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„Gießener Zeitung"

Nr. 14

Mittwoch, den 18. Februar 1931.

Der grüne Sportplatz.

Von Dr. P. Lieb, Landwirtschaftslehrer u. Wirtschaftsberater.

Mit Ausnahme vielleicht des Tennissports gehört zu allen Sportspielen, die im Freien ausgeübt werden, ein gut gepfleg­ter Rasenplatz. Gerade die Freude am frischen Grün des Grun­des ist ja ein Teil der Erholung, die der Sport dem asphalt- müden Stadtmenschen gewährt. Freilich schlägt diese Freude oft in das Gegenteil um, wenn man die Grasnarben der Sport­plätze betrachtet, wie sie in Wirklichkeit aussehen. Anstatt sat­tem Grün herrscht ein bedrückendes Grau, überall blicken kahle Stellen durch notdürftig verdeckt, wie auf dem Kopf eines ange­jahrten Lebemanns; die Stelle des seichten Grases nehmen häß- liche, harte Unkräuter, wie Hirtentäschchen, Wegwarte usw. ein, bei trockenem Wetter begleiten Staubwolken die Spieler, und wenn der Boden feucht ist, rutschen sie auf den kahlen Stellen rettungslos dahin.

Solche Sportplätze, die in anderen Ländern, z. D. Eng­land, viel seltener sind, sind nicht nur dem Naturfreund, son­dern vor allem dem Sportsfreund ein Greuel. Freilich, wir sind ein armes Volk ■ wie soll hier Abhilfe gejdyaffen werden, deren Kosten die verfügbaren Mittel der Vereine oder Städte nicht übersteigt? Einige kurze Hinweise mögen hier fördernd wirken. Selbstverständlich ist bei der Anlage des Platzes die Auswahl der richtigen Erassorte wichtig, die widerstandsfähig u. dicht sein soll. Die landwirtschaftl. Schulen und andere Wirt- schaftsberatunasstellen gehen den genannten Vereinen hier gerne kostenlos zur Hand. Da die Plätze oft auf einem Grund an­gelegt werden müssen, der nicht den genügenden Humus jum Gedeihen der Gräser enthält, muß manchmal Humus zugeführt werden, meist genügt allerdings eine kräftige Düngung, die überhaupt zum Gedeihen eines guten Rasens unerläßlich ist. Man gibt einen Volldünger, am besten Amfupka (7 4-8 + 12), der alle nötigen Bestandteile im richtigen Berhältnis enthält und zugleich die wertvolle Eigenschaft hat, mißliebige Unkräuter zu unterdrücken. Diese Düngung muß jedes Jahr im zeitigen Frühjahr wiederholt werden und zwar gibt man je 10 000 qm 3 bis 4 Doppelzentner obengenannten Düngesalzes.

Mögen diese kurzen Winke beitragen, den Vereinen usw . die Inhaber von Sportplätzen sind und denen zumeist die nötige landwirtschaftlichqgärtnerische Erfahrung fehlt, ihre Aufgabe zu erleichtern. Die Mühe und der geringe Aufwand zur wirklichen Pflege der Sportplätze lohnen sich insofern, als ein gut gehal­tener Sportplatz Grundbedingung für jede sportliche Ausbildung und damit für jede Höchstleistung ist.

Norsicht! Die Grippe geht um!

Von Dr. med. Cusrt Ka y se r - Berlin-Wilmersdorf.

