Kolberg, Sieger der Franzosen, Generalissimus dereinst!" Was Beguelin vorausgesagt, ist alles eingetroffen!

Die Verteidigung Kolbergs dessen Wälle verfallen deiier Kriegsmaterial in schlechtestem Zustand war. gegen einen a' Zahl weit überlegenen Feind, der über eine überwältigende ”n' zahl von Geschützen und einen auserlesenen Stab von Pionier Offi s’ eren vcrfügte durch drei Monate hindurch, begründet« den Kriegsruhm Gneisenaus.

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