In vielen Orten des Reiches ist in den letzten Wochen eine stärkere Häufung fieberhafter Erkältungskrankheiten aufgetreten, die man gemeinhin mit dem Ramen „Grippe" zu bezeichnen pflegt. Ob alle diese Erkrankungen im streng-wissenschaftlichen Sinne den Ramen „Grippe" verdienen, muß dahingestellt blei­ben. Sie sind aber sämtlich gekennzeichnet durch das plötzliche Einsetzen von Schnupfen, Husten, mehr oder minder hohem Fieber, Gliederschmerzen usw. Wenn auch die große Mehrzahl der bisherigen Erkrankungen anscheinend leichterer Natur ist, so läßt sich doch von einer solchen grippeartigen Erkrankung nur in den seltensten Fällen voraussehen, welchen Verlauf sie neh­men wird. Gerade die Grippe ist ausgezeichnet durch die Nei­gung zu Nücksällen, die oft schwerer sind als die Ersterkrankung. Ferner schließen sich an die Grippe nicht selten verschiedene Nachkrankheiten an. Hierher gehören Stirnhöhlenkai arrhe, Mittelohrentzündung, Herzerkrankungen und Nierenleiden. Von gan^ besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß ruhende oder bisher nicht in die Erscheinung getretene tuberkulöse Lungen­spitzenerkrankungen nicht selten durch die Grippe von neuem entfacht werden oder erstmals in Erscheinung treten. Daher ist es notwendig, jeder, insbesondere mit Temperaturerhöhung ein­hergehenden, grippeartigen Erkrankung, die notwendige Be­achtung zu schenken und vor allem so rasch wie möglich einen Arzt zu Rate zu ziehen. Diese Mahnung sei mit besonderem Nackchruck ausgesprochen: denn cs ist falsche Sparsamkeit, etwa wegen der Gebühr für Krankenschein und Apotheke, eine Grippe- erkranbung zu verschleppen und womöglich dann wochenlange Krankheit und Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen zu müssen.

Die Behandlung des Kranken wird naturgemäß ausschließ­lich der Arzt zu leiten haben, gegen die Weiterverbreitung der Krankheit aber kann der Einzelne sich und seine Umgebung wirksam schützen durch Beachtung der wichtigsten Grundregeln der vorbeugenden Gesundheitspflege: Vor allem vermeide man allzu nahe Berührung mit dem Kranken und halte auf Armes­länge Abstand von ihm. Ferner sorge man dafür, daß der Kranke beim Husten und Niesen das Gesicht abwendet oder ein Taschentuch vor den Mund hält. Ganz besonders wichtig ist diese Maßnahme überall da, wo eine größere Anzahl von schein­bar gesunden oder leicht kranken Menschen sich zusammenfindet, z. D. in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Straßenbahn, Stadt­bahn, Untergrundbahn usw., ferner in Theatern, Kinos usw.

Häufiges Händewaschen, zumal nach irgend welcher Berüh­rung mit dem Kranken oder den von ihm benutzten Gegenstän­den wird sonst noch geeignet sein, der Weiteroerbreitung der Krankheit wirksam zu begegnen.

Aus Nab und Fern.

Großen-Linden. Umfangreiche Dammbefestigungsarbeiten werden gegenwärtig auf der Main-Weser-Bahn zwischen hier und Klein-Linden ausgeführt. An dieser Stelle werden schon seit mehreren Jahren kleine Erdbefestigungen festgestcllt. Man sucht die Dammrutschgefahr durch Einbau von tiefen Rigolen, die man in den hohen Damm treibt, zu beseitigen.

Lich. Am Montag fand hier der sog. Fastnachts-Schweine-, Schaf- und Krämermarkt statt. Zum Auftrieb gelangten 280 Ferkel, 34 Schafe und 11 Lämmer. Der Markt war gut besucht und brachte reges Geschäftstreiben. 6 Wochen alte Ferkel kosteten 14—15 RM, 8 Wochen alte 17—18 RM. und 10 Wochen alte 20—25 RM. Es verblieb ein geringer Ueberstand.

Büdingen. In der letzten Sitzung des Büdinger Gemeinde- rats gaben die sozialdemokratischen Gemeinderatsmitglieder eine schriftliche Erklärung ab, nach welcher sie ihre Mitarbeiter im Gemeinderat für die Folge ablehnen und in den Gemeinderats- sitzungen nicht mehr erscheinen wollen, solange ihren Wünschen auf Vertretung in den Kommissionen nicht entsprochen werde.

Mainz. Am Freitag, dem 27. ds. Mts., findet hier eine Mitgliederversammlung des Provinzialverbandes Rheinhessen des Hessischen Landgemeindetages statt.

Monsheim (Rhh.) Ein junger Mann ist nach Unterschla­gung erner größeren Summe der frei-protestantischen Kirche flüchtig gegangen. Er ließ sich im Auto nach Koblenz fahren und dürfte von da das Weite gesucht haben.

Wetzlar. Durch ein schweres Schadenfeuer wurden in der Nacht zum Sonntag in der optischen und mechanischen Fabrik von Hensoldt & Söhnen bedeutende Sachwerte vernichtet. Die Feuer­wehr konnte mit ihren Motorspritzen wohl bald des Brandes Herr werden, doch wurden die erheblichen Warenvorräte durch das Feuer teilweise zerstört und teilweise in den Glasspannun­gen derart verzogen, daß die einzelnen Objekte wertlos ge­worden sind.

Wetzlar. Am Sonntag ist in Wetzlar ein Schulstreik ausge­brochen, der etwa 600 Kinder umfaßt. Eine stark besuchte Eltern­versammlung hatte vor acht Tagen an die Regierung in Koblenz ein Ultimatum gestellt, das am Samstag ablief. Die Regierung hatte sich nicht für zuständig erklärt, sondern die Angelegenheit an die Stadtverwaltung verwiesen. Um die Stadtverwaltung nun zu veranlassen, bessere Untertunftsräume in dem ehemaligen Franziskanerkloster zu schaffen, ist am Montag die Elternschaft geschlossen in den Streik getreten.

Herborn. Die in Sinn abgehaltene Bundestagung der Ver­einigung ehemaliger 88er hat beschlossen, das Ehrenmal für die Gefallenen des Regiments in Mains zur Aufstellung gelangen zu lassen.

Dillenburg. Die Schneeverwehungen auf dem Westerwald haben im Laufe der letzten Tage einen Grad erreicht, der den Verkehr auf den Hauptstraßen fast völlig unterbunden hat. Die Landjägermeisterei Driedorf erläßt eine Warnung an sämtliche Kraftfahrer, auf ihren Fahrten den hohen Westerwald zu be­rühren. Auf der Strecke Roth— Driedorf—Rennerod—Wester­burg ist die Hauptverkehrsstraße unpassierbar.

Weil er nicht zum Maskenball gehen durfte . . .

Frankfurt a. M., 17. Februar. Als ein Kaufmann seinem 23jährigen Sohne es abschlug, ihm Geld zum Besuche eines Maskendalles zu geben, vergiftete sich der junge Mann aus Merger in der Küche mit Leuchtgas.

Frankfurt a. M. Die Universität zählt rund 4500 Studie­rende. Am staksten besetzt ist die Wirtschafts- und sozialwissen- schaftliche Fakultät mit 1428 Studierenden.

Gelnhausen. Am Samstag fand im hiesigen Kreishaussaale die diesjährige staatsbürgerliche Bildungstagung der Reichs- zentrale für Heimatdienst, Landesabteilung Hessen, statt. Die Tagesordnung brachte u. a. ein Referat von Dr. F. König (Gießen): „Deutsches Volk und deutscher Staat" (Auf dem Wege nach Mitteleuropa).

Gersfeld (Röhn>, 17. Februar. Ein großes Schadenfeuer zerstörte in dem Rhöndorfe Liebhards fünf der größten Gehöfte mit Scheunen, Stallungen, Erntevorräten und landwirtschaft­lichen Maschinen. Der Schaden wird auf 150 000 RM. beziffert.

Neue Bergarbeiter-Entlassungen im Ruhrgebiet.

Nach einer Mitteilung der Vereinigten Stahlwerke hat sich die Bergwerksverwaltung Gelsenkirchen der Vereinigten Stahl­werke infolge des weiterhin rückgängigen Koksabsatzes und in­folge der Unmöglichkeit, die angewachsenen Kokslager zu räumen, gezwungen gesehen, die Kokserzeugung weitgehend einzuschrän­ken und infolge hiervon die Kohlenförderung ihrer Zechen in erheblichem Maße weiter herabzusetzen. Die Bergwerksverwal­tung Gelsenkirchen hat daher weitere Kündigungen und Entlas­sungen von insgesamt 2110 Arbeitern und Angestellten bei den zuständigen Stellen zum 15. März beantragt.

Felssturz im Moseltal.

Trier. In der Nähe von Stadt Bredimus an der Mosel fand ein schwerer Felssturz statt, der die Weinberge der Stadt völlig verwüstete. Große Felsblöcke rollten an und in die Mosel. Ein Auto wurde von den Felsmassen noch gestreift. Die Regie­rung beabsichtigt umfangreiche Maßnahmen gegen weitere Fels­stürze.

Kaiserslautern, 17. Febr. Der Möbelfabrikant Kommerzien­rat August Christmann wurde das Opfer eines Unglücksfalles. Als er eines der Fenster im sechsten Stock des neuen Postamtes nachmessen wollte, stürzte er auf die Straße hinab: er starb auf dem Transport ins Krankenhaus.

Vier Meter Schnee.

Belgrad. Die Schneefälle in Südjlawien haben zur Ver­kehrseinstellung auf zahlreichen Strecken geführt. Die größte Schneemenge ist in Montenegro gefallen. Auf der.Straße von Bari liegt der Schnee bis vier^Meter hoch.

Deutscher Dampfer rettet englischen aus Seenot.

London. Der deutsche Dampfer „Seefalke" ist am Sonntag mit dem in Cardiff beheimateten Dampfer „Swiftway" im Schlepptau in Queenstown eingetroffen. Die „Swiftway" hatte Las Palmas am 31. Januar verlassen, um nach Limerick zu gehen. Am Donnerstag wurde bei grober See das Stcuergc- triebe des Dampfers beschädigt, so daß er hilflos auf den Wellen umhertrieb und Notrufe aussandte. Er wurde vom deutschen Dampfer „Seefalke" ins Schlepptau genommen. Der Sturm war jedoch so stark, daß das Tau zweimal riß und zweimal ausge­bessert werden mußte. Als die beiden Dampfer in Queenstown eintrafen, waren die Lebensmittel auf der „Swiftway" zu Ende.

Neue Bücher.

Der Abschluß vor Reichsarchiv-Schriftenfolge „Schlachten des Weltkrieges". Die Katastrophe des 8. August 1918, von Major a. D. Thilo v Bose und Rittmeister a. D. Herrmann. 202 S. mit 1 Tafel Abbildung, reichhaltigem Buchschmuck, fünf Textskizzen, 2 Anlagen Kriegsgliederung und 3 mehrfarbigen Karten im Anhang. (Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.) 1. Auflage 1930, Band 36. Halbleinenband 4,20 RM, Halblcderband 7 — RM. - Das Reichsarchiv hat als Abschluß seiner großen Schriftensolge „Schlachten des Weltkrieges" nun­mehr den letzten Band unter dem Titel „Die Katastrophe des 8 August 1918“ der Öffentlichkeit übergeben. In neun Jahren, von 1921 bis 1930, erschienen 36 Schlachtendarstellungen. Den inneren Zusammenhang der gewaltigen Geschehnisse des Welt­krieges vorzuführen, die Einzeltaten deutscher Männer vor Ver­gessenheit bewahren zu helfen und den gefallenen Helden des Krieges das verdiente Denkmal zu setzen, das war die Aufgabe, die sich das Reichsarchiv 1921 stellte. Man darf dem Reichs­archiv bestätigen, daß es diese Ziele erreicht hat. Der jetzt vor­liegende letzte Band „Die Kaiastrophe des 8. August 1918“ ist von Major v. Bose mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Objektivität gestaltet worden. Er gibt der Folge einen würdi­gen Abschluß. Würdig allerdings nur, was die schriftstellerische Leistung betrifft. Inhaltlich führt er in die dunkelste Zeit dc> deutschen Ringens. Der „dies ater“ des deutschen Westheeres! Dem Feinde gelingt die Ueberraschung der deutschen 2. Armee östlich Amiens. Bose untersucht die Ursachen Antwerpen und St. Quentin August 1914 — das waren die ersten Bände der Schriftfolge gewesen. Jetzt die Katastrophe im August 1918! Vier Jahre liegen dazwischen. In diesen vier Jahren wachsen­der Not, fortgesetzter steigender Entbehrungen vollzog sich die Wandlung. Könnte es anders sein, daß die Masse der Streiter einem Großangriff nicht mehr gewachsen war? Man schlägt den Band Douaumont, den Band Flandern, den Band Somme auf. Vier Jahre solchen Heldentums — hiernach war auch das Erliegen am 9. August 1918 ehrenvoll!

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Verantwortlich: Paul Christian Klein in Gießen.

